Herz , noch für mich selbst . Ersiehst du aber aus dieser Zumutung , wie unverständlich die Mutter und ich uns gegenseitig sind ? « » Aus dieser Zumutung , Liebster , ersehe ich es nicht . Mir scheint , deine Mutter hat recht . « » Hinsichtlich der Erbschaft meinst du ? « » Auch hinsichtlich ihrer . « » Mehlbornsche Verbissenheit , Kind ! Alle Plebejer mißtrauen dem Adel . Tante Thusnelda setzte ihren Stolz darein , frei von Vorurteil zu sein ; Geld und Gut dagegen wußte sie zu schätzen . Abstrahiert von persönlichen Sympathien und Antipathien , würde schon der Reiz , sich das zersplitterte Werbensche Besitztum einstmals in einer Hand vereinigt und durch einen bedeutenden Landkomplex erweitert zu denken , sie bewogen haben , das Stammgut auf mich zu übertragen . Meine kleine Sidi hat sich die Erbschaft freilich in den Kopf gesetzt , und ich lasse sie gern in ihrem Wahn , da im wesentlichen nichts an der Sache geändert wird . Bruder und Schwester wirtschaften aus einer Tasche . Du aber , Lydia , wirst mir beipflichten , daß die schönheitssüchtige Harfenkönigin nimmermehr ein verunstaltetes , zum Einzelnleben verurteiltes Geschöpf wie meine arme Schwester zur Repräsentantin ihres Geschlechtes erwählen konnte . « » Ich habe kein Urteil über die Sinnesart unserer Tante , « versetzte Lydia , » und ich sehe mit Schmerz diesen Wirbeltanz um ein goldenes Kalb . Ach , glücklich die Armen , lieber Max , deren Andenken nicht über ihrer Hinterlassenschaft verloren geht ! Ist es denn aber nicht unter allen Umständen ein Frevel , über sein eigenstes Schicksal einen bloßen Zufall entscheiden zu lassen ? « » Kleiner Lutherscher Starrkopf ! Entscheidet über unser ganzes Leben denn nicht das , was du , höchst unfromm , Zufall nennst , und ich , der Unfromme , Himmelsgunst ? Nur der Krämer baut nach Ameisenart ; jeder sich fühlende Mensch rechnet auf seinen Stern . « » Nicht der Christ , « entgegnete Lydia leise . Ihr Verlobter maß sie mit einem unmutigen Blick . Das » Heilige ihrer Schönheit « , wie er es nannte , hatte ihn angezogen ; diese » Betschwesterphrase « stieß ihn ab , weit mehr als die » Schulweisheit « der Mutter ihn abgestoßen hatte . Beide schwiegen . Lydia fühlte , daß heute nichts mehr von ihm zu erreichen sein würde ; sie setzte sich in einen Fensterbogen und blickte hinauf zu dem grauen Wolkenhimmel . Sie rang mit ihrem Nebel . Max wäre , seine Verstimmung abzuschütteln , gern in das Freie hinausgestürmt ; aber das Gewitter hatte sich in einen Landregen verzogen , es mußte im Hause stillgehalten werden . Bruder Martin , unter dem Vorwand , Sidonien den Brief ihrer Mutter zu bringen , hatte Eile gehabt , sich der lustigen Jugend in der Pfarre zuzugesellen , der Propst , ruhebedürftig , sich zurückgezogen . Philipp studierte mit seinem Lehrer in dessen Zimmer ; seine Mutter blickte kaum von ihrer feinen Handarbeit auf . Die Bescheidenheit der Unterhaltungsansprüche , welche diese friedliche Seele an sich selbst wie an andere stellte , hatte Max schon wiederholt in Staunen versetzt , heute versetzte sie ihn nahezu in Zorn . Er hätte etwas Zerstreuendes lesen mögen : aber auf dem Schlosse gab es nur vertiefende Lektüre ; eine bewegte Weise singen : aber an der Orgel , oder dem Klapperkasten ? Er schritt mit unmutiger Hast das Zimmer auf und ab ; seine Blicke streiften die stillsinnende Geliebte . Die Vorstellung , daß sie ihre Jugend hingebracht habe und , ohne sein Dazwischentreten , auch ferner hingebracht haben würde , ohne die Einödigkeit