. » Dein Herz wird ihm gewiß bald angehören . Willst du nun die Harfe hören ? « Ich nickte . Sie ging nach der Stelle , wo die Sandurah lag , hatte sie aber noch nicht erreicht , so blieb sie stehen . Der Hadschi hatte sich bewegt . » Sihdi - Sihdi - Sihdi ! « rief er laut . » Hier bin ich , Halef , « antwortete ich . » Ich war ganz nahe , ganz nahe ! « fuhr er fort , ohne daß er die Augen öffnete . » Wo ? « » Am Sterben , am Sterben ! Ich habe sie gesehen , beide , beide , ihn und ihn ! « » Wen ? « » Den Hadschi und den Halef ! Der Hadschi war ein anderer ; der Halef aber , der war ich ! Der Halef lenkte seine Schritte hinauf nach dem Paradiese ; der Hadschi aber hielt ihn fest , um ihn hinab zur Dschehenna81 zu zerren . Es war ein schwerer Kampf . Der Halef war nicht stark genug , und der Hadschi wollte eben siegen ; da fühlte ich eine Hand auf meiner Stirn und war gerettet . Hamdulillah ! « Seine Stimme hatte einen eigentümlichen , angstvollen , erschütternden Klang . » Warum antwortest du mir nicht ? « rief er . » Ich will noch leben ; ich darf noch nicht sterben . Der Halef in mir ist noch nicht geschickt dazu ; der Hadschi würde ihn zur Tiefe reißen . Die Hand , die Hand , sie soll so oft wie möglich wiederkommen ! Sie soll dem Halef helfen - helfen - - hel - - - hel - - - - ! « Er sprach immer langsamer , langsamer und keiser , bis bei der letzten Silbe die Bewußtlosigkeit wieder über ihn kam . Schakara griff zur Harfe , deren Akkorde ich erst deutlich hörte ; dann schien es , als ob sie sich entfernten , bis sie endlich ganz verklangen - - - ich war eingeschlafen . Eingeschlafen ? Es war mehr als bloß nur Schlaf . Ich erfuhr später , daß ich fast zwei Tage lang gelegen hatte , ohne mich ein einziges Mal zu bewegen . Ein ganz entsetzlicher Frost war die Veranlassung , daß ich erwachte . Drüben in der andern Ecke waren mehrere Männer beschäftigt , Halef mit kaltem Wasser und Tüchern zu frottieren . Die Luft kam mir verschlechtert vor . Es roch trotz der frischen Veilchen , welche ich sah , so dumpf , so moderig , fast wie nach Leiche . Ah ! Da kam die Erkenntnis : Ich selbst war es , von dem dieser Geruch ausging , der ein Symptom des Petechialtyphus ist ! Nun wußte ich , daß eine wochenlange Betäubung sich meiner bemächtigen werde . Also darum die Veilchen ! Diese Blumen hatten bei mir denselben Zweck wie dort bei Halef die Rosen . Es wurde mir himmelangst , mehr um ihn als um mich . Ich wollte die Männer fragen , brachte aber kein Wort über die Lippen . Doch dauerte dieser Zustand nicht lange , da mir das Bewußtsein sehr bald wieder schwand . Später erinnerte ich mich , zuweilen kaltes Wasser an meinem Körper gefühlt und scharfen Salmiak gerochen zu haben . Auch war es mir , als ob Halef mich gerufen und vom Sterben gesprochen habe . Dann , als ich zwei volle Wochen so gelegen hatte , stellte sich die erste , deutliche Empfindung bei mir ein : Ich fühlte die Hand des Ustad auf meiner Stirn . » Er lächelt ! « sagte er . » Wie todesmatt ! Vielleicht schlägt er die Augen auf ! « Ich versuchte , es zu thun , doch gelang es mir nur halb . Da beugte sich der Ustad zu mir nieder und sagte : » Ich sehe , daß du mich verstehst . Sei getrost ; du bist gerettet ! Auch Halef lebt noch . Er ist noch nicht