an seinem Rock und krabbeln an seinem Bart empor ; und Hummeln umkreisen sein Haupt , als ob wilder Honig drin wäre . Der Pfarrer hat mir eine Besorgnis mitgeteilt . Er sagt , es sei möglich , daß ich ein reicher Mann würde . Und als reicher Mann zöge ich fort in die Welt , um all die Wünsche mir zu erfüllen , die ich in der Einsamkeit ausgeheckt und großgepflegt hätte . Ganz selbstlos sei kein Mensch . Diese Äußerung hat mir eine ruhelose Nacht gekostet . Ich habe mein Herz erforscht und wahrhaftig einen Wunsch in demselben gefunden , der weit über die Winkelwälder hinausgeht . Aber mit Gut und Geld ist er nicht zu erfüllen . Sie ist vermählt ... Was lästerst du , Andreas ? Dein Wunsch ist ja erfüllt . Sie ist glücklich . Am 24. des Lenzmonats 1831 . Heute haben sie in den Lautergräben den Sturmhans von der Wolfsgrubenhöhe tot gefunden . Es ist an der Leiche der Bart versengt . Die Leute sagen , eine blaue Flamme , die aus dem Mund hervorgestiegen , habe ihn getötet . Sie erklären es sich so : der Sturmhans habe sehr viel Wacholderbranntwein getrunken , habe sich dann etwan eine Pfeife anzünden wollen , und anstatt des Tabaks habe der Atem Feuer gefangen und dem Manne die Seele herausgebrannt . Gut zur Hälfte wird das wohl richtig sein . Am 1. April 1831 . Heute ist mir meine Erbschaft behördlich zugewiesen worden . Sie besteht aus drei Groschen und einem Brief von der Muhme-Lies . Der Brief liegt bei : » Lieber Andreas ! Ich bin alt und krank und hilflos . Du bist , Gott weiß wo , im Gebirge . In meiner Krankheit denke ich über alles nach . Ich habe Dir wohl Unrecht getan und bitte Dich um Verzeihung . Dieses Geld drückt mich am meisten , es ist Dein Patengeschenk ; Du hast es seiner Tage für Deinen Vater in den Himmel schicken wollen . Ich habe es Dir damals genommen . Nimm das Andenken zurück , Andreas , und verzeihe mir . Ich will ja ruhig sterben . Gott segne Dich , und eines muß ich Dir noch sagen : wenn Du im Gebirge bist , so gehe nicht mehr zurück . Alles ist eitel . In guten Tagen sind mir meine Freunde getreu gewesen ; jetzt lassen sie mich in der Armut sterben . Ich küsse Dich viel tausendmal , mein lieber einziger Blutsverwandter . Wenn mich Gott in den Himmel nimmt , so will ich Deine Eltern grüßen . Deine bis in den Tod liebende Muhme Elise . « Fronleichnam 1831 . Seit drei Jahren schon sammeln wir Geld für einen Traghimmel . Aber wir Winkelsteger können uns den Himmel nicht kaufen . Wir müssen uns selber einen machen . Der alte Schwamelfuchs hat aus grünenden Birkensträußen ein tragbares Zelt gebaut , auf daß wir zu diesem Feste das Hochwürdigste nach gebührender Weise aus der Kirche in das Freie tragen können . Das ist ein feierlicher Umgang gewesen im Sonnenschein . Und die Leute , von dem harten Winter endlich befreit , haben hellen Lobgesang gesungen . Im Walde haben wir geruht und der Pfarrer hat mit dem Heiligsten den Segen gegeben nach allen vier Gegenden des Himmels hin . Es ist noch nicht erhört worden , daß mitten im Gottesdienst ein weltlicher Mensch so seine Stimme hätt ' erhoben . Der alte Rüpel hat ' s getan , voll Seele wie in seinen besten Zeiten , und das ist sein Fronleichnamsspruch gewesen : » Klinget alle Glöckelein , singet alle Vögelein ; der große Gott kommt aus himmlischen Türen , geht im grünen Wald spazieren . Er rastet süß auf dem grünen Rasen , wo die Hirschlein und Rehlein grasen . Er sagt sein erstes , mächtiges Wort , da steigen alle Blümlein aus der Erden hervor . Er spricht sein zweites mit hellem Schall , das weckt jeglich Samenkorn im Tal . Und ruft er sein drittes Wort , da müssen die Donner schweigen und die Blitze sich neigen , und vor seinem Hauch sind die bösen Schloßen in Wasser zerflossen . O , dir sei Preis und Ehr ' , du großmächtiger Herr ! Und wirst du einstmals dein letztes Wort sprechen , so werden die Berge beben und die Felsen brechen ; werden die Himmel krachen , werden die Toten erwachen ; wird das Feuer die Welt vernichten . Zu dieser lieblichen Stund ' im grünen Wald sei gebeten , o Gott , in Brotesgestalt : tu ' uns gnädiglich richten ! « Der alte Mann weiß immer noch ans Herz zu stoßen mit seinen Worten . Erschüttert und gehoben sind wir , besonders der Pfarrer und ich , wieder zurückgekehrt zur Kirche . Und das grüne Birkengezelt mit den weißen Tragsäulen wird über dem Altare stehen , bis seine tausend Blätterherzen werden verwelkt sein . Endlich ist die Antwort wegen der Grundablösung in unserem Pfarrhofe eingelangt . Der Gutsherr gibt dem Pfarrer zu verstehen , er möge sich als gewissenhafter Seelsorger , der er sei , nicht auch noch weltliche Sorgen aufbürden . Des Weiteren steht nichts zu lesen . Von einem sterbenden Waldsohne Im Winter 1831 . Wer hätte das vorzeiten von dem Einsiedler im Felsentale gedacht ! Die Tatlosigkeit nach dem bewegten Leben , die Abgeschiedenheit von den Menschen hätte ihn zum Narren machen können ! Es ist wunderbar gekommen . Nur die großen Sorgen und kleinen Leiden eines Waldpfarrers und der einförmige und doch so vielseitige und vielbedeutende Zustand einer Waldgemeinde in der Ursprünglichkeit und Abgeschlossenheit ist das Rechte für ihn , das ihn gerettet hat . Nun hat er sich hineingelebt in die Verhältnisse , kennt jedes seiner Pfarrkinder inwendig wie auswendig und leitet es mit seinen Beispielen . Es wütet jetzt eine böse Seuche in den Winkelwäldern ; es wird uns der Friedhof zu klein und wir können schier die Totengräber nicht auftreiben ; die kräftigsten Männer liegen auf dem Krankenbette . Der Pfarrer ist Tag und Nacht nicht daheim , sitzt in den entlegensten Hütten bei den Kranken , sorgt für Seelentrost und auch für leiblich Wohl , hat ihm gleichwohl der Freiherr geraten , sich nicht mit weltlichen Dingen zu befassen . Letztlich , da er doch einmal daheim in seinem warmen Bett schläft , klopft es jählings ans Fenster . » ' s ist eine rechte Grobheit , Herr Pfarrer ! « ruft es draußen in der pechfinsteren Nacht . » Ein Versehgang ist in die Lautergräben hinüber . Wir wissen uns nicht zu helfen . Steht uns bei ; mein Bruder will versterben ! « » Wer ist denn draußen ? « fragt der Pfarrer . » Die Anna Maria Holzer bin ich . Der Bartelmei will uns verlassen . « » Ich komme , « sagt der Pfarrer , » wecket nur auch den Schulmeister , daß er die Laterne und das Heiligste bereite . Das Läuten soll er lassen , es schläft ja alles . « Das Weib hat mich aber doch gebeten , daß ich die Zügenglocke