welchem sich Entrüstung . Bitte , Drohung , Entschlossenheit bis zum Äußersten malten , sprach er in unverfälschtestem Englisch-Italienisch : » Um Gottes Barmherzigkeit , was suchen Sie in diesem Vorhof der Hölle , in diesem Pfuhl schandbarer Lüste ? « » Ein paar verblaßte Bilder , unschuldige Kunstwerke eines lustigen altpompejanischen Wandmalers , « entgegnete ich und machte Miene , den frommen Cerberus wegzudrücken . » O Herr , ich beschwöre Sie beim Seelenheil Ihres holden Weibes , fordern Sie hier nicht Einlaß , verzichten Sie auf den Anblick dieser heidnischen Teufelswerke ; Ihr Auge könnte nicht mehr mit reinem , beseligendem Blicke auf Ihrem jungen Weibe ruhen ... « Meinem jungen Weibe ! Wie mich dies Wort seltsam schüttelte ! Flora Kuglmeier zupfte mich am Ärmel . Nie habe ich in ein lieblicher errötendes Antlitz gesehen . Mit einer schnellen Biegung des Kopfes entzog mir ihr breitschattender Strohhut das süße Gesicht . Ich sah nur ein Stückchen Hals und Nacken , leicht gebräunt , mit einem Kranz gekrauster , wilder Haare , über die ein aschblonder natürlicher Lockenbüschel handbreit hinabfiel . Wie das sonnig schimmerte und duftete ! Fürwahr man hätte mir alle Schätze - Indiens , sagen die Romanphrasenmacher - alle Schätze der Reichsbank und des Juliusturms anbieten dürfen , jetzt diesen herzerquickenden Anblick mit der Betrachtung der klassischen Wandklexereien zu vertauschen , ich hätte den Tausch ausgeschlagen . Naturalia non sunt turpia und in der Kunst und Kunstbetrachtung gibt ' s nichts Obszönes , allein der fanatisch-heilige Thürsteher hatte Recht : alle venusischen Schilderungen der Alten wiegen die Wonnen eines lebendigen , holden , deutschen Weibchens nicht auf . Wir schlugen uns um die Ecke . In der Nähe war das neue Ausgrabungsviertel . Gestern hatte zu Ehren eines hohen fremden Gastes die Bloßlegung eines Hauses stattgefunden . Wie in Deutschland die hohen Herrschaften einem Gaste von Distinktion eine Jagdpartie anbieten , wird hier von den Behörden einem fremden Besucher von Rang eine Ausgrabungspartie auf das Ehrenprogramm gesetzt . Wir traten in das zuletzt bloßgelegte Haus . Wie da noch die Wände frisch glänzten , die Farben kräftig leuchteten ! Und das Vergnügen , zu den Ersten zu gehören , welche an dem frisch Ausgegrabenen herumrätseln dürfen ! Es war offenbar eine Weinwirtschaft gewesen . Heda , Padrone , eine Flasche Falerner ! Ja , vor achtzehnhundert Jahren hätten wir nicht umsonst gerufen . Der Padrone war leider nicht mehr zu haben . Sie hatten gestern sein Gerippe zusammengelesen und ins Museum geschleppt . Und jetzt eine Probe der eminenten archäologischen Begabung meiner Flora Kuglmeier . Ich hatte ihr aus der Anordnung des Gemaches , den Löchern für die Amphoren , den marmornen Schenktischen , die auf der einen Seite ein Gesimse für Flaschen und Krüge , auf der andern eine Vorrichtung zum Kochen und Warmhalten der Getränke haben u.s.w. den Schluß auf die gastgeberische Bestimmung des Ortes erklärt . Auch die Wandgemälde standen dazu in entsprechender Beziehung . » Also eine Weinschenke , eine Kneipe , nichts weiter ? « fragte sie . Dabei musterte sie aufs neue die Bilder . Plötzlich : » Da sehen Sie einmal diese blaue Wand , durch bebänderte und bekränzte Stäbe in Flächen eingeteilt und in den Ecken dieser Flächen je drei Kugeln . Wie deuten Sie diese Dekoration ? « Ich erwiderte : » Das ist ein beliebiges Verzierungsmuster ohne tieferen Sinn . « Darauf sie mit schelmischer Überlegenheit : » Sie sind bald mit Ihrem Latein zu Ende . Das ist gar kein beliebiges , das ist ein sehr bestimmtes Muster von lokaler Bedeutung . Aller Schmuck und Zierat hat Beziehung auf Gebrauch und Umgebung . « Ich