schlummerlose Nächte an einem Siechenbett , Scham über die erlahmende Kraft , demütigendes Hoffen auf fremde Hilfe , Zweifel , und wie sie ferner noch heißen mögen , die marksaugenden , kleinen - großen Erdenherren - , sie stiegen an meinem Horizonte auf . Flüchtig allerdings , nicht zu einem erschöpfenden Ringkampfe der Kräfte , vielleicht nur darum , daß ich sie kennen lerne , von Angesicht zu Angesicht kennen und anderer Notwehr würdigen lerne , sobald ich eines Tages stärker als viele gegen sie gerüstet sein würde . Ich lernte sie kennen ; aber die Lehre habe ich bis nahe an das Greisenalter nicht beherzigt . Das hilflose Hinsiechen meiner armen Mutter konnte sich jahrelang fristen : Unsere kleinen Ersparnisse reichten aber kaum auf Monate aus . Der bescheidene Gnadengehalt der Witwe , wenn er in diesen Zeiten überhaupt gewährt werden konnte , würde unsere mäßigsten Bedürfnisse nicht gedeckt , Arbeit von meiner ungeübten Hand schwerlich einen Abnehmer gefunden haben . Die Kranke hätte , nach des Arztes Ausspruch , ohne Gefahr nach Reckenburg übersiedelt werden dürfen ; aber nicht einmal einer Antwort würdigte uns die Gräfin auf meine Anzeige des erlittenen Verlustes , auf des Propstes wiederholte Darstellung unserer Lage . Mit Recht hob dieser fürsorgliche Freund hervor , daß auch alle Aussichten für die Zukunft mir entschlüpfen würden , wenn ein anderer den von mir verlassenen Verwaltungsposten einnehmen und sich geschickt auf demselben behaupten sollte , und wieviel bedeutender , wieviel mächtiger lockend , als ich mir bis dahin eingestanden hatte , stellten diese Aussichten sich jetzt mir dar . Alles in allem : ich sah keine Flucht aus meiner Bedrängnis , und das Pförtchen , das sich mir endlich erschloß , das Pförtchen , welches heute , von dem Immergrün der Treue bekränzt , leuchtender vor der Erinnerung steht , als das Portal zu dem Goldturme der Reckenburg : damals war es eng und drückend für den stolz gewöhnten Sinn . Das Asyl , welches die reiche Verwandtin in ihrem leerstehenden Palaste verweigerte , die arme Dienerin eröffnete es in ihrer dürftigen Hütte . Muhme Justine erbot sich , ihre einstige Herrin aufzunehmen und zu verpflegen , während die Tochter in das Amt zurücktrat , das ihrer Gegenwart so dringend bedurfte . Die treue Seele drängte flehentlich zu schleunigem Aufbruch , sie schilderte ihren kleinen Notpfennig als eine unerschöpfliche Hilfsquelle . Und ich zögerte nicht , die dargereichte Hand zu ergreifen . In Eile wurde der Umzug eingeleitet . Die Übersiedelung der Kranken sollte noch vor dem Christfeste stattfinden . Gott aber hatte es gnädiger beschlossen . Er ersparte mir die Scham , meine Mutter von fremder Hand gepflegt zu sehen , und er gönnte ihr eine Ruhestatt an der Seite des Mannes , den sie so lange und so beglückend geliebt hatte . Wenige Morgen vor dem zur Reise bestimmten fand ich sie sanft hinübergeschlummert , und so schloß mein heimatliches Leben mit einem zweiten Grabgeleit . Aber nicht mit dem letzten dieses großen Zerstörungsjahres . Als ich früh am Weihnachtstage auf Reckenburg eintraf , lag die Gräfin in hoffnungsloser Qual . Sie zerriß sich Gewand und Haar , krallte sich mit Todesangst an den Leib der Wärterinnen , schrie um Hilfe , um Luft und Licht . Ich öffnete die Fenster . Ein klares Sonnengold strahlte von der weißen Winterdecke zurück , ein erfrischender Strom drang in das lange verhüllte , luftlose Gewölbe ; die Christglocken läuteten auf dem Turme , der unversehrt das geborstene Gotteshaus überragte . Der Kampf der Greisin beschwichtigte sich , ihr Atem wurde ruhig und frei . Hell und scharf wie allezeit richtete sie den Blick - aber nicht auf die Geldtruhe neben