läute , auf daß auch andere Leute für den Sterbenden beten möchten . Und als der Pfarrer danach zwischen den Häusern hingeht und das Weib mit der Laterne und dem Glöcklein vorauswandelt , da knien an den Haustüren schlaftrunkene Menschen und beten . Es ist eine stürmische Winternacht ; der Wind saust über die Lehnen und pfeift durch das kahle , gefrorne Geäste der Bäume . Schneestaub wirbelt heran und verlegt den Weg und stiebt in alle Falten der Kleider . Das Weib eilt mit Hast voran und die roten Scheintafeln der Laternen zucken auf dem Schneegrunde hin und her und das Glöcklein schrillt unablässig , aber die Töne verklingen im Sturmwind und die Menschen des Dörfleins sind wieder zur Ruhe gegangen , und auch ich bin , nachdem ich den Zweien eine Weile nachgeblickt , in meine Stube zurückgekehrt . Ich will es aber niederschreiben , was dem Pfarrer in derselbigen Nacht begegnet ist . Es ist durch kein Beichtsiegel verschlossen . Als unser Vater Paul an dem Bette des Kranken steht , sagt dieser : » Gedenkt es der Herr Pfarrer noch , wie er in die Karwässer gekommen ist ? Gedenkt er ' s ? ' s ist lang vorbei ; wir beid ' haben seither wohl was erfahren , sind eisgrau geworden , bei meiner Treu ! « Der Pfarrer ermahnt den alten Kohlenbrenner , sich durch angestrengtes Reden aufzuregen . » Und kann er sich erinnern , was ich damalen hab ' gesagt : ich hätt ' auch mein Anliegen und kunnt ' leicht einmal von einem geistlichen Herrn eine große Gefälligkeit brauchen . Dieselb ' Zeit ist jetzt da . Ich lieg ' auf dem Todbett . Den Ehrenwald-Franz hab ' ich schon angeredet , daß er mir die Truhen zimmert . Und mit meinem Leib tät ' s nachher in Richtigkeit sein ; - aber mit meiner Seel ' ! Pfarrer , verzeih ' mir ' s Gott , die ist dir schwarz wie der Teufel . « Der Pfarrer sucht zu sänftigen und zu trösten . » Warum denn ? « frägt der Bartelmei , » bin ja gar nicht verzagt . Weiß gleichwohl , daß alles recht muß werden . - Was macht denn der Herr Pfarrer für Geschichten mit seiner weißen Pfaid ? Nein , das brauch ' ich nicht ; wir tun die Sach ' kurzweg ab . Wenn einer so auf dem letzten Stroh liegt , ist man zu nichts mehr aufgelegt . Tu ' sich der Herr nur setzen . - Das sag ' ich aber gleich , mit dem Glauben steht ' s bei mir schlecht ; glauben tu ' ich , wenn ich ' s recht will sagen , an gar nichts mehr . Der Herrgott ist selber schuld , daß ich so bin herabgekommen . Er hat auf mich schön sauber vergessen . Er hat mir ' s versagt , und er hätt ' s in seiner Allmächtigkeit wahrhaftig bei meiner Seel ' leicht tun mögen ! - Ich mag davon ja wohl reden . Selbunter , wie die Sepp-Marian ist gestorben , die ein wenig mein ist gewesen , hab ' ich an ihrem Todbett gesagt , Marian , hab ' ich gesagt , wenn du jetzund mußt verlöschen , du junges Blut , und ich allein sollt verbleiben meiner Tage lang , so ist das die größte Grausamkeit von Gott im Himmel oben . Aber wissen möcht ' ich ' s , Marian , und vor meinem Tode möcht ' ich ' s wissen , was es mit der Ewigkeit ist , von der sie sagen allerweg , daß sie kein End ' hätt ' , und daß die Menschenseel ' in ihr tät ' fortleben . Es ist nichts Rechtes zu erfahren , und da sollt ' einer fremder Leut ' Reden glauben