der Edle , in diesen süßen Erinnerungen schwelgend , und dann - dann wendete sich der Gartenpfad , und die drei Lustwandelnden richteten ihre Schritte von neuem dem alten Herrenhause zu . Dort schimmerte die Lampe durch die Glastüren und Fenster des Gartensaales , und wenn man näher herantrat , erblickte man den Ritter von Glaubigern und das Fräulein von Saint-Trouin an dem noch gedeckten Tische , die Stirnen auf die Hände gestützt , kummervoll einander gegenübersitzend ; und das war gewiß kein fröhlicher Anblick . Die Frau Adelheid hatte sich längst zu ihrer Mamsell Molkemeyer begeben und saß ganz behaglich , ihr Herz ausschüttend , in der Milchkammer ; aber diese beiden armen Greise saßen , trotz der Gesellschaft , die sie einander leisteten , allein - ganz allein - jedes für sich allein ! Sie erschienen kümmerlicher , verlorener , antiquierter denn je , und es gab nichts Schmerzlicheres in der Welt für Antonie Häußler , als zu gleicher Zeit den Gesprächen ihres muntern , hellen Großpapas zuhören zu müssen und diese beiden guten , alten , treuen , sonderbaren Leute , deren letzter Lebenstrost sie gewesen war , im Auge zu haben . » O und wie oft werde ich sie noch verproviantieren helfen ! « jubilierte der Edle , und in diesem Augenblicke trat die gnädige Frau , welche ihre Seele in der Milchkammer vollkommen befreit hatte , zu ihm , und der Herr von Haußenbleib fing von neuem an , seinen seligen Empfindungen über die Kasematten und bombenfesten Speicher von San Felice Worte zu geben . Sie traten wieder in den Gartensaal und nahmen wieder Platz an der Tafel , und da der Edle nunmehr bei dem Feldzuge von achtzehnhundertneunundfünfzig angelangt war , so stieg seine Begeisterung natürlich auf den Gipfel . Das Wasser lief einem im Munde zusammen , wenn man ihn von den Delikatessen reden hörte , die er für das kaiserlich-königliche Heer in seinem wunderbaren Verona aufgehäuft hatte . O diese glückseligen Veroneser ! Sie bekamen ja nach dem Frieden von Villafranca alle schönen Reste , welche das kaiserlich-königliche Heer übriggelassen hatte , und der gnädigen Frau fing wirklich an das Wasser im Munde zusammenzulaufen . Nun zog sich der Edle bescheiden hinter seine Verdienste in doppelter Bedeutung zurück und ließ nur leise ahnen , wie sehr sein Eifer und seine Mühen Anerkennung und Würdigung gefunden hatten . Die gnädige Frau schüttelte immer verwunderungsvoller , aber auch immer billigender den Kopf , und ihre Blicke auf Antonie wurden immer teilnehmender , inniger und gerührter , als ob sie sich im geheimen sage : Nein , was für ein Glück dieses Mädchen hat ! Was für ein Glück dieser Mensch , dieser Häußler gehabt hat ! Es ist ein Vergnügen , ihn von komprimiertem Gemüse sprechen zu hören , und wie man sonst von ihm denken mag , seine Zeit hat er nicht verloren . Ei , was für eine verzauberte Prinzessin haben wir in der Tonie hier auf dem Lauenhofe aufgezogen , während er in einem Jahre mehr erlebte als der Lauenhof in einem Menschenalter ! Alles , was recht ist , aber das muß man dem Mann lassen , er überhebt sich nicht und weiß doch zu reden . Wer hätte gedacht , als mein Seliger ihn zur Tür hinauswarf , daß er auf solche Weise wieder hereinkommen würde ? Munter ! Man muß ihm wirklich mit Pläsier zuhören , und ich sehe wahrhaftig nicht ein , weshalb die Tonie immer noch mit solcher Jammermiene dasitzt ! Darüber muß ich doch mit dem Herrn von Glaubigern reden . ' Die arme Antonie ! Sie saß wieder zwischen dem Ritter und dem Fräulein und schien ihr Glück durchaus nicht zu begreifen . Noch wenigstens war sie nicht imstande , über das Kastell San Pietro und das Fort San Felice den Lauenhof und die guten , alten , treuen Freunde zu vergessen . Als der Edle sie endlich beim Abschiednehmen zärtlichst auf die Stirn küßte , brach sie in ein krampfhaftes Weinen aus , welches um so heftiger wurde , je mehr sie dagegen ankämpfte . » Es ist die übermäßige Freude « , meinte der Edle , » und es wird das beste sein , ich überlasse sie jetzt der treuen Teilnahme derer , welche ihr bereits soviel des Guten erwiesen . Obgleich Tausende auf die wenigen Jahre , die mir noch vom Leben übrigbleiben , Anspruch haben , werde ich doch gern einige Tage in der alten Heimat verweilen , um dem Kinde Zeit zu geben , sich zu beruhigen und sich in sein neues Leben zu finden . Ach , meine Herrschaften , mit schwerem Herzen und schwankendem Fuße betrat ich diesen Boden , aber dankerfüllt und leichten Gemütes scheide ich und wünsche sämtlichen hochverehrten Anwesenden eine angenehme Nachtruhe . Ach , was mich selbst betrifft , so werde ich trefflich nach einem so segensreichen Tage schlafen . Gnädige Frau - gnädiges Fräulein - meine Herren , ich hab die Ehr ! « Er hatte die Ehre , sich zu empfehlen , d.h. er ging für heute ; daß er jedoch morgen wiederkommen werde , unterlag keinem Zweifel . Er ging , nachdem er den schönen Überrock , welchen ihm am Nachmittag sein Diener nachgetragen hatte , angezogen hatte . Die gnädige Frau begleitete ihn bis auf die Treppe der Haustür , und hier küßte er ihr die Hand und jagte ihr dadurch einen solchen Schrecken ein , daß sie fast das Licht fallen ließ . Die Begleitung eines Knechtes und einer Laterne lehnte er dankbar ab , da es ihm Vergnügen mache , seinen Weg durch Krodebeck einmal wieder allein zu finden . » Hm « , sprach er , als er in der Dorfgasse stand , » wer hielte mich jetzt nicht für einen Narren ? « Gleich darauf lächelte er und berührte den Nasenzipfel mit dem Stockknopf : » Nun , solange ich selbst mich nicht dafür ansehe , wollen wir diese Frage beiseite lassen . Ach , welch eine angenehme Nacht ! Also dies ist Krodebeck , und das war die Tochter der Marie ? Ah , wandeln und genießen wir alle Eindrücke , wie sie sich darbieten ! O Heimat , Heimat , weshalb darf ich dich nicht auch verproviantieren ? Chè diavolo , nur dadurch könnte ich alle meine Verpflichtungen gegen dich abtragen , und wer trüge nicht gern alte Schulden ab , wenn es auf solche Art geschehen könnte ? ! « Unendlich wohlwollend sah er sich um ; aber er pfiff leider auf eine sonderliche Weise dazu , und dann ging er langsam weiter , immerfort nach rechts und links ausschauend und mit heimwehtrunkener Seele die lange entbehrten Düfte von Krodebeck einschlürfend . » Noch geradeso wie vor dreißig Jahren ! « murmelte er . » Und dort ist der Krug , und man scheint sich , wie vor dreißig Jahren , drin zu prügeln . Evviva , welch eine herrliche , stärkende , göttliche Luft ! Wirklich , man prügelt sich dort . Und wenn ich daran denke , daß auch ich - - - ach , lassen wir uns von dem weichen Herzen nicht allzusehr entmannen , lauschen wir lieber in genügender Entfernung und mit heiterer Erinnerung schönerer Tage , warum man sich eben im Kruge prügelt und wer sich prügelt . « Er trat ein wenig näher , und in demselben Moment quoll der kämpfende Haufe aus der Tür der Schenke hervor , und ein arg zerzauster Mensch flog unter einem Sturm von Fußtritten und Faustschlägen ihm vor die Füße , rappelte sich so eilig als möglich auf und schoß ächzend , fluchend und schimpfend in die Nacht hinein , gerad als der Mond hinter dem Horizonte versank . » Na , so gfallt ' s mir , dös muß i sagn ! « erklang eine Stimme aus der Mitte des siegjauchzenden Haufens , und der Edle von Haußenbleib trat noch einen Schritt näher , hielt die Hand hinter das Ohr und murmelte : » Eh , eh , mein Joseph ? Piano ! Das gfallt mir auch ! - Holla , heda , Joseph ! « rief er , und sogleich stand der Gerufene neben ihm und rief atemlos : » Euer Gnadn , i hab mi neutral verhalten , ganz neutral ; aber a kreuzbrav Volk ist ' s hier , Euer Gnadn . Da habn sie den Mensch , weil er auf Euer Gnadn , mit Permiß zu sagn , großartig geschimpft hat , blitzblau schlagn . « » Oh , wie leid tut mir das « , seufzte der Edle . » Und wen haben sie dergestalt gemißhandelt ? « » Den Peter Quickbrey aus dem Siechenhause ! « erklang es aus dem Kreise der jungen Bauern , welche sich jetzt dumm verschämt herangezogen hatten . » Der Herr ist eine Ehre für Krodebeck , und von solchem Kerl und Zuchthäusler lassen wir Sie nicht verschimpfieren , Herr Häußler , und deshalb haben wir ihn traktiert , wie sich ' s schickte , und ihm das Maul gestopft . « » Hm , hm , der Peter Quickbrey ! « murmelte der Edle unendlich elegisch . » Also der lebt noch ? O meine Herren , den hab ich freilich in meiner frühesten Jugend gekannt , allein er war schon damals keine Ehre für das Dorf , und kein anständiger Mann duldete ihn in seiner Gesellschaft . Also der arme Teufel lebt noch , und zwar im Siechenhause ; - Joseph , erinnere mich doch morgen , daß ich ihm eine kleine Unterstützung in das Siechenhaus schicke . Meine Herren , ich danke herzlich für Ihre freundliche Intervention ; sollte einmal jemand von Ihnen bei Seiner Kaiserlich-Königlich-Apostolischen Majestät - doch das hält uns zu lange auf - meine Herren , ich danke nochmals und wünsche Ihnen , recht wohl zu ruhen . « Ein dumpfes , furchtsames , achtungsvolles Gemurmel der Bauern begleitete ihn auf seinem Rückzuge . Schnelleren Schrittes eilte er dem Pfarrhause zu , wo die ganze Familie ihn mit Herzklopfen erwartete und wo er noch einmal in vollster , heiterster Liebenswürdigkeit zu strahlen begann , ehe er sich zur Ruhe begab . In dieser Nacht gab es in Krodebeck vom Siechenhause bis zum Lauenhofe kein Dach , unter welchem man nicht vom Edlen Dietrich Häußler von Haußenbleib träumte . Im Siechenhause rieb sich der Emeritus auf seinem Strohsacke wütend Schultern und Rücken , und im Herrenhause hatte der Junker Hennig von Lauen eine Gespenstererscheinung . Es erschien nämlich dem Junker um Mitternacht oder doch nicht lange nach Mitternacht der Chevalier Karl Eustachius von Glaubigern in dem genügend beschriebenen Callot-Hoffmannschen Nachtkostüme mit dem Nachtlicht in der Hand , winkte ihm , ruhig liegenzubleiben , setzte die Lampe auf den Tisch und sich neben das Bett des jungen Mannes , schlug die Hände zusammen und stöhnte : » Oh , Hennig , was fangen wir an ? Er würde sie uns verkaufen , wenn wir ihm genug dafür bieten könnten ; er wird sie in Wien verkaufen ; es ist mir alles , alles klar , und es gibt kein Mittel , ihn in seinem Willen zu hindern , als das Geld , das Geld - das Geld ! Fräulein Adelaide sitzt auch noch wach auf dem Bette - ich sah ihr Licht unter der Tür