; ich habe um Krieg gebetet und ein grauenhaftes Kanonenmodell konstruiert , ich bin in die Berge gegangen und einsam geblieben ; ich habe die berühmten Männer aufgesucht und fand sie so öde , daß mir war , als müßte ich sie in den Arm zwicken , damit sie wenigstens einmal schreien möchten , - alles war umsonst . Und was willst du , armer Agathon , hier ! Geh fort , auch ich packe heut mein Bündel und fahre . « Sie ging zum Fenster , riß es auf und sog mit geblähten Nasenflügeln die Luft ein . Als Agathon ruhig blieb und sie beobachtete , stampfte sie mit dem Fuß auf und knirschte mit den Zähnen wie ein bösartiger Hund . Ein leises , aber bald anschwellendes , helles Gemurmel wurde hörbar . Eine Prozession von Kindern zog die Straße herab . Die zuerst Kommenden beteten , wodurch das silbrige monoton gleitende Murmeln entstand ; die letzte Schar sang . Alle Gesichter hatten eine so abenteuerliche Gleichgültigkeit , eine solch dumme und gequälte Feierlichkeit , daß es zugleich lächerlich und schrecklich war . Den Nachtrab bildeten sechs Ministranten in weißen Gewändern , einer trug ein großes , schwarzes Kreuz . Jeanette sah darauf , und ihr Blick war fasziniert . Sie schauderte . Agathon wich zurück vor ihr und ging . Ihm war , als ob er eine Tote verließ , deren Seele man da draußen schon zum Grab geleitete . Auf der Straße folgte er dem Leichenzug in der Nähe des Sargs . Es war ein Kindersarg , ein blasses und gebrechliches Häuschen und der Tod hockte mit einem Kranze darauf und sang im Chor . Agathon dachte den Tod um die Zukunft zu fragen , da das Leben so schweigsam war . Sechzehntes Kapitel Nach dem unerwarteten Erfolg seines Buches hatte sich Stefan Gudstikker beeilt , eine vornehme Wohnung zu mieten . Er betrieb eine eigene Art von Leutseligkeit gegen seine Bekannten , die darin bestand , daß er seinen berühmten Namen , auf Visitenkarten gedruckt , häufig in ihre Briefkasten schob ; er ließ das Haar ein wenig länger wachsen , den Bart ein wenig imposanter stutzen , ließ sich photographieren , und zwar in einem Gesellschaftsrock , mit einer Kravatte von durchbrochenem Rips , den Zylinder in der Hand , mit fest nach vorwärts gerichtetem , gleichsam unparteiischem Blick und etwas mitleidig verzogenem Mund . Nach solchen Vorbereitungen beschloß er , sich seinen Kollegen in der Hauptstadt zu zeigen und sprach gegen seine vertrauten Freunde stirnrunzelnd von den Kniffen , die er werde anwenden müssen , um gewissen Festlichkeiten zu entgehen . Kisten und Koffer waren gepackt . Die Fenster standen offen , und ein würziger Strom Vorfrühlingsluft floß herein . Gudstikker war beschäftigt , seine Reiselektüre zu sichten , als sich die Türe öffnete und Monika Olifat hereinkam . Sie öffnete die Türe nur wenig und schob sich furchtsam durch den Spalt . Gudstikker war nicht angenehm überrascht , doch nahm er sich zusammen , ging hin und bot ihr die Hand . Monika sah nicht , daß er ihr die Hand gab . Sie setzte sich oder sie sank vielmehr auf einen der herumstehenden Koffer , ließ den Blick unsicher umherschweifen und murmelte : » Du gehst fort , Stefan ? « » Aber natürlich , Närrchen , ich muß doch , « erwiderte Gudstikker . » Begreifst du denn nicht , daß ich muß ? Willst du dich nicht lieber auf den Stuhl setzen ? « » Also du gehst fort , « wiederholte Monika mechanisch . » Du gehst fort . « Und sie wollte die Hand an die Stirn heben , ließ sie aber im Schoß