ihrem Stuhl , sie richtete ihn auf mich , reckte die Hand nach mir zu einem kräftigen Druck und rief mit fast jugendlichem Klang : » In Recht und Ehren ! « Es war ihr Sterbewort , und ich hatte seinen Sinn verstanden . In der letzten Stunde des Jahres 1806 senkten wir die sagenhafte Greisin zur Ruhe , und das Regiment der letzten Reckenburgerin begann . Elftes Kapitel Die neue Herrschaft Wandelt durch Reckenburg , wenn Ihr in der Chronik meiner nächsten zwanzig Jahre blättern wollt . Jahre , in denen das , was hinter ihnen lag , unmerklich in nebelhafte Erinnerung verschwamm , und mit deren Beginn ich mich gewöhnte , die Geschichte meines eigenen Lebens zu datieren . Es war eine Zeit lediglich der Arbeit , aber einer Arbeit , die alle Bedingungen des Gelingens und darum der Befriedigung in sich trug . Denn zu einem langgehegten , der natürlichen Neigung entsprungenen Plane gesellte sich ein beharrlicher Wille und das Gebot über die durchführenden Mittel . Die Reichtümer meiner Erblasserin waren nicht unermeßlich , wie sie die Volksfabel sich ausgemalt hat ; sie hatten seit Jahren nahezu als totes Kapital gelegen . Aber sie waren für einen bedeutenden Zweck mehr als ausreichend , wenn die Persönlichkeit in Betracht gezogen wird , die unumschränkt mit ihnen schalten und walten durfte . Das Eigentum an sich hatte wenig Reiz oder Wert für mich , denn wenn just auch Eicheltrank und Grützbrei meiner Vorgängerin mir weder genutzt noch geschmeckt haben würde , so war mir nach Anlage und Erziehung Einfachheit doch ein Bedürfnis , weit mehr als ein Gebot . Meine Werkstatt war meine Flur , und der bisher innegehaltene Erkerbau , ein klein wenig wohnlicher eingerichtet und ausstaffiert mit dem altheimischen Gerät , bot hinlänglich Gelaß für die Stunden der Ruhe . Ich hegte keine ästhetischen Liebhabereien , keine geselligen Neigungen , welche das Zeitwesen mir ohnehin verleidet haben würde ; ich war ohne beanspruchenden Familienzusammenhang , und frei von jener gemütlichen Liberalität , die , weil sie nicht » nein « zu sagen vermag , die reichsten Mittel der Kreuz und Quer zersplittert . Summa Summarum : Natur und Schicksal hatten mir die Beschränkung leicht gemacht , welche jedes bildende Streben heischt . Was aber solchem Streben erst die Befugnis gibt : Ort und Stunde , auch sie waren mindestens nicht ungünstig für das meine . Inmitten welterschütternder Ereignisse blieben mir volle sechs Friedensjahre für einen gründlichen Unterbau . Das Gut lag seitab der großen Heerstraßen , und fehlte es auch nicht an Durchzügen , Lieferungen und Aushebungen , trug man seine Lasten auch mit saurem Gesicht , weil sie sich Freunde nannten , die man als Feinde haßte ; mein Bauplan würde unter dem so hart um den Rest seiner Selbständigkeit ringenden Nachbarstaate nicht gediehen sein , wie unter dem ruhigen Vasallentum des unseren . Ihr kennt diesen Plan : es galt die reiche Kultur eines herrschaftlichen Grundbesitzes auszudehnen über einen armen Gemeindeverband . Wenn nun Kanäle und schützende Deiche , bequeme Fahrstraßen , entsumpfte Brüche und wohlregulierte Forsten sich auch über die dörfliche Flur verbreiteten ; wenn zu allgemeinen Zwecken Bauholz gefällt , Ziegelöfen errichtet wurden , Lasten von Bruchsteinen stromauf- und -abwärts landeten ; wenn Schul- und Gotteshaus aus dem Ruin erstanden , und endlich an Stelle der wüsten , ekelerregenden Hüttentrümmer reinliche Dorfschaften sich ausbreiteten , die ich unter dem Gemeinnamen » Reckenburg « zusammenfasse : so war alles das , was scheinbar als Resultat gefällig in die Augen springt , doch nur das Mittel zum Zweck und ein bequemes Mittel für eine freie , volle Hand . Der Zweck meiner Aufgabe