ein wenig zu trösten . Mir schien es aber , als bedürfe sie der Erheiterung von außen her weit mehr als ich . Es lag etwas wie ein finsteres Brüten über den starken , dunklen Brauen , und die stolznachlässige Sicherheit in ihren Gebärden hatte einer nervösen Beweglichkeit Platz gemacht . Das Zusammentreffen mit ihrem Onkel am Boskett erwähnte sie mit keinem Wort ; dagegen erzählte sie mir , daß es augenblicklich gewitterhaft schwül im Vorderhause sei . Herr Claudius führte seinen Entschluß , Haus und Geschäft von dem eingeschlichenen Muckertum zu säubern , mit äußerster Konsequenz durch . Er habe die bereits eingezahlten Missionsbeiträge der Arbeiter großmütig in den Händen des Buchhalters belassen , die gleiche Summe aus eigenen Mitteln aber als Fond in eine von ihm neugestiftete Kasse niedergelegt , welche den Zweck habe , die Realschulbildung für die Arbeitersöhne zu ermöglichen und die Ausstattungskosten für die Töchter der Aermeren zu erleichtern . Die Traktätchen seien korbweise fortgeschafft worden , und dem jungen Kommis , der aus Liebedienerei weit über seine Kräfte der Missionskasse beigesteuert und sich mit großem Erfolg der Augenverdrehung beflissen habe , sei eine eklatante Rüge und die Androhung zu teil geworden , daß ein Rückfall in die widerwärtige Heuchelei seine sofortige Entlassung zur Folge haben werde ; der Buchhalter gehe natürlich mit einem in Grimm erstarrten Gesicht herum - das wußte ich bereits ; durch den Spalt einer Jalousie hatte ich ihn mehrmals in Begleitung der Geschwister den Teich umschreiten sehen . Das Band zwischen diesen drei Menschen schien durch die neuen Ereignisse ein noch engeres geworden zu sein - dafür sprachen die gemeinsamen Spaziergänge im Walde . So oft Charlotte Herrn Claudius erwähnt , fühlte ich zwar noch einen leisen Stich durch mein Inneres gehen ; allein die Qual der Reue und des Selbstvorwurfs hatte bedeutend nachgelassen , seit ich mir entrüstet sagte , daß die Krankheit meines Vaters ihren Grund in der Aufregung wegen des vereitelten Münzenankaufs habe - die ausgezeichnete haarscharfe Logik meines siebenzehnjährigen Mädchenkopfes erkannte schließlich dem hartherzigen Verweigerer der Mittel die ganze Schuld zu , und - da waren wir quitt ! Nun aber waren die schlimmen Tage vorüber . Die Fenster des Krankenzimmers standen weit offen , Luft und Sonne zogen wieder ein , und Ilse fegte und stäubte ab , als sei die ganze Streubüchse der Wüste drin ausgeschüttet worden . Ich hatte meinen Vater zum erstenmal wieder in die Bibliothek begleitet , ihm droben den Nachmittagskaffee auf der Maschine gekocht , die grünen Wollvorhänge halb zugezogen , wie er ' s liebte , und um seine Füße eine wattierte Decke geschlagen . Ich wußte ihn versorgt und still glücklich in der Wiederaufnahme seiner Arbeiten , und flog nun wie ein Pfeil hinaus in den Garten . Jetzt wußte ich den köstlichen Waldboden , das labende Düster unter den tausendfach verschlungenen Aesten bereits besser zu schätzen . Die Sonne hing als greller Glutball über dem Garten - es sah aus , als wolle sie gierig das ganze blaue Wasser des Teiches austrinken - matt und träge lag dieses in seinem Steinring . Ich schlug den Weg ein , den ich seit Sonntag nicht wieder betreten hatte , und drang in das Dickicht - richtig , da stand Gretchens Korbwagen noch mit den halb zerschmolzenen , halb verdorrten Erdbeeren - niemand hatte ihn zurückverlangt - möglich , daß der alte Gärtner Schäfer ihn gesucht und