durchschimmern - wer kann in dieser Nacht auf dem Lauenhofe schlafen ? « Nun hatte der Ritter den Junker freilich aus einem ganz gesunden Schlummer erweckt , aber das war einerlei ; der ruhelose Kummer achtet in solchen Stunden nicht allzu genau auf die Gemütsverfassung der Umgebung ; er überträgt sein Gefühl womöglich auf das Universum und schwatzt deshalb so häufig in den Tag oder die Nacht hinein . » Seit ihr an jenem unglücklichen Abend von eurer Ernte heimkamet , Hennig , ist mir keine ruhige Stunde mehr zuteil geworden . Die Seele hab ich mir zermartert um die Frage , was diesen Mann zu diesem , auf den ersten Blick so törichten Vorgehen gebracht haben könne . Jetzt weiß ich es ! Er hat erfahren , wie schön und gut das Kind geworden ist , und er kann es nun gebrauchen , und jetzt nimmt er es mir - mir , welchem es ganz und gar allein zu eigen gehört ! Er nimmt es mir , und ich bin ein armer Mann , der auch nur von den Almosen anderer gelebt hat : ich habe kein Geld , mein Eigentum dem elenden , erbärmlichen Gesellen abzukaufen . Er nimmt es mir , der es mit seinem Herzblut nährte , in dessen Gedanken es seine ganze Heimat hat und der allein weiß , was es in diesem armen Leben wert ist ! « » Nun ja , ich weiß doch auch , was ich weiß ! « murmelte Hennig unter seiner Decke hervor , aber der Chevalier schüttelte betrübt den Kopf : » Das könnte Fräulein Adelaide auch sagen ; aber es ist gleichgültig ; wir vermögen alle nichts gegen die Macht , welche uns in der Höhe und in der Tiefe entgegensteht . Knabe , es ist das ganze Schrecknis der Welt , das mir mit einem Male klargeworden ist , und - es ist auch gleichgültig , zu wem ich davon rede . Das ist das Schrecknis in der Welt , schlimmer als der Tod , daß die Kanaille Herr ist und Herr bleibt . Ach , schlafe nur , mein Sohn ; ich will nun auch zu Bett gehen , mich friert entsetzlich . « Während auf dem Lauenhofe der Ritter von Glaubigern so das Elend der Erde fühlte und jetzt gespenstisch die Wände entlang sich zu seinem Gemache zurücktastete , stützte sich in dem friedlichen Pfarrhause , in der ehelichen Kammer , die Frau Pastorin im Bette auf den Ellbogen und sprach : » Da hast du nun , was du gewollt und wie du ' s gewollt hast , Buschmann ! Droben liegt er in meinem Visitenbett , und wie ich ihn jetzt kennengelernt habe , liegt er im sanftesten Schlummer , und wir sitzen hier wach in Angst und Ärger . Buschmann , Buschmann , so hast du es gewollt ! Das war ein Heimlichtun mit seinem Briefe und deiner Antwort darauf ; selbst der arme Franz durfte nicht das geringste davon erfahren , und hätte ich nicht von meinem Rechte Gebrauch gemacht , so würde ich auch nichts erfahren haben . Was mischtest du dich in Sachen , welche dich nichts angingen ? Aber so bist du , Buschmann ; sein großmäuliger Brief verdrehte dir auf der Stelle den Kopf . Da mußte auf der Stelle geantwortet und haarklein Bericht über das alberne Mädchen und alles , was damit zusammenhing und - hängt , gegeben werden , und Quartier wurde angeboten , und dann ging die Komödie mit den Leuten vom Lauenhofe an , und wir wußten von nichts , als die Warwölfin kam , und dann wurde das arme Kind , der Franz , ins Blaue geschickt . Da mußte er unbedingt als reuiger Millionär seinen Wohnsitz in Krodebeck nehmen , und man konnte nicht wissen - und man mußte die Augen offen behalten - und es war unsere christliche Pflicht und Schuldigkeit , und wie die schönen Redensarten