und etwan wissen die auch nichts . Und jetzt , Marian , hab ' ich gesagt , wenn du doch wohl fort mußt , und du bist in der Ewigkeit weiter , gleichwohl wir dich begraben haben , so tu ' mir die Freundschaft und komm ' , wenn du kannst , mir noch einmal zurück , und wenn ' s auch nur ein Viertelstündlein ist , und richt ' mir ' s aus , damit ich weiß , wie ich dran bin . - Die Marian hat ' s versprochen , und wenn sie kann , so wird sie ' s halten , davon bin ich überzeugt gewesen . - Darauf , wie sie verstorben , hab ' ich viele Nächte nicht schlafen mögen , hab ' immer gemeint , jetzt und jetzt wird die Tür aufgehen , wird die Marian hereinsteigen und sagen : Ja , Bartelmei , magst es wohl glauben , ' s ist richtig , ' s ist eine Ewigkeit drüben und du hast eine unsterbliche Seel ' ! - Was meint der Herr Pfarrer , ist sie gekommen ? - Nicht ist sie gekommen , gestorben und tot und weg ist sie gewesen . Und seither - ich kann mir nicht helfen - glaub ' ich schon an gar nichts mehr . « Er schweigt und horcht dem Tosen des Wintersturmes . Der Pfarrer soll eine Weile in die flackernde Spanflamme gestarrt und endlich die Worte gesagt haben : » Zeit und Ewigkeit , mein lieber Bartelmei , ist nicht durch einen Heckenzaun getrennt , über den man hin-und herhüpfen kann , wie man will . Der Eingang in die Ewigkeit ist der Tod ; im Tode streifen wir alles Zeitliche ab , denn die Ewigkeit ist so groß , daß nichts Zeitliches in ihr bestehen kann . Darum ist der Verstorbenen auch dein vorwitzig Wort ausgelöscht gewesen und alle Erinnerung an das zeitliche Leben . Frei von allem Erdenstaub ist sie in Gott eingegangen . « » Tu ' er das lassen , Herr Pfarrer , « unterbricht ihn der Kranke , » es drückt mich auch gar nicht . Ist das , wie es ist , es wird schon recht sein . - Aber einen andern Haken hat ' s ; mit mir selber bin ich noch nicht in der Ordnung . Ich bin nicht gewesen , wie ich hätt ' sein sollen , aber ich möcht ' gern meine Sach ' , und andere tuen auch gern ihre Sach ' richtig stellen . Lang ' hab ' ich nicht mehr Zeit , das merk ich wohl , und desweg hab ' ich den Pfarrer aufschrecken lassen aus dem warmen Bett , und will ihn zu tausendmal bitten , daß er ' s wollt vermitteln . Jetzt - ' s ist zwar heimlich geblieben , aber sagen will ich ' s wohl : ein arger Wildschütz bin ich gewesen ; viel Rehe und Hirschen hab ' ich dem Waldherrn gestohlen . « Hier bricht der Köhler ab . » Und weiter ? « fragt der Pfarrer . » So ! und ist ihm das noch nicht genug ? « ruft der Alte , » aufrichtig , Herr Pfarrer , sonst weiß ich nichts . - Meine Bitt ' wär ' halt nachher die , daß mir der Herr Pfarrer bei dem Waldherrn mein Unrecht wollt ' abbitten . - Hätt ' s wohl lang ' selber schon getan , hab ' mir aber allfort gedacht , eine Weil wartest noch zu ; könntest ' leicht wieder was brauchen vom Wald herein , müßtest später noch einmal abbitten , wär ' mir unlieb . Tu ' s nachher mit einem ab . - Allzulang ' hab ' ich gewartet ; jetzt kann ich nimmer . Der Waldherr ist , wer weiß wo , zu weitest weg . Aber gelt , der Herr Pfarrer ist so gut und gleicht ' s bei ihm aus mit einer christlichen Red ' und tut sagen , ich hätt ' s wohl bereut , könnt ' es aber nicht anders