wollen eine Stelle und Geld . Nirgends , in keiner Familie , gibt es eine Mutter , wie du bist . « Als sie nach Zürich zurückkamen , mußte sich Josefine sofort zu Bett legen . Die Kollegin konstatierte eine Nervenüberreizung und Erschöpfung . Drei Wochen lag sie krank und fast ohne zu reden . Dann erhob sie sich , nahm ihre Bücher wieder vor , nahm ihre Praxis wieder auf . Die Patientinnen brachten ihr viele Blumen , und Rösli schrieb ein Gedicht zu ihrer Genesung . Mit vergrößerten Augen und ruhelos ging Josefine ihrer Tätigkeit nach , das Opium schien nicht mehr zu wirken . Sie hatte einige Vorträge angesagt , aber sie verschob das alles auf eine günstigere Zeit , und sie schalt sich deshalb . Ein fauler und ungetreuer Knecht , dachte sie , der sein Pfund nicht benutzt , das ihm verliehen . Wer weiß , wie lange ich noch sprechen kann - wie lange ich noch lebe . Und dann schien es ihr , als kämen Schatten geschlichen und hüllten sie ein in dunkle Tücherwolken und begrüben sie unter den Nebeln , den ewigen Nebeln der Niederung . Mit melancholischem Achselzucken beobachtete sie sich selber und die nachgebliebenen Spuren der kaum überstandenen Krankheit . Laute Musik durchschütterte sie ; bei einer Aufführung des » Fliegenden Holländers « fiel sie in Ohnmacht und brauchte einen Tag nachher , um sich ganz zu erholen . Plötzlich , beim ersten Erblicken einer Verwundung oder nur bei der Abnahme eines Verbandes erfaßte sie ein unbezwinglicher Ekel - ja , als sie eines Tages aus einem Bande von Langs » Vergleichender Anatomie « ein flüchtig hineingeschobenes Rezept herausnahm und sich das Buch dabei aufblätterte , erschrak sie heftig bei der Abbildung eines ganz gewöhnlichen Skorpions . Sie fühlte es kalt vom Kopfe abwärts rinnen , warf das Buch hastig auf die Seite , und es schien ihr , als sähe sie das vielgliedrige , rotbraun schillernde Fußtier auf der grünen Schreibtischplatte herankriechen . Mit einem Schrei sprang sie auf , faßte sich an die Stirn und zwang sich zur Klarheit , während sie zitterte und einen süßlichen , betäubenden Geruch in der Umgebung verspürte . » Dumm ! dies ist dumm ! « murmelte sie und schlug das Buch wieder auf , sah den Skorpion lange und aufmerksam an . » Ich werde mich doch nicht vor mir selber lächerlich machen ? « Und - in der Tat - das Häßliche verlor seine Wirkung , und sie war imstande , ein Spiritusexemplar eines Skorpions aus ihrem Schrank zu entnehmen und mit der Abbildung zu vergleichen . Es ging auch vollständig gut , bis sie in dem Chitinpanzer des konservierten Tieres seitlich eine weiche , gelbweiße Stelle entdeckte , aus der eine gefranste Masse hervorquoll . Da kam der Widerwille so stark , daß sie Brechreiz verspürte ... Und als sie bei einer Sektion im Irrenhause das stark veränderte Hirn eines Trinkers zugereicht bekam , entglitt die Schale ihren plötzlich entkräfteten Händen , und das frische , blutige Hirn und die blutige Schale , auf der es so weich und rund aufgelegen , und die Medizinerin - alles fiel miteinander auf den Boden , in den Staub . Es war sehr unangenehm - das kostbare Präparat war stark beschädigt und fast unbrauchbar geworden durch Staub und Glassplitter , und die Medizinerin war mehrere Stunden hindurch ohnmächtig und tief beschämt . Nach diesen Vorfällen wurde Josefine ein wenig ängstlich , und was noch seltsamer war - ihr Mann , Georges Geyer , wurde ängstlich und bekam einen Blick und eine Aufmerksamkeit für Josefine - etwas ganz Neues und Unerhörtes bei ihm . » Hermann hat dich auf dem Gewissen , « wiederholte er oftmals bedauernd , » das Mutterherz bleibt eben doch der schwache Punkt ... « Vor diesen anteilvollen Blicken , diesen mitfühlenden Worten floh Josefine , sie waren ihr die bitterste Bestätigung ihrer Schwäche . Es wird vorübergehen , dachte sie , mir wurde auch einmal schlecht , anfangs , im Präpariersaal , als ich die Hand der Näherin sezieren mußte ! Und ist ' s nicht später gut gegangen ? Aber er wünscht es , er wünscht , mich herunterkommen zu sehen . Und sie hielt sich steif aufrecht und bemühte sich , ruhig und heiter auszusehen , wenn Georges in der Nähe war . Und die Gebärde der Ruhe und Heiterkeit wirkte stärkend auf ihre Stimmung . Seltsame Ableitungen für ihre Unruhe suchte und fand sie in dieser Zeit : Ein notwendiger Besuch beim Zahnarzt brachte sie auf die Wahrnehmung , daß körperliche Schmerzen ihre Erregung abzustumpfen vermöchten . Nun wurde sie eine tägliche Patientin des Zahnarztes , ließ plombieren , feilen , ein paar alte Stumpfe beseitigen und fand dabei fast Vergnügen . Schmerz wurde als Wohltat empfunden , als angenehmer Reiz , als die beste und vollkommenste Zerstreuung . Später dann , betroffen , unheimlich klar , gestand sie sich , daß hier eine Vorstufe jener Selbstverletzungen und Verstümmelungen vorliege , die den Irrenärzten so viel Kopfzerbrechen über ihre Patienten verursachen . Und sie unterließ jene Besuche und zwang ihre Unruhe nieder , verschrieb sich selbst Beruhigungsmittel und kräftige Diät . » Etwas Blut pflanzen ! « sagte sie sich , wie sie es ihren Patientinnen sagte , aufmunternd , lächelnd . » So lange ich noch meinem Willen gehorche , nicht meinem Widerwillen , so lange bin ich noch nicht verloren , « redete sie sich zu . Und sie vermochte es , ihren eigenen Willen zu tun , sie hielt auch wieder Vorträge gegen die Autorität . Aber sie fühlte , wie das , was einmal lebendige , glühende Empfindung gewesen , allmählich zum Wort , zum fertig geprägten Satz erstarrt war , und daß zuweilen nicht sie es war , die redete , nicht ihre Seele , sondern aus ihr heraus ein täuschend ähnlicher Automat , sodaß sie sich vor ihm entsetzte . Einmal , in einem der Vorträge , war Georges anwesend , ohne daß Josefine davon wußte . Beim Hinausgehen durch das lebhaft interessierte Publikum , das ihr noch dankte , gesellte sich der kränklich aussehende , gebeugte Mann mit dem ergrauten Spitzbart ostentativ zu ihr . Mit einer lebhaften Bewegung streckte er ihr die Hand hin , über einige Dazwischenstehende hinweg . Und laut sagte er mit seiner röchelnden Stimme : » Ausgezeichnet ! Bravo , Séfine , das war eine Leistung ! « Die Frau schrak zusammen bei der lauten Anrede , starrte wie eine Nachtwandlerin und stammelte : » Was war es denn ? was habe ich gesagt ? « Und erschöpft und ängstlich ließ sie sich von ihm hinausführen , an seinem Arm , durch die Menge , die er triumphierend und mit Schweißtropfen auf der kahlen , gefurchten Stirn betrachtete . Sein Arm , seine Stimme zitterte . » Willst du fahren , Séfine ? « sagte er zärtlich und beugte sich zu ihr , » willst du etwas trinken ? « Sie faßte sich