und Kind zu Hause , wo es ihm zu schlecht sei ! Da liegt der Lump ! « Auf diesen rauhen Windstoß blieb es den Rest der Woche hindurch still von so ärgerlichen Dingen ; ein mit siebenhundert Franken verschwundener junger Mensch , der am Samstag noch vereinzelt durch die Abendzeitungen lief , wurde nicht beachtet . Desto heftiger brach das Unwetter gleich am nächsten Montag wieder los , nachdem durch die mißbräuchliche und unredliche Führung ihrer Leiter ein paar Geldgewerbe ins Schwanken geraten waren und weite Kreise in Mitleidenschaft zogen . Lag hier die Ursache in der blinden Habsucht reicher Leute , welche ihren Überfluß der scheinbar glücklichen Hand solcher moralischen Tolpatsche zum Spielball überließen , so brauste am Dienstag ein Konsortium abgeschiedener Seelen durch die Luft , welche als arme Erwerbsbeflissene aus den Kassen ihrer Vorgesetzten ein gut geregeltes Börsenspiel unterhalten . Am Mittwoch ritt auf der Unheilswolke ein alter Seckelmeister daher , der die Aufsichtsmänner alljährlich den gleichen Haufen zersägter und als Geldrollen verpackter Besenstiele überzählen ließ . Am Donnerstag kam ein Aktienchef , der wöchentlich eine kleine Mappe auf den grünen Tisch und die Faust darauf legte mit den Worten : » Meine Herren , hier ist meine Ehre und jeder wünschbare Nachweis ! « Die Beisitzer flatterten als angeschossene Enten hinten drein , weil nie einer gewagt hatte , das Mäppchen unter der Faust wegzuziehen oder auch nur ein » Erlauben Sie ! « zu sagen , denn sie waren abergläubisch , und er streckte aus der Faust zwei Finger weit gespreizt hervor , sooft einer Miene machte ; sie glaubten , er könne hexen . Als er spurlos verschwand , blieb das Mäppchen auf dem Tisch zurück ; es enthielt nichts als eine hohe Säule von benannten Zahlen , welche der Reihe nach durchstrichen waren , mit schwarzer , blauer , roter Tinte , mit Blei-und Silberstift , je nach der Tageszeit und dem Orte des Unterganges . Am Freitag kam ein Gemeindefaktotum , das den Ertrag eines schönen Lärchenwaldes in die Lotterien aller Länder gesandt bis auf ein weniges , das er versoffen hatte . Am Samstag ertränkte sich ein Vormund über sieben reiche Waisen , die nun arm geworden . Am Sonntag war wieder Ruhetag . Aber am Montag hob der Tanz von neuem an , und so ging er viele Wochen fort , daß man die Mägde auf den Gassen , wenn sie des Morgens die Zeitungen holten und lasen , und die Männer beim Frühschoppen rufen hörte : » Sie haben wieder einen ! Wieder einen ! « Durch das erwachte und wachsende Mißtrauen hervorgerufen , vermehrte sich der Untersuch und trieb namentlich ein kleines Heer mittlerer und kleiner Beamten ans Licht , welchen allen es unmöglich gewesen , anvertrautes Gut in Verwahrung zu halten , ohne sich daran zu vergreifen . Und die schlimme Krankheit durchzog das ganze Land , ohne Ansehen der Konfessionen oder der Sprachgrenzen . Nur etwa im Gebirge , wo die Sitten einfacher geblieben und das bare Geld oder Geldeswert seltener , war nicht viel davon zu hören . Unaufhörlich erstaunte und grübelte Martin Salander von neuem und sann der Möglichkeit der traurigen Tatsache nach , daß die Übel der Zeit nicht an den Grenzen der Republik stehenblieben , deren geistigen und sittlichen Ausbau er so getreulich betreiben half . Das war jedoch etwas anderes als jene materiellen Verkehrsfragen , wegen deren er einst den Leuten die