flatternden Fahnen , die Uniformen aller Art , die sich bäumenden Rosse gleich wildempörten Fluten durcheinander wogen ; darüber Dampfwolken , die an manchen Stellen zu dichten , das Bild verhüllenden Schleiern sich ballen , und wenn sie reißen , kämpfende Gruppen enthüllen ... Dazu als Begleitung der durch die Berge rollende Lärm der Geschütze , von welchem jeder Schlag das Wort Tod - Tod - Tod - durch die Lüfte donnert ... Ja , so etwas mag zu Kriegsliedern begeistern ! Auch zu der Verfassung jener zeithistorischen Berichte , welche nach dem Feldzug veröffentlicht werden müssen , bietet die Hügelposition günstige Gelegenheit . Da läßt sich allenfalls mit einiger Richtigkeit erzählen : die Division X stößt bei N. auf den Feind ; - drängt ihn zurück ; - erreicht das Gros der Armee ; - starke feindliche Abteilungen zeigen sich an der linken Flanke des Korps u.s.w. u.s.w. Aber wer nicht auf dem Hügel durch den Feldstecher schaut , wer selber an der » Aktion « teilnimmt , der kann nie - nie etwas Glaubwürdiges über den Fortgang einer Schlacht erzählen . Er sieht , denkt und fühlt nur das Nächste ; was er nachher berichtet , ist Konjektur zu deren Veranschaulichung er sich der alten Clichés bedient . » He , Tilling , « sagte mir heute einer der Generäle , neben denen ich auf dem Hügel stand - » Ist das nicht imposant ? Ein Prachtheer , wie ? Woran denken Sie eben ? « Woran ich dachte ? Das konnte ich dem Vorgesetzten nicht gut sagen ; ich antwortete also allergehorsamst etwas Unwahres . Allergehorsamlichkeit und Wahrheit haben ohnedies nichts miteinander zu schaffen . Letztere ist ein gar stolzes Wesen : von allem Knechtischen wendet sie sich verächtlich ab . - - - - - - - - - - - - - - - » Das Dorf ist unser - nein , es ist des Feindes - und wieder unser - und abermals des Feindes , aber ein Dorf ist ' s nicht mehr , sondern ein rauchender Trümmerhaufen . Die Bewohner ( war es nicht eigentlich ihr Dorf ? ) hatten es schon früher verlassen und waren geflohen . Zum Glück - denn der Kampf in einem bewohnten Orte ist gar etwas Fürchterliches , denn da fallen die Kugeln von Feind und Freund mitten in die Stuben hinein und töten Weiber und Kinder . - Eine Familie war dennoch in dem Orte zurückgeblieben , den wir gestern genommen , verloren , wieder genommen und wieder verloren haben , nämlich ein altes Ehepaar und dessen Tochter - diese im Kindbett . Der Gatte dient in unserem Regiment . Er sagte mir ' s , als wir uns dem Dorf näherten : » Dort , Herr Oberstlieutenant in dem Hause mit dem roten Dach , lebt mein Weib mit ihren alten Eltern ... Sie haben nicht fliehen können , die Armen ... mein Weib muß jede Stunde niederkommen und die Alten sind halb gelähmt - um Gotteswillen , Herr Oberstlieutenant , kommandieren Sie mich dorthin . « - Der arme Teufel ! er kam gerade zurecht , um die Wöchnerin und das Kind sterben zu sehen ; eine Bombe war neben dem Bette geplatzt ... Was mit den Alten geschehen - ich weiß es nicht . Vermutlich unter den Trümmern begraben ; das Haus war eins der ersten , welches in Brand geschossen wurde . Der Kampf auf offenem Felde ist schaurig genug , aber der Kampf inzwischen menschlicher Wohnstätten ist noch zehnmal grausiger . Stürzendes Gebälk , aufschlagende Flammen , erstickender Rauch - vor Angst tollgewordenes Vieh - jede Mauer Festung oder Barrikade , jedes Fenster Schießscharte ... Eine Brustwehr habe ich da gesehen , die war aus Leichen gebildet . Da hatten die