Berlin fühle sie sich ganz an ihrem Platz . Er sei der beste Mensch , etwas zu alt für sie und zu gut für sie , aber sie sei nun über den Berg . Sie brauchte diesen Ausdruck , der mir allerdings auffiel . « » Wieso ? Er ist nicht ganz auf der Höhe , ich meine , der Ausdruck . Aber ... « » Es steckt etwas dahinter . Und sie hat mir das auch andeuten wollen . « » Meinst du ? « » Ja , Briest ; du glaubst immer , sie könne kein Wasser trüben . Aber darin irrst du . Sie läßt sich gern treiben , und wenn die Welle gut ist , dann ist sie auch selber gut . Kampf und Widerstand sind nicht ihre Sache . « Roswitha kam mit Annie , und so brach das Gespräch ab . Dies Gespräch führten Briest und Frau an demselben Tage , wo Innstetten von Hohen-Cremmen nach Berlin hin abgereist war , Effi auf wenigstens noch eine Woche zurücklassend . Er wußte , daß es nichts Schöneres für sie gab , als so sorglos in einer weichen Stimmung hinträumen zu können , immer freundliche Worte zu hören und die Versicherung , wie liebenswürdig sie sei . Ja , das war das , was ihr vor allem wohltat , und sie genoß es auch diesmal wieder in vollen Zügen und aufs dankbarste , trotzdem jede Zerstreuung fehlte ; Besuch kam selten , weil es seit ihrer Verheiratung , wenigstens für die junge Welt , an dem rechten Anziehungspunkte gebrach , und selbst die Pfarre und die Schule waren nicht mehr das , was sie noch vor Jahr und Tag gewesen waren . Zumal im Schulhause stand alles halb leer . Die Zwillinge hatten sich im Frühjahr an zwei Lehrer in der Nähe von Genthin verheiratet , große Doppelhochzeit mit Festbericht im » Anzeiger fürs Havelland « , und Hulda war in Friesack zur Pflege einer alten Erbtante , die sich übrigens , wie gewöhnlich in solchen Fällen , um sehr viel langlebiger erwies , als Niemeyers angenommen hatten . Hulda schrieb aber trotzdem immer zufriedene Briefe , nicht weil sie wirklich zufrieden war ( im Gegenteil ) , sondern weil sie den Verdacht nicht aufkommen lassen wollte , daß es einem so ausgezeichneten Wesen anders als sehr gut ergehen könne . Niemeyer , ein schwacher Vater , zeigte die Briefe mit Stolz und Freude , während der ebenfalls ganz in seinen Töchtern lebende Jahnke sich herausgerechnet hatte , daß beide junge Frauen am selben Tage , und zwar am Weihnachtsheiligabend , ihre Niederkunft halten würden . Effi lachte herzlich und drückte dem Großvater in spe zunächst den Wunsch aus , beiden Enkeln zu Gevatter geladen zu werden , ließ dann aber die Familienthemata fallen und erzählte von » Kjöbenhavn « und Helsingör , vom Limfjord und Schloß Aggerhuus und vor allem von Thora von Penz , die , wie sie nur sagen könne , » typisch skandinavisch « gewesen sei , blauäugig , flachsen und immer in einer roten Plüschtaille , wobei sich Jahnke verklärte und ein Mal über das andere sagte : » Ja , so sind sie ; rein germanisch , viel deutscher als die Deutschen . « An ihrem Hochzeitstage , dem dritten Oktober , wollte Effi wieder in Berlin sein . Nun war es der Abend vorher , und unter dem Vorgeben , daß sie packen und alles zur Rückreise vorbereiten wolle , hatte sie sich schon verhältnismäßig früh auf ihr Zimmer zurückgezogen . Eigentlich lag ihr aber nur daran , allein zu sein ; so gern sie plauderte , so hatte sie doch auch Stunden , wo sie sich nach Ruhe sehnte . Die von ihr im Oberstock bewohnten