an die Stirn . » Was habe ich gesagt ? Wenn ich nur wüßte - « Sie vergaß alles , lehnte sich an ihn und empfand nur noch seine Zärtlichkeit wie etwas Stützendes , Gutes . » Séfine , teures Weib , ich werde jetzt arbeiten , ich werde Agenturen übernehmen , « sagte Georges beim langsamen Heimgehen , » wenn zwischen uns wieder - zwischen uns die alte Liebe - « Er bebte vom Kopf bis zum Fuß , schlotterte im Gehen , schluchzte , preßte ihren Arm . » Ja , ja , ja , « murmelte die Frau , immer die Hand an der Stirn , » wenn ich nur wüßte - « Im Hausflur nahm er sie in die Arme und küßte sie . » Ach nein , ach nein , « wehrte sie und begann zu weinen , aber alles still wie im Traum . Mit einem wirren , abwesenden Ausdruck langte sie endlich in ihrer Wohnung an . » Heute hat ein anderer gepredigt , « sagte sie zu dem aufgeschreckt horchenden Rösli . » Ich war nicht da . « Sie lachte und sah sich nach Georges um , der mit erregtem Gesicht ihren Hut betastete , der ihm am Arm hing . » Wir haben ihn abgenommen , er hat keinen Schaden gelitten , « sagte er und legte den Hut auf den Tisch . » Tee ! geschwind ! siehst du nicht , daß sie erschöpft ist ? « schrie er Rösli an , und dann ging er mit großen Schritten auf und nieder . » Ich werde hier das Regiment übernehmen , so geht es nicht länger . « Und er hielt das erschrockene Mädchen in der Tür auf : » Rösli , ich erwarte es von dir ! Du hast dich zu sehr gehen lassen . Wir haben uns alle zu sehr gehen lassen . « Dann setzte er sich neben Josefine auf das Sofa , umarmte sie und lehnte ihren Kopf an seine Schulter ! » Teure ! schlafe ! ruh aus ! Ich werde das alles in Ordnung bringen . « Josefine schlief sanft ein . Sie wußte nichts von all diesem am anderen Tage . Ihres Vortrags entsann sie sich ziemlich gut wieder , nicht aber der späteren Vorgänge . » So entstehen die Geschichten von Doppelgängern , « sagte sie nachdenklich , » oder vom zerlegten Ich . Es ist interessant , das alles an sich selbst zu beobachten . « Dann fragte sie Rösli : » Jemand war gut zu mir , stützte mich , führte mich . War es der Vater ? « Und sie errötete bei dieser Frage , sah , daß auch das Kind errötete und nickte . » Nun , wir sind wunderlich , wir Menschen , gelt , Rösli ? Was wissen wir von uns ? was wissen wir von einander ? Machst du noch Verse ? « » Ja , « sagte die Kleine schüchtern . » Und auf was ? an wen , Rösli ? « » An dich , Mama , « innig sagte es das Kind und beschämt . » An mich ? « Josefine staunte und seufzte , streckte die Hand aus ... » Und es war der Vater , der mich führte ? « träumte sie verwundert , laut . » Er war so in Angst um dich , Mama , « lispelte Rösli . » Ist das wahr ? « Josefine blickte in den matten Februarsonnenschein , der die kleinen Brötchen auf dem Frühstückstisch und die gelbe Butter und das schlanke Stengelglas mit den gelben , duftenden Trompetenblumen sanft vergoldete . Sie fühlte sich gerührt und schwach . Mit matten Flügelschlägen bewegte sich um sie , so schien es ihr , ein armes , gedrücktes , lichthungriges , liebedurstendes Leben , wartend - gespannt - unheimlich .... Und sie stützte den Kopf und schloß die Augen , und es war ihr wie einer ruhmlos Überwundenen . In diese Schwüle flog wie ein Bote himmlischer Erquickung ein von fremder Hand mit blauem Tintenstift geschriebener Brief . Er lautete so : Dorf Glatt , Ct . Zürich . 