mir meine Großmut auf der Stelle ansehen , als ich in die Stube trat . Ich erregte jedoch nicht die mindeste Aufmerksamkeit ; wohl aber sah ich an einem der Fenster eine schlank aufgewachsene jungfräuliche Gestalt stehen , umgeben von meinen drei Basen . An ihren eigentümlichen Zügen und der veränderten und doch gleich lieblich gebliebenen Stimme erkannte ich sogleich Anna ; sie sah fein und nobel aus , und ich blieb ganz ratlos und verblüfft stehen . Still und bescheiden schaute sie in die Landschaft hinaus , und die Basen sprachen gedämpft , zierlich und vertraulich mit ihr , wie es die Weiber zu tun pflegen , wenn sie einen Besuch haben , der ihrer Gesellschaft zum Schmucke gereicht . Es ging so freundlich andächtig zu , als ob die vier hübschen Kinder geraden Weges aus einer Klosterschule kämen , und besonders die Töchter des Hauses schienen nicht die leiseste Erinnerung an den Ton des gestrigen Abends zu hegen . Unbefangen grüßten sie mich , als ich endlich bemerkt wurde , und stellten mich der Anna vor . Wir sahen auf den Boden und boten uns die Fingerspitzen , die sich kaum berührten , wobei sie , wie ich glaube , einen kleinen höflichen Knicks machte . Ich sagte ganz verlegen : » Sie sind also wieder zurückgekehrt ? « worauf sie erwiderte : » Ja « - mit dem Tone eines Glöckchens , welches nicht recht weiß , ob es anfangen soll , Mittag oder Vesper zu läuten . Hierauf sah ich mich wieder aus dem Mädchenkreise herausversetzt , ohne zu wissen auf welche Weise , und machte mir eifrig mit einer Katze zu schaffen , indessen ich Anna verstohlen betrachtete . Sie war eine ganz andere Gestalt geworden , von einem schwarzen Seidenkleide umwallt , ihr Goldhaar lag schlicht und vornehm gebunden und ließ eine sorgfältige Behandlung ahnen , während früher manche Löckchen sich auf eigne Hand gekräuselt und zwischen den Flechten hervorgeguckt hatten . Die Gesichtszüge waren in ihrer Eigentümlichkeit ganz gleichgeblieben , nur hielten sie sich viel ruhiger , und die armen , schönen blauen Augen hatten ihre Freiheit verloren und lagen in den Banden bewußter Sitte . Dies alles unterschied ich im Augenblick nicht genau , allein es machte zusammen einen solchen Eindruck auf mich , daß ich erschrak , als ich mich zum Frühstück , welches inzwischen aufgetragen war , neben sie setzen mußte ; denn der Oheim hatte , da Anna aus Welschland kam , seine französischen Künste aus der eleganten Zeit des Pfarrhauses wieder zusammengelesen und zu mir gesagt : » Eh bien ! monsieur le neveu ! prenez place auprès de Mademoiselle votre cousine , s ' il vous plaît , parbleu ! est-ce que vous n ' avez pas bien dormi ? Parait que vous faites la triste figure ! « und zu Anna , mit einem komischen Kratzfuße , indem er mit seinem Waldhörnchen salutierte : » Veuillez accepter les services de ce pauvre jeune homme de la triste figure , Mademoiselle ! souffrez , s ' il vous plaît , qu ' il fasse votre galant , pour que notre maison illustre revisse les beaux jours d ' autrefois ! allons parler français toute la compagnie ! « Nun begann eine drollige Unterhaltung in französischen Brocken , welche sich auf die lustigste Weise kreuzten , weil niemand sich schämte , seine Schwerfälligkeit und Unkunde zu verraten , und der Scherz als eine Art Huldigung der Anna Gelegenheit geben sollte , ihre erworbene Bildung zu zeigen . Auch nahm sie bescheiden , aber sicher an dem seltsamen Gespräche teil und brachte ihre Reden mit artigem Akzente vor , geziert mit den Wendungen welscher Konversation als En vérité ! tenez ! voyez ! usf. , wozwischen der Oheim , seine Geistlichkeit