Keine Vorreden , Armgard . Am wenigsten , wenn sie wie Selbstlob klingen . « » Also wir hatten damals eine alte Person im Hause , die schon bei Melusine Kindermuhme gewesen war , und hieß Susan . Ich liebte sie sehr , denn sie hatte wie die meisten Irischen etwas ungemein Heiteres und Gütiges . Ich ging viel mit ihr im Hyde Park spazieren , wohnten wir doch in der an seiner Nordseite sich hinziehenden großen Straße . Hyde Park erschien mir immer sehr schön . Aber weil es tagaus , tagein dasselbe war , wollt ich doch gern einmal was andres sehen , worauf Susan auch gleich einging , trotzdem es ihr eigentlich verboten war . Ei freilich , Comtesse , sagte sie , da wollen wir nach Martins le Grand . - Was ist das ? fragte ich ; aber statt aller Antwort gab sie mir nur ein kleines Mäntelchen um , denn es war schon Spätherbst , so etwa wie jetzt , und dunkelte auch schon . Aus dem , was dann kam , muß ich annehmen , daß es um die fünfte Stunde war . Und so brachen wir denn auf , unsre Straße hinunter , und weil an dem Parkgitter entlang lauter große Rohren gelegt waren , um hier neu zu kanalisieren , so sprang ich auf die Röhren hinauf , und Susan hielt mich an meinem linken Zeigefinger . So gingen wir , ich immer auf den Röhren oben , bis wir an eine Stelle kamen , wo der Park aufhörte . Hier war gerad ein Droschkenstand , und Hafer und Häcksel lagen umher und zahllose Sperlinge dazwischen . In der Mitte von dem allem aber stand ein eiserner Brunnen . Auf den wies Susan hin und sagte : Look at it , dear Armgard . There stood Tyburn Gallows . Und wer soviel gestohlen hatte , wie gerad ein Strick kostete , der wurde da gehängt . « » Eine merkwürdige Kindermuhme « , sagte Stechlin . » Und erschraken Sie nicht , Comtesse ? « » Nein , von Erschrecken , solange Susan bei mir war , war keine Rede . Sie hätte mich gegen eine Welt verteidigt . « » Das söhnt wieder aus . « » Und kurz und gut , wir blieben auf unserm Weg und stiegen alsbald in ein zweirädriges Cab , aus dem heraus wir sehr gut sehen konnten , und jagten die Oxfordstraße hinunter in die City hinein , in ein immer dichter werdendes Straßengewirr , drin ich nie vorher gekommen war und auch nachher nicht wieder gekommen bin . Bloß vor zwei Jahren , als wir auf Besuch drüben waren und ich den alten Plätzen wieder nachging . « » Ich glaube « , sagte Melusine , » daß du bei diesem zweiten Besuch eine gute Anleihe machst . Denn von dem mit Susan Gesehenen wirst du zur Zeit nicht mehr viel zur Verfügung haben . « » Doch , doch . Und nun hielt unser Hansom Cab vor einem großen Hause , das halb wie ein Palast und halb wie ein griechischer Tempel aussah und unter dessen Säulengang hinweg wir in eine große , mit vielen hundert Menschen erfüllte Halle traten . Über ihren Köpfen aber lag es wie ein Strom von Licht , und ganz nach hinten zu , wo die Lichtmasse sich zu verdichten schien , standen auf einem Podium zwei in rote Röcke gekleidete Bedienstete mit ein paar großen Behältern links und rechts neben sich , die wie Futterkisten mit weit aufgeklapptem Deckel aussahen . « » Und nun laß Stechlin raten , was es war . « » Er braucht es nicht zu raten « , fuhr Armgard fort , » er weiß es natürlich schon . Aber er muß trotzdem aushalten . Denn er hat es selber so gewollt . Also Podium und Rotröcke samt aufgeklappter Kiste links und rechts . Und die hellerleuchtete Uhr darüber zeigte , daß es nur noch eine Minute bis sechs war . An ein Sichherandrängen war nicht zu denken , und so flogen denn die Brief- und Zeitungspakete , die noch mit den letzten Postzügen fort sollten , in weitem Bogen über die Köpfe der in Front Stehenden weg , was aber