3. 3. 199 ... Verehrte Frau ! Obwohl ich Sie nie gesehen , bewahre ich doch ein so deutliches Bild von Ihnen in der Seele , daß ich in einer schwierigen und furchtbaren Angelegenheit mich an Sie wende , als an die einzige , die helfen kann . Ich habe ein großes Vertrauen zu Ihnen ; Ihre Bemühungen um die unschuldig gekränkte Kindheit sind mir wohlbekannt , und mit innigem Anteil und herzlicher Dankbarkeit bin ich Ihren Bestrebungen seit Jahren gefolgt . Ja , es kann nicht übel stehen um die Welt , solange » gute Kräfte sinnvoll walten « wie in Ihnen , verehrte Frau ! Oft schöpfe ich Freudigkeit aus dem Gedanken an Sie , die Sie kein Verzagen , kein Ermatten kennen . Die Angelegenheit , in der ich Ihre gütige Hilfe heische , verlangt persönliche Besprechung . Leider , leider kann ich zu Ihnen nicht kommen , das ist mir nicht vergönnt . Werden Sie die Güte haben und zu mir kommen ? Ich bitte Sie darum im Namen der Menschlichkeit , der Sie dienen , im Namen der unschuldig gekränkten Kindlein , deren Recht Sie verkündigen . Nur Sie können helfen , nur auf Sie hab ich meine Hoffnung gesetzt . Es wird Ihnen Zeit kosten , aber da Sie retten sollen , wird es Ihnen um die Zeit nicht leid sein , wie ich Sie kenne . Unser Dorf liegt vier Stationen von Zürich weg , kommen Sie , wann Sie können , ohne Anmeldung . Fragen Sie nur nicht nach im Dorfe - ich lege Ihnen eine Skizze des Weges bei , den Sie gehen müssen , um mein Haus zu finden . Von der Kirche zum Brunnen links , dann über die Brücke , an der die große Linde steht . Von da ist ' s nimmer weit , die Kiesgrube bleibt rechts , hinter unseren Häusern beginnen gleich wieder die Felder . Ich erwarte Sie mit Sehnsucht und grüße Sie in Verehrung . Ihr Rudolf Fischer . Josefine hatte schon öfter Briefe ähnlichen Inhalts empfangen , sie kamen von jenen unbekannten Freunden , die sie in ihren Vorträgen anrief , die sie überall in der Welt verstreut wußte , und deren Dasein ihr Herz gewärmt und erhoben hatte bis zu diesem letzten , schweren Erlebnis . In den Tagen dieses Kummers , in den Wochen dieser Niederlage , in den Monaten dieser Verzweiflung hatte sie die unbekannten Freunde vergessen . Und nun meldeten sie sich wieder , meldeten sich durch diesen Brief des Vertrauens und der Sympathie , riefen sie zu Hilfe , wandten sich an ihre Kraft . Wer ist Rudolf Fischer ? Warum kann nicht er kommen ? Was verlangt er von mir ? Wie ist es möglich , daß er an mich glaubt , an mich , die ich selbst nicht mehr an mich glaube ? Der warm innige Ton des fremden Briefes war wie ein Duft auf ihren Wegen . Die Veilchen kommen wieder , und es wird nun Frühling , und ich - ja , ich fühle , daß die Sonne wärmt , auch mich wärmt , und ich bin nicht mehr schwach , ich werde niemand enttäuschen , der mich für stark hält - ich werde sogleich - sogleich heute - heute ist Sonntag , und ich bin frei - sogleich fahr ich zu diesem Rudolf Fischer im Dorfe Glatt ! Dies ist eine dringliche Sache ! Sie rief Rösli und fragte sie , ob sie mit ins Dorf fahren wolle . Das Mädchen zauderte . » Ins Dorf möcht ich schon , aber zu den Kranken nicht . « » Dies ist kein Kranker , Mädchen - dies ist ein kräftiger Mensch , der um andere sorgt . « Rösli drehte sich hin und her . » Wenn er nicht krank wäre , gingest du