nicht gefunden hatte ... Wie dauerte mich das arme Kind , das jedenfalls nach seinem verlorenen Spielzeug jammerte ! Die Eltern waren ja arm , so arm , daß die Mutter das Blut der Arbeit an den Händen hatte - sie konnten der Kleinen den Verlust vielleicht nicht ersetzen . Obgleich mir Herr Claudius neulich , wenn auch ohne ein Wort der Zurechtweisung , so doch sehr ausdrucksvoll für alle Zeit den Ausgang verlegt , indem er vor meinen Augen den Schlüssel abgezogen und in die Tasche gesteckt hatte , lief ich doch nach der Gartenthür - siehe da , ein neues Schloß blinkte mir entgegen , ein festes , starkes Schloß ohne Schlüssel ; auch die Bänder und Riegel waren neu - tausend noch einmal , man mußte gehörigen Respekt vor der gewaltthätigen Mädchenhand haben , daß man die Thür dergestalt in Eisen gelegt hatte ! Ich kletterte auf die Ulme ; das war heute ein ziemlich saures Stück Arbeit . Ich hatte die sogenannten Spitzen an den Füßen und war damit in die Heideschuhe geschlüpft - um eine ganze Welt waren sie mir zu weit und machten alle Augenblicke Anstalt , mich treulos zu verlassen und hinunter ins Dickicht zu fliegen . Endlich saß ich glücklich droben im Wipfel der Ulme . Auf dem Balkon des Schweizerhäuschens , von dem wilden Wein kühl beschattet , stand ein Kinderwagen - - Hermännchen lag drin auf weißem Kissen , sehr faul und jedenfalls sehr satt . Neben ihm stand Gretchen und biß herzhaft in ein großes Butterbrot , dazwischen hinein mit dem Brüderlein plaudernd ; drin im Zimmer aber sah ich die Mama , wie sie bügelte und alle Augenblicke mit erhitztem Gesicht in die Thür trat , um nach den Kinderchen zu sehen . Wer hätte gedacht , daß durch das liebliche , sanfte Frauenantlitz dort solch ein Sturm gehen könne , wie ich ihn am Sonntagmorgen gesehen ! In diesem Moment war davon auch nicht die geringste Spur mehr in den lächelnden Zügen zu finden , so wenig wie Gretchen über ihren verlorenen Wagen jammerte . Aber das Kind sollte ihn wieder haben , und zwar sofort ; ich wollte ihn mit frischgepflückten Erdbeeren und Waldblumen füllen und den alten Gärtner Schäfer bitten , ihn nach Hause zu tragen . Ich verließ den Wipfel und glitt von Ast zu Ast hinab - da kamen Menschen von der Karolinenlust her ; sie mußten mir schon sehr nahe sein - erschrocken fuhr ich zusammen vor der Stimme des Buchhalters , die zu mir heraufscholl , als stehe er bereits unten zu Füßen der Ulme . Den höchsten Wipfel erreichte ich nicht mehr , ohne daß das Geräusch des erschwerten Kletterns hinabgedrungen wäre . Still hoffend , daß das Ungewitter rasch vorüberziehen werde , schlang ich meine Arme um den Baumstamm , denn ich saß auf einem sehr dünnen schwanken Ast , und lauschte mit klopfendem Herzen hinab . Was ich zuerst durch das Blättergewebe sah , war Charlottens purpurfarbene Samtschleife , die sie meist über der Stirne trug - wo Charlotte , da war auch Dagobert ; die Geschwister flüchteten wieder einmal aus dem gewitterschwülen Vorderhause in den Wald ; sie waren unglücklich und bedurften des Trostes ; aber es berührte mich trotzdem peinlich , daß sie in ihrer Bedrängnis zu dem unheimlichen alten Manne hielten . Die Wandelnden bogen in den Weg ein , der sehr nahe an meinem Versteck hinlief . Eckhof dämpfte seine Stimme auffallend ; seine breit betonende Redeweise ließ mich jedoch jedes seiner Worte klar und deutlich verstehen . Er hielt den Hut in der Hand ; sein blütenweißer Scheitel leuchtete hell auf , sonst aber erschien