s nun doch anders . Er hatte bisher kaum darauf geachtet , wer die Straße gezogen kam , oder sich gar , wenn er von weitem einen Bekannten zu erkennen geglaubt , tiefer zurückgelehnt , um nicht erblickt zu werden - er wußte kaum selbst warum , es war eine ebenso instinktive Bewegung wie das Schließen der Lider , wenn ihn der Sonnenschein blendete . Nun aber sah er sich die Leute unbefangen an ; es waren freilich fast nur Bauern und ein näherer Bekannter ließ sich lange nicht blicken . Da endlich kam einer vorbei und es war sogar ein uralter Bekannter , der kleine Naphtali Ritterstolz , der einst sein erster Lehrer gewesen ; er war nun nicht Hofmeister mehr , sondern hielt selbst eine Schule ; das Antlitz sah noch immer aus , wie aus grauem Fließpapier geschnitten , aber an dem dürftigen Leib saß vorne ein ganz unmotiviertes Spitzbäuchlein und er trug die Nase hoch , wie es einem so frommen , vom Rabbi bevorzugten Schulmeister zustand . Napthali war ein eifervoller Mann ; der Genesende fühlte eine Röte in seine Wangen steigen und schloß die Augen . Aber wie ward ihm , als er die wohlbekannte Stimme hörte : » Gut Woch ' , Sender ! Wie geht ' s dir ? Wahrlich , du darfst das Gebet der Genesenden aus ganzem Herzen sprechen . « Und als Sender die Augen öffnete , sah er , wie ihm der Würdige noch freundlich zunickte : » Schon ' dich nur recht , daß du bald gesund wirst . « Er vermochte nichts zu erwidern , aber die Glut auf den Wangen brannte stärker . Wenn Naphtali so freundlich war , dann zürnte auch der Rabbi nicht zu sehr . Der Rabbi ! Er legte die Hand an die Stirne und sann . Nun empfand er dabei jenes Stechen in den Schläfen nicht mehr , aber er schüttelte doch den Gedanken ab . Später ! - Das hatte Zeit ! Aber ein anderes , woran ihn Naphtali erinnert , wollte er sofort verrichten - er hatte ja das » Gebet der Genesenden « noch nicht gesprochen . Er erhob sich , holte aus dem Netz über dem Bette sein Andachtsbuch hervor und schlug das Gebet auf . Zunächst las er die wenigen Zeilen nur mit den Augen und dann noch einmal flüsternd und endlich halblaut , mit zitternder Stimme , indes ihm die Tränen über die Wangen rannen : » Gelobt seist Du , der Du stützest die Wankenden und heilest die Siechen ! Tod und Leben kommen von Dir , im Tod ist Frieden , aber Gnade im Leben . Dank Dir , der mich in Gnaden erhalten . « Die Mutter erschrak , als sie ihn in Tränen fand , aber ihm mußte wohl zu Mute sein - wie ein Leuchten lag es über dem abgezehrten Antlitz . Sie tat keine Frage und setzte sich still mit ihrer Näharbeit in eine Ecke . Er blätterte in dem Büchlein , las da und dort , ließ es in den Schoß sinken und nahm es wieder auf . Dabei gewahrte er , was er bisher nie bemerkt , daß die beiden Blätter zwischen Deckel und Titelblatt zusammengeklebt waren . Der Klebstoff haftete nur am Rande , nachdem er diesen vorsichtig abgelöst , lag das bisher verborgene Blatt frei . Es wies drei Eintragungen in hebräischer Schrift und Sprache . Die Tinte war vergilbt , aber er konnte sie noch deutlich lesen . Da stand zunächst in großen , etwas unbeholfenen Schriftzügen geschrieben : » Dieses fein gedruckte und schön gebundene Buch habe ich , Sender , Sohn des Abraham , aus der Schar der Leviten , der ich ein Kaufmann bin in der Stadt der Verbannung , Kowno geheißen , am heutigen Tage gekauft für meinen geliebten , einzigen Sohn Mendele zu seinem sechsten Geburtstage . Gottes Gnade ist mit mir gewesen , möge sie verdoppelt über meinem Sohne walten . Am 5. des Monats Adar im Jahre 5561 nach Erschaffung der Welt . « 1 Darunter war in feinen , phantastisch