nicht , Mama - du gehst ja nur immer zu Kranken . « » Aber ich sage dir - und - übrigens - ist es dir denn so unangenehm , zu Kranken - « Die Kleine nickte kummervoll ; ihr zartes Gesicht drückte heftigen Ekel aus . » Ich kann es nicht , Mama - laß mich zu Hause , sie sind so häßlich anzusehen , und « - aus den glanzlosen , dunklen Augen kam ein Anklageblick , zornig und düster - » du gehst ja nur immer zu ihnen , sogar am Sonntag . « Josefine wandte sich ab . » So bleib , « sagte sie herb , » es wird einmal niemand glauben , daß du mein Kind bist . Häßlich und langweilig - andere Worte hört man nicht von dir ! Schäme dich ! « Rösli nickte , blutrot im Gesicht , dann tropften Tränen herunter auf die zusammengepreßten Hände . » Immer sagst du das ! Immer ! Immer ! « Josefine wurde ungeduldig . » Ach , das Gewinsel ! Mach dich fertig und komm ! Zu Mittag sind wir zurück , aber Papa und Hermann sollen voraus essen , auf alle Fälle . « Rösli wollte nicht , nun erst recht nicht ... » Heut nachmittag ist doch die Vorstellung , Mama ! Ich will lieber ins Theater . Ich freue mich so auf die Versunkene Glocke . Es kommen Elfen drin vor und Waldgeister . Gehst du nun nicht mit hin ? « » Weiß nicht , ob ich zurück bin - die Versunkene Glocke kann man noch immer sehen , Kind . « Ein Wehlaut schrillte . Rösli weinte laut . Plötzlich schrie sie ganz außer sich : » Ich hasse die Kranken ! Oh , wie haß ich sie ! « Sie stampfte mit den Füßen , wie sie als eigensinniges Kind zu tun pflegte , schüttelte ihre Locken , lief endlich hinaus . Nicht einmal Adieu hatte sie gesagt . Josefine fuhr . Aber sie war tief niedergeschlagen , und zuweilen vergaß sie ganz , wohin sie fuhr . Sie sind mir entglitten , alle miteinander . Nina , meine kleine Knospe , die dort oben liegt unter den Gletschern von Camischolas , Hermann , der dort unten kriecht im Sumpf der gemeinsten Niedrigkeit seinen widrigen Genüssen nach - und mein Rösli - mein Rösli ein Nichts , eine kleine , enge , hirnlose , eifersüchtige Taube ! Was wird ihr Schicksal sein ? Der Zug rollte langsam durch eine hellbesonnte Hügellandschaft . Zwischen den blauenden Wäldern dehnten sich ebene , weiße Streifen , die Täler im leichten Schneeüberzug , der vor der Sonne zerfloß . Hier und da lag schon eine Matte schneefrei im gelblichen Sammetgrün des Frühlings . Buchen und Eichen glitten nahe am Wege vorüber , rostrot und blank im Schmuck der vorjährigen Blätter . Ein kleiner Birkenwald , durch den sie fuhren , stand noch blattlos , aber sonnig rotbraun das kahle Geäst ; schon stieg darin der Saft des neuen Lebens . Und als Josefine den Wagen verließ , begrüßte sie auf dem lehmigen Eisenbahndamm die kleinen , goldgelben , feinstrahligen Sonnen des Huflattichs , die sich überall zwischen den Steinen hervordrängten , mit denen die Böschung belegt war , in kleinen Trupps , die rotbraunen Knospenknöpfchen dreist und hoch zwischen den aufgeblühten Sonnchen . Wäre doch mein Rösli hier , dachte die Mutter , und sie atmete tief den frischen , feuchten Hauch der sprossenden Erde , und dann bückte sie sich zu den frühen Blumen , dem Huflattich und dem zarten Ehrenpreis , der am naßglitzernden Feldrain dicht über dem Boden seine kleinwinzigen Blauäugelein aufsperrte . Aber sie pflückte sie nicht . Und wieder beschwichtigte sie ihre Angst