dabei statt in die Behälter bloß auf das Podium fiel , das wurde von den Rotröcken mit einer geschickten Fußbewegung in die Futterkisten wie hineingeharkt . Und nun setzte der Uhrzeiger ein , und das Fliegen der Pakete steigerte sich , bis genau mit dem sechsten Schlag auch der Deckel jeder der beiden Kisten zuschlug . « » Reizend , Comtesse . Natürlich seh ich mir das an , und wenn ich ein Rendezvous mit der Königin darüber versäumen müßte . « » Nichts Antimonarchisches « , lachte der alte Graf . » Und so kommen Susans Untaten schließlich noch ans Licht . « » Und meine eignen dazu . Glücklicherweise durch mich selbst . « Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort , und allerlei Schilderungen aus dem Klein- und Alltagsleben behielten dabei die Oberhand . Ein paarmal , weil er wohl sah , daß Woldemar gern auch andres zu hören wünschte , versuchte der alte Graf das Thema zu wechseln , aber beide Damen blieben bei » shopping « und » five o ' clock tea « , bis Melusine , der Woldemars Ungeduld ebenfalls nicht entgangen war , mit einem Male fragte : » Haben Sie denn je von Traitors Gate gehört ? « » Nein « , sagte Woldemar . » Ich kann es mir aber übersetzen und meine Schlüsse daraus ziehn . « » Das reicht aus . Also natürlich Tower . Nun sehen Sie , Traitors Gate , das war meine Domäne , wenn Besuch aus Deutschland kam und ich wohl oder übel den Führer machen mußte . Vieles im Tower langweilte mich , aber Traitors Gate nie , vielleicht deshalb nicht , weil es ziemlich zu Anfang liegt , so daß ich , wenn wir ' s erreichten , immer noch bei Frische war , nicht abgestumpft durch all die Schrecklichkeiten , die dann weiterhin folgen . « » Also Traitors Gate muß ich sehn ? « » Unbedingt . Freilich , wenn ich dann wieder erwäge , daß an dieser berühmten Stelle nichts unmittelbar Wirkungsvolles zu sehn ist , so muß ich mich bei meinen Ratschlägen auf Ihre Phantasie verlassen können . Und ob das geht , weiß ich nicht . Wer aus der Mark ist , hat meist keine Phantasie . « Der alte Graf und Armgard schwiegen , und auch Melusine sah wohl , daß sie mit ihrer Bemerkung etwas zu weit gegangen war . Irgendeine Reparierung schien also geboten . » Ich will ' s aber doch mit Ihnen wagen « , nahm sie das Gespräch wieder auf und lachte . » Traitors Gate . Nun sehen Sie , Sie kommen da vom Eingange her einen schmalen Gang entlang , und mit einem Male haben Sie statt der grauen Steinwand ein eisenbeschlagenes Holztor neben sich . Hinter diesem Tor aber befindet sich ein kleiner , ganz unten in der Tiefe gelegener Wasserhof , von dem aus eine mehrstufige Treppe heraufführt und an eben der Stelle mündet , an der Sie stehn . Und nun rechnen Sie dreihundert Jahre zurück . Wem sich die Pforte damals auftat , um sich hinter ihm wieder zu schließen , der hatte vom Leben Abschied genommen ... Es sind da , verzeihen Sie das Wort , lauter glibbrige Stufen , und wer alles stieg diese Stufen hinauf : Essex , Sir Walter Raleigh , Thomas Morus und zuletzt noch jene Clanhäuptlinge , die für Prince Charlie gefochten hatten und deren Köpfe , wenige Tage später , von Temple Bar herab , auf die City niedersahen . « » Liegt , Gott sei Dank , weit zurück . « » Ja , weit zurück . Aber es kann wiederkommen . Und gerade das war es , was immer , wenn ich da so stand , den größten Eindruck auf mich machte . Diese Möglichkeit , daß es wiederkehre . Denn ich erinnere mich noch sehr wohl - ja , du warst es selbst , Papa , der es mir erzählte - , daß Lord Palmerston einmal , unwirsch über die koburgische Nebenpolitik ( ich glaube während der Krimkriegtage ) , sich dahin geäußert hätte : Dieser Prince Consort , er