verschnörkelten Zügen zu lesen : » Ich , Mendele , Sohn des Sender , aus der Schar der Leviten , der ich ein unsteter und habeloser Mann bin , schenke dies Buch jenem , der es nach meinem Tode an meiner Brust findet und mein sterblich Teil barmherzig der Erde zurückgibt nach der Väter Weise . Wer immer es sei , er ist ein Glücklicherer als ich . Gottes Gnade habe ich verwirkt , dir , Unbekannter , möge sie leuchten . Auf der Wanderschaft im Lande der Verbannung , Ungarn geheißen , am 8. des Monats Tischri , am Vortag des Versöhnungstages im Jahr 5590 nach der Erschaffung der Welt . « 2 Darunter aber hatte dieselbe Hand gesetzt : » Am 16. des Monats Ab im Jahre 5592.3 Den Verzweifelnden richtet Er auf und begnadigt den Verurteilten . Er hat mir ein Weib gegeben und seinen Schoß geöffnet . Dieses Büchlein soll meinem Kinde gehören - es ist das einzige , was ich ihm vermachen kann . Aber da ich nun weiß , wie gnädig der Herr ist , so weiß ich auch , daß dies Büchlein meinem Kinde zum Segen sein wird . « Der Jüngling las diese Zeilen einmal und dann wieder - es mochte in seiner Stimmung liegen , daß sie ihn tief ergriffen . » Mutter « , fragte er , » wie hat der Verwandte , dem dies Büchlein früher gehört hat , geheißen ? « » Warum fragst du ? « erwiderte sie unbefangen , da sie seine Entdeckung nicht ahnte , ohne von ihrer Arbeit aufzublicken . » Am Ende war ' s dieser Mendele selbst « , sagte er . » Du hast wohl auch das zusammengeklebte Blatt nie beachtet . Sieh her , was da geschrieben steht . « Ihr gerann das Blut zu Eis . Ihr Blick drohte sich zu verdunkeln . Sie hatte das Blatt einst sorglich zugeklebt , die Inschrift herauszuschneiden , hatte sie nicht übers Herz gebracht . » Hörst du nicht ? « fragte er , als sie still blieb , und suchte den Kopf nach ihr zu wenden . » Doch ! « murmelte sie . » Das Blatt ... Was - was steht denn da geschrieben ? « Er las es ihr vor . » Der arme Mann ! « fügte er bei . » Eine so schöne Schrift - er mag nicht ungelehrt gewesen sein ... Und das Büchlein war das einzige , was er seinem Kinde vermachen konnte ... Hast du ihn gekannt ? « Noch immer war ihr die Kehle wie zugeschnürt . » Nein ! « erwiderte sie endlich . » Ich hab ' das Büchlein von einem verstorbenen Vetter « , fügte sie dann hastig hinzu . » Ich habe es ehrlich erworben . « » Natürlich ! « erwiderte er . » Ob aber jener Vetter ? Vielleicht hat er das Kind dieses Mendele um seinen einzigen Besitz gebracht ! Und er war wertvoll , eines Vaters Segen wiegt schwer . « Frau Rosels Haupt war tief auf die Brust gesunken . » Mein Herr und Gott « , betete sie , » wenn es eine Sünde ist , daß er nichts von seinem Vater weiß , so laß nur mich dafür büßen . « Sender aber fuhr nach einer Weile fort : » Mutter , du hast ja ein frommes Herz , du wirst gewiß einverstanden sein . Wer im Zweifel ist , ob er nicht fremdes Gut besitzt , muß etwas zu frommen Zwek-ken spenden . Ich hab ' das Büchlein nun schon so lang - und wo wär ' auch das Kind jenes armen Mannes zu suchen ? Aber wir wollen in der Schul ' eine Kerze für seine Seele anzünden lassen . Vor mehr als zwanzig Jahren ist dies letzte geschrieben , da wird er wohl tot sein . Gott laß ihn in Frieden ruhen . « » Amen ! « rief Frau Rosel - ihr war ' s , als fiele eine Zentnerlast von ihrer Brust - » Amen ! « - » Mir scheint , er ahnt noch immer nichts « , sagte sie ihrem Vertrauten , dem Marschallik , als er sich wieder bei ihr einfand . » Aber mir ist ' s doch sehr bang ... Soll ich ihm nicht morgen Luisers neue Vorladung geben ? Dann wären seine Gedanken wenigstens vom ersten Anzeichen abgelenkt . « » Behüte ! « rief Türkischgelb . » Das brächte ihn erst recht zum Grübeln darüber . Die Sach ' will so leicht wie möglich behandelt sein , wenn so ganz zufällig die Red ' darauf kommt und mit allem übrigen zusammen . Das laßt mich machen , sobald ich ' s für gut halte . Jetzt müssen sich seine armen Lungen noch ausschnaufen und auch die Seel ' des Menschen , Frau Rosel , auch die Seel ' hat Lungen , die das nötig haben ... Es ist nur deswegen , daß ich warte , denn jetzt hab ' ich auch die Antwort auf jede Frage , die er stellen kann . « Er stemmte die Arme in die Seiten und blickte sie triumphierend an . » Ja ! « rief sie freudig . » Und die Sach ' mit Dovidl macht Euch keiner nach ... Soll ich nun zu ihm hingehen ? « » Nein . Er bekommt die Kollektur und muß Sender haben . Jeder Tag länger macht den Monatslohn größer . « Schon war etwa eine Woche seit dieser Unterredung verstrichen und noch immer hielt es der Marschallik nicht an der Zeit , eingehend mit Sender zu sprechen . » Ausschnaufen lassen « , wiederholte er immer wieder , » er wird schon selbst zu reden anfangen , wenn ihn etwas drückt . « Aber das tat Sender nicht , und wirklich empfand er kaum allzu große Sorgen und Kümmernisse , auch nachdem er wieder zu voller Klarheit über das Geschehene gekommen . Das unendlich wohlige Gefühl des Genesens , das Bewußtwerden der jugendlichen Kraft , die ihm gleichsam aus diesen Frühlingsdüften in die Adern zurückströmte , ließen keine düsteren Gedanken in ihm aufkommen . Aber auch an sich schien ihm nun seine Lage nicht gar so schlimm . Er war wieder gesund , die Gefahr , Soldat zu werden , für immer vorüber ; im nächsten Januar aber harrte seiner sein Gönner , warum sollte er verzweifeln ? Der Rabbi wußte nun um seine heimlichen Kenntnisse , gar so groß schien ja sein Zorn nicht , aber angenommen , daß er ' s war und die Gemeinde ähnlich dachte , so mußte das eben getragen sein , bis die Erlösungsstunde schlug . Allzu schlimm konnte es ja nicht werden , so lang die Mutter und der alte Freund in herzlicher Liebe zu ihm standen , und wenn er sich auch keiner Täuschung darüber hingab , daß die rührende Güte , mit der sie ihm nun begegneten , vor allem dem Genesenden galt , etwas davon blieb ihm auch für die gesunden Zeiten gewiß . Ob ihn Jossele wieder aufnehmen würde , war ihm freilich sehr zweifelhaft , aber wo nicht , dann fand ihm sein findiger Beschützer vielleicht ein anderes Stücklein Brot , und im schlimmsten Falle mußte er sich eben bis zum Januar von der Mutter ernähren lassen . Dieser Gedanke erschreckte ihn auch nicht allzu sehr , er war ja der Sohn eines Stammes , dem die schwersten Opfer der Eltern für ihre Kinder etwas Selbstverständliches sind . Aber ebenso selbstverständlich ist diesem Stamme die dankbare Treue der Kinder für die Eltern , das vierte Gebot wird nirgendwo auf Erden so heilig gehalten , wie im Ghetto des Ostens - und wie konnte er davor bestehen ? ! » Es muß ja sein « , sagte er sich und malte sich aus , welch behagliches und ehrenreiches Alter er der Mutter bereiten würde . Gleichwohl wollte sein Gewissen nicht schweigen , und dieser Selbstvorwurf war die einzige , wahrhaft peinliche Empfindung , die ihn in diesen Tagen erfüllte . Hingegen dachte er an jenen fremden Mann im Ladungsschein kaum mehr , geschweige denn , daß ihn dieser Umstand mit Unruhe erfüllt hätte - das war irgend ein Versehen , das sich sicherlich harmlos genug erklärte - was konnte es auch anderes sein ? Höchstens , daß er sich , wenn es ihm beifiel , sagte : » Ich muß die Mutter bitten , daß sie es richtig stellen läßt . « Aber das hatte