vergessend , einige diables ! einfügte . Mir waren diese Formen keineswegs geläufig , und ich konnte meine Meinungen nur in strikter und nackter Übertragung vorbringen , dazu nicht in dem lieblichsten Akzente ; daher sagte ich , nur dann und wann oui und non oder je ne sais pas ! Die einzige Redensart , welche mir zu Gebote stand , war Que voulez-vous que je fasse ! und ich brachte diese Blüte mehrere Male an , ohne daß sie gerade paßte . Als hierüber gelacht wurde , machte mich dies trübselig und verstimmt ; denn mit jedem Augenblicke , seit ich an das seidene Kleid Annas streifte , wurde es mir bänger , daß ich als gänzlich wertlos und unbedeutend zum Vorschein käme , während ich doch bisher überzeugt war , das Beste und Höchste schätzen und erstreben zu wollen und gerade dadurch selber einen nicht unerheblichen Wert in mir zu tragen . In der Theorie hatte ich schon die Welt erobert und auch verdient und besonders über Anna durchaus verfügt ; da nun aber die Praxis begann , so beschlich mich gleich im Anfange eine verzagte Demut , welche ich ungefähr in folgende trotzige und gewaltige Rede zusammenfaßte : » Moi , j ' aime assez la bonne et vénérable langue de mon pays , qui est heureusement la langue allemande , pour ne pas plaindre mon ignorance du français . Mais Mademoiselle ma cousine ayant le goût français et comme elle doit fréquenter l ' église de notre village , c ' est beaucoup a plaindre qu ' elle n ' y trouvera point de ses orateurs vaudois qui sont si élevés , savants et dévots . Aussi , que son déplaisir ne soit trop grand , je vous propose , Monsieur mon oncle , de remonter en chaire , nous ferons un petit auditoire et vous nous ferez de beaux sermons français . Que voulez-vous que je fasse « , fügte ich etwas verlegen hinzu , als ich diese Rede so hastig und fließend als möglich gehalten hatte . Die Gesellschaft war sehr verwundert über diese langatmige Phrase und betrachtete mich als einen unvermuteten Teufelskerl von Franzosen , besonders da sie wegen der Schnelligkeit , mit der ich sprach , nichts davon verstanden hatten , außer dem Oheim , welcher vergnüglich lachte . Man ahnte freilich nicht , daß ich die Rede im stillen förmlich ausgedacht und daß ich keineswegs mit dieser Geläufigkeit fortzufahren imstande wäre . Anna war die einzige Person , welche alles verstanden , und sie sagte kein Wort hierauf und schien innerlich beleidigt zu sein ; denn sie ward rot und sah verlegen vor sich nieder . Sie verstand nämlich keinen Spaß in bezug auf die waadtländischen Geistlichen , weil sie nebst dem Französischen einen Anflug orthodox kirchlichen Wesens davongetragen hatte . Da ich bemerkte , daß die verkehrte Art , meine innere Mutlosigkeit zu äußern , fast einen üblen Eindruck gemacht , so flüchtete ich mich , sobald möglich , vom Tische hinweg . Es läutete nun das letzte Zeichen zur Kirche , und die ganze Familie rüstete sich zum Kirchgange . Anna zog helle glänzende Lederhandschuhe an , und die drei Mädchen des Hauses , welche bisher , obgleich städtisch gekleidet , wie die Landmädchen ohne Handschuhe zur Kirche gegangen , brachten nun ebenfalls deren gestrickte aus Seide oder Baumwolle zum Vorschein und putzten sich damit aus . Anna zeigte , als man zum Gehen bereit war , ein gesammeltes und andächtiges Wesen , sprach nicht mehr viel und sah vor sich nieder ; und die übrigen Bäschen , welche von jeher lachend und fröhlich zur Kirche gegangen , gaben sich nun auch ein feierliches Ansehen , daß ich ganz aus der Verfassung kam und nicht wußte , wie ich mich gebärden sollte . Ich stand aus Verlegenheit am Ofen , obschon die junge Sommersonne auf dem Garten sich lagerte ; man fragte mich , ob ich denn nicht mitginge ? worauf ich , um endlich mir wieder etwas Geltung zu verschaffen , mit Wichtigkeit sprach : nein , ich hätte nicht Zeit , ich müßte schreiben ! Heute ging das ganze Haus zur Kirche , wohl Anna zu Ehren , und nur ich allein blieb zurück . Durch das Fenster sah ich dem Zuge nach , welcher sich durch die Wiesen unter den Bäumen hinbewegte und dann auf der Höhe des Kirchhofes zum Vorschein kam , um endlich in der Kirchentür zu verschwinden . Diese wurde bald darauf geschlossen , das Geläute schwieg , der Gesang begann und hallte deutlich und schön herüber . Auch dieser schwieg , und nun verbreitete sich ein Meer von Stille über das Dorf , nur hie und da , wie von Möwenschrei , durch einen kräftigern Ruf des Predigers unterbrochen . Das Laub und die Millionen Gräser waren mäuschenstill , trieben aber nichtsdestominder mit Hin- und Herwackeln allerlei lautlosen Unfug , wie mutwillige Kinder während einer feierlichen Verhandlung . Die abgebrochenen Töne der Predigt , welche durch einen offenen Fensterflügel sich in die Gegend verloren , klangen seltsam und manchmal wie hollaho ! manchmal wie juchhe ! oder hopsa ! bald in hohen Fisteltönen , bald tief grollend , jetzt wie ein nächtlicher Feuerruf und dann wieder wie das Gelächter einer Lachtaube . Während der Pfarrer predigte und ich Anna in Gedanken aufmerksam und still dasitzen sah , nahm ich Papier und Feder und schrieb meine Gefühle für sie in feurigen Worten nieder . Ich erinnerte sie an die zärtliche Begebenheit auf dem Grabe der Großmutter , nannte sie mit ihrem Namen und brachte so häufig als möglich das Du an , welches ehedem zwischen uns gebräuchlich gewesen . Ich ward ganz beglückt über diesem Schreiben , hielt manchmal inne und fuhr dann in um so schöneren Worten wieder fort . Das Beste , was in meiner zufälligen und zerstreuten Bildung angesammelt lag , befreite sich hier und vermischte sich mit der Empfindung meiner augenblicklichen Lage . Überdies wob sich eine schwermütige Stimmung durch das Ganze , und als das Blatt vollgeschrieben war , durchlas ich es mehrere Male , als ob ich damit jedes Wort der Anna ins Herz rufen könnte . Dann reizte es mich , das Blatt offen auf dem Tische liegenzulassen und in den Garten zu gehen , damit es der Himmel oder sonst wer durch das offene Fenster lesen könne ; aber nur die völlige Sicherheit , daß jetzt doch keine menschliche Seele in der Nähe sei , gab mir diese Verwegenheit , mit welcher ich zwischen den Beeten auf und nieder spazierte , nach dem Fenster hinaufschauend , hinter welchem meine schöne Liebeserklärung lag . Ich glaubte etwas Rechtes getan zu haben und fühlte mich zufrieden und befreit , verfügte mich aber bald wieder in die Stabe , da ich dem Frieden doch nicht recht traute , und kam gerade dort an , als das Blatt , durch den Luftzug getragen , zum Fenster hinaussäuselte . Es setzte sich auf einem Apfelbaume nieder ; ich lief wieder in den Garten ; dort sah ich es sich erheben und mit einem gewaltigen Schusse auf das Bienenhaus zufliegen , wo es hinter einem vollen summenden Bienenkorbe sich festklemmte und verschwand . Ich näherte mich dem Korbe ; allein die Bienen waren , in Betracht der kurzen Sommerzeit , polizeilich von der Sonntagsfeier dispensiert und ihre Arbeit als Notwerk erklärt ; es summte und kreuzte sich vor dem Hause , daß an kein Durchkommen zu denken war . Unschlüssig und ängstlich blieb ich stehen ; doch ein empfindlicher Stich auf die Wange bedeutete mir , daß meine Liebeserklärung für einmal der