stutzte : » Sie werden doch nicht in diesen Stäben ... « » Billardstöcke und in diesen Kugeln Billardkugeln erkennen wollen ? « spottete sie . » Freilich will ich das . Dieser Raum war nicht bloß eine Kneipe , er war auch ein Billardsaal ... « Ich klopfte ihr auf die Schultern und lachte : » Das haben Sie brav gemacht . Ein Billardsaal ... « » Lassen Sie mir nur ein wenig Zeit und ich werde Ihnen das Nebengemach als , wie sage ich nur gleich ... als ... « » Als Klavierzimmer oder Gesellschaftssaal mit weiblicher Bedienung und einem Pianino in der Ecke nachweisen - nicht wahr ? « » Nein , für so unvernünftig und unkünstlerisch halte ich die Alten nicht . Villard , ja . Aber das Pianino kannten die Alten nicht , und hätten sie ' s gekannt , würden sie ' s polizeilich unterdrückt haben an den Orten , die zur Freude und nicht zur Marter bestimmt waren . Nur die modernen Kulturvölker sind so blödsinnig , was zur Freude geschaffen , bis zur größten Unlust und Schinderei zu übertreiben . Die glücklichen Pompejaner wußten nichts von der Klavierpest . Sie wußten auch nichts von unserer Schultyrannei . Ein griechisches Gymnasium war ein Ort der Lust , ein deutsches Gymnasium ist eine Hölle dagegen ; ich hab ' s jahrelang an meinem Bruder beobachtet . Wir lernen von den Alten hauptsächlich nur , um unsere Dummheiten klassisch zu beschönigen . « In dieser Weise ließ sie noch lange ihrer Laune die Zügel schießen . Unbewußt führte sie mit allerlei Einfällen die altertümelnden Schriftgelehrten und Klügler und Nachahmer ganz ergötzlich ad absurdum . » Und jetzt einen Schritt ins Tablinum , verehrte Zeichendeuterin ! « » Sagen wir auf deutsch Wohnstube , « übersetzte sie sofort . Das war nun freilich etwas voreilig . Allein ich wollte ihr die Freude der freien Übertragung nicht durch pedantische Schulmeisterei verleiden . Ich ließ mich daher zu einem Kompromiß herbei - mein archäologisches Gewissen hielt sich mäuschenstille , ach , selbst das Gewissen wird weit und galant einem solchen herzigen Geschöpf gegenüber ! - und bemerkte : Sagen wir lieber die sogenannte » gute Stube « auf Berlinisch , denn das Wohn- oder Familienzimmer lag bei den Pompejanern ganz im Hintergrunde des Peristyls und hieß Ökus ; die Alten hielten darauf , ihr Familienleben sorglich von der Berührung mit der Welt abzuschließen . » Das war brav von den Alten , das gefällt mir , « sagte sie . » Wieder ein hübsches Bild , ein Lieblingsmotiv der Pompejaner , nach den zahlreichen Wiederholungen zu schließen . « » Die verlassene Ariadne ? Es scheint , daß diese Skandalgeschichte in der alten Welt Sensation gemacht hat . Bei uns ist dergleichen etwas Alltägliches . Ein simples Leutnants-Abenteuer . Welcher Backfisch hat bei uns nicht schon seinen Verzweiflungs-Moment der verlassenen Ariadne gehabt , oder gleich eine Serie von solchen Momenten , bis sich der tröstende und heiratsmutige Dionysos in Gestalt eines begüterten Spießbürgers eingefunden ... Ein passables Mädchen , diese Ariadne - aber der Held ist ein fader Geck . Und diese spaßhafte Ausrüstung : ganz nackt mit einem kolossalen Helm auf dem Kopf . Bei den Griechen findet man so etwas erhaben ; ein Neger aber mit einem Cylinderhut erscheint bodenlos lächerlich . Finden Sie einen Unterschied ? Ich nicht . Der Tochter des Minos ist übrigens recht geschehen . Warum mußte sie sich mit diesem Hanswurst einlassen . Die Männer sind ja im allgemeinen so feig . « » Aber , aber ! « drohte ich . » Muß man sich nicht zu jedem angeführten oder sitzengebliebenen Mädchen einen elenden Durchbrenner als Pendant denken ? « » Was würden Sie der armen Ariadne raten , wenn sie nun erwacht und ihre trostlose Situation übersieht ? « fragte ich listig . » O , das ist sehr einfach : ich würde ihr raten , zunächst ein bischen zu tanzen , um ihre verrenkten Glieder wieder in Ordnung zu bringen - sie liegt ja so schlecht , sehen Sie nur , es sind ihr gewiß auch die Beine eingeschlafen - und dann soll sie dem sauberen Helden eine Nase drehen und sich selbst auslachen . Wenn sie das nicht vermag , soll sie sich wieder hinlegen und schlafen bis zum jüngsten Tag . « » Aber dann hätte ja der gute Dionysos nichts zu trösten gehabt ! « Ein ganz besonderes Vergnügen bereiten meinen genialen Kameraden die Wandinschriften , die Dipinti und Sgraffiti . Die Elemente des Lateinischen sind ihr geläufig , da sie ihrem jüngeren Bruder auf Lateinschule und Gymnasium bei Fertigung der Hausaufgaben fleißig helfen mußte , um den Faullenzer vorwärts zu bringen , und ihre vollkommene Beherrschung des Französischen und Italienischen weiß sie mit feinem Sprachinstinkt auch für die Entzifferung antiker Inschriften nutzbar zu machen . Reicht ' s nicht , spring ' ich mit den Resten meiner Schulgelehrsamkeit zu Hilfe . Im Korridor der Casa dell ' Orso haben wir lange nach dem Original des bekannten Doppel-Distichons gesucht , das in jedem Pompeji-Führer steht und von Roßmann so verdeutscht wurde : Liebende herbei ! Ich will Venus einige Rippen brechen , Ihrer Schenkel Götterkraft Will ich mit dem Knüttel schwächen ! Kann sie mir das Herz zerreißen , Kann ich ihr den Kopf zerschmeißen . Wir fanden ' s nicht . Dafür das andere : Binde den Wind hier an , wer da Liebende schilt ; er verbiete Munter springendem Quell , daß er zu Thale enteilt . Ist das nicht ganz reizend ? Später hatten wir das seltene Finderglück , ein Distichon einzuheimsen , das allen seitherigen Sammlern entgangen zu sein scheint . Ich bin so freigebig , es Ihnen im Originaltext zu verehren : Qui quidem amat , vivit ; moritur qui nescit amare , Bis morietur qui saevus amare vetat . Drei Worte waren nicht mehr leserlich , ich habe sie aus Eigenem ergänzt - und ich will ' s um des hübschen Inhalts willen gern auf mich nehmen , von Ihnen ausgelacht zu werden , wenn ich gestümpert oder ganz daneben geschossen habe . Ich bin ja so wenig ein Dichter wie ich ein geborener Lateiner bin . Aber diese Todesdrohung für den , der nicht zu lieben versteht - gibt das nicht zu denken ? Und ich will leben , langes , reiches , lebendigstes Leben leben ! Wie fang ' ich ' s an ? ... Es klopft an der Wand . Das verabredete Zeichen . Gleich , gleich . Ich bin bereit , meine süße , unvergleichliche Flora . Ich grüße Sie mit meinen heitersten Grüßen , verehrter Freund und Doktor Trostberg . Fürchten Sie als guter Deutscher Gott und sonst nichts auf der Welt . In wenigen Monaten werde ich Sie in der Heimat wieder sehen . Betrachten Sie inzwischen diesen Brief , mit dem ich mir und hoffentlich auch Ihnen eine rechte Freude gemacht , als ganz vertrauliche Mitteilung . Empfangsbestätigung , Danksagung , goldene Busennadel , Photographie u.s.w. erbitte innerhalb vier Wochen postlagernd Palermo . Ich unterzeichne in Eile und schleudere die Feder fort . Flora - Joseph Zwerger . 2. Das Kinderzimmer ging immer noch auf den Hof . Als Kommerzienrat Raßler das vierstöckige , mit Balkonen und einem Vorgarten geschmückte Eckhaus der Maximilian- und Quaistraße vor drei Jahren kaufte , sagte er wohl , das sei nur provisorisch , das Kinder-und Schlafzimmer müsse die beste und sonnigste Lage haben , Morgensonne natürlich , und auf der Gartenseite , damit die gute , ozonreiche Luft durch die Fenster ströme , der Vogelgesang aus den Zweigen der Ahorn- , der Kirschen- und Birnbäumchen in aller Frühe erschalle und die kleinen Langschläfer aus den Betten pfeife . Allein Herr Raßler war stärker