ruhen . Beide Hände lagen da , schwer , aneinandergepreßt . Gudstikker lächelte schnell unter seinem schwarzen , koketten Bart hervor . Dann nahm er ihre Hand und sagte : » Liebes Kind , die Pflicht ruft . Dagegen ist nichts auszurichten . Wer aber sagt denn , daß ich nicht wieder komme , nicht wieder zu dir komme ? Angenommen auch , wir könnten uns nicht wieder treffen , selbst diesen Fall angenommen , bliebe uns nicht die köstliche Erinnerung übrig , dir und mir ? Flammen in der Vergangenheit wärmen selbst die Zukunft , sagt irgendwo ein großer Dichter . Ist es denn ein so großes Unglück , einmal vom vollen Becher des Lebens getrunken zu haben ? Die Hauptsache ist , daß man einmal sich sättigt . Ich behandle ein solches Thema in meiner neuen Arbeit . Es ist außerordentlich interessant , sie werden Gift und Galle spritzen , die Herren Kritiker , aber das macht Spaß . Ich habe den Plan meiner Mutter erzählt ; sie meint sogar , daß es ein ungewöhnlicher Vorwurf ist . Sie hat ihr eigenes Urteil in derlei Sachen , weißt du . Mein Gott , was hat sie aber auch durchgemacht ! Bei solchen Leiden kommt man zur Philosophie , ohne es zu wollen . Nach dem Tod meines Vaters ist es ihr so schlecht gegangen , daß sie ihr Brautkleid , das Teuerste , was sie an Erinnerungen besitzt , ins Pfandhaus tragen mußte . Seit einiger Zeit kränkelt sie übrigens . Und nun , was ich dir anempfehlen will , Liebste , das ist : Ruhe , innere und äußere Ruhe . Du mußt solche Ruhe bewahren , daß unser Kind einst der Abglanz unserer besten und tiefsten Stunden sein wird . Nur dadurch können wir uns vor dem Schicksal rechtfertigen . « Monika hatte sich erhoben und starrte hinaus gegen den Himmel , in eine lange Linie rosenroter Wölkchen . » Nun ja , « sagte sie gepreßt . Das war alles . Ihre beiden einst so frohen , einst so frischen Augen glänzten verräterisch , und als sie mit kurzem Nicken sich zum Gehen wandte , perlte Träne auf Träne herab , ohne daß sie es zu hindern vermochte . Im Treppengang lehnte sie sich an einen Pfeiler und hielt ihre Stirn mit beiden Händen . Es zeigt sich , daß zweihundert Jahre das Gemüt der Menschen nicht verändern , daß dies nur eine winzige Phase ist im Prozeß der Umwandlungen . Es scheint , als ob Charaktere oder Seelen über Jahrhunderte hinweg in einer neuen Kette von Erscheinungen und Ereignissen zu neuem Dasein erwachen müssen . Es ist dann gleichgültig , ob dieser Wiedergekehrte Thomas Peter Hummel oder Stefan Gudstikker heißt . Als Gudstikker das Haus verließ , stieß er so heftig mit einem die Straße heraufeilenden Menschen zusammen , daß ihm der Hut vom Kopfe flog . Zornig blickte er auf , da war es Eduard Nieberding , zu dem er in letzter Zeit in freundschaftliche Beziehung getreten war . Sie wechselten ein paar verlegene Redensarten . Nieberding schien nicht allein zerstreut und abwesend , sondern auf seinem Gesicht spiegelten sich auch die Bilder aufregender Sorgen und um seinen Mund lag jener leise Ekel , in den sich bei schwachen Naturen so schnell jede Mißstimmung verwandelt . » Ich muß nach Hause , « sagte er und rannte davon . Er war in fieberhafter Ungeduld , eine Nachricht , die er vernommen , der Schwester mitzuteilen . Er klopfte an ihre Türe , doch sie antwortete nicht . Er drückte auf die Klinke , doch die Türe war versperrt . Er pochte stärker und rief ihren Namen , umsonst . Er ging wieder in sein Zimmer und schritt unruhig