bewaffneten Obhut dieses Bienenstaates anheimgegeben sei . Für einige Monate lag sie allerdings sicher hinter dem Korbe ; wenn aber der Honig ausgenommen wurde , so kam sicher auch mein Blatt zutage , und was dann ? Indessen betrachtete ich diesen Vorfall als eine höhere Fügung und war halb und halb froh , meine Erklärung aus dem Bereiche meines Willens einer allfälligen Entdeckung ausgesetzt zu wissen . Meine gestochene Wange reibend , verließ ich endlich die Bienen , nicht ohne genau nachzusehen , ob nirgends ein Zipfelchen des weißen Blattes hervorgucke . Der Gesang in der Kirche ertönte wieder , die Glocken läuteten , und die Gesellschaft kam in einzelnen Gruppen zerstreut nach Hause . Ich stand wieder oben am Fenster und sah Annas Gestalt durch das Grüne allmählich herannahen . Ihren weißen Hut abnehmend , stand sie vor dem Bienenhause einige Zeit still und schien die fleißigen Tierchen mit Wohlgefallen zu betrachten ; mit noch größerm Wohlgefallen betrachtete ich jedoch sie , welche so ruhig vor meinem verborgenen Geheimnisse stand , und ich bildete mir ein , daß die Ahnung desselben sie an der blühenden und lieblichen Stelle festhalte . Als sie heraufkam , zeigte sie jene zufriedene Fröhlichkeit Andächtiger , welche aus der Kirche kommen , und machte sich nun ein wenig lauter und zugänglicher als vorher . Beim Mittagessen , wo ich wieder neben sie zu sitzen kam , begann jedoch meine herbe süße Schule wieder . An Sonn- und Festtagen glich der Tisch meines Oheims ganz seinem Hause und zeigte dessen merkwürdige und malerische Zusammensetzung in allen Stücken . Drei Vierteile desselben , von der Jugend und den Dienstleuten besetzt , trugen große ländliche Schüsseln mit den entsprechenden Speisen mächtige Stücke Rindfleisch und gewaltige Schinken . Neuer Wein aus einem großen Kruge wurde in einfache grünliche Gläser geschenkt , Messer und Gabeln waren aufs billigste beschaffen und die Löffel von Zinn . Nach der Spitze der Tafel zu , wo der Oheim und die allfälligen Gäste saßen , veränderte sich die Gestalt dieser Dinge . Dort waren die Ergebnisse der Jagd oder des Fischfanges nebst anderen guten Dingen in kleinen Portionen aufgestellt ; denn da die Muhme dem Zubereiten und Essen solcher Sachen nicht grün war , so behandelte sie dieselben apothekerhaft und spitzfingerig , gleich einem Grobschmied , der eine Uhr zusammensetzen will . Auf einem bunten alten Porzellanteller lag hier ein gebratener Vogel , dort ein Fisch , einige rote Krebse oder ein feines Salätchen . Alter starker Wein stand in kleineren Flaschen , uralte Ziergläser der verschiedensten Form dabei ; die Löffel waren von Silber , und das übrige Besteck bestand aus den Trümmern früherer Herrlichkeit , hier ein Messer mit einem Elfenbeinhefte , dort eine kurzgezackte Gabel mit Emailgriff . Aus dem Gewimmel dieser Zierlichkeiten ragte das ungeheure Brot wie ein Berg empor , als ein mächtiger Ausläufer des untern Speisengebirges , dessen Anwohner sich an der Ausschließlichkeit der oberen Feinschmecker dadurch rächten , daß sie eine scharfe Kritik über deren Geschicklichkeit im Essen ausübten . Wer nicht rasch und reinlich einen Fisch zu verzehren oder die Knöchelchen eines Vogels zu zerlegen wußte , hatte für den Spott nicht zu sorgen . Bei der Mutter an die einfachste Lebensweise gewöhnt , war meine Gewandtheit in Fisch- und Vogelessen nur gering , und ich sah mich daher am meisten den Witzen der Tischgenossen ausgesetzt . So hielt mir auch heute ein Knecht einen Schinken her und bat mich , ihm diesen Taubenflügel zu zerlegen , da ich so geschickt hierin sei ; ein