täte gut , sich unser Traitors Gate bei Gelegenheit anzusehn . Es ist zwar schon lange , daß Könige da die glibbrige Treppe hinaufgestiegen sind , aber es ist doch noch nicht so lange , daß wir uns dessen nicht mehr entsinnen könnten . Und ein Prince Consort ist noch lange nicht ein König . « Woldemar , als Melusine dies mit überlegener Miene gesagt hatte , lächelte vor sich hin , was die Gräfin derartig verdroß , daß sie mit einer gewissen Gereiztheit hinzusetzte : » Sie lächeln . Da seh ich doch , wie sehr ich im Rechte war , Ihnen die Phantasie abzusprechen . « » Verzeihen Sie mir ... « » Und nun werden Sie auch noch pathetisch . Das ist die richtige Ergänzung . Im übrigen , wie könnt ich mit Ihnen ernsthaft zürnen ! Ein berühmter deutscher Professor soll einmal irgendwo gesagt haben : niemand sei verpflichtet , ein großer Mann zu sein . Und ebensowenig wird er große Phantasie als etwas Pflichtmäßiges gefordert haben . « Woldemar küßte ihr die Hand . » Wissen Sie , Gräfin , daß Sie doch eigentlich recht hochmütig sind ? « » Vielleicht . Aber mancher entwaffnet mich wieder . Und zu diesen gehören Sie . « » Das ist nun auch wieder aus dem Ton . « » Ich weiß es nicht . Aber lassen wir ' s. Und versprechen Sie mir lieber , mir von Windsor oder London aus eine Karte zu schreiben ... nein , eine Karte , das geht nicht ... , also einen Brief , darin Sie mir ein Wort über die Engländerinnen sagen , und ob Sie jede taillenlose Rotblondine drüben auch so schön gefunden haben werden , wie ' s von den Kontinentalen , wenn sie dies Thema berühren , fast immer versichert wird . « » Es wird davon abhängen , an wen ich gerade denke . « » Nach dieser Bemerkung ist Ihnen alles verziehn . « Woldemar blieb bis neun . Er hatte gleich in den Zeilen , in denen er sich anmeldete , die Damen wissen lassen , daß er seinen Besuch auf eine kurze Stunde beschränken müsse . So war er denn bei guter Zeit wieder daheim . Auf seinem Tische fand er ein Briefchen vor und erkannte Rex ' Handschrift . » Lieber Stechlin « , so schrieb dieser , » ich höre eben , daß Sie nach London gehn . In der Zeitung , wo ' s schon gestanden haben soll , hab ich es übersehn . Ich beglückwünsche Sie von Herzen zu dieser Auszeichnung und lege Ihnen eine Karte bei , die Sie ( wenn ' s Ihnen paßt ) bei meinem Freunde Ralph Waddington einführen soll . Er ist Advokat und einer der angesehensten Führer unter den Irvingianern . Fürchten Sie übrigens keine Bekehrungsversuche . Waddington ist ein durchaus feiner Mann , also zurückhaltend . Er kann Ihnen aber mannigfach behilflich sein , wenn Ihnen daran gelegen sein sollte , sich um das Wesen der englischen Dissenter , ihre Chapels und Tabernakels zu kümmern . Er ist ein Wissenschaftler auf diesem Gebiet . Und ich kenne ja Ihre Vorliebe für derlei Fragen . « Stechlin legte den Brief unter den Briefbeschwerer und sagte : » Der gute Rex ! Er überschätzt mich . Dissenterstudien . Es genügt mir , wenn ich einen einzigen Quäker sehe . « Dreiundzwanzigstes Kapitel Was Rex da schrieb , hatte doch ein Gutes gehabt : Woldemar , erheitert bei dem Gedanken , sich durch Ralph Waddington in ein Tabernakel eingeführt zu sehn , sah sich mit einem Male einer gewissen Abspannung entrissen und war froh darüber , denn er brauchte durchaus Stimmung , um noch einige Briefe zu schreiben . Das ging ihm nun leichter von der Hand , und als elf Uhr kaum heran war , war alles erledigt . Der andre Morgen sah ihn selbstverständlich früh auf . Fritz war um ihn her und half , wo noch zu helfen war . » Und nun , Fritz « , so waren Woldemars letzte Worte , » sieh nach dem Rechten . Schicke mir nichts nach ; Zeitungen wirf weg . Und die drei Briefe hier , wenn ich fort bin , die tue sofort in den Kasten ... Ist die Droschke schon da ? « » Zu Befehl , Herr Rittmeister . « » Na , dann mit Gott . Und jeden Tag lüften . Und paß auf die Pferde . « Damit verabschiedete sich Woldemar . Von den drei Briefen war einer nach Stechlin hin adressiert . Er traf , weil er noch mit dem ersten Zuge fort konnte , gleich nach Tisch bei dem Alten ein und lautete : » Mein lieber Papa . Wenn Du diese Zeilen erhältst , sind wir schon auf dem Wege . Wir , das will sagen : unser Oberst , unser zweitältester Stabsoffizier , ich und zwei jüngere Offiziere . Aus Deinen eignen Soldatentagen her kennst Du den Charakter solcher Abordnungen . Nachdem wir Regiment Königin von Großbritannien und Irland geworden sind , war dies uns drüben vorstellen nur noch eine Frage der Zeit . Dieser Mission beigesellt zu sein ist selbstverständlich eine große Ehre für mich , doppelt , wenn ich die Namen , über die wir in unserm Regiment Verfügung haben , in Erwägung ziehe . Die Zeiten , wo man das Wort historische Familie betonte , sind vorüber . Auch an Tante Adelheid hab ich in dieser Sache geschrieben . Was mir persönlich an Glücksgefühl vielleicht noch fehlen mag , wird sie leicht aufbringen . Und ich freue mich dessen , weil ich ihr , alles in allem , doch soviel verdanke . Daß ich mich von Berlin gerade jetzt nicht gerne trenne , sei nur angedeutet ; Du wirst den Grund davon unschwer erraten . Mit besten Wünschen für Dein Wohl , unter herzlichen Grüßen an Lorenzen , wie immer Dein Woldemar . « Dubslav saß am Kamin , als ihm Engelke den Brief brachte . Nun war der Alte mit dem Lesen durch und sagte : » Woldemar geht nach England . Was sagst du dazu , Engelke ? « » So was hab ich mir all immer gedacht . « » Na , dann bist du klüger gewesen als ich . Ich habe mir gar nichts gedacht . Und nu noch drei Tage , so stellt er sich mit seinem Oberst und seinem Major vor die Königin von England hin und sagt : Hier bin ich . « » Ja , gnäd ' ger Herr , warum soll er nich ? « » Is auch ' n Standpunkt . Und vielleicht sogar der richtige . Volksstimme , Gottesstimme . Na , nu geh mal zu Pastor Lorenzen und sag ihm , ich ließ ' ihn bitten . Aber sage nichts von dem Brief ; ich will ihn überraschen . Du bist mitunter ' ne alte Plappertasche . « Schon nach einer halben Stunde war Lorenzen da . » Haben befohlen ... « » Haben befohlen . Ja , das ist gerade so das Richtige ; sieht mir ähnlich ... Nun , Lorenzen , schieben Sie sich mal ' nen Stuhl ran , und wenn Engelke nicht geplaudert hat ( denn er hält nicht immer dicht ) , so hab ich eine richtige Neuigkeit für Sie . Woldemar ist nach England ... « » Ah , mit der Abordnung . « » Also wissen Sie schon davon ? « » Nein , ausgenommen das eine , daß eine Deputation oder Gesandtschaft beabsichtigt sei . Das las ich , und dabei hab ich dann freilich auch an Woldemar gedacht . « Dubslav lachte . » Sonderbar . Engelke hat sich so was gedacht , Lorenzen hat sich auch so was gedacht . Nur der eigne Vater hat an gar nichts gedacht . « » Ach , Herr von Stechlin , das ist immer so . Väter sind Väter und können nie vergessen , daß die Kinder Kinder waren . Und doch hört es mal auf damit . Napoleon war mit zwanzig ein armer Leutnant und an Ansehn noch lange kein Stechlin . Und als er so alt war wie jetzt unser Woldemar , ja , da stand er schon zwischen Marengo und Austerlitz . « » Hören Sie , Lorenzen , Sie greifen aber hoch . Meine Schwester Adelheid wird sich Ihnen übrigens wohl anschließen und von heut ab eine neue Zeitrechnung datieren . Ich nehm es ruhiger , trotzdem ich einsehe , daß es nach großer