mehr machen . - Jetzt , gewesen ist ' s halt so : Kohlenbrennerei gibt wohl ein Stückel Brot , aber wenn einer zum Feiertag einmal so einen Bissen Fleisch dazu wollt ' beißen , so muß man schnurgrad mit der Büchs hinaus in den Wald . Man kann ' s nicht lassen , und wenn sich einer noch so lang ' spreizt , ' s ist gar schad ' , man kann ' s nicht lassen . - Wenn sie mich etwan einmal erwischt hätten , die Jäger , so wär ' jetzund das Gered ' nicht vonnöten , und ich müßt ' dem Herrn Pfarrer nicht so schmerzlich zu Gnaden fallen . - Ei , der Tausend , jetzt hab ' ich mich dennoch wohl angestrengt ; es steigen mir die Ängsten auf . « Sie haben ihn mit kaltem Wasser gelabt . Der Pfarrer hat seine Hände gefaßt , hat ihn mit guten Worten versichert , daß er bei dem Waldherrn Verzeihung erwirken werde . Danach hat er dem Kranken die Lossprechung erteilt . » Bedank ' mich , bedank ' mich fleißig , « sagt drauf der Bartelmei mit schwacher Stimme , » nachher wär ' ich so weit fertig , und - Pfarrer , jetzt tät ' s mich bei meiner Seel ' schon selber freuen , wenn es wahr wär ' , dasselb ' von der Ewigkeit , und wenn ich nach der unruhevollen Lebenszeit und nach dem bitteren Tod schön langsam könnt ' in den Himmel einrücken . Wär ' wohl eine rechtschaffen bequeme Sach ' , das ! « So hat sich in dem armen , schwerkranken Mann das Bedürfnis und die Sehnsucht nach Glauben und Hoffen ausgesprochen . Unser Herr Pfarrer hat ihn dann gefragt , ob er die heilige Wegzehrung empfangen wolle . » Nicht vonnöten , « ist die Antwort gewesen . » Mußt doch , Bruder , mußt doch , « meint die Anna Maria , » einem Geistlichen , der mit dem heiligen Leib unverrichteter Sach ' muß zurückkehren , tanzen die Teufel nach bis zur Kirchentür ! « » Du närrisch Weibmensch , du ! « schreit der Bartelmei , » jetzund Kindergeschichten erzählen , daß dich der Herr Pfarrer recht mag auslachen . - ' s wär mir doch all doch eins und gern möcht ' ich das Teigblättlein verschlucken , daß der Herr unangefochten könnt ' nach Haus gehen , aber ich halt ' nichts drauf , und da , hab ' ich oftmalen gehört , wär ' s eine großmächtige Sünd ' , wollt ' einer in vorwitziger Weis ' das heilige Sakrament empfangen . « Auf dieses Wort hat der Pfarrer des Kranken Hand gedrückt . » Hochmütig , Bartelmei , mußt du desweg nicht werden , jetzt in deinen alten Tagen , aber das sag ' ich dir , du denkest schon das Rechte . Du bist Büßer , du glaubst an Gott und an der Seele ewiges Leben ; ob du dir ' s gestehen magst oder nicht , ob du das heiligste Brot zu dir nimmst oder nicht , rein ist dein Herz und dein ist die Seligkeit ! « Da soll sich der alte Mann hoch emporgerichtet haben ; die Hände hätte er ausgebreitet , mit nassen Augen hätte er gelächelt und gerufen : » Jetzt hab ' ich das Rechte gehört . Der Pfarrer mag so gut sein und mir die Wegzehrung reichen . Nachher mag er kommen , der Knochenhans - Jesus , Jesus ! was ist das ? die Marian ! « schreit der Bartelmei jählings . Dann richtet er die Augen nach der Spanflamme und flüstert : » Ja , Mädel , wie steigst denn du daher heut ' in der finsteren Nacht ? Marian ! Botschaft bringst mir ? - Botschaft ? « Immer höher richtet er sich auf , immer wiederholt er