Khalid gehen . Er war blind , und konnte es also nicht sehen . Folglich stellte ich ihn nicht front zum Feuer , sondern ein ganz wenig nach rechts gedreht . Die Folge zeigte dann , daß das ganz richtig gewesen war . Er behielt diese Stellung die kurze Zeit bei , während welcher ich mit Halef hinter den Felsen ging , um die beiden Fackeln anzuzünden , was sehr leicht und schnell geschah , weil sie oben ausgefasert waren . Sobald sie brannten , sprangen wir zu dem Münedschi zurück und gaben sie ihm mit der Weisung in die Hände , nun grad vorwärts zu gehen und sie schräg nach oben , damit kein Funke auf ihn fliege , weit von sich abzuhalten . Er that das und setzte sich langsamen Schrittes in Bewegung . Diese Uebergabe der Fackeln war natürlich so rasch geschehen , daß der Vorgang vom Lager der Beni Khalid aus nicht anders als ein plötzliches Erscheinen zweier Lichter bemerkt werden konnte . Obgleich der Schein dieser beiden flackernden Flammen ein so beweglicher und darum ungewisser war , daß unsere Gestalten nicht von ihm fixiert werden konnten , waren wir doch so vorsichtig , uns niederzuducken , um die Möglichkeit , dennoch gesehen zu werden , gänzlich auszuschließen . Zunächst hatte es den Anschein , als ob der Blinde viel zu weit nach rechts gehen werde , was Halef zu der besorgten Bemerkung veranlaßte : » Sihdi , er wird zwischen den Leuten und den Kamelen hindurchgehen , und dies bringt uns um die Hälfte des Erfolges ! Wenn alles so gelingen soll , wie wir wünschen , müssen die Beni Khalid ihn genau auf sich zu kommen sehen , und dies ist leider nicht der Fall ! « » Diese Sorge ist unnötig , « antwortete ich . » Er wird sich allmählich nach links wenden . Paß nur auf ! « Und wie ich gesagt hatte , so geschah es : Die Linie , welche er ging , neigte sich , als ob unser Wunsch ihm Führer sei , nach und nach dem uns am nächsten liegenden Feuer der Beduinen zu . Ich hatte also ganz richtig gerechnet . Was die Beni Khalid betrifft , so schienen ihnen die Flammen während der ersten Augenblicke des Brennens entgangen zu sein ; aber noch hatte der Münedschi nicht zwanzig Schritte gethan , so zeigte sich der Beginn der von uns erwarteten Wirkung . Wir hörten zunächst einige laute , aufmerksam machende Rufe und sahen dann , daß die Beduinen aufsprangen . Zwei so plötzlich in der Finsternis auftauchende Flammen ! Was war das ? Was hatte das zu bedeuten ? ! Sie mochten dabei wohl an uns , an die Mekkaner und ihren Scheik denken ; aber aus welchem Grunde konnte es einem von den genannten Leuten einfallen , in dieser befremdenden Weise vom Brunnen hierher zu kommen ! Sie standen still , erwartungsvoll und stumm . Je mehr der Blinde sich ihnen näherte , desto deutlicher wurde ihnen seine Gestalt . Seine hoch aufgerichtete Figur , seine langsamen , feierlichen Schritte verfehlten ihren Eindruck nicht . Sie wurden bestürzt . Sein ehrwürdiges Gesicht , sein langer , silberweiß glänzender Bart trat immer mehr hervor . Dazu seine wallende Kleidung , welche weit mehr als ein europäischer Anzug geeignet war , ihm ein geisterhaftes Aussehen zu verleihen , das bewegliche Flackern der Fackeln , deren düsterrot glühende Lichter mit hin und her huschenden Schatten wechselten , als ob er von tanzenden , springenden und schleichenden Dschinnen103 umgeben und