und ihre Schwierigkeit , die hießen : ein erneuertes Menschengeschlecht inmitten der erneuerten Flur ; eine kräftige , arbeits- und ordnungstüchtige Bauernschaft in der Gemeinde von Reckenburg . - » Majestät Fritz in Pommerellen « , so nannte mich neckend mein guter Propst in seinen ermunternden Briefen ; und in der Tat war es solch ein hungerndes , lungerndes pommerellsches Völkchen , über das ich das Regiment usurpierte . Ja usurpierte ; denn nicht mehr die Erbuntertänigkeit , nur die Not und der anlockende Zauber des Eigentums machte sie zu meinen Sklaven . Die fruchtbringenden Liegenschaften auch der freien Bauern waren in Zeiten der Drangsal an die Herrschaft verschleudert worden , kaum mehr als dürftige Fetzen Heide- und Bruchlandes in den Händen von Wilddieben , Schmugglern und fronpflichtigen faulen Tagelöhnern zurückgeblieben . Just aber auf diesem Grundstück des Übels beruhte meine Zuversicht der Heilung . Denn in den üppigsten Landschaften entartet und auf dem kümmerlichsten Boden fördert sich die Kultur . Der Acker , der lange Zeit Öl und Zuckerfrüchte getragen hat , sinkt , ausgesogen , zu einem Haferfelde herab ; ein Forst , welchen vor einem Jahrhundert ein Windbruch verwüstete , steht , bei Fleiß und Geduld , nach wieder einem Jahrhundert in einen Nadelwald und endlich in einen Laubwald umgewandelt . Und wie die Erde , so der Erdenherr . Nicht auf dem Lotterbette , sei es des Elends , sei es der Wollust , aufrecht , im Schweiße seines Angesichts bildet sich der Mensch . Diese Fibelweisheit prägte ich in das Gemüt meiner Kolonie nicht mit dem verpuffenden Wort des Missionars , sondern als Münzmeister mit dem handlichen Stempel , den ich in dem Goldturm der schwarzen Gräfin vorgefunden hatte . Wer seine dürftige Scholle nach meinen Erfahrungen bearbeitete , seinen Viehstand genau nach denselben verpflegte , erhielt aus herrschaftlichen Beständen Werkzeug , Saatkorn und junge Zucht , erhielt sie wiederholt in Zeiten des Mißwachses oder der Seuche . Niemals jedoch ohne die Bedingung allmählicher Zurückerstattung nach Jahren des Gedeihens . Wer seines Bodens am frühesten oder fleißigsten Herr geworden war , der erhielt von dem Gutsareal , das sich während der kriegerischen Unsicherheit ohne schwere Opfer noch immer erweitern ließ , zugelegt . Niemals jedoch ohne die Bedingung einer mäßigen , aber regelmäßigen Rente , welche den Tilgungsfonds in sich schloß . Ungehemmte Arbeitskraft und unbeschränkte Arbeitszeit waren die einzigen Rechte , welche den bisher zu Fronden und Diensten Verpflichteten sonder Klausula überlassen wurden . Bei diesen Erweiterungen war nun von Haus aus darauf Bedacht genommen worden , daß die Grundstücke eines Besitzers beieinander und seinem Gehöft so nah als möglich lagen . Das Dominium durfte behufs dieser Ausgleichung nicht geschont werden . Ohne Streitigkeiten oder Sporteln vollzog sich dieser wesentlichste Wohlstandsprozeß für den kleinen Grundbesitz lediglich durch meinen Schiedsspruch und allerdings durch meine Opfer . Wer aber nicht opfern will , soll nicht reformieren wollen . Alles wurde auf Leistung und Gegenleistung gegründet ; nicht das geringfügigste Erzeugnis verschenkt , nicht die unwesentlichste Verpflichtung erlassen , nicht die herkömmlichste Eigentumsverletzung geduldet . Selber für die Beeren , welche die Kinder in den Gutsforsten pflückten , für Reisholz und Stoppeln , welche die Mütterchen sammelten , mußte ein Tribut erlegt werden . Freilich brachte die Schloßfrau als Zwischenhändlerin ihn bei dem Ankauf zu höchsten Marktpreisen in Anschlag , und trieb auf diese Weise ein bewußtes Spiel , indem sie mit der einen Hand gab , was sie mit der anderen gefordert