in guten Meinungen und Vorsätzen , als in deren Ausführung . Man muß sich ja ohnehin so einschränken in den neuen Häusern : zehn Zimmer , was will das viel bedeuten ! Wenn man den großen Salon , den Speisesaal , das Empfangszimmer , die altdeutsche Kneipstube , das Billardzimmer , das Boudoir der gnädigen Frau und das Badezimmer abrechnet , bleiben bloß noch drei Räume zum Wohnen und Schlafen . Damit ist der ganze erste Stock nach seinem Rauminhalt erschöpft . Das Erdgeschoß , ein Hochparterre mit einer Veranda gegen den Garten , ist für empfindliche Leute zum Bewohnen nicht recht ratsam ; der Straßenlärm , die feuchte Nachtluft von der Isar herüber , die Nähe des Grundwassers , die Ausdünstung der verschiedenen Kanäle und so weiter - nein , nein , Herr Raßler konnte sich nicht entschließen , da unten zu hausen . Außer zwei eleganten Gesellschaftsräumen , die mit exotischen Gewächsen vollgestellt waren und als eine Art Treibhaus und Anhängsel des Gartens gelten konnten , enthielt das Hochparterre noch die Küche mit den notwendigen Nebengemächern und die Zimmer für das Dienstpersonal nach der Hofseite . Außer dem ersten Stock auch noch den zweiten zu bewohnen , das erlauben die schlechten Zeiten nicht einmal einem Kommerzienrat . Man hat ja ohnedies noch das teure Landhaus am Starnberger See auf dem Hals . Und den zweiten Stock würde Herr Raßler , der trotz aller , wenn auch nur schüchternen , Versuche mit der Schweningerei immer noch seine wohlgewogenen hundertzehn Kilo wiegt , schon aus dem einfachen Grunde nicht bewohnen , weil er das Treppensteigen als eine der häßlichsten Einrichtungen des Lebens empfindet . Jawohl , eine Aufzugsmaschine ! Aber wie viele Unglücksfälle sind schon passiert durch das Zerreißen einer Kette , Brechen des Fahrstuhls und hundert andere Fährlichkeiten , welche das teure Leben bedrohen . Zudem ist auch das Treppenhaus so verbaut , daß sich die nachträgliche Einrichtung einer Aufzugsmaschine nur mit den größten Kosten bewerkstelligen ließe . Ganz abgesehen von dem riesigen Entgang an Mietzins , den die englische Familie bezahlt , die seit sechs Jahren den zweiten Stock inne hat . Eine Familie von verrückten Kunst- und Naturschwärmern , die sich alle drei Jahre die unverschämteste Preissteigerung gefallen läßt , nur um die herrlich gelegene Wohnung an der wildbrausenden Isar mit dem Ausblick auf das bayerische Hochgebirge , besonders den mächtigen Alpenstock des Wettersteingebirgs mit der Zugspitze , zu behaupten , obwohl vom Balkon aus nur noch ein hausgroßes Stück davon über dem Isarthal zu erblicken ist , seit die Neubauten der Großbräuer auf dem Auer und Giesinger Höhenzug entstanden sind und die Rundsicht auf die Alpen bis auf einen schmalen Streifen zugedeckt haben . Aber das genügt den Engländern im zweiten Stock : allmorgendlich und allabendlich tummeln sie sich auf dem Balkon , bewaffnen sich mit ellenlangen Fernröhren , strecken die Hälse , begucken sich die schimmernden Alpenspitzen und debattieren ihre Wetterprognose . Die mächtigste Anziehung nächst dem Blick auf die Alpenwelt jedoch übt auf die englische Familie die Isar selbst : auf die weiblichen Mitglieder besonders zur Floßzeit , wenn die wetterharten Holzknechte von Tölz und Lenggries mit den blauen Falkenaugen , den kühnen Hackennasen , den starren blonden Schnauzbärten und dem gemsbart- und auerhahnfedergeschmückten Filzhut , das Hemd auf der Brust offen , daß die braune Haut mit dichten Haarbüscheln heraussieht , - ihre Flöße dahertreiben und auf dem Floßkanal , hart am Wehr vor dem Raßlerschen Hause , verankern . Da jauchzt das Herz der Lady Mary Vivian und ihrer Kousinen Misses Wood , wenn die Bursche bei der harten Arbeit mit den