ihres Daseins nur innezuwerden , rührte ihn halb , und halb erbitterte sie ihn . So leben Nixen , nicht warmblütige Menschen ! Ihn würde die Notwendigkeit , mehr als einen Regenabend in dieser Wohnstubenatmosphäre zu verbringen , schlechthin toll gemacht haben . Seine Tage waren bisher in so frohem Wechsel verrauscht , und er hatte so wenig auf fremde Existenzen geachtet , daß solch verdrießliche Stimmung ihm eine neue Erfahrung war . Sie hätte , ließe sich meinen , just die geeignete sein müssen zu einem fesselnsprengenden Sang : einem Sturmlied oder einer weltschmerzlichen Elegie . Da sie indessen den Rhythmus in seiner Brust , statt ihn zu lösen , dämmte , da in ihm und außer ihm alles , was Klang hieß , schwieg , mußte Bruder Martin wie ein rettender Genius begrüßt werden , als er , abgesendet von der gesamten jungen und alten Gesellschaft , erschien , das Brautpaar zur Verherrlichung eines musikalischen Abends in die Pfarre einzuladen . Lydia hätte wohl vorgezogen , in stillem Alleinsein sich durch den Nebel zu kämpfen ; doch legte sie ohne Einwand ihren Arm in den des Geliebten , und sie gingen . Wer Max von Hartenstein , dem umhuldigten Dichter und verhätschelten Liebling der distinguiertesten großstädtischen Kreise , noch vor zwei Wochen gesagt hätte , daß er als Matador im Werbenschen Pfarrhause glänzen , - oder am Ende nicht einmal glänzen werde ! Er lachte spöttisch über sich selbst und hätte der Liebe zürnen mögen , welche den besten Mann in so läppische Netze verstrickt . Daß einer von seiner Zunft , welchen das Vaterland zurzeit noch seinen größten nannte , es einstmals nicht unter seiner Würde gehalten hatte , das holdeste deutsche Idyll in einem ländlichen Pfarrhause nicht etwa zu dichten , sondern zu durchleben , fiel ihm zur Versöhnung mit sich selbst wohl ein , war aber doch nur ein halber Trost ; denn der alte Dichter hegte bloß ein Liebchen , dem er am ersten langweiligen Tage entfliehen durfte , und den jungen Dichter fesselte eine verlobte Braut . Gottlob , daß dieser bräutliche Zwitterzustand zu Ende lief , und daß er bald ein geliebtes Weib , eine Galathea , die unter seinen Küssen zum Leben erwachen würde , in seine wahre Heimat führen durfte ! Sidonie hatte eben eine Mazurka von Chopin , ihrem » melancholischen Liebling « , ausrasen lassen , als der , welcher bisher ihr lächelnder Liebling gewesen war , eintrat , auffällig in der Stimmung eines Furioso und an seiner Seite die Braut , auf deren Wangen die Blüte der Freude erloschen war . Das kluge Fräulein erkannte alsobald die Wirkung der mütterlichen Briefe und suchte sie in einem Zwiegespräch mit ihrem Bruder hinwegzuscherzen . Aber die Wirkung beharrte ; nicht sowohl weil sie ihn persönlich so stark ergriffen hatte , sondern weil er das Herz so stark ergriffen sah , das seine Impulse nur von ihm empfangen sollte . » Ach , geh doch , Brüderchen ! « sagte die kleine Sidi lachend . » Ein Poet und eifersüchtig auf die Kritik der reinen Vernunft ! « Das Pfarrröschen hatte währenddessen am Klavier Platz genommen , um , ohne Scheu vor dem demütigenden Abstand , ein munteres Liedchen anzustimmen , auch mit ihrer Lerchenkehle und ihrem Schweizerbuben bei gegenwärtigem Publikum einen Anklang gefunden , der sich mit dem des nationalen Pathos der Virtuosin reichlich messen durfte . Nun aber , da die Sennerin ihr Liebeslocken ausgezwitschert hatte , war an Bruder Apoll die Reihe , sein Liebesgrollen in entsprechenden Tönen auszuströmen . Sidonie hatte dafür