erwacht . Wenn er es thut , ist es vielleicht zum Leben ! « Hierauf schlief ich sogleich wieder ein . Die späteren Erinnerungen erzählten mir , daß Schakara sehr oft bei mir kniete und mir wie einem Kinde mit einem Löffel dünne Speise gab . Ich war so schwach , daß ich kaum schlucken konnte . Hierbei freute ich mich unendlich über die Entdeckung , daß der schlimme Geruch verschwunden war . Fast noch größere Freude bereitete mir der Anblick einer vor meinem Lager errichteten Pyramide , an welcher meine Waffen , meine Kleidungsstücke und Assils Zaum- und Sattelzeug hingen . Das war ein Zeichen liebevollster Aufmerksamkeit . » Assil ! « entfuhr es meinen Lippen . » Ich sehne mich nach ihm . « » Willst du ihn sehen ? « fragte die Kurdin . » Ja . « Sie ging nicht , ihn bringen zu lassen , sondern sie trat , nur unter den Eingangsbogen hin und rief den Namen des Rappen . Er war also da draußen in der Nähe . Ich hörte seine nahenden Schritte und sein mir so liebes , zutrauliches Schnauben . Es gab vom Vorplatze aus ein Dutzend Stufen zu ersteigen . Einige Schmeichelworte von ihr veranlaßten den Rappen , heraufzukommen . Daraus erkannte ich , daß sie sich viel mit ihm beschäftigt hatte . Ich sah neben der Säule , an der sie stand , seinen charaktervollen , schön gezeichneten Kopf erscheinen , den sie liebkosend an sich drückte . Er legte seine Lippen an ihre Wange . Das war der Kuß , mit dem er außer mir nur noch Halef auszuzeichnen pflegte . Er hatte sich also mit Schakara ganz ungewöhnlich zusammengefreundet . » Assil ! « rief ich ihn . Meine schwache Stimme klang allerdings gar nicht laut dabei . Er stutzte . » Assiil , lihene - hierher ! « Da kam er mit einem schnellen , kurzen Satze vollends herein und schaute sich um . Ich streckte ihm die Hand entgegen . Er näherte sich , blieb bei mir stehen und sah mich lange zweifelnd an . » Er kann dich nicht erkennen , denn du siehst dir nicht mehr ähnlich , « sagte Schakara . » Assil , mein Lieber , mein Braver , mein Treuer , mein Liebling ! « Da kam er ganz zu mir heran , um mich in nächster Nähe zu beriechen . Er berührte meine Hände , mein Gesicht . Und nun warf er plötzlich den Kopf hoch empor und stieß ein drei- , viermal wiederholtes und so eigenartiges Wiehern aus , wie ich es noch nie von ihm gehört hatte . Hierauf ließ er Schwanz und Ohren spielen und ging unter allerlei drolligen , aber unendlich rührenden Kapriolen bald vorn , bald hinten in die Luft . Diese seine Bewegungen glichen den freudigen Sprüngen eines Hundes , der seinen lange entbehrten Herrn wieder vor sich sieht . Schakara ging hinaus , um einige Handvoll grüner Kischr82 herein zu holen , welche sie ihm auf meine Decke streute . Sie hatte also entdeckt , daß dies seine Lieblingsspeise sei . Aber er fraß sie nicht ; er nahm nicht eine einzige davon , sondern er scharrte , wie dies vor dem Schlafen seine Weise war , mit den Vorderhufen den aus Steinfließen bestehenden Boden und legte sich dann lang und eng an meinem Bette nieder , so daß ich seinen Kopf mit der linken Hand erreichen und dankbar streicheln konnte . Jede Kreatur will Liebe haben und giebt sie doppelt wieder , wenn sie sie empfängt ! Von jetzt an hatte ich nicht mehr mit der Krankheit , sondern nur noch mit der allerdings außerordentlichen