umher . Seine matten Augen lagen tiefer als sonst ; seine Hände schienen ein eigenes Leben für sich zu führen , schienen stets miteinander im Kampf zu liegen , sich gegenseitig aufzureiben , worauf sie wieder lange Zeit bewegungslos und müde herabhingen . Sie schienen begierig danach , sich im Gebet zu falten , begierig nach einem Leiden . Nieberding hatte seltsame Gerüchte vernommen über Jeanette , die sich in einem der königlichen Schlösser aufhalten sollte . Überall im Volk gärte die Erregung über das Schicksal des Königs , eine Unruhe , die täglich zunahm , ein wachsender Haß gegen die Minister , gegen den Hof , gegen die Familie des Fürsten , denn das Volk liebte diesen Herrscher . Leute , die den König einmal gesehen , konnten ihn nie wieder vergessen . Der Eindruck seiner Person war so tief , daß , wer ihn sah , selbst ein Stück Adel in seiner Seele davontrug . Er stand so außerhalb des Gewöhnlichen und Menschlich-Alltäglichen , daß der Nimbus , der seine Handlungen umgab , ihn unantastbar machte für Kritik . Als Cornely noch immer nicht kam , rief Nieberding die beiden Dienstboten . Sie wußten nichts . Da pochte Nieberding , von einer schmerzlichen Ahnung erfaßt , noch einmal so heftig er konnte an die Türe . Er lauschte und glaubte ein Seufzen zu vernehmen , das wie durch Tücher gedämpft herausklang . Mit übermenschlicher Angst und Kraft stemmte er sich gegen die Türe und sie sprang auf . Cornely lag mit nacktem Oberkörper ohnmächtig da , und Brust und Schultern waren mit Striemen bedeckt . Ihr Gesicht war entstellt , die Lippen zu einer schmalen Linie verzogen , die Brauen bogen sich angestrengt über den Lidern . Nieberding kniete nieder zu ihr , hob sie empor und legte sie aufs Bett . Bebend starrte er sie an , während sein Herz langsamer schlug . » Cornely , « flüsterte er an ihrem Ohr . Sie schlug die Augen auf . Dann zog sie voll Schrecken die Decke bis an den Hals . » Was hast du getan , Cornely ? « sagte Nieberding , in dessen Gesicht eine zunehmende Furcht sichtbar war . Cornely richtete sich verstört empor und griff nach der Hand des Bruders . » Ich kann nicht mehr schweigen , « stammelte sie . » Ich habe dich geliebt , liebe dich , Eduard , es ist entsetzlich . Ich habe mein Blut gezüchtigt , den Leib gepeinigt , die Zunge wund gebissen , umsonst . « » Schwester ! « rief Nieberding und wich zurück . » Warum mir ein solches Geschick ? « fuhr sie fort . » Warum weiß ich es und kann es denken ? Es gibt keine Rettung . Der Geist hat keine Gewalt , nur auf den Tod ist Hoffnung . « Vermehrte Furcht malte sich in Nieberdings Gesicht . Er nahm Cornelys Hand und tröstete sie , aber seine Worte waren so gewicht- und überzeugungslos wie die eines Menschen , der weder an sich selbst noch an die Zukunft , noch an das Leben überhaupt Hoffnungen zu knüpfen vermag . Deshalb atmete er erleichtert auf , als das Dienstmädchen eintrat und sagte , Herr Bojesen sei da und wünsche ihn dringend zu sprechen . Er ging rasch hinaus und stand alsbald vor Bojesen , dessen Kleidung solche Spuren geheimer und mühselig verborgener Vernachlässigung aufwies , daß , wer ihn früher gekannt , nunmehr Mitleid fühlte und noch mehr als das . » Sie wissen nicht , wo Agathon Geyer ist ? « begann Bojesen ohne weitere Einleitung als einen flüchtigen Gruß . Nieberding antwortete verwundert , er kenne Agathon Geyer gar nicht . Er wurde immer mehr verwundert durch Bojesens