gesorgt , daß ein Teil ihres Notenvorrats » die selige Harfe « nach der Heimat begleitete ; sie reichte ihrem Bruder ein Heft Schubertscher Lieder , in deren Vortrag er , wie sein Ruf ging , exzellieren sollte . Da sie selbst diesen Ruf noch nicht erprobt hatte , war sie in der gespanntesten Erwartung . » Dies ! « sagte Max . Sie schlug die einleitenden Akkorde an , und : » Bedecke deinen Himmel , Zeus , mit Wolkendunst , « schallte es zornsprühend durch das friedliche Blümelsche Familienzimmer . Max hätte schwerlich eine Wahl treffen können , welche seiner sonoren Stimme , seinem dramatischen Vortrag und seinem heutigen Mißmut sich trefflicher anpaßte als diese musikalische Deklamation ; aber auch keine , deren Text die alten wie jungen Herzen seiner Hörer tiefer erschüttert hätte . Nicht einer von ihnen , außer Sidonien , auch Konstantin Blümel nicht , des heidnischen Mythos Freund , auch nicht Peter Kurze , der akademische Fuchs , oder Dezimus Frey , der Primaner , die doch sämtlich mit dem gottzürnenden Titanen einen mehr oder minder behagenden Umgang in seiner Ursprache geführt hatten , nein , nicht einer von ihnen kannte die majestätische Version ihres vaterländischen Dichters , und sie wirkte vielleicht eben darum so mächtig , weil die begleitende Musik dem unerreichbaren rhythmischen Zauber der Sprache nur gleichsam als Folie beigefügt worden ist . In dramatischer Steigerung hob sich Satz um Satz , und als das höhnende : » Und dein nicht achtet wie ich « verhallte , da herrschte minutenlang atemlose Stille . In Sidoniens Augen funkelten Tränen , und dem Greise wie dem Jüngling rieselten Schauer vom Kopf zur Zeh . Rose , Martin und seine jüngsten Schwestern empfanden , was sie nur halb verstanden , und Peter Kurze verstand , was er nur mäßig empfand . Dort aber im Fenster saß Lydia , bleich wie eine Entseelte , die glanzlosen Augen weit geöffnet , ihre Arme hingen schlaff am Körper herab , und zwei kalte Tropfen glitten über ihre Wangen . » Und dein nicht achtet wie ich ! « hauchten die bebenden Lippen . » Hast du die Verse selber gemacht , Max ? « fragte endlich der Leutnant . Und mit der Frage kam wieder Leben in die Gesellschaft . Max gab keine Antwort ; er selbst war durch den Vortrag bis zum Verstummen ergriffen ; Schwester Sidi aber , schon wieder in belustigter Laune , entgegnete : » Nimm dafür an , daß er sie selber gemacht , Freund Martin , laß es dir aber nicht einfallen , auch dergleichen machen zu wollen . « Und Freund Martin nahm dafür an , daß das Genie der Familie die Verse gemacht , und es fiel ihm nicht ein , auch dergleichen machen zu wollen . Röschen flocht mit fliegenden Fingern einen Narzissenstrauß , den sie am Morgen gepflückt hatte , zu einem Kranze , um ihn , statt des mangelnden Lorbeers , dem Sänger auf die Locken zu setzen ; Peter Kurze aber raunte in Dezems Ohr : » Läufts mit der Erbschaft schief , soll er aufs Theater gehen , und sein Glück ist gemacht ! « Max hatte sich zu Lydia gewendet , deren Erschütterung ihn entzückte , er erwartete ein entsprechendes Beifallszeichen ; aber sie sah ihn nur flehend an und sagte leise : » Singe das Lied nicht wieder , Max ! « » Da es dir nicht gefallen hat , in deiner Gegenwart gewiß nicht , Liebe , « versetzte er gereizt . » Gefallen ? ach , Max ! « entgegnete sie mit sanftem Vorwurf . » Es klang wie aus deiner Seele heraus . « » Es klang auch aus meiner Seele heraus , « sagte er und wendete sich ab . Am anderen Morgen hatten die Wolken am Himmel sich verzogen und