Auszeichnung schmeckt . Und ist er wieder zurück , dann wird er auch allerlei Gutes davon haben . Aber solang er drüben ist ! Ich trau der Sache nicht . Von Behagen jedenfalls keine Rede . Die Vettern sind nun mal nicht zufriedenzustellen ; vielleicht ärgern sie sich , daß es draußen in der Welt auch noch ein Regiment Königin von Großbritannien und Irland gibt . Das besorgen sie sich lieber selbst und nehmen so was , wenn andre damit kommen , wie ' ne Prätension . Wie stehen denn Sie dazu ? Sie haben die Beefeaters vielleicht in Ihr Herz geschlossen wegen der vielen Dissenter . Ein Kardinal , der freilich auch noch Gourmand war , soll mal gesagt haben : Schreckliches Volk ; hundert Sekten und bloß eine Sauce . « » Ja « , lachte Lorenzen , » da bin ich freilich für die Beefeaters , wie Sie sagen , und gegen den Kardinal . Das mit den hundert Sekten laß ich auf sich beruhn ( mein Geschmack , beiläufig , ist es nicht ) , aber unter allen Umständen bin ich für höchstens eine Sauce . Das ist das einzig Richtige , weil Gesunde . Die Dinge müssen in sich etwas sein , und wenn das zutrifft , so ist eigentlich jede Sauce und nun gar erst die Sauce im Plural , von vornherein schon gerichtet . Aber lassen wir den Kardinal und seine Gewagtheiten und nehmen wir den Gegenstand seiner Abneigung : England . Es hat für mich eine Zeit gegeben , wo ich bedingungslos dafür schwärmte . Nicht zu verwundern . Hieß es doch damals in dem ganzen Kreise , drin ich lebte : Ja , wenn wir England nicht mehr lieben sollen , was sollen wir dann überhaupt noch lieben ? Diese halbe Vergötterung hab ich noch ehrlich mit durchgemacht . Aber das ist nun eine hübsche Weile her . Sie sind drüben schrecklich runtergekommen , weil der Kult vor dem Goldenen Kalbe beständig wächst ; lauter Jobber und die vornehme Welt obenan . Und dabei so heuchlerisch ; sie sagen Christus und meinen Kattun . « » Is leider so , wenigstens nach dem bißchen , was ich davon weiß . Und alles in allem , und neuerdings erst recht , bin ich deshalb immer für Rußland gewesen . Wenn ich da so an unsern Kaiser Nikolaus zurückdenke und an die Zeit , wo seine Uniform als Geschenk bei uns eintraf und dann als Kirchenstück in die Garnisonkirche kam . Natürlich in Potsdam . Wir haben zwar die Reliquien abgeschafft , aber wir haben sie doch auf unsre Art , und ganz ohne so was geht es nu mal nicht . Mit dem Alten Fritzen fing es natürlich an . Wir haben seinen Krückstock und den Dreimaster und das Taschentuch ( na , das hätten sie vielleicht weglassen können ) , und zu den drei Stücken haben wir nu jetzt auch noch die Nikolaus-Uniform . « Lorenzen sah verlegen vor sich hin ; etwas dagegen sagen ging nicht , und zustimmen noch weniger . Dubslav aber fuhr fort : » Und dann sind sie da forscher in Petersburg und geht alles mehr aus dem vollen , auch wenn die besten Steine mitunter schon rausgebrochen sind . So was kommt vor ; is eben noch ein Naturvolk . Ich kann das Schenken eigentlich nicht leiden , es hat so was von Bestechung und sieht aus wie ' n Trinkgeld . Und Trinkgeld ist noch schlimmer als Bestechung und paßt mir eigentlich ganz und gar nicht . Aber es hat doch auch wieder was Angenehmes , solche Tabatiere . Wenn es einem gut geht , ist es ein Familienstück , und wenn es einem schlecht geht , ist es ' ne letzte Zuflucht . Natürlich , ein ganz reinliches Gefühl hat man nicht dabei . « Lorenzen blieb eine volle Stunde . Der Alte war immer froh , wenn sich ihm Gelegenheit bot , sich mal ausplaudern zu können , und heute standen ja die denkbar besten Themata zur Verfügung : Woldemar , England , Kaiser Nikolaus und dazwischen Tante Adelheid , über die zwar immer nur kurze Worte fielen , aber doch so , daß sie , weil spöttisch , die gute Laune des Alten wesentlich steigerten . Und in dieser guten Laune war er auch noch , als er um die fünfte Stunde seinen Eichenstock und seinen eingeknautschten Filzhut vom Riegel nahm , um am See hin , in der Richtung auf Globsow zu , seinen gewöhnlichen Spaziergang zu machen . Unmittelbar am Südufer , da , wo die Wand steil abfiel , befand sich eine von Buchenzweigen überdachte Steinbank . Das war sein Lieblingsplatz . Die Sonne stand schon unterm Horizont , und nur das Abendrot glühte noch durch die Bäume . Da saß er nun und überdachte sein Leben , Altes und Neues , seine Kindheits- und seine Leutnantstage , die Tage kurz vor seiner Verheiratung , wo das junge , blasse Fräulein , das seine Frau werden sollte , noch Lieblingshofdame bei der alten Prinzeß Karl war . All das zog jetzt wieder an ihm vorüber , und dazwischen seine Schwester Adelheid , in jenen Tagen noch leidlich gut bei Weg , aber auch schon hart und herbe wie heute , so daß sie den reizenden Kerl , den Baron Krech , bloß weil er über ein schon halb abgestorbenes Verhältnis und eine freilich noch fortlebende Spielschuld verfügte , durch ihre Tugend weggegrault hatte . Das waren die alten Geschichten . Und dann wurde Woldemar geboren , und die junge Frau starb , und der Junge wuchs heran und lernte bei Lorenzen all das dumme Zeug , das Neue ( dran vielleicht doch was war ) , und nun fuhr er nach England rüber und war vielleicht schon in Köln und in ein paar Stunden in Ostende . Dabei sah er vor sich hin und malte mit seinem Stock Figuren in den Sand . Der Wald war ganz still ; auf dem See schwanden die letzten roten Lichter , und aus einiger Entfernung klangen Schläge herüber , wie wenn Leute Holz fällen . Er hörte mit halbem Ohr hin und sah eben auf die von Globsow her heraufführende schmale Straße , als er einer alten Frau von wohl siebzig gewahr wurde , die , mit einer mit Reisig bepackten Kiepe , den leis ansteigenden Weg heraufkam , etliche Schritte vor ihr ein Kind mit ein paar Enzianstauden in der Hand . Das Kind , ein Mädchen , mochte zehn Jahr sein , und das Licht fiel so , daß das blonde wirre Haar wie leuchtend um des Kindes Kopf stand . Als die Kleine bis fast an die Bank heran war , blieb sie stehn und erwartete da das Näherkommen der alten Frau . Diese , die wohl sah , daß das Kind in Furcht oder doch in Verlegenheit war , sagte : » Geih man vorupp , Agnes ; he deiht di nix . « Das Kind , sich bezwingend , ging nun auch wirklich , und während es an der Bank vorüberkam , sah es den alten Herrn mit großen , klugen Augen an . Inzwischen war auch die Alte herangekommen . » Na , Buschen « , sagte Dubslav , » habt Ihr denn auch bloß Bruchholz in Eurer Kiepe ? Sonst packt Euch der Förster . « Die Alte griente . » Jott , jnädiger Herr , wenn Se doabi sinn , denn wird he joa woll nich . « » Na , ich denk auch ; is immer nich so schlimm . Und wer is denn das Kind da ? « » Dat is joa Karlinens . « » So , so , Karlinens . Is sie denn noch in Berlin ? Und wird er sie denn heiraten ? Ich meine den Rentsch in Globsow . « » Ne , he will joa nich . « » Is aber doch von ihm ? « » Joa , se seggt so . Awers he seggt , he wihr et nich . « Der alte Dubslav lachte . » Na , hört , Buschen , ich kann ' s ihm eigentlich nicht verdenken . Der Rentsch is ja doch ein ganz schwarzer Kerl . Un nu seht Euch mal das Kind an . « » Dat hebb ick ehr ook all seggt . Un Karline weet et ook nich so recht un lacht man ümmer . Un se brukt em ook nich . « » Geht es ihr denn so gut ? « » Joa ; man kann et binah seggen . Se plätt ' ümmer . Alle