ruhlos zuckendes Wesen . Zahllose Male fuhr Bojesen mit der flachen Hand über die Stirn und lächelte verstört in sich hinein . » Ich habe ja nicht gefragt , ob Sie ihn kennen , « sagte Bojesen und blickte sich mit leeren Augen um . » Aber was gibt es denn ? Was haben Sie ? « » Entschuldigen Sie , daß ich komme , « murmelte Bojesen . » Entschuldigen Sie . Natürlich können Sie nichts wissen . Aber seit heute morgen renne ich bei allen möglichen Leuten herum , hier und in Nürnberg . Deshalb komme ich auch zu Ihnen . Kennen Sie die Schrift ? « Er hatte einen verschlossenen Brief aus der Brusttasche gezogen , dessen Adresse er Nieberding hinhielt . Nieberding erbleichte . » Es ist Jeanettens Hand . « » Jeanettens Hand , sehr richtig , « erwiderte Bojesen mit einem hämischen Zucken der Mundwinkel . » Jeanettens Hand , die in meinem Haushalt das unterste zu oberst wirft . Ich glaubte schon Ruhe zu haben vor Jeanettens Hand . Aber das braucht Sie nicht zu interessieren . Es ist nur ein Fingerzeig für meinen Biographen . Er kann meiner Lebensbeschreibung den Titel geben : Jeanettens Hand . « Nieberding , der feige vor den Herzensqualen seiner Schwester zurückgewichen war , sah sich hier einer neuen Verwicklung von Schmerzen gegenüber . Auch ihn hatte der Gedanke an Jeanette erregt , doch Bojesen erschien ihm so überlegen an Leidenschaft , daß er Angst hatte , ihn zu einem gewaltsamen Ausbruch zu reizen . » Und was will sie ? Weshalb schreibt sie an diesen Agathon ? « wagte er endlich zu forschen . » Sie bittet mich bei allem , was mir heilig ist , als obs dergleichen noch gäbe , ich solle Agathon suchen und ihm den Brief geben . Sie wisse niemand , an den sie sonst schreiben könne . Ich solle keinen Schritt scheuen , ihn zu finden . Der Brief ist auf schwarzes Papier mit grüner Tinte in Eile hingekritzelt . Der Poststempel ist von einem Dorf im Hochgebirg . Gehen Sie mit mir nach Zirndorf . Ich kann jetzt nicht allein sein . Es sind so öde Strecken . Oder wir wollen einen Wagen nehmen . Bezahlen müssen Sie . « Wie gebannt starrte Nieberding in das Gesicht des Lehrers . Fast willenlos nahm er den Hut und ging , sich von der Schwester zu verabschieden . Er fand sie am Fenster stehend . Befangen und schuldbewußt reichte er ihr die Hand und sagte , er komme bald wieder . Sie schien zuerst nicht verstehen zu können . Dann nickte sie . Ihr Blick wandte sich fremd auf die dunkle Landschaft . Als Nieberding fort war , nahm sie ein Tuch , hüllte den Kopf damit ein , schlug mit einer krampfhaften Gebärde die Hände zusammen , dann legte sie einen Schlüsselbund und ihre Geldbörse auf das Bett und kurze Zeit darauf stand sie unter den noch kahlen Bäumen der abschüssigen Wasseranlagen . Sie beschleunigte ihren Schritt nicht . Sie ging immer langsamer , oft mit geschlossenen Lidern , mit einem Ausdruck im Gesicht , der ein Gemisch von Erwartung und Horchen war . Sie glich einer verwelkten Pflanze . Sie hatte geglaubt , als sie von Hause ging , sie suche den Tod ; aber jetzt bemerkte sie , daß es nicht der Tod war , den sie suchte . Das wurde ihr so jähe klar , daß sie fröstelnd stillstand und überlegte . Auf der Straße befand sich ein Lastwagen , und auf ihm waren trotz der Abendstunde , noch Leute damit beschäftigt , massive Eisenschienen auf Strohbolzen herabfallen zu lassen . Es gab ein hallendes Getöse , ein schrill-wuchtiges Klingen , das dem Geschrei einer fernen Volksmenge