blinkenden Holzäxten auf die Tannenstämme einhauen und dabei die derben Wilderer-Waden das Leder der hohen Wasserstiefel durch die Wucht der gespannten Muskulatur zu zersprengen drohen . Und die Rufe und Gegenrufe , die wie wilder Vogelschrei klingen in dem urbajuwarischen Gebirglerdialekt - welch ein erregender , erfrischender Tonwechsel in diesen Naturlauten , wenn die englischen Ohren und Herzen sich den Winter über in den süß berückenden Weisen von Chopin , Wagner , Liszt halb zu tot geschwelgt ! Für die männlichen Mitglieder des Wood-Astonschen Familien-Komplexes liegt der Hauptzauber der wilden Isar in etwas ganz anderem : nämlich in den nicht eben seltenen Szenen der Mordromantik , die sich gerade an dieser Uferstelle am eindrucksvollsten abspielen . Der erste Blick vom Balkon gilt in der Frühe dem großen Wehr am sogenannten Abrecher oberhalb der Maximiliansbrücke : ob hier nicht der Kadaver irgend eines Ertrunkenen im smaragdgrünen Kanalwasser sich bläht und schaukelt . Da gibt es dann Volksauflauf , Gendarmen-Intervention , Rettungsversuche , Polizei-Inspektion ; der Kadaver wird mit mehr oder weniger Anstrengung und Lärm herausgefischt , am Ufer niedergelegt , untersucht , dann von schwarzuniformierten Männern auf eine Tragbahre geladen , mit einem braunen Wachstuch zugedeckt und davongeschleppt in die Morgue , gefolgt von einem Gendarmen . Lange bleibt der Volkshaufen noch stehen - die Dienstmädchen und die alten Weiber der Nachbarschaft fehlen niemals ; man beguckt die Stelle , bespricht mit einem großen Aufwand von Gesten den Fall und zerstreut sich dann allmählich , das Verdikt von Mord oder Selbstmord oder simplem Unglücksfall in die nächsten Gassen tragend . Welch ein labendes Schauspiel für Mister Harry Wood , dessen Stärke neben dem Dilettantismus in der Malerei gerade die Selbstmordstatistik bildet ! Er hat bereits ziffermäßig festgestellt , daß die Isar vor seiner Wohnung im Jahr durchschnittlich zehn Kadaver » produziert « , wovon drei männlichen und sieben weiblichen Geschlechts - die letzteren zu fünfzig Prozent dem jugendlichen Dienstmädchenalter angehörend . Er ist infolge seiner intensiven Beobachtungen und Berechnungen auch gar nicht der Ansicht der Münchener Polizeibehörde , daß die Mehrzahl dieser Ertrinkungsfälle auf Unvorsichtigkeit und ähnliche harmlose Ursachen zurückzuführen sei , sondern behauptet im Gegenteil , daß besonders bei den jugendlichen weiblichen Opfern auf Vergewaltigung aus Lustgier und Raubsucht und auf überlegten Mord geschlossen werden müsse . Seine englische Phantasie , genährt an den Brüsten der kriminalistischen Rothaut-Muse eines Poe und Bret Hart , malt ihm dabei mit lebhaftestem Eingehen auf alle nur denkbaren Nebenumstände die packendsten nächtlichen Schauderszenen an den Brücken , Stegen , Wehren , an den parkartig bewaldeten Stellen der Isarufer und auf den Isarinseln mit ihrer lauschigen Abgeschiedenheit in den grellsten Farben . Das gewährt ihm einen wahrhaft künstlerisch-wissenschaftlichen Genuß . Seine mächtig erregte Einbildungskraft spielt ihm manchmal auch die abenteuerlichsten Possen . Wenn er lange auf dem Balkon gestanden und in die rauschende Isar gestiert , einen Ertrunkenen zu entdecken , und die heiße Sonne der bajuwarischen Hochebene seinen britischen Insulaner-Schädel zum Krachen geheizt hat , dann geht eine märchenhafte Verzauberung mit ihm vor . Die schmale Isar verbreitert sich vor seinem Blicke zu einem ungeheuren glitzernden Wasserspiegel , zweigt ganze Ströme als Nebenflüsse von der Ausdehnung eines Mississippi ab , dazwischen gaukeln , wie die Luftgebilde einer Fata Morgana , Urwälder und Prärien , bevölkert von kampfeswütigen Rothäuten , die auf blutigen