Ellbogen auf den Knien , den Kopf zwischen den Händen , kauerte sie dort . Immer vortretender ward ihr Mund , immer breiter warfen sich ihre Lippen auf , hinter denen ihr das Wasser zusammenfloß . Pfui ! Sie spuckte aus . Grausliche Narrischkeit ! - Wie übel es bekommt , ein Weib zu sein - und daß sie ein Mann wäre , mochte sie sich auch nimmer wünschen . XX Sonntags wollte Helene allein , wie sie gekommen war , die Kirche auch wieder verlassen ; als sie die breiten Steinstufen hinunterstieg , gesellte sich die Matzner Sepherl zu ihr und sprach sie an : » Grüß Gott , Kleebinderin , ich hör ja , dein Mon soll recht schlecht sein ? « Helene nickte . » Mein « , fuhr die Dirne fort , » mit ihm kannst noch a wahrs Kreuz habn ; mir scheint , er is gern krank . « » Ich wüßt nit , daß er ' s früher gwest wär ! « » O doch , hab ich nit schon einmal seiner Mutter krankenwarten gholfen ? « Die Kleebinderin blickte sie finster an . Aber Sepherl achtete es nicht und sprach weiter und wunderte dazu immer mehr mit den Augen , als überrasche sie das ruhige Zuhören der anderen oder ihre eigene Rede . » Und wann d ' nix dagegen hättst , ich sähet ' n wohl gern amal wieder und tät ' n auch öfter bsuchen , und wann dir recht wär , so ging ich dir auch an die Hand , und Übels denkst wohl nit von so einm Beisammsein ? « » Bist gscheit ? « fragte Helene . » Wann d ' ' n heimsuchen willst , werd ich dir ' s doch nit verwehren ? Und wann d ' mer beistehn willst in der Pfleg , so wünsch ich dir dafür Gotts Lohn , und Übels denken wär grad sündhaft , wo der Mann siech dahinliegt , keine argn Gedanken hat und auf keine bringt . « » So ging ich gleich mit dir . « » Is recht . Komm nur . « Als die beiden in die Hütte traten , erhob sich die alte Zinshofer von der Waschbank , worauf sie gesessen . » Er hat sich die ganze Zeit über nit grührt , nit grufen , nix verlangt « , raunte sie ihrer Tochter zu , dabei blinkte sie mit den Augen verwundert nach Sepherl und schüttelte kaum merklich mit dem Kopfe . Helene machte eine kurze , ärgerliche Bewegung , mit dem Kinne den Weg nach der Türe weisend , und nachdem die Alte duchsig davongeschlichen , drückte das junge Weib sachte an der Klinke und rief halblaut in die Krankenstube hinein : » Muckerl , schlafst ? D ' Matzner Sepherl wär da , dich heimsuchen . « Der Kranke lächelte und sagte mit matter Stimme : » Schön , is ja rechtschaffen lieb von ihr . S ' soll nur hreinkommen . Grüß Gott , Sepherl ! « » Grüß dich Gott , Muckerl ! No , was is ' s denn mit dir ? « » Was soll sein ? Aus wird ' s ! « » Geh sei nit dumm und bild dir so was ein . « » Werdn mer ja sehn , wer recht bhalt . « » Schau nur so was « , rief die Dirne Helenen zu , die an der Schwelle stehengeblieben war . » Redt er nit , als möcht er frei aus Trutz und reiner Rechthaberei halber versterbn ? ! « » Mein liebe Sepherl , jeder weiß , wie ihm is . Doch tu dich setzen , daß d ' mir das bissel Schlaf , was ich hab , nit auch noch austragst . « Während Sepherl einen Stuhl an das Bett trug , zog Helene die Türe ins Schloß und ließ die beiden allein . Sie hielt es auch fürderhin damit so und gesellte sich nie zu ihnen . Obgleich sie den Kranken mit aller Sorgfalt und Geduld betreute und Nächte durch wach an seinem Bette saß , so litt er sie doch nur ungerne um sich , schickte sie unter manchen Vorwänden hinweg , verlangte nie eine Handreichung von ihr und ließ sich nur die allernotwendigsten widerwillig gefallen , aber Helene kam ihm zuvor , sie wußte zu erraten , was ihm fehle oder wonach er verlange , worauf die etwas beschränkte Dirne nie verfiel , und setzte , was not tat , flinker und geschickter ins Werk , als es jene bei ihrer Täppischkeit imstande