begleitet werde - - ihre Bestürzung wuchs und verwandelte sich in Furcht . Jetzt , jetzt erkannten sie sein Gesicht , und die Entscheidung , ob wir unsere Absicht erreichen würden oder nicht , war gekommen . Wenn sie ihre Angst bemeisterten und ihn festnahmen , hatten wir uns im höchsten Grade lächerlich gemacht und unsere Angelegenheit verschlimmert anstatt verbessert ! Aufrichtig gestanden , war ich beinahe überzeugt , daß wir einen Mißerfolg haben würden ; nicht so aber die Haddedihn , welche vor Spannung kaum zu atmen wagten und bereit zum schnellen Vorwärtsspringen waren . » Es gelingt , es gelingt vortrefflich ! « raunte Halef seiner Hanneh und mir zu . » Sie haben solche Angst , daß es mir ist , als ob ich sie zittern sähe ! « » Ja , es gelingt ! « stimmte sie bei . » Wie schön , daß ihr mich mitgenommen habt ! Paßt auf ! Nur noch einen Augenblick , so werden sie die Flucht ergreifen ! « Ich zweifelte noch immer ; aber die » beste aller Frauen « sollte Recht bekommen ; denn gerade jetzt ertönten von den Feuern her die Rufe : » El Chajal , el Chajal - - das Gespenst , das Gespenst ! Allah beschütze uns ! Reißt aus , reißt aus ! « Hierauf wurden alle vorhandenen Beine , die nicht gefesselt waren , so energisch in Bewegung gesetzt , daß wir nach nur einigen Sekunden keinen einzigen Ben Khalid mehr sehen konnten . Nun schnellten die Haddedihn vorwärts , Halef an ihrer Spitze ; ich folgte ihnen , allerdings etwas langsam . Hanneh sollte eigentlich stehen bleiben , war aber über das Gelingen ihres Planes so enthusiasmiert , daß sie , die gebotene weibliche Zurückhaltung ganz vergessend , sich auch in eilige Bewegung setzte , mir zurufend : » Mach schnell , Effendi , mach schnell ! Haltet den Münedschi auf , sonst läuft er grad in das Feuer hinein ! « Da diese Warnung nicht ganz unnötig war , folgte ich ihr und erreichte den Blinden so , daß er kaum noch zehn oder zwölf Schritte zu thun brauchte , um sein bis zur Erde herabreichendes Gewand in Flammen zu setzen . Als ich ihn angehalten hatte , war Hanneh auch schon da . Ich nahm ihm die Fackeln aus den Händen , übergab ihn ihr und bat sie : » Führe ihn fort , dahin zurück , wo wir gestanden haben ! Ihr dürft uns hier nicht im Wege sein ! « » Aber , Effendi , ich will doch zusehen ! « entgegnete sie . » Das ist unmöglich ; das geht nicht so , wie du denkst ! Schau , wie alle sich beeilen ! Wir müssen schnell sein , denn wenn die Beni Khalid sehen , was hier geschieht , so kehren sie zurück , und ihr beide könnt euch nicht so rasch entfernen , wie es notwendig ist . Fort also , fort ! Oder willst du uns zwingen , deinetwegen Blut zu vergießen ? « » Das nicht ; nein ; ich gehe schon ! « Sie nahm den Blinden bei der Hand und entfernte sich mit ihm . Ich hatte , während ich mit ihr sprach , die Fackeln , natürlich mit den Griffen nach unten , so daß sie weiterbrannten , in den Sand gesteckt und nahm den übergehängten vielschüssigen Stutzen vor , um die etwa zurückeilenden Beduinen durch ein ihnen unbegreifliches Schnellfeuer abzuschrecken ; aber sie schienen so weit gelaufen zu sein , daß sie das , was jetzt hier vorging , wohl nicht genau sehen konnten . Das erste , was unsere Haddedihn thaten , war natürlich , die Soldaten zu befreien ; diese sprangen , sobald sie nicht mehr gebunden waren , auf . » Nun möchten wir eure Kamele haben , « sagte Halef zu ihnen ; » die sind aber in der Dunkelheit nicht schnell genug herauszufinden ! « Es war ein Unteroffizier bei ihnen ; dieser antwortete : » Wir wissen , wo sie sind . Es ist die erste Reihe dort am Felsen . Die andern Reihen gehören den Beni Khalid . « » Und eure Waffen ? « » Sie stecken mit allem , was man uns sonst noch abgenommen hat , in dem Felseneinschnitte am Brunnen , wohin wir gleich nach unserer Gefangennahme geschafft worden sind . « Da erkundigte ich mich an Halefs Stelle : » Seid ihr trotz der Dunkelheit imstande , diesen Ort zu finden ? « » Ja . « » So nehmt jetzt schnell eure Kamele , und dann holt ihr auch diese Sachen ! Hier sehe ich zwei Säcke mit Kameldünger zum Feuern liegen . Nehmt sie mit ! Wir brauchen sie ! « Sie thaten das und suchten dann ihre Kamele auf . Ich blieb mit Halef noch eine kleine Weile stehen , ohne daß sich ein zurückkehrender Ben Khalid sehen ließ ; dann traten wir ihre Feuer aus , nahmen jeder eine der noch brennenden Fackeln und gingen zu Hanneh , welche mit dem Münedschi wieder bei dem Felsen stand . Wir hatten nur ganz kurze Zeit zu warten , bis die Soldaten mit ihren Tieren bei uns waren . Der Unteroffizier mußte mir die Lage des Felseneinschnittes beschreiben , und da ich daraus entnahm , daß man vom Brunnen aus nicht dahin sehen konnte und uns also von dort aus niemand bemerken könne , brauchten wir die Fackeln nicht auszulöschen und zogen bei ihrem Scheine mit den Kamelen diesem Ziele zu . Die Stelle lag auf der dem Brunnen entgegengesetzten Seite , nämlich nach Westen , er aber nach Osten . Ich sah , als wir dort ankamen , das Gestein auseinander treten und eine ziemlich tiefe , aber nicht breite Kluft bilden , in welcher die Asaker104 mit den Fackeln verschwanden . Sie kamen bald mit ihren Sachen wieder , und ich wies sie an , sich an der Nordseite des Felsens zu lagern und zu warten , bis wir sie holen lassen würden , aber nach Süd und West je einen Posten auszustellen , um , falls die Beni Khalid ja noch während der Nacht nachforschen sollten , vor einer Ueberraschung durch sie sicher zu sein . Ich wollte Tawil Ben Schahids wegen die Soldaten nicht gleich mit nach dem Brunnen nehmen , weil ich es für besser hielt , ihm ihre Befreiung jetzt noch zu verschweigen . Nach dieser Anordnung kehrten wir zu unserm Lager zurück , trennten uns aber vor demselben von Hanneh und dem Münedschi , welche im Dunkeln , und also von unseren Gefangenen ungesehen , nach ihrem Ruheplatz hinübergingen . Der Perser war nicht mit uns gewesen . Er saß mit Kara Ben Halef beisammen und teilte uns mit , daß El Ghani und Scheik Tawil sich während unserer Abwesenheit außerordentlich widerspenstig benommen hätten und er es für das Beste halte , ihre an Frechheit grenzende Zuversicht dadurch herunterzustimmen , daß wir uns jetzt gleich anschickten , in Beratung über die zu treffenden Strafen zu treten . » Ja , das soll sofort geschehen , « sagte der kleine , gernfertige Hadschi . » Je eher die Strafe kommt , desto länger wirkt sie , und je länger sie wirkt , desto inniger wird man mit ihr bekannt und desto mehr liebt man sie . « Da fiel der Scheik der Beni Khalid schnell ein : » Von einer Strafe kann bei mir nur in dem Sinne die Rede sein , daß ich euch