der schöne alte Kopf gleichsam verdunkelt . - Der grimmige , verbissene Ausdruck zeichnete zahllose Falten und Fältchen in das sonst blanke , man möchte sagen , auch von innen heraus eitel gepflegte Gesicht . » Schweigen Sie um Gottes willen mit Ihren Tröstungen ! « rief er stehenbleibend nichts weniger als höflich . » Die Folgen sind unberechenbar ! Das können Sie beide nicht beurteilen , die Sie nicht wissen , welch einen ungeheuren Schritt vorwärts wir dadurch gethan hatten , daß das Haus Claudius mit seinen vielen Seelen in unsere Reihen eingetreten war - das hat imponiert und der Kirche manchen Schwachen und Schwankenden wieder zugeführt ... Und nun wird der mühsame Aufbau mit einem solchen Eklat , einer solchen Rücksichtslosigkeit niedergerissen ... Welche unselige Verblendung , den Götzen der Neuzeit , die unselige sogenannte Bildung an die Stelle zu setzen , da der Herr bereits wieder geherrscht hat in seiner alten Macht und Strenge ! « » Der Onkel schlägt sich selbst ins Gesicht mit seiner Marotte , « sagte Dagobert kalt . » Die Mächtigen und Besitzenden haben keinen besseren Verbündeten , als die Kirche gegen den Schwall derer , die frech an dem Bestehenden rütteln ... Hätte ich Macht und Geld in den Händen , dann wäre Ihre Partei um einen eifrigen Förderer reicher - ich begreife meine Zeit und gehöre zu denen , die dem tollen Kreisel , den sie Fortschritt nennen , ein Bein stellen . « » In Bezug auf die Kirche denkt Fräulein Charlotte anders , « sagte Eckhof , und sein glühendes Auge heftete sich durchdringend und streng auf das junge Mädchen . » Ja , darin gehen unsere Ansichten auseinander , « versetzte sie aufrichtig . » Hätte ich Geld in den Händen , dann würde es mir vor allem das Mittel sein , das beschämende , erniedrigende Dunkel zu lüften , das die Vergangenheit unserer Familie deckt - ich will die Brosamen nicht länger essen , die mir zugeworfen werden , weil ich deutlich weiß und fühle , daß es meiner unwürdig ist , daß ich mich ihrer vielleicht später einmal schämen muß ! ... Ich werde von nun an zusammenraffen und sparen - « » Fräulein Charlotte sparen ? « warf Eckhof sarkastisch ungläubig ein . » Ich sage Ihnen , « fuhr sie heftig auf , » ich werde in Sack und Asche gehen , um nur die Mittel zu einer Forschungsreise nach Paris zu erzwingen - « » Wie , wenn Sie nun nicht so weit zu gehen hätten , um das Dunkel zu lüften ... ? « Jedes dieser Worte fiel schwer wie tönendes Erz in mein Ohr , auf meine Nerven . Der Mann , der sie langsam und gewichtig ausgesprochen , stand plötzlich da , als habe er sich mit einem einzigen entscheidenden Schlag von einem schweren inneren Zerwürfnis losgerungen . » Kommen Sie , « sagte er kurz und gebieterisch zu der jungen Dame , die ihm sprachlos und mechanisch folgte . Er setzte sich auf die Bank , auf der ich am Sonntag gesessen und gesungen hatte , und die meinem Versteck schräg gegenüberstand . O weh , in welche entsetzliche Lage war ich geraten ! In Todesangst hielt ich halb schwebend den Ulmenstamm umschlungen - ich fürchtete , durch meine Schwere den dünnen Ast unter mir abzuknicken ; dazu machten sich die unseligen Schuhe das Vergnügen , an meinen baumelnden Füßen allmählich , aber mit unerschütterlicher Konsequenz hinabzurutschen , und ich hatte keine Gewalt über sie - Gott im Himmel , wenn solch ein kleines Ungetüm hinabpolterte , welches Gaudium für Dagobert , und welche prächtige Gelegenheit für meinen Feind , mir eine donnernde