war ; trotzdem behagte sich Muckerl im Umgange mit der Sepherl , und diese brauchte sich dabei auch gar nicht den Kopf zu zerbrechen , denn ihr sagte er geradezu , was er wolle und sie zu tun habe , ja , er tyrannisierte sie förmlich . Als er merkte , daß er jeden Abend auf ihren Besuch rechnen konnte , untersagte er Helene , daß sie in seiner Stube Ordnung mache , das werde die Sepherl besorgen , und wenn diese dann kam , so trug er ihr das » Zsammräumen « auf und lächelte über die Ängstlichkeit und Ungeschicklichkeit der Dirne , zankte auch oft » ganz rechtschaffen « mit ihr . » Du mußt nit meinen « , sagte , als es damit anhob , Helene zu Sepherl , » ich ließ ein liederlich Wirtschaft einreißen im Haus oder mißbrauchet dein Gutheit , aber der Muckerl will dich amal zu seiner Stubendirn , und ich soll mer da drin nix mehr z ' schaffen machen . « » Aber liebe Kleebinderin « , beteuerte Sepherl , » wie könnt ich nur so was von dir denken ? ! Kranke sein oft wunderlich , und ihnen muß mer halt nachgeben . « Mit einmal ward es dem Herrgottlmacher ganz unleidlich , daß er so müßig ' n lieben langen Tag über daliegen solle , er verlangte , etwas zu schnitzen , nur ein » ganz Kleins « , und die Sepherl sollte ihm das Werkzeug samt dem » Holzblöckl « , es war ein bestimmtes , an das er dabei dachte , herbeischaffen ; selbstverständlich griff sie vorerst öfter nach dem unrechten und schleppte es herzu , ehe ihr das rechte in die Hände fiel , und so jagte er sie denn wohl ein dutzendmal Stube aus und Stube ein , und sie schoß mit hochgerötetem Gesicht durch das Haus . » Jesses , rein verzagt könnt eins werdn ! Kleebinderin , weißt du ' s nit , wo mag das krumm Messer liegn , was er will ? Und hast kein Ahndung , wo ' s verflixt Blöcki wohl auch stecken könnt ? « Helene lächelte . » Du schaltst ja wie ' s Weib da im Haus . No , Tschapperl , werd nit verlegen « - sie tätschelte ihr die Wange - » und werd auch nit bös , ich mein dir ' s ja auch nit so und sag ' s nur im Spaß . Komm , suchn wir allzwei , werdn wir ' s wohl finden . « Mit zwei Griffen fand sie das Gewünschte heraus und händigte es der Sepherl ein , und nachdem diese hinter der Türe der Krankenstube verschwunden war , sagte die alte Zinshofer , die bisher kopfschüttelnd dem Treiben zugesehen hatte : » Daraus machst du ein Gspaß ? Du wirst ja da bald der Niemand im Haus sein . « » Unsinn ! « zürnte Helene . » Wann d ' meinst , so dummerweis ließ ich mich aufhetzen , gegn ein Kranks noch dazu , da gehst fehl . In dem Ganzen steckt doch kein Ernst drein , und ' s kann auch zu keinm mehr führn ; das is wie ' s Mon- und Weibspieln unter Kindern , und frei hraus , dö bedauern mich allzwei , was soll ich ihnen das bissel Freud noch verderbn ? « Gar langsam ging diesmal dem Holzschnitzer die Arbeit vonstatten , während der Plauderstunden mit Sepherl ruhte sie ganz und lag sorgfältig versteckt unter der Bettdecke . Von der Kinderzeit und besonders von jener , wo sie sich vor und nach der Schule miteinander herumgetrieben , sprachen die beiden am häufigsten und eingehendsten , und wie das gekommen , daß sie sich nachher fast ganz aus den Augen verloren . Ei wohl , auch Dorfkinder , wovon jedes an einem anderen Ende wohnt , kommen sich leicht aus dem Gesicht ; nur Nachbarskinder hätten ' s gut , die sähen sich alle Tage und könnten immer beisammenstecken . Vorzeit wünschte die Sepherl gar oft und vielmal , daß sie Haus an Haus wohnen möchten , entweder Muckerl mit seiner Mutter auch im obern Ort oder sie mit der ihren im untern . Wer weiß ... aber es hat nicht sein sollen . Eines Abends nahm Sepherl ihren gewohnten Sitz am Krankenlager ein . Sie hatte keine Zeit zu fragen , warum