die in den Gemütern auch . Der gekränkte Prometheus war wieder ein zärtlicher Liebhaber und die verstörte Gläubige eine vertrauende Braut . Dauernd jedoch ließ sich ein reiner Ton zwischen den Verlobten nicht behaupten . Das blinde Glück ihrer Liebe war dahin . Weit weniger für den Mann mit dem noch unverflogenen Rausch als für die Jungfrau , die aus ihrem Kindestraum gerissen worden war . In seiner Gegenwart umspann sie der Zauber der ersten Liebesstunde ; war sie aber allein , dann prüfte sie den Zauber auf seinen Gehalt , und er zerfloß nur allzu häufig in einen Schauder der Scham oder des Zweifels . Der Wohllaut seiner Rede bestrickte sie wie zuvor , suchte sie aber nach ihrem Sinn , dann fand sie selten einen Zusammenklang mit ihrem Gemüt und nicht einmal eine Umschreibung in ihren Gedanken . Sie sah ein , daß sie erst lernen müsse , ihn zu verstehen . Sie las seine Dichtungen von neuem , und es ging ihr mit ihrem Wohllaut auch heute noch wie mit dem der Rede ; sie nahm auch dieses und jenes von den Büchern in die Hand , welche er sich zur Kurzweil für die Stunden , die er nicht mit der Geliebten verbringen durfte , hatte schicken lassen . Das Neueste der Zeit , deutsche Lyrik und französische Romane . Lydia hatte als Mitschülerin ihres Bruders wie später zur Unterhaltung ihres kranken Vaters , so genau wie nur wenige junge Mädchen , mit Konstantin Blümels alten Heiden- und Christenfreunden Bekanntschaft gemacht ; ein Roman war ihr aber noch niemals vor Augen gekommen . Für Max anfänglich ein Reiz der Besonderheit mehr . Er verglich ihren Bildungsgang dem eines Klosterfräuleins im Mittelalter und nannte sie seine Roswitha . Was Wunder nun , daß der Blick , den er ihr in eine neue Dichterwelt erschloß , sie berauschte , daß ihre Pulse flogen und das Leben , welches sie bis heute geführt hatte , ihr eng und schal erschien - solange sie las oder ihn lesen hörte . Wenn sie aber , nachdem die erste Wallung gedämpft war , sich fragte , ob sie eine Freiheit , wie diese Helden und Heldinnen der Passion sie forderten , wie auch Max sie forderte für die Geliebte und für sich selbst , ob sie eine solche Freiheit fordern und dulden nicht nur wolle und dürfe , sondern einfach könne ? dann rief aus ihrem heimlichsten Innern eine Stimme : » Nimmer ! « Lydias Welt war vielleicht beschränkt , aber ihre Schranken waren tief begründet und ragten hoch . Wären sie ihr nicht durch Erziehung und Schicksal gesetzt worden , sie würde sich solche freiwillig gesetzt und niemals überschritten haben . Sie trachtete danach , sich unter die Oberhoheit eines Gatten zu stellen , wie sie bisher ohne Wanken unter der ihres Vaters gestanden hatte . Und an diesem Trachten scheiterte sie ; denn das Heldentum und das Martyrium , deren sie so gut wie alle diese gedichteten weiblichen Opfer unserer gesellschaftlichen Einrichtungen fähig gewesen wäre , waren solche , die hinwiederum der Dichter , den sie liebte , nicht verstand . Wie hätte sie diesem Manne nun vollends der Leitstern werden sollen , der ihm , zwischen Klippen und Strudeln hindurch , die Bahn zum Hafen wies ? Da ihr Vater neuerdings , ebenso lebhaft wie die Professorin , nach einem definitiven Plane für des Sohnes Zukunft drängte , kam sie wiederholt auf diesen Gegenstand zurück , war aber leider zu wenig in Frau Hanna Blümels Lebensschule gewitzigt , um für ihre gute Sache den gelegenen Moment abzuwarten ; und so geschah es denn mehr als einmal , daß sie Maxens Widerwillen und Widerspruch sich bis zum