sonst noch heißen : aus der Haut möcht ich jetzt über die Dummheit fahren ! Mein Visitenbett und die Bewirtung läßt er sich freilich gefallen , aber weiter haben wir nichts davon , als daß wir uns mit den Leuten auf dem Hofe tödlich verfeindet haben . O Buschmann , Buschmann , wenn der Mensch in diesem Augenblicke von etwas träumt , so träumt er von deiner Stupidität , und er hat recht , ich tät ' s selber an seiner Stelle . So rede doch ! Mit einem solchen Schafsgesicht besserst du nichts ! « Der Herr Pastor stöhnte schwer , allein er antwortete nicht ; denn was er auf diese schöne Rede erwidern konnte , durfte er nicht äußern . Ach , er war nicht der Mann gewesen , so feine diplomatische Fäden allein zum Gewebe zu schlingen ; er hatte in dieser Angelegenheit nichts ohne das Wissen und den Willen der Gattin getan ; wahrlich , er mochte mit Fug und Recht ächzend an seinen Busen schlagen ! Was den Edlen Häußler von Haußenbleib anbetraf , so lächelte der wirklich im Schlaf , und gleichfalls mit Fug und Recht ; aber am andern Morgen erwachte er doch auch ziemlich früh und - überlegte . Daß er der Überlegung rasch die Ausführung folgen lassen würde , konnte man von ihm erwarten , und so geschah ' s , zumal da schon beim Kaffee ein Eilbote von der nächsten Telegraphenstation mit einer Depesche anlangte , welche die Anwesenheit des großen Mannes in Frankfurt am Main dringend wünschte und die er mit bescheidenem Selbstgefühl sowohl seinen Gastfreunden im Pfarrhause wie auch den Herrschaften auf dem Lauenhofe zur Einsicht vorlegte . » Ich - wir sind den Frankfurtern manche Verbindlichkeiten schuldig « , sagte er ; » Tonerl , ich muß am Nachmittag reisen , sosehr es mich schmerzt , die teure Heimat sozusagen nur im Fluge zu streifen , um dich , meinen höchsten Schatz , mit mir draus fortzutragen . Nur das tröstet mich und wird auch die Freunde im Kreise trösten , daß ich dich in ein schönes , glänzendes Leben hineinführe und alte Schulden mit Zins und Zinseszins ausgleichen kann . Ich habe auch stets gefunden , daß ein kurzer Abschied einem langen bei weitem vorzuziehen sei ; das übervolle Herz schöpft man bei solcher Gelegenheit ja doch niemals leer . « Bei den letzten Worten zog er die Uhr hervor und sagte : » Wir haben also noch drei Stunden zur Verfügung ; o Tonerl , brich mir nicht das Herz durch diesen Blick ! « Drei Stunden ! Er sprach diese beiden Worte langsam aus und sah dabei jedermann der Reihe nach fest und freundlich an ; er hatte sein wahres Vergnügen an der Bestürzung , welche sich auf jedem Gesichte malte . Wer könnte nun schildern , wie sie auf dem Lauenhofe diese drei Stunden ausfüllten , wie sie Abschied nahmen und dem Wagen nachblickten , der das Pflegekind von dannen trug ? ! Weder der Ritter von Glaubigern noch das Fräulein von Saint-Trouin haben etwas Neues oder Geistreiches dabei bemerken können . Die anderen gleichfalls nicht . Aber die Berge , Hügel und Wälder , die Wohnungen der Lebenden und die Gräber der Toten , die Wände der gelben Stube und der chinesische Pavillon auf der Gartenterrasse redeten wie mit Menschenzungen . Die gnädige Frau meinte zwar auch , es sei gut , daß der Herzquälerei so schnell ein Ende gemacht worden ; aber sie wandte sich doch mit Tränen in den Augen ab ; - Hennig sagte nichts als : » Lebe wohl , Antonie ! « Als der offene Wagen gegen vier Uhr nachmittags durch den sonnedurchleuchteten Tannenwald rollte und der behagliche alte Herr