hart am Bettrande die Decke so merkwürdig aufgebauscht sei , Muckerl schlug die Umhüllung zurück und zeigte das Schnitzwerk , mit dem er endlich zustande gekommen . Es war eine spannehohe , schmerzhafte Muttergottes mit dem Leichnam Jesu quer über dem Schoße ; wohl ein » recht zusammengerackert Frauenbild « und eine » zaunmarterdürre « Mannesgestalt , der Holzschnitzer hatte seine eigenen abgezehrten Glieder zum Modell genommen . Sepherl betrachtete es lange nachdenklich , dann sagte sie : » Das is a rechts , heiligs Bild . « Muckerl reichte es ihr mit vor Kraftlosigkeit zitternden Händen hin . » Da nimm , es is für dich . Es is mein Brautgschenk . « » Vergelt dir ' s Gott , Muckerl , aber als ein solchs dürft ich ' s wohl nit annehmen , weil ich keins bedarf , ich heirat mein Lebtag nie . « » So mein ich ja , ich schenk dir ' s als Bräutigam . « » Geh , du hast ' s not , daß d ' noch Eulenspiegelein treibst ! Doch is mer recht lieb , daß d ' so gut aufglegt bist . « » Gar nit , Sepherl , gar nit , mir is heut schlecht wie niemal ; aber mir geht durch ' n Sinn , wann du dich rechtschaffen und ehrbar durch döselbe Welt brächtst , wer weiß , ob mer sich nit anderswo wieder zsammfinden könnten ? « Ein langes Schweigen lag dann über der Stube , bis der Holzschnitzer der Dirne seine Hand reichte und sagte : » Geh lieber heim , Sepherl , heut bin ich für nix . « Das Mädchen erhob sich zögernd ; vor Bangheit und Verwirrung keines Wortes mächtig , verabschiedete es sich mit wiederholten Händedrücken . » He , du Sepherl « , rief Helene , als die Dirne mit traurigem Kopfnicken an ihr vorüber wollte , » was tragst mir da ausm Haus ? « Sie wies nach der bauschigen Schürze . Sepherl stand erschreckt , sie schlug das Vortuch zurück und zeigte das Bildnis . » Er hat mir ' s gschenkt « , flüsterte sie . Die Kleebinderin besah es eine Weile . » Das schaut so unschön her . « » ' s soll auch nit anders , besser , er wär gleich vom Anfang dadrauf verfalln , eh ' s Schön ihm selber kein gut getan hat . « Des Herrgottlmachers Weib sah der Dirne scharf in die Augen , dann wandte es den Blick . » Kannst vielleicht recht habn . « » Bhüt euch Gott ! « » Gute Nacht ! « Als Sepherl an der Brücke vorüberschritt , glaubte sie , fern , hinter sich , in einem lauten Schrei ihren Namen rufen zu hören . Sie blieb stehen , lauschte , es ließ sich nichts vernehmen ; so setzte sie denn ihren Weg fort . Sie war bange , und da macht man sich eben leicht Einbildungen . Sie hatte es nicht gesehen , daß die Kleebinderin eine Weile nach ihr paar Schritte vor das Haus gelaufen und gleich eilig dahin zurückgekehrt war . Durch die kühle , klare Luft des darauffolgenden Morgens gellten die Klänge des Zügenglöckchens , und als am Abende Sepherl mit langsamen Schritten und gesenkten Kopfes der vorletzten Hütte am unteren Ende des Dorfes zuschritt , galt ihr Besuch einem toten Manne . Wieder über einen Tag , da begruben sie ihn . Als die Leidtragenden und die Geleitgebenden sich entfernt hatten , machte sich der alte Veit , der Totengräber , sofort daran , das Grab zuzuschaufeln ; seine blinzelnden Äuglein und die breit zusammengekniffenen Lippen gaben ihm das Aussehen , als empfände er dabei ein stilles Behagen , und das war auch der Fall ; sooft er » so ' n Sakra « oder » a Sakrin « in der Grube hatte , erfreute ihn der Gedanke , daß nicht er es sei , der da drunten läge . Erst polterte Scholle um Scholle auf den Sarg , bald aber fiel die Erde geräuschlos und umhüllte locker und weich den Menschen , der da , aller Lust und Leiden wett , in ihr gebettet lag . Mit der Qual eines anderen Wesens beginnt eines jeden Dasein , und dann geht es so weiter mit dem Quälen oder Gequältwerden , wie sich ' s eben trifft . Wer mehr Qualen bereitet als erleidet , den nennt man glücklich , und wem es seine Mittel erlauben , das erstere in großem Maßstabe zu tun , der heißt wohl auch groß . Der ehrliche Herrgottlmacher hatte sich all sein leblang nur auf einem ganz winzigen Fleckchen Erde herumgetummelt - frohe Kindertage verlebt , jene Zeit , von der es heißt , der Mensch gehöre noch nicht sich selbst an , sondern anderen , und wo er doch so ganz er selbst und frei ist , wie nie hernach mehr im Leben - träumerische Bubenjahr , wo einer die Welt in den Sack steckt und sie höchstens unter seinen besten Freunden aufteilt , freilich nur jeder seine Welt , und die manches ist gar klein geraten - auch die Mannjahr hätten sich nicht übel angelassen , die schon mehr auf andere Bedacht nehmen und wo seiner Mutter Freud ein groß Teil der seinen war - da mit einmal war es aus . Das Käferchen , das im warmen Sonnenschein über den rieselnden Sand dahingelaufen , vor dem sprühenden Regen sich unter duftigem Laubwerk verkrochen , mit seinesgleichen sich geneckt und gezerrt hatte , krampfte plötzlich die Füße zusammen und fiel vom halb erkletterten Halme zur Erde . Nun liegt er taub , hohl , ein Gehäuse , eine leere Hülse ; und nichts verrät von all dem Sonnenschein , der ihn erwärmte , von den Regenschauern , die ihn erfrischten , von all dem , wie ihn im weiten oder engen die Welt ansprach . In der Schlupflöcherzeile , die da längs des Wasserstreifens hinlief , in Zwischenbühel nämlich , war die Anteilnahme nicht gar groß . » Wieder einer weniger « oder » wieder einer mehr « , hieß es , je nachdem sich die Sprecher selbst dem Grabe ferner wähnten oder näher glaubten . Als Helene mit dem kleinen Muckerl und der alten Zinshofer von dem Leichenbegängnisse heimkehrte , schritt sie mit einem scheuen Blicke an der Kleebinderschen Hütte vorüber und folgte der Mutter nach deren Behausung . Sie saß dort auf der Gewandtruhe , wortkarg und in sich gekehrt , nur von Zeit zu Zeit dem Kinde , das sie an ihrer Seite hielt , leise zusprechend . Wie der Abend zu dämmern begann , griff sie einen Schlüssel aus der Tasche und sagte : » Mutter , ich tät dich bitten , sei so gut und hol uns a bissel Bettgwand von drüben , wir wolln sich da afm Fußboden a Lager zrechtmachen . Ich mag nit drenten schlafen . « » Fürchtst dich ? « fragte die Alte . » Nein . Es is aber so entrisch allein in einm Haus , wo mer just ein Totes hinausgetragen hat . Der Kleine schlafet mir allzbald ein , und ich fühlet mich dann ganz wie verlassen . « Die Alte tat , wie ihr geheißen . Später , als alle schon eine Weile lagen , setzte sich Helene plötzlich auf dem Strohsacke auf und sagte : » No , wär ich halt doch wieder da - afm Stroh - und , wie mich ziemt , auch nit viel besser dran wie a Bettlerin , und hätt ' s mich gtroffen , daß ich noch a Reih von Jahrn mit dem armen Teufel hausen mußt , stünd ich hitzt gar als alts Bettelweib . « » Gwiß « , gähnte die Alte , » du darfst dich nit beklagen über , wie ' s gkommen is , und der is ja auch im Himmel gut aufghobn . « - - Von da ab fand sich Sepherl an dem Allerseelentage jeden Jahres in der Kirche ein und kniete an einem Seitenaltare inmitten der Kinder , die dort mehr zum geselligen Vergnügen als aus brünstiger Andacht den armen Seelen Wachslichtlein brannten ; sie opferte ein Kerzchen für den Muckerl und betete für dessen Seelenheil , bis das Dochtendchen in das geschmolzene Fett sank und knisternd erlosch . An seinem Grabe zu beten , das kam seinem Weib zu , sie wollte sich dort nicht blicken lassen , nicht ihrer selbst willen , was läg an ihr ? Aber es hätte - wie die Leut schon schlecht denken - dem Toten eine üble