Strafpredigt zu halten ! » Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen , « sagte der Buchhalter zu den Geschwistern , die sich neben ihn gesetzt hatten . » Aber hören Sie vorerst eine unumwundene Erklärung ... Das , was ich Ihnen mitteilen werde , erfahren Sie nicht auf Grund meiner Anhänglichkeit für Sie - es wäre eine Lüge , wollte ich das sagen ... Ich spreche auch nicht aus Rachsucht - Ich will vergelten , spricht der Herr ! ... Sie sehen in diesem Augenblick nicht den Menschen Eckhof in mir , sondern den Streiter des Herrn , dem keine Wahl bleibt , wenn er zwischen die irdischen Interessen der Menschen - und sei es der eigenen Familie , des eigenen Fleisches und Blutes - und das Heil der Kirche gestellt wird ! « Und dieser blinde Fanatismus war es in der That , der Eckhof beseelte - es war ihm fürchterlich Ernst mit dem , was er sagte . Man mußte dieses düstere Glimmen in den Augen sehen , die sich einen Moment hoben , um über dem Laubdach den Himmel zu suchen . » Sie haben mir wiederholt versichert , daß Sie im Besitz von Vermögen und einem klingenden Namen sofort einer der Unsrigen sein würden « - sagte er zu Dagobert . » Ich wiederhole das hiermit feierlich - ich könnte ja beides unter keinen besseren Schutz stellen - Tausende sollten mir nicht zu viel sein - « Eckhof neigte das Haupt . » Der Herr wird sie als Sühne ansehen für so viel verborgene Sünden und endlich seine strafende Hand nehmen von den armen Seelen , die noch ruhelos wandern müssen , « sagte er pathetisch . » Es war aller Laster Anfang , daß der Kaufmannssohn den Standpunkt verachtete , auf den ihn der Herr durch die Geburt gestellt hatte , und nach dem Degen griff ... Er war schön von Gestalt und verstand sich auf die feinen Künste , die der Menschen Herzen verlocken , und da gab ihm der Herzog den Adel und ließ ihn nicht mehr von seiner Seite ... Es wurde damals ein lockeres Leben geführt , da droben , von wo Zucht und Ehrbarkeit und Gottesfurcht als eine Leuchte über die Länder ausgehen sollten . Der Herzog war lustig und die Frau Herzogin , seine Gemahlin , auch , und seine jungen Schwestern , die Prinzessinnen Sidonie und Margarete , waren zu vergleichen der Tochter des Herodes . Sie hatten viel Willen , denn der Herzog liebte sie zärtlich - sie konnten alles von ihm erbitten , nur nicht die Einwilligung zu einer Mißheirat , denn er war stolz auf sein fürstliches Blut ... Die schönen Schwestern verreisten und kamen zurück , wie es ihnen gefiel - Prinzessin Margarete war mehr am Hofe zu L. , als daheim ; ihre ältere Schwester aber hatte eine große Vorliebe für die Schweiz und für Paris ... Sie verreiste oft auf zwei , drei Monate und noch länger - natürlicherweise im strengsten Inkognito und unter dem Schutz ihrer alten , sehr respektablen Hofdame und eines ebenso bejahrten Kavaliers - die guten Leute sind längst tot . « Er schwieg einen Augenblick und strich sich mit der Hand über das Kinn , und ich saß in stiller Verzweiflung auf meinem Ast ; meine Fußsohlen krampften sich zusammen , um die Schuhe festzuhalten , und das Blut trat mir heftig klopfend in die Schläfe , denn ich wagte nicht einmal tief Atem zu schöpfen . Und dieser Mann erzählte so breit wie möglich - es war kein Ende abzusehen . » Seltsam aber war ' s , « fuhr er endlich fort , » daß stets , so oft die Prinzessin Sidonie nach der Schweiz abreiste , eine schöne junge Dame in der Karolinenlust erschien . Sie hatte genau so schwarze Locken , genau den