glich ; in einer andern Straße spielten Kinder , als ob die Nacht gar keine Unterbrechung für ihr Spiel bringen würde ; in einer andern Straße rauften zwei Dienstmänner und brachten ein Droschkenpferd zum Durchgehen . Das war gewöhnlich , aber für Cornely war es Leben . Sie kannte solches Leben nicht ; jetzt jedoch sah sie das Leben über die Schürzen der Mädchen huschen , die über das Pflaster liefen ; sie sah es tropfen von den Balkonen , wo man die Zimmerpalmen begoß ; es kletterte in Gestalt einer Katze über die Zäune , es bellte als Hund , es läutete als Abendgeläut . Mit jedem Schritt klammerte sie sich fester an diese neuen Vorstellungen . Sie dachte an Jeanette , an die Spiele , die sie als Kind mit ihr gespielt , und bekam plötzlich Sehnsucht , Jeanette zu sehen . Sie vergaß , daß Jahre seitdem hingegangen waren , und es kam ihr vor , als könne sie Jeanette treffen wie damals , wenn sie nur das Löwengardsche Haus betrete . Als sie aber wirklich vor dem Gebäude stand , schämte sie sich und kehrte seufzend um . Sie kehrte um , nach Hause , setzte sich in Eduards Zimmer und dachte nach . Sie grübelte über sich selbst und durch welche Umstände und Fügungen sie zu dem geworden , was sie eben war . Es schien ihr , als ruhte die Lügenlast von Jahrhunderten auf ihr und drücke sie nieder , ersticke jede Freiheit , jeden Willen zur Freiheit . Unter all diesen Gedanken war auch einer , der sie zittern ließ . Zittern vor dem Reichtum , vor der Fülle , die sie jetzt umgaben . Ihr Vater war Sklavenhändler in Amerika gewesen . Dies war genug für sie , daß sie die Seelen Hingepeitschter in den Polstern versteckt sah , daß die Luft um sie herum erfüllt schien von aufbewahrten Rufen des Jammers und des Schreckens . Unwillkürlich erhob sie sich , als fürchte sie die Berührung mit dem Stoff des Sessels könne sie beschmutzen und ihre Bedrücktheit stieg bis zu einem kaum erträglichen Grad . Von einem Abgrund zum andern getrieben , haltlos , voll mystischer Sehnsucht und sinnlicher Begierde , glaubte sie , das Herz springe ihr unter dem wachsenden Druck entzwei . Fast mechanisch , wie ein Fallender nach einem Halt greift , nahm sie ein altes Buch aus dem Regal , schlug die Blätter um und ihr Blick fiel auf ein Gedicht . Es lautete : Sag ' mir an , du trübes Gespenst , was du Wissen und Leiden nennst ? Sag ' mir , du ruhige Finsternis , warum Gott seinen Sohn verließ ? Sprich , du Himmel ohne Gnaden , weshalb hat mich der Freund verraten ? O sprich , du lange Einsamkeit , was ist Tod und was ist Zeit ? Da begann das trübe Gespenst : Was du Wissen und Leiden nennst , das ist kraft eines deutlichen Traumes ; das ist Spiel eines bunten Saumes , Saum vom Kleide der Ewigkeit , Kraft eines langerloschenen Lichts , dies ist Wissen , dies ist Leid und sonst nichts . Sprach die ruhige Finsternis : Warum Gott seinen Sohn verließ , das ist kraft seiner Lust zur Freude ; es ist Kampfspiel , das stets erneute Hangen und Bangen am Lebensbaum . Gott wünschte einen Sohn des Lichts ; seine Vaterliebe ist nur ein Traum und sonst nichts . Sprach der Himmel ohne Gnaden : Mit Recht hat dich der Freund verraten . Freundschaft ist zärtliches Betrügen , Kopfnicken und Rückenbiegen . Umklammert deine Faust das Schwert dann freu dich du des Verrätergerichts ; entbehren ist , was dich der Freund gelehrt und sonst nichts . Sprach die lange Einsamkeit : Frage nicht , was Tod und Zeit . Tod