Kriegspfaden wie wahnsinnige Tiger dahinschleichen , die Mordwaffe im Anschlag ... » Holla , « schreit er plötzlich auf , » ein Leichnam schwimmt daher , noch einer und wieder einer - und dort ein Skalp und noch ein Skalp - heisa ! da wieder ein ganzer Kopf , scharf abgeschnitten ... « Und er beugt sich über den Balkon , klatscht in die Hände , mit rückwärts gewendetem Gesicht frenetisch ins Zimmer rufend : » Miß Vivian , Miß Vivian , sehen Sie doch , wie das purzelt und Wasser schluckt und wieder ausspeit und ruhig schwimmt und wieder purzelt , eins , zwei , fünf , zehn Kadaver - und eine Legion Köpfe und Skalps ! Wunderschön , hinreißend ! « Und Miß Vivian springt vom Flügel auf und lacht , und die ganze Familie hält sich den Bauch und lacht : » Mister Harry phantasiert - phantasiert wie toll . Ein paar alte schwimmende Holzscheite hält er für Kadaver , ein Reisigbündel für einen Skalp , einen alten Blechtopf für einen abgeschnittenen Kopf ! « » Aber dort , seht doch , ein bewaffneter Indianerzug ! « und er deutet auf den Steg an der Feuerwerksinsel . » Das sind ja durstige Münchener , die nach den Bierkellern wallfahren und vor Ungeduld , daß ihnen das Bier nicht durch die Luft ins Maul fließt , mit den Stöcken fuchteln ... « » Aber das breite Wasser da unten , groß wie ein See , mit der feurigen Sonne darüber ? Ist das nicht der Mississippi ? « » Kindskopf , nein , das ist die Isar , die I-saa-r ! « Miß Vivian lacht ihm immer lustiger ins Gesicht und nimmt ihn mit ihren langen , feinen Fingern ein wenig beim Ohrläppchen . Nun spielt er die Posse mit Bewußtsein und Absicht weiter . Vivians Griff hat ihn angenehm elektrisiert . » Aber diese beiden kolossalen Mississippi-Dampfer , die da drüben Bord an Bord schaukeln , die müßt Ihr doch gelten lassen ? « Miß Vivian nimmt ihn kräftiger beim Ohr , daß er vor Lust mit den Zähnen knirscht : » Schelm , das ist der Hofbräuhauskeller und die gotische Kirche von Haidhausen ! « Mama Wood , den Kopf in die » Neuesten Nachrichten « vergrabend und nach Unglücksfällen schnüffelnd , erklärt : » Harry ist um seine Phantasie zu beneiden . Die Isar thut ihre Schuldigkeit schlecht ; sie hat schon so lange keinen Kadaver mehr gebracht ! Es ist recht langweilig ... Man verlernt das süße Gruseln ... « Kommen aber zu den Ertrunkenen noch einige Erhenkte an den alten , schönen Kastanienbäumen an der Isar-Quai-Promenade unter den Fenstern des Raßlerschen Hauses , dann schmeckt der englischen Familie das Frühstück noch einmal so gut ; sie ist dann unsagbar befriedigt von den hohen Naturreizen und Vorzügen ihrer Wohnung , daß sie sich mit Enthusiasmus eine Mietzinserhöhung gefallen läßt , während sie sich mit Händen und Füßen gegen eine Steigerung wehrt in einem Jahre , welches weniger Isar-Ertrunkene oder gar keine Kastanienbaum-Erhenkte » Produzierte « . » Well , « lispelte im vorigen Jahre Mister George Vivian Aston , das derzeitige Oberhaupt des englischen Familien-Komplexes , als ihm der Herr Kommerzienrat eine neue Steigerung ankündigte , nachdem sich sehr günstig gerade am Morgen des Mietzahlungstags ein erhenkter Packträger am Kastanienbaum befunden hatte : » Well , die dreihundert Mark ist der arme Teufel wert , er war sehr gut gehenkt und sah sehr gut aus in dem Morgennebel , der mich an meine geliebte Insel-Heimat erinnerte . « Seit der Gründung des Münchener Ruderklubs , der seine Übungen , in den Abendstunden auf dem Isarkanal zwischen der Maximilians- und Ludwigsbrücke abhält , sind die Engländer , besonders die Ladies Mary und Georgina , ganz Feuer und Flamme für die wundervolle Lage ihrer Münchener Wohnung . Auch Mister Harry Wood verspricht sich von dieser aquatischen Erweiterung des Münchener