Schwäche zu kämpfen , welche ihre Folge war . Ich bekam kräftige , aber leicht verdauliche Nahrung . Der Ustad und der Pedehr kamen täglich wiederholt , um nach mir zu sehen , doch thaten sie das nur , wenn sie wußten , daß ich schlief . Sie wollten vermeiden , mich durch das Sprechen mit ihnen anzustrengen , aber tausend Beweise stiller , liebevoller Aufmerksamkeit sagten mir , daß sie mit ihren Gedanken immer bei mir und Halef seien . Schakara war Tag und Nacht unausgesetzt im Raume . Sie verließ ihn nur dann , wenn kräftige Männerhilfe für uns nötig war . Und aber Halef ? Der lag nun schon drei Wochen lang in tiefster Betäubung . Er atmete nur leise ; der Schlag seines Herzens war kaum noch zu spüren . Ich ließ mich einmal zu ihm hintragen , um ihn anzusehen . Welch ein Anblick bot sich mir ! Ich konnte die Thränen , welche aus meinen Augen brachen , nicht hinunterkämpfen . Man ist als Genesender ja überhaupt weicher als sonst gestimmt . Ich hatte ein Skelett vor mir , dessen Anblick durch die dunkle Petechialhautfarbe doppelt schmerzlich wirkte . Die Augenlider lagen konkav in ihren Höhlen ; die Wangen hatten sich in Vertiefungen verwandelt , und weil der Hadschi sehr gesunde Zähne besaß , trat die untere Partie des Gesichtes wie bei einem Totenkopfe hervor . Genau so wie ihn hatte ich im Gizehmuseum bei Kairo die Mumien von Ramses II , Thutmosis und anderer altägyptischer Herrscher vor mir liegen sehen . Dort die toten Zeugen einstigen Strebens , den Körper ewig zu erhalten , und hier der kaum noch atmende Beweis , daß der Leib , sobald die Seele sich von ihm zu lösen beginnt , der unerbittlichen Zersetzung anheimzufallen hat ! Der Anblick that mir wehe ; ich ließ mich nach meinem Lager zurücktragen . Dort kam mir der Gedanke , nach einem Spiegel zu fragen . Ja , es gab einen . Man brachte ihn mir , und ich schaute hinein . Du lieber Himmel , ich sah nicht viel besser als Halef aus . Es war gar kein Wunder , daß Assil mich nicht erkannt hatte . Wenn ich nicht gewußt hätte , daß ich es sei , so wäre ich wohl kaum auf den Gedanken gekommen , in diesem dunkeln , hippokratischen Schemen mein eigenes Bild vor mir zu haben ! Aber das besserte sich nun von Tag zu Tag . Ich genoß viel Milch , mein Lieblingsgetränk , und erhielt sehr reichlich ausgepreßten Saft von Hühnerfleisch . Bald konnte ich aufrecht sitzen , ohne gleich wieder umzufallen . Das Sprechen strengte mich nicht mehr an , und ich machte an mir die bei Genesenden sehr häufige Beobachtung , daß geistig ganz wertlos scheinende Kleinigkeiten mir ein ungewöhnliches , wenn auch fast kindliches Interesse abgewannen . Es war an einem dieser Tage . Die Sonne stieg dem Untergange zu . Da trug man Kissen hinaus ins Freie , und Schakara fragte mich , ob ich nicht einmal draußen sitzen möge . Der erste Ausflug , zwanzig Schritte weit bis vor die Säulen hin ! Ich stimmte freudig ein . Zwei Männer hoben mich auf und brachten mich hinaus . Das war keine schwere Arbeit , denn ich war sehr leicht geworden . Nun sah ich zum erstenmal die Gegend , in welcher wir uns befanden . Sie mußte auch jedem , der nicht Rekonvaleszent war , als ein Paradies erscheinen . Von da , wo ich mich befand , führten zwölf Stufen auf eine weite , grasige Terrasse hinab , auf welcher Assil und Barkh spazieren gingen oder vielmehr spazieren sprangen . Sie war von Blumenbeeten und blühenden Rosenbäumchen eingefaßt . Mehrere hoch- und breitkronige Dilbiplatanen breiteten schützend ihre Wipfel über diesen freien Platz , von welchem ein gut unterhaltener Zickzackweg hinab zur Sohle des Thales führte . Das Haus des Ustad stand hoch auf stolzer Höhe . Es war auf gewaltigen , altpersischen Mauerresten errichtet und glich mehr einer Burg als einem Wohngebäude , doch konnte ich das jetzt noch nicht sehen . Das vor mir liegende Thal hatte eine elliptische Form , an deren westlicher , schmaler Seite ich hier saß . Es war wohl eine Wegesstunde lang und halb so breit . In der Mitte flimmerten die vom Windeshauche bewegten Wellen eines Sees , welcher rundum von saftig grünem Weideland umgeben war . Ich sah da Pferde , Maultiere , Kamele , Rinder und eine Menge Kleinvieh grasen . Hieran schlossen sich wohlbebaute Felder , welche bis an die rings emporragenden Berge reichten , an denen sich Wein- , Maulbeer- , Frucht- und Blumengärten bis da hinaufzogen , wo der Wald sich seiner Herrschaft nicht berauben ließ . Ich sah lebhafte Wasser von den Höhen fließen , um ihren Weg zum See zu suchen , auf dem - ein Wunder hier in Persien ! - ein kleines Boot sein helles Segel blähte . Ueberall standen Häuser , meist mit platten Dächern , aus festen Steinen aufgeführt und freundlich weiß getüncht . Sie wurden im Winter bewohnt . Für die jetzige Jahreszeit hatte man luftige Zelte errichtet oder auf den Dächern aus Laub und Stangen Hütten gebaut , in denen man des Nachts zu schlafen pflegte . Diese Hütten sind auch in andern Gegenden des Orients gebräuchlich . Man sieht sie z.B. besonders auf den alten , dumpfigen Gebäuden von Beled esch Schech und El Jadschur , welche an der Straße von Haïfa nach Nazareth liegen . Die Berge erreichten hier eine solche Höhe , daß ihnen der Wald nicht bis ganz hinauf zu folgen vermochte . Die Kuppen bildeten alpine Weiden , auf denen die dort grasenden Ziegen dem Auge als ganz winzige Tüpfelchen erschienen . Die Mehrzahl der Häuser und der Zelte lag im Vordergrunde , von welchem aus ein breiter , straßenähnlicher Weg hinauf nach einem Felsenvorsprunge führte , wo ich ein Bauwerk liegen sah , dessen Stil meine Verwunderung erregte . Es war ein nach allen Seiten offener Tempelbau , dessen Dach nur von Säulen , nicht von geschlossenen Wänden getragen wurde . Es gab kein einziges Zeichen , welches verriet , welcher Art von Verehrung es zu dienen habe . Ich sah nur die Säulen und das Dach , sonst weiter nichts . Es gab keinen Altar , keinen einzigen Sitz , keinen Rednerstuhl . Aber an allen Säulen rankten sich blühende Kletterrosen und andere Schlingpflanzen empor , und der ganze Platz rund um den Tempel bildete einen sichtlich mit großer Liebe gepflegten Blumengarten , durch welchen zahlreiche , mit reinlichem Sand bestreute Wandelgänge führten . Noch hing mein bewundernder Blick an dieser Herrlichkeit da drüben , da kam jemand durch den Raum gegangen und blieb hinter mir am Pfeiler stehen . Ich sah ihn nicht , aber ich fühlte ganz deutlich , daß es der Ustad war . Es verging einige Zeit , ohne daß er sich bewegte oder sprach . Auch ich war still . Ich sah hinauf zu den Bergen . Das Licht hatte begonnen , sich aus dem Thale zurückzuziehen . Die leise schreitende Dämmerung stieg empor . Als sie den Fuß des Waldes erreicht hatte , erschienen die freien Höhen wie in flüssiges , leuchtendes Gold getaucht . Die scheidende Sonne gab ihnen den letzten , glühenden Abschiedskuß . Das Gold ging in tiefere Orange- und Purpurtöne über , denen ein kurzer , violetter Schatten folgte ; dann schwang sich das Abendrot von den Bergen himmelwärts , um sich dort für eine andere Welt ins Morgenglühen zu verwandeln . » Gute Nacht ! « klang es mir durch die Seele . Ich hatte das bloß gedacht , und doch ertönte sogleich neben mir die tiefe Stimme des Ustad : » Gute Nacht für uns ; für andere aber bedeutet es den Morgen ! Erlaubst du mir , Effendi , eine kurze Zeit bei dir zu sein ? « » Du bist mir , wie kein anderer , hochwillkommen ! « antwortete ich ihm . Da trat er zu mir heran , legte mir die Rechte auf das Haupt und sprach : » Seit du bei mir in meinem Hause bist , ist ' s heut zum erstenmal , daß deine Krankheit nicht zwischen meinen Worten und dem Verständnisse derselben steht . Sie ist gewichen ; du kannst nun , ungehindert von ihr , das , was ich sage , empfangen und begreifen . Ich heiße dich zum zweitenmal willkommen und bitte dich , bei mir zu bleiben , so lange es dir und deinem höhern Ich , welches ihr Seele zu nennen pflegt , bei mir und meiner Seele gefällt . Ich habe auf dich gewartet . « » Du ? Auf mich ? « fragte ich erstaunt . » Ja . Schon seit langer , langer Zeit . O , ihr wißt gar nicht , wie lange wir schon auf euch warten , auf euch , auf euch , auf euch ! « Er hielt einen Augenblick inne , wie um mir Zeit zu gewähren , über seine Worte nachzudenken ; dann fuhr er weiter fort : » Und nun du endlich , endlich gekommen bist , und zwar in einer Weise , wie ich kaum hoffen konnte , so segne ich dich mit dem besten Segen , den ein Mensch vom Himmel zu empfangen und einem andern Menschen zu geben vermag . Nimm ihn hin von mir , diesen Segen , und glaube nicht , daß er in leeren Worten bestehe ! Er kommt nicht von mir sondern von dem , der die einzige Quelle alles Segens ist ! « Als er das gesagt hatte , trat er von mir weg und setzte sich zu meinen Füßen auf die erste der hinabführenden Stufen nieder . Das war so bescheiden und anspruchslos ; das war so klein , und doch war es so groß ! Nun herrschte eine Weile zwischen uns Schweigen . Die schnelle Dämmerung verwandelte sich in Nacht . Die Häuser waren verschwunden , aber freundliche Lichter tauchten auf , um uns die Stellen zu bezeichnen , an denen Menschen wohnten . Am Himmel wurden die Sterne immer sichtbarer . Ihr Schein reichte hin , uns die erhabenen Gestalten der Berge sichtbar zu machen , um deren baumlose Häupter lichtere Töne webten , welche mein Auge unausgesetzt auf sich zogen . Da deutete der Ustad empor und sagte : » Ich sehe , daß du hinauf zu unsern Bergen schaust . Wollte das Abendland doch stets dasselbe thun ! Aber es scheint nur unsere Thäler kennen zu wollen ! Wenn es von uns redet , so spricht es nur von unsern Tiefen , nicht von unsern Höhen ! Von unserm Alter , nicht von unserer Jugend ! Von unserer Vergangenheit , nicht von unserer Zukunft ! Von unserem Tode , nicht von unserm Leben ! Von unserer Ohnmacht , nicht von unserer Stärke ! Von unserm Verfall , doch nicht von unsern Hoffnungen ! Ich weiß nur einen einzigen Europäer , der anders und besser von uns denkt , und dieser Mann bist du , Effendi . « » Ich habe noch nicht mit dir hierüber gesprochen . Soltest du mich trotzdem kennen ? « fragte ich . » Ja . Wir haben nicht die Mittel des Verkehrs , die ihr besitzt ; aber der Ilahn83 ist ein schneller Reiter . Er eilt von Duar84 zu Duar , um zu verkünden was er sah und was er hörte . Er hat schon längst , schon längst von dir erzählt . Du warst wiederholt ein Gast der Haddedihn , und von ihnen bis herauf zu uns ist gar nicht weit . Du warst schon einigemal in den Bergen Kurdistans . Was da geschah , das haben wir erfahren . Ich habe geahnt , daß deine Seele dich auch zu uns führen werde , und darum sagte ich soeben , daß du von uns erwartet worden seist . Aber es giebt noch eine andere , bessere und zuverlässigere Quelle , aus deren reinem , klarem Wasser mir dein geistiges Angesicht entgegenblickte . Ahnest du vielleicht , wer diese Quelle ist ? « » Nein . « » Ihr Name ist Marah Durimeh . « » Sie ? Meine liebe , liebe Freundin und Beschützerin ? « fragte ich da schnell . » Kennst du sie ? « » Wahrscheinlich kennt sie keiner so gut , wie ich sie kenne . Doch , schweigen wir jetzt von ihr ! Es giebt noch eine andere Person , an die ich jetzt zu denken habe . Als ich am Morgen , nachdem man euch zu mir gebracht hatte , eure Waffen sah , fiel mir ein Chandschar85 auf , der bei dir gefunden worden war . « » Kennst du ihn ? « fiel ich rasch ein . » Ja . Es kennen ihn sehr viele . Ist er ein Geschenk ? « » Ja . « » Wo hast du ihn bekommen ? « » In Amerika . « » Bon wem ? Verzeih , daß ich dich frage ! Es ist nicht müßige Neugierde , die mich zu dieser Erkundigung veranlaßt . « » Von einem Perser , Namens Dschafar . « » Mirza Dschafar , der Sohn von Mirza Masuk ? « » Ja , von ihm . « » Er gab dir die Waffe mit der Versicherung , daß derjenige , der ihm diesen Chandschar vorzeige , sei er , was er sei , darauf rechnen könne , daß er alles für ihn thun werde ? « » So ist es . Also auch diese Worte sind dir bekannt ! « » Nicht nur sie und nicht nur alles , was Mirza Dschafar mit dir erlebte , sondern auch alles , was er mit dir gesprochen hat . Du siehst also , daß ich dich besser kenne , als du wohl ahnen konntest . Darum weiß ich ganz genau , wie du über das Morgenland und sein Verhältnis zum Abendlande denkst . Ich begreife , daß du näheres über Mirza Dschafar erfahren möchtest , bitte dich aber , mich jetzt nicht zu fragen . Du gehst ja noch nicht fort von mir , und wir haben also Zeit genug , über diesen mir so wichtigen Mann zu sprechen . Es liegt ein Geheimnis über ihm , und ich weiß jetzt noch nicht , ob ich es dir so weit , wie ich es kenne , enthüllen darf . « Er schwieg . Auch ich war still . Wie wunderbar die Fäden des menschlichen Lebens gesponnen werden ! So fern die Maschen von einander liegen , es kommt ganz unerwartet ein Faden , der sie eng vereinigt . Wer sind die Arbeiter , die an unsern Webstühlen sitzen ? Wir selbst ? Wer liefert uns das Garn ? Wer bringt es auf die Spule ? Wer legt die Kette um den drehenden Rahmen ? Wer legt die Muster auf ? Wer lenkt das unermüdliche Schiffchen Tag für Tag , Stunde