das Wort » Botschaft ! « endlich sinkt er zurück und schlummert . Nach einer Weile schlägt er die Augen auf und sagt mit matter Stimme : » Bin ich kindisch gewesen , Schwester ? Ein b ' sunderlicher Traum ! Es steigt mir das Geblüt so auf . Ich verspür ' s , lang ' wird ' s nimmer dauern ; es kommt mir schon zum Herzen . - Ich muß euch behüt ' Gott sagen , allen miteinander . Hab ' auf deine Kinder acht , Schwester , daß sie dir nicht in den Wald laufen mit der Büchs . - Für die Truhen ist der Ehrenwald schon bezahlt . - Und tut mich fleißig waschen ; will nicht als der kohlschwarze Ruß-Bartelmei in den Himmel eingehen . « Als das Morgenrot durch die Fensterlein schimmert , ist der Mann tot . Sie ziehen ihm sein Sonntagsgewand an und legen ihn auf das Brett . Seiner Schwester Kinder besprengen ihn mit Wasser des Waldes . Gestern haben wir ihn begraben . Zur Faschingszeit 1832 . Das geht toll zu . Das ganze Grassteigerhaus wollen sie umkehren ; über den Kirchplatz johlen sie hin und treiben Unfug . Im Pfarrhofe liegt ein Bauernknecht , dem haben sie den Kinnbacken zerschmettert . Faschingsonntag ist das . An die Seuche wird nicht gedacht . In das Wirtshaus kommen sie zusammen und trinken Branntwein ; sie sind heiter und lachen und necken sich . Es röten sich die Gesichter , da will jeder sticheln und spotten , aber keiner mehr geneckt sein . Eines krummen Wortes , eines scheelen Blickes , oder auch eines Mägdleins wegen entsteht ein Streit . Es setzt Backenstreiche mit flacher Hand - das ist zu wenig ; sie schlagen mit den Fäusten drein - ist auch zu wenig ; sie brechen Stuhlfüße , schwingen sie mit beiden Armen wütend , lassen sie niedersausen auf die Köpfe . Das ist genug . Streckt sich einer auf den Boden . Die Unterhaltung ist aus . » Seid gescheit , Leutchen , « hab ' ich beim Grassteiger unten einmal gesagt , » wollt ihr an den Ruhetagen so wüst sein , so weicht der Segen von euerer Arbeit und es kommt noch eine böse Zeit über Winkelsteg . « Da tut sich ein Meisterknecht aus dem Schneetale hervor : » Weil wir Wildlinge sind , desweg bleiben wir arme Teufel ! Glaub ' s schon auch . Recht hat er , der Schulmeister ; gerauft wird nimmer , und ich sag ' dir ' s , Grassteigerwirt , wenn noch einmal ein Raufhandel geschieht in deinem Haus , so komm ich mit einem Zaunstecken und klieb euch allen die Schädel auseinand ! « Es steckt einmal so in den Leuten . Nur daß bei solchen Händeln der Lazarus nicht mittut , das ist mein Trost . Sie wollen wohl mit ihm anhäkeln , aber da macht er sich aus dem Staub . Es zuckt zuweilen in ihm , aber er dämpft wacker nieder . Er ist ein Mann durch und durch . Auch ist die Juliana ein Schutzengel und hilft ihm getreulich , daß er sich beherrsche . Der Förster hat den Lazarus wollen auf das flache Land hinaus befördern ; wenn einer einmal ein so seltsames Geschick habe , wie dieser junge Mensch , meint er , so müsse auch ganz was Besonderes aus ihm werden . Aber der Lazarus will nicht fort vom Wald . Er wird ein braver Mann und zu etwas Besserem könnte er es auch draußen nicht bringen , und wollt ' ihn gleich Kaiser und König an seinen Thron setzen . Ein gutes Zeichen ist , daß er keinen Branntwein trinkt . Der Branntwein ist