hatte ; aber sie sparte den Leuten Zeit , zerstreute sie nicht durch Handel und Wandel , stärkte den Rechtssinn , der durch kleine Übertretungen am sichersten untergraben wird , und ein Ehrgefühl , das mit dem Begriffe des Verdienstes anfängt und mit dem der Duldung endet . In ähnlicher Weise wurde auch der Neubau der Dörfer nach einem voraus entworfenen Plane allmählich zustande gebracht . Der bisherige Besitzer , der sein hinfälliges Gehöft an die mir gelegene Stelle verrückte , der neue Ansiedler , der es nach meinem Muster aufrichtete , ein jeder , der sich verpflichtete , sein Anwesen nach einer strengen Polizeiordnung reinlich und zweckmäßig zu erhalten , sie empfingen den Bauplatz , das Material und eine Unterstützung der Arbeitskräfte während der Anlage unentgeltlich , später gegen Zins und ratenweise Abzahlung , und zwar ohne daß auch hier bis zur letztgültigen Regulation eine Feder oder ein Schuld- und Grundbuch in Bewegung gesetzt worden wären . Der einfache Handschlag genügte , und die Unerbittlichkeit , mit welcher ich bei jeder hinterhältigen Bauernlist die Aushilfe zurückzog , verbürgte mir die Treue meiner Kontrahenten , bis Ordnung und Redlichkeit zur eingewöhnten Sitte in Reckenburg geworden waren . Daß in Bausch und Bogen der Schloßsäckel kaum ein schlechteres Geschäft gemacht haben würde , hätte ich von Haus aus gesagt : » Hinz , hier schenke ich dir eine Hufe , « oder » Kunz , da hast du eine von meinen Wiesen , « daß die Freude des Empfängers und Gebers gegen die Unruhe des Schuldners und die Wachsamkeit des Gläubigers vertauscht wurden , das ward nicht in Rechnung gezogen und durfte es nicht werden . Nicht die Blume der Gemütlichkeit , den Baum des Rechtes und der Ehre galt es zu pflanzen in der Reckenburger Flur . Zuletzt , doch nicht zum letzten sei nun auch der Gehilfen gedacht , die mir bei dieser Pflanzung so wacker in die Hand gearbeitet haben . Ich muß es als einen Glücksfall preisen , daß kurz nach Antritt meines Regiments der damalige Pfarrer , ein deutscher Biedermann und Familienvater , die bequeme Stelle eines städtischen Nachmittagspredigers dem rauhen Posten auf Reckenburg vorzog . Ein Stündchen Kirchenruhe war den rührigen Stadtbürgern zu gönnen . Der Mann kam auf den rechten Platz , und ich fand für den meinen den rechten Mann . Ohne die Gemeinde ihrer Verpflichtungen gänzlich zu entbinden , ward die Stelle von seiten des Dominiums auskömmlich verbessert , und Ludwig Nordheim , der Zweite , trat auf meine Einladung in dieselbe . Seiner Anlage und meiner späteren Entwickelung gemäß konnte der Sohn mir nicht ein Freund werden , wie der Vater es gewesen war ; aber der rüstige Mann war mir ein Amtsgenosse , mehr als jener es hätte werden können . Hatte der Vater sich abgemüht , durch mildes Reden und Tun das Himmelreich unter uns auszubreiten , so sparte der Sohn kein Donnerwort , um uns die Hölle heiß zu machen . Jener scheiterte , dieser wirkte ; denn wir zählten zurzeit mehr Höllen-als Himmelreichskandidaten in der Reckenburger Flur . - Desgleichen fand sich für die Zucht unserer noch unflüggen Brut ein Meister , der neben dem Bakel auch Axt und Pflugschar instruktiv zu handhaben verstand . Ich hatte anfangs mit Sehnsucht an meinen getreuen Christlieb Taube gedacht , sparte ihm aber schließlich die Opferung auf einem verlorenen Posten . Er lebt noch heute zwischen seinen Bergen , pflegt seinen Rosenflor und spielt die Orgel zu Gottes Ehr ' ! Ohne eigenes Weib und Kind , ist er wie ein Vater geliebt von den Geschlechtern , die er herangebildet hat . Der Ärmste und der Reichste unter denen , mit welchen ich jung gewesen bin . Der Glücklichste ! Wiedergesehen habe ich ihn nicht . Einen