mit der Hoffnung , daß Rösli ein Talent entwickeln würde , eine musikalisch-dichterische Begabung . Sie ist noch Kind , tröstete sie sich , und Kinder sind Egoisten . Sie wird über sich hinauswachsen , und allmählich wird in ihre kleine Versmusik eine Seele einströmen . Meine weiße Hyazinthe im Keller , meine seltene Blume , dachte sie zärtlich . Sie trat auf den Dorfweg , und die köstliche Frische des Frühlingstages kühlte ihr die Stirn . Wie ein Hort des Friedens lag das saubere , behäbige Dorf mit seinen großen , weiß oder rosa getünchten Häusern , eingebettet in die weiten Felder , zwischen denen der Pfad hinführte . Überall ragten die grünen Spitzen der Saat aus der leichten Schneebedeckung , einladend wand sich links ein schmaler Fußsteig in den Wald , einen lichten Buchenwald , voll dunkelgrünen Efeus am Boden und an den weißgrauen Stämmen hinauf . Josefine hielt den kleinen Plan aus Fischers Brief in der Hand . Sie blickte darauf von Zeit zu Zeit und fand ihn wunderbar genau , jedes Haus , jede Straßenkrümmung war darauf verzeichnet . Still und feiertäglich , mit blanken Fenstern und blühenden Geranien und knospendem Goldlack dahinter lagen die Häuser . Die Scheuern waren geschlossen , kein Ackerwagen stand im Wege , die Dungstätten waren sorgfältig aufgeschichtet , die Stalltüren standen halb geöffnet , um Luft und Sonnenschein zu den friedlich wiederkäuenden Tieren einzulassen . Aus dem roten Kirchlein , an dem Josefine vorüberkam , erklang des Pfarrers skandierende Stimme ; das stattliche , steinerne Schulhaus trug in breiten , weißen Buchstaben auf rotem Grundbande die Inschrift : Wissen ist Macht . Am Gasthaus » Zum Hirschen , « dessen Fenster aus neubemalten , rotbraunen Rahmen wie dunkle Augen blitzten , trat der Wirt unter die Tür und prüfte den Eindruck des Geweihschmuckes an seiner Mauer auf die Vorübergehende . Dann war das schnelle , glatte , grüne Flüßchen da , mit spielenden Kindern an den grasigen Hängen ; die Kinder boten ihre schmutzigen Händchen dar und lispelten ein scheues , verwundertes » Grüeß Sie . « Dann kam die Linde , kurzstämmig , mit einer mächtigen , halbkugeligen Krone , die sogar laublos einen großen , netzartigen Schatten warf über den hellgetrockneten Weg und das glatte , gleitende , grüne Flüßchen , und aus der es in klaren , sonnenblitzenden Tropfen regnete . Und dann war links ein niederes Häuschen mit grünen Fensterrahmen und braunem Fachwerk auf weißgetünchter Wand , und das kleine Haus hatte ein schmales , abgegriffenes , lose angelehntes Türchen über drei ausgetretenen Steinstufen . Josefine sah nochmals auf die kleine Bleistiftskizze : dies war das Haus . Sie schlug das Türchen nach innen und befand sich auf einem schmalen Gange , wo es nach Heu roch und ganz dunkel zu sein schien , aber das war nur der Gegensatz gegen die Lichtfülle des Frühlingsmorgens , aus der sie kam . Im Türchen war ein Fenster , und auch die kleine Tür , auf die sie zuging , besaß ein Fensterchen . Sie tastete sich entlang und klopfte . Eine Stimme , die lauter Willkommen war , sagte » Herein ! « . Das braune Zimmerchen mit der niederen Balkendecke war hell durchsonnt . Und all das klare Frühlingssonnenlicht fiel auf ein weißes Bett und auf einen dunklen Kopf auf den Kissen , einen Kopf , der tief und unbeweglich fest liegen