Dörfer der Umgegend zur Genüge bereist , sein Hauptquartier wieder in der Kreisstadt aufgeschlagen hatte . Als er das Bureau betrat , empfing ihn Zittwitz mit dem Ausrufe : » Sehen Sie , ich habe es Ihnen ja gesagt , daß wir handelseinig werden würden . Nun zeigen Sie mal her ! « Damit ließ er sich den Kontrakt reichen . Der Agent nickte zufrieden . Daß ein paar Mädchen mehr darauf standen , als verlangt - durch Ernestinens eifriges Werben - war ihm nicht unlieb ; denn , meinte der erfahrene Mann : ein oder das andere Frauenzimmer bleibe im letzten Augenblicke doch noch weg , oder laufe auch während des Sommers aus der Arbeit . Da sei es vorsichtiger gehandelt , wenn man von Anfang an ein paar mehr mitbringe , als unbedingt verlangt seien . » Jetzt wollen wir mal die Reiseroute feststellen ! « sagte Zittwitz und nahm das Kursbuch zur Hand . » Sie reisen am Montag früh . Die Gutsverwaltung hat schon geschrieben , daß sie sehnlichst auf die Leute warte . Natürlich mit dem ersten Zuge ! Da können Sie abends bereits in Welzleben sein . Ich werde Sie anmelden , dann finden Sie jedenfalls Geschirr vom Vorwerke auf dem Bahnhof . Sorgen Sie dafür , daß die Mädel nicht zu viel Gepäck mitschleppen . Die möchten womöglich am liebsten das ganze Bett , Töpfe , Stühle , was weiß ich alles , mitnehmen . Eine Lade und ein Federbett , das ist das Äußerste , was gestattet wird . Überhaupt , den Frauenzimmern halten Sie den Daumen aufs Auge , den Rat gebe ich Ihnen . Ich bin früher selbst als Vorarbeiter gegangen . Da muß man ein eisernes Regiment führen , am besten mit dem Stocke , sonst hat man verspielt mit der Gesellschaft . Lumpenpack ist es ja doch meistens , was so von zu Hause wegläuft ! « Was der Mann heute sagte , klang ganz anders , als was Gustav bisher aus diesem Munde vernommen hatte . Überhaupt schien er an Freundlichkeit und Entgegenkommen bedeutend nachgelassen zu haben , seit er den Kontrakt mit den Unterschriften in Händen hielt . Gustav hatte kaum Zeit , über die Wandlung in dem Wesen des Agenten nachzudenken , ihm ging im Kopfe herum , was jener über den Termin der Abreise gesagt . So kurz hatte er sich die Frist nicht gedacht . Auf den Sonntag war seine Hochzeit angesetzt , am Tage darauf schon sollte es also fortgehen ! Das schien sehr kurz anberaumt , aber es war vielleicht das beste so . Ein rascher Abschied hatte auch sein Gutes . Wozu das lange Hängen und Haften an den alten Verhältnissen , die doch einmal aufgegeben werden mußten ! - Der Agent zeigte ihm die Reiselinie auf der Karte . Gustav bat um Angabe der Zugverbindungen , die er sich aufschreiben wollte . » Und nun wollen wir mal das Reisegeld berechnen . Hin- und Rückfahrt haben Sie nämlich frei mit Ihren Leuten , natürlich vierter Klasse ! Das ist ein weiteres gutes Geschäft , das Sie machen . « Gustav dachte bei sich , daß das eigentlich selbstverständlich sei ; sagte aber nichts . - Der Agent berechnete die Billettpreise und händigte Gustav das Geld gegen Quittung aus . » Nun wären wir eigentlich fertig ! « sagte der Mann . » Halt ! noch eins ! Was haben Sie sich denn an Bindegeld von den Leuten geben lassen ? « Gustav erwiderte mit einigem Befremden , daß er sich nichts habe geben lassen ; die Leute , die er angeworben hätte , besäßen ja nichts oder so gut wie nichts . Es sei üblich , meinte Zittwitz mit überlegenem Lächeln , sich für das Anwerben ein Handgeld geben zu lassen . Umsonst sei auf der Welt nichts , und für seine