Nachred erwecken können , und die hat doch wahrlich er nicht verdient ! Die Sternsteinhofbäuerin hatte mit gefalteten Händen am Fenster gestanden , als der Leichenzug unten auf der Straße langsam sich fortbewegte . Der Tod des Kleebinders bestürzte sie , es fiel ihr auf das Gewissen , daß die Enthüllungen , die sie ihm machte , volkstümlich gesprochen , der Nagel zu seinem Sarge gewesen ; aber sie konnte dies nicht voraussehen , ebensowenig als sie vorhersah , wie sie es ergreifen würde , denn seit jener Fahrt ins Ort lag es ihr wie Blei in den Gliedern , und sie hatte mehr keinen Fuß außer die Stube zu setzen vermocht . Nun war der einzige tot , von dem sie sich eine wahrhafte Abhilfe versprechen durfte , dessen selbsteigene Sache die ihre war , der den Willen haben mußte , dem Unfuge zu steuern , und auch das Recht und die Macht dazu besaß . Die eine Hälfte des argen Wunsches war den andern beiden in Erfüllung gegangen , und wie eine bange Ahnung befiel sie der Gedanke , wie bald vielleicht auch an sie die Reihe käme , gleichen Weges zu gehen ! Dieses Bangen vor dem Sterben , das sie zeitweilig durchschauerte , trat aber zurück gegen die unmittelbar sich aufdrängende Furcht vor dem , was sie nun wohl zu erleben haben werde ! Dieser Furcht gaben nur allzubald die Ereignisse recht . Da die Bäuerin , nachdem sie dem Herrgottlmacher die Augen geöffnet , mit jener Heimholung Tonis alles abgetan glaubte , so war bisher des Geschehenen halber kein Vorwurf über ihre Lippen gekommen , und der Bauer nahm keinen Anlaß , weder etwas abzuleugnen noch zu beschönigen ; beide schwiegen beharrlich und lebten , sich gegenseitig entfremdet fühlend , nebeneinander fort . Als aber kaum eine Woche nach der Beerdigung Kleebinders der junge Sternsteinhofer für dessen Witwe eine warme Anteilnahme bekundete und sich verlauten ließ , er habe vor , ein gutes Werk zu tun und Helene samt dem Kinde herauf auf den Hof zu nehmen , da fuhr die kranke Bäuerin , fast wild , empor . » Was ? Die ? Die wolltst du dahersetzen ? Hast du schon so weit kein Ehr mehr im Leib , daß d ' auch nimmer kein Schand fürchtst ? Aber , Gott sei Dank , da hab doch wohl ich noch ein Wörtl dreinzreden ! Niemal , sag ich dir , kommt die mir ins Haus ! « » Übernimm dich nit so bei deiner Schwächen « , sagte mit verletzender Gleichmütigkeit der Bauer . Das arme Weib lachte schrill auf und sagte , ihn mit einem giftigen Blicke messend : » Sorgst leicht um mich , du - ? Und als was , wenn mer fragen darf , als was nähmst denn dö Kreatur hrauf ? Zu was und wem soll die dienen ? « » Gleich erfahrst ' s « , erwiderte ruhig der Bauer . » Die alte Kathel kann mitm Hauswesen und ' m Krankenwarten zgleich nit aufkommen ; die Kleebinderin aber is die beste Wärterin , die ich mir z ' finden wußt , die soll dich pflegen . « » Die ? Mich ? Die ! « schrie die Bäuerin außer sich , dann verstummte sie und sah den Mann mit großen , angstvollen Augen an , sie rang die Hände ineinander und stammelte : » Das , das könntst du mir wirklich antun ? « » Sei nit dumm « , sagte er roh . » Ich will ' s , und so gschicht ' s ! Dich mit ihr zu vertragen , das steht dir zu , denn du hast eh a Unrecht gegn die arme Seel gutzmachen , dein unghörigs Einbilden - « » Einbilden ? ! « kreischte die Bäuerin , die geballten Fäuste gegen ihn emporreckend . » Leugnst du ? Laugnest du dein eigen Reden ? ! « Er zog den Mund breit und zuckte mit den Schultern . » Eigen Reden ! Freilich , gar ein eigen Reden , was eins im Schlaf angibt ! Wann d ' drauf was gibst , verruckts Weibsstuck , so müßtst ja auch am Morgen ' n Mond in meiner Taschen suchen , wann ich im Traum ausraun , ich hätt ' n eingsteckt ! « » Ob d ' hitzt hintnach