schlanken Wuchs wie die Prinzessin , und sah ihr überhaupt zum Verwechseln ähnlich ... In solchen Zeiten war dann die Brücke nach dem Vordergarten womöglich noch fester verschlossen als sonst , und am Flußufer hin , auf seiten der Karolinenlust , lief ein festes Staket , das natürlicherweise nach Lothars Tode sofort hat fallen müssen ... Nur eine Seele des Vorderhauses genoß die Gnade , die Brücke ungehindert passieren zu dürfen , Fräulein Fliedner . Sie hatte sogar einen eigenen Schlüssel dazu , den sie meist zur Abendzeit , selbst in der späten Nacht benutzte ... Wenn Sie mich fragen , woher ich das alles weiß , so kann ich Ihnen weiter nichts sagen , als : meine selige Frau hat mir ' s erzählt . Sie war zwar nie und nimmer bei dieser dunklen Geschichte beteiligt - zu ihrer Ehre sei es gesagt - aber Frauenohren und Augen sind fein und scharf , und wenn die weibliche Wißbegierde einmal angeregt ist , dann fragt sie nicht viel nach nassen Füßen , die der Fluß macht , und findet wohl auch eine Stelle zum Durchschlüpfen - « » Schau , schau , die gute Frau hat auch gelauscht ! « dachte ich zu meiner großen Befriedigung und vergaß sogar für einen Moment meine gefährliche Situation . » Das ist ein Leben gewesen wie in einem Turteltaubennest . Eine herrliche Frauenstimme hat die schönsten Lieder gesungen , und im Mondenschein , in später , stiller Nacht hat man droben auf der Waldwiese die Epauletten des Herrn Offiziers blitzen sehen und die schlanke , weiße Frau hat an seinem Arm gehangen ... Einmal abends aber ist Fräulein Fliedner hastig , ohne alle Vorsicht über die Brücke gelaufen - in der Karolinenlust sind die Lichter hinter den Fenstern hin und wieder gehuscht - und um Mitternacht hat man Kindergeschrei gehört . « Charlotte fuhr in die Höhe , mit geöffneten Lippen , als ränge sie nach Atem - ihre funkelnden Augen ruhten verzehrend auf dem Gesicht des Sprechenden . » Mehrere Jahre hintereinander hat man die Anwesenheit der Dame in der Karolinenlust von Zeit zu Zeit beobachtet - die Szene , die ich zuletzt erzählt , hat sich später noch einmal wiederholt « - sagte Eckhof weiter - » dann starb die lustige , leichtlebige Prinzessin Sidonie plötzlich im Bade am Schlagfluß , und der schöne Lothar jagte sich drei Tage darauf in Wien , wo er sich gerade mit dem Herzog befand , eine Kugel durch den Kopf ... Herr Claudius kam einige Tage nach dem schrecklichen Vorfall hierher ; er hatte auf seinen Reisen Wien besucht und Lothar dort getroffen . Die beiden Brüder , die sich so selten gesehen , waren sich während dieses Zusammenseins sehr nahe getreten - ich habe das aus Erichs eigenem Munde ... Als ich zum erstenmal eingehend mit ihm sprechen durfte , da konnte ich nicht umhin , die Vorgänge in der Karolinenlust zu berühren . Er sah mich stolz und finster an und sagte , auf die Brieftasche Lothars zeigend : Da drin sind die Dokumente ; mein Bruder hat mit seiner Frau in rechtmäßiger Ehe gelebt ! ... Tags darauf ließ er auf Wunsch des Verstorbenen die Herren vom Gericht kommen . Ich stand mit ihnen draußen im Korridor , während er noch einmal hineinging in die Räume , die sein Bruder bewohnt hatte . Ich sah , wie er die Brieftasche in einen Schreibtisch des großen Saales niederlegte und einschloß - dann machte er die Runde durch alle Zimmer , in die wir nicht eintreten durften , schloß die Thüren und rüttelte an den Fenstern , und drei Minuten später lagen die Gerichtssiegel auf den Thüren ... Die beiden Kinder , die in der Karolinenlust geboren wurden , sind - « » Still , still - kein Wort weiter ! Sprechen Sie es nicht aus ! « schrie Charlotte emporspringend auf . » Wissen Sie denn nicht , daß ich wahnsinnig werde , daß ich sterben muß , wenn ich diese Wundergeschichte - und sei es auch nur für eine Stunde - glaubte und mir dann sagen lassen müßte : Es ist nicht wahr - es ist eitel Hirngespinst einer längst verstorbenen Frau ! « Sie preßte beide Hände an die Schläfen und rannte auf und ab . » Ruhig Blut und den Kopf oben behalten ! « ermahnte Eckhof , indem er aufstand und den Arm des jungen Mädchens ergriff . » Ich frage nur das eine : wenn nicht Lothars und der Prinzessin Kinder , wer sind Sie dann ? « O Himmel , Charlotte die Tochter einer Prinzessin ! Um ein Haar wäre ich von meinem Sitz herabgefallen ... Nun war ja alles gut , alles ! ... Wie untrüglich hatte das fürstliche Blut in ihren Adern gesprochen ! ... Ich hätte laut aufjubeln mögen , wäre nur nicht die entsetzliche Tortur an meinen Füßen gewesen , und hätte ich nicht gerade jetzt den letzten Rest meiner Muskelkraft aufbieten müssen , um mich atemlos still zu verhalten - wie wäre es mir ergangen , wenn der grimmige Alte mich nun , nach seinen Geständnissen , auf meinem unfreiwilligen Lauscherposten entdeckt hätte ! » Wie sollte Herr Claudius dazu kommen , die Kinder wildfremder Leute , einer fremden Nationalität , erziehen zu lassen und sie sogar zu adoptieren ? « fuhr er fort . » Sehen Sie , das Erbteil seines Bruders , Ihren rechtmäßigen Besitz will er Ihnen nicht entziehen - dazu ist er zu gerecht - ja er geht noch weiter , er sichert Ihnen auch sein Vermögen , indem er nicht heiratet . Pekuniär glänzend versorgen wird er Sie - wenn auch erst nach seinem Tode , bis dahin lenkt er Sie am Gängelband - aber Ihren wahren Namen wird er Ihnen vorenthalten für immer , weil er nicht will , daß das aufgepfropfte adelige Reis fortleben soll - ich kenne ihn genau - er hat den unbeugsamen stolzen Bürgerkopf der Claudius ! Doch jetzt beruhigen Sie sich endlich einmal , « schloß Eckhof ungeduldig , » und suchen Sie Ihre frühesten Erinnerungen zusammen . « » Ich weiß nichts - nichts ! « stammelte Charlotte und legte die Hand auf die Stirne - die starke Mädchenseele brach zusammen unter der Wucht des Glückes . » Charlotte , nimm dich zusammen ! « rief Dagobert nun auch - er war anscheinend viel ruhiger als seine Schwester , aber es kam mir plötzlich vor , als sei er noch gewachsen , so stolz hatte er sich aufgerichtet , auf seinem dunkelgeröteten Gesicht lag ein Ausdruck , der mich einschüchterte . » Sie mag allerdings nur sehr wenige , unklare Erinnerungen haben , denn sie war ja sehr klein , als unsere Lebenslage sich änderte - weiß ich doch auch nicht viel mehr , « sagte er zu dem Buchhalter . » Wir haben unsere erste Kindheit nicht in Paris selbst , sondern auf einer kleinen Besitzung in der Nähe der Stadt , bei Madame Godin , verlebt - das wissen Sie bereits ... Ich erinnere mich wohl , daß mein Papa mich auf seinen Knieen hat reiten lassen , aber , und wenn man mich tötete , ich könnte nicht sagen , wie er ausgesehen hat . Ich weiß nur , daß seine Erscheinung blitzend , funkelnd war - es ist uns ja gesagt worden , er sei Offizier gewesen ... Die Mama habe ich sehr selten gesehen - am deutlichsten haftet ein Nachmittag in meiner Erinnerung . Mama kam mit Onkel Erich und noch einem Herrn herausgefahren ; es wurde Kaffee im Gartensalon getrunken , und