Bemühungen wolle man doch auch einen Lohn haben . Dann sagte er - und beobachtete dabei Gustavs Mienenspiel scharf - das Kaufgeld für den Kontrakt wolle er ihm bis zum nächsten Monate stunden , wo er es ihm von seinem Vorarbeitergehalte abzahlen möge . Gustav sah den Agenten verdutzt an ob dieser Rede . Der erwiderte den Blick des jungen Mannes mit Kälte . Er verstehe wohl nicht recht , meinte Gustav ; von irgendeiner Bezahlung , die er zu leisten habe , sei doch vorher nicht die Rede gewesen . » Weil das ganz selbstverständlich ist , mein Lieber ! « rief Zittwitz mit einer ungeduldigen Bewegung . » Denken Sie denn , ich schinde mich für nichts und wieder nichts ab ! fahre auf den Dörfern herum ! lasse mich von den Leuten ärgern und stecke alle mögliche dummen Redensarten ein . « Dabei warf er Gustav einen feindlichen , nicht mißzuverstehenden Seitenblick zu . Er hatte den Vorfall im Kretscham von Salbenau also doch nicht vergessen , viel weniger vergeben . - » Nein , mein Lieber ! Ich verlange meine Provision . Das ist Geschäftsusance ; so nennt man das . Daran ist gebunden , wer mit uns handeln will . Da muß man sich eben vorher erkundigen . Ins Maul schmieren können wir ' s nicht jedem einzeln . Da hätte man viel zu tun ! - Oder dachten Sie vielleicht , daß ich Ihnen so einen Kontrakt , wie den hier , umsonst ablassen würde ? - Schenken , vielleicht aus Freundschaft ? - he ! Dann sind Sie sehr naiv , mein Bester ! Heutzutage ist alles Geldgeschäft . Pro Kopf des Arbeiters - ob Mädel oder Kerl ist eins - bekomme ich von Ihnen fünf Mark . Das ist die Taxe . Davon zahlen Sie mir die Hälfte zu Johanni , die andere zum Schluß der Arbeitsperiode . Sie werden schon wissen , wie Sie den Leuten gegenüber auf Ihre Kosten kommen . « Gustav begriff nun endlich , daß er übers Ohr gehauen sei . Im ersten Augenblicke überkam ihn das Gelüste , diesem Spitzbuben die ganze Geschichte vor die Füße zu werfen . Zittwitz hatte sich auf seinem Stuhle umgedreht und war in irgendwelche Schriftlichkeiten vertieft . Gustav sah nur seinen breiten Rücken . Wenn der Mann ihm nur wenigstens offen als Feind entgegengetreten wäre ! Aber dieser kalten Geringschätzung , diesem überlegenen Hohn gegenüber fühlte er sich gänzlich ohnmächtig . Der junge Mann würgte und schluckte an seinem Ärger . Dann bat er um Gehör . » Ach Gott , Sie sind noch hier ! « sagte der andere und wandte sich um mit gut geheucheltem Staunen . » Also , was wollen Sie noch ? Aber bitte , schnell ! ich habe nicht viel Zeit , wie Sie sehen . « Gustav begann mit einer von Ärger und innerer Erregung rauhen Stimme in abgehackten Sätzen auseinanderzusetzen , er habe nichts davon gewußt , daß er den Kontrakt bezahlen müsse ; man habe ihm die ganze Sache gegen seinen Willen aufgenötigt , und er wolle von dem Geschäfte absehen . Der Agent unterbrach ihn . » Das dürfte Ihnen wohl übel bekommen , mein Lieber ! « sagte er in trockenstem Tone . » Hier steht Ihre Unterschrift . An die halte ich mich . Wer etwas unterschreibt , was er nicht kennt , ist ein Narr ! Außerdem haben Sie eine ganze Anzahl Leute zum Unterschreiben veranlaßt ; an die sind Sie ebenfalls gebunden . Man wird sich an Sie halten von beiden Seiten . Es gibt in unserem Gesetz ein Wörtchen , das heißt Kontraktbruch ; das wird bekanntlich streng geahndet . « Gustav war nicht imstande , diese Behauptung zu widerlegen . Er fühlte , ohne es beweisen zu können , daß er im Recht und jener im Unrecht sei . Aber bei dem , was in letzter Zeit seinem eigenen Vater widerfahren , lag das Recht so deutlich auf Seite des Unterliegenden und das Unrecht auf Seite des Siegers - und trotzdem nahmen Samuel Harrassowitz und Ernst Kaschel das Gesetz für sich in Anspruch , während es den Bauern im Stiche zu lassen schien - daß sich bei dem jungen Manne alle Begriffe von Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit zu verwirren drohten . Das Recht war wohl nur denen etwas nütze , die es zu verdrehen verstanden ! Der Agent hatte sich wieder seiner Arbeit zugewandt . Er ließ Gustav in den bittersten Gedanken stehen und warten . Sollte er ' s darauf ankommen lassen , ob jener es wirklich so weit treiben wurde , ihn wegen ! Kontraktbruchs zu belangen ? Die Sorge , sich vor dem Gesetze schuldig zu machen , war es weniger , die ihn bedrückte , als das Gefühl der Verpflichtung denen gegenüber , die sich ihm verdungen hatten . Wie sollte er vor diesen bestehen ? Was wäre das für eine Schande gewesen vor dem ganzen Dorfe , wenn er jetzt die Flinte ins Korn warf . Und zu alledem , war er denn dann nicht wieder brotlos , ohne Stellung und Beschäftigung . Traurig genug ! Aber , es war so ! es blieb ihm keine Wahl ; er mußte sich den Bedingungen fügen , die ihm der Agent vorschrieb . » Wie steht ' s , Büttner ? « fragte Zittwitz , gelegentlich von seiner Korrespondenz aufblickend , nicht ohne Spott im Ton . » Sind Sie noch nicht im reinen mit sich ? Die Sache wird durchs Überlegen nicht anders . « Gustav drehte seine Mütze in der Hand und blickte vor sich zu Boden . » Fünf Mark pro Kopf ! Die Hälfte zu Johanni , die andere zu Martini . Billiger kann ich ' s nicht machen . Also , wie steht ' s ? Soll ich den Kontrakt mitsamt den Unterschriften an einen anderen verkaufen ? - he ! Das kann ich nämlich auch , wenn mir ' s Spaß macht . Oder , wollen Sie Vernunft annehmen ? « Gustav nagte die Lippen gesenkten Blickes und druckste noch ein wenig . Dann sagte er mit einer verlorenen Handbewegung , ohne aufzublicken : » Wenn ' s sein muß ! Aber recht is es nich ! « VI. Der Sonntag war herangekommen , an welchem Gustavs und Paulinens Hochzeit begangen werden sollte . Es war eine kleine und einfache Hochzeitsgesellschaft , die sich in der Kirche zu Halbenau um den Altar versammelt hatte . Die Eltern des Bräutigams fehlten . Es war ein schwerer Tag für die Büttnersche Familie . Tonis Stündlein war da . Die Wehen hatten bereits eingesetzt . Die Bäuerin wollte ihr Kind in schwerer Stunde nicht allein lassen . Der alte Bauer war , ohne ein Wort zu sagen , in früher Stunde aus dem Hof gegangen , dem Walde zu . Sein Feststaat , den ihm die Frauen für die Trauung zurechtgelegt hatten , war unberührt liegen geblieben . Aber Karl , Therese und Ernestine waren zur Stelle . Unter den Freunden des Bräutigams fiel Häschkekarl auf . Er war wie ein feiner Herr angezogen , in schwarzen Sachen , mit weißem Vorhemdchen und Manschetten . Sogar einen schwarzen Hut , wenn auch nicht den neuesten , hielt er in der Hand . Woher der Vagabund sich diese Pracht verschafft hatte , wußte nur er allein . Die Braut war in weißen Mull gekleidet . Das Kleid hatte sie sich mit Hilfe einer Freundin , die in der Stadt das Zuschneiden erlernt hatte , selbst angefertigt . Städtische Blasiertheit würde vielleicht die Nase gerümpft haben über den Staat dieser ländlichen Braut . Von Zierlichkeit und Anmut war da keine Rede . Das helle Kleid verstärkte noch die Derbheit ihrer entwickelten Gestalt . Und doch war es eine Freude , dieses Paar zu sehen . Gesund waren sie und schlicht ; echte Bauernkinder ! Pauline trug keinen Brautkranz im Haar . Der alte Pfarrer hielt streng darauf , daß kein Mädchen , der es nicht zukam , mit dieser Auszeichnung vor den Altar trete . Die kranzlosen Bräute waren nicht selten in Halbenau , denn der Leichtsinn der jungen Leute war groß . Der Pastor pflegte an die Paare , welche die Freuden der ehelichen Verbindung vorausgenossen hatten , ernste Worte des Tadels zu richten . Aber heute unterließ er das , zur Verwunderung vieler , denen diese Art der öffentlichen Vermahnung immer einen angenehmen Kitzel bereitete . Der Geistliche kannte Pauline gut . Sie war einst sein Liebling gewesen unter den Konfirmanden . Er wußte , daß sie nicht leichtfertig war . Auch kannte er ihre Verschämtheit und ersparte ihr darum die öffentliche Bloßstellung ihres Fehltritts . Frau Katschner hatte auf ihre Erscheinung so viel Putz verwendet , als es ihr bei ihren ärmlichen Verhältnissen möglich war . Sie hatte heute ganz besonderen Grund , stolz und voll Befriedigung dreinzublicken . Befand sich doch in der Hochzeitsgesellschaft niemand Geringeres als Fräulein Bumille , die Wirtschaftsmamsell vom Schloß . Die Bumille glich mit ihrem hochgeröteten Gesicht , dem bauschigen Seidenkleide und dem hängenden Unterkinn einem aufgeblähten Puter . Bei jeder ihrer schwerfälligen Bewegungen krachte und knitterte die umfangreiche Maschine ihrer Toilette . Auf dem wogenden Felde ihres Busens hatte eine Goldbrosche in Form eines Rades Platz gefunden . Zwischen den hellen Handschuhen und den allzu eng anschließenden Ärmeln drängte sich eine Wulst rosalichen , gepreßten Fleisches hervor . So saß diese prächtige Dame als ein rechtes Renommierstück unter den einfachen Dorfleuten . Durch Blicke , Haltung und jene eigenartigen Geräusche , die von ihr ausgingen , schien sie jedermann einschärfen zu wollen , daß sie Fräulein Bumille , die Mamsell vom Schlosse sei , und daß der ganzen Gesellschaft durch ihre Nähe eine nicht geringe Ehre widerfahre . Es wurde viel geweint von seiten der Frauen , wie meist bei Trauungen . Der alte Pfarrer machte es aber heute auch ganz besonders schön . Auf das Schneuztuch , welches Pauline über dem Gebetbuch gebreitet hielt , fiel manche Träne . Auch Gustav war ergriffen und , weil er diese weiche Stimmung eigentlich verächtlich fand , schließlich mehr ärgerlich als erhoben . Nach der Trauung ging man zu Fuße nach Frau Katschners kleinem Hause . Wie immer auf dem Lande , wurde viel Zeit vertrödelt mit Herumstehen und Schwatzen . Einzelne junge Leute gingen wohl auch noch in den Kretscham , ehe sie sich in das Hochzeitshaus begaben . Dort gab es den ganzen Nachmittag über zu essen und zu trinken für die Hochzeitsgäste , die Freunde und Nachbarn , welche aus Neugier und auch um der guten Bissen willen auf ein Stündchen eintraten . Da das Häuschen die Fülle der Gevattern nicht zu fassen vermochte , traten viele hinaus in den Garten . Die bevorzugten Gäste saßen drinnen im Zimmer um den runden Tisch . Hier war es , wo Fräulein Bumille den andachtsvoll lauschenden Dorfweibern von dem neuesten freudigen Ereignisse im gräflichen Hause berichtete : Komtesse Wanda hatte sich in Berlin verlobt , im Sommer sollte die Hochzeit sein . Da würde die Gegend etwas zu sehen bekommen ! Denn der Graf wollte der Schwester die Hochzeit ausrichten . Der Bräutigam sei Offizier und Prinz und noch dazu ein schwer reicher . » Ja , unsere Wanda ! « sagte Fräulein Bumille und ließ ihre geheimnisvolle Maschinerie krachen und knistern , » unsere Wanda ! die hat ' s inwendig ! Die macht ' s gar nich , unter ' n Prinzen , habe ich immer gesagt . Die Wanda , die war schon als Kind was ganz Appart ' s. Wie sie noch ganz klein war , da kam sie immer zu mir in die Küche gelaufen . Mamdell , sagte sie , Mamdell ! so sprach sie nämlich , gib mir ein Stückchen Kuchen ; aber groß muß es sein . Das sagte sie , und da war sie noch ein kleines Ding . Paßt ä mal auf , habe ich da gleich gesagt , die macht ' s nich unter ' n Prinzen . « Frau Katschner bestätigte jedes Wort durch ein Kopfnicken , und die Frauen von Halbenau lauschten offenen Mundes den mancherlei Heimlichkeiten , welche die Mamsell aus dem Leben ihrer Herrschaft mitzuteilen , sich herabließ . Gegen Abend ging Fräulein Bumille . Damit verlor das Fest seine eigentliche Weihestimmung . Die Lustigkeit trat ungehindert in ihre Rechte . Häschkekarl hatte nun freies Feld . Wo er auftrat , gab es Ausgelassenheit und Gelächter . Er hatte sich bereits den ganzen Nachmittag über mit einem Schwarm Burschen und Mädchen in Haus und Garten umhergetrieben . Jetzt saß er draußen im Apfelbaume , eine alte Militärmütze schief auf dem Kopfe , mit einer falschen Nase im Gesichte , sang Lieder und gab Schnurren zum besten . Mancher derbe Witz mochte da mit unterlaufen , nach dem Wiehern und Gröhlen der Burschen und dem unterdrückten Gekicher der Mädchen zu schließen . Bei anbrechender Dunkelheit hatte sich Pauline aus der Hochzeitsgesellschaft zurückgezogen . Flink ward in der Kammer das Kleid gewechselt und nach dem Jungen gesehen . Dann lief sie , ohne jemandem ein Wort davon zu sagen , nach dem Büttnerschen Hofe . Die Alten waren nicht zur Hochzeit gekommen , darum wollte sich die junge Frau ihnen selbst vorstellen als ihre Tochter . Sie trat in die große Stube . Niemand schien zu Haus zu sein , alles war dunkel . Schon wollte sie wieder hinausgehen , als sie gegen das lichte Fenster einen Kopf und ein paar Schultern erblickte . Sie erkannte an den Umrissen den alten Bauern . Pauline war heute in erregter und gerührter Stimmung , darum wagte sie etwas für ihre sonstige Scheu Außerordentliches . Sie ging auf den alten Mann zu und sagte ihm , daß sie nun mit Gustav getraut sei . Dabei umarmte und küßte sie ihn . Im Augenblicke selbst , wo sie das tat , erschrak sie über ihre Kühnheit . Als sie die Wange des Alten berührt , hatte sie dort ganz deutlich etwas Feuchtes gefühlt . Der Büttnerbauer weinte ! - Pauline fühlte es wie einen Stich in der Brust . Hier saß der alte Mann , von allen verlassen , in seinem Kummer . Wie lange mochte er schon dagesessen haben ! Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt ; denn sie liebte und verehrte ihn wirklich , wenn auch bisher nur aus der Ferne . Aber es fiel ihr nichts ein , womit sie sein Herz hätte erfreuen können . Schließlich fragte sie mit stockender Stimme nach der Bäuerin . Im rauhen Tone erwiderte ihr der Bauer , das Weibsvolk sei oben in der Kammer . Pauline zündete erst noch die Lampe an , damit er doch wenigstens nicht im Dunklen sitzen solle , und lief dann die Treppe hinauf zum zweiten Stock , um die Bäuerin und Toni zu begrüßen . Auf der obersten Stufe der Holzstiege angelangt , hörte sie Töne , die der jungen Frau alles Blut zum Herzen trieben . Sie blieb mit zitternden Knien stehen und lauschte atemlos : dünnes , quäkendes Geschrei . Tonis Kind war angekommen . * * * Es war ein feuchtwarmer Aprilmorgen , an welchem die Sachsengänger aus Halbenau aufbrachen , zur Reise nach dem Westen . Ein Himmel wie Wolle . Hin und wieder matte Sonnenblicke wie verschlafen durch grämliche Nebel . Auf einem Leiterwagen kauerten sie beieinander , Männer und Weiber mit ihren Habseligkeiten . Die Mädchen saßen auf Laden und Federbetten , die Burschen hatten leichtere Bündel zwischen den Knien . Vorn beim Kutscher auf einem bevorzugten Platze saß Pauline , ihren Jungen im Schoße , neben ihr Ernestine . Gustav ging umher , die Uhr in der Hand und hielt besorgt Umschau . Drei von seinen Mädchen fehlten ihm ; sie waren in ihren Wohnungen nicht aufzufinden , wahrscheinlich hielten sie sich versteckt . Der Entschluß , in die Fremde zu gehen , mochte sie nachträglich gereut haben . Von einer hieß es , daß sie sich einem anderen Trupp angeschlossen habe , der bereits zeitiger die Fahrt nach den Rübengütern angetreten hatte . Der Aufseheragent hatte also recht behalten : es brannten immer einige durch . Gut , daß Gustav noch den fünften Mann gefunden hatte in der Person eines polnischen Arbeiters . Rogalla , so hieß er , saß jetzt mit unzufriedener Polenmiene , in einen Schafpelz gehüllt , mit langem , schwarzem Haupthaar und Schnurrbart , wie ein fremder Vogel unter den blonden Halbenauerinnen und kaute Tabak . Der frühen Stunde zum Trotze , hatte sich doch eine ganze Anzahl Leute aus dem Dorfe zusammengefunden , um Abschied von den Wanderern zu nehmen . Da wurde im letzten Augenblicke noch alles mögliche herbeigeschleppt : Kleidungsstücke , Bettzeug , Eßwaren . Auch einige junge Burschen hatten sich eingefunden , wohl ihrer Mädchen wegen , die in die Fremde gingen . Den meisten wurde der Abschied schwerer , als sie es sich anmerken lassen wollten . Wer konnte wissen , was ihrer da draußen wartete ! Und auch den Zurückbleibenden war das Herz schwer . Mancher junge Mann zagte , daß ihm die Geliebte , die er widerwillig ziehen ließ , in der Fremde die Treue brechen möchte . Manche Mahnung und Warnung wurde da noch durch Blick und Händedruck mit auf die Reise gegeben , ohne Worte , zu denen es keine Zeit mehr gab . Der einzige von der ganzen Gesellschaft , dem es leicht ums Herz zu sein schien , war Häschkekarl . Heute hatte er wieder seinen buntscheckigen Vagabundenanzug angelegt . Den Hut verwegen auf einem Ohre , ein rotes Halstuch statt eines Kragens , sah er einem Stromer verzweifelt ähnlich . Jetzt , wo es auf die Reise ging , fühlte er sich erst wieder wohl und behaglich . Und diesmal sollte er noch dazu in guter Gesellschaft walzen . Eine ganze Mandel » Schicksen « waren mit - so nannte er die Mädchen - da würde sich ' s schon leben lassen . Er summte ein Wanderlied vor sich hin . Als der kleine Gustav auf Paulinens Schoß unruhig wurde und zu schreien anfing , brachte er die » Quarre « durch eine seiner drolligen Grimassen schnell wieder zur Ruhe . Die Büttnerbäuerin war auch herausgehumpelt , ihrer Lähme zum Trotze . Zwei von ihren Kindern gingen ja mit hinaus in die Fremde . Gustav , ihr bester Sohn , und Ernstinel , ihre Jüngstgeborene . Die alte Frau hatte es bisher gar nicht recht glauben wollen , daß aus diesem abenteuerlichen Plane etwas werden solle . Zu so vielen Sorgen und Kümmernissen der letzten Zeit kam nun auch noch die Zersplitterung der Familie ! Das war zu viel ! Als sie den Wagen sah mit den Wanderern und dem Gepäck , drohten sie die Kräfte zu verlassen . Zum Abschied hatte sie nur ein sinnloses Gestammel : » Ne , ach Gutt ! Gustav ! Ne , ach Gutt , Pauline ! Paßt ack aufs Ernstinel uff . Ne , ach Gutt - ach , du lieber Herr Gutt ! - Ne , ne - was wern mer ack alles noch derlaben ! « Gustav mußte es den Frauen überlassen , von der Mutter zärtlichen Abschied zu nehmen . Er war ganz von der neuen Pflicht in Anspruch genommen , die schon wie eine schwere Verantwortung auf ihm lastete und ihn hart und ungesellig erscheinen ließ . Er glaubte , daß sie nun nicht länger warten dürften , wenn sie den Zug nicht versäumen wollten . Er schwang sich auf den Wagen und gab den Befehl zur Abfahrt . Die Peitsche des Kutschers hob sich , die Pferde zogen an . Noch ein Händedruck , ein Schluchzen , ein Winken , ein Mützeschwenken . Im Trabe ging ' s durchs Dorf . Vor den Häusern standen Leute , welche den Wanderern ein freundliches Wort zuriefen . Dann zeigte das letzte Gehöft des Dorfes , der Büttnersche Hof , seine Giebelseite . Gustav blickte noch einmal dort hinüber . Er hatte den Vater nicht gesehen vor der Abreise . Ganz in der Frühe heute wollte er noch zu ihm gehen ; aber dann hatte er ' s doch gelassen . Als Vorwand war ihm die Geburt von Tonis Kind gerade recht . Er trieb den Kutscher zur Eile an . Jetzt auf einmal war es ihm , als könne er nicht schnell genug von der Heimat wegkommen . An bekannten Feldern ging ' s vorbei , an Bäumen , Steinen und Wasserläufen . Nun zog sich der Weg ein Stück durch den gräflichen Wald . Dann hatte man die Halbenauer Flur verlassen . Eine Stunde , darauf saßen sie eng zusammengepfercht in einem Wagen vierter Klasse , mit fremdem Volk , Sachsengänger gleich ihnen , die schon weither kamen aus dem Osten . Unheimliches Gesindel mit braunen Gesichtern , das untereinander eine unverständliche Sprache redete . Als Pauline mit einem dieser schmutzstarrenden , kraushaarigen Frauenzimmer den schmalen Sitz teilen mußte , verlor sie alle Fassung , nachdem sie vorher tapfer mit dem Heimweh gekämpft hatte . Sie nahm ihren Jungen dicht an sich und haschte nach Gustavs Hand . Das war fürwahr ein traurige Nachfeier ihrer Hochzeit ! VII. Der Termin zur Zwangsversteigerung war herangekommen . Subhastationen waren im Bezirke dieses Amtsgerichts nichts Seltenes gewesen in der letzten Zeit . » In diesen Zeitläufen fallen die Bauern wie Fliegen von der Decke , wenn es Winter wird , « hatte erst kürzlich ein Kenner geäußert . Man war im allgemeinen ziemlich abgestumpft gegen bäuerlichen Bankerott . Immerhin machte es einiges Aufsehen , als bekannt wurde , daß das Büttnersche Bauerngut unter den Hammer kommen solle . Einmal , weil es ein großes Grundstück war , das nicht , wie die meisten anderen seiner Art , heruntergewirtschaftet und ausgeraubt war . Dann gab es aber auch noch Nebenumstände , die den Fall interessant machten . Man wußte , daß die Herrschaft Saland um das Bauerngut gehandelt hatte und nachdem der Handel so gut wie abgeschlossen gewesen , davon zurückgetreten war . Das gab zu allerhand Vermutungen Anlaß . Die Herrschaft hatte sich bisher noch nie einen Bauern , der » wackelig « wurde , entgehen lassen und hatte , nach der Behauptung kleinerer Güterhändler , die Preise des Grund und Bodens auf diese Weise nicht wenig in die Höhe geschraubt . Es war auffällig , daß sich die Herrschaft bei diesem Bauerngute , welches ihr geradezu vor der Nase lag , so