anderen Getreuen dahingegen , den letzten Purzel , durfte ich noch jahrelang unter meinen Augen hegen . Seine Werbezeit war abgedient und ihm graute vor einem Heldentum unter dem Banner des Siegers von Jena , den er , zwar nicht als Patriot , aber als Diener seines geopferten Herrn ingrimmig haßte . Mit Behagen fügte er sich daher in die Rolle , die unter dem Anstandstitel » Heiduck « auf Reckenburg fortgeführt ward , und hat seinen Zopf mit Ehren zu Grabe getragen . Viele Jahre vor ihm schied die Treueste der Treuen . Ihr Erdenziel war erreicht , als sie das Kind ihres Herzens auf dem Gipfel ihrer Träume angelangt sah und in dieser stolzen Region keinen kreuzenden Schellenunter mehr zu parieren hatte . Der schwerste Verlust war der meines einzigen Freundes , des Propstes . Wiedergesehen habe ich auch ihn nicht . Sein Kränkeln und mein Schaffen bannten jeden auf seinem Platze . Sein letzter Brief fiel in den Sommer 1809 und enthielt die Kunde von dem Verschwinden August Müllers aus dem Försterhause . Die Sorge um den väterlich geliebten Schützling mag den lange siechen Körper aufgerieben haben . Ich teilte diese Sorge nicht . Der soldatische Instinkt des Knaben würde auf die Dauer doch nicht zu bändigen gewesen sein ; und wessen bedurfte unsere Zeit so sehr , als dieses verwegenen Soldatentriebes ? Hatte er in dem vorzeitigen Rachezug ein vorzeitiges Ende gefunden - nun wohlan ! der Boden , dem die Freiheit entsprießen soll , muß ja , so heißt es , mit Märtyrerblut gedüngt werden ; und wie hätte ich nicht eine genugtuende Fügung darin erkennen sollen , daß der Sohn meines Helden von Valmy unter dem Sohne des Feldherrn von Valmy voranstürmte , um die Schmach zu tilgen , die mit dem Tage von Valmy begann ! Als August Müller mir eines Tages plötzlich wieder gegenübertrat , hatte ich ihn viele , viele Jahre lang so gut wie vergessen . Ob Dorothee von seinem Entweichen unter die schwarze Schar gewußt oder ob sie dasselbe bloß geahnt hat , habe ich niemals ermittelt . Seit ich am Begräbnistage meines Vaters von ihr Abschied genommen , gehörte auch sie mir zu den Begrabenen . Es tat mir wohl , von ihr in Frieden geschieden zu sein : aber wie einst im Unfrieden , so fühlte ich auch jetzt : wir waren fertig miteinander . Kaum daß dann und wann der immer weiter sich verbreitende Ruf ihres Gatten mich an die einzige Jugendgespielin erinnerte . Bei wenig mehr als dreißig Jahren stand ich gemütlich so einsam wie wohl selten ein Weib . Ein stark gewurzelter Baum inmitten einer Schonung von niederem Gehölz . Während meines » fritzischen « Schaffens blieb ich nun aber eine teilnehmende Beobachterin des staatlichen Lebens , dessen Katastrophe mit meinem eigenen neuen Leben zusammengefallen war . Niemals habe ich an seiner Wiederaufrichtung gezweifelt . Denn ich erfuhr es in meiner Flur : das Wetter , das reife Ernten knickt , befruchtet eine Frühlingssaat . In diesem Preußen aber rang ein unverbrauchtes , hart gepflanztes Menschenvolk . Durch den Grafen , unseren Nachbar , damals auf jenseitigem Gebiet , trat ich auch in eine Art von Verbindung mit den Patrioten , welche in Preußen und Österreich heimlich ihre Fäden spannen , und warum soll ich es verschweigen , daß manche von den Mitteln , die mir ja ausreichend zu Gebote standen , den höchsten Zwecken zugeflossen sind ? Als aber endlich der heilige Kampf sich erhoben hatte , mit welchem Festesjubel wurden da zum erstenmal die Prunkgemächer der Reckenburg geöffnet zu einer Pflegestätte für die Verwundeten , deren Großtaten den mir erreichbaren Bezirk erfüllten . Ja , ja , meine Freunde , die Helden Bülows und Yorks haben mit den altgräflichen Vorräten im Keller und Speicher reinen Tisch