Onkel Erich jagte mich über den Rasen , warf mich hoch in die Luft und trug Charlotte stundenlang auf dem Arm ... Er war ganz anders , als jetzt ; er hatte ein frisches , schöngerötetes Gesicht und sehr rasche muntere Bewegungen - älter als zwanzig Jahre kann er wohl damals nicht gewesen sein ? « » Er war einundzwanzig Jahre alt , « bestätigte der Buchhalter mit einem verfinsterten Gesicht , » als er Paris für immer verließ . « » Die Mama setzte sich an den Flügel , « fuhr Dagobert fort , » und alle riefen bittend : Die Tarantella , die Tarantella ! Und da sang sie , daß die Wände zitterten , und alles war wie toll , und ich mit . Madame Godin mußte mir nachher das Lied mit ihrem schwachen , alten Stimmchen oft vorsingen , wenn sie mich artig und folgsam haben wollte , und nie werde ich das Già la luna è in mezzo al mare , mamma mia si salterà ! vergessen ! ... Auf das Gesicht der Mama kann ich mich mit dem besten Willen nicht mehr besinnen - für mich spielte , den Gesang ausgenommen , Onkel Erich an jenem Nachmittage die Hauptrolle . Sie könnten mir alle möglichen Frauenporträts zeigen , ich fände meine Mutter nicht heraus ... Ich weiß nur noch , daß sie sehr groß und schlank war , und daß lange , schwarze Locken über ihre Brust herabfielen - vielleicht hätte ich auch das vergessen , wäre ich nicht gerade dieser Locken wegen von Mama gescholten worden , ich hatte sie bei meiner ungestümen Liebkosung sehr derangiert ... Nach diesem Besuch kam Onkel Erich sehr oft allein ; er verwöhnte und verzog uns - ganz das Gegenteil von heute - dann blieb er lange weg , bis er eines Tages kam und mich von Charlotte und Madame Godin trennte ... Das ist alles , was ich Ihnen sagen kann . « » Es genügt vollkommen , « sagte Eckhof . » Herr Claudius mag schon früher in das Geheimnis eingeweiht gewesen sein und seine Frau Schwägerin zu Neffen und Nichte begleitet haben ... Die Prinzessin ging ja fast immer nach Paris , wenn der Herzog mit seinem Adjutanten verreiste . « Er schob seinen Arm unter den des jungen Offiziers . » Jetzt heißt es vorsichtig forschen und handeln , wenn wir unser gemeinsames Ziel erreichen wollen , « sagte er langsam mit Dagobert in den Wald hineinwandelnd . » Von der Fliedner , die allein um alles weiß , erfahren Sie natürlicherweise niemals ein Sterbenswort - eher ließe sie wohl Holz auf sich spalten ! ... Nicht wahr , wie unschuldig und harmlos sie thun kann , die - alte Katze ? ... Die Hofdame , der Reisemarschall und der Leibarzt , der damals auch in der Karolinenlust aus und ein ging , alle sind sie tot - « » Und Madame Godin auch - seit langen Jahren , « setzte Dagobert tonlos hinzu . » Nur Mut , die brauchen wir nicht ! Wir werden schon Mittel und Wege finden , « sagte Eckhof resolut - der Mann war während seiner Mitteilung völlig aus seinem biblischen Redeton gefallen . - » Aber wie gesagt , alle Hast muß streng vermieden werden , und sollten Jahre darüber hingehen . « Sie schritten weiter - Charlotte folgte ihnen nicht . Als sie sich allein sah , warf sie plötzlich die Arme hoch in die Luft und stieß mit zitternder Brust ein eigentümliches Lachen aus . Ich wußte nicht , waren es die unartikulierten Laute einer ausbrechenden , unbeschreiblichen Glückseligkeit , oder - des Wahnsinns . Genau so hatte ich meine Großmutter am Brunnen stehen sehen ... Erschrocken bog ich mich hinab - patsch , lag einer meiner Schuhe drunten im Dickicht - das kleine , benagelte Ungeheuer rasselte mit einer