ja Zeit , ebenso Zeit wie zu erfahren , wie ihm Rabbi Manasse gesinnt war . Etwas anderes aber hätte er allerdings gern gewußt : ob die Mutter die Bücher in seiner Lade entdeckt . Aber zu fragen wäre ja Torheit gewesen ; es brachte sie vielleicht erst auf die Spur . Er mußte warten , bis er kräftig und schwindelfrei genug war , um die steile , hohe Leiter zu seiner Kammer emporzuklimmen . Endlich - es war in den ersten Tagen des Mai - fühlte er sich dazu im stande , schlich sich eines Morgens , während die Mutter am Schranken stand , in den Flur und begann die Sprossen emporzusteigen . Aber sie hatte ihn gewahrt und kam hastig nachgestürzt . » Komm herab ! « rief sie angstvoll . » Du fällst ja hinunter ! « » Aber wie denn ? « beruhigte er sie . » Ich bin ' s doch gewohnt . « » Ich fleh ' dich an ! « rief sie . » Hab ' ich nicht genug Angst um dich ausgestanden ? « Daraufhin gab er nach und stieg hinab . » Aber morgen mußt du ' s erlauben « , sagte er . » Darüber reden wir noch « , erwiderte sie , klagte dann aber dem Marschallik , als er zur gewohnten Stunde erschien , ihre Not . » Dann muß ich mit ihm reden « , sagte er . » Aber es wird ihn aufregen « , wandte sie angstvoll ein . » Wenn ich mit ihm red ' ? « rief er . » Gebt acht , dann dankt er uns noch dafür . Nun gebt mir auch noch Luisers Schein « , sagte er . Sie holte das Schriftstück aus einer Truhe , wo sie es sorglich , in ein Taschentuch eingeschlagen , aufbewahrt . Aber der Marschallik knüllte es zusammen und steckte es dann nachlässig gefaltet in die Brusttasche . » Was tut Ihr ? « rief sie erschreckt . » Vernünftiges , wie immer « , sagte er . Lächelnd trat er in die Wohnstube und setzte sich zu seinem Schützling . » Lieber Sender « , begann er , » bin ich eine Katz ' ? Nein . Bist du ein heißer Brei ? Nein . Haben wir einander lieb ? Ja . Also will ich vernünftig und gradaus mit dir reden . « Sender war rot geworden . » Ja « , sagte er , » es ist nötig , Reb Itzig . Redet ! « » Das ist aber nicht so nötig « , meinte der Marschallik , » als daß du antwortest ! Weil ich aber nicht dumm bin , so frag ' ich lieber gar nicht nach Sachen , über die du mir wahrscheinlich doch nicht antworten würdest . Also zum Beispiel , von wem du Deutsch lesen und schreiben gelernt hast ? « Er machte eine Pause . » Ihr seid wie immer der Klügste « , sagte Sender mit verlegenem Lachen , » darauf würd ' ich Euch wirklich nicht antworten , wenn Ihr fragen würdet . « » Und von wem du die Bücher hast , wirst du natürlich auch verschweigen wollen . « Aber trotzdem hielt er wieder inne und blickte Sender erwartungsvoll an . » Natürlich ! « erwiderte dieser . » Nun aber kammt eine Frag ' « , fuhr der Marschallik veränderten Tones fort , » auf die du antworten wirst . Betreffen diese Bücher unseren Glauben ? Willst du Christ werden ? « » Nein ! « beteuerte der Pojaz und fuhr erschreckt empor . Der Marschallik nickte . » Also du hast dabei einen vernünftigen Zweck und hoffst Nutzen davon zu haben ? « » Ja ! Aber was es ist , kann ich Euch heute nicht sagen ! « » Sondern wann ? « » Spätestens im Januar . « Der Marschallik blickte ihn forschend an . Sender hielt den Blick aus . » Gut « , sagte der Alte , » du warst bisher immer ein frommer , guter Jung ' und ganz klug - ich red ' kein Wort mehr darüber , bis du selbst davon anfängst . Was du aber den anderen erzählen willst , ist deine Sach ' . Nun aber was anderes , kannst du schon bis zum Januar davon leben ? « Sender verneinte kleinlaut . » Sonst wär ' ich ja nicht bei Jossele für einen Gulden monatlich geblieben . « » Dann ist ' s dir am End ' ganz