Öl ins Feuer und so geschehen die bösen Händel . Wir Gemeindehäupter trinken nie einen Tropfen davon . Nun , um so mehr bleibt für die anderen . Der Pfarrer hat schon mehrmals scharf vor diesen Getränken gewarnt . Letztlich hat er in seinem Zorn den Branntwein einen Höllenbrunnen , ein Gift für Leib und Seele , und die Branntweinbrenner und Schenker mit heller Stimme Giftmischer geheißen . Der alte Grassteiger hat an seiner Nase hinabgelugt , und nicht lange danach hat er bekannt werden lassen , daß bei ihm frischer Obstmost angekommen sei . Der Kranabethannes aber hat es so glatt nicht abgehen lassen . Mit einem größeren Stock , als er sonst gewöhnlich bei sich trägt , ist er vor zwei Tagen im Pfarrhofe erschienen . Er klopft an die Tür ; und selbst als der Pfarrer schon zweimal vernehmlich herein ruft , klopft er noch ein drittesmal . Schwerhörig ist er nicht ; er will nur zeigen , daß , wenn gleich ein Waldteufel , er bei den Herren doch Schick und Anstand zu halten weiß , und wäre es auch vor seinem Feind , den er heute niederschmettern will . Endlich in der Stube , bleibt er eng an der Tür stehen , preßt die Hutkrempe in die Faust und murmelt in seinen fahlen Stoppelbart : » Hätt ' ein Wörtel zu reden mit dem Herrn Pfarrer . « Der Pfarrer bietet ihm freundlich einen Stuhl . » Hätt ' ein kleines Anliegen , « sagt der Mann und bleibt auf seinem Flecken stehen , » bin der Branntweinbrenner vom Miesenbachwald , ein armer Teufel , der sich seinen Brotgroschen hart muß erwerben . Arbeiten mag ich gern , so lang ' mir altem Manne Gott das Leben noch schenkt , wiewohl mich die Leute schon niederdrucken möchten und mir die Kundschaften abzwicken . « » Setzet Euch , « sagt der Pfarrer , » Ihr seid erhitzt , seid etwan recht gelaufen ? « » Gar nicht . Hübsch stad bin ich gegangen und hab ' unterwegs gedacht bei mir selber , daß keine Gerechtigkeit mehr ist auf der Welt , und bei keinem Menschen mehr - bei gar keinem , er mag noch so heilig ausschauen . Was ist denn das für ein Pfarrer , der einem armen Familienvater seiner Gemeinde das letzt ' Stückel Brot aus der Hand und schlägt ? - Ist und trägt schon die ehrlich ' Arbeit nichts , recht , so muß einer halt stehlen , rauben ; wird wohl besser sein , als wenn ein armer , abgematteter so ein Tröpfel Branntwein in den Mund tut ; - ist ja der Höllbrunnen das ! « Der Mann schnauft sich aus ; der Pfarrer schweigt ; er weiß , daß er den Sturm vertoben lassen muß , will er bei ruhigem Wetter säen . » Und wer den Höllbrunnen braut , « fährt der Mann fort , » der muß wohl mit dem Teufel bekannt sein . Die Leut ' schauen mich auch richtig für so einen an . Sollen recht haben . Aber wenn ich schlecht bin , aus mir selber bin ich ' s nicht . Und wer mir mein Geschäft verdorben , der wird wohl anderweitig für mich sorgen , Herr Pfarrer , umsonst bin ich nicht da ! « Der Branntweiner vergißt ganz seine gewohnte Geschmeidigkeit und nimmt schier eine bedrohliche Stellung an . » Wenn Ihr der Branntweiner vom Miesenbachwald seid , « sagt der Pfarrer in seiner Gelassenheit , » so freut es mich , daß ich Euch sehe . Da Ihr so selten nach Winkelsteg herauskommt , so habe ich schon zu Euch gehen wollen . Wir müssen miteinander