neben der jungen bleichen Dame eben die erste Zigarre anzündete , erhob sich Jane Warwolf vom Rande des Straßengrabens , streckte die Hand gegen die Reisenden aus und schrie heiser und zornig : » Du bist doch ein Narr , Dietrich Häußler ! « Fünfundzwanzigstes Kapitel Hinter uns versinken die blauen Berge des deutschen Nordens ; es versinkt der alte , sagenhafte Gipfel des Brockens , der bis jetzt so vertraut und doch so geheimnisvoll auf den Lauf dieser nachdenklichen Alltagsgeschichte herabsah und in jeden Traum mit seinen uralten Märchen und ewig neuen Gedichten hineinwinkte . Vor uns im Süden steigen immer andere Berge über immer andern grünen und fruchtbaren Ebenen auf : wir aber fahren dahin über den Häuptern und Wohnungen der Millionen , bis ein letzter Kranz himmelanragender , zackiger Gipfel den Horizont begrenzt . Dahinter liegt Italien , dahinter wohnt ein anderes Volk , und wir besinnen uns , daß wir von deutschen Leuten schreiben und erzählen . Siehe dort unten unsern Weg ! Jetzt liegt er im Sonnenschein und Frieden ; die Glocken der Kirchen dringen leise zu uns herauf ; wenn es auf den Feldern blitzt , so ist ' s das Gerät in der Hand des Ackermanns , wenn es rollt und rauscht , so ist ' s die freudige Arbeit der Menschen , und wenn ein Lied klingt , so ist ' s auch ein Schall der Freude . Wie lange wird das dauern ? Noch eine kurze Zeit , und diese Friedensglocken werden Sturm rufen , und ein ander Rollen und Rauschen wird sich erheben . Dann wird es auch auf den Feldern flimmern und blitzen ; aber ein ander Gerät wird in den Händen der Arbeiter sein , und eine schreckliche Arbeit wird man damit verrichten . Wie riesige Schlangen werden die Heere , schillernd und dunkel zugleich , über die Ebenen gleiten , durch Wälder , Städte und Dörfer , über Flüsse und Gebirge sich winden . Aus Schluchten und Tälern werden sie hervorbrechen und züngelnd sich suchen ; und gleich riesigen Schlangen werden sie sich finden und umfassen und werden sich umwinden und erdrücken wollen . Ein Schauspiel für die Götter , wird das eine der Ungeheuer sieghaft das Haupt emporbäumen im Qualm und in den Flammen brennender Städte und Dörfer , und mit Tränen in den Augen werden die - die - Unbefangenen in der Nation sich die Hände reiben über den Sieg . Schön ! Wenn man ganz genau wüßte , daß die Olympier wirklich mit Herz und Hand an dem Kampfe um Ilion beteiligt wären , so könnte man die Sache sich schon gefallen lassen ; allein es hat stets nachdenkliche Leute gegeben , die offen und rücksichtslos behaupteten : der Kampf der Mäuse und der Frösche liege den Herrschaften da oben viel mehr am Herzen als der Zorn des schnellen Achilleus und die biedere Tapferkeit Hektors , und nicht die » Iliade « , sondern die » Batrachomyomachie « sei das Lieblingsbuch derer auf den goldenen Stühlen . Das ist freilich unter allen Umständen eine schlimme Vorstellung für die armen Sterblichen , die in allen Dingen so sehr auf die gute Meinung angewiesen sind , welche sie von sich selber und den hohen Regierenden haben . Fort damit ! - Und wenn sich der Krieg vom Frieden nur durch einen etwas mehr zusammengedrängten und inhaltreichern Lärm und Tumult unterscheidet , so ist das Mehr oder Weniger in dieser Beziehung doch von einiger Bedeutung für das Wohlbehagen der Menschheit und darf nicht allzu leichtsinnig unterschätzt werden . So fahren wir , denn noch liegt ja die Welt im Frieden , soweit ihr derselbe möglich ist , und , bei den Göttern , wie ein Garten Gottes ist das deutsche Land anzuschauen - sehr hoch von oben - aus der Vogelperspektive ! So fahren wir - jetzt durch das ewige Blau , und jetzt durch das ewig wechselnde , verwehende , von neuem sich ballende , vielfarbige Gewölk . Die goldenen Tropfen sprühen um uns her , in jeglichem spiegelt sich der beneidenswerte Komfort der Unsterblichen , und nur solange wir uns also in der Höhe halten , nehmen auch wir teil an dem impertinenten Behagen jener . - Siehe , da ist die große Wasserscheide ! Hunderttausende fliegen daran vorüber und denken nicht daran . Ein Bach geht südwärts und wird das Schwarze Meer erreichen ; ein Bach rauscht nach Norden , und seine kleinen Wellen werden in den mächtigen grauen Wogentanz der Nordsee gezogen werden . Es ist Verstand - ein Weltverstand in dem geschwätzigen Rauschen und Murmeln , und das beste ist doch , daß keine menschliche Macht und Willkür das lustige Element hindern wird , seinen verständigen Willen durchzusetzen . Aber schon senken sich unsere Flüge . Schon haben wir kaum noch etwas mit dem Weltverstande zu schaffen . Jener Strich durch die Marchebene ist die Kaiser-Ferdinands-Nordbahn , und auf jenem Bahnzug , der soeben mit Geschnauf und Gezisch Lundenburg passiert , sitzt ein alter guter Freund von uns , der sehr edle Junker Hennig von Lauen aus Krodebeck , der nun wiederum einige Jahre älter geworden ist , einiges in diesen Jahren erlebte , den wir als einen ganz verständigen Menschen kennenlernten , von dessen Weltverstande es bis jetzt jedoch ebenfalls heißen mag : Aus besondrer Konsideration Wollte man stilleschweigen davon , wobei das übrige im Examen des Kandidaten Hieronymus Jobs nachzulesen sein würde . Er kam von Krodebeck und wußte im letzten Grunde durchaus nicht , weshalb er es verlassen habe . Gesund und männlich genug sah er aus ; daß er klüger aussehe , konnte man gerade nicht behaupten , und was das schlimmste war , frei und leicht blickte er eben nicht in die sonnige Abendlandschaft hinein und nach den Kleinen Karpaten zu seiner Linken hinüber . Er trug einen schwarzen Flor um den Hut - es hatte sich manches in der Heimat verändert , seit Tonie Häußler den Lauenhof verlassen mußte . Der Junker war nicht umsonst einige Jahre älter geworden ; was aber auch geschehen sein mochte , nichts war aus dem gewöhnlichen Lauf der Dinge herausgefallen , und das ist unter allen Umständen wenigstens ein Trost für den wohlmeinenden und treuen Historiographen , selbst in einem Bericht wie der unsrige . Wir wissen , daß der Junker von Lauen um die Zeit , als der Edle Dietrich Häußler von Haußenbleib auf dem Lauenhofe erschien , gleichfalls im Begriff stand , den Hof für einige Zeit zu verlassen , um in Berlin die Landwirtschaft von einem höhern , geistigern Standpunkt auffassen zu lernen . Das war ausgeführt , wie es im Familienrat beschlossen wurde ; der Junker war ausgezogen gen Ahala - wie er sich jetzt auf dem Wege nach Ahaliba befand - , er war heimgekommen und mußte in der Tat sich sehr merkwürdigen und geheimnisvollen Studien hingegeben haben , denn der Lauenhof bemerkte von den Früchten derselben , weder im Guten noch im Schlimmen , das allergeringste . Fräulein Adelaide von Saint-Trouin behauptete natürlich ; sie habe doch recht gehabt ; der Ritter von Glaubigern zuckte kümmerlich die Achseln , und die gnädige Frau meinte : » Er hat wenigstens einmal frische Luft geschöpft ! « Was