Wahrheit sagte . Sein Herz wurde aufrichtig bekümmert , was ihm insofern zustatten kam , als er jetzt , wenn er sich schlafen legte , unter diesem Gemütsdrucke hervor einen Seufzer tat und der Frau den Grund sagen durfte , wenn sie danach fragte . Die » schöne Leidenschaft « drückte im geheimen freilich mit ; doch wagte sie sich einstweilen nicht weiter hervor . XVI An einem Sonntagmorgen , als die Glocken verklangen und unversehens die wohlige Stille dieser Stunde eintrat , nahm Marie Salander ein Buch zur Hand . Sie war allein im Hause und brauchte in solchen Augenblicken nur sich selbst überlassen zu sein , um allerlei beschauliche Einkehr zu halten . Es kam wie die frische Luft , wenn ein Fenster offensteht . Jetzt freilich saß sie nicht lang allein . Ihr Mann hatte das beständige Verschlossenhalten der Haustüre vor einiger Zeit als aristokratisch abgeschafft , als volksfeindlich mißtrauisch , trotz der überhandnehmenden Hausschleicherei unzähliger Vaganten , die sich aus den Dachkammern der Dienstmädchen deren sauer zusammengesparte Jahrlöhne herunterholten . An Feiertagen arbeiten jedoch die Diebe gewöhnlich nicht in dieser Abteilung ; nur im Anfang war Herrn Salander zu solcher Zeit ein neuer Regenschirm vom Flure gestohlen worden . Was heute seine Gattin in ihrer Sonntagsruhe störte , war ein unbeholfenes Klopfen an der Stubentüre . Als sie ging , dieselbe zu öffnen , trat Frau Amalie Weidelich herein . Sie hielt mit beiden Händen ein Gesangbuch samt dem weißen Schnupftuch umfaßt , welches nach ländlichem Weiberbrauche sauber gefaltet darauf lag . » Mit Verlaub , « sagte sie , » und guten Tag , Frau Schwäherin ! « » Ei , die Frau Schwäherin ! « grüßte Frau Marie überrascht . » Sieht man sich auch einmal ? Sie sind gewiß zu spät zur Kirche gekommen ? « » Nein , ich war früh genug ; aber da ich die Woche hindurch nicht fort kann und immer weniger , je älter man wird , anstatt auszuruhen , sagte ich unterwegs zu mir selber , du willst einmal hinter der Kirche herumgehen und der geehrten Schwäherschaft eine Visite abstatten ! Ich besuchte sonst immer eine der Stadtkirchen , wo es immer so voll und interessant ist und die Leute ihre Visitenkarten an die Bänke nageln ! Aber heute , dacht ich , kannst du aussetzen , einmal ist keinmal , und die Predigten werden ja nicht abgestellt wie die Brunnen , am Sonntag lauft ' s alleweil noch , das Lebenswasser ! Aber sonst kann man ' s freilich brauchen , meine liebe Frau Schwäherin ! Zwar versteh ich nicht immer recht , wo ' s hinauswill , weil ich eben nicht gelehrt bin , aber ich tu ' s meinen Söhnen zu Ehren , die gebildete Herren sind ! Man soll nicht sagen , daß man ihre Mama nicht in einem gebildeten Gottesdienst zu sehen bekomme ! Sie verdienen es eigentlich nicht ! Aber man ist halt doch die Mutter ! Und wenn sie dann auf den Kanzeln von dem lieben Gott reden , der keine Beine habe und uns persönlich nicht kenne , und wir doch mit einer gewissen Gotteskindschaft dicktun sollen , so lasse ich es dabei bewandt sein und bete dafür das Vaterunser desto andächtiger mit ! Das versteh ich jetzt wieder besser , als auch schon , liebe Frau Salander ! denn ich hab es nicht wie der liebe Gott , ich fange an , meine Beine zu spüren , sie werden müd . « » Darum nehmen Sie doch endlich Platz , gute Frau , da steht ja ein bequemer , weicher Sessel ! Wollen Sie nicht den prächtigen Hut