bist du und Zeit bist du , Rast und Flucht und Kampf und Ruh . Aus dem Knäuel der Wirklichkeiten wirst du am Tag des großen Verzichts hin vor meine Füße gleiten , und sonst nichts . Als Cornely dies gelesen , schaute sie geraume Zeit mit staunenden Augen ins Lampenlicht . Dann ging sie in ihr Schlafgemach und begann sich mit träumerischer Ruhe zu entkleiden . Sie entfernte auch das Hemd vom Körper und trat vor den Spiegel , um sich mit dem gleichen verträumten , etwas staunenden und verlorenen Blick zu betrachten . Diese Empfindung des Losgelöstseins und der Leichtigkeit hatte sie wünschen lassen , nackt zu sein . Doch sah sie nicht den eigenen Körper , sondern freundliche Gestalten umschwebten sie , deren Nähe ihr beglückend dünkte . Siebzehntes Kapitel Der flüchtige Traum von Frühling war schon wieder vorbei , als Agathon an einem kalten Spätnachmittag nach Fürth kam . Er war ziemlich lange umhergewandert , ohne daß er sich entschließen konnte , jemand von den Menschen aufzusuchen , die er kannte . Es dunkelte schon , als er aus dem ersten Stock eines kleinen Hauses zu seinem Erstaunen den wolligen Kopf der Frau Olifat gewahrte . Im Nu hatte die lebhafte Dame auch ihn erkannt und winkte ihm zu , er solle hinauskommen . Monika saß in einem Lehnstuhl und schaute mit einem haßerfüllten Blick auf ihn , als er eintrat . Sie wehrte ihre Mutter von sich ab , die mit schmeichlerischer Geschwätzigkeit auf polnisch in sie hineinredete , darauf wandte sich Frau Olifat an Agathon und setzte ihm mit großer Zungengeläufigkeit , halb deutsch , halb französisch die Gründe auseinander , weshalb sie in die Stadt gezogen sei . Dann klagte sie über Monika , die den ganzen Tag dasitze , ohne zu sprechen , ohne zu essen , ohne zu lachen . Und wieder ergriff sie Monikas Hände und redete auf sie ein . Doch das Mädchen drehte mit einer bösartigen Gleichgültigkeit , als sei sie taub , das Gesicht nach einer anderen Richtung . Die gequälte Mutter wurde zornig ; unerschöpflich entfloß ein Strom von Schmähungen ihren Lippen , und sie erhob den Arm wie zum Schlag . Dann richtete sie sich gravitätisch auf , schritt zur Tür und warf sie dröhnend hinter sich zu . Agathon sah sich mit Monika allein . Wieder fühlte er eine atemraubende Beklemmung ihr gegenüber . Er vermochte nichts zu reden . Ihre Wangen hatten sich , kaum daß die Mutter das Zimmer verlassen , mit einem brennenden Rot bedeckt , und ihre Augen glänzten feucht , - vor Scham und Verzweiflung . » Ich kann ja gehen , Agathon , wenn Sie nicht mit mir allein sein wollen , « sagte sie mit einer eigentümlich brüchigen Stimme , und um ihre Lippen spielte ein sinnloses Lächeln . Gern hätte Agathon ihre Hand ergriffen , um sie zu bitten , sie möge wieder du sagen . Aber er konnte nicht . Unüberwindliche Scheu fesselte ihn an den Platz , wo er war . » Was hast du nun eigentlich , Monika ? « fragte er ruhig . Ihre Blicke begegneten sich zum erstenmal . Agathon hatte dabei das Gefühl , als schaue er in einen Raum mit kahlen Wänden . » Ich weiß es , du hast Gudstikker geliebt , « sagte Agathon , » aber deshalb mußt du noch nicht am Leben verzweifeln , Monika . Du hast ja den Kopf immer hoch getragen . Und jetzt ? Was ist mit dir ? Ist denn das Leben für dich weniger groß und gut geworden ? Viele haben geliebt und entbehren müssen , Monika . Nun kommt bald der Frühling , und du wirst dich freuen , wenn die warme Sonne auf dich