angenehm , daß ich dir was anderes gefunden hab ' . Freilich nur um kleinen Lohn , und ob dir die Arbeit recht sein wird , weiß ich auch nicht . « » Mir ist alles recht « , erwiderte Sender . Nun setzte ihm der Marschallik weit und breit auseinander , was er mit Dovidl vereinbart . » Sieben Gulden monatlich . Gestern hab ' ich ' s mit ihm abgeschlossen . « » Reb Itzig « , rief Sender jauchzend und faßte seine Hand , » wie soll ich Euch danken ? « » Narrele ! « wehrte der Marschallik ab . » Hab ' ich ' s denn deinetwegen allein getan ? Auch um den Maklerlohn . Denn daß ich dir ' s nicht verschweig ' , auch drei Gulden für mich hab ' ich ihm abgedrückt . Es reicht zu einer feinen Jacke für meine Jütte ... Und dann , vielleicht verträgst du dich mit Dovidl gar nicht , er fährt ja täglich fünfzigmal aus der Haut und zappelt , daß es einem beim Zusehen schwindelt . Aber ich hab ' mir gedacht , es ist doch ein Anfang , und immerhin für dich besser , als wenn ich ' s mit dem Luiser versucht hätt ' . Denn der ist gar hoffärtig auf seine Schreiberei , und kann dabei noch weniger als Dovidl . Er kann ja nicht einmal aus der Matrikel einen Ladungsschein schreiben . Ich weiß nicht , ob du ' s bemerkt hast - du hast in jenem Augenblick größere Sorgen gehabt , du Ärmster - aber er hat dir ja im Ladungsschein einen fremden Namen beigelegt ... Glatteis - glaub ' ich - hahaha ! - ein schönerer ist ihm für dich nicht eingefallen ... « Auch Sender mußte lächeln . » Ich erinnere mich « , sagte er . » Er war ganz bestürzt , wie ich ' s ihm gesagt hab ' « , fuhr der Marschallik fort . » Du kannst dir denken , ich hab ' ihn auch gehörig damit aufgezogen.Gebt ihn mir zurück , bittet er . Ich will einen anderen schreiben , es kann mich mein Amt kosten . Da geb ' ich ihm den Schein zurück . Hier - und ein richtiger ist nicht nötig , sag ' ich . Die Losung ist vorüber . Aber er schreibt ihn doch und drängt ihn mir auf . Mir scheint , ich hab ' ihn noch bei mir . « Er griff in die Schoßtasche seines Kaftans . » Am End ' gab ' ich ihn verloren . Na , deshalb erschlägst du mich nicht . « » Gewiß nicht « , lachte Sender . Der Marschallik griff nach der Brusttasche . » Halt - da ist er ! So - da hast du dein Dokument , kauf ' dir eine feuerfeste Kasse und leg ' s hinein . « Sender überflog den Schein . » Hahaha « , lachte er . » Friher - anterer - geheusen - in jedem Wort ist ein Fehler . « Türkischgelb blickte ihn ehrfurchtsvoll an . » So gut Deutsch kannst du schon ? « fragte er . » Dann brauchst du am End ' keine Bücher mehr ? « » O doch ! « rief Sender . » So ? Wozu ? Ich rat ' dir , laß das bleiben . Sonst bekommst du noch Händel mit dem Rabbi . Und ich hab ' dich so schwer genug mit ihm ausgesöhnt . « » Also ist ' s Euch gelungen ? Ich dank ' Euch herzlich . Sonst hätt ' ich ein schweres Leben hier gehabt . « » Aber wie gesagt , leicht war ' s nicht « , fuhr der Marschallik fort . » Du wirst staunen , wie weit ich ihn gebracht hab ' . Du wirst ihm einen Besuch machen und dann durch zwei Jahre täglich fünf Psalmen sagen . Ist das nicht fürchterlich ? « Sender lachte laut auf . » Ganz fürchterlich ! « rief er . » Dann hat er noch einen Schwur verlangt , daß du nie mehr ein deutsches Buch anrührst . Aber er sieht ein , daß jetzt keine Red ' mehr davon sein kann . Bei Dovidl mußt du ja die deutschen Gesetze lesen lernen ! « » Natürlich ! - Dann ist ja alles in schönster Ordnung . « » Gnädig von dir , daß du das anerkennst . Wirklich , recht gnädig ! Aber wie schwer die Sach ' war , bedenkst du nicht . Anfangs haben er und die ganze Gemeinde getobt wie die Wahnsinnigen . Er läßt deine Mutter und mich rufen : Schwört mir , daß keine unheiligen Bücher im Hause sind . Sonst such ' ich und verbrenne , was ich finde , und von Schonung ist dann nie mehr die Rede . - Da müssen wir doch erst nachsehen , sag ' ich . Wir suchen und finden - nun , du weißt ja ! « Er stieß ihn schelmisch in die Rippen . » Deine Mutter war sehr erschrocken , ich aber behalt ' ruhig Blut . Was ist da Schlimmes ? Schlimm wär ' s nur , wenn der Rabbi selbst die Bücher fänd ' . Dann kann Sender nicht mehr in Barnow bleiben . Denn , na , Sender - « wieder ein freundschaftlicher Rippenstoß - » dir brauch ' ich ja nicht zu sagen , was für Bilder in dem einen Buch waren ... Aber , wenn wir sie verbrennen , so erfährt niemand was davon , und für Sender ist ' s kein Schade , sag ' ich . « » O doch ! « rief dieser erblassend . » Sind sie verbrannt ? « » O du Weiser ! « rief der Marschallik spöttisch . » Entweder waren die Bücher gottlos . Dann war ' s für dich ein Nutzen . Oder sie waren nicht gottlos . Dann - « er zwinkerte ihn mit den Augen an - » dann gilt doch auch von deutschen Büchern dasselbe wie von hebräischen - sie werden nicht bloß in einem Stück gedruckt , und wer sieben Gulden Monatslohn hat und sich , weil es zu seinem Geschäft gehört , so viel deutsche Bücher , wie er will , kommen lassen kann , kann sie sich nochmals kaufen - oder gar , hehe ! schenken lassen . Aber hätten wir sie nicht verbrannt - dann hätt ' s keine solche Stellung für Sender Kurländer gegeben , und keine sieben Gulden , sondern er wär ' zur Stadt hinausgejagt worden . Also - verdienen wir deinen Dank oder nicht ? « » Gewiß « , meinte der Jüngling mit etwas sauersüßer Miene , aber doch aufrichtig . In der Tat - der Verlust ließ sich ersetzen . » So bedank ' dich auch bei deiner Mutter dafür ! « sagte der Marschallik . Als es Sender tat , wurden die Augen der alten Frau starr vor Erstaunen und Bewunderung . » Reb Itzig « , rief sie , » warum hat Euch Gott nicht Minister werden lassen ? « » Weil er weiß « , erwiderte er , » daß dazu weniger Verstand gehört , als zu einem richtigen Marschallik . Also - morgen bringen wir die Sach ' mit dem Rabbi ins reine und nächsten Sonntag trittst du bei Dovidl ein . Frau Rosel , wenn Ihr glaubt , daß ich ' s verdient hab ' , so tät ' ich um ein Gläsele Met bitten ! « Achtzehntes Kapitel Es war mehrere Wochen nach dieser Unterredung , ein Junimorgen , aber schon um die zehnte Stunde brannte die Sonne versengend nieder . Die Gassen von Barnow lagen verödet ; auch jene lieblichen Vierfüßler , die sie sonst mit fröhlichem Gegrunz erfüllten , die Schweine , deren Mästung der Haupterwerbszweig der wenigen christlichen Bürger war , hatten sich in die Höfe zurückgezogen , wo es noch Pfützen gab ; die Schlammlachen auf den Straßen waren eingetrocknet . Vierzehn Tage hatte es kein Tröpfchen geregnet , jeder leichte Windhauch wirbelte Staubwolken auf . Aber er regte sich selten ; dumpf und schwer lag die heiße Luft über den schmutzigen Gäßchen , den verwahrlosten Häusern , und Düfte erfüllten sie , Düfte - kein Mensch konnte sie auf die Dauer ertragen , wenn er nicht ein geborener Barnower war . Das focht unseren Sender nicht an , er war ' s ja . Und erträglicher als in den meisten anderen Stuben von Barnow ließ sich noch in seinem » kaiserlich-königlichen Lacal « verweilen . Denn so lautete die Inschrift der Tafel über Dovidl Morgensterns neuem Gassenladen : » K.K. Lacal der Loto-Colectur für Barnow und der ganzen Umkegend ! « Den größten Raum dieser Tafel aber nahm ein großer , wenn auch etwas seltsam gemalter Doppeladler