gemacht . Und so rühmte ich mich denn auch , als eine der wenigen meiner heimatlichen Standesgenossen , von der ersten Stunde an mit offenem Visier auf die Seite des befreienden Vorvolks getreten zu sein , rühme mich , daß niemand freudiger als ich sich einem Staate unterordnete , der sich beherzt zu Recht und Ehren wieder durchgekämpft hatte . Denn wer so emsig wie ich an seiner Heimat baut , der trachtet danach , sie unter der Hut eines starken Vaterlandes zu bergen . Nun aber galt es , mancherlei Verwüstungen auszuheilen , welche der Kriegstroß in meinem Bereich zurückgelassen hatte . Es galt nicht minder , mich selbst und die Meinen in die straffe , mancherlei harte Leistungen heischende neue Ordnung einzugewöhnen . Dann folgten die Hungerjahre von 1816 und 1817 , welche die Vorräte des Speichers und Säckels reichlich in Anspruch nahmen . Endlich aber trat eine Pause ein , in welcher das Geschaffene nur eben erhalten oder mäßig über seine Grenzen hinausgeführt zu werden brauchte . Ein ruhiger Überblick war gestattet . Da sah ich das Werk denn aufgerichtet , mit welchem mein Dasein gleichsam zu einem Wesen verwachsen war ; sah die fruchtbringende Flur und den Baum des Rechtes und der Ehre Wurzel schlagend in einem neuen Geschlecht . Mit Zuversicht blickte ich auf den Keimstock der Gemeinde , die sich heute rühmt , seit fast einem Menschenalter keinen Prozeß geführt und keinen Frevel gebüßt zu haben , keinen Spieler und Trunkenbold , kein Mädchen zu kennen , das ohne Kranz zum Altare getreten wäre ; eine Gemeinde , die ihre Rekruten ohne Murren stellt , ihre Waisen ohne Beihilfe innerhalb der Familie zur Arbeit erzieht ; keiner Witwe , keinem Greise den Altenteil verkümmert . Und ich sage ja und Amen zu diesem Ruhm . In der Tat , es war eine ehrsame und rechtschaffene , aber es war auch eine freude- und liebelose Kolonie . Freude- und liebelos wie die , welche sie gegründet hatte . Denn - was ist da zu vertuschen ? - das , was Ihr ein Herz nennt , meine Freunde , das war für nichts bei meiner Tat . Ich hatte einen Stoff bearbeitet , wie jeder berufene Handwerker - oder sei es Künstler - den seinen ; ich hatte meine Kräfte an einer und für eine Gesamtheit entfaltet - ich würde sie , und das dünkt mich das Kennzeichen der Liebe - , ich würde sie um keines einzelnen willen beschränkt haben . Mein Puls schlug nicht höher , noch matter bei dem Schicksale eines einzigen von denen , die ich die Meinen nannte ; ich trug die Neugeborenen zum Taufstein , geleitete die Bräute zum Altar , die Toten zur Gruft ; aber ich empfand wenig mehr dabei , als wenn ich meine Bäume pflanzen und fällen oder meine Äcker befruchten sah für einen neuen Trieb . Indem ich eine Bauernschaft zu bilden strebte , hatte sich in mir der echte , rechte Bauernsinn ausgebildet , der den Menschen als ein Produkt der Scholle nimmt , der Scholle , die ihn nährt , und die er wieder nährt . Das Werkzeug klapperte und auch die Kirchenglocken läuteten , wie sich gebührt : Sang und Klang aber schwiegen in der Reckenburger Flur . Wir tanzten nicht unter dem Maienbaum , wir jubelten nicht bei Hochzeit und Kindelbier . Kein Weihnachtslicht mahnte uns an die frohe Botschaft der Gotteserscheinung in einem hilflosen Kinde . Bursche und Dirne freiten nicht nach Neigung und Lust , sondern nach Vernunft und elterlichem Willen ; der Bettler schlug einen Bogen um die Reckenburg , denn er sah keinen Brosamen von des Reichen Tische fallen , und » arbeite wie wir , so wirst du dich wohl befinden wie wir , ein jeder sorge für das Seine , « schallte es ihm von der ungastlichen Scholle entgegen . In der Tat : wir waren eine sehr ehrsame , aber eine sehr lieblose Kolonie ! Die