Unsinn oder Gscheitheit redst , was ich ghört hab , das hab ich ghört , und aus dem , was du dir planst , wird nix ! « » Das werdn wir ja sehn « , sagte der Bauer . Er ging , die Türe hinter sich zuschlagend . Und nun ereignete es sich öfter , daß er oben aus der Stube stürzte , die Treppe hcrabgepoltert kam , was vom Gesinde in der Nähe sich aufhielt , unnütze Horcher schalt und an die Arbeit gehen hieß , und wenn er dann nach dem Krankengemache zurückgekehrt war und die Türe geschlossen hatte , so spielte sich hinter derselben eine jener Szenen voll quälender Bitterkeit und rücksichtsloser Gehässigkeit ab , welche unter sich ferne Stehenden unmöglich sind und womit sich nur Menschen , die das Leben einander ganz nahe gebracht , letzteres verleiden und vergiften können und wo es - für einen Teil wenigstens - besser gewesen , beide wären sich all ihre Tage fremd geblieben . Keines Menschen Seele verkehrt ganz ohne Hülle , ohne Schutzdecke mit der Welt , und es ist wohl gut so , denn wie makellose Schönheit des Körpers ist auch die seelische auf Erden selten ; dem Umgange mit der nackten Seele eines andern sich auszusetzen , ihn zu ertragen , wagt und vermag nur die Liebe und die Freundschaft , und wo diese fehlen , wirkt die seelische Nacktheit , wie rohe körperliche Entblößung , abstoßend , schamlos , entwürdigend und verderblich . Es bedurfte keiner langen Zeit , so trieb die Aufregung über den fortwährenden Hader die Kranke von dem Sorgenstuhle in das Bett . Ihr Widerstand war gebrochen und wurde immer schwächer . Welchem Ansinnen fügt sich der Mensch nicht , wenn es gilt , sich die Ruhe des Plätzchens zu sichern , auf dem er zu sterben gedenkt , und für seine letzten Tage ein bißchen Nachsicht und Teilnahme zu erkaufen ? ! Helene kam mit dem Kinde auf den Sternsteinhof und schien es mit der Krankenpflege sehr ernst nehmen zu wollen , aber die Bäuerin schreckte vor jeder Berührung des jungen Weibes zurück und wollte es weder am Kopf- noch am Fußende des Bettes sitzen haben ; anfangs boten ihr die häufigen , halbe Tage langen Besuche des alten Sternsteinhofers willkommenen Anlaß , ihre Wärterin gar aus der Stube zu schaffen , dann lag sie und hielt oft durch Stunden mit ihren abgezehrten Fingern die rauhe , hörnerne Rechte des Alten über der Bettdecke fest , es war die einzige Hand , die sie zu halten hatte und dabei ein Vertrauen empfand , daß diese auch sie gerne halten möchte , während bei allen Handreichungen Tonis und Helenens sie das ängstliche Gefühl ankam , die beiden ließen sie zwischen den Armen hinabgleiten - oh , wie tief ! Wenn nach einem solchen Krankenbesuche der alte Bauer über den Hof seiner Ausnahm zuschritt , so fluchte und wetterte er laut , daß jeder , der um die Wege war , es hören konnte , und belegte dabei des Herrgottlmachers Wittib mit einem Titel , der in aller Kürze das strikte Gegenteil einer Vestalin besagt ; aber es geschah das lediglich zu seiner eigenen Erleichterung , ohne der Geschmähten irgendwelchen Ärger zu bereiten , denn der Schimpf war so groß , daß es niemand wagte , denselben ihr ins Gesicht zu wiederholen . Es war , wie gesagt , zu Anfang , daß der alte Sternsteinhofer seine meiste Zeit bei der kranken Bäuerin zubrachte , mählich kam er seltener , schließlich blieb er gar lange von dem einen auf das andere Mal weg ; dazu bestimmten ihn zwei Gründe . Er hatte geglaubt , die Schwiegertochter würde ihres Siechtums Meister werden , bald wieder auf die Beine kommen , und darum suchte er sie zu zerstreuen , keine Gedanken an Vernachlässigung und Vereinsamung in ihr aufkommen zu lassen und sie bei gutem Mute zu erhalten ; der Gesunden wollte er dann beistehen , ihre Rechte zu wahren und