bestrafe , aber nicht ihr mich ! « » Hast du schon vergessen , daß du jetzt nicht sprechen sollst ? « wies Halef ihn zurecht . » Wenn du so herzlich wünschest , nicht bestraft zu werden , gut , so werden wir dir zu deinem Glücke nicht hinderlich sein , sondern dir diesen Wunsch sehr gern erfüllen . Du wirst also nicht bestraft , sondern belohnt werden , und zwar mit einer solchen Tracht von Prügeln , daß sie gar nicht auf einmal auf deine Haut zu bringen sind , sondern wir sie in mehrere Portionen teilen müssen ! Und wenn du noch einmal redest , ohne um Erlaubnis zu fragen , so sorge ich dafür , daß dir diese Belohnung verdoppelt wird ! « Er schlug dabei in sehr energischer und bezeichnender Weise auf den Griff seiner Peitsche , und da hielt der Scheik es denn doch für geraten , still zu sein . Wir drei aber setzten uns zusammen , um die zwar sehr einfach scheinende , aber doch höchst schwierig zu erledigende Angelegenheit mit einander zu besprechen . Dies geschah selbstverständlich in der Weise , daß weder El Ghani noch der Scheik etwas davon hörten . Darüber , daß der letztere straffrei ausgehen werde , waren wir gleich anfangs einig . Um so mehr Bedenken verursachte uns der erstere mit seinen Begleitern . Khutab Agha hatte sie nach Meschhed Ali bringen wollen , wo ihnen der Tod , und zwar kein gewöhnlicher , gewiß gewesen wäre . Das durften aber wir nicht zugeben , weil wir an unser dem Scheik gegebenes Versprechen gebunden waren . Er erklärte , daß er darauf verzichte , sie mitzunehmen , aber diesen Ort hier nicht eher verlassen werde , als bis die Beraubung des Heiligtums in der strengsten Weise an ihnen gerächt worden sei . » Das ist ja eben das , was wir leider nicht zusammenbringen können , « klagte Halef . » Du verlangst die strengste Strafe , also eine Bestrafung am Leib oder gar am Leben , und das ist gegen dieses unser Versprechen . Hätte ich es doch nicht gegeben ! « » Beruhige dich , lieber Halef ! « warf ich ein . » Dieser Fehler darf sich nicht über Einsamkeit beklagen ; er befindet sich in guter Gesellschaft . « » Soll das heißen , daß ich auch noch andere gemacht habe ? « » Ja . « » Welchen zum Beispiel ? « » Als der Scheik der Beni Khalid zum erstenmal unser Gefangener war , hast du als Auslösung gegen ihn nur hier unsern Freund Khutab Agha verlangt ; mir aber hätte er auch die Soldaten geben müssen . « » Die haben wir nun auch ! « » Ja , nun ! Das ist aber keine Entschuldigung ! Doch lassen wir die Vorwürfe weg ! Es handelt sich um eine strenge Bestrafung , aber am Leibe nicht und am Leben nicht . Etwa an Hab und Gut ? Er hat ja nichts mit ! An der Ehre ? Er besitzt keine ! Andere Strafarten , die ich vorschlagen könnte , erfordern Zeit , lange Zeit , und die steht uns nicht zu Gebote . Ich muß zu meiner Beschämung gestehen , daß ich keinen Rat weiß . « » Ist das wahr , Sihdi ? « fragte Halef schnell . » Ja . « » Du weißt keinen Rat , wirklich keinen ? « » Wirklich ! « » Allah ' l Allah ! Mein Sihdi und Effendi weiß einmal keinen Rat ! Jetzt können wir uns in die Teppiche des letzten Gebetes einnähen lassen , denn der letzte Tag bricht an ! « » Scherze nicht ; mir ist die Sache ernst ! « verwies ihn der Perser . » Wenn ich heimkehre , ohne die Diebe mitzubringen , so muß ich wenigstens sagen können , daß sie nach der Größe