Freude - und diese ist die Gemahlin des Königs Glück . Dann wollen wir auch - in anderen Stunden - ernst sein , dem Leben mit seinen Rätseln tief ins Auge schauen , wir wollen - - Ich breche ab - Ungeduld erfaßt mich . Diesen Brief trage ich selbst in Dein Haus , um ihn Deinem Mädchen in die Hand zu geben , damit er Dir schnell und sicher zukomme . Und Du : hab ' Erbarmen und hab ' Mut . « Zur selben Zeit war Sylvia gleichfalls mit Schreiben beschäftigt . Es war ein Brief an ihren Mann . » Lieber Anton ! Es gibt Dinge , die sich leichter schriftlich als mündlich sagen lassen . Ich wünsche - und wahrscheinlich komme ich dabei Deinem eigenen Wunsch entgegen - eine Trennung unserer Ehe . Du liebst seit mehreren Jahren eine schöne Künstlerin , die Dir einen Sohn geschenkt hat ; Du verbringst mehr als die Hälfte Deiner Zeit in ihrem Hause - das Du ihr geschenkt hast ; Du versuchst nicht einmal den Schein der Treue gegen mich zu wahren - kurz , Du hast tatsächlich unsere Ehe schon gelöst . Ich war allein und dadurch - frei . Ich aber blieb allein und hielt meinen Part in dem von Dir gebrochenen Vertrage aufrecht . Jetzt aber muß es anders werden . Ich habe mein Herz verschenkt und will meine Freiheit vindizieren . Betrügen will ich nicht . Weder Dich noch die Welt . Ich bitte Dich also , übereinstimmend mit mir Schritte zu einer regelrechten Scheidung anzubahnen . Von meiner Liebe lasse ich unter keinen Umständen . Solltest Du in eine Scheidung nicht willigen , so würde ich einfach abreisen - und nicht allein . Ich besitze selbständiges Vermögen , das weißt Du , und kann wo immer unabhängig leben . Die Hauptsache ist jetzt gesagt . Das Übrige kann , wenn Du einverstanden bist , mündlich verhandelt oder zwei Rechtsfreunden zur Durchführung übergeben werden . Nicht ganz ohne Wehmut scheide ich von Dir ; denn ich erinnere mich der Zeit , da ich glaubte , wir beide würden mit- und durcheinander glücklich werden . Es ist anders gekommen . Du warst der erste , der sein Glück fern von unserem Herde gesucht und gefunden - die Reihe ist an mir . Nur möchte ich - « Bis hierher hatte sie geschrieben , als die Jungfer eintrat und ihr Hugos Brief übergab . Sylvia erkannte die teuere Schrift , aber sie zerriß nicht sofort den Umschlag . Erst wollte sie ihr eigenes Schreiben vollenden und an seine Bestimmung kommen lassen » Warte einen Augenblick , « sagte sie und mit vor Erregung zitternder Hand - der unerbrochene Brief wirkte auf sie wie eine geliebte Nähe - warf sie noch ein paar Schlußzeilen auf den begonnenen Briefbogen und schob ihn in ein Kuvert . » So , das trage hinüber zum Herrn Grafen und übergib es ihm selber . « » Wissen Frau Gräfin nicht , daß der Herr Graf heute früh abgefahren ist ? Der Kammerdiener hat ihm seinen Koffer gebracht , dann einen Fiaker geholt ... und der Herr Graf ist auf die Südbahn , und dem Portier hat er gesagt , daß er erst morgen oder übermorgen zurückkommt - - « » Ach so - einerlei ... leg ' den Brief auf seinen Schreibtisch . « Jetzt war sie allein und vertiefte sich in Hugos Zeilen . Sie las sie einmal durch , dann ein zweites Mal , Satz für Satz - jeden ein paarmal hintereinander ; einzelne Worte wiederholte sie laut und lauschte ihrem Klang , als wären sie Musik : » Ein Netz - aus Flammen gewoben ... Dein Schützer , Kind ... schmelzende Zärtlichkeit ... « Alle Töne , die der Briefschreiber angeschlagen - Leidenschaft , Wagemut , Ruhesehnsucht , glühende Extase