blieb , während die Stimme , die wie von fernher hallende Stimme eines Menschen , der im Wald nach seinem Freunde ruft , unsicher aufhorchend sagte : » Grüeß Sie Gott ... « Befangen , überrascht blieb Josefine an der Tür stehen . » Ich bin hier eingedrungen , « sagte sie , » verzeihen Sie doch , ich suche Einen , Namens Rudolf Fischer . « Der bleiche , dunkle Kopf unter dem dunklen Haar lag regungslos und tief wie zuvor , aber in die Wangen strömte es rot , und die seltsam ergreifende Stimme sagte : » Sie sind am rechten Ort . « Und plötzlich lauter rief er : » Ach , aber Sie kommen von Zürich ? Sie sind die Frau Josefine Geyer ? O , Mutter ! Mutter ! es freut mich ! aber es freut mich ! « » Sie sind der Rudolf Fischer , der mir geschrieben hat ? « Josefine kam an das Bett . Er bewegte die Hand ihr entgegen , aber zitternd , schwach , auf der Decke entlang . Josefine nahm sie in die ihre ; es war die heiße , überzarte , durchgeistigte Hand eines Schwerkranken . » Ich bin ' s , der Ihnen geschrieben hat , und so schnell sind Sie gekommen zu dem ganz Fremden , « sagte der unbeweglich auf dem Rücken Daliegende , ihre Hand fest drückend , und immer noch mit dem Rot der Erregung in dem feinen , scharfen Gesicht mit der breiten Stirn über den tief eingesenkten Augen . Das gleichmäßige , gelbliche Blaß war wie von einem inneren Feuer durchglüht , wie durchscheinender Marmor , hinter dem das Abendrot brennt . » O , ich danke Ihnen , daß Sie gekommen sind ! Ich danke Ihnen . « Und mit ein wenig erhobener Stimme rief er wieder : » Mutter ! Mutter ! « » Sie sind krank ? Ihr Brief ließ mich das nicht vermuten . Sie liegen schon längere Zeit ? « » O ja ! Seit zweiundzwanzig Jahren . Mutter ! Mutter ! « Wie aus der Wand hervor trat ein altes Weiblein , braun wie eine ausgebrannte Kohle , verbrannt vom Leben , auf dem Kopfe ein wenig aschengraues , dünnes Haar , mit roten , ausgeweinten Augen , in deren Grund es warm und stetig leuchtete . Sie streckte eine hartgearbeitete , runzelige , aber feingeformte Hand aus , der Besucherin entgegen ; mit der Linken hielt sie ein großes , frisches Brot an das weite , blaue Kattunjäckchen gedrückt . Die ausgeweinten Augen blitzten auf , und eine tiefe , innige Güte , die kein Leiden zu verzehren vermocht , sprach aus ihrem Gesicht . Mit den Worten des Sohnes begann sie : » Ach , aber das freut mich ! Frau Josefine Geyer , das freut mich aber auch , daß Sie zu uns kommen ! Sitzen Sie ! Nicht auf die Bank , hier auf den Sessel , daß mein Rudolf Sie auch sehen kann ! « Josefine saß und blickte bald den Kranken , bald die Mutter an . Wie ähnlich sie sich waren , obwohl in den Zügen ganz verschieden , und obwohl die Frau in Tracht und Aussehen eine schlichte Bäuerin war , während der Sohn mit dem geistvollen Gesicht und den schlanken Händen keinem Stand und keiner Klasse angehörte . Aber auch der Mutter Ausdrucksweise und Benehmen hatte etwas Freies , Vornehmes , Gehobenes , wie Josefine das nie bei einer Bäuerin gefunden . Mit unendlicher Liebe blickte sie auf den kranken Sohn und sagte : » Er hat ' s sich so arg gewünscht , daß Sie kommen möchten , er hat etwas auf dem Herzen ... Es plagt ihn bei der Nacht . « » Ja , es plagt mich , « wiederholte der Sohn , » aber Sie sind nun meine Hoffnung . « Er hob mit der rechten Hand ein ovales