Verteidiger alle in der Nähe liegenden Gefallenen aufeinandergeschichtet , um , so geschützt , darüber auf den Angreifer hinwegzuschießen . Diese Mauer vergesse ich wohl im Leben nicht : ... Einer , der als Ziegel diente - zwischen den anderen Leichenziegeln eingepfercht - der lebte noch , bewegte die Arme . - - - » Lebte noch : das ist ein Zustand - im Krieg in tausend Varianten vorkommend - der die maßlosesten Leiden in sich birgt . Gäb ' es irgend einen Engel der Barmherzigkeit , der über den Schlachtfeldern schwebte , er hätte vollauf zu thun , den armen Wichten - Mensch und Tier - die noch lebten den Gnadenstoß zu geben . « - - - - - - - - - - - - - - - » Heute hatten wir ein kleines Kavalleriegefecht auf offenem Felde . Da kam ein preußisches Dragonerregiment im Trab einher , deployierte in Linie und , die Pferde fest im Zügel , den Säbel über dem Kopf , ritten sie in kurzem Galopp gerade auf uns zu . Wir warteten den Angriff nicht ab , sondern sprengten dem Feind entgegen . Kein Schuß wurde gewechselt . Wenige Schritte von einander brachen beide Reihen in ein donnerndes Hurra aus ( Schreien berauscht : das wissen die Indianer und Zulus noch besser als wir ) , und so stürzten wir aufeinander , Pferd an Pferd und Knie an Knie ; die Säbel sausten in die Höhe und kamen auf die Köpfe nieder . Bald waren Alle zu dicht ineinander geraten , um die Waffen zu gebrauchen ; da wurde Brust an Brust gerungen , wobei die scheu und wild gewordenen Pferde schnaufend stürzten , sich bäumten und um sich schlugen . Ich war auch einmal zu Boden und sah - das ist kein angenehmer Anblick - schlagende Pferdehufe eine Linie weit von meiner Schläfe entfernt . « - - - - - - - - - - - - - - - » Wieder ein Marschtag mit ein oder zwei Gefechten . Ich habe einen großen Kummer erlebt . Es verfolgt mich ein so trauriges Bild ... Unter den vielen Trauerbildern , die mich rings umgeben , sollte dies nicht auffallen , sollte mir nicht so weh thun . Aber ich kann nichts dafür : es geht mir nahe und ich kann es nicht loswerden ... Puxl - unser armes , lebensfrohes , gutes Pintschel - ach , hätte ich ihn doch zu Hause gelassen , bei seinem kleinen Herrn , Rudolf ! Er lief uns nach , wie gewöhnlich . Plötzlich stößt er ein jammervolles Geschrei aus ... ein Granatsplitter hat ihm die Vorderbeinchen abgerissen ... Er kann nicht nach - verlassen bleibt er zurück und » lebt noch « ; vierundzwanzig und achtundvierzig Stunden vergehen und er lebt noch . - Mein Herrl - mein gutes Herrl , ruft er mir klagend nach , laß den armen Puxl nicht da ! und sein kleines Herz bricht ... Was besonders an mir nagt , ist der Gedanke , daß das sterbende treue Geschöpf mich verkennen muß . Er hat es gesehen , daß ich mich umgewendet - daß ich seinen Hilferuf vernommen haben mußte , und doch so kalt und hart ihn liegen ließ . Er weiß es ja nicht , der arme Puxl , daß einem zur Attacke vorstürmenden Regiment , aus dessen Reihen die Kameraden fallen und am Wege bleiben , nicht eines gefallenen Hündchens wegen » Halt « kommandiert werden kann . Von einer höheren Pflicht , der ich gehorchte , hat er keinen Begriff , und das arme , so treue Hundeherz klagt mich der Unbarmherzigkeit an ... Daß man inmitten der » großen Ereignisse « und der Riesenunglücksfälle , welche die Gegenwart erfüllen , über solche Kleinigkeiten sich betrüben kann ! würden Viele - nicht Du , Martha - achselzuckend sagen . Nicht Du - ich weiß , Dir tritt jetzt auch eine