und schäumender Frohsinn , alles das vibrierte in ihrer Seele nach , und weckte solches Verlangen nach seiner Nähe , daß sie » aus Erbarmen « mit sich selber mehr noch als mit ihm , ihn am liebsten gleich gerufen hätte ... Aber sie widerstand der Lockung . Rufen würde sie ihn nicht , aber wenn er käme ... Bei dem Gedanken fühlte sie eine Beklemmung , von der sie nicht hätte sagen können , ob sie Schmerz oder Seligkeit war - - Gewaltsam raffte sie sich aus dieser Träumerei empor und klingelte ihrer Jungfer . » Schnell , einen Fiaker , « befahl sie . Sie hatte den raschen Entschluß gefaßt , ihre Mutter aufzusuchen und bei ihr den Tag zu verbringen . Sie wollte nicht allein bleiben - allein mit ihrer gefährlichen Sehnsucht . Aber Baronin Tilling war nicht zu Hause . Auch sie war - so sagte der Diener - diesen Morgen von Wien weggefahren , nach Grumitz , in geschäftlicher Angelegenheit . Den Wagen hatte Sylvia fortgeschickt , also ging sie zu Fuß wieder in die Richtung des Rings zurück . Bei einer Kreuzung mußte sie stehen bleiben , um ein paar Wagen vorüberfahren zu lassen und plötzlich hörte sie eine Stimme hinter sich : » Sylvia ! « Sie wandte sich um . » Ach ! « rief sie - Hugo Bresser stand neben ihr . Er war ebenso bewegt wie sie , ebenso blaß wie sie . Mit weit aufgerissenen Augen , einen fast schmerzlichen Zug um den zitternden Lippen , blickten sie einander eine Weile starr an . Ein eilig Vorübergehender , der ein Paket trug , stieß unsanft an ihnen an ; da kamen sie rasch zur Besinnung und erinnerten sich , daß sie auf belebter Straße waren . Sylvia wandte sich zum Gehen und als wäre es selbstverständlich , schritt Hugo neben ihr . » Sie haben meinen Brief - « begann er . Das » Du « , welches er niedergeschrieben , wollte ihm auf diesem öffentlichen Orte nicht über die Lippen und auch von dem Briefe zu reden , schien ihm gar nicht am Platze und so vollendete er nicht den begonnenen Satz und fragte etwas anderes : » Woher kommen Sie ? « Diese Wendung war ihr eine Erleichterung . - » Ich komme von der Wohnung meiner Mutter - sie ist aber heute nach Grumitz gefahren , ich habe sie nicht getroffen . Wie sind die weiteren Aufführungen Ihres Stückes ausgefallen ? « » Ich habe ihnen nicht beigewohnt . Es ist merkwürdig , wie gleichgültig mir das Stück geworden ist - vielleicht , weil ich jetzt mein eigenes Drama erlebe ... « Sie ging schweigend weiter und er blieb an ihrer Seite . Nach einer Weile sprach er wieder : » Ich habe heute morgen den Grafen Delnitzky fahren gesehen - mit einem Koffer auf dem Bock ; ist er abgereist ? « » Ja , auf ein oder zwei Tage ! « » So sind Sie allein ? « Sie verstand den Sinn dieser Frage und antwortete : » Ich empfange niemand . « Sie kamen an einen Fiakerstand vorbei . » Fahr m ' r , Eu ' r Gnaden ? « fragte einer von den Kutschern . Hugo blieb stehen und blickte Sylvia ins Gesicht : » Wie wär ' s , wenn wir einen Wagen nähmen , und - « » Wohin ? « » Einerlei ... nach Schönbrunn , auf den Kahlenberg - es wäre ja doch nach Eden . « Sie schüttelte den Kopf und ging weiter . Eden war ja auch ihr Ziel . Aber in Italien sollte es sein - und wenn sie sich ganz frei gemacht . Seine Worte hatten eine Vision in ihr erweckt , die in Freudenglanz getaucht war . Und überhaupt : glücklich - einfach glücklich machte sie seine Nähe . Nach ein paar Schritten brach Hugo das Schweigen : » Es hat mir jemand geschrieben : Ich will Dein sein . « Sie machte eine