Vereinslebens neue Genüsse ; er hat seiner Statistik eine neue Rubrik eingefügt : Ertrunkene Mitglieder des Münchener Ruderklubs bei ihren Schulfahrten auf der Isar an der Quaistraße . Dieser Harry Wood war in der ersten Zeit ein Gegenstand des Abscheues für die ganze kommerzienrätliche Hauseigentümerschaft . Hatte er doch die satanische Gewohnheit , in den Raßlerschen Garten zu spucken ! Und als ihm dieser Gartenspuck-Sport kraft eines neuen Paragraphen , den Herr Raßler extra für diesen unvorhersehbaren Fall in die alte , gedruckte Hausordnung einfügen ließ , untersagt worden war , da ersann er flugs eine andere Unart , um den neuen Hauseigentümer zu ärgern . Der unglaubliche Mensch nahm ein Blasrohr und beschoß , hinter den Spitzen-Gardinen des Balkonfensters versteckt , den Glatzkopf des Herrn Kommerzienrats mit Erbsen , sobald dieser arglos lustwandelnd im Abenddämmer zwischen den grünen Sträuchern und Bäumen seines Hausgartens auftauchte . Erst der heimlichen , aber energischen Dazwischenkunft der Frau Leopoldine Raßler , welche zwar keine besondere Hochachtung vor dem kahlen Haupte ihres Gemahles empfand , es aber doch nicht zur Zielscheibe für englische Blasrohrschützen entwürdigt sehen wollte , gelang es , diesem Unfug zu wehren . Auf Frau Leopoldine hielt Harry Wood große Stücke . » Wir sollten endlich doch ein anderes Zimmer für die Kinder bestimmen ; je mehr die Knaben heranwachsen , desto bedenklicher werden die Störungen vom Hofe her . Die Hofseite hat mir nie gefallen , Du erinnerst Dich ? « bemerkte Frau Leopoldine Raßler , mit etwas müden Bewegungen in ein einfaches , knappes Hauskleid , gelb und braun , von echt persischer Wollweberei , die kräftigen Formen pressend , von der Schwelle ihres Boudoirs zu Herrn Raßler hinüber , der sich gedankenlos im amerikanischen Schaukelstuhle wiegte und seine feuchten Bulldoggen-Augen in den goldenen Arabesken des Salon-Plafonds spazieren gehen ließ . Gedankenlos ? Vielleicht doch nicht ganz . Im roten Fleisch des Vollmondgesichtes spielte eben wieder ein verschmitzter Zug , offenbar als Nachwirkung eines listigen Gedankenfragments , das durch den Eintritt der fragenden Frau nicht zu Ende gebracht werden konnte . Die Gestrenge ! Natürlich . Sie berief sich immer auf den puritanischen Arzt , wenn sie seinen Nachtischscherzchen ausweichen wollte . Die Widerwillige ! Aber sie hatte sich doch seiner Laune bequemt ... » Ich erinnere mich , mein Leo « ( er gebrauchte mit Vorliebe die männliche Form der Namenskürzung ) , » ich erinnere mich , mein Leo ! « erwiderte er mit schläfriger Stimme zweimal . » Ich bin ganz Deiner Meinung . « Er gähnte , ohne die Hand vorzuhalten . » Das bist Du seit drei Jahren , hast aber bis heute nichts geändert , und Du bist doch der Herr im Hause . « » Ja , der bin ich , mein Leo . Sind neue Unzukömmlichkeiten vorgefallen ? « Sie trat hinter den Stuhl , hielt mit festem Griff der Lehne die Schaukelbewegung an und sagte , ohne ihr schönes , mattleuchtendes Gesicht zu dem dicken , schläfrigen Gatten niederzubeugen : » Der Harry Wood spricht von seinem Küchenbalkon immer dummes Zeug zu den Leuten in den Hof hinunter , aber so laut , daß es in der Kinderstube gehört wird . Da unterbrechen die Knaben die Arbeit , horchen und lachen . Herr Schlichting hat sich soeben über die Störung beklagt . « » Der gute Herr Schlichting . Das glaub ' ich wohl . Recht , ich werde mir die Sache überlegen . Wenn ' s gar nicht anders geht , werde ich die Engländer doch noch zum Haus hinaussteigern . Sonst liegen keine Unzukömmlichkeiten vor ? « » Die Hausleute im dritten und vierten Stock beschwerten sich vorhin , daß eine unbekannte Hand in vergangener Nacht die Thürklinken mit