Thräne ins Auge um unseren armen Puxl « - - - - - - - - - - - - - - - » Was geschieht da ? Das Exekutions-Peloton wird aufgestellt Ward ein Spion gefangen ? Einer ? ... Diesmal siebzehn . Dort kommen sie schon . In vier Reihen , je zu vier Mann , von einem Carré Soldaten umgeben , schreiten die Verurteilten , gesenkten Kopfes , daher . Dahinter ein Wagen , worin eine Leiche liegt und darauf sitzend , an die Leiche gebunden , der Sohn des Toten , ein zwölfjähriger Knabe - auch verurteilt ... Ich mag die Hinrichtung nicht sehen und entferne mich . Aber die Schüsse habe ich vernommen ... Hinter der Mauer steigt eine Rauchwolke auf - alle hin , auch der Knabe . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Endlich ein bequemes Nachtquartier in einem kleinen Städtchen ! Das arme Nest ! ... Vorräte , die den Leuten auf Monate hinaus genügen würden , haben wir ihnen durch eine Requisition fortgenommen . Requisition ... es ist nur gut , wenn man für ein Ding einen hübschen , sanktionierten Namen hat . Ich war aber doch froh , das gute Nachtlager und das gute Nachtessen gefunden zu haben . Und - laß Dir erzählen : Schon wollte ich mich zu Bett legen , als mir meine Ordonnanz meldet : ein Mann von unserem Regiment sei da und verlange dringend , eingelassen zu werden , er bringe mir etwas . So soll er kommen . Der Mann trat ein . - Und als er wieder ging , da hatte ich ihn reich beschenkt und ihm beide Hände geschüttelt und ihm versprochen , für sein Weib und Kind zu sorgen , falls ihm etwas geschähe . Denn was er mir gebracht hat , der Brave - das hat mir eine große Freude gemacht und mich von einer Pein befreit , unter der ich seit sechsunddreißig Stunden litt - was er mir gebracht hat : das war mein Puxl . Verwundet zwar - ehrenvoll blessiert - aber noch lebend und so selig , wieder bei seinem Herrn zu sein , an dessen Benehmen er wohl erkannt haben mußte , daß er ihm mit dem Vorwurf der Lieblosigkeit unrecht gethan ... Ja , war das eine Wiedersehensscene ! Vor Allem ein Trunk Wasser . Wie das schmeckte ... das heißt , zehnmal unterbrach er das gierige Trinken , um mir seine Freude vorzubellen . Hierauf habe ich ihm seine Beinstummel verbunden , ihm ein schmackhaftes Souper von Fleisch und Käse vorgesetzt und ihn auf mein Lager gebettet . Wir haben Beide gut geschlafen . Des Morgens , als ich erwachte , leckte er mir nochmals dankend die Hand - dann streckte er seine Gliederchen , schnaufte tief auf und - hatte aufgehört zu sein . Armer Puxl - es ist besser so ! « - - - - - - - - - - - - - - - » Was habe ich heute Alles gesehen ? Wenn ich die Augen schließe , tritt mir das Geschaute mit furchtbarer Klarheit vor das Gedächtnis . Nichts als Schmerz und Schreckbilder ! wirst Du sagen . Warum bringen denn Andere vom Kriege so frische , fröhliche Eindrücke mit ? Je nun , diese Anderen verschließen sich gegen den Schmerz und den Schreck - verschweigen sie . Wenn sie schreiben , wenn sie erzählen , so geben sie sich überhaupt keine Mühe , die Erlebnisse nach der Natur zu schildern , sondern sie befleißigen sich , einst gelesene Schilderungen schablonenhaft nachzubilden und diejenigen Empfindungen hervorzukehren , welche als heldenhaft gelten . Wenn sie mitunter auch von Vernichtungsscenen berichten , welche den ärgsten Schmerz und den ärgsten Schreck in sich bergen , in ihrem Tone darf von Beiden nichts enthalten sein . Im Gegenteil : je schauerlicher , desto gleichgültiger - je abscheulicher , desto unbefangener . Mißbilligung , Entrüstung , Empörung ? Davon schon gar nichts - da noch eher ein leiser Anhauch sentimentalen Mitleids , ein paar gerührte Seufzer . - Aber schnell wieder den Kopf in die Höhe , das Herz zu Gott und die Faust auf den Feind . Hurrah und Trara ! « » Da siehst Du nun zwei Bilder , die sich mir eingeprägt : Steile , felsige Anhöhen - katzenbehend hinaufkletternde Jäger ; es gilt , die Anhöhe zu » nehmen « ; - von oben schießt der Feind herab . Was ich sehe , sind die Gestalten der emporstrebenden Angreifer und Einige darunter , die , von feindlichen Geschossen getroffen , plötzlich beide Arme ausstrecken , das Gewehr fallen lassen und , mit dem Kopf nach rückwärts sich überschlagend , die Anhöhe hinabstürzen - stufenweise - von Felsvorsprung zu Felsvorsprung - sich die Glieder zerschmetternd . - - - - - - Ich sehe einen Reiter in einiger Entfernung schief hinter mir , neben welchem eine Granate platzt . Sein Pferd wirft sich zur Seite und drängt sich an das Hinterteil des meinen - dann schießt es an mir vorbei . Der Mann sitzt noch im Sattel , aber ein Granatsplitter hat ihm den Unterleib auf- und alle Eingeweide herausgerissen . Sein Oberkörper hält mit dem Unterkörper nur noch durch das Rückgrat zusammen - von den Rippen zu den Schenkeln ein einziges großes , blutiges Loch ... Eine kleine Strecke weiter fällt er herab , bleibt mit dem Fuß im Bügel hängen und das fortrasende Pferd schleift ihn auf dem steinigen Boden nach . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Auf einem regendurchschwemmten und steilen Stück Weg staut sich eine Abteilung Artillerie . Bis über die Räder versinken die Geschütze in den Schlamm . Nur mit äußerster Anstrengung , schweißtriefend und von den erbarmungslosesten Schlägen angefeuert , kommen die Pferde von der Stelle . Aber eins , schon todmüde , kann nicht mehr . Das Hauen hilft nichts : es wollte ja - es kann nicht , es kann nicht . Sieht denn das der Mann nicht ein , dessen Hiebe auf den Kopf des armen Tieres hageln ? Wäre der rohe Wicht der Fuhrmann eines zu irgendwelchem Bau dienenden Steinwagens gewesen , jeder Polizist - ich selber - hätte ihn arretiert . Dieser Kanonier jedoch , der das todbeladene Fuhrwerk vorwärts bringen sollte , der waltete nur seines Amtes . Das konnte aber das Pferd nicht wissen ; das geplagte , gutmütige , edle Geschöpf , das sich bis zu seiner äußersten Lebenskraft angestrengt - wie mußte das über solche Härte und über solchen Unverstand in seinem Inneren denken ? Denken , so wie Tiere denken , nämlich nicht mit Worten und Begriffen , sondern mit Empfindungen , desto heftigere Empfindungen , als sie äußerungsunfähig sind . Nur eine Äußerung gibt es dafür : den Schmerzensschrei . Und es hat geschrien , jenes arme Roß , als es endlich zusammensank - einen Schrei , so langgedehnt und klagend , daß er mir noch im Ohre gellt - daß er mich die folgende Nacht im Traume verfolgt hat . Ein abscheulicher Traum übrigens ... Mir war , als sei ich - - wie soll ich das nur erzählen ? - Träume sind so sinnlos , daß die dem Sinn angepaßte Sprache sich schwer zu ihrer Wiedergabe eignet - als sei ich das Kummerbewußtsein eines solchen Artilleriepferdes - nein ! nicht eines , sondern von 100,000 - denn rasch hatte ich im Traum die Summe der in einem Feldzug zu grunde gehenden Pferde berechnet - und da steigerte sich dieser Kummer sofort ins hunderttausendfache ... Die Menschen , die wissen doch , warum ihr Leben der Gefahr ausgesetzt ist , sie kennen das Wohin ? das Wozu ? - und wir Unglücklichen wissen nichts , um uns ist alles Nacht und Grauen . Die Menschen gehen doch mit Freunden gegen einen Feind , wir aber sind rings von Feinden umgeben ... unsere eigenen Herren , die wir so treu lieben wollten , denen zu dienen wir unsere letzte Kraft aufbieten , die hauen auf uns nieder - die lassen uns hilflos liegen ... Und was wir nebstbei leiden müssen : Furcht , daß uns der Angstschweiß vom ganzen Körper rinnt ; - Durst - denn auch wir haben Fieber - o dieser Durst , dieser Durst von uns armen , blutenden , mißhandelten hunderttausend Pferden ! ... Hier erwachte ich und griff nach der Wasserflasche : - ich hatte selber brennenden Fieberdurst . « - - - - - - - - - - - - - - - » Wieder einen Straßenkampf - in dem Städtchen Saar . Zu dem Lärm des Kampfgeschreies und der Geschütze gesellt sich das Krachen der Balken , das Stürzen der Mauern . Es schlägt eine Granate in ein Haus und der durch das Platzen derselben verursachte Luftdruck ist so gewaltig , daß mehrere Soldaten von den in die Luft geschleuderten Trümmern des Hauses verwundet werden . Über meinen Kopf weg fliegt ein Fenster - noch mit dem Fensterflügel dran . Die Schornsteine stürzen herunter , Gypsbewurf löst sich in Staub und füllt die Luft mit einer erstickenden , augenätzenden Wolke . Aus einer Gasse in die andere ( wie die Hufe auf dem spitzen Pflaster klappern ! ) wälzt sich der Kampf und langt auf dem Marktplatz an . In der Mitte des Platzes steht eine hohe , steinerne Mariensäule . Die Mutter Gottes hält ihr Kind in einem Arm , den anderen streckt sie segnend aus . Hier wird weiter gerungen . Mann an Mann . Sie hauen auf mich drein - ich haue um mich herum ... Ob ich Einen oder Mehrere getroffen , ich weiß es nicht : in solchen Augenblicken bleibt einem nicht viel Besinnung . Dennoch haben sich mir wieder zwei Fälle in die Seele photographiert , und ich fürchte , der Marktplatz von Saar wird mir ewig unvergeßlich bleiben : Ein preußischer Dragoner , stark wie Goliath , reißt einen unserer Offiziere ( einen schmucken , schmächtigen Lieutenant - wie viel Mädchen schwärmten wohl für ihn ? ) aus dem Sattel und zerschmettert ihm den Schädel am Fuße der Madonnensäule . Die milde Heilige schaut unbeweglich zu . Ein Anderer von den feindlichen Dragonern , ebenso goliathstark , knapp vor mir , faßt meinen Nebenmann an und biegt ihn so kräftig im Sattel nach rückwärts , daß ihm - ich habe es krachen gehört - das Rückgrat bricht ... Auch dazu gab die Madonna ihren steinernen Segen . « » Von einer Anhöhe aus bot sich den bewaffneten Augen der Stabsoffiziere heute wieder manch abwechselungsreiches Schauspiel . Da war zum Beispiel der Einsturz einer Brücke , während über dieselbe ein Train von Wagen sich bewegte . Waren in den letzteren Verwundete ? - ich weiß es nicht - das konnte ich nicht erkennen . - Ich sah nur , daß Alles - Wagen , Pferde und Menschen - in die an jener Stelle tiefen und reißenden Fluten sank und dort verschwand . Das Ereignis war ein günstiges - sintemalen der Wagentrain den » Schwarzen « gehörte . Ich denke mir nämlich in der eben gespielten Partie » uns « als die weißen Figuren . Die Brücke war nicht zufällig eingestürzt ; die Weißen hatten , wissend , daß der Gegner darüber kommen sollte , die Pfeiler abgesägt - ein feiner Zug also . Ein zweiter Anblick hingegen , den man von derselben Anhöhe aus