heftige Bewegung mit der Hand , die er als Bitte auffaßte , er möge nicht hier , auf offener Straße an diesem heiligen Geheimnis rühren - und er begann von anderen Dingen zu reden : von einer hämischen Kritik , die eine Wochenschrift über sein Stück gebracht ; von Rudolf , dessen Vortrag er leider nicht gehört - doch in seiner Stimme lag so innige Wärme , als hätte er stets nur wiederholt : ich liebe Dich - ich liebe Dich in Zeit und Ewigkeit . In ihr steigerte sich das Verlangen , dieses Wort von seinen Lippen zu hören und es ihm selber zu sagen , und so waren die einsilbigen , bedeutungslosen Antworten , die sie ihm gab , gleichfalls von verhaltener Zärtlichkeit durchzittert . Manchmal verstummten sie auch ganz und gingen nur so nebeneinander her : nicht Arm in Arm , doch so nah , daß ihre Arme sich streiften ... Sylvia kam sich vor , wie in eine nie gekannte Lage versetzt . Alles , was sie umgab , war ihr fremd und eigentümlich , als hätte sie ähnliches niemals erlebt - das Geklingel der Trambahn , die Spiegelscheiben der Auslagen , die geschäftigen und die flanierenden Leute - alles war so unwirklich , es gehörte nicht zu ihr und sie gehörte nicht hinein . Überhaupt , was sie jetzt durchbebte , war nur Präludium , Prolog ... das eigentliche Stück sollte erst folgen . Auch ihr ganzes früheres Leben war wie ausgelöscht , die Gegenwart galt nicht , aber das Kommende ... Sie wagte nicht , gerade hineinzuschauen in diese Verheißung , gerade so , wie man nicht in die Sonne schaut - - So waren sie vor dem Dotzkyschen Hause angelangt . Sie wollte ihm nun die Hand reichen und Adieu sagen - aber sie war wie gelähmt und tat es nicht . Sie konnte nicht einmal stehen bleiben , sondern bewegte sich mechanisch weiter und trat unters Tor . Er desgleichen . Da fing ihr Herz wild zu pochen an . Sie wollte gar nicht mehr , daß er sie verlasse . Auf der Treppe bot er ihr den Arm und an der Flurtür zog er die Klingel . Jetzt konnte sie ihn noch immer wegschicken - sie tat es nicht . Der Diener öffnete . Sylvia trat über die Vorzimmerschwelle ; Hugo hinterdrein . Der Diener nahm seiner Herrin die Jacke und dem Besucher den Überrock ab und öffnete dann eine Tür . Sylvia ging voran ; ohne sich umzusehen durchschritt sie die ganze Flucht der Zimmer , bis sie in ihrem kleinen Salon anlangte . Sie warf ihren Hut auf ein Möbel und wandte sich um . Hugo , der ihr in dieses Heiligtum gefolgt war , stand mit dem Rücken an die geschlossene Tür gelehnt und öffnete die Arme . Mit einem halberstickten Schrei sank sie hinein . » O mein Geliebter , Geliebter , Geliebter ... « Ihr gesenkter Kopf war an seiner Brust geborgen . Geborgen : das war das rechte Wort für das , was sie empfand : das Vollgefühl der Erfüllung . Er hob ihren Kopf empor und bog ihn zurück , um ihr tief in die Augen zu schauen : » Mein , mein ... « dann drückte er seinen Mund auf ihre wie küssedurstend geöffneten Lippen . So blieben sie zwei selige Minuten umschlungen . Dann riß Sylvia sich los und entfernte sich ein paar Schritte . Sie ließ sich in eine Sofaecke fallen mit einem tiefen zitternden Seufzer . Er näherte sich . » Dort , « sagte sie und wies nach einem seitlich stehenden , etwas entfernten Fauteuil . Er gehorchte . In dieses Zimmer , das wußte er von früher her , konnte jeden Augenblick jemand hereinkommen . Nur vorhin , als er an den Türflügel gelehnt gestanden , war man vor Überraschung sicher gewesen . » Ich habe nicht geglaubt , « sagte Sylvia , » daß ich so lieben kann . « » Wie ich Dich liebe , weiß ich längst ... Schon damals - erinnerst Du Dich - in Brunnhof , bei dem plötzlichen Gewitter , wie Du mir entgegenliefst und ausglittest - als ich Dich in meinen Armen auffing , schon damals wußte ich : für mich kann es nur einen Himmel auf Erden geben - Dich besitzen . « » Ja , wir werden glücklich sein , über alle Begriffe glücklich ... Und Du wirst dabei ein noch größerer Dichter werden , als Du schon bist . « » In dieser Stunde ist mir jeder Ehrgeiz erstorben - höheres kann ich nicht erreichen , als Dich - « » Nicht erstorben , nur betäubt . Mir ist auch so zu Mute ... wie in einem Taumel - und doch so ruhig , ruhig ... Teurer - « Sie streckte die Hand aus . Er rückte mit seinem Fauteuil näher , um diese Hand ergreifen zu können . Nun sagten sie sich in geflüsterten Worten - Hand in Hand und Aug ' in Auge - die hundert innigen , törichten Dinge , die wie gesprochene Liebkosungen sind . Und schließlich , trotz der gefährlich offenen Tür , fanden sich ihre Lippen wieder in einem langen , weltentrückenden Kuß . So entrückend , daß sie nicht hörten , wie jene Tür tatsächlich aufging und jemand bis in die Mitte des Zimmers kam . Erst ein zornig ausgestoßener Fluch schreckte sie auseinander . Hugo sprang auf - ihm gegenüber stand Anton Delnitzky . Mit dem Ausruf : » Elender , frecher Schuft ! « stürzte dieser nun auf Hugo los und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht . Sylvia stieß einen Schrei aus und sank zu Boden - besinnungslos XXXI Während im Delnitzkyschen Hause dieses Drama sich abspielte , war Rudolf im Begriff , Wien zu verlassen , um einige seiner im Ausland abzuhaltenden Vorträge zu absolvieren . Zwar hätte es nicht gedrängt : bis zum ersten versprochenen Vortrag dauerte es noch vierzehn Tage , aber der Vorfall im Vorstadtwirtshaus hatte ihm einen solchen Ekel eingeflößt , daß er das sehnsüchtige Verlangen empfand , so schnell als möglich eine andre Luft zu atmen und mit ganz neuen Eindrücken den so peinlichen Eindruck zu verwischen . Er hatte solche Eile , daß er nicht einmal von Mutter und Schwester sich verabschieden wollte . Nur über eines wollte er sich vor seiner Abreise noch aussprechen , nur eine gewisse Warnung vorzubringen , fühlte er sich verpflichtet . Zu diesem Zweck suchte er Herrn von Wegemann auf und traf ihn glücklich zu Hause . Es war eben dessen Frühstücksstunde . » Minister Allerdings « lud Rudolf ein , mit ihm eine Omelette und ein Beefsteak zu teilen , was dieser bereitwillig annahm , weil er wußte , daß es sich bei Tisch , und namentlich nach Tisch , bei Kaffee und Zigarre , am besten plaudern ließe . Er hatte die Absicht , sich über die Sache , die ihm am Herzen lag , gründlich auszusprechen . Zwar war Herr von Wegemann nicht mehr aktiv an der Politik beteiligt , aber er war in stetem Verkehr mit den leitenden Männern und gehörte mit allen seinen Ansichten und Neigungen der herrschenden Partei an . Dazu war er der intimste Freund desjenigen Staatsmannes , der damals den höchsten Einfluß besaß , und der als ein Mann von aufrichtig kirchlicher Gesinnung , dabei von universeller Bildung und lauterstem Charakter bekannt und allgemein - auch von seinen Gegnern - hochgeachtet war . Ein gar gemütliches Hagestolzen-Heim war es , in dem Herr von Wegemann hauste . Alles , was ihn umgab , war gediegen und behaglich . Einige große schöne Frauenporträts an den