Widersinn steigern hörte . Der Schematismus und die kleinliche Praxis jeglicher Beamtenkarriere dünkte ihm unerträglich , - ihr einziger Ausläufer , der ihn gelockt haben würde , der in die Diplomatie , erheischte die äußeren Mittel , deren Mangel ja eben von seinen Drängern vorausgesetzt wurde . Der Entscheid mußte daher zunächst eine offene Frage bleiben . Im übrigen waren die Prämissen der Mutter wohl die richtigen , aber die Folgerungen , die sie zog , waren verkehrt . Just weil wir mit Riesenschritten einem politischen Umschwung entgegengingen , galt es , sich ungebunden für denselben zu erhalten . Ein Parlament fordert unabhängige Männer . Was aber die akademische Laufbahn betraf , lagen denn nicht auch auf ihr Handfesseln hier , Fußangeln dort ? Wer hatte die Freiheit zu lehren , was er dachte , auszusprechen , was in ihm glühte , was die Begeisterung der Jugend entzündete ? Leeres Stroh dreschen , abgestandene Formeln wiederkäuen , die bloße Vorstellung erregte Ekel . Endlich aber , welche Zeit erforderte die zu verfolgende Bahn , wenn der süßeste Besitz erst von dem erreichten Ziele abhängig gemacht werden sollte ! » Lieben wir uns denn nicht ! « wendete Lydia ein . » Können wir denn nicht warten ? « » Warten ! « rief er in heller Entrüstung . » Warten wie der Herr Kandidat und seine ewige Braut ! Warten heißt , die gute Stunde verpassen , und kein Unglück wurmt wie ein verpaßtes Glück . Heute liebst du mich , so wie ich eben bin , aber ich kann mich ändern , du kannst dich ändern ; weißt du denn , ob du mich in soundso viel Jahren , ja nur in einem Jahre auch noch liebst ? « » Max ! « unterbrach ihn Lydia entsetzt , » o Max , mit solchem Zweifel im Herzen denkst du eine Ehe einzugehen . « » Eben darum muß ich sie eingehen , Kind , « versetzte Max . » Die Ehe , so sagt man wenigstens , hat eine ausgleichende Macht . Unter allen Umständen hat sie die der Gewöhnung , der gemeinsten , aber gewaltigsten von allen Erdenmächten . Die Franzosen heiraten selten aus Liebe und befinden sich , lediglich durch Akkommodation , nicht übler als wir deutsche Idealisten mit unserer Sentimentalität . Freie Liebe , ein Verhältnis ohne gesetzlichen Zwang , wäre unbedingt reiner , schöner , edler , sogar bindender als mit dem Zwang . Jede Schranke reizt zur Übertretung . Ein Verlöbnis aber , das heißt halbe Freiheit und halber Besitz , ist auf die Dauer ein Unding , ein Zwitterzustand , in dem sich die Liebe verzehrt ; und da nun einmal , bis auf weiteres , die Liebe nur unter der Form der Ehe von der noch herrschenden sozialen Borniertheit anerkannt wird , müssen wir Mann und Frau werden , Lydia , nicht mit dem abgematteten Puls der Geduld , sondern morgen , heute , diese Stunde noch , im ersten Sonnenstrahl , der die Herzen erschlossen hat . « Lydia fühlte sich empört . Hätte ihren Vorstellungen , ihren Erfahrungen , ihrem Ideale von der Heiligkeit der Treue in schnöderer Weise Hohn gesprochen werden können als durch dieses Freiheitskredo ? Sie hätte vor dem Geliebten fliehen mögen bis an das Ende der Welt . Aber er zog sie an sein Herz , er küßte die eisigen Tropfen aus ihren Wimpern auf , hauchte die glühendsten Liebesworte in ihr Ohr , und als sie sich endlich seinen Armen entwand , da sagte sie lächelnd zu sich selbst : » Gefällt er sich denn nicht in Paradoxen ? Ist er nicht ein Poet ? Hat er mir nicht vor kaum einer Stunde die geheimnisvolle Operation klarzumachen gesucht , unter deren Bezauberung der Dichter , der Künstler seelische