mit den ungebetenen Gästen den Kehraus zu tanzen . Als er aber merkte , daß die Bäuerin immer mehr verfiel und von Kräften kam , da suchte er sie selten heim und blieb nur für kurz ; zusehen , wie es mit solch einem Aufgegebenen Schritt für Schritt zu Ende ging , und sich so unmittelbar an sein eigenes mahnen zu lassen , das war nicht seine Sache . Andernteils machte ihm gerade dieser Stand der Dinge den Anblick Helenens nur um so verhaßter . So flüchtig auch alle bisherigen Begegnungen mit ihr gewesen , die zufälligen , wo beide ohne Gruß aneinander vorüberhuschten , und die unausweichlichen in der Krankenstube , wo sie ihm schweigend den Stuhl an das Bett rückte , mit der Schürze darüberwischte und dann zur Türe hinausging , von nun ab vermied er geflissentlich all und jedes Zusammentreffen , da er mit großem Unbehagen fühlte , wie ihm in der Nähe dieses Weibes die Fäuste zuckten , aber gleichzeit das Wort versagte . Was ihn diese Bettlerin , wenn nicht fürchten , so doch scheuen machte , er wußte es selbst nicht . Ja , die wußte , was sie wollte , hat unverrückt ihr Ziel im Aug behalten , gleich bereit , wenn es dasselbe zu erreichen galt , darnach zu laufen oder langsam Fuß vor Fuß zu setzen , und obwohl sie schon einmal nach einer Seite » abgekugelt « war , kommt sie jetzt von der anderen heran und erreicht ' s ! Sie wird ' s erreichen . Ein harter Kopf und ein fester Will ! Nicht , wie es sonst damit bei den Weibern bestellt ist . Schlüg ihr der Teufel ein Bein unter , jetzt , wo sie den Fuß zum letzten Schritt hebt , glaublich , sie wüßt doch auf den Fleck zu fallen , wo sie hinrechnet ! - - Nur Ärger war dort oben in der Krankenstube mehr zu holen , Gift und Galle einzuschlucken und der armen Seel damit nicht geholfen , überhaupt nimmer zu helfen . Der Alte hielt sich davon , und die Kranke mußte sich nun den langen , bangen Tag über die Gesellschaft Helenens gefallen lassen . Wenn dann manchmal der kleine Muckerl zur Türe hereinpolterte , die Mutter aufsuchen , wofür er jedesmal einen scharfen Verweis erhielt , so sah die Bäuerin in der ersten Zeit von dem gesunden , rotbäckigen Jungen weg nach der Wiege , in der ihr eigenes , halblebiges Würmchen lag , ihre Augen wurden feucht , und langsam perlten schwere Tropfen über ihre Wangen ; später aber ließ sie auch das gleichgültig , nur wenn ihr Mann in der Stube war und mit begehrlichen Blicken an dem schönen Weibe hing und dieses es ihm mit unwilligem Zublinken verwies , dann blitzte es in den tiefdunklen Sternen auf , rege und glühend folgten sie jedem Mienenspiel , jeder Gebärde der beiden und ließen nicht nach , ihnen zu folgen , bis zu dem Tage , wo diese Augen - voll lautloser , herber Anklage , voll stummer , weher Herzenspein - brachen und der alte Sternsteinhofer sie zudrückte , da die Scheidende diesen Liebesdienst von ihm erbeten . » Hast nit viel Guts ghabt « , sagte er . » Warst wohl a reiche Bäurin , aber dabei a arms Weib . Der Herr laß s ' ruhn in Frieden , und ' s ewige Licht leuchte ihr . Amen . « XXI Welchen Wandlungen die Volksstimmung unterliege , das zeigte sich auch in Zwischenbühel gegenüber den Geschehnissen auf dem Sternsteinhofe . Ein grober Verstoß gegen landläufige sittliche Grundsätze und Anschauungen erweckt vorerst laute Entrüstung gegen beide Schuldige , aber bald führt das Zusammenlebenmüssen zu Bedachtnahmen und Nachgiebigkeiten gegen den einen wehrhafteren Teil und zum Unrechte gegen den wehrlosen , auf dem allein die üble Nachrede haftenbleibt , bis die Leute , Schimpfens und Anteilnehmens müde , gleichgültiger werden und mählich zu vergessen anfangen ; einmal noch - mag nun neue Unbill hinzukommen oder nicht - lodert wohl das Zornfeuer