Wänden ließen annehmen , daß der Minister es verstand , die sorgenlose , angenehme Gegenwart mit noch angenehmeren Erinnerungen an die Vergangenheit zu würzen . Rudolf empfand eine gewisse leise Anwandlung von Neid , die ihn in letzter Zeit öfters überkam , wenn er einen Menschen beobachtete , der mit sich , mit seiner Existenz , seinem Milieu und seiner Zeit in ruhiger , völliger Übereinstimmung stand ; bei dem das ganze Seelenleben - Denken , Wissen , Fühlen - in eine Art System gebracht war ; das alles so schön geordnet und friedlich , daß man daneben ganz gut auch seine kleinen materiellen Vergnügungen und Angelegenheiten systematisch betreiben kann , einen geregelten Haushalt haben , sein solides Vermögen administrieren , von der eigenen Klugheit und Wichtigkeit durchdrungen sein , kurz , in der Atmosphäre des engbegrenzten Egoismus sich wohlfühlen , wie der Fisch im Wasser . Während Leute , die wie er nach allen Richtungen andre Zustände ersehnen , Leute , die das Heimweh der Zukunft in sich tragen , sich so heimlos fühlen , so losgelöst von den kleinen Interessen der umgebenden Gegenwart . Als die beiden Männer nach beendetem Frühstück sich im Rauchzimmer , wo Kaffee und Liköre aufgetragen waren , niedergelassen hatten , begann Rudolf : » Und nun zum eigentlichen Zweck meines Besuchs . Daß ich mich verabschiede , weil ich heute abend auf längere Zeit Wien verlassen will , sagte ich schon ; was der Grund ist , der mich forttreibt , das will ich Ihnen jetzt sagen . Ich habe hier vor kurzem etwas so Revoltierendes erlebt , daß ich eine Zeitlang eine andre Luft atmen muß ... Aber Ihnen , der Sie dableiben , möchte ich etwas ans Herz legen . Auf eine Gefahr möchte ich aufmerksam machen , die ich im öffentlichen Leben aufsteigen sehe . « » Allerdings - Gefahren sehe ich auch . Zum Beispiel die überhandnehmende Glaubenslosigkeit , der wachsende Materialismus - womit natürlich Verrohung Hand in Hand geht - , die Begehrlichkeit der Massen und dergleichen mehr . Da gilt es eben , daß die edleren Elemente sich zusammennehmen und alles aufbieten , um die subversiven Kräfte nicht aufkommen zu lassen - « » Bitte , « unterbrach Rudolf , » reden wir nicht in vaguen Allgemeinheiten . Das , was ich sagen will - die Sache , die mir bedrohlich scheint , ist etwas ganz Positives . Es will sich hier eine Partei breit machen , die sich auf eine einzige Idee stützt , nämlich die Idee einer Rassenverfolgung . « » Na ja - um auch positiv zu reden - Sie meinen die Antisemiten . « » Ja . Ich weiß , daß diese Partei , oder vielmehr diese Gesinnung sich verbreitet und bis in die hohen und höchsten Kreise heraufdringt , aber sozusagen incognito - während die Wortführer , die da offen diese Gesinnung als ein politisches Programm ins Parlament bringen wollen , in ihren Reihen so bildungslose , oder sich absichtlich roh gebärdende Individuen haben ... Wenn man das gewähren läßt , so werden diese Leute in das parlamentarische und politische Leben einen so rohen Ton , ein so niedriges Geistesniveau einführen , daß dabei - abgesehen von der Verwerflichkeit des Verhetzungsprinzips überhaupt - sämtliche politische Fragen herabgedrückt werden . Wenn ich Ihnen sagen würde , was ich neulich aus dem Munde einiger neugewählter , von der Einwohnerschaft bejubelter Vertreter dieser Partei für Ausdrücke boshaftester , beschränktester Gemeinheit gehört habe - Sie würden schaudern . « » Ich weiß , ich weiß ... Sind ja