für Stunde , vom ersten bis zum letzten Augenblicke unserer Erdenzeit ? Immer und immer nur wir selbst ? Wir armen armen , kurzsichtigen Thoren ! Es lag in diesem Gedankengange , daß mein Blick hinüber nach dem Blumentempel geführt wurde . Ich fragte den Ustad , was das für ein Gebäude sei . » Es ist unser Beit-y-Chodeh86 « , antwortete er . » Du kannst es auch Beit Allah nennen . Chodeh und Allah ist ja gleich . Ihr nennt ihn Gott ! « Da aber wendete er , der mir bisher die Seite zugekehrt hatte , sich plötzlich ganz zu mir herum und sagte : » Gott - Allah - Chodeh - welch eine Todsünde , zu behaupten , daß diese drei Worte nicht Verschiedenes bedeuten ! Ich sah einen englischen Missionar , welcher seinen Schülern befahl , den Schöpfer und Erhalter aller Dinge nur englisch God zu nennen ; Allah und Chodi seien ganz andere Götter ! Als ob der Ewig-Ewig-Eine von irgend einem sich überhebenden Menschenkinde gezwungen werden könne , für jede andere Sprache und für jede andere Art , in der die Sterblichen zu ihm lallen , auch ein anderes Wesen anzunehmen ! So ein Thor stellt sich hoch über Gott , indem er es in seiner Verblendung wagt , zu bestimmen , welches Wort der einzig richtige Name des Weltenlenkers sei ! Hast du als Christ den Mut , Gott Allah oder Chodeh zu nennen , Effendi ? « » Wenn ich überhaupt schon den Mut besitze , von Gott oder gar im Gebete mit Gott zu sprechen , so ist der Mut , den du meinst , wohl selbstverständlich . Ich besitze nicht die Macht , Gott vorzuschreiben , wie er sich in den verschiedenen Ländern der Erde nennen zu lassen habe . Und ich bin auch nicht so wahnsinnig , zu behaupten , daß Gott ein Wesen sei , dessen Namen nur aus Buchstaben des deutschen Alphabetes zusammengesetzt werden könne . « » So denke auch ich . Man giebt ihm in jeder Sprache und in jeder Anbetungsweise so viele und so verschiedene Namen ; aber er ist und bleibt stets derselbe . Welches Menschenwort könnte ihn umfassen ? Von welchem irdischen Gebäude dürfte man sagen , daß er hier ausschließlich wohne ? Darum haben wir zwar die Säulenhalle da drüben errichtet , aber wir nennen sie nicht sein Haus , sondern unser Gotteshaus . Dieses haben wir für uns gebaut , nicht aber zur Wohnung dessen , der allgegenwärtig ist und sich nicht etwa von einem andern Orte und von andern Menschen entfernen kann , um , uns zum Vorzuge , bei uns einzuziehen . Wer einen besondern Ort für Gott bestimmt , der begeht die Sünde , dem allumfassenden Geiste die Fesseln von Raum und Zeit anlegen zu wollen . - - - Warum ist es zu allererst Chodeh , von dem ich zu dir spreche ? Warum habe ich nicht mit etwas anderem begonnen ? Du solltest vor allen Dingen und zunächst wissen , wem dieses Haus und dieses kleine Reich gehört , dessen Lichter du da unten glänzen siehst . Ich wollte dir damit sagen , daß du dich bei Leuten befindest , welche wissen , wem sie angehören . Und wir sagen nicht bloß , daß wir ihm dienen , sondern wir sind jederzeit bereit , dieses Wort in Thaten zu verwandeln . Horch ! Da hast du gleich Gelegenheit , so eine That zu hören . « Die beiden Glocken begannen , über uns zu klingen . » Warum läutet man ? « fragte ich . » Um zum Gebete aufzufordern . Irgend ein Bewohner unsers Thales sendet in diesem Augenblicke