Zimmer lagen nach dem Garten hinaus ; in dem kleineren schlief Roswitha und Annie , die Tür nur angelehnt , in dem größeren , das sie selber innehatte , ging sie auf und ab : die unteren Fensterflügel waren geöffnet , und die kleinen weißen Gardinen bauschten sich in dem Zuge , der ging , und fielen dann langsam über die Stuhllehne , bis ein neuer Zugwind kam und sie wieder frei machte . Dabei war es so hell , daß man die Unterschriften unter den über dem Sofa hängenden und in schmale Goldleisten eingerahmten Bildern deutlich lesen konnte : » Der Sturm auf Düppel , Schanze V « , und daneben : » König Wilhelm und Graf Bismarck auf der Höhe von Lipa « . Effi schüttelte den Kopf und lächelte . » Wenn ich wieder hier bin , bitt ich mir andere Bilder aus ; ich kann so was Kriegerisches nicht leiden . « Und nun schloß sie das eine Fenster und setzte sich an das andere , dessen Flügel sie offenließ . Wie tat ihr das alles so wohl . Neben dem Kirchturm stand der Mond und warf sein Licht auch auf den Rasenplatz mit der Sonnenuhr und den Heliotropbeeten . Alles schimmerte silbern , und neben den Schattenstreifen lagen weiße Lichtstreifen , so weiß , als läge Leinwand auf der Bleiche . Weiter hin aber standen die hohen Rhabarberstauden wieder , die Blätter herbstlich gelb , und sie mußte des Tages gedenken , nun erst wenig über zwei Jahre , wo sie hier mit Hulda und den Jahnkeschen Mädchen gespielt hatte . Und dann war sie , als der Besuch kam , die kleine Steintreppe neben der Bank hinaufgestiegen , und eine Stunde später war sie Braut . Sie erhob sich und ging auf die Tür zu und horchte : Roswitha schlief schon und Annie auch . Und mit einem Male , während sie das Kind so vor sich hatte , traten ungerufen allerlei Bilder aus den Kessiner Tagen wieder vor ihre Seele : das landrätliche Haus mit seinem Giebel und die Veranda mit dem Blick auf die Plantage , und sie saß im Schaukelstuhl und wiegte sich ; und nun trat Crampas an sie heran , um sie zu begrüßen , und dann kam Roswitha mit dem Kinde , und sie nahm es und hob es hoch in die Höhe und küßte es . » Das war der erste Tag ; da fing es an . « Und während sie dem nachhing , verließ sie das Zimmer , drin die beiden schliefen , und setzte sich wieder an das offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus . » Ich kann es nicht loswerden « , sagte sie . » Und was das schlimmste ist und mich ganz irremacht an mir selbst ... « In diesem Augenblicke setzte die Turmuhr drüben ein , und Effi zählte die Schläge . » Zehn ... Und morgen um diese Stunde bin ich in Berlin . Und wir sprechen davon , daß unser Hochzeitstag sei , und er sagt mir Liebes und Freundliches und vielleicht Zärtliches . Und ich sitze dabei und höre es und habe die Schuld auf meiner Seele . « Und sie stützte den Kopf auf ihre Hand und starrte vor sich hin und schwieg . » Und habe die Schuld auf meiner Seele « , wiederholte sie . » Ja , da hab ich sie . Aber lastet sie auch auf meiner Seele ? Nein . Und das ist es , warum ich vor mir selbst erschrecke . Was da lastet , das ist etwas ganz anderes - Angst , Todesangst und die ewige Furcht : es kommt doch am Ende noch an den Tag . Und dann außer der Angst ... Scham . Ich schäme mich . Aber wie ich nicht die rechte Reue habe , so hab ich auch nicht die rechte Scham . Ich schäme mich bloß von wegen dem ewigen Lug und Trug ; immer war es mein Stolz , daß ich nicht lügen könne und auch nicht zu lügen brauche , lügen ist so gemein , und nun habe ich doch immer lügen müssen , vor ihm und vor aller Welt , im großen und im kleinen , und Rummschüttel hat es gemerkt und hat die Achseln gezuckt , und wer weiß , was er von mir denkt , jedenfalls nicht das Beste . Ja , Angst quält mich und dazu Scham über mein Lügenspiel . Aber Scham über meine Schuld , die hab ich nicht oder doch nicht so recht oder doch nicht genug , und das bringt mich um , daß ich sie nicht habe . Wenn alle Weiber so sind , dann ist es schrecklich , und wenn sie nicht so sind , wie ich hoffe , dann steht es schlecht um mich , dann ist etwas nicht in Ordnung in meiner Seele , dann fehlt mir das richtige Gefühl . Und das hat mir der alte Niemeyer in seinen guten Tagen noch , als ich noch ein halbes Kind war , mal gesagt : auf ein richtiges Gefühl , darauf käme es an , und wenn man das habe , dann könne einem das Schlimmste nicht passieren , und wenn man es nicht habe , dann sei man in einer ewigen Gefahr , und das , was man den Teufel nenne , das habe dann eine sichere Macht über uns . Um Gottes Barmherzigkeit willen , steht es so mit mir ? « Und sie legte den Kopf in ihre Arme und weinte bitterlich . Als sie sich wieder aufrichtete , war sie ruhiger geworden und sah wieder in den Garten hinaus . Alles war so still , und ein leiser , feiner Ton , wie wenn es regnete , traf von den Platanen her ihr Ohr . So verging eine Weile . Herüber von der Dorfstraße klang ein Geplärr : der alte Nachtwächter Kulicke rief die Stunden ab , und als er zuletzt schwieg , vernahm sie von fern her , aber immer näher kommend , das Rasseln des Zuges , der , auf eine halbe Meile Entfernung , an Hohen-Cremmen vorüberfuhr . Dann wurde der Lärm wieder schwächer , endlich erstarb er ganz , und nur der Mondschein lag noch auf dem Grasplatz , und nur auf die Platanen rauschte es nach wie vor wie leiser Regen nieder . Aber es war nur die Nachtluft , die ging . Fünfundzwanzigstes Kapitel Am andern Abend war Effi wieder in Berlin , und Innstetten empfing sie am Bahnhof , mit ihm Rollo , der , als sie plaudernd durch den Tiergarten hinfuhren , nebenhertrabte . » Ich dachte schon , du würdest nicht Wort halten . « » Aber Geert , ich werde doch Wort halten , das ist doch das erste . « » Sage das nicht . Immer Wort halten ist sehr viel . Und mitunter kann man auch nicht . Denke doch zurück . Ich erwartete dich damals in Kessin , als du die Wohnung mietetest , und wer nicht kam , war Effi . « » Ja , das war was anderes . « Sie mochte nicht sagen , » ich war krank « , und Innstetten hörte drüber hin . Er hatte seinen Kopf auch voll anderer Dinge , die sich auf sein Amt und seine gesellschaftliche Stellung bezogen . » Eigentlich , Effi , fängt unser Berliner Leben nun erst an . Als wir im April hier einzogen , damals ging es mit der Saison auf die Neige , kaum noch , daß wir unsere Besuche machen konnten , und Wüllersdorf , der einzige , dem wir näherstanden - nun , der ist leider Junggeselle . Von Juni an schläft dann alles ein , und die heruntergelassenen Rouleaux verkünden einem schon auf hundert Schritt : Alles ausgeflogen ; ob wahr oder nicht , macht keinen Unterschied ... Ja , was blieb da noch ? Mal mit Vetter Briest sprechen , mal bei Hiller essen , das ist kein