einfache Vorstadtbürger - die reden , wie ihnen der Schnabel gewachsen ist - im Abgeordnetenhaus werden sie schon den parlamentarischen Ton annehmen müssen ... und anderseits muß man bedenken , daß diese Wahlen doch einen Sieg über viel gefährlichere Kandidaten bedeuten . Von den Antisemiten weiß man doch , daß sie gläubige Christen sind und daß sie alles bekämpfen werden , was die Ultraliberalen und Sozialisten und dergleichen unternehmen wollten , um an den Säulen von Thron und Altar zu rütteln - « Rudolf wollte etwas sagen , aber mit beschwichtigender Handbewegung fuhr der Minister fort : » Mein Gott , ich selber habe ja nichts gegen die Juden ... bin ja , wie Sie wissen , häufiger Gast bei unserer haute finance und kenne einige ganz ausgezeichnete Leute unter jüdischen Doktoren ... aber wie gesagt , die Antisemiten , deren Verfolgungsideen man ja durchaus nicht aufkommen zu lassen braucht - haben ihr Gutes . Und wenn man sie unterstützt , so geschieht das durchaus nicht , weil man ihre Ziele erreichen oder ihre Mittel anwenden will , sondern weil sie indirekt dazu beitragen , andre Gegner fernzuhalten . « » Sie geben also zu , daß jene Partei von oben protegiert wird ? Gehört etwa Graf - « ( er nannte Wegemanns Freund , den leitenden Staatsmann ) » zu diesen Protektoren ? « » Allerdings - « » Ich kenne ihn doch als einen vornehm denkenden Edelmann , als einen milden Christen , der unfähig wäre , solche Äußerungen zu indossieren , oder solche Gehässigkeit zu fühlen , wie die antisemitischen Wahl- und Hetzreden zu schüren trachten - und doch sollte er es opportun finden , diese Partei zu unterstützen ? « » Mein Freund hat ein starkes katholisches Empfinden . Erst gestern sprachen wir über die überhandnehmende religiöse Gleichgültigkeit - « » Ich bemerke eher , daß die klerikalen Einflüsse überhandnehmen . « » In manchen Kreisen allerdings . Anderseits aber - « » Also , wie denkt Ihr Freund über die Sache ? « » Er sagte - ich habe mir seine Worte genau gemerkt - : Je mehr ich diese Fragen erwäge , desto fester und klarer wird meine Überzeugung , daß sie es ganz eigentlich sind , von deren Wendung die Zukunft der Geschicke Europas abhängt . Die Krisis , in der wir leben , liegt in dem Kampf der Revolution gegen die christlichen Ideen , auf denen seit mehr als tausend Jahren die staatliche Ordnung Europas und seine Zivilisation beruht . Siegen diese Ideen nicht , dann wird Europa zugrunde gehen und mit ihm die ganze Ordnung der Dinge . Dann folgt ein Chaos , das so lange dauern wird , bis die christlichen Ideen wieder , wie in den Zeiten Karls des Großen , allmählich die Geister gewinnen und wieder eine neue christliche Ordnung der Staaten und Völker herstellen - was aber weder wir noch unsere Kinder erleben werden . Wollen wir sie vor allen Greueln der Anarchie und der Christenverfolgung bewahren , so müssen wir in Österreich dem Sturm wider die Kirche Widerstand leisten . « Rudolf nickte vor sich hin . » Das stimmt zu meiner Auffassung , « sagte er . » Man sieht , man fühlt , daß all die Dogmen schwanken , von denen man glaubt , daß sie die Grundlagen der Zivilisation sind - ( aber da möchte ich doch zwischen Klammern fragen , ob denn die heutigen Staaten wirklich nach christlichen Grundsätzen verfahren ? ... ich wollte es wäre so , dann fielen dreiviertel meiner Anklagen weg ! ) - also , um dieses hohe Gut , die Zivilisation , zu schützen , muß man kämpfen und im Kampf gilt das