beobachten konnte , bedeutete einen Schnitzer der Weißen : Unser Regiment Khevenhüller wird in einen Sumpf dirigiert , wo es nicht herauskann und bis auf Wenige niedergeschossen wird . Die Getroffenen fallen hin in den Sumpf ... Hier versinken , ersticken müssen - in Mund und Nase und Augen Schlamm - nicht einmal schreien können ! ... Nun ja , zugestanden : es war ein Fehler desjenigen , der die Leute dorthin kommandiert hatte ; aber - » irren ist menschlich « und der Verlust ist kein großer - stellt ungefähr einen geschlagenen Bauer vor ; ein nächster genialer Zug mit Turm oder Königin , und Alles ist wieder gut gemacht . Der Schlamm bleibt zwar in Mund und Augen der Gefallenen , aber das ist ja nebensächlich - das Tadelnswerte dabei ist der taktische Fehler ; der muß durch eine spätere glückliche Kombination ausgemerzt werden , und dem betreffenden Führer können dann immerhin noch schöne Orden und Beförderungen blühen . Daß neulich unser 18. Jägerbataillon während eines Nachtkampfes durch mehrere Stunden auf unser Regiment König von Preußen schoß , und man erst bei Tagesanbruch den Irrtum bemerkte ; daß ein Teil des Regiments Gyulai in einen Teich geführt wurde : das sind auch so kleine Versehen , wie sie eben in der Hitze der Partei auch dem besten Spieler passieren können . « - - - - - - - - - - - - - - - » Es ist beschlossen ; wenn ich aus diesem Feldzug zurückkehre , so verlasse ich den Dienst . Alles Andere hintangesetzt - wenn man einmal eine Sache mit einem solchen Abscheu zu erfassen gelernt hat , wie der Krieg mir nunmehr einflößt , so wäre es unausgesetzte Lüge , im Dienst dieser Sache zu verharren . Ehedem bin ich , wie Du weißt , auch schon mit Widerwillen und mit verdammendem Urteil in die Schlacht gezogen , aber erst jetzt hat sich dieser Widerwille so gesteigert , diese Verurteilung so verschärft , daß alle Gründe , welche mich früher bestimmten bei meinem Berufe auszuharren , aufgehört haben , zu wirken . Die Gesinnungen , welche aus dem Jugendunterricht , vielleicht auch teilweise angeerbt - in meinem Innern noch zu Gunsten des Soldatentums sprachen , sind mir jetzt , während der zuletzt erlebten Greuel ganz verloren gegangen . Ich weiß nicht , sind es die mit Dir gemeinschaftlich gemachten Lektüren , aus welchen hervorging , daß meine Kriegsverachtung nicht vereinzelt ist , sondern von den besten Geistern der Zeit geteilt wird ; sind es die mit Dir geführten Gespräche , in welchen ich mich durch Aussprache meiner Ansichten und durch Deine Zustimmung in denselben gestärkt habe ; - kurz . mein früheres dumpfes , halbunterdrücktes Gefühl hat sich in eine klare Überzeugung verwandelt - eine Überzeugung , die es mir fortan unmöglich macht , dem Kriegsgott zu fröhnen . Das ist so eine Wandlung , wie sie bei vielen Leuten in Glaubenssachen eintritt . Zuerst sind sie etwas zweiflerisch und gleichgültig , sie können aber noch mit einer gewissen Ehrfurcht den Tempelhandlungen beiwohnen . Wenn aber einmal aller Mystizismus abgestreift ist , wenn sie zu der Einsicht gelangen , daß die Ceremonie , der sie da beiwohnen , auf Thorheit - auch mitunter grausame Thorheit , wie bei den religiösen Opferschlachtungen - beruht , dann wollen sie nicht mehr neben den anderen Bethörten knieen , nicht mehr sich und die Welt betrügen , indem sie den nunmehr entgötterten Tempel betreten . So ist es mir mit dem grausamen Marsdienst ergangen . Das geheimnisvolle , überirdische , Andachtsschauer-erweckende , welches das Erscheinen dieser Gottheit auf die Menschen hervorzubringen pflegt , welches auch in früherer Zeit noch meinen Sinn umdunkelte , das ist mir jetzt vollständig abhanden gekommen . Die Armeebefehl-Liturgie und die rituellen Heldenphrasen erscheinen mir nicht mehr als inspirierter Urtext ; der gewaltige Orgelton der Kanonen , der Weihrauchdampf des Pulvers vermag nicht mehr mich zu verzücken : ganz glaubens- und ehrfurchtslos wohne ich der fürchterlichen Kultushandlung bei und kann dabei nichts Anderes mehr sehen , als die Qualen des Opfers , nichts hören , als dessen jammervollen Todesschrei . Und daher kommt es , daß diese Blätter , die ich mit meinen Kriegseindrücken fülle , nichts Anderes enthalten , als schmerzlich geschauten Schmerz . « Die Schlacht von Königgrätz war geschlagen . Wieder eine Niederlage ! Diesmal , wie es scheint , eine entscheidende ... Mein Vater berichtete uns diese Nachricht in einem Tone , als hätte er den Weltuntergang verkündet . Und kein Brief , keine Depesche von Friedrich ! War er verwundet - tot ? - Konrad gab seiner Braut Nachricht : er war unversehrt . Die Verlustlisten waren noch nicht angekommen ; es hieß nur , bei Königgrätz gab es vierzigtausend Tote und Verwundete . Und die letzte Nachricht , die ich erhalten hatte , lautete : » Wir begeben uns heute nach Königgrätz . « Am dritten Tage noch immer kein Zeichen . Ich weine und weine stundenlang . Eben weil mein Kummer noch nicht ganz hoffnungslos ist , kann ich weinen ; wenn ich wüßte , daß Alles vorbei ist , so gäbe es für die Wucht meines Schmerzes keine Thränen mehr . Auch mein Vater ist tiefgedrückt . Und Otto , mein Bruder , tobt vor Rachsucht . Es heißt , daß jetzt in Wien Freiwilligen-Korps errichtet werden - diesen will er sich anschließen . Ferner heißt es , Benedek solle seiner Stelle entsetzt und statt seiner der siegreiche Erzherzog Albrecht nach dem Norden berufen werden , dann gäbe es vielleicht doch noch ein Aufraffen , ein Zurückschlagen des übermütigen Feindes , der jetzt uns ganz vernichten wolle , der im Vormarsch auf Wien begriffen sei ... Angst , Wut , Schmerz erfüllt alle Gemüter ; der Name » die Preußen « drückt Alles aus , was es Hassenswertes gibt . Mein einziger Gedanke ist Friedrich - und keine , keine Nachricht ! Nach einigen Tagen langte ein Brief Doktor Bressers an . Er war in der Umgebung des Schlachtfeldes thätig , um zu helfen , was er helfen konnte . Die Not sei grenzenlos , schrieb er , jeder Einbildungskraft spottend . Er hatte sich einem sächsischen Arzte , Doktor Brauer , angeschlossen , der von seiner Regierung ausgesandt worden war , um nach dem Augenschein über die Lage zu berichten . In zwei Tagen sollte auch eine sächsische Dame ankommen - Frau Simon , eine neue Miß Nightingale - welche seit Ausbruch des Krieges in Dresdener Hospitälern thätig gewesen , und welche sich erboten hatte , die Reise nach den böhmischen Schlachtfeldern anzutreten , um in den umliegenden Hospitälern ihre Hilfe zu leisten . Doktor Brauer und mit ihm Doktor Bresser wollten sich an dem bestimmten Datum , sieben Uhr abends , nach Königinhof , der letzten Station vor Königgrätz , bis wohin die Eisenbahn noch verkehrte , begeben und die mutige Frau daselbst erwarten . Bresser bat uns , womöglich eine Sendung von Verbandzeug und dergleichen nach jener Station zu schicken , damit er sie dort in Empfang nehmen könne . Kaum hatte ich diesen Brief gelesen , war mein