, daß nicht etwa das alles nur ein Traum sei . Aber nein , sie war hellwach und zählte fünf Glockenschläge der alten Uhr , die ihr schon so viele glückliche Stunden zählte . Und heute konnte der bekannte Klang sie erschrecken , als ob nun die letzte derselben geschlagen hätte ! Unmöglich war es allerdings nicht , daß ihr der Dienst vom Beichtvater ausgeredet wurde . Ängstlich blickte sie eine Weile in ihrem kleinen Zimmerchen herum ; ob sie wohl noch manches Mal hier schlief ? Die ernsten Heiligenbilder an der Wand gegenüber dem hohen Bette neben dem bunt bemalten Kasten schienen die Häupter zu schütteln , alles im Zimmer begann sich zu regen und tausend liebe Erinnerungen in ihr zu wecken . Sie konnte das Licht nicht mehr löschen , konnte nicht auf einmal , vielleicht für immer , den lieben kleinen Raum verschwinden lassen , um dann im Dunkel herumzutappen . Mit zitternder Hand erfaßte sie den Leuchter und trug ihn mit bis in den Schopf vor der Haustüre , wo ein leichter Windstoß das kleine Flämmchen sogleich verblies . Dennoch war es ihr hell genug von dem Leuchten und Glühen daroben über dem Üntscherspitz , der sich mit seiner Schneekappe immer tiefer in die Flammentore des Tages steckte und kleiner und kleiner zu werden schien . Noch einmal , beim Knarren der langsam hinter ihr ins Schloß fallenden schweren Haustüre , ging Dorotheen ein Stich ins Herz . Nun war sie herausgesperrt , und ein Fremder , der strenge Geistliche , kam zwischen sie und die guten Leute , welche sie eben verließ . Aber nun trat sie ins Freie ; ein frischer Wind wehte sie an und schien ihr Kraft und Mut einzuhauchen . Wie das schwache , erloschene Lichtlein drin gegenüber dem Lichtmeer , in welches die Berge sich tiefer und tiefer eintauchten , kamen auch ihre Sorgen und Wünsche hier im Freien ihr recht klein und unbedeutend vor . Wie froh sangen die Vögel von den herbstlich gelben Buchenwäldern dem schönen Morgen entgegen , ohne sich viel um das Nahen des Winters zu kümmern , der schon von den Bergen ins Tal herunterblickte . Sollte sie , für die die Vorsehung schon so väterlich sorgte , da sie selbst noch unerfahren und schwach war , denn weniger auf den Schöpfer trauen als diese Tiere ? » Weg mit aller Kleinlichkeit und mit allem , was nur belastet und niederdrückt « , rief sie , und ihr Schritt ward immer schneller . » Komm , Heiliger Geist « , betete sie , sