ein . Ehe Schipper das offene Latschental erreichte , war Graf Egge bereits vor dem » Palais Dippel « angelangt und trat in die Hütte . Mit der gewohnten Vorsicht , an der seine kochende Erregung nichts zu ändern vermochte , hängte er die Büchse an den Gewehrrechen . Seine Bergschuhe waren ihm zwar auch noch heilig , aber sie wurden schon etwas derber behandelt , als er sie von den Füßen zerrte , ohne die Riemen zu lösen . Übel kam die Joppe weg ; ein paar Nähte krachten , und zu einem Klumpen geballt flog sie in einen Winkel . Hemdärmelig und in Filzpantoffeln , vorgebeugten Kopfes und mit den Fäusten auf dem Rücken wanderte Graf Egge in der engen Stube auf und nieder , wie ein gereizter Löwe in seinem Käfig . Nach allem Jagdpech dieses Morgens war ihm die Nachricht , die er soeben hatte hören müssen , bös in die Quere gekommen . Am folgenden Morgen hätten die viertägigen Treibjagden in Patscheiders Bezirk beginnen sollen . Damit war ' s nun aus . Man mußte wohl oder übel so lange warten , bis » da drüben « alles wieder » in Ordnung « war . Ungeduldig sprang er zum Fenster . » Gott sei Dank , da kommt er schon ! « murmelte er , als zwischen den Latschen der graue Kopf seines » Hof- und Geheimrates « auftauchte . Wieder begann er den Marsch durch die Stube , und während er den Plan entwarf , nach welchem Schipper » da drüben « wirtschaften sollte , stieg mit unbehaglicher Deutlichkeit vor ihm das Bild eines Menschen auf , der zwischen blutbesprengten Büschen regungslos auf dem Gesichte lag . Schipper erschien . Mit raschem Blick spähte er nach dem Gesicht seines Herrn und sagte : » Es is mir unangnehm , Herr Graf , aber ich muß leider an zwidern Fürfall melden . « » Noch was ? « fuhr Graf Egge auf , als wäre ihm das Maß dessen , was dieser Tag gebracht hatte , schon mehr als genügend . » Es tut mir leid , daß ich gegen Ihren Herrn Sohn reden muß . Aber es is mei ' Pflicht . Da geh ich durch dick und dünn . Ich hab den Hirsch da drüben aufbrochen . Und schauen S ' her : die Kugel hab ich im Hirsch gfunden . Er hat bloß den einzigen Schuß . « Schipper hielt seinem Herrn auf der flachen Hand eine Bleikugel hin , deren Spitze breitgedrückt war wie der Kopf eines Pilzes . Graf Egge nahm das Blei . » Was soll das heißen ? Das ist doch das kleine Kaliber , das der Hornegger schießt ? Wie kommt die Kugel in den Hirsch ? « Das Blut stieg ihm in die Stirn , und die Adern an seinen Schläfen schwollen zu dicken Schnüren . » Ich bitt , Herr Graf , nehmen S ' die Sach net gar so krumm ! Es is doch um Gotts willen kein Verbrechen ! Der Herr Tassilo wird halt gforchten haben , es gibt noch an ärgern Spitakl wie gestern , wann er den Hirsch wieder durchlaßt . Da wird er halt dem Franzl an Wink geben haben . « » Und dieses Rabenaas hat die Frechheit und schießt mir den Hirsch nieder ! « schrie Graf Egge , der nun endlich Gelegenheit fand , alles auszuschütten , was an Ärger und Erregung in ihm kochte . » Die vorige Woch schlagt er meinem Staatsbock die Kruck herunter , gestern lügt er mich an , und heut brennt er mir einen Hirsch nieder , wie ich selber keinen geschossen hab ' , ich weiß nicht , wie lang ! « » Aber Herr Graf ! Sind S ' doch gscheit ! « versuchte Schipper zu trösten . » Lassen S ' Ihnen doch sagen - « » Nichts laß ich mir sagen ! Solche Schweinereien duld ' ich nicht . Das ist eine unerhörte Gemeinheit ! « Graf Egge schleuderte die Kugel auf den Tisch und ließ einen dröhnenden Faustschlag folgen . » Mit dem Kerl bin ich fertig . Und den anderen , der mein Personal zu solchen Manklereien verleitet - den staub ' ich aus . Natürlich ! Der hat jahraus und -ein mit Spitzbuben zu tun . Da ist ihm nicht wohl unter anständigen Jägern . Aber meine Jagd soll er mir in Ruh ' lassen . Da versteh ich keinen Spaß . « Jammernd schlug Schipper die Hände ineinander . » Lieber , lieber Herr Graf , ich bitt Ihnen um Gotts willen - « Er verstummte . Tassilo und Franzl betraten die Stube , der eine mit brennendem Gesicht , der andere mit kalkweißer Stirn . Schon vor der Hütte hatten sie die wetternde Stimme gehört und schienen zu wissen , was ihrer wartete . Schipper , den ein funkelnder Blick aus Franzls Augen traf , zuckte die Achseln und drückte sich zur Tür hinaus . Wie ein angeschossener Eber fuhr Graf Egge auf Franzl los : » Du unterstehst dich noch , zu mir in die Stube zu kommen ? « Dieser Empfang machte den Jäger sprachlos ; der Hut zitterte in seinen Händen , und verstört suchte er Hilfe bei Tassilo , während Graf Egge weiterschrie : » Oder hast du vergessen , daß es meinem Personal aufs strengste verboten ist , Jagd auf eigene Faust zu treiben ? Glaubst du vielleicht , ich bezahle jährlich sechzigtausend Mark für meine Jagd , um dir ein Privatvergnügen zu machen ? « Tassilo hatte die Büchse auf den Tisch gelegt und trat zwischen seinen Vater und den Jäger . » Ich bitte dich , Papa , mich in Ruhe anzuhören . « » Mit dir hab ' ich nichts zu verhandeln , du warst nie ein Jäger , und du wirst nie einer . Über Dummheiten , die du machst , ärgere ich mich schon lange nicht mehr . Hornegger aber hat gegen mein ausdrückliches Verbot gehandelt . « » Nein , Papa ! « » Ja ! « » Den Jäger trifft keine Schuld . Ich war der Meinung , den Hirsch getroffen zu haben , und befahl dem Jäger , einen Fangschuß abzugeben . « » Das geht mich gar nichts an ! Mein Personal hat sich an meine Vorschriften zu halten . Und einen Jäger , der nicht unterscheiden kann , ob ein Hirsch getroffen ist , den kann ich nicht brauchen ! « Graf Egge wandte sich an Franzl . » Wir beide sind fertig miteinander . Du kannst gehen ! Sofort ! Der nächste Monat wird dir ausbezahlt . Dann such ' dir einen anderen Dienst . « Graf Egge kehrte sich ab und stellte sich vor das Fenster und stützte die Fäuste auf das Gesims . Draußen in der Küche erhob sich Schipper schmunzelnd von der Tür , an der er gelauscht hatte . Franzl stand mit weißem Gesicht , und Tassilo sah den Vater an , als hätte er einen Wahnsinnigen vor sich . » Herr Graf ? « stammelte der Jäger endlich . » Dös kann doch net Ihr Ernst sein ? « » Nein , Hornegger , « fiel Tassilo mit bebender Stimme ein , » mein Vater hat im Ärger ein Wort gesprochen , das er gern zurücknehmen wird , wenn er ruhiger geworden . « Graf Egge fuhr mit dem Gesicht herum . » Da kennst du mich schlecht . « Tassilo trat vor den Vater hin , und ihre Augen kreuzten sich . » Ich wiederhole dir , Papa , daß ich allein der Schuldige bin . Und ich muß dich bitten , mir nicht die Demütigung zuzufügen , daß der schuldlose Jäger für mein Vergehen gestraft wird . Ich ersuche dich - « » Jetzt will ich meine Ruhe haben ! « Graf Egge ging zur Tür . » Vater ! « Tassilo wollte dem Vater folgen . Franzl hielt ihn am Arm zurück . Das Gesicht des Jägers hatte keinen Tropfen Blut , aber seine Stimme klang ruhig : » Ich bitt , Herr Tassilo , lassen Sie ' s gut sein ! Seit acht Tagen wirft mir der Herr Graf allbot den Dienst vor die Füß . In Gotts Namen , jetzt soll ' s an End haben . Mei ' Stellung is mir lieb gwesen , aber schließlich hat der Mensch doch an Ehrgfühl . « Graf Egge hörte diese Worte noch , als er hinaustrat in die Küche und hinter sich die Tür zuwarf . Einen Augenblick zögerte er und schien wieder in die Stube zurückkehren zu wollen , um noch ein Wort in dieser Sache zu sprechen . Aber Schippers Anblick erinnerte ihn an die » verfluchte Geschichte da drüben « . Das mußte zuerst erledigt werden . Dann war noch immer Zeit , um die Suppe , die in der Stube so heiß gekocht worden war , in kühlerem Zustand auszulöffeln . Mit einer stummen Bewegung winkte Graf Egge seinem Büchsenspanner und verließ mit ihm die Hütte . Sie schritten einer über das Tal hinausgebauten Graskuppe zu , auf der im Schatten moosbehangener Fichten eine plump gezimmerte Holzbank stand . Schipper , der den Zweck dieses Weges nicht erriet und dem Landfrieden nicht völlig zu trauen schien , studierte forschend das Gesicht seines Herrn . Graf Egge war ruhig . Der Blitz , den er in der Stube losgelassen , hatte das Ungewitter seines Grolles einigermaßen beschwichtigt . Als er die Bank erreichte , ließ er sich seufzend nieder , kraute sich mit beiden Händen im Haar und brummte nach einer Weile : » Ein scheußlicher Tag heut , Schipper ! « » Ja , Herr Graf , heut is alles schief gangen . « » Und hinter allem noch als Trumpf die rote Aß ! Auf dem Heimweg hat mich der Patscheider abgefaßt . Der arme Kerl hätte heut in der Früh beinah Malheur gehabt . « » Mar ' und Josef ! « murmelte Schipper . Er kannte zur Genüge die Bedeutung , die dieses Wort im Sprachgebrauch der Jagdhütte besitzt . » Die Sach ist doch hoffentlich gut ausgangen ? « Zögernd nickte Graf Egge . » Für den Patscheider ja ! Der ander liegt ! « » Recht so ! « lachte Schipper mit vorsichtig gedämpftem Jubel . » So an Lumpen nur allweil gleich niederpracken ! Dös steigt den andern in d ' Nasen . Da is wieder fünf Jahr lang Ruh im Revier . « » Das Exempel hat wohl seine gute Wirkung , aber so was bleibt doch immer eine böse Sache . Ich bin kein Freund von Geschrei und Scherereien . Am liebsten wär ' mir ' s , wenn Staub über die Geschichte fiele . Patscheider hat als Jäger seine Pflicht getan , ich will nicht , daß er Unannehmlichkeiten hat . Da drüben muß sauber gemacht werden , noch heut . Wenn dann das Laufen und Suchen der Verwandten angeht - im Gebirg ' ist überall Unglück möglich . Wenn einer vermißt wird , muß man ihn noch lang nicht erschossen haben . Was meinst du ? Kann ich mich auf dich verlassen ? « » Herr Graf - « Schipper blies die Backen auf und griff nach seiner Nase , » da tät ich schon lieber wieder a Kitz auf d ' Seit räumen . Aber wenn ' s der Jagd z ' lieb sein muß , in Gotts Namen ! « Er setzte sich dicht an die Seite seines Herrn , und flüsternd steckten sie die Köpfe zusammen . Als Schipper sich nach einer Weile erhob , sagte Graf Egge : » Sei vorsichtig ! Und drüben geh barfuß , die Bauern kennen deine Nagelfährte . « » Dem Patscheider seine Sachen nimm ich drüben gleich von der Hütten fort . Er wird wohl an anderen Posten im Revier kriegen müssen ? Oder net ? « » Da hast du recht ! Der arme Kerl hätte in der ersten Zeit ein schlechtes Schlafen da drüben . Ich nehm ' ihn zu mir und schicke den Hornegger hinüber . « » Den Franzl ? « Schipper machte ein verblüfftes Gesicht . » Aber Herr Graf - « » Ach so ! « brummte Graf Egge , der über dem wichtigen Thema des Augenblicks die Szene völlig vergessen hatte , die vor wenigen Minuten in der Hütte spielte . Er strich die Hand über den Scheitel und lachte . » Schon gut ! Darüber reden wir noch . Oder - aaah , mir scheint , das Kapitel soll gleich wieder von vorn anfangen ? « Diese Vermutung erwachte in Graf Egge , als er Tassilo gewahrte , der von der Hütte kam . Ein spöttisches Lächeln . Dann nickte Graf Egge seinem Büchsenspanner zu : » Mach ' weiter ! « Wortlos zog Schipper den Hut und schritt der Hütte zu . Als er an Tassilo vorbeiging , schien sich die Sorge , die Graf Egges Vergeßlichkeit in ihm geweckt hatte , wieder zu beschwichtigen . Der Blick , mit welchem Tassilo den Vater suchte , war für den Jäger ein Wetterzeichen , das auf alles andere eher deutete als auf friedlichen Sonnenschein zwischen Vater und Sohn . Schmunzelnd duckte Schipper den Kopf zwischen die Schultern und zog den grauen Bart durch die Hand . » Der is gladen ! Da kracht ' s. Es hilft dir nix , Franzerl , heut bist gliefert ! « Dieser Gedanke beschäftigte ihn so sehr , daß er eine Felsschrunde übersah . Er strauchelte und schlug sich auf dem steinigen Grund das Knie blutig . Graf Egge rückte tiefer in die Bank , ließ die Füße baumeln und blickte zwinkernd seinem Sohn entgegen , halb neugierig , halb gereizt . Tassilo vermochte vor Erregung kaum zu sprechen . » Ich bitte dich , Papa , mit mir in die Hütte zu kommen . « » Was soll ich dort ? « » Diesem armen Burschen sollst du sagen , daß du seine Entlassung nur in einem Augenblick der Erregung ausgesprochen . Und daß du jetzt , nachdem du ruhiger geworden , dieses harte Wort auch gern wieder zurücknimmst . « » So ? « Graf Egge zog die Brauen auf . » Du scheinst wohl zu glauben , daß ich unter Kuratel stehe , weil du so kategorisch über mich verfügst ? « » Ich verfüge nicht über dich . Ich bitte . Und ich kann nicht glauben , daß du einen braven Menschen , der dir lange Jahre treu gedient hat , wegen eines belanglosen Versehens wirklich in so harter Weise bestrafen könntest . Ich bitte dich , komm ! « Die Antwort ließ auf sich warten . » Ob das Versehen belanglos ist oder nicht , darüber will ich mit dir nicht streiten . Kümmere du dich um deine Pandekten ! Was für meine Jagd von Nutzen oder Schaden ist , diese Entscheidung überlasse gefälligst mir ! Und wenn ich mein Wort schon ändern wollte ? Hat denn die Sache gar so große Eile ? « » Hornegger packt seinen Rucksack und will gehen . « » Er will ? Wiegt ihm die Stellung in meinem Dienst so leicht ? « Graf Egge zeigte eine geärgerte Miene . » Gut ! Er soll gehen . « » Papa ! Das kann nicht dein Ernst sein ! « » Ernst oder nicht , jetzt gerade soll er gehen ! Er soll nur ein paar Wochen dunsten . Das wird für ihn eine gesunde Warnung sein . « Auf Tassilos Stirn erschien die gleiche Furche , wie sie tief gezeichnet zwischen den Brauen seines Vaters lag . » Du hast da ein Wort gesprochen , das mir unfaßbar ist ! « sagte er , sich mühsam zur Ruhe zwingend . » Die Bitte , mir eine Kränkung zu ersparen , hast du überhört , und ich will sie nicht wiederholen . Mir ist es nur um diesen armen Menschen zu tun . Ich bitte dich eindringlich , die Folgen der unverdienten Strafe , die du über Hornegger ausgesprochen , ernster abzuwägen . « » Oho ! « fuhr Graf Egge auf ; er kreuzte die Arme und bohrte seinen Falkenblick in Tassilos Augen . » Das ist eine nette Sprache , die du gegen mich anschlägst ! « » Verzeih ' mir , wenn ich in der Erregung nicht die richtigen Worte finde . Ich wollte nur sagen , daß du dich in Hornegger zu irren scheinst . Bei ihm wird die Sache nicht damit abgetan sein , daß er - um dein Wort zu gebrauchen - ein paar Wochen dunstet und in schwitzender Ungeduld auf die Stunde wartet , in der dir die Laune kommt , ihn wieder in Gnaden aufzunehmen . Du gibst ihm heut einen Stoß fürs ganze Leben . In ihm steckt eine tüchtige Natur , er liebt seine Stellung nicht nur um des Brotes willen , das sie ihm bietet , sie ist ihm die Freude , der ganze Inhalt seines Lebens . Und an ihr hängt seine Ehre . Er wird dich mit dem Bewußtsein verlassen , daß ihm ein schweres Unrecht