ihrer Missethat bestraft worden sind . Euer Versprechen macht mir dies aber unmöglich ! « » Zürne nicht ! « bat Halef . » Es giebt bei jeder Verlegenheit einen Weg , ihr zu entgehen , also auch bei dieser . Es gehört zwar Klugheit dazu , aber glücklicherweise kenne ich den Ort , wo ich sie zu suchen habe . Was man im Selamlük105 nicht findet , das muß man im Harem106 suchen , und da mein Effendi keinen Rat weiß , werde ich zu Hanneh gehen ! « Er sprang so schnell auf , daß ich ihn nicht halten konnte , und eilte fort . Er war vollständig überzeugt , daß Hanneh helfen könne und auch helfen werde , und diese seine Ueberzeugung steckte mich an . Richtig ! Als er schon nach kurzer Zeit zurückkehrte , nahm er seinen Sitz mit einem wonnevollen Lächeln wieder ein und sagte : » Ich habe mich nicht geirrt , denn Hanneh , der schlaue Inbegriff sämtlicher Klugheiten , war augenblicklich mit einer Auskunft da . « Er sah uns erwartungsvoll an , ob wir in Worte der Bewunderung ausbrechen würden , und als wir aber gar nichts sagten , fragte er mich : » Willst du denn nicht wissen , was sie gesagt hat , Sihdi ? « » Jawohl will ich es wissen ! « » Du fragst mich aber doch nicht ! « » Gut , so frage ich dich jetzt . Welches Mittel hat sie geraten ? « » Ihr Mittel heißt Bastonnade . Ist das nicht großartig ? « » Findest du es so ? « » Natürlich ! Und du ? « » Nicht ! Du kannst doch sicher sein , daß wir beide , nämlich Khutab Agha und ich , auch schon an die Bastonnade gedacht haben ! « » Aber nicht in der richtigen Weise ! « » Wieso ? « » Ihr habt folgendermaßen gedacht : Die Mekkaner dürfen nicht an Leib und Leben gestraft werden ; die Bastonnade aber trifft den Leib und kann sogar , wenn der Hiebe zu viele fallen , tödlich wirken ; folglich dürfen wir sie nicht in Anwendung bringen . Nicht wahr , so waren eure Gedanken ? « » Wenigstens die meinigen , ja . « » Das ist aber falsch , vollständig falsch ! Hanneh , die scharfsinnigste aller Frauen , macht das viel besser . Beantworte mir die Fragen , die ich an ihrer Stelle an dich richte ! Wenn die Bastonnade nicht tötet , ist sie da eine Strafe am Leben ? « » Nein . « » Du ziehst die Pantoffel an die Füße ; sind sie da eine Bekleidung für den Leib ? « » Eigentlich nicht . « » Was eigentlich ! Du kannst die Pantoffel nicht an den Leib ziehen und wirst sie auch nicht als Leibbinde anlegen . Sie gehören nur an die Füße . Weiter : Wohin bekommt man die Bastonnade ? « » Auf die Fußsohlen . « » Wird da der Leib bestraft ? « » Ja , denn die Füße sind ein Teil des Leibes . « » Nein ! Sie sind ein Teil des menschlichen Körpers , aber nicht des Leibes . Lautet aber unser Versprechen etwa so , daß die Mekkaner nicht an Körper und Leben bestraft werden sollen ? « » Nicht an Leib und Leben , « antwortete ich sehr ernsthaft , obgleich seine Art und Weise mich innerlich belustigte . » Nun gut ! Hanneh hat also vollständig recht , wenn sie sagt : Wenn ihr ihm die Bastonnade in der Weise gebt , daß er nicht daran stirbt , so handelt ihr nicht gegen euer Versprechen , denn er bekommt sie nicht auf den Leib , sondern auf die Sohlen seiner Füße , welche zwar Teile des Körpers , aber nicht des Leibes sind . Nun , Effendi , was denkst du nun ? Bewunderst du nicht die Folgerichtigkeit der unübertrefflichen weiblichen Gedanken , welche ich euch jetzt aus meinem Tachtirwan herübergeholt habe ? « » Ja , ich zolle ihnen meine Bewunderung . « » Schön ! Da aber Bewunderung zugleich Anerkennung bedeutet , so liegt in diesen Worten die Zustimmung , welche wohl auch du , Khutab Agha , mir nicht verweigern wirst ! « Der Perser erteilte seine Einwilligung nur zu gern : » Ich danke dir , Hadschi Halef , ich danke dir von ganzem Herzen ! Erst schien es , als ob diese verruchten Diebe sich hohnlächelnd hinter eurem Versprechen verbergen könnten , und ich hatte schon den stillen Entschluß gefaßt , sie auf meine eigene Faust zu bestrafen , was mir niemand verbieten kann , weil ich mich durch kein Versprechen verpflichtet habe , ihnen nichts zu thun . Um so mehr freut es mich , daß die Blume deines Herzens uns diese schöne und hochwillkommene Erleuchtung gespendet hat , und es kann mir gar nicht in den Sinn kommen , mit meiner Einwilligung auch nur einen Augenblick zu zögern . Diese diebischen Schänder des Heiligtums sind um so strafbarer , als sie ihr Verbrechen als unsere Gäste und Abgesandte des Großscherifs begangen haben , und es versteht sich darum ganz von selbst , daß wir uns nicht etwa für einen milden Grad der Bastonnade entscheiden ! « » Das fällt uns nicht ein ! « stimmte Halef sehr gern bei . » So viel wie möglich ; das ist der Grundsatz , welcher uns zu leiten hat , wenn wir die Zahl der Hiebe bestimmen . « » Ganz recht ; so viel wie möglich ! Die meisten aber hat der Ghani zu bekommen , weil er der Urheber des Verbrechens und zugleich der boshafteste von ihnen allen ist . Da wir über diesen Punkt unter uns wohl sehr einig sind , bitte ich dich , Hadschi Halef , mir zu sagen , welches Quantum du für jeden einzelnen bestimmst . « » Einzeln ? Hm ! Am liebsten wäre es mir , wenn jeder einzelne die ganze Summe bekäme , weil da jeder das , was er zu viel erhalten hat , den andern zurückgeben könnte , was eine unaufhörliche Bastonnade zur Folge hätte . Die Bestimmung , welche du von mir verlangst , ist schwer zu treffen . Möglichst viel ; aber Keiner darf daran sterben ! Ich schlage also zunächst eine Probebastonnade vor , durch welche wir erfahren , wieviel Hiebe jeder von ihnen aushalten kann . Wenn wir das dann wissen , ist die Zahl der Schläge leichter zu bestimmen . « » Das ist wohl wahr , « lächelte der Perser . » Leider aber würde dieser Versuch uns um die eigentliche Vollstreckung bringen , weil wir zu lange auf die Heilung der Sohle warten müßten , und dazu haben wir ja keine Zeit ! « » So nehmen wir die Probe gleich als Vollziehung und beschäftigen uns mit jedem Paar der Sohlen so lange mit hingebender Aufmerksamkeit , bis wir sehen , daß seine Zufriedenheit den höchsten Grad erreicht hat . « » Das ist das einzig Richtige ; ich stimme bei ! « » Ich natürlich auch , da es doch mein eigener Vorschlag ist ! Und du , Sihdi ? Was sagst du dazu ? « » Ich gebe auch meine Einwilligung , « antwortete ich , da dieses Urteil mir ein Einschreiten immer offen ließ . » Ich danke dir ! « nickte mir der Hadschi freundlich zu . » Schon dachte ich , du würdest in deiner bekannten , nur allzu oft geübten Milde deine Stimme gegen diesen unsern ebenso gerechten wie weisen Beschluß erheben . Wir sind also einig , und nun fragt es sich nur noch , wann die Bestrafung vorgenommen