Vorgänge und Temperamentseigenheiten darstellt , die seinem persönlichen Verlangen und Erfahren die allerfremdesten sind ? Hat er nicht gesagt , man braucht kein Othello zu sein , um einen Othello zu spielen , kein Don Juan , um einen Don Juan zu schaffen ? Im Gegenteil : Passionen verwischen die reine Vorstellung der Passion ; Stimmungen , denen wir unterworfen sind , trüben die , welche wir unserem Bilde einhauchen möchten . Du mußt ihn nur besser verstehen , dich ihm akkommodieren lernen , wie er es nennt . Und endlich , Lydia , Hand auf das Herz ! du selbst , deren Grundgesetz die Treue und nicht die Freiheit ist , was ersehnst du denn heimlich und heiß , als sein zu werden , morgen , heute , diese Stunde noch und dann - für ewig ? Ist deine Liebe anderer Natur als die seine , als - alle Liebe ? « Tage , Wochen gingen hin ; je näher der entscheidende Termin rückte , um so ruheloser wurde der Propst , um so auffälliger seine Zerrüttung . Er glaubte sein Ende nahe und hätte sein Haus bis in das Kleinste ordnen mögen . Aber was wäre in dieser Ungewißheit zu ordnen gewesen ? Lydia mußte viel in seiner Nähe sein ; er ließ sie und Martin mündig sprechen , verpflichtete die erstere , auf die er bauen durfte , im umfassendsten Sinne als Obervormünderin ihrer jüngeren Geschwister ! Zum nominellen Vormund bestellte er seinen Freund und Schicksalsgenossen Hildebrand . Auch dieser hatte die Freiheit des Lehrens wiedergewonnen , aber leider wenig Schüler , die davon Segen zogen ; auch seine Manneskräfte waren in das Leere verpufft worden . Unter der Zucht dieses Getreuen sollte denn auch Philipp , jetzt dreizehnjährig , weitergebildet und gefestigt werden , sobald nur immer der Mutter die Trennung von ihrem Hätschelkinde zugemutet werden durfte . Der Knabe hatte leichtes Hartensteinsches Blut , allein der Vater hegte das stärkste Vertrauen in seine Befähigung . Bis zu seiner letzten Stunde träumte er von einer Säule des Protestantismus aus seinem Stamm , da er selbst als solche durch die Ungunst der Zeit gebrochen und verwittert war . Seinen Neffen sah er wenig . Dessen lebhaftes , zuversichtliches Gebaren war ihm unbehaglich , das zärtliche Bezeigen gegen seine Braut machte den Vater nahezu eifersüchtig , und - Max liebte Kranke so wenig , als er Tote liebte . Er kam daher häufig mit seiner Schwester und auch ohne diese in die Pfarre , die er die friedliche Pastorei von Wakefield nannte . » Ich schnappe nach einem frischen Atemzug wie ein Fisch nach Wasser , « sagte er . » Meine arme Lydia setzt kaum noch den Fuß aus dieser bedrückenden Siechenstube . Das muß ein Ende nehmen : der Vater ist dem Tode durchaus nicht so nahe , als er wähnt . Ich habe ein paar Semester eifrig medizinische Vorträge gehört . Was kann man auf der Universität nicht alles nebenbei betreiben ! Ihnen , Freund Dezimus , werden Exegese und Kirchengeschichte hinlänglich Zeit lassen , sich am Sternenhimmel umzutun . Ihr alter Chaldäer lebt ja wohl auch noch , nicht wahr ? Nun , den Mann gönne ich Ihnen . Ein Stückchen Faust steckt in jedem richtigen deutschen Studenten . So zog mich auch die Pathologie an und die des Herzens insbesondere , weil es das bis jetzt unerforschteste Fleckchen an unserem Leichnam ist und - das reinlichste . Ja , wäre die Sache ohne Patientenpraxis zu betreiben gewesen , wer weiß , ob sich nicht statt eines zurzeit höchst überflüssigen Doctor juris ein allezeit unentbehrlicher Doctor medicinae aus dem Ei der Wissenschaft geschält hätte . Das klingt