Entschluß gefaßt : - die Kiste mit Verbandzeug würde ich selber bringen . In einem jener Spitäler , welche Frau Simon besuchen wollte , lag möglicherweise Friedrich ... Ich würde mich ihr anschließen und den teuren Kranken finden , pflegen retten ... Die Idee erfaßte mich mit zwingender Gewalt , so zwingend , daß ich sie für eine magnetische Fernwirkung des sehnenden Wunsches auffaßte , mit dem der Geliebte nach mir rief . Ohne Jemandem aus meiner Familie meinen Vorsatz mitzuteilen - denn ich wäre nur auf allseitigen Widerspruch gestoßen - machte ich mich ein paar Stunden nach Erhalt des Bresserschen Briefes auf den Weg . Ich hatte vorgegeben , daß ich die von dem Doktor verlangten Dinge in Wien selber besorgen und expedieren wolle , und so konnte ich ohne Schwierigkeit von Grumitz fortkommen . Von Wien aus würde ich dann meinem Vater schreiben : » Bin nach dem Kriegsschauplatze abgereist . « Wohl stiegen mir Zweifel auf : meine Unfähigkeit und Unerfahrenheit , mein Abscheu vor Wunden , Blut und Tod ; aber diese Zweifel verjagte ich : was ich that , ich mußte es thun . Des Gatten Blick , flehend und gebietend , war auf mich gerichtet ; von seinem Schmerzenslager streckte er die Arme nach mir aus und : » Ich komme , ich komme , « war das Einzige , was ich zu denken vermochte . Ich fand die Stadt Wien in unsäglicher Aufregung und Bestürzung . Verstörte Gesichter ringsumher . Mein Wagen kreuzte sich mit mehreren Wagen , welche mit Verwundeten gefüllt waren . Immer spähete ich , ob nicht etwa Friedrich darunter sei ... Aber nein : sein Sehnsuchtsruf , der an meinen Fibern zerrte , drang von weiter her - von Böhmen . Hätte man ihn zurücktransportiert , so wäre die Nachricht davon gleichzeitig zu uns gelangt . Ich ließ mich in einen Gasthof führen . Von dort aus besorgte ich meine Einkäufe , expedierte den für Grumitz bestimmten Brief , warf mich in einen möglichst einfachen , strapazenfähigen Reiseanzug und fuhr nach dem Nordbahnhof . Ich wollte den nächstabgehenden Zug benutzen , um rechtzeitig an meine Bestimmung zu gelangen . Es war wie eine fixe Idee , unter deren Herrschaft ich meine Handlungen ausführte . Auf dem Bahnhof herrschte reges - Leben - oder soll ich » reges Sterben « sagen ? Die Halle , die Säle , der Perron ; Alles voll Verwundeter , Viele davon in den letzten Zügen . Und ein massenhaftes Menschengewirre : Krankenpfleger , Sanitätssoldaten , barmherzige Schwestern , Ärzte ; Männer und Frauen aus allen Gesellschaftsklassen , die da kamen , um nachzusehen , ob der letzte Transport nicht einen von den Ihren gebracht ; oder auch , um unter die Verwundeten Geschenke , Wein , Cigarren u.s.w. zu verteilen . Das Beamten- und das Dienstpersonal überall bemüht , das vordringende Publikum zurückzudrängen . Auch mich wollte man wieder fortschicken : » Was wollen Sie ? ... Platz da ! ... Das Überreichen von Eß- und Trinkwaren ist verboten .. wenden Sie sich an das Komitee ... dort werden die Geschenke in Empfang genommen « ... » Nein , nein , « sagte ich , » ich will abreisen . Wann fährt der nächste Zug ? « Auf diese Frage konnte ich lange keine Auskunft erhalten . Die meisten Abfahrtszüge seien eingestellt , erfuhr ich endlich , daß die Linie für ankommende Züge , die eine Ladung Verwundeter nach der anderen brachte , offen bleiben mußte . Passagierzüge gingen heute überhaupt keine mehr ab . Nur einer mit nachgeschickten Reservetruppen , und ein anderer zur ausschließlichen Benutzung