gekochten Wursthäuten überzogen und die kleinen , runden Gucklöcher mit Oblaten zugeklebt habe . Als die Frau Professor im dritten Stock vom Theater heimkehrte und im Dunkel die warme weiche Wursthaut an der Thürklinke in die Hand bekam , schrie sie vor Entsetzen und war einer Ohnmacht nahe ... « Der Herr Kommerzienrat wälzte seinen Fettwanst vor Lachen halb aus dem Schaukelstuhl heraus und quackerte sein Lieblingswort : » Das macht der Liebe kein Kind ... Die gute Frau Professor ... Das glaub ' ich wohl . « Der plötzliche Lachanfall trieb ihm das Blut bis in die weiße Glatze hinauf . Fast ängstigte er sich , daß er der lustigen Erregung nachgegeben . Aber der Spaß war zu gut . Die Frau Professorin , die Vornehmthuerin und Superkluge , statt der Thürklinke eine warme Wurst in der Hand und einer Ohnmacht nahe ! Ein gottvoller Jux ! Und er lachte aufs neue , daß ihm dicke Tropfen über die runzligen Thränensäcke hinweg die Backen herunterliefen . » Der Verdacht lenkt sich natürlich auf den tollen Engländer . Aber die Leute im vierten Stock zischeln schon , unser Hermann wär ' auch solcher Streiche fähig ; der Engländer verführe ihn und stifte ihn zu nichtsnutzigen Streichen an . « » Wenn das Gesindel vom vierten Stock ... « » Es sind anständige Leute , die Postoffizials , bitte ... « » Erlaube , mein Leo , was im vierten Stock wohnt und ein halbes Dutzend Kinder hat , ist mehr oder weniger Gesindel ... Kein anständiger Mensch steigt und wohnt so hoch ... und setzt so viele Kinder den andern Leuten auf die Köpfe ... « » Wer selbst Kinder hat und seine Kinder liebt , sollte auch vor dem Elternglück und der Elternsorge der andern mit geziemender - ich sage nicht Noblesse , das versteht nicht jeder ! - Achtung denken oder wenigstens sprechen . Wer anders handelt , würdigt sich selbst herab ... « » Du bist heute sentimental , mein guter Leo ; das Beamtenpack mit den vielen Kindern ist mir nun einmal zuwider . Das bläht sich und brüstet sich ... Ja , die Bildung ! Und die Einbildung ! Und dabei nichts im Sack ; jeden Monat rennt ' s mit seiner Quittung an die Staatskasse . Das frißt alles aus der großen Schüssel - und den Kinderluxus muß zuletzt das Volk , das heißt : müssen wir bezahlen . Ewig Gehaltsaufbesserungen , und Witwen- und Waisenpensionen . Das verstehst Du nicht , was das kostet . Wo kein Vermögen ist , gehören auch keine Kinder hin . Kindermacherei auf Regimentsunkosten , das ist was Rechtes ! Davon will ich gar nicht reden , wie die im vierten Stock unser Haus abnützen . Immer ist die Treppe beschmutzt , das schöne Stiegengeländer schon ganz verkratzt . Wie die Fußböden und die Tapeten ausschauen , daran mag ich nicht denken . Und dafür zahlen sie die lächerliche Miete von 700 Mark . Na , ich werde den Herrn Offizial mit seinem Kinderpack nächstens hinaussteigern . Zum Saustall ist mir mein vierter Stock zu gut . « Mit einem zornigen Stoß schnellte Frau Raßler den Schaukelstuhl in Bewegung und verließ das Zimmer , etwas wie » ein ekelhafter Protz ! « zwischen den Zähnen . Der Herr Kommerzienrat versank eine Sekunde in verblüfftes Staunen , dann erholte er sich wieder mit der verlangsamten Wiegebewegung und quackerte für sich weiter : » Der gute Leo hat wirklich wieder einen schlechten Tag . Aber das macht der Liebe kein Kind . Was im vierten Stock wohnt , ist immer mehr oder weniger Gesindel , und wenn es meinen Hermann verleumdet , wird ' s zum Tempel hinausgesteigert . Das ist einfach . Ich begreife die Aufregung meines guten Leo nicht . Auf den Hermann laß ' ich nichts kommen . Absolut nichts . Nächstes Ziel ... Georgi ... kaum noch vier Wochen ... wird ... das Gesindel ... gesteigert ... daß ihm ... die ... Rippen ... kra ...