ablegen ? Wer hat den gemacht ? « Marie Salander drängte mit diesen Worten das bittere Gefühl zurück , das der unerwartete Anblick der Zwillingsmutter erweckt hatte : sie entnahm den Gesichtszügen wie den Worten der Frau , daß sie nicht mehr so guten Mutes war wie früher . Diese setzte sich , ihr Kleid vorsichtig in acht nehmend . » Der Hut ? « sagte sie , » den hat die Merklin gemacht , er ist aber viel zu schön und zu teuer ausgefallen , es paßt nicht mehr für mich ! Abnehmen will ich ihn nicht , es ist mir zu mühsam , ihn wieder ordentlich aufzusetzen ! « Sie betrachtete nun ihrerseits ein Weilchen die Gegenschwäherin und lobte ihr Aussehen : » Ihnen geht es gut , Sie bleiben immer gleich ! Und was macht denn der Herr ? Ist er zu Hause ? « » Mein Mann ist früh ins Freie hinausgegangen ; jetzt wird er wohl für eine Stunde oder zwei auf dem Kontor sein . Was macht der Ihrige , Herr Weidelich ? Er ist doch gesund ? « » Gottlob , so ziemlich , die Arbeit hält ihn aufrecht , und doch schont er sich zu wenig und klagt hie und da über Unlust . Es hat eben jedes seinen Teil ! Wir wissen zum Exempel nicht , woran wir mit den Söhnen sind ; um es gerad herauszusagen , bin ich gekommen , zu erfahren , ob Sie mehr von den Kindern wissen und was vorgeht ? « » Wieso denn vorgeht ? « fragte Frau Marie , nicht sowohl überrascht als halb erschrocken . » Ja , es muß etwas vorgehen oder gegangen sein . Unsere Söhne , die uns leider nicht mehr viel nachfragen , kommen nur zur Seltenheit einmal gelaufen . Früher kamen sie zuweilen miteinander , jetzt scheinen sie sich zu meiden , und wenn sie bei uns unverhofft zusammentreffen , so schwatzen sie etwas weniges , und der eine oder andere macht , daß er fortkommt . Erscheint aber einer allein , das geht nun seit einem halben Jahr oder länger , und man fragt nach seinem Bruder , so heißt ' s immer : Weiß nichts von ihm , hab ihn nicht gesehen ! Seh ihn überhaupt wenig die Zeit her ! So heißt ' s bei Isidor , und so bei Julian ! Und doch stecken sie immer hier in der Stadt und haben Geschäfte , jede Woche müssen wir ein paarmal hören , sie seien da und dort gesehen worden , so müssen sie sich doch selber auch begegnen und sollten nicht sagen , sie wüßten nichts voneinander . Da haben wir gesagt , ich und mein Mann , Herr Salander und Frau sind durch ihre Töchter eher auf dem laufenden , gefährlich wird ' s am End nicht sein , sonst würde man uns doch Kundschaft geben ! Da bin ich denn heut richtig abgeschwenkt und zu Euch gekommen ! « Frau Salander schwieg verwundert einen Augenblick , indem sie zugleich überlegte , ob sie der Frau Gegenschwäherin die zum Teil ähnliche Erfahrung an den Töchtern mitteilen solle . Es könne nur zur besseren Erleuchtung der beunruhigten Leute beitragen , dachte sie , wenn sie davon Kenntnis erhielten , die ihnen offenbar ganz abgehe . » Unsere Töchter « , sagte sie , » haben uns von diesen Dingen nichts anvertraut , wahrscheinlich , weil sie ihnen unbekannt sind ; wir haben in letzter Zeit nur gelegentlich von ihnen gehört , daß die jungen Männer viel abwesend seien . « » Natürlich , das glaub ich schon ! « warf Amalie Weidelich ein . » Das ist kein Geheimnis bei der Arbeit , die sie haben ! Sonst wußten sie nichts , die Frauen ? « » Diesmal , ich will sagen von diesem Umstande wenigstens nicht ! « » Wie diesmal und von diesem Umstand ? Aber ein andermal wußten sie , haben sie geplaudert , he ? « Als Marie nicht sogleich zu antworten vermochte , redete die andere Mutter mit gespannterem Tone fort : » Seien Sie nur offen und hinterhalten Sie nichts ! Sehen Sie , wir haben auch davon gesprochen , ob nicht ein Familienzwist , eheliches Zerwürfnis und dergleichen vorhanden sei ; ob die jungen Weiber auch sich in die Verhältnisse schicken oder vielleicht unzufrieden seien und den Männern zu Haus das Leben schwer machen ? Sie müssen es nicht übelnehmen , Frau Schwäherin , man hat Beispiele , daß zwei Schwestern , die in die gleiche Familie geheiratet haben , zusammenhalten und gern miteinander Komplott machen , wenn es Unfrieden gibt , und imstande sind , alles auf den Kopf zu stellen ! Ich will ja nichts damit gesagt haben , nur die Spur suchen ! « Nach nochmaligem kurzen Besinnen fand Marie Salander es an der Zeit , ihr ohne weiteren Rückhalt auf die Spur zu helfen . » Sehen Sie , Frau Schwäherin , « sagte sie mit ruhigem Ernste , soweit die innere Erregtheit es zuließ , » es ist sicher nicht alles , wie es sein sollte , da haben Sie recht ! Ich will Ihnen jetzt nur erzählen , daß wir vor nicht langer Zeit etwas Ähnliches an unsern Töchtern erlebten , wie Sie nun an Ihren Söhnen . Sie ließen sich gar nicht mehr bei uns sehen , wie wenn sie das Elternhaus geflissentlich fliehen würden , und als das uns endlich auffiel und wir uns deshalb die Köpfe zerbrachen , vernahmen wir von dritter oder vierter Hand , daß die Kinder auch unter sich jeden Verkehr verloren hätten und sich scheuten , zusammenzutreffen . Da haben wir uns auch auf den Weg gemacht , mein Mann und ich , aber wir sind gleich zu den Töchtern gegangen und haben sie zur Rede gestellt . « » Und nu ? Was war ' s ? « » Wir fanden beide allerdings zu Haus und in einer großen Traurigkeit , jede von ihnen hatte Heimweh nach den Eltern und nach der Schwester und getraute sich doch nicht , die zu sehen , die sie gern gesehen hätte . Wir brachten sie dann am gleichen Tage wieder zusammen , wie mit uns , und halfen ihnen über die Wunderlichkeit hinweg , so gut es ging . « » Aber was ist ' s denn gewesen ? Ging es meine Söhne an ? « fragte die ungeduldige Wäscherin . » Da Sie es wissen wollen , so muß ich es Ihnen sagen ; es dient vielleicht zum notdürftigen Ausgleich der Irrungen oder Mißverständnisse und zur allgemeinen Erkenntnis seiner selbst . Meine Töchter haben ihre Heirat bereut und sich deshalb voreinander geschämt , weil sie den vermeintlichen Irrtum gemeinschaftlich mit langer Beharrlichkeit begangen , und vor uns , weil wir die Heirat nicht gern gesehen haben ! « » So ? « sagte die arme Frau Weidelich mit gedehntem Laute , höchst betroffen und bleich geworden ; denn trotz ihrer anzüglichen Reden von vorhin traf sie die Eröffnung so unerwartet , wie ein Blitz aus blauem Himmel . Sie fühlte das schöne Lebensgebäude schwanken , das sie mit soviel Sorge und Kunst ihren Söhnen aufgerichtet . Der erste Gedanke war das große Erbgut , das viele Geld , und der zweite , daß nicht einmal Kinder da seien . Als sie sich vom Schrecken etwas erholt , fragte sie mehr kleinlaut als trotzig , was denn die Frauen groß Ursache hätten , die Heirat zu bereuen und mit so umständlichen Manieren . Ohne weiteres Besinnen erwiderte Frau Marie : » Ja , das ist eben das Verwunderliche , das sich mit der Zeit verlieren kann , weil es ertragen werden muß ; sie sagen von den jungen Herren , es sei nichts mit ihnen , sie haben keine Seelen ! « Mit rotem Kopfe , den sie so stark schüttelte , daß der Hut darauf mit allen Blumen und Bändern zitterte , der müden Beine vergessend , sprang die Frau Weidelich aus ihrem Sessel auf und rief tödlich beleidigt : » Keine Seelen ? Meine zwei Buben , die ich unter dem Herzen getragen ? Das ist eine niederträchtige Verleumdung ! Rund und nett hab ich sie zur Welt gebracht , wie zwei Forellen , von den Köpfchen bis zu den Füßchen kein Mängelchen , und jedem hab ich sein Seelchen mitgegeben von meiner eigenen unsterblichen Seele , soviel Platz finden kann in einem so kleinen Tümpelchen Blut , und es ist mit den Buben nachgehends gewachsen , wie sie selbst ! Wo sollt es denn hingekommen sein ? Würden sie Landschreiber geworden sein ? Keine Seelen ! Die verfluchten Gänse ! Die dürfen mir nicht so kommen ! Oh ! « Sie war so zornig , daß sie nicht weitersprechen konnte und sich niedersetzen mußte . Marie Salander bereute ihre Tat und suchte nach einem Essenzbesteck , da die Frau jetzt blaß war . Sie verweigerte aber die Tropfen und bat um einen Schluck Wein , wenn er da sei ; denn sie fühlte sich wirklich elend . Frau Salander ging schweigend nach dem Schranke , in welchem dergleichen Dinge für alle Fälle bereitstanden . Während der eingetretenen Stille hörte man schwere Tritte auf Treppe und Flur , und gleich darauf klopfte ein Mann mit harten Fingern an der Türe . Vom Schranke weg eilte jene hin , zu sehen , wer da sei ; denn wie erst bei dem ungeschickten Klopfen der Frau vermutete sie jetzt wieder , es poche jemand , der nicht ins Zimmer wolle . Allein es war der Vater Jakob Weidelich , der dastand mit verstörtem Angesicht und mit unsicherer Haltung hereinkam , als Marie Salander die Tür ganz aufmachte . In der Zerstreuung nahm er den Hut erst vom Kopfe , nachdem er wortlos sich auf den nächsten Stuhl gesetzt , wie ein erschöpfter Mann . » Verzeihen Sie , « sagte er endlich , sich zusammenraffend , » ich habe mit Herrn Salander reden wollen , ist er nicht zu Hause ? Aber da ist ja auch meine Frau ! Ich glaubte , du seiest in der Kirche ? « » Und du , Jakob ? Wie kommst du hierher ? « rief die Frau , die über seinen Anblick die eigene Beschwernis vergaß . Er hatte die gewohnten Sonntagskleider am Leibe , doch mit bewußtloser Hast umgeworfen . Die Weste war ungleich geknöpft , die Halsbinde fehlte , und in der Hand hielt er den abgeschossenen Werktagshut , um welchen statt des verlorenen Bandes sich eine Krone vom Arbeitsschweiße zog , der den Filz durchdrungen . Frau Salander sah dies alles auch und überdies , daß seine Hände leise zitterten . Bänglich erwartend , was noch kommen würde , hielt sie sich schweigend abseits und überließ dem Schwäherpaare das Reden . Frau Weidelich hatte sich auf die Beine gestellt und sich dem Manne genähert , indem sie seinen nachlässigen Anzug musterte . » Was ist denn das ? « rief sie , » wie kannst du ohne Halstuch fortlaufen ? Und nicht einmal den Hemdkragen zuknöpfen ! Und am Sonntag mit dem alten Hut in der Stadt herumstürmen , pfui Teufel ! « Als sie aber die ratlose Verfassung seiner Gesichtszüge genauer sah , durchfuhr sie ein Schrecken . Sie wußte , daß er nicht um eine Kleinigkeit in einen Zustand geriet , den sie nie an ihm erlebt . » Was hat ' s gegeben , Jakob ? « fragte sie mit bleicher Furcht , da das Unbekannte , welches den sonst so ruhigen Mann aus dem Hause getrieben , ihr doppelt schreckhaft erschien . Er suchte seine feuchte Stirn zu trocknen , fand aber kein Tuch in der Rocktasche . Die Frau blickte umher und gewahrte das auf dem Tische liegende Kirchenbuch mit dem Schnupftuch . Sie schlug dieses auseinander und wischte ihm selber Stirn und Schläfen ab . Weidelich nahm ihr das Tuch aus der Hand ; etwas gefaßter ließ er sich nun vernehmen : » Unser Sohn Isidor ist in der Stadt - ich muß es in Gottes Namen sagen , er sitzt gefangen , in schwerer Untersuchung - sie haben ihn gestern abend gebracht . « Marie Salander suchte mit einem kleinen Schrei den Halt des nahen Fenstersimses ; sie sah nur die arme Tochter Setti , die verlassen und geängstigt im Lautenspiel sitzen mußte , vielleicht selbst gefangengehalten oder wenigstens bewacht . Isidors Mutter aber stand mit offenem Munde , den Mann anstarrend . Sie begriff nicht , was er sagte . » Was kann er denn angestellt haben ? « stotterte sie , » das wird eine schöne Dummheit sein , sie sollen sich in acht nehmen ! « » Es ist kein Spaß , du arme Frau ! « sagte Jakob Weidelich , der sich jetzt erhob und mit Gehen und Sprechen zu erleichtern suchte . » Es ist einer von den Behörden im Haus erschienen , sobald du fort warst , und hat mir das Unglück angezeigt . Ich hafte ja mit unserm Vetter und Gevatter Ulrich als Amtsbürge für beide Söhne . Drum befragte mich der Herr nach meiner Zahlungsfähigkeit und forderte mich auf , die Mittel auf alle Fälle bereitzuhalten ; aber nicht nur das , er wollte wissen , was ich darüber hinaus etwa zu leisten imstande wäre , obgleich es nicht danach aussehe , als ob eine gütliche Auskunft möglich ; denn es sei bei unserm Isidor eine große und böse Unordnung gefunden worden . Ich hab in Schrecken und Angst nichts zu sagen gewußt , als daß ich tun werde , was ich vermöge , wenn es helfen könne , und bin hieher gelaufen , um den Herrn Gegenschwäher um Rat zu fragen , was zum Schutz des Sohnes zu tun sei . Denn ich kann nicht glauben , daß er , wie soll ich sagen , daß er sich so vergessen habe ! In der Verwirrung hab ich nicht einmal das Nähere vernommen ! Ich hätte nie geglaubt , daß dergleichen an mich komme ! « Plötzlich schlug die Frau eine gellende Lache auf und tastete , wie wenn sie in einem dunkeln Raume ginge , mit vorgestreckten Händen nach dem kürzlich verlassenen Lehnstuhl . Dort schöpfte sie Atem , lachte dann nochmals stoßweise und rief bitter gegen den Mann hin : » Aber an mich kann es kommen ? Mir schadet es nicht , hab ' s am End verdient , gelt ? Dein Lebtag denkst du nur an dich ! Eine schöne Welt , ein wackerer Sonntag ! Zuerst heißt ' s , die Buben haben keine Seelen , dann werden sie eingekerkert und zu Schelmen gemacht ! Ach , ach , ach , wie weh ! « Ihre Worte verloren sich in einem erbärmlich klagenden Tone und dieser in erneuter Übelkeit , die sie befiel , indes Weidelich sich auch wieder gesetzt hatte und , die Hände auf die Knie gestützt , zu Boden starrte . Frau Marie Salander ergriff die bereits hervorgenommene Flasche mit altem Xeres und füllte für jedes der geschwächten Eheleute ein Kelchglas , obgleich ihr selbst schlecht zu Mut war . Und wie die Mutter Isidors in seiner Person beide Söhne zusammenfaßte und einseitig nur an diese zu denken vermochte , so dachte Marie Salander an beide Töchter , ohne