anderer hielt mich für vortrefflich geeignet , den Rückgrat einer Bratwurst zu benagen . Dazu sollte ich als angeblicher Galan meine Schöne bedienen , was mir durchaus unbequem war ; denn außer daß es mir lächerlich vorkam , ihr ein Gericht vorzuhalten , das ihr vor der Nase stand , und ich ihr lieber mit dem Herzen als mit den Händen dienen wollte , wo es nicht nötig war , reichte meine Kenntnis hiefür nicht aus , sondern ich präsentierte manchmal den Schwanz eines Fisches , wo der Kopf gut war , und umgekehrt . Ich ließ sie auch bald unbedient sitzen und freute mich unbeschwert ihrer Nähe ; aber der Oheim weckte mich aus diesem Vergnügen , als er mich aufforderte , Anna einen Hechtkopf auseinanderzulegen und ihr die Symbole des Leidens Christi zu zeigen , welche darin enthalten sein sollten . Allein ich hatte diesen Kopf unbesehens gegessen , obschon man früher davon gesprochen , und stellte mich nun zugleich als einen unwissenden Heiden dar ; darüber ärgerlich , ergriff ich mit der Faust den mittlerweile entblößten Schinkenknochen , hielt ihn der Anna unter die Augen und sagte , hier wäre noch ein heiliger Nagel vom Kreuze . Ich behielt nun freilich wieder recht in den Augen der Spötter , doch Anna hatte gerade solche Grobheit nicht verdient , da sie mich nicht verspottet und ganz still neben mir gesessen hatte . Sie wurde über und über rot , ich fühlte augenblicklich mein Unrecht und hätte aus Reue gern den Knochen verschlungen . Das ersparte mir aber nicht einen kleinen Verweis des Oheims , welcher mich ersucht haben wollte , dergleichen Mitteilungen zu unterlassen . Das Rotwerden war nun an mir , und ich sagte nichts mehr während der übrigen Zeit , die man am Tische zubrachte . Ich zog mich zurück in bitterm Unmute und gedachte mich nicht mehr sehen zu lassen , bis meine Basen mich aufsuchten und mich aufforderten , mit ihnen und ihren Brüdern Anna nach Hause zu begleiten und den Schulmeister zu besuchen . Da ich in eine beschämende Lage geraten , so fanden sie es angemessen , mich durch diese Freundlichkeit daraus zu ziehen ; denn sie wußten wohl , daß ich sonst nach der Sitte jenes Alters nicht mitkommen konnte , wo das Schmollen eine Ehrensache und an bestimmte Gesetze gebunden ist . Wir zogen also aus und gingen dem Flüßchen nach durch den Wald . Ich blieb still , und als wir , durch die Enge des Weges getrennt , hintereinander gehen mußten , marschierte ich als der letzte hintendrein , dicht nach Anna , aber immer in tiefem Schweigen . Meine Augen hingen mit Andacht und Liebe an ihrer Gestalt , immer bereit , sich abzuwenden , sobald sie zurückschauen würde . Doch tat sie dies nicht ein einziges Mal ; hingegen bildete ich mir mit innerlichem Vergnügen ein , daß sie hie und da mit einer kaum sichtbaren Absicht zu gefallen sich über schwierige Stellen hinbewegte . Ich machte ein paarmal schüchterne Anstalten , ihr behilflich zu sein , allein immer kam sie meinen Händen zuvor . Da stand an einer erhöhten Stelle des Weges die schöne Judith unter einer dunklen Tanne , deren Stamm wie eine Säule von grauem Marmor emporstieg . Ich hatte sie lange nicht mehr gesehen ; sie schien mit der Zeit noch immer schöner zu werden und hatte die Arme übereinandergeschlagen , eine Rosenknospe im Munde , mit welcher ihre Lippen nachlässig spielten . Sie grüßte eines um das andere , ohne sich in ein Gespräch einzulassen , und als ich schließlich auch an die Reihe kam , nickte sie mir leicht zu mit einem etwas ironischen Lächeln . Der Schulmeister begrüßte uns mit Freuden und vor allen seine Tochter , die er sehnlich zurückerwartet . Denn