sie sich unter dieser frischen Luft eigentlich vorstellte , das mochte sie vor allen vier Winden Verantworten . Es war kein angenehmes Leben auf dem Lauenhofe . Der Ritter und das Fräulein schrieben viele Briefe nach Wien und erhielten viele Briefe von dort ; sonst aber kümmerten sie sich um nichts mehr und schlichen ohne Teilnahme umher oder saßen trübselig in ihren Stuben . » Ich würde einen Finger von meiner linken Hand darum geben , wenn ich ihnen dadurch ein neues Spielzeug verschaffen könnte ! « seufzte die gnädige Frau . » Es ist nicht auszuhalten ! « rief der Junker , und er hielt es auch nicht lange aus . Eines Morgens spielte er seine letzte Karte gegen diese Öde und Langeweile aus , setzte sich zu Pferde , ritt nach Halberstadt und trat als Einjähriger Freiwilliger Kürassier in das Regiment . So brachte er ein zweites Jahr nach dem Abschied Tonie Häußlers erträglich hin ; allein auch das ging vorüber , und als er dann wieder nach Hause kam , fand er daselbst das alte Leiden in derselben melancholischen Blüte und selbst seine alte brave Mutter müde , verdrießlich und verstimmt , und das war das schlimmste . » Ach , Hennig « , sprach die Gnädige , » jetzt erst sehe ich recht ein , welchen Trost und welche Hülfe ich vordem an dem Chevalier gehabt habe . Jetzt weiß niemand mehr , warum er lebt ; es ist , als habe jeder nur daran sein Vergnügen , daß er dem andern den Tag so sauer als möglich mache . Jede gute Stunde wird einem vor der Nase weggeschnappt , und allmählich kommt es doch auch mir vor , als ob in meiner Jugend alles besser gewesen sei , selbst das Wetter . In meinem ganzen Leben ist mir die Butter nicht so oft mißraten als jetzt . Mit den Leuten läßt sich auch nicht mehr wie früher verkehren ; - es ist alles anders geworden , ich verstehe die Welt nicht mehr , und so kann ich dir nicht helfen , mein Junge , du wirst die Zügel jetzt selbst in die Hand nehmen müssen , und ich werde mich hinter mein Spinnrad setzen und es wie die andern machen und den lieben Gott verlästern vom Abend bis zum Morgen und umgekehrt wie die andern . « Vergeblich hatte Hennig versucht , der Mutter diesen Vorsatz auszureden . Sie blieb fest , und der Ritter und Leutnant Karl Eustachius von Glaubigern hatte wirklich als gewissenhafter Chronist den Beginn einer neuen Regierung in das » Geschichtsbuch « derer von Lawen auf dem Lauenhofe einzutragen . Das geschah grade um die Zeit , als der Pastorenfranz nach abgelegtem altem Adam , ein ganz anderer Mensch und ein wohlbestallter , wirklicher Kandidat der Theologie , von Halle kam , um seinen Vater in der Führung seines Amtes zu unterstützen . Längere Zeit betrachtete der gottselige Jüngling den Jugendfreund und sprach sodann wehmütig-salbungsvoll und mit leisem Kopfschütteln : » Hennig , auch du hast den Weg zur Gnade noch nicht gefunden ! « Darüber ließ sich nun nicht streiten , und obgleich der Junker den frommen Freund ebenfalls eine ziemliche Weile mit einem etwas eigentümlichen Seitenblick von oben bis unten maß , so mußte er doch zugestehen , daß die Gnade freilich noch nicht bei ihm eingekehrt sei . » O Buschmann ! « seufzte Hennig fast ebenso kläglich wie der Kandidat ; allein der Ton war doch ein anderer und deutete nicht darauf hin , daß der Pastorenfranz viel dazu beitragen werde , daß das , was er die Gnade nannte , sehr bald bei diesem Sünder einkehren werde . - Der Kandidat Buschmann hatte es viel besser als der Junker von Lauen