richtiges Berliner Leben . Aber nun soll es anders werden . Ich habe mir die Namen aller Räte notiert , die noch mobil genug sind , um ein Haus zu machen . Und wir wollen es auch , wollen auch ein Haus machen , und wenn der Winter dann da ist , dann soll es im ganzen Ministerium heißen : Ja , die liebenswürdigste Frau , die wir jetzt haben , das ist doch die Frau von Innstetten . « » Ach , Geert , ich kenne dich ja gar nicht wieder , du sprichst ja wie ein Courmacher . « » Es ist unser Hochzeitstag , und da mußt du mir schon was zugute halten . « Innstetten war ernsthaft gewillt , auf das stille Leben , das er in seiner landrätlichen Stellung geführt , ein gesellschaftlich angeregteres folgen zu lassen , um seinet- und noch mehr um Effis willen ; es ließ sich aber anfangs nur schwach und vereinzelt damit an , die rechte Zeit war noch nicht gekommen , und das Beste , was man zunächst von dem neuen Leben hatte , war genauso wie während des zurückliegenden Halbjahres ein Leben im Hause . Wüllersdorf kam oft , auch Vetter Briest , und waren die da , so schickte man zu Gizickis hinauf , einem jungen Ehepaare , das über ihnen wohnte . Gizicki selbst war Landgerichtsrat , seine kluge , aufgeweckte Frau ein Fräulein von Schmettau . Mitunter wurde musiziert , kurze Zeit sogar ein Whist versucht ; man gab es aber wieder auf , weil man fand , daß eine Plauderei gemütlicher wäre . Gizickis hatten bis vor kurzem in einer kleinen oberschlesischen Stadt gelebt , und Wüllersdorf war sogar , freilich vor einer Reihe von Jahren schon , in den verschiedensten kleinen Nestern der Provinz Posen gewesen , weshalb er denn auch den bekannten Spottvers : Schrimm Ist schlimm , Rogasen Zum Rasen , Aber weh dir nach Samter Verdammter - mit ebensoviel Emphase wie Vorliebe zu zitieren pflegte . Niemand erheiterte sich dabei mehr als Effi , was dann meistens Veranlassung wurde , kleinstädtische Geschichten in Hülle und Fülle folgen zu lassen . Auch Kessin - mit Gieshübler und der Trippelli , mit Oberförster Ring und Sidonie Grasenabb - kam dann wohl an die Reihe , wobei sich Innstetten , wenn er guter Laune war , nicht leicht genugtun konnte . » Ja « , so hieß es dann wohl , » unser gutes Kessin ! Das muß ich zugeben , es war eigentlich reich an Figuren , obenan Crampas , Major Crampas , ganz Beau und halber Barbarossa , den meine Frau , ich weiß nicht , soll ich sagen unbegreiflicher- oder begreiflicherweise , stark in Affektion genommen hatte ... « - » Sagen wir begreiflicherweise « , warf Wüllersdorf ein , » denn ich nehme an , daß er Ressourcenvorstand war und Komödie spielte , Liebhaber oder Bonvivants . Und vielleicht noch mehr , vielleicht war er auch ein Tenor . « Innstetten bestätigte das eine wie das andere , und Effi suchte lachend darauf einzugehen , aber es gelang ihr nur mit Anstrengung , und wenn dann die Gäste gingen und Innstetten sich in sein Zimmer zurückzog , um noch einen Stoß Akten abzuarbeiten , so fühlte sie sich immer aufs neue von den alten Vorstellungen gequält , und es war ihr zu Sinn , als ob ihr ein Schatten nachginge . Solche Beängstigungen blieben ihr auch . Aber sie kamen doch seltener und schwächer , was bei der Art , wie sich ihr Leben gestaltete , nicht wundernehmen konnte . Die Liebe , mit der ihr nicht nur Innstetten , sondern auch fernerstehende Personen begegneten , und nicht zum wenigsten die beinah zärtliche Freundschaft , die die Ministerin , eine selbst noch junge Frau , für sie an den Tag legte - all das ließ die Sorgen und Ängste zurückliegender Tage sich wenigstens mindern , und als ein zweites Jahr ins Land gegangen war und die Kaiserin , bei Gelegenheit einer neuen Stiftung , die » Frau Geheimrätin « mit ausgewählt und in die Zahl der Ehrendamen eingereiht , der alte Kaiser Wilhelm aber auf dem Hofball gnädige , huldvolle Worte an die schöne , junge Frau , » von der er schon gehört habe « , gerichtet hatte , da fiel es allmählich von ihr ab . Es war einmal gewesen , aber weit , weit weg , wie auf einem andern Stern , und alles löste sich wie ein Nebelbild und wurde Traum . Die Hohen-Cremmener kamen dann und wann auf Besuch und freuten sich des Glücks der Kinder , Annie wuchs heran - » schön wie die Großmutter « , sagte der alte Briest - , und wenn es an dem klaren Himmel eine Wolke gab , so war es die , daß es , wie man nun beinahe annehmen mußte , bei Klein-Annie sein Bewenden haben werde ; Haus Innstetten ( denn es gab nicht einmal Namensvettern ) stand also mutmaßlich auf dem Aussterbe-Etat . Briest , der den Fortbestand anderer Familien obenhin behandelte , weil er eigentlich nur an die Briests glaubte , scherzte mitunter darüber und sagte : » Ja , Innstetten , wenn das so weitergeht , so wird Annie seinerzeit wohl einen Bankier heiraten ( hoffentlich einen christlichen , wenn ' s deren dann noch gibt ) , und mit Rücksicht auf das alte freiherrliche Geschlecht der Innstetten wird dann Seine Majestät Annies Hautefinance-Kinder unter dem Namen von der Innstetten im Gothaischen Kalender oder , was weniger wichtig ist , in der preußischen Geschichte fortleben lassen « - Ausführungen , die von Innstetten selbst immer mit einer kleinen Verlegenheit , von Frau von Briest mit Achselzucken , von Effi dagegen mit Heiterkeit aufgenommen wurden . Denn so adelsstolz sie war , so war sie ' s doch nur für ihre Person , und ein eleganter und welterfahrener und vor allem sehr , sehr reicher Bankierschwiegersohn wäre durchaus nicht gegen ihre Wünsche gewesen . Ja , Effi nahm die Erbfolgefrage leicht , wie junge , reizende Frauen das tun ; als aber eine lange , lange Zeit - sie waren schon im siebenten Jahre in ihrer neuen Stellung - vergangen war , wurde der alte Rummschüttel , der auf dem Gebiete der Gynäkologie nicht ganz ohne Ruf war , durch Frau von Briest doch schließlich zu Rate gezogen . Er verordnete Schwalbach . Weil aber Effi seit letztem Winter auch an katarrhalischen Affektionen litt und ein paarmal sogar auf Lunge hin behorcht worden war , so hieß es abschließend : » Also zunächst Schwalbach , meine Gnädigste , sagen wir drei Wochen , und dann ebensolange Ems . Bei der Emser Kur kann aber der Geheimrat zugegen sein . Bedeutet mithin alles in allem drei Wochen Trennung . Mehr kann ich für Sie nicht tun , lieber Innstetten . « Damit war man denn auch einverstanden , und zwar sollte Effi , dahin ging ein weiterer Beschluß , die Reise mit einer Geheimrätin Zwicker zusammen machen , wie Briest sagte , » zum Schutze dieser letzteren « , worin er nicht ganz unrecht hatte , da die Zwicker , trotz guter vierzig , eines Schutzes erheblich bedürftiger war als Effi . Innstetten , der wieder viel mit Vertretung zu tun hatte , beklagte , daß er , von Schwalbach gar nicht zu reden , wahrscheinlich auch auf gemeinschaftliche Tage in Ems werde verzichten müssen . Im übrigen wurde der 24. Juni ( Johannistag ) als Abreisetag festgesetzt , und Roswitha half der gnädigen Frau beim Packen und Aufschreiben der Wäsche . Effi hatte noch immer die alte Liebe für sie , war doch Roswitha die einzige , mit der sie von all dem Zurückliegenden , von Kessin und Crampas , von dem Chinesen und Kapitän Thomsens Nichte , frei und unbefangen reden konnte . » Sage , Roswitha , du bist doch eigentlich katholisch . Gehst du denn nie zur Beichte ? « » Nein . « » Warum nicht ? « » Ich bin früher gegangen . Aber das Richtige hab ich doch nicht gesagt . « » Das ist sehr unrecht . Dann freilich kann es nicht helfen . « » Ach , gnädigste Frau , bei mir im Dorfe machten es alle so . Und welche waren , die kicherten bloß . « » Hast du denn nie empfunden , daß es ein Glück ist , wenn man etwas auf der Seele hat , daß es runter kann ? « » Nein , gnädigste Frau . Angst habe ich wohl gehabt , als mein Vater damals mit dem glühenden Eisen auf mich loskam ; ja , das war eine große Furcht , aber weiter war es nichts . « » Nicht vor Gott ? « » Nicht so recht , gnädigste Frau . Wenn man sich vor seinem Vater so fürchtet , wie ich mich gefürchtet habe , dann fürchtet man sich nicht so sehr vor Gott . Ich habe bloß immer gedacht , der liebe Gott sei gut und werde mir armem Wurm schon helfen . « Effi lächelte und brach ab und fand es auch natürlich , daß die arme Roswitha so sprach , wie sie sprach . Sie sagte aber doch : » Weißt du , Roswitha , wenn ich wiederkomme , müssen wir doch noch mal ernstlich drüber reden . Es war doch eigentlich eine große Sünde . « » Das mit dem Kinde , und daß es verhungert ist ? Ja , gnädigste Frau , das war es . Aber ich war es ja nicht , das waren ja die anderen ... Und dann ist es auch schon so sehr lange her . « Sechsundzwanzigstes Kapitel Effi war nun schon in die fünfte Woche fort und schrieb glückliche , beinahe übermütige Briefe , namentlich seit ihrem Eintreffen in Ems , wo man doch unter Menschen sei , das heißt unter Männern , von denen sich in Schwalbach nur ausnahmsweise was gezeigt habe . Geheimrätin Zwicker , ihre Reisegefährtin , habe freilich die Frage nach dem Kurgemäßen dieser Zutat aufgeworfen und sich aufs entschiedenste dagegen ausgesprochen , alles natürlich mit einem Gesichtsausdrucke , der so ziemlich das Gegenteil versichert habe ; die Zwicker sei reizend , etwas frei , wahrscheinlich sogar mit einer Vergangenheit , aber höchst amüsant , und man könne viel , sehr viel von ihr lernen ; nie habe sie sich , trotz ihrer fünfundzwanzig , so als Kind gefühlt wie nach der Bekanntschaft mit dieser Dame . Dabei sei sie so belesen , auch in fremder Literatur , und als sie , Effi , beispielsweise neulich von » Nana « gesprochen und dabei gefragt habe , » ob es denn wirklich so schrecklich sei , « habe die Zwicker geantwortet : » Ach , meine liebe Baronin , was heißt schrecklich ? Da gibt es noch ganz anderes . « - » Sie schien mich auch « , so schloß Effi ihren Brief , » mit diesem anderen bekannt machen zu wollen . Ich habe es aber abgelehnt , weil ich weiß , daß Du die Unsitte unserer Zeit aus diesem und ähnlichem herleitest , und wohl mit Recht . Leicht ist es mir aber nicht geworden . Dazu kommt noch , daß