werden soll . Ich stimme für jetzt gleich . « » Ich auch , « erklärte der Basch Nazyr . » Ich nicht , « sagte ich . » Warum nicht ? « fragte Halef . » Weil jetzt der nötige Effekt fehlen würde . Ein Exempel muß am hellen Tage und vor den Augen sämtlicher Krieger der Beni Khalid statuiert werden . « » Das ist richtig , ganz richtig , außerordentlich richtig ! « belobte mich der Hadschi , ohne sich zu sagen , daß mich ein heimlicher Grund zu diesem Vorschlage veranlaßt haben könne . » Jetzt bist du so , genau so , wie ich mir meinen Effendi immer wünsche ! Du bist zu meinem größten Leidwesen so oft der Meinung gewesen , daß man das Ebenbild Gottes nicht durch Prügel schänden und beleidigen dürfe ; ich aber sage dir , daß für einen Menschen , der sich dieses Ebenbildes entäußert hat , grad nur die Prügel die allein richtige Bestrafung bilden . Der Verbrecher ist und bleibt im allgemeinen ein Mensch , und so soll die Strafe menschlich sein ; aber wenn zu seiner That sich noch besondere Unmenschlichkeiten gesellen , so ist der Stock die allein richtige Antwort darauf . Es kommt auch auf die Art und Weise an , in welcher gegen das Gesetz gehandelt wird , und ich bin überzeugt , daß viele , viele Rohheiten , Frechheiten und Schamlosigkeiten unterbleiben würden , wenn die Betreffenden überzeugt wären , daß darauf die Prügel die unbedingte und unvermeidliche Folge seien . Ja , wir warten bis früh , weil da das den Mekkanern gereichte Gericht durch die vielen auf sie gerichteten Augen die verschönernde und verfeinernde Würze bekommt . Aber dagegen wirst du doch nichts haben , daß ich ihnen schon jetzt mitteile , wie freundlich wir für ihre Morgenunterhaltung sorgen werden ? Ich setze sie durch diese zarte Rücksicht in den Stand , die lieblichen Wohlgeschmäcke der Bastonnade schon jetzt in Gedanken mit Wonne vorauszugenießen ! « » Das magst du thun ; ich will dich gar nicht hindern . « Da erhob er sich von seinem Sitze , was mir die Ueberzeugung gab , daß er beabsichtigte , seine Mitteilung in eine schöne , rhetorisch tadellose Form zu kleiden . Das war ja seine geliebte Spezialität . Sich an die Mekkaner wendend , sprach er mit lauter Stimme , um auch von Hanneh drüben gehört und verstanden zu werden : » Ihr habt den aus drei erlauchten Richtern bestehenden Ars odassi es Sahra 107 jetzt hier vor euch versammelt gesehen . Diese edlen und erhabenen Rechtsgelehrten , vor denen es kein Ansehen der Personen und keinen nachträglichen Justizmord giebt , sind mit den Augen ihres Geistes und den Blicken ihres Scharfsinnes in die moralischen Tiefen des von euch begangenen Diebstahles eingedrungen . Sie haben die Verworfenheit eurer Herzen , die Verwahrlosung eurer Seelen , die Unzulässigkeit eurer Absichten und die große Strafbarkeit der Ausführung so vollständig durchschaut und so vollkommen erkannt , daß eure Schuld in ihrem ganzen , zur Rache fordernden Umfange vor ihnen liegt . Da jede Schuld , also auch die eurige , gesühnt werden muß und dieser Gerichtshof dazu berufen ist , nicht nur die Art und Weise sondern auch die Höhe der durch euer Verbrechen herausgeforderten Strafe erst zu bestimmen und dann an euch vollziehen zu lassen , so neige ich mich in Freundlichkeit zu euch nieder , um euch den von uns gefällten Urteilsspruch zunächst vor die Füße und