scheint , und du wirst mit Esther in den Wald gehen und deine Wangen werden wieder rot sein . Und wenn der Herbst kommt , wirst du alles vergessen haben , Monika , diesen ganzen elenden Winter wirst du vergessen haben . « Da richtete sich Monika auf , und über ihre Züge ging eine zuckende Bewegung . » O Agathon , « rief sie aus , » nie mehr können meine Wangen rot werden , nie mehr , nie mehr . Nie mehr kann ich in den Wald und die Sonne sehen , nie mehr kann ich vergessen , Agathon , nie mehr , nie mehr . « Agathon näherte sich ihr , beugte sich herab , ergriff ihre Hand und schaute sie an . » Was hast du getan , Monika ? Warum schweigst du ? Warum verschweigst du mirs ? « Monika erhob beide Arme und legte die Hände um Agathons Nacken . So sah sie zu ihm empor mit einem feierlichen Blick , der etwas Drohendes in der Ferne zu erblicken schien und sagte , jede Silbe betonend : » Er hat mich betrogen . Geh hin und räche mich . « » Monika ! « flüsterte Agathon und machte sich los von ihr . » Es ist so finster , « sagte Monika verstört und schauerte zusammen . » Es wird schon Nacht . Ja , ich habe mich ihm hingegeben , ganz und gar . Aber denke nicht schlecht von mir , Agathon , was wußte ich denn von solchen Künsten , wie er sie besitzt . Gehst du , Agathon ? Jetzt willst du gehen ? Bleib doch - ! « Als die Türe sich hinter Agathon geschlossen hatte , warf sie sich jammernd zu Boden . Aber bald darauf kam er wieder und fragte sie , die hilflos vor ihm lag . » Wo wohnt er ? « Monika , das Gesicht gegen die Dielen gewandt , nannte die Straße und das Haus . Gudstikker war daheim , als Agathon bei ihm anklopfte . Er hatte seine Abreise verschoben . Er zeigte ein überraschtes und freudiges Gesicht bei Agathons Anblick und ging mit ausgestreckten Händen auf ihn zu , blieb aber auf halbem Wege wie angewurzelt stehen . » Was machen Sie denn für ein Gesicht , Verehrungswürdiger , « sagte er erblassend , halb scherzhaft , halb trotzig . Agathon stand ihm gegenüber , und er fühlte plötzlich all seine Kraft wie verblasen . Voll von brennendem Zorn , der sein Herz zusammenzog , war er noch die Treppe heraufgekommen , aber sobald er in dies lügnerische Gesicht geblickt , war er entwaffnet . Es war die Lüge selbst , die ihm entgegentrat . » Ich komme wegen Monika , « das war alles , was er herausbrachte und Gudstikker nickte vor sich hin , als ob es ihn traurig mache , diesen Namen zu hören . Er ist eine jüdische Natur , dachte Agathon plötzlich , indem er das Wort in seinem häßlichsten Sinn faßte ; Gudstikker schien ihm der jüdischste Mensch , den er je getroffen . » Monika ! Ein schöner Name , ein herrliches Mädchen , « begann Gudstikker , wie in Erinnerungen verloren und schritt langsam auf und ab . » Wir haben zusammen den Lenz des Lebens genossen . Sie hat mich über eine wüste Strecke meines Daseins mit Flügeln hinweggetragen . Ich danke ihr viel und meinem Herzen bleibt sie , was sie war . Sie würde es nicht bleiben , wenn ich kleinlich sein und unsere Schicksale auch weiterhin verketten wollte . Nach bürgerlichen Begriffen hätte ich vielleicht die Pflicht , es zu tun , aber meine Aufgabe ist es jetzt , mit den bürgerlichen Begriffen zu brechen , ja sogar sie als das zu zeigen , was sie sind , nämlich Gespenster , die den holden Tag des Glückes verfinstern . Der schaffende Geist muß frei sein . Was allen andern rücksichtslos erscheint , ist für ihn ein Naturgesetz