von ihnen zu sprechen , da die bedrängten Gegeneltern ihre Aufmerksamkeit den jungen Frauen jetzt nicht widmen konnten . Amalie Weidelich trank einen guten Schluck von dem Weine und stellte das Glas weg , in die Luft , daß es zu Boden fiel . » Also der Isidor ist eingesperrt « , sagte sie , » und kann nicht mehr gehen , wo er will ! Bringt ihm denn jemand zu essen und zu trinken , wenn es ihn gelüstet und die gewohnte Zeit da ist , wie gerade jetzt ? Haben sie dort auch etwas Ordentliches für einen Landschreiber , einen Ratsherrn ? Für einen armen Menschen , der nicht weiß , was Hunger und Durst ist ? « » Soviel ich mich erinnere , « bemerkte Frau Salander , » können solche Gefangene , solange die Untersuchung dauert und bis sie verurteilt sind , auf ihre Kosten haben , was sie wünschen , so wie sie es ungefähr gewöhnt sind . « » Verurteilt sind ! Ein solches Wort will ich von niemandem hören ! Wenn ihm schlechte Teufel aller Art , mit denen er zu tun hat , Unkraut in seine Geschäfte gesät haben , wenn er manchmal nicht weiß , wo ihm der Kopf steht , so klärt er das gewißlich auf , und für seine Verfolger wird es ein schlechtes Ende nehmen ! Aber jetzt muß man sorgen , daß es ihm an nichts gebricht ! Warum ist seine Frau nicht mit ihm gekommen , über ihn zu wachen und in der Nähe zu sein ? « » Sie wird zu Hause zu wachen haben , da sonst niemand dort ist ! « sagte Marie Salander trocken , ihren Unwillen zurückhaltend . » So müssen wir sorgen , hörst du , Mann ! Wir wollen hingehen , oder geh du allein und bring ihm etwas Geld , im Fall sie ihn etwa ausgeplündert haben ! Ich will indessen heimlaufen und einen Vorrat von Speis und Trank bereitmachen , hörst du nicht ? « Der Vater Weidelich hörte freilich nicht . Er zergrübelte unablässig den Gedanken , daß ihm Unehrlichkeit und Verbrechen in Gestalt des eigenen Sohnes nahetreten und überdies sein ganzer bescheidener Wohlstand , den er in so vielen Jahren mit saurer Arbeit errungen , in Rauch aufgehen solle und er ärmer dastehen würde , als er im Anfang gewesen ; denn den Hof im Zeisig hatte er zu seiner Zeit noch mit Hilfe eines kleinen väterlichen Erbes erworben . Und wenn es so käme , könnte er von vorn anfangen in seinem Alter ? Wolle es Gott , so würde es doch nicht so kommen , es könne ja nicht sein ! Da er solchergestalt in seiner Grübelei verharrte und keine Antwort gab , vergaß die Frau ihren Vorsatz und sank mit zerfahrenen Sinnen in sich zurück . Marie Salander benutzte die herrschende Stille , um nach einem Glase frischen Wassers zu gehen und sich dann still in eine Ecke zu setzen , in der Absicht , nicht nur selbst einen Augenblick der Sammlung zu gewinnen , sondern auch das vom Unheil ergriffene Ehepaar zu einer kurzen Ruhe zu verlocken . Es gelang ihr auch , beinah ein halbes Stündchen zu überstehen , ohne daß die Stille anders als durch ein Stöhnen oder Seufzen unterbrochen wurde . Mit rascheren Schritten als gewöhnlich kam ihr Mann heran . Sie dankte dem Himmel , als sie ihn hörte , und ward doch über seinen Anblick betroffen , der von Sorge und großem Ärger Zeugnis gab . » Da sind wir ja alle beisammen ! « sagte er , im Zimmer stehend , » augenscheinlich wißt ihr die Neuigkeit schon ! « » Leider ja ! « ließ sich Vater Weidelich vernehmen , der über Salanders Ankunft erwacht und aufgestanden war . » Ich bin zuerst hierhergekommen , Herr Salander , um Sie