so ' ne plätten ümmer . Ick wihr oak dissen Summer mit Agnessen ( se heet Agnes ) in Berlin , un doa wihrn wi joa tosamen in ' n Zirkus . Un Karline wihr ganz fidel . « » Na , das freut mich . Und Agnes , sagt Ihr , heißt sie . Is ein hübsches Kind . « » Joa , det is se . Un is ook en gaudes Kind ; se weent gliks un is immer so patschlich mit ehre lütten Hänn ' . Sünne sinn immer so . « » Ja , das is richtig . Aber Ihr müßt aufpassen , sonst habt Ihr ' nen Urenkel , Ihr wißt nicht wie . Na , gu ' n Abend , Buschen . « » ' n Abend , jnäd ' ger Herr . « Vierundzwanzigstes Kapitel Der Baron Berchtesgadensche Wagen fuhr am Kronprinzenufer vor , und die Baronin , als sie gehört hatte , daß die Herrschaften oben zu Hause seien , stieg langsam die Treppe hinauf , denn sie war nicht gut zu Fuß und ein wenig asthmatisch . Armgard und Melusine begrüßten sie mit großer Freude . » Wie gut , wie hübsch , Baronin « , sagte Melusine , » daß wir Sie sehn . Und wir erwarten auch noch Besuch . Wenigstens ich . Ich habe solch Kribbeln in meinem kleinen Finger , und dann kommt immer wer . Wrschowitz gewiß ( denn er war drei Tage lang nicht hier ) und vielleicht auch Professor Cujacius . Und wenn nicht der , so Doktor Pusch , den Sie noch nicht kennen , trotzdem Sie ihn eigentlich kennen müßten - noch alte Bekanntschaft aus Londoner Tagen her . Möglicherweise kommt auch Frommel . Aber vor allem , Baronin , was bringen Sie für Wetter mit ? Lizzi sagte mir eben , es neble so stark , man könne die Hand vor Augen nicht sehn . « » Lizzi hat Ihnen ganz recht berichtet , der richtige London fog , wobei mir natürlich Ihr Freund Stechlin einfällt . Aber über den sprechen wir nachher . Jetzt sind wir noch beim Nebel . Es war draußen wirklich so , daß ich immer dachte , wir würden zusammenfahren ; und am Brandenburger Tor , mit den großen Kandelabern dazwischen , sah es beinah aus wie ein Bild von Skarbina . Kennen Sie Skarbina ? « » Gewiß « , sagte Melusine , » den kenn ich sehr gut . Aber allerdings erst von der letzten Ausstellung her . Und was , außer den Gaslaternen im Nebel , mir so eigentlich von ihm vorschwebt , das ist ein kleines Bild : langer Hotelkorridor , Tür an Tür , und vor einer der vielen Türen ein Paar Damenstiefelchen . Reizend . Aber die Hauptsache war doch die Beleuchtung . Von irgendwoher fiel ein Licht ein und vergoldete das Ganze , den Flur und die Stiefelchen . « » Richtig « , sagte die Baronin . » Das war von ihm . Und gerade das hat Ihnen so sehr gefallen ? « » Ja . Was auch natürlich ist . In meinen italienischen Tagen - wenn ich von italienischen Tagen spreche , so meine ich übrigens nie meine Verheiratungstage ; während meiner Verheiratungstage hab ich Gott sei Dank so gut wie gar nichts gesehn , kaum meinen Mann , aber freilich immer noch zuviel - , also während meiner italienischen Tage hab ich vor so vielen Himmelfahrten gestanden , daß ich jetzt für Stiefeletten im Sonnenschein bin . « » Ganz mein Fall , liebe Melusine . Freilich bin ich jetzt nebenher auch noch fürs Japanische : Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben . In meinen Jahren darf ich ja von Storch sprechen . Früher hätt ich vielleicht Kranich gesagt . « » Nein , Baronin , das glaub ich Ihnen nicht . Sie waren immer für das , was sie jetzt Realismus nennen , was meistens mehr Ton und Farbe hat , und dazu gehört auch der Storch . Deshalb lieb ich Sie ja gerade so sehr . Ach , daß doch das Natürliche wieder obenauf käme . « » Kommt , liebe Melusine . « Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht . Es kam wirklich Besuch , erst Wrschowitz , dann aber - statt der drei , die sie noch