und die einzige Möglichkeit der Selbsterhaltung . « Erstaunt blickte Agathon auf diese redseligen Lippen . Er schwieg . » Ja , eine gewisse Grausamkeit ist nötig , das wird mir immer klarer , « fuhr Gudstikker fort ; » sie ist nötig , um die widerwilligen Dämonen des eigenen Lebens gehorsam zu machen . Nicht um schlechthin tugendhaft zu sein , sind wir da , sondern um aus unseren Gaben Tugenden zu machen . Sie , Agathon , sind ein wenig allzusehr reiner Idealist . Es fehlt Ihnen an Kenntnis des Lebens . Ich mache Ihnen einen Vorschlag : seien Sie einmal eine Nacht lang mein Begleiter . Lassen Sie mich von jetzt an bis zum Morgengrauen Ihren diable boiteux sein . Haben Sie schon zu Abend gegessen ? Vortrefflich , dann kommen Sie . « Wie gebannt folgte Agathon jeder Bewegung , jeder Geste Gudstikkers . Zugleich empfand er ein unheimliches Grauen vor seiner Zunge , die bisweilen hinter dem schwarzen Schnurrbart hervorblitzte wie ein Flämmchen . Er suchte sich all diesem zu entziehen , aber umsonst . Er folgte Gudstikker , der mehrmals kurz vor sich hinlachte , ins Freie , Der Weg führte sie durch dunkle Gassen in die Vorstadt , wo verrufene Häuser standen , wo wenige Laternen ein dürftiges Licht spendeten , und wo Schutzleute zu zweien und dreien gingen , streng , finster , sorgsam spähend . Sie kamen zunächst an ein einstöckiges Häuschen , über dessen Portal eine grüne Lampe brannte . Die Fenster waren dicht verhängt . Als Gudstikker das Tor geöffnet hatte und in einen mit verblichener , gleichsam abgesessener Pracht ausgestatteten Raum getreten war , kam den beiden eine Schar von geschminkten Mädchen entgegen , die mit Gudstikker sehr vertraut taten , sich an seinen Arm hingen , lachten , trällerten , scherzten , nach Wein riefen und sich auf jede Weise geräuschvoll gebärdeten . Sie waren mit nichts bekleidet als mit einem Hemd und langen Strümpfen ; ihre Augen glänzten krankhaft , oder schienen müde , ihre Bewegungen waren geziert , ihr Lachen übertrieben , ihre Scherze zynisch . Ihr Gang hatte etwas Schwankendes , das Spiel ihrer Hände und Finger etwas Gieriges und Abenteuerliches . Seltsamerweise beachteten sie Agathon gar nicht : manche blickten scheu nach ihm hin , aber taten dann wieder , als sähen sie ihn nicht . Bisweilen erschien eine ältere Dame und führte Reden , die etwas Anfeuerndes haben sollten ; bisweilen auch läutete eine Glocke , dann verschwand eines der Mädchen lächelnd und die andern sahen teilnahmlos ins Leere , immer dieselbe auffordernde Miene beibehaltend . Gudstikker benahm sich wie zu Hause . Gönnerhaft verabreichte er seine Worte , lehnte sich breit und behaglich auf den verschabten Polstern zurück , klatschte leutselig auf nackte Arme , schlug ein paar Takte auf einem schrillklingenden Klavier an , lächelte nachsichtig , wenn ihn die Mädchen neckten und den schwarzen Doktor nannten , doch bei alledem schwand eine gewisse ernste Falte nicht von seinem Gesicht und ein stechender Blick nicht aus seinen Augen . Bald ging er weiter mit Agathon in ein daneben befindliches Gebäude , und Agathon folgte , betäubt durch eine beengende Erwartung , die er nicht deuten konnte . Wiederum sah er den verkommenen Putz erbärmlicher Prunkstuben , halberblindete Spiegel , von Staub zerfressene Goldrahmen ; wieder sah er die für den Gebrauch der Nacht überschminkten Frauengesichter , in denen jedes Leiden , jeder Schmerz , jedes Nachdenken ,