sie war nun die Erfüllung seines Ideales geworden , schön , fein , gebildet und von andächtigem , edlem Gemüte , und mit dem bescheidenen Rauschen ihres Seidenkleides war , nicht in schlimmem Sinne , eine neue schöne Welt für ihn aufgegangen . Er hatte zu seinem bisherigen Vermögen noch eine gute Erbschaft gemacht und benutzte diese , ohne Vornehmtuerei , sich mit allerhand anständigen Bequemlichkeiten zu umgeben . Was seine Tochter nach den aus Welschland mitgebrachten Bedürfnissen irgend wünschen konnte , schaffte er augenblicklich an und überdies eine Anzahl schöner Bücher für seine eigenen Wünsche . Auch hatte er seinen grauen Frack mit einem feinen schwarzen Leitrock vertauscht , wenn er ausging , und im Hause trug er einen ehrbaren talarartigen Schlafrock , um mehr das Ansehen eines würdigen , halbgeistlichen Privatgelehrten zu gewinnen . Was irgend mit einer Stickerei geziert werden konnte an seiner Person oder an seinem Geräte , das zeigte diesen Schmuck in allen Manieren und Farben , da ihm solcher ausnehmend gefiel und Anna reichlich dafür sorgte . In dem kleinen Orgelsaale stand nun ein prächtiges Sofa mit buntgestickten Kissen , und vor demselben lag ein großblumiger Teppich von Annas Hand . Diese reiche Farbenpracht , an einer Stelle zusammengehäuft , nahm sich vortrefflich und eigentümlich aus im Gegensatze zu dem einfachen weißgetünchten Saale . Nur die Orgel bot noch einigen Schmuck in glänzenden Pfeifen und mit ihren bemalten Türflügeln . Anna erschien nun in einem weißen Kleide und setzte sich an die Orgel . Sie hatte in der Pension Klavier spielen müssen , lehnte es aber ab , ein Klavier zu haben , als ihr Vater sogleich ein solches anschaffen wollte ; denn sie war zu klug und zu stolz , die gewöhnliche Klimperei fortzusetzen . Dagegen wandte sie das Erlernte dazu an , sich für einfache Lieder auf der Orgel einzuüben ; sie begleitete also jetzt unsern Gesang , und der Schulmeister weilte dafür singend in unserm Kreise . Er schaute fortwährend seine Tochter an , und ich ebenfalls , da wir ihr im Rücken standen ; sie sah wirklich aus wie eine heilige Cäcilie , während die Stellung ihrer weißen Finger auf den Tasten noch etwas Kindliches ausdrückte . Als wir des musikalischen Vergnügens satt waren , gingen wir vor das Haus ; dort war auch vieles verändert . Auf dem Treppchen standen Granat- und Oleanderbäumchen , das Gärtchen war nicht mehr ein krauses Rosen- und Gelbveigeleingärtchen , sondern , Annas jetziger Erscheinung mehr angemessen , mit fremden Gewächsen und einem grünen Tische nebst einigen Gartenstühlen versehen . Nachdem wir hier eine kleine Abendmahlzeit eingenommen , gingen wir an das Ufer , wo ein neuer Kahn lag ; Anna hatte auf dem Genfersee fahren gelernt und der Schulmeister deswegen das Fahrzeug machen lassen , das erste , welches auf dem kleinen See seit Menschengedenken zu sehen war . Außer dem Schulmeister stiegen wir alle hinein und fuhren auf das ruhige glänzende Wasser hinaus ; ich ruderte , da ich als Anwohner eines größern Sees auch meine Künste zeigen wollte , und die Mädchen saßen dicht beisammen , die Bursche aber hielten sich unruhig und suchten Scherz und Händel . Endlich gelang es ihnen , das Gefecht wieder zu eröffnen , zumal sich ihre Schwestern aus der gemessenen Haltung heraus nach freier Bewegung sehnten . Sie hatten sich nun genug darin gefallen , mit Anna die Feinen und Gestrengen zu machen , und wünschten vorzüglich die Früchte des Spukes , welchen sie sich mit meinem Bette erlaubt hatten , mit Glanz einzuernten . Deshalb wurde ich bald der Gegenstand des Gespräches ; Margot , die Älteste , berichtete Anna , daß ich mich als einen strengen Feind der Mädchen dargestellt hätte und wohl nicht zu hoffen wäre , daß ich jemals mich eines schmachtenden Herzens erbarmen würde ; sie warne daher Anna zum voraus , sich nicht etwa früher oder später in mich zu verlieben , da ich sonst ein artiger junger Mensch sei . Darauf bemerkte Lisette , es wäre dem Schein nicht zu trauen ; sie glaube vielmehr , daß ich innerhalb lichterloh brenne vor Verliebtheit , in wen , wisse sie freilich nicht ; allein ein sicheres Zeichen davon wäre mein unruhiger Schlaf , man habe am Morgen mein Bett im allersonderbarsten Zustande gefunden , die Leintücher ganz verwickelt , so daß zu vermuten , ich habe mich die ganze Nacht um mich selbst gedreht wie eine Spindel . Scheinbar besorgt fragte Margot , ob ich in der Tat nicht gut geschlafen ? Wenn dem so wäre , so wüßte sie allerdings nicht , was sie von mir halten müßte . Sie wolle inzwischen hoffen , daß ich nicht ein solcher Heuchler sei und den Mädchenfeind spiele , während ich vor Liebe nicht wüßte , wo hinaus ! Überdies wäre ich doch noch zu jung für solche Gedanken . Lisette erwiderte , eben das sei das Unglück , daß ein Grünschnabel wie ich schon so heftig verliebt sei , daß er nicht einmal mehr schlafen könne . Diese letzte Rede brachte mich endlich auf , und ich rief : » Wenn ich nicht schlafen konnte , so geschah das , weil ich durch euere eigene Verliebtheit die ganze Nacht gestört wurde , und ich habe wenigstens nicht allein gewacht ! « - » O gewiß sind wir auch verliebt , bis über die Ohren ! « sagten sie etwas betroffen , faßten sich aber sogleich , und die Ältere fuhr fort : » Weißt du was , Vetterchen , wir wollen gemeinsam zu Werke gehen ; vertraue uns einmal deine Leiden , und zum Danke dafür sollst du unser Vertrauter werden und unser Rettungsengel in unseren Liebesnöten ! « - » Es dünkt mich , du hast keinen Rettungsengel notwendig « , antwortete ich , » denn an deinem Fenster steigen die Engel schon ganz lustig die Leiter auf und nieder ! « - » Hört , nun redet er irre , es muß schon arg mit ihm stehen ! « rief Margot , rot werdend , und Lisette , weiche noch beizeiten sich verschanzen wollte , setzte hinzu : » Ach , laßt den armen Jungen in Ruh , er ist mir recht lieb und dauert mich ! « - » Schweig du ! « sagte ich noch mehr erbost , » dir fallen die Liebhaber von den Bäumen in die Kammer ! « Die Bursche klopften in die Hände und riefen : » Oho , steht es so ? Der Maler hat gewiß etwas gesehen , freilich , freilich , freilich ! Wir haben ' s schon lange gemerkt ! « und nun nannten sie die begünstigten Liebhaber der beiden Dämchen , welche uns den Rücken wandten mit den Worten : » Larifari ! ihr seid alle verlogene Schelme und der Maler ein recht böser Hauptlügner ! « Lachend und flüsternd unterhielten sie sich hierauf mit den anderen beiden Mädchen , die nicht recht wußten , woran sie waren , und alle würdigten uns keines Blickes mehr . So hatte ich das Geheimnis , das ich am Morgen großmütig zu verschweigen gelobt , noch vor Untergang der Sonne ausgeplaudert . Dadurch war der Krieg zwischen mir und den Schönen erklärt , und ich sah mich plötzlich himmelweit von dem Ziele meiner Hoffnungen gerückt ; denn ich dachte mir alle Mädchen als eng verbündet und gleichsam eine Person , mit welcher man im ganzen gut stehen müsse , wenn man ein Teilchen gewinnen wolle . Neuntes Kapitel Der Philosophen- und Mädchenkrieg Um diese Zeit wurde der zweite Lehrer des Dorfes versetzt , und an seine Stelle kam ein blutjunges Schulmeisterlein von kaum siebzehn Jahren , welches