dann euch in die Herzen zu legen . Wir haben nämlich beschlossen , euch das Andenken an die Beraubung des Kanz el A ' da so tief und unauslöschlich auf die Fußsohlen zu zeichnen , daß ihr euch nie darüber beklagen könnt , für euer späteres Dasein keine liebe Erinnerung daran von uns mitbekommen zu haben . Da diese Eingrabung der Denkzeichen bei Beginn des Morgens und im Beisein sämtlicher Krieger der Beni Khalid von unserer Seite gewiß mit dem größten Nachdrucke vorgenommen wird , so sind wir überzeugt , daß ihr sie dann von eurer Seite mit derjenigen Tiefe des Verständnisses und des Gefühles entgegennehmen werdet , welche unbedingt nötig ist , wenn unser dabei gehegter Wunsch in Erfüllung gehen soll , auch später in der Ferne mit euch und euern Gedanken in steter und ununterbrochen schöner geistiger Beziehung zu bleiben ! « Hierauf machte er ihnen eine liebenswürdige Verbeugung und setzte sich dann wieder nieder , vollständig überzeugt , daß er seine Sache gar nicht besser hätte machen können . Die Mekkaner waren zunächst still ; sie hatten den Eindruck des Gehörten erst zu überwinden . Nicht so aber der Scheik der Beni Khalid , welcher , ohne zu berücksichtigen , daß er in unsern Händen war , zornig aufbrauste : » Was fällt euch ein ! Ist etwa der Diebstahl , der euch nur als Vorwand zur Bereicherung dient , schon erwiesen ? Und wäre dies der Fall , so seid ihr doch am allerwenigsten die Leute , welche das Recht besitzen , darüber abzuurteilen ! Auch habt ihr euer Wort gegeben , daß meinen Gastfreunden , welche unter meinem Schutze stehen , nichts an Leib und Leben geschehen soll , und wer sein Versprechen nicht hält , der ist ein Schurke . Die Bastonnade ist auf alle Fälle unmöglich ! « Da antwortete Halef : » Ich habe euch zwar verboten , unaufgefordert zu sprechen , will aber in gnädiger Nachsicht meine Peitsche jetzt noch stecken lassen . Wenn du von Schurken redest , so findest du sie nicht bei uns . Wir halten unser Wort , und zwar ganz genau so , wie es gelautet hat . Mehr kannst und darfst du nicht verlangen . Die Bastonnade kommt auf die Fußsohle und wird nicht tödlich sein , hat also mit Leib und Leben nichts zu thun . « » Das ist Lüge ! Der Fuß gehört zum Leibe ! « » Wenn dein Leib Sohlen hat , so ist das eine Ausnahme , welche ich ganz gern achte ; du wirst also die Bastonnade nicht bekommen . Die Mekkaner aber werden wir sehr genau untersuchen . Finden wir , daß sie so wie gewöhnliche Menschen gebaut sind und die Sohlen also nicht am Leibe , sondern an den Füßen haben , so sind sie der ihnen bestimmten Strafe unbedingt verfallen ! « » Das sind Spitzfindigkeiten , die ich mir verbitten muß ! Ich mache dich darauf aufmerksam , daß ich die Macht besitze , meine Gäste in Schutz zu nehmen ! « » Wieso ? « » Denke an meine Krieger ! « » Sehr gern ! Grad jetzt denke ich an sie , nämlich daß sie gegen uns machtlos sind , weil wir dich als Geisel haben ! « » Und an die Soldaten ! Ich lasse sie alle erschießen , sobald nur ein einziger meiner Gastfreunde Hiebe bekommt ! « Da bog sich Halef zu einem der in der Nähe sitzenden Haddedihn und gab ihm einen leisen Befehl . Da Halef mein Nachbar war , so hörte ich die Worte ; der Mann sollte die Soldaten holen , welche dann hier bei uns zu bleiben hatten . Zu gleicher Zeit sah ich einen der