unbestimmte Empfindung von etwas Fehlendem in meinem Werk und Leben dämmerte mir zum erstenmal in jener Pause , wo ich mich des Gelingens hätte freuen sollen . Ich spürte keine Abspannung , aber eine Art unruhiger Langeweile , und es kamen Stunden , wo ich mir sagte , daß , wenn ich noch einmal zu leben anfangen sollte , ich nicht als Arbeitsbiene wieder anfangen möchte . Ich hätte Zerstreuungen suchen können , künstlerische Liebhabereien pflegen , und Gott weiß , was sonst noch alles reiche Leute können . Aber ich kannte mich hinlänglich , um zu wissen , daß das , was mir fehlte , nicht von außen in mich getragen , daß es aus dem Innern herauswachsen müsse . Was es aber war , das in mir nach einer Vollendung rang , dafür fand ich die Lösung nicht . Meiner Art gemäß tastete ich bei diesen Untersuchungen nicht nach dem Mond , sondern faßte die Sache , wo sie zunächst auch wesentlich lag . Ich näherte mich den Fünfzigern , und hatte ich bei Zwanzigern mich auch nicht rüstiger gefühlt , ich wußte , die stärksten Fäden sind es , die am raschesten reißen , und wenn der meine einmal jählings riß , was wurde dann aus dem Gewande meiner Reckenburg , das mit meinem Leibe schier verwachsen war , oder was wollte ich , daß aus ihm werde ? Zwar sah ich manches stolze Segel gebläht und manche Notflagge aufgehißt , um in den schützenden Hafen einzulaufen . Aber wie in den Tagen meiner Freierhetze , verdroß es mich auch heute , einer nimmersatten Begierde oder einem schamlosen Bedürfnis frönen zu sollen . Ich verlangte freie Wahl , und kein Zug der Vergangenheit , kein gegenwärtiges Interesse leitete mich auf eine Spur . Auch Pläne anderer Art stiegen in mir auf . Wie wärs mit der Gründung eines Asyls für invalide Krieger oder deren Waisen , für das es , leider Gottes ! zurzeit nicht an Anwärtern gebrach ? Oder mit einem Fräuleinstift , für das es , leider Gottes ! keiner Zeit an Anwärterinnen gebrechen wird ? Aber kennt Ihr einen alten Bauer - und ich war solch ein Stück alten Bauers - , der seine Hufe nicht lieber dem Unbedürftigsten seinesgleichen als dem bedürftigsten Gemeinwesen verschreiben würde ? Mir widerstand eine fiskalische oder kommunale Schablonenverwaltung meiner Flur , ich mochte sie mir nur denken unter dem Gepräge einer Individualität , wie zuerst die Gräfin und später ich selber es ihr aufgedrückt hatten , ich forderte für den Wandel der Zeiten einen persönlichen Erben , und begann als Matrone zu beklagen , daß ich in der Jugend nicht den ersten besten Krautjunker geheiratet und mir auf dem natürlichsten Wege die Qual der Wahl abgeschnitten hatte . Was meine äußerliche Stellung anbelangt , so war ich seit dem Frieden nicht durchaus mehr die Einsiedlerin des neuen Turms . Man wußte in dem materiell erschöpften Staate eine besitzende Hand , in der neu erworbenen Provinz eine aufrichtige Anhängerin zu schätzen ; man suchte meinen Rat bei ländlichen Einrichtungen , kurz und gut : von oben herab wie von unten herauf erwies man mir allerlei Ehren , und so bildete sich unwillkürlich ein Verkehr , nicht wie er zwischen Mann und Weib oder gar Weib und Weib , sondern wie er zwischen Mann und Mann gang und gäbe ist ; mich aber würde es gewundert haben , wenn dem anders gewesen wäre . Von Zeit zu Zeit fühlte ich mich nun auch veranlaßt , durch ein Gastgebot dem Ansehen meiner Reckenburg gerecht zu werden ; da gaben denn die gezopften Einrichtungen - Heiducken , goldene Kutsche samt Schimmelgespann und tutti quanti - , gab ihre Harmonie mit der ererbten Ausstattung dem Rufe der Besitzerin ein starkes Relief . Man zitierte die Reckenburgerin als Aristokratin reinsten Wassers , und man tat es mit Recht . Je mehr und mehr empfand ich