Ems in einem Kessel liegt . Wir leiden hier außerordentlich unter der Hitze . « Innstetten hatte diesen letzten Brief mit geteilten Empfindungen gelesen , etwas erheitert , aber doch auch ein wenig mißmutig . Die Zwicker war keine Frau für Effi , der nun mal ein Zug innewohnte , sich nach links hin treiben zu lassen ; er gab es aber auf , irgendwas in diesem Sinne zu schreiben , einmal , weil er sie nicht verstimmen wollte , mehr noch , weil er sich sagte , daß es doch nichts helfen würde . Dabei sah er der Rückkehr seiner Frau mit Sehnsucht entgegen und beklagte des Dienstes nicht bloß » immer gleichgestellte « , sondern jetzt , wo jeder Ministerialrat fort war oder fort wollte , leider auch auf Doppelstunden gestellte Uhr . Ja , Innstetten sehnte sich nach Unterbrechung von Arbeit und Einsamkeit , und verwandte Gefühle hegte man draußen in der Küche , wo Annie , wenn die Schulstunden hinter ihr lagen , ihre Zeit am liebsten verbrachte , was insoweit ganz natürlich war , als Roswitha und Johanna nicht nur das kleine Fräulein in gleichem Maße liebten , sondern auch untereinander nach wie vor auf dem besten Fuße standen . Diese Freundschaft der beiden Mädchen war ein Lieblingsgespräch zwischen den verschiedenen Freunden des Hauses , und Landgerichtsrat Gizicki sagte dann wohl zu Wüllersdorf : » Ich sehe darin nur eine neue Bestätigung des alten Weisheitssatzes : Laßt fette Leute um mich sein ; - Cäsar war eben ein Menschenkenner und wußte , daß Dinge wie Behaglichkeit und Umgänglichkeit eigentlich nur beim Embonpoint sind . « Von einem solchen ließ sich denn nun bei beiden Mädchen auch wirklich sprechen , nur mit dem Unterschiede , daß das in diesem Falle nicht gut zu umgehende Fremdwort bei Roswitha schon stark eine Beschönigung , bei Johanna dagegen einfach die zutreffende Bezeichnung war . Diese letztere durfte man nämlich nicht eigentlich korpulent nennen , sie war nur prall und drall und sah jederzeit mit einer eigenen , ihr übrigens durchaus kleidenden Siegermiene gradlinig und blauäugig über ihre Normalbüste fort . Von Haltung und Anstand getragen , lebte sie ganz in dem Hochgefühl , die Dienerin eines guten Hauses zu sein , wobei sie das Überlegenheitsbewußtsein über die halb bäuerisch gebliebene Roswitha in einem so hohen Maße hatte , daß sie , was gelegentlich vorkam , die momentan bevorzugte Stellung dieser nur belächelte . Diese Bevorzugung - nun ja , wenn ' s dann mal so sein sollte , war eine kleine liebenswürdige Sonderbarkeit der gnädigen Frau , die man der guten alten Roswitha mit ihrer ewigen Geschichte » von dem Vater mit der glühenden Eisenstange « schon gönnen konnte . » Wenn man sich besser hält , so kann dergleichen nicht vorkommen . « Das alles dachte sie , sprach ' s aber nicht aus . Es war eben ein freundliches Miteinanderleben . Was aber wohl ganz besonders für Frieden und gutes Einvernehmen sorgte , das war der Umstand , daß man sich , nach einem stillen Übereinkommen , in die Behandlung und fast auch Erziehung Annies geteilt hatte . Roswitha hatte das poetische Departement , die Märchen- und Geschichtenerzählung , Johanna dagegen das des Anstands , eine Teilung , die hüben und drüben so festgewurzelt stand , daß Kompetenzkonflikte kaum vorkamen , wobei der Charakter Annies , die eine ganz entschiedene Neigung hatte , das vornehme Fräulein zu betonen , allerdings mithalf , eine Rolle , bei der sie keine bessere Lehrerin als Johanna haben konnte . Noch einmal also : Beide Mädchen waren gleichwertig in Annies Augen . In diesen Tagen aber , wo man sich auf die Rückkehr Effis vorbereitete , war Roswitha der Rivalin mal wieder um einen Pas voraus , weil ihr , und zwar als etwas ihr Zuständiges , die ganze Begrüßungsangelegenheit zugefallen war . Diese Begrüßung zerfiel in zwei Hauptteile : Girlande mit Kranz und dann , abschließend , Gedichtvortrag . Kranz und Girlande - nachdem man über » W. « oder » E.v.I. « eine Zeitlang geschwankt - hatte zuletzt keine sonderlichen Schwierigkeiten gemacht ( » W. « , in Vergißmeinnicht geflochten , war bevorzugt worden ) , aber desto größere Verlegenheit schien die Gedichtfrage heraufbeschwören zu sollen und wäre vielleicht ganz unbeglichen geblieben , wenn Roswitha nicht den Mut gehabt hätte , den von einer Gerichtssitzung heimkehrenden Landgerichtsrat auf der zweiten Treppe zu stellen und ihm mit einem auf einen » Vers « gerichteten Ansinnen mutig entgegenzutreten . Gizicki , ein sehr gütiger Herr , hatte sofort alles versprochen , und noch am selben Spätnachmittage war seitens seiner Köchin der gewünschte Vers , und zwar folgenden Inhalts , abgegeben worden : Mama , wir erwarten dich lange schon , Durch Wochen und Tage und Stunden , Nun grüßen wir dich von Flur und Balkon Und haben Kränze gewunden . Nun lacht Papa voll Freudigkeit , Denn die gattin- und mutterlose Zeit Ist endlich von ihm genommen , Und Roswitha lacht und Johanna dazu , Und Annie springt aus ihrem Schuh Und ruft : Willkommen , willkommen . Es versteht sich von selbst , daß die Strophe noch an demselben Abend auswendig gelernt , aber doch nebenher auch auf ihre Schönheit beziehungsweise Nicht-Schönheit kritisch geprüft worden war . Das Betonen von Gattin und Mutter , so hatte sich Johanna geäußert , erscheine zunächst freilich nur in der Ordnung ; aber es läge doch auch etwas darin , was Anstoß erregen könne , und sie persönlich würde sich als » Gattin und Mutter « dadurch verletzt fühlen . Annie , durch diese Bemerkung einigermaßen geängstigt , versprach , das Gedicht am andern Tage der Klassenlehrerin vorlegen zu wollen , und kam mit dem Bemerken zurück . » Das Fräulein sei mit Gattin und Mutter durchaus einverstanden , aber desto mehr gegen Roswitha und Johanna gewesen « - worauf Roswitha erklärt hatte : » Das Fräulein sei eine dumme Gans ; das käme davon , wenn man zuviel gelernt habe . « Es war an einem Mittwoch , daß die Mädchen und Annie das vorstehende Gespräch geführt und den Streit um die bemängelte Zeile beigelegt hatten . Am andern Morgen - ein erwarteter Brief Effis hatte noch den mutmaßlich erst in den Schluß der nächsten Woche fallenden Ankunftstag festzustellen - ging Innstetten auf das Ministerium . Jetzt war Mittag heran , die Schule aus , und als Annie , ihre Mappe auf dem Rücken , eben vom Kanal her auf die Keithstraße zuschritt , traf sie Roswitha vor ihrer Wohnung . » Nun laß sehen « , sagte Annie , » wer am ehesten von uns die Treppe heraufkommt . « Roswitha wollte von diesem Wettlauf nichts wissen , aber Annie jagte voran , geriet , oben angekommen , ins Stolpern und fiel dabei so unglücklich , daß sie mit der Stirn auf den dicht an der Treppe befindlichen Abkratzer aufschlug und stark blutete