Vehemenz durch die Büsche , als sei es von einer Pistole abgeschossen . Charlotte stieß einen halberstickten Schrei aus . » Still , um Gottes willen ! « flüsterte ich , vom Stamm niedergleitend , und lief auf sie zu . » Unglückskind , Sie haben gehorcht ? « stießen ihre Lippen unter meiner Hand hervor - sie schüttelte diese Hand mit einer zornigen Gebärde von sich und maß mich mit entrüsteten Blicken . » Gehorcht ! « wiederholte ich tief beleidigt . » Kann ich ' s denn ändern , wenn ich auf dem Baume sitze , und Sie gehen drunten spazieren ? ... Kann ich denn schreien : Kommen Sie ja nicht hier vorüber , wenn Sie sich ein Geheimnis zu sagen haben , denn ich sitze da und will mich um keinen Preis vor dem alten Manne sehen lassen , der mich stets so zornig anschnaubt ? ... Und warum soll ich denn durch aus ein Unglückskind sein ? Glücklich bin ich , so glücklich und vergnügt , daß ich ' s nicht aussprechen kann , Fräulein Charlotte ! ... Nun ist ja alles gut ! Nun dürfen Sie stolz sein ! Denken Sie doch nur , die Prinzessin Margarete ist ja Ihre Tante ! « » Gott im Himmel , wollen Sie mich denn zu Tode martern ? « schrie sie auf und schüttelte mich so gewaltig an der Schulter , daß ich wie eine Flaumfeder hin und her flog . Dann ließ sie mich plötzlich los und ging wie vorhin mit starken Schritten auf und ab . » Glauben Sie nichts - ich glaube auch kein Wort ! « sagte sie nach einer langen Weile scheinbar ruhiger , wenn auch ihre Brust wogte und der Atem flog . » Der Alte dort ist kindisch geworden - sein Muckergehirn hat vor Zeiten schwer geträumt , und nun meint er , eine längst verstorbene Frau habe ihm das Märchen erzählt ... Einen leisen Anflug von Wahrscheinlichkeit erhält die Sache nur durch unsere Adoption von seiten des Onkels - niemand hat bisher begriffen , weshalb er sich unser angenommen , und ich füge in meinem Herzen stets nachdrücklich hinzu : Aus Barmherzigkeit ganz gewiß nicht ! ... Mich könnte nur eine Wanderung durch die Bel-Etage der Karolinenlust überzeugen , inwieweit die Erzählung des Alten auf Thatsachen beruht . Es ist mir unmöglich , zu denken , daß die stolze Prinzessin - einen stark ausgeprägten Fürstenstolz hat unser ganzes herzogliches Haus - heimlich vermählt in der Karolinenlust gelebt haben soll ... Ich will darauf schwören , wenn man heute die Siegel von den Thüren lösen dürfte , man fände nichts , nichts , als eine elegante Junggesellenwirtschaft , das Heim eines alleinlebenden jungen Herrn ! « - » Schwören Sie nicht , Fräulein Charlotte ! « unterbrach ich sie flüsternd - mir war zu Mute , als sei ich berauscht , als wirble mir das Gehirn durcheinander . - » In den Zimmern hängt ein seidener Frauenmantel , und auf dem Schreibtisch liegen Briefbogen , und Sidonie , Prinzessin von K. steht drauf - das muß sie selbst geschrieben haben , so fein schreibt mein Vater nicht und Herr Claudius auch nicht - ich glaube , so schreibt nur eine Frau . « Sie starrte mich an . » Sie sind drin gewesen ? ... Hinter den Siegeln ? « » Ja , ich bin drin gewesen , « versetzte ich rasch , wenn auch mit niedergeschlagenen Augen . » Ich weiß einen Weg , und ich will Sie hinaufführen in die Zimmer , aber erst - wenn Ilse fort ist . « In dem Augenblick , wo ich den Namen Ilse aussprach , überkam mich ein unaussprechliches Angstgefühl . Mir war , als stünde sie neben mir mit warnend gehobenem Zeigefinger , und als hätte ich Böses gethan , das nie , nie wieder auszulöschen sei ... Es tröstete