geschah , und wird doch beim ersten Schritt ins Dorf den Makel des Davongejagten an sich empfinden müssen . Jedes Gemunkel der Leute , jedes anzügliche Wort , jedes spöttische Lächeln wird ihn treffen wie ein Stich ins Herz . Und dieser unverdienten Kränkung steht er wehrlos gegenüber . « » Du predigst warm für ihn ! « fiel Graf Egge mit scharf klingenden Worten ein . » Du willst ihn wohl dir erhalten ? Für später ? Natürlich ! Er hält ja schon jetzt zu dir . Er schießt für dich , er lügt für dich - « » Vater ! « stammelte Tassilo . Graf Egge erhob sich . Als er den Jäger von der Hütte kommen sah , ließ er sich lächelnd wieder auf die Holzbank nieder . Geradeswegs , Büchse und Bergstock in der Hand und hinter den Schultern den dick angepackten Rucksack , ging Franzl auf seinen Herrn zu . Tassilos Hände begannen zu zittern , als er den Jäger gewahrte ; alles überwindend , was er um seiner selbst willen in diesem Augenblick empfinden mußte , faßte er den Arm seines Vaters : » Ich bitte dich , Papa ! Ich bitte dich - « Graf Egge rührte sich nicht ; die Fäuste auf seine gespreizten Knie gestützt , blickte er zu dem Jäger auf , so ruhig , als wäre ihm keine Spur von Ärger zurückgeblieben , nur eine Art von Neugier , wie diese Szene sich entwickeln würde . In militärischer Haltung stellte sich Franzl vor ihm auf und zog den Hut ; sein Gesicht war weiß , aber seine Stimme hatte festen Klang . » Ich meld mich aus ' m Dienst , Herr Graf ! « Er zögerte . » Und wenn mir der Herr Graf noch a Wörtl verlauben - was der Herr Graf gsagt haben wegen dem Ghalt vom nächsten Monat , dös lassen wir gut sein . Ich hab net viel Übrigs . Aber schenken muß ich mir nix lassen . Wo ich kein Dienst net mach , da brauch ich kein Ghalt ! Nix für ungut , Herr Graf ! « Nun schwankte ihm doch die Stimme . » Ich bhüt Ihnen Gott ! « Ein Zucken kam über sein Gesicht , und das Kinn an die Brust drückend , wandte er sich ab . Tassilo stand wortlos . Graf Egge schlug die Faust auf die Holzbank und schrie : » So schau nur einer den Lümmel an ! Jetzt kehrt er gar noch den Hochmut heraus und wirft mir die achtzig Mark vor die Füße ! « Franzl hörte diese Worte noch , und das Wasser schoß ihm in die Augen . Hastig suchte er den Steig zu erreichen . Als er an der Hütte vorüberkam , trat Schipper aus der Tür , marschfertig für den Weg zur » Arbeit « , die er » da drüben « zu erledigen hatte . Beim Anblick des grauen Kameraden schien es mit Franzls Selbstbeherrschung ein jähes Ende zu haben . » Schipper ! « Er hob die Faust . » Für den heutigen Tag muß ich mich wohl bei dir bedanken ? « Er trat auf den Büchsenspanner zu , der den Bergstock wehrend vor sich hinstreckte . » Schau mir in d ' Augen , du ! Und sag mir ins Gsicht : was muß ich im Leben an dir verbrochen haben , daß Tag und Nacht kei Ruh net geben hast , bis ich draußen war bei der Tür ? « Schippers Antwort war ein dünnes Lächeln , und in seinen halbgeschlossenen Augen funkelte ein Blick , so heiß , wie ihn nur die Freude des Hasses kennt . Franzl sah diesen Blick , und es fuhr ihm etwas durch den Kopf - er wußte nicht , was . Aber es jagte ihm einen Schauer über den Rücken . Wie angewurzelt stand er und starrte dem Jäger nach , der gegen den Saum des Latschenfeldes ging und in den Büschen verschwand . Drüben bei der Holzbank war zwischen Vater und Sohn noch immer kein Wort gefallen . Graf Egge saß mit verschränkten Armen und guckte zum Himmel hinauf , an dem sich schwere Wolken zu sammeln begannen . Und Tassilos Augen waren bei Franzl ; als er den Jäger in eine Senkung des Weges niedersteigen sah , rief er ihm mit lauter Stimme zu : » Hornegger ! « » Ja , Herr Tassilo ? « klang die unsichere Antwort . » Erwarten Sie mich bei der ersten Sennhütte , ich komme nach und gehe mit Ihnen . « Verwundert drehte Graf Egge das Gesicht . » Was soll das heißen ? « Aus Tassilos Zügen schien jede Erregung geschwunden . In seinen Augen war ruhiger Ernst , als er sagte : » Du wirst es begreiflich finden , daß ich nicht bleiben kann , während der Jäger geht , der um meinetwillen entlassen wurde . Ich fühle mich verpflichtet , für ihn zu sorgen , ihm so rasch wie möglich eine neue Stellung zu verschaffen . « Graf Egge blies die Backen auf , schob die Fäuste in die Taschen seiner Lederhose und nickte mit dem Anschein zustimmender Wichtigkeit . » Aaaah ! Höchst ehrenwert ! Unter solchen Umständen müßte ich mir ein Gewissen daraus machen , dich noch länger halten zu wollen . Bitte ! « Dieses letzte Wort war von einer gnädig entlassenden Handbewegung begleitet . » Bevor ich gehe , hab ' ich mit dir noch von einer Angelegenheit zu sprechen , für deren Erledigung ich mir allerdings eine freundlichere Stunde erhofft hatte als die jetzige . « Graf Egge lächelte . » Das ist eine Einleitung , die mich neugierig macht . « » Ich gedenke mich zu verheiraten und bitte dich um deine Zustimmung . « In sprachloser Verblüffung sah Graf Egge zu Tassilo auf ; dann sagte er trocken : » Du bist majorenn . Ich habe keine Veranlassung , dir Hindernisse in den Weg zu legen . Daß ich von deiner Eröffnung sonderlich gerührt sein würde , hast du wohl selbst nicht erwartet . Du hast dich mir gegenüber nie auf einen Fuß gestellt , auf dem sich eine besondere Intimität hätte entwickeln können . « » Das war nicht meine Schuld . « » Laß das ! Du hast niemals Anteil an meinen Interessen genommen , so wirst du auch nicht verlangen , daß ich ohne Ursache plötzlich sentimental werde und über die Aussicht , daß du mich zum Großvater machen willst , vor Vergnügen aus der Haut fahre . Heirate ! Ich ersuche dich nur , den Tag der Hochzeit nicht gerade in die Zeit der Hirschbrunft zu verlegen . Da könnte ich schwer abkommen . In allem übrigen hast du meine Zustimmung . Ich wünsche in deinem eigenen Interesse , daß du eine gute Wahl getroffen hast . « » Die beste , um glücklich zu werden . « » Glücklich ? « Für Graf Egge schien dieses Wort einen zweifelhaften Wert zu haben . » Deine Braut ist reich ? « » Nein . Auf das bescheidene Vermögen , das sie besitzt , wird sie verzichten , um die Existenz ihrer Mutter und Schwester zu sichern . « Graf Egge zog die Brauen auf und blies den Atem vor sich hin wie Pfeifenrauch . » Ach sooo ? Ein idyllischer Herzensbund , mit Romantik und Edelmut garniert wie die gebratene Schnepfe mit bestrichenen Schnitten ? Das war von dir zu erwarten . « Er vergrub die Fäuste wieder in den Taschen . » Du bist alt genug , um zu wissen , was du tun willst . Und da du mich bei deiner Wahl entbehren konntest , wirst du auch bei allem anderen nicht auf meine Hilfe rechnen . Eine Spekulation auf meinen Geldbeutel ? Das wäre fehlgeschossen wie heute auf den Hirsch , zu dem dir der Franzl verhelfen mußte . « » Ich glaube nicht , daß ich ein Wort gesprochen habe , das dich zu einer solchen Befürchtung veranlassen konnte . Du irrst dich in mir . « » Ich irre mich ? Schon wieder ? Zuerst in diesem Lapp von Jäger . Und jetzt in dir ? Um so besser . Aber du hast recht , ich hätte dich weniger praktisch taxieren sollen . Wie Hornegger vor einer Viertelstunde die achtzig Mark , so hast du mir ja gestern die zwölftausend deiner Apanage vor die Füße geworfen . Der Stolz ist von jeher die einzige Patrone gewesen , mit der du zu schießen verstanden . Gut , stell ' dich auf eigene Füße ! Wenn es dir gelingt , alle Anerkennung ! Verdienst du wirklich soviel ? « » Genügend , um mir auch ohne fremde Hilfe einen behaglichen Hausstand gründen zu können . « » Fremde Hilfe ? « Graf Egge lächelte , als hätte er einen leidlich guten Scherz gehört . » Brav ! Du hast ja auch noch die freie Verfügung über das Erbteil deiner Mutter . Was dir im übrigen noch zusteht , darauf wirst du ein paar ausgiebige Jahre warten müssen . Meine Gesundheit , die ich der Jagd verdanke , hat eisernen Halt . Der Rest meines irdischen Pirschganges soll noch zwanzig Jahre dauern . Und darüber . « » Das wünsche ich dir ! « Bei allem Ernst klangen diese Worte warm und herzlich . Graf Egge blickte langsam auf , als wäre dieser Ton an seinem Ohr nicht wirkungslos vorübergegangen . » Danke ! « Nach der Art eines Bauern , dem das Denken einige Mühe verursacht , strich er mit beiden Händen das Haar in die Stirn . » Also , du hast aus Neigung gewählt ? Armut ist ja schließlich keine Schande , nur ein unwillkommenes Übel , an welchem leider unsere besten und ältesten Namen kranken . Wie heißt die Familie deiner Braut ? « » Herwegh . « » Herwegh ? Herwegh ? « Halblaut wiederholte Graf Egge den Namen ; nach einigem Besinnen schüttelte er den Kopf ; es zuckte um seine Nasenflügel . » Hör ' , Junge , die zwei Silben klingen verdächtig ! Oder ist das österreichischer Adel ? « » Nein , Vater . Aber der Name meiner Braut hat guten Klang und sollte dir auch nicht unbekannt sein - Anna Herwegh ? « » Die Sängerin ! « Graf Egge sprang auf , als wäre Feuer unter der Bank entstanden . » Bist du verrückt ? « Tassilo streckte sich , und ruhig begegneten seine Augen dem funkelnden Blick des Vaters . » Ich bin bei Vernunft und gesunden Sinnen . « » Dann sag ' mir doch um Gottes willen : wie kommst du auf die Idee , so etwas heiraten zu wollen ? « Tassilos Stimme bebte . » Anna ist eine gefeierte Künstlerin , sie stammt aus guter Familie , und ihr Ruf ist ein tadelloser . Ich liebe sie . « » Liebe , Liebe ! « schrie Graf Egge , und die Stimme wurde ihm heiser . » Laß mich mit diesem Komödiantenwort in Ruhe ! Du bist vernarrt . Und weil dir die Einkünfte deiner Kanzlei oder deine sogenannten Prinzipien nicht gestatten , diese Person zu deiner Geliebten zu machen - deshalb willst du sie heiraten ? « » Vater ! « Schweigen folgte diesem Wort . Aug ' in Auge standen die beiden voreinander , Tassilo bleich , Graf Egge mit weißem Gesicht und geballten Fäusten . Über das Latschenfeld herüber klangen lachende Stimmen , vom stärker ziehenden Winde getragen , und der klirrende Aufschlag zweier Bergstücke . » Rede ! « brach Graf Egge das Schweigen . » Ich glaube noch immer , daß du dir einen übel angebrachten Jux mit mir erlaubst . « » Nein , Vater , das glaubst du nicht . Die Jagd hat dich allerdings immer so sehr in Anspruch genommen , daß dir keine Zeit verblieb , dich viel um die Charakterentwicklung deiner Kinder zu kümmern . Aber so weit kennst du mich doch , um zu wissen , daß ich mir niemals einen Scherz mit dir erlauben würde . Im übrigen hat mich das beleidigende Wort , das du gesprochen , der Mühe enthoben , meine Wahl noch weiter vor dir zu rechtfertigen . « Graf Egge lachte . Und jählings erlosch in seinem Gesicht jeder Ausdruck von Erregung . » Schluß ! « Er strich mit der Hand durch die Luft . » Tue , was dir beliebt ! Es hätte mich ohnehin gewundert , wenn du einmal deinen gewohnten Neigungen nach abwärts untreu geworden wärst . « Mit beiden Händen zog er die Lederhose höher an die Hüften . » Was stehst du noch ? Meine Zustimmung hast du . Ich habe sie