um Rat zu ersuchen , was zu tun sei . Es ist hoffentlich doch nicht so arg , wie es im ersten Schrecken aussieht ! « » Es ist schlimm genug ! « erwiderte Salander , der die üble Verfassung Weidelichs und auch diejenige der Frau bemerkte . Diese war scheinbar teilnahmslos in ihrem Lehnstuhle sitzengeblieben , mit abgewandtem Gesicht , und Frau Marie , die aus ihrem Winkel hervortrat , deutete gegen ihren Mann auf sie hin . Dieser suchte sich deshalb schonender auszudrücken , als er gestimmt war . » Der Unterbeamte , der bei Ihnen war , « fuhr er Weidelich gegenüber fort , » ist auch zu mir auf das Bureau gekommen . Es scheint aber ein voreiliger und diensteifriger Mensch zu sein ; mir fiel auf , daß er nicht genaueren Aufschluß geben konnte und überhaupt am Sonntag in solchen Geschäften herumlief . Auch bei mir wollte er vernehmen , was ich allenfalls für den Schwiegersohn zu tun gesonnen wäre , damit eine Strafklage unterbleiben könne . Das ist eine gute Meinung , die jedoch zu einem Bescheid vorderhand nicht hinreichte . Ich machte mich auf den Weg , um geeigneten Orts Bestimmteres zu vernehmen . Es ist keine Rede von Fahrlässigkeiten und dergleichen Dingen , deren Folgen niedergeschlagen werden könnten . Isidor hat unter Mißbrauch des Amtes so unglaublich kühne Dinge unternommen , daß die Entdeckung immer an einem Haare hing und endlich in vergangener Woche eintrat . Drei Tage dauerte die Untersuchung der Bücher auf seiner Kanzlei . Gestern waren die Hundertundfünfzigtausend überschritten , und noch soll kein Ende abzusehen sein . Darum wurde das Verfahren in Unterlaub abgebrochen und nach Münsterburg verlegt . « » O Herr Jesus ! « tönte es vom Schmerzenssitze der Mutter Weidelich her mit einem Jammergeschrei . Vater Jakob suchte wieder seinen Stuhl . Die vernommene Zahl erhellte ihm wie eine Brandfackel die Lage . Auch Martin Salander fühlte sich ermüdet , desgleichen die Gattin Marie , und so saßen die vier alternden Personen schweigend umher , wie der Zufall es fügte . Nach einer geraumen Weile wimmerte die Frau Weidelich : » Wäre ich doch lieber zur Kirche gegangen , so hätte ich noch eine Stunde gehabt , wo ich von nichts wußte ! Das wär noch ein gutes Stündlein gewesen , und hätte guter Dinge nach Haus gehen können , ohne es mir ansehen zu lassen ! « Abermals nach einigen Minuten rief sie : » Jetzt muß es doch sein ! Jakob , wir wollen gehen , daß wir unter Dach kommen ! « Da sie sich gleichzeitig aufraffte , so gut es ging , nahm sich auch der Mann zusammen und trat mit gebrochenem Wesen zu Salander , der sich ebenfalls erhoben . » Es tut mir leid , « sprach er mühselig , » daß wir Ihnen soviel Ungelegenheit machen - « Die Stimme versagte ihm , und er schwieg . Martin gab ihm die Hand ; er sah , wie der Mann litt , und , die eigene Beschwernis vergessend , sagte er mit allerdings zweifelhaftem Troste zu ihm : » Wer kann heutzutage behaupten , er sei vor dem allgemeinen Übel sicher ? Es ist wie die Reblaus oder die Cholera ! Wenn Euch einer schief ansieht , so dürft Ihr ihm nur sagen , er soll erst nach Haus gehen und nachschauen , ob ' s nicht schon dort sei ! « Inzwischen hatte Amalie Weidelich mit ihrem Hute zu schaffen , der sich wegen der Erregungen der Frau verschoben und nicht mehr recht sitzen wollte . Sie suchte ihn vor einem Spiegel zurechtzurücken und festzumachen , und Marie Salander kam ihr zu Hilfe