wohl paradox , ist es aber keineswegs . « » Keineswegs , « bestätigte Mutter Blümel lachend . » Meine Rose blättert auch gern im Kochbuch nach süßen Speisen ; sich aber am Kochherd die Fingerchen schwarz zu machen , ist ihr äußerst fatal . « Max lachte gleichfalls . » Nun , was ich sagen wollte , « fuhr er darauf fort . » Der Vater leidet bekanntlich seit seiner Jugend am Herzen . Ein plötzliches Ende ist möglich , ein langsames , qualvolles Hinsiechen aber wahrscheinlicher . Dem muß Lydia entzogen werden um jeden Preis . Ich bin der Hüter ihrer Gesundheit , ihrer Schönheit , ihres Glücks . Noch in diesem Sommer wird sie mein , und ich entführe sie so weit , daß kein Krankengestöhn ihr Ohr erreichen kann . « Er kam wiederholt auf diesen Plan zurück ; ein Winteraufenthalt in Rom dünkte ihm die leichtest ausführbare Sache von der Welt . » Wer einmal in Rom gewesen ist , kann nirgend anderswo ganz unglücklich werden , sagt Schwester Sidi unserem Goethe nach . Ich aber sage : wer einmal in Rom gewesen ist , kann nirgend anderswo wieder ganz glücklich werden . Der Blick , den ich darauf geworfen , war leider nur ein Augenblick . Nun zieht es mich wie mit Ketten dahin zurück . Den Honigmond auf Capri , den Winter in Rom ! Mit diesem Gedanken wache ich morgens auf und lege mich abends nieder ! « Es war am Tage vor der Testamentseröffnung , daß Max diese Worte sprach . So war denn der letzte Johannistag gekommen , welchen Dezimus als Kind des Hauses in der Heimat feiern sollte . Die Schule wurde am Morgen für die sommerliche Ferienzeit geschlossen ; wenn er gegen Mittag aus der Stadt zurückkehrte , stand der Geburtstagstisch gedeckt ; darauf Mutter Hannas Rosinenkuchen mit achtzehn brennenden Wachsstöckchen ringsherum und dem dicken Lebenslicht in der Mitte . Daneben die Briefe und kleinen Angebinde , die in den letzten Tagen von den sechs fernen Schwestern eingetroffen und sorgfältig verborgen worden waren . Und welch ein Prachtstück von Johanniskranz wird das liebe Röschen gewunden haben ! Und was mag es nur sein , was sie seit Wochen hinter seinem Rücken gekniffelt und hastig mit einem Tuche bedeckt hat , sobald er das Zimmer betrat ? Goldene Sternchen auf blauem Grund , soviel hat er herausgeblinzelt . Am Ende eine Tasche , um seine Kassenscheine darin auf der Brust zu bergen , da er durch das Werbensche Stipendium ja in Bälde ein Rentier werden wird . Oder gar eine Mappe , in welcher die teueren Heimatsbriefe für ewige Zeiten verwahrt werden sollen . Abend für Abend will ja das liebe Röschen schreiben , was am Tage vorgefallen oder ihr eingefallen ist , und jeden Sonnabend soll der Wochenbrief abgehen , um ihrem alten Dezem den Sonntag erst recht zu einem Festtage zu machen . Nach der Bescherung gab es dann ein Leibgericht . Ganz gewiß die ersten grünen Erbsen des Jahres und dazu Schwemmklöße und Schinken ; vor dem Abendsegen aber noch irgend etwas Lustiges , vom lieben Strudelköpfchen ausspintisiert . Heute würde die junge Schloßgesellschaft gekommen und gesungen und gesprungen worden sein , - wenn das Testament nicht gewesen wäre . Röschen hatte schon gestern ärgerlich gesagt : » Die alte Harfenkönigin hätte auch was Klügeres tun können , als sich gerade einen Monat vor deinem Geburtstage einmauern zu lassen . Ich sehe es kommen , Dezem , mein hübsches Plänchen fällt mir in den Born . « Als Dezimus im Trabe aus der Stadt zurückkehrte , begegnete ihm , nahe dem Schlosse , der Vater , der sich zur Testamentseröffnung begab . Er war im Ornat