Axiom , daß jede Waffe gut sei - gerade so wie der jesuitische ( nicht christliche ) Satz allenthalben Geltung behauptet : der Zweck heiligt die Mittel . An diesem Satze krankt unser ganzes politisches System . Zwecke - über deren Nützlichkeit man sich täuschen kann , Zukunftsgefahren , die gar nicht existieren , werden als so groß aufgefaßt , daß sofort auch die bösesten Mittel geheiligt erscheinen , und man protegiert Roheit , Verfolgung und allerlei an sich Abscheuliches und Niedriges in der Gegenwart , welches helfen soll , ein vermeintlich Hohes zu erreichen und vermeintlich entsetzliche Zukunftskalamitäten abzuwenden . Daß aber die geduldete Roheit sicher böse Folgen nach sich ziehen muß , übersieht man ... Sehen Sie , verehrter Freund , das ist das ganze Geheimnis , warum sonst gute , wahrhaft tugendhafte Menschen so viel Böses geschehen lassen - sie glauben dadurch noch Schlimmerem vorzubeugen . So haben sich bisher noch alle historischen Schandtaten durch edle Motive begründen lassen und sind mitunter auch aus edlen Motiven verübt worden ... und die Geschichte wird auch solange eine Kette von Greueln bleiben , solange der Kulturmensch nicht jene unselige Formel abschwört und nicht erkennt , daß für keinerlei Zwecke ein Mittel angewendet werden darf , das weniger heilig , weniger rein ist als der Zweck . Wenn Sie Einfluß auf Ihren Freund haben , liebster Herr von Wegemann , und den haben Sie ja - ebenso wie auf andere machthaberische Kreise - dann benutzen sie ihn , um zu warnen ... darum habe ich Sie bitten wollen ... « » Nein , mein lieber Dotzky , ich enthalte mich jeder Einmischung in öffentliche Angelegenheiten - ich nehme meinen Ruhestand ernst . Und außerdem teile ich da weder Ihre Befürchtungen noch Ihre Auffassungen . Sie haben von staatsmännischer Politik keinen rechten Begriff . Da muß man sich wehren , so gut man kann und die Mittel , die man anwendet , nicht nach ihrem idealen , sondern praktischen Gehalt prüfen . Der gute Zweck ist doch die Hauptsache . Wenn wir den monarchischen und den christlichen Gedanken schützen , schützen wir da nicht den Boden auf dem wir stehen und die Luft die wir atmen ? Die anderen , unsere Gegner , die haben wieder ein Interesse daran , diese Prinzipien zu unterminieren und tun es mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln - soll man das geschehen lassen ? Sie sind ein ganz vortrefflicher Mensch , mein lieber Rudi , ein liebenswürdiger Träumer , aber von dem Ernst und den Pflichten des staatsmännischen Berufs haben Sie keine Ahnung ... Idealismus und Ästhetik und dergleichen sind ganz schöne Dinge , gehören aber auf ein anderes Feld : ins Künstlerhaus , in die Pflegestätten klassischer Studien , aber doch nicht in die Volksvertretung und Ministerkabinette - in diesen muß ... « Rudolf hatte mit wachsender Ungeduld zugehört : » Verzeihen Sie , daß ich widerspreche , « unterbrach er jetzt . » Meine Meinung ist die : nachdem Volksvertretung und Ministerkabinette die Stätten sind , wo dem Leben der Völker die Richtung gegeben wird , so obliegt die Pflege des Ideals gerade diesen ; denn dahin strebt doch die Kultur : daß die Schönheitsideale und Sittlichkeitsnormen das Leben durchdringen . Wir werden uns gegenseitig nicht überzeugen , sehe ich - es wäre fruchtlos , weiter zu disputieren , dennoch habe ich bei dieser Unterhaltung gelernt , sie hat mir einen tiefen Eindruck in die Ursachen der gegenwärtigen Kämpfe und