Spiegelchen am Griff von der Wolldecke seines Lagers und brachte es unter seine Augen . » Ich sehe Sie gut , « sagte er lächelnd , » wie jung und frisch Sie sind , o , das ist herrlich ! Mit Hilfe dieses kleinen Spiegels , den ich bewege , schaffe ich mir Ersatz dafür , daß ich die Augen nicht bewegen darf . Nein , den Hals kann ich nicht drehen , die Nackenwirbel sind verwachsen . Die kleinste Bewegung - auch der Augen - macht mir arge Krämpfe , tagelang . Aber so geht ' s. « Er bewegte das glitzernde Spiegelchen . » Das Gras wird grün , die Spatzen tragen zu Nest . Aber die herrliche Zeit für mich ist vorbei - nun - es geht halt auch so ... « » Wann war die herrliche Zeit für Sie ? « fragte Josefine mit angehaltenem Atem . » Im Winter , da ist meine Mutter bei mir , « lächelte der Kranke , » im Sommer bin ich viel allein , die Mutter ist draußen , auf unserem Land . Aber die Tür ist offen , es kommt Besuch , sie kommen alle herein , bald der eine , bald der andere , Grüeß Gott sagen . Das ganze Dorf kommt , sogar jene , die ich lieber nicht sähe , « setzte er mit unterdrücktem Ton hinzu . Die Mutter ging hinaus , um einen Kaffee zu bereiten für die Besucherin . » Wie konnten Sie den Weg aufzeichnen , den Sie so lange nimmer gegangen sind ? « wunderte sich Josefine . » Den habe ich im Kopf . Das Gedächtnis ist eine wunderbare Kraft ! Ich habe nie zuvor daran gedacht , daß ich die Lage unserer Wohnung im Dorfe und das Dorf selbst so fest im Kopfe hätte , aber als ich mir überlegte , daß Sie den Weg nicht kennten , und daß es notwendig wäre , Sie allen Fragens zu überheben , da nahm ich den Stift und das Papier und zeichnete jenen Weg ohne Mühe und ohne Nachsinnen . In solchen Augenblicken fühlt man sich reich . Sie fanden sich gut zurecht ? Es gab keine Fehler ? « Er war unbeschreiblich rührend in seinem kindlichen und so begreiflichen Ehrgeiz und bewunderungswürdig in seiner Dankbarkeit . » Oft und oft , viel öfter wohl , als ich selber weiß , bin ich , während ich hier lag , den halbstündigen Weg zur Station und zurück gewandert und habe so im Geiste repetiert . Aber Häuser sind gebaut worden , die ich nie gesehen , Güter haben andere Grenzen erhalten , da kam dann die Phantasie , die unentbehrliche Göttin , zu Hilfe , daß alles der Wirklichkeit entsprach . Innig dankbar zu sein - wieviel Ursache habe ich jeden Tag ! « Er sah so gehoben , so glücklich aus , dieser Leidende mit dem unbeweglichen Nacken und der beweglichen Seele ; mit den kraftlosen Gliedern und der sieghaften Intelligenz . Und dazu diese kindliche Freude an seinem eigenen Können , dieser liebenswürdige menschliche Zug , der alle Zärtlichkeit erweckt . Josefine sprach mit ihm über seine Krankheit . Er antwortete so , als handle es sich um eine dritte Person , nicht um ihn selbst . Eine heitere Objektivität war hier , eine abgeklärte Ruhe ohne Hoffnung . » Ich habe eine Entzündung und Verwachsung der Halswirbel , eine dadurch bedingte Zerrung und Schädigung des verlängerten Marks . Es begann , ohne nachweisbare Ursache , als ich im Seminar war , ich zählte siebzehn Jahr . Gelähmt ? Nein , bis jetzt nicht , dauernd nicht , aber kraftlos . Ich wäre so dankbar , wenn es nur so bliebe . Aber es wird nicht . Schon einmal gab es eine Lähmung hier im rechten Arm . Vorübergehend war ich blind ,