und tief bewegt . Sollte doch über das Wohl und Wehe einer Familie , an der er den innigsten Teil nahm , in dieser Stunde entschieden werden . » Du mußt dich mit der Bescherung gedulden , bis ich heimkomme , mein Sohn , « sagte er und ging in den Hof . Der Justitiarius überholte ihn : » Rüsten Sie sich mit starken Nerven , Freund , « rief er ihn an ; » ich wittere eine Tragikomödie , wie sie im Buche steht . « In der Nähe der Pfarre kamen die drei jüngsten Schloßkinder mit Röschen Dezimus entgegen . » Wir haben uns Ihre Schwester geholt , weil uns allein angst und bange wurde , « sagte Priszilla . » Kommen Sie auch mit auf die Terrasse , guter Dezimus . Die Eröffnung muß gleich vor sich gehen . « Naturgemäß hätte Dezimus Hunger spüren müssen , und er hatte ihn auf dem Wege auch weidlich gespürt . Aber die Spannung vertrieb ihn plötzlich ; er ging mit auf die Terrasse . » Ach , was für ein schrecklicher Tag , lieber Dezimus , « klagte das freundliche Backfischchen Phöbe , das sich an seinen Arm gehängt hatte . » Mama zerfließt in Tränen , Papa sieht aus wie der liebe Heiland am Kreuze , und sogar Lydia , die doch sonst immer so ruhig ist , zittert . Bei Tische haben nur der Herr Magister und Philipp ordentlich gegessen ; ich bloß ein kleines bißchen Mehlspeise . Max hielt es schon am Morgen nicht mehr aus ; er hat sich mit der Cousine vom Pächter in die Stadt fahren lassen . Sie sind aber schon wieder da . Sie haben die Verlobungsringe abgeholt , die gleich die Trauringe werden sollen , und jedem von uns etwas Nettes mitgebracht ; mir ein Korallenkreuzchen . Ich darf es freilich , solange wir Trauer tragen , nicht umhängen . Ach , es ist so hübsch in Werben , seitdem die Verwandten da sind . Glauben Sie , daß wir fortmüssen , lieber Dezimus ? « » Nein , das glaube ich nicht , Fräulein Phöbe , « antwortete Dezimus mit Überzeugung . » Ihre selige Tante wußte , wie wert Ihrer Frau Mutter dieser Aufenthalt war , und Ihre Tante hatte ein sehr gütiges Herz . « » Ein gütiges Herz ? Ach , wie mich das freut ! « rief die Kleine . » Höre nur , Priszilla , Dezimus behauptet , Tante Thusnelda habe ein gütiges Herz gehabt , und der Herr Magister hat doch gesagt , sie wäre eine Heidin gewesen . « » Gütig können auch Heiden sein , Fräulein Phöbe , « belehrte Dezimus mit Würde . Das erste Merkzeichen seines geistlichen Berufs . » Mir ist es ganz egal , ob wir hierbleiben , oder wo wir hinziehen , « fiel Bruder Philipp ein . » Wenn ich nur kein Pastor werden muß . Ich will Soldat wie mein Martin werden . « » Das darfst du ja nicht werden , Philipp . « » Ich will aber , und damit Punktum ! « rief Philipp , mit den Füßen stampfend . Sie hatten die Terrasse erreicht und drängten sich in eine Gruppe unter dem Ahnensaale zusammen . Eine Weile blieb noch alles still . Dann ertönte die Orgel . Ohne einen gewissen feierlichen Apparat durfte im pröpstlichen Hause kein irgend wichtiger Akt vor sich gehen . » Lydia spielt : Befiehl du deine Wege ! « flüsterte Priszilla . Die Fräulein falteten die Hände , und auch Dezimus betete das gute Lied im Herzen nach , bis die Orgel schwieg . Alle blickten gespannt in die Höhe . Max öffnete einen Fensterflügel , verschwand jedoch alsobald von ihm . Bei aller Zuversicht mochte ihm schwül geworden sein , während der Justitiar die Siegel des verhängnisvollen Schriftstückes löste . Auch Dezimus wurde schwül zumute . Seltsamerweise richteten seine Wünsche sich indessen lediglich auf Lydia , da doch sonst nichts reich und groß