bald ein Aufsehn in der Gegend machte . Es war ein wunderhübsches Bürschchen mit rosenroten Wänglein , einem kleinen lieblichen Munde , mit einem kleinen Stumpfnäschen , blauen Augen und blonden gelockten Haaren . Er nannte sich selbst einen Philosophen , weshalb ihm dieser Name allgemein zuteil wurde , denn sein Wesen und Treiben war in allen Stücken absonderlich . Mit einem vortrefflichen Gedächtnisse begabt , hatte er die zu seinem Berufe gehörigen Kenntnisse bald erworben und sich im Seminare daher mit dem Studium von allen möglichen Philosophien abgegeben , welche er den Worten nach auswendig lernte ; denn er behauptete , der beste Volksschulmeister sei nur derjenige , welcher auf dem höchsten und klarsten Gipfel menschlichen Wissens stände , mit dem umfassenden Blicke über alle Dinge , das Bewußtsein bereichert mit allen Ideen der Welt , zugleich aber in Demut und Einfalt , in ewiger Kindlichkeit wandelnd unter den Kleinen , womöglichst mit den Kleinsten . Demgemäß lebte er wirklich ; aber dies Leben war seiner großen Jugend wegen eine allerliebste Travestie in Miniatur . Gleich einem Stare wußte er alle Systeme von Thales bis auf heute herzusagen ; allein er verstand sie immer im wörtlichsten und sinnlichsten Sinn , wobei besonders seine Auffassung der Gleichnisse und Bilder einen komischen Unfug hervorbrachte . Wenn er von Spinoza sprach , so war ihm nicht etwa die Idee aller möglichen Stühle der Welt , als ein Stück zweckmäßig gebrauchter Materie , der Modus , sondern der einzelne Stuhl , der gerade vor ihm stand , war ihm der fertige und vollständige Modus , in welchem die göttliche Substanz in wirklichster Gegenwart steckte , und der Stuhl wurde dadurch geheiligt . Bei Leibniz fiel ihm nicht etwa die Welt in einem greulichen Monadenstaub auseinander , sondern die Kaffeekanne auf dem Tisch , mit welcher er gerade exemplierte , drohte auseinanderzugehen und der Kaffee , welcher im Gleichnis nicht mitbegriffen , auf den Tisch zu fließen , so daß der Philosoph sich beeilen mußte , durch die prästabilierte Harmonie die Kanne zusammenzuhalten , wenn wir den erquickenden Trank genießen wollten . Bei Kant horte man das göttliche Postulat so leibhaftig und zierlich erklingen wie ein Posthörnchen , aus der tiefen Ferne der innersten Brust ; bei Fichte verschwand wieder alle Wirklichkeit gleich den Trauben in Auerbachs Keller , nur daß wir nicht einmal an unsere Nasen glauben durften , welche wir in den Händen hielten ; wenn Feuerbach sagte Gott ist nichts anderes , als was der Mensch aus seinem eigenen Wesen und nach seinen Bedürfnissen abgezogen und zu Gott gemacht hat , folglich ist niemand als der Mensch dieser Gott selbst , so versetzte sich der Philosoph sogleich in einen mystischen Nimbus und betrachtete sich selbst mit anbetender Verehrung , so daß bei ihm , indem er die religiöse Bedeutung des Wortes immer beibehielt , zu einer komischen Blasphemie wurde , was im Buche die strengste Entsagung und Selbstbeschränkung war . Am drolligsten nahm er sich jedoch aus in seiner Anwendung der alten Schulen , deren Lebensregeln er in seinem äußern Behaben vereinigte . Als Cyniker schnitt er alle überflüssigen Knöpfe von seinem Rocke , warf die Schuhriemen weg und riß das Band von seinem Hute , trug einen derben Prügel in der Hand , welcher zu seinem zarten Gesichtchen seltsam kontrastierte , und legte sein Bett auf den bloßen Boden ; bald trug er sein schönes Goldhaar in langen , tausendfach geringelten Locken , weil die Schere überflüssig sei , bald schnitt er es so dicht am Kopfe weg , daß man mit dem feinsten Zängelchen kaum