ein , und so war es nicht ganz überflüssig gewesen , daß Dovidl darunter in hebräischen Lettern hatte setzen lassen : » Kaiserlicher Adler ! Hier wird gewonnen ! Ein Terno macht jeder ! « Denn Adler hatte nun auch sein Konkurrent Luiser Wonnenblum an die Tür heften können , sogar deren drei , aber das waren nur die Wappen der Versicherungsgesellschaften , deren Vertretung ihm nach dem Hintritt des würdigen Koscielski zugefallen war . » Luisers Hühnerstall « , wie sie Dovidl nannte ; es lag eine Welt von Verachtung in diesem einen Wort . Unter den Fittichen des kaiserlichen Tiers also , an einem mächtigen Schreibtisch , der durch eine Barriere vom Raum für das Publikum getrennt war , saß Sender jenes Vormittags und blickte aus der Kühle auf die Straße hinaus . Er sah nun wohler aus als vor der Krankheit , seine Augen waren glänzender , die Bewegungen ruhiger . Auch die Kleidung bewies , daß aus dem geduldeten Uhrmacherlehrling nun ein wohlbestallter Lotterieschreiber geworden , noch mehr , eine Art von » Deutsch « . Der neue Kaftan hatte den üblichen Schnitt , aber er war doch etwas kürzer als früher , und ebenso schienen die Wangenlöckchen gestutzt . Kurz - alles hatte sich mit ihm zum Besseren gewandelt . Trotzdem nagte er in diesem Augenblick mißmutig an der Unterlippe und blickte ungeduldig nach der Tür . » Er kommt nicht « , murmelte er , » und wenn er kommt , so bringt er ' s nicht . « » Sender « , klang die Stimme seines Herrn und Meisters aus dem anstoßenden Gemach ; es war die » Prifat-Agentschaft « , wo Dovidl Morgenstern nach wie vor , » Rath in alle Sachen « erteilte . » Ich bin fertig ; schreib ' s ab . « Aber noch ehe sich der Schreiber erheben konnte , öffnete sich die Tür und Dovidl kam hereingestürzt . » Es eilt ! « rief er und legte zwei vollgeschriebene Foliobogen vor Sender hin . » Die Rubra ist : Chaim Fragezeichen und Naphtalie Ritterstolz contra Schlome Rosenthal wegen Verleumdung ... Eilt ! « wiederholte er . » Rubrum heißt es « , erwiderte Sender gleichmütig . » Aber warum eilt es ? Vielleicht wächst inzwischen Reb Schlomes Bart nach . Das kann doch für unsere Mandanten nur gut sein . « » Mandanten ! « rief Dovidl heftig . » Gebrauch keine Ausdrücke , die du nicht verstehst . Übrigens heißt es wirklich Mandanten . Aber warum wär ' das gut für sie ? Was kümmert das sie , ob dieser Schlome einen Bart hat oder nicht ? « » Freilich kümmert sie das eigentlich nichts ! Aber eben darum hätten sie ihn ihm nicht ausreißen sollen ! « » Ausreißen ? « rief Dovidl . » Wer hat ausgerissen ? Unsere Mandanten ? Und das sagst du , mein Schreiber ? Ich fahr ' aus der Haut . « » Aber sie sagen ' s doch selbst « , wendete Sender ein . Es war ein Pädagogenstreit gewesen , der die Gemüter der Barnower in großen Aufruhr versetzt . Sender freilich war unparteiisch geblieben ; » sie waren ja alle nacheinander meine Lehrer « , meinte er , » und ich hab ' sie alle gleich lieb . « Schlome Rosenthal war mit Naphtali Ritterstolz , dem Liebling des Rabbi , über die Auslegung einer schwierigen Talmudstelle in Streit geraten . Chaim Fragezeichen hatte Naphtali unterstützt , zunächst durch die Schärfe seiner gelehrten Gründe , dann , nachdem der Streit in Tätlichkeiten ausgeartet , durch die seiner Fingernägel ; Schlome hatte schließlich die Flucht ergriffen , aber sein halber Bart war auf der Wahlstatt - Naphtalis Studierstube - geblieben . Schlome hatte zunächst den Rabbi als Schiedsrichter angerufen , dann aber , als dieser für seinen Liebling entschieden , durch Morgenstern die Klage beim k.k. Bezirksamt angestrengt . » Sie sagen ' s selbst !