Kampfweisen gewährt ... « » Warum sagen Sie gegenwärtig ? Es ist ja immer derselbe Kampf , mein Lieber , wie er seit Erschaffung der Welt getobt hat und wie er in Ewigkeit weiter toben wird - der Kampf zwischen Gut und Böse . « Rudolf schüttelte den Kopf : » In Ewigkeit ? Das ist wieder eine Verkennung des Entwicklungsgesetzes . Dieser lange Kampf ist aber nur darum bis heute unentschieden geblieben , weil das Gute noch nicht versucht hat , sich durch Gutes durchzusetzen , weil immer noch das Böse als Mittel sanktioniert ward . Ein neues , ganz neues Licht muß die Geister erhellen - und das wird kommen . Gerade so , wie - auf physischem Gebiet - das elektrische Licht entdeckt wurde , wird auf geistigem Gebiet eine neue Erkenntnis erstrahlen , durch die die Macht des sogenannten Bösen - nicht mit Unrecht Macht der Finsternis genannt - endgültig überwunden wird . « Wegemann zuckte lächelnd die Achseln : » Schwärmer ! « » Danke , « sagte Rudolf , indem er aufstand . » Ich nehme diese Bezeichnung als Ehrentitel an und - nichts für ungut . Ich füge nur hinzu , daß , wenn ich einigermaßen schwärmerisch von der Größe einer vorhergesehenen Zukunft spreche , ich dabei die kleinen , tunlichen , praktischen Schrittchen nicht übersehe , die schon heute nach jener Richtung getan werden können , und die jeder von uns zu tun sich bemühen soll . Jetzt adieu - und nochmals Dank für die lehrreiche Unterhaltung . « Am selben Abend reiste Rudolf von Wien ab . Sein Ziel war Venedig . Vom stillen Zauber dieser Stadt , dem er sich durch vierzehn Tage hingeben wollte , versprach er sich Linderung für sein durch die letzten Vorgänge verwundetes Gemüt . XXXII In der Wohnung seines Vaters lag Hugo Bresser . Die Kugel , die ihn verwundet hatte , war zwar glücklich gefunden und entfernt worden , aber noch schwebte der Patient zwischen Leben und Tod . Im Krankenzimmer herrschte Halbdunkel ; die Fenstervorhänge waren zugezogen , denn Hugo vertrug kein Licht , es tat ihm weh . Am Kopfende des Bettes stand der alte Vater , und an der Seite saßen zwei Frauen , Sylvia und Martha . Nach dem Duell hatte Anton Delnitzky Wien verlassen . Seiner Frau ließ er ein Schreiben zurück , worin er ihr die von ihr verlangte Freiheit gab . Die » Scheidung soll vollzogen werden « - schrieb er - » den Grund hast Du dazu gegeben . Deinen Geliebten habe ich natürlich niederschießen müssen ; nach dem was vorgefallen , hatte weder er noch ich eine andere Wahl , als auf den Kampfplatz zu gehen . Und Du und ich können miteinander nichts mehr zu tun haben ; wir können uns gegenseitig auch nicht verzeihen , was wir einander angetan . Du hast unsere Ehre tödlich verletzt - und ebenso verletzte ich Deinen Liebhaber . Da gibt es keine Verzeihung - weder für Dich noch für mich . Wir sind miteinander fertig . « Als Sylvia von der Ohnmacht erwachte , in die sie bei jenem Auftritt gefallen war , befand sie sich auf ihrem Bette , auf das man sie gebracht hatte . Sie wußte nicht , wie lange sie bewußtlos gewesen , noch was weiter geschehen war . Daß ein Zweikampf folgen würde , wußte sie , und ein fürchterlicher Zorn stieg in ihr auf über die elenden Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft , die als Auskunftsmittel für schwierige Lagen den Mord eingesetzt haben . Als ob das Töten irgend etwas gut machen könnte ! Die beiden Männer würden sich schlagen - das war klar . Ein wildes Verlangen , dieses Duell zu verhindern , erfüllte sie