indessen diese obligatorischen Schaustellungen als einen Vorschub der heimlich eingenisteten Langeweile . Das Herz war hier am wenigsten bei der Sache , und das Verlangen , dem Gebäude , das ich aufgeführt hatte , gleichsam einen Turm aufzusetzen , quälte mich niemals beunruhigender , als nach solcher Unterbrechung des einfachen Tageslaufs . Hätte ich nur einig werden können über das Wo und Wie ! Wie beim Abschied von der Jugend in den Zeiten der Abhängigkeit , so schlich in denen der schrankenlosen Freiheit Jahr um Jahr vorüber , in welchem nur der Mechanismus eingelebter Ordnungen mich aufrechthielt , und ich war fünfzig geworden , als sich mir überraschend ein Ausblick öffnete , dem ich in jungen Tagen gewiß nicht den Rücken gekehrt haben würde . Ich habe weiter oben flüchtig des Grafen , unseres Nachbars , erwähnt . Ihr kennt und verehrt ihn , meine Freunde ; ich brauche daher nicht mehr über ihn zu sagen , als daß ein bedeutender geschäftlicher Verkehr sich zwischen uns erhalten hatte , und daß er schon damals das Vertrauen des Staates und der Stände genoß , wie kein zweiter unserer provinziellen Ritterschaft , deren Ehrenämter und einflußreichste Stellungen denn auch auf seine Person übertragen werden . Und auf keinen mit größerem Recht . Er war und ist ein Beamter von dem Schlage , der sich in den preußischen Annalen einen klassischen Namen erworben hat , ein Mann von so unermüdlicher und uneigennütziger Tätigkeit für das Allgemeine , daß seine privaten Angelegenheiten , vor allen die Verwaltung seines bedeutenden Majorats , merklich den kürzeren dabei zogen . Ich schätzte den Mann nach seinem Verdienst , seine Gemahlin aber gehörte zu den wenigen Weibern , deren Umgang mir nicht beschwerlich fiel . Denn ich hatte auch darin einen männlichen Geschmack , daß nur die frauenhaftesten Eigenschaften der Frauen mir zu Herzen gingen . Einer Amtsverwalterin wie Jungfer Ehrenhardine würde ich auf einer wüsten Insel , glaub ich , zehn Schritt ferngeblieben sein ; das Kind Dorothee hatte selbst als Sünderin den Reiz für mich nicht eingebüßt . Die Gräfin aber war eine schmiegsam zärtliche Seele , das Weib » in Gottes Namen « , wie es im Buche steht , und sicherlich würde ich die Sprößlinge dieses anziehenden Paares , drei noch unbärtige Junkerchen , für das Erbe der Reckenburg in nächsten Betracht gezogen haben , hätte ich sie etwas weniger flott und übermütig heranwachsen sehen . Wohl sagte ich mir entschuldigend , daß bei der zerstreuenden Tätigkeit des Vaters und der gelassenen Umfriedung der Mutter dem jungschäumenden Blute der Zügel gefehlt habe ; unter allen Umständen aber mußte die Zeit einer reiferen Entwickelung abgewartet werden . Vor Jahr und Tag nun war der Graf Witwer geworden . Er hatte die Frau sehr geliebt , sich sehr beglückt durch sie gefühlt und nach ihrem Tode allen geselligen Verkehr , auch den mit mir , abgebrochen . Es schien , als ob er seine Trauer mit ins Grab nehmen wolle , und nichts hätte mich - auch abgesehen von meinem halben Jahrhundert - mehr überraschen können , als ihn eines Tages bei mir eintreten zu sehen und ohne Präliminarien einen Heiratsantrag von ihm zu vernehmen . Der Mann war bei gesunden Sinnen und ernsthaft wie ein Kato , heute mehr denn je . Mich verdroß diese dreiste Begehrlichkeit , wie sie mich von keinem anderen verdrossen haben würde . » Ich zähle fünfzig Jahre , Graf , « sagte ich trocken . » Ich auch , « versetzte ebenso trocken der Graf . » Das heißt : als Mann ein Vierteljahrhundert weniger , « entgegnete ich , und er darauf : » Unter den herkömmlichen Voraussetzungen einer Ehe allerdings . « Seine merkwürdige Offenherzigkeit begann mich zu belustigen . Ich lachte hell auf ;