reden . Ihr gebt den Winkelwäldlern keinen Branntwein mehr , da seid Ihr ein Ehrenmann , ein großer Wohltäter der Gemeinde . Ich danke Euch , Freund ! - Und auch Euere Umsicht ist sehr zu loben . Es ist doch wahr , daß Ihr jetzt mit den Kräutern und Harzen und Wurzeln Arzneien , Öle und kostbaren Balsam bereitet und draußen im Lande dafür Abzugsquellen suchet . Ich gehe Euch nach meinen Kräften und Erfahrungen gerne dabei an die Hand . Ei gewiß , das ist ein guter Griff , den Ihr gemacht habt , und in wenig Jahren seid Ihr ein wohlhabender Mann . « Da weiß der Branntweiner gar nicht , wie ihm geschieht . Er hat gar keinen Griff gemacht , hat niemals an Balsam und Öl-Erzeugung gedacht ; aber die Sache kommt ihm auf der Stelle so vernünftig und faßlich vor , daß er dem Pfarrer nicht widerspricht und schmunzelnd als angehender Balsam-Erzeuger den Kopf wiegt . » Und solltet Ihr , lieber Freund , vorläufig etwas für Weib und Kind benötigen - mein Gott , zu Anfang behilft man sich , wie man kann - so mag ich gerne , gerne mit einer Kleinigkeit dienen . Ich bitt ' Euch recht , mich ganz als Euren Freund zu kennen ! « Der Hannes hat ein unverständliches Wort gebrummt , ist aus dem Hause gestolpert , hat seinen Knittel über den Rain geschleudert . In der Fastenzeit 1832 . Die kirchliche Behörde fängt wieder an . Ihr ist unser Pfarrer noch immer nicht rechtmäßig genug ; sie will ihm die Kirche verschließen . Die Kirche , die wir gebaut haben mit Mühe und Sorgen . Es ist still genug in unserer Kirche ; Vater Paul hält den Gottesdienst in den Krankenstuben und auf dem Friedhofe . Die Leute kommen nur mehr in den Särgen zur Pfarrkirche heraus . Die Seuche ist zur » Sterb « geworden . Die Schule ist schon seit Monaten geschlossen . Es geht die Sage , der Pfarrer wäre schuld an der Seuche , da er das Branntweintrinken abgesagt . Der Branntwein sei das allersicherste Mittel gegen Ansteckungen . Der Hannes lauert . Erst jetzt lehnt sich sein Stolz auf gegen den Pfarrer , dessen Schalkheit und Milde er vor wenigen Wochen unterlegen ist . Es ist ein immerwährender Kampf gegen das Geschick und gegen die Bosheit . Wer ausharrt im Ringen und in seiner inneren Überzeugung , der erlangt das Ziel . Das ist ein schönes Wort , aber ich habe es noch nicht recht erproben können . Am 22. März 1832 . Heute ist unser Pfarrer gestorben . Zwei Tage später . So hat sich noch keiner selbst erlöst , wie dieser Mann - dieser seltsame Mann , der an einem Fürstenhof regiert , in Indien gepredigt und in der Höhle des Felsentales gebüßt hat . Alle Irrpfade des Priestertums hat er durchwandeln müssen , bis er das Wahre gefunden : den Armen im Geiste ein Helfer und Freund zu sein . Er hat sich in den Häusern der Kranken seinen Tod geholt . Die Verlobung des Lazarus Schwarzhütter mit der Juliana Grassteiger hat er gesegnet . Ein kleines Unwohlsein hat ihn von der Feierlichkeit weg auf seine Stube gerufen . Er hat sie nicht mehr verlassen . Und ein guter , getreuer Hirt , hat er uns in seiner letzten Stunde noch das Bedeutsamste gelehrt , das Sterben . Wie ein lächelndes Kind ist er entschlummert . Wir , die wir es gesehen , fürchten keiner mehr das Sterben ; und wir haben uns gelobt , nach seinem