seine Seele zu Chodeh empor ; er hat das hier gemeldet ; die Glocken klingen , und so weit ihre Stimmen zu hören sind , faltet jedermann die Hände , und tausende von Herzen beten mit . Ich thue es auch ! « » Ich ebenso ! « Es war , als ob diese meine zwei Worte mit Willen begabte Wesen seien , welche meine Hände faßten , um sie ineinander zu legen . Muß man wissen , um was jemand bittet , um mit ihm beten zu können ? Nein ! Der Glaube trägt die Nächstenliebe himmelan ; der Gegenstand des Wunsches braucht nicht genannt zu werden . » Euer Vater weiß , was ihr bedürfet , noch ehe ihr darum bittet . « Giebt es vielleicht ein Dogma oder irgend ein Glaubensbekenntnis , gegen welches ich gesündigt hätte , indem ich hier als Mensch mit andern guten Menschen meiner brüderlichen Pflicht gedachte ? Ich hoffe : keines ! Es sei denn , daß eine Religion existiere , welche die Verknöcherung des Herzens zur unbedingten Folge hat ! Es war eine ganz eigenartige Atmosphäre , aus welcher ich hier an diesem Orte und in dieser Stunde körperlich und geistig Odem sog. Da unten in Basra hatten wir die pest- und fieberschwangern Dünste einer nicht bloß orographischen Tiefe eingeatmet ; hier oben aber umwehte mich , auch nicht bloß äußerlich , eine Lebensluft , die frei von Keimen zum Erkranken war . Ich hätte behaupten mögen , daß nie ein Glockengeläut so rein erklungen sei wie dieses hier . Vielleicht waren die aufsteigenden Fürbitten von eben derselben Lauterkeit , weil niemand wußte , um wen und um was es sich handelte . Dieser von jeder Aeußerlichkeit erlöste Gottesdienst wirkte so unmittelbar und siegreich auf das Gemüt , daß eine Frage nach Knigges » Umgang mit Andersgläubigen « gar nicht aufkommen konnte . Nur einem vollständig herz-und gemütslosen Menschen wäre es zuzutrauen gewesen , hier ohne sowohl innere als auch äußere Teilnahme zu bleiben . Als der letzte Ton der Glocken zwischen den Bergen verklungen war , verharrte der Ustad noch einige Zeit im Schweigen ; dann wendete er sich mir wieder zu und sagte : » So wie jetzt wurden die Glocken geläutet , mitten in der Nacht , als man dich und den Scheik der Haddedihn hier bei mir eingebettet hatte . Es gab keinen einzigen Dschamiki , der sich nicht dem Schlafe entriß , um für euch zu beten . Und alle , alle , sind auch dann noch mit dieser Fürbitte einverstanden gewesen , als sie erfuhren , daß ihr unsern Chode Gott und Allah nennet . Wäret ihr beide bei uns gestorben , so hätten wir euch nicht etwa abseits eingescharrt , sondern ihr wäret unter Glockenklang und Liedersang auf den Berg getragen worden , wo alle unsere Brüder und Schwestern liegen , die sich verwandelt haben . Wir hätten euch gesegnet , wie wir sie gesegnet haben , und euch die schönsten und duftendsten unserer Rosen auf die Gräber gepflanzt . Denn wir verheimlichen nicht , was wir wissen und was wir glauben und was kein guter unbefangener Mensch bezweifeln kann , nämlich daß nicht wir die Richter sind , welche über die Seligkeit oder Verdammnis der Sterblichen zu bestimmen haben . Sag , würde man auch bei euch Christen einem Andersgläubigen die Glocken läuten und den Segen geben ? Ich frage dich nicht , um eine Antwort zu erhalten , denn ich weiß , daß du sie mir nicht geben darfst . « Als er jetzt schwieg ,