zurückhaltend benahm . - Ungewöhnlich wurde der Fall auch dadurch , daß der betreibende Gläubiger kein anderer war als der eigene Schwager des bankerotten Bauern . Was konnte der Mann für ein Interesse an dem Untergange seines Schwagers haben ? fragte man sich unwillkürlich . Wollte er das Gut aus der Subhastation billig erstehen ? Und wozu sollte er , als Besitzer einer großen Gastwirtschaft , sich mit so bedeutendem Grundbesitz belasten ? In der Gerichtsstube begannen sich von früh neun Uhr ab einzelne Leute einzufinden . Meist waren es Neugierige , Gerichtsbummler , die selten bei solchen Anlässen fehlen . Die eigentlichen Interessenten saßen drüben im Löwen . Der Gasthof lebte geradezu von den Gerichtsverhandlungen . Denn dort pflegten vor und nach den Terminen Freund und Feind einzukehren . Dort stärkten sich die Parteien zu schwerem Gange . Dort tranken Richter , Staatsanwalt , Verteidiger , Zeugen und Schöffen ihren Schoppen in derselben Stube und vom nämlichen Fasse , nachdem sie sich drüben vielleicht im Rechtsstreite bis aufs Messer befehdet hatten . Auch Samuel Harrassowitz trank hier sein Bier . Er saß wie gewöhnlich auf seinem Platze am Fenster , von dem aus er den schmalen Platz zwischen Gasthof und Gerichtsgebäude überblicken konnte . Edmund Schmeiß saß neben dem Händler . Er trug einen neuen Anzug von hauptstädtischem Schnitt zur Schau , den er sich bei seinem letzten Aufenthalt in Berlin hatte anfertigen lassen . Er bestellte sich einen Kognak , » aber fine champagne , garçon ! « fügte er näselnd hinzu . Jetzt traten zwei Herren ein . Der Bankier Isidor Schönberger , fett , mit weißem Gesicht und um so schwärzerem Haar . Bei ihm war Bruno Riesenthal , der junge Advokat , der sich kürzlich in dem Städtchen niedergelassen und seiner Fixigkeit wegen hier bereits eine namhafte Praxis gefunden hatte . Die Herren schienen einander sämtlich gut zu kennen . Zum Gruße zwinkerten sie einander nur mit den schlauen Augen zu . Schönberger setzte sich mit verdrossenem Gesicht . Riesenthal kramte in seiner Advokatenmappe . Die Unterhaltung wurde halblaut geführt , denn an den Nebentischen saßen Leute , deren man nicht sicher war . » Heute is der Kaphroh dran ! « sagte Schönberger . Harrassowitz nickte . » Machst du de Massematten ? « » Kairousche ! « » Bis jetzt ist keine Konkurrenz da , « damit mischte sich Edmund Schmeiß in das Zwiegespräch . » Konkurrenz ! « meinte Sam und nahm eine verächtliche Miene . » Konkurrenz gibt ' s nicht ! « » Wird der Graf sich ganz fern halten ? « fragte der Advokat halblaut . » Der Graf ist besorgt ! « flüsterte Schmeiß . » Dafür steh ' ich ! Und das andere sind alles Schnorrer ! « In diesem Augenblicke ertönte vom Pflaster draußen Pferdegeklapper und Wagenrasseln . Ein offener Jagdwagen mit zwei guten Pferden davor hielt vor dem » Löwen « . Die vier Männer machten lange Hälse . Sam stieß einen Fluch aus . Er erkannte in dem langen bärtigen Manne , der selbst die Zügel geführt hatte , den Güterdirektor des Grafen , Hauptmann Schroff . Der kleine Grauhaarige war wohl ebenfalls ein Beamter der Herrschaft Saland . Die » Konkurrenz « war also dennoch gekommen ! Sam stand auf , ohne sein Glas geleert zu haben . Jetzt galt ' s , die Ohren steifhalten ! So leichten Kaufes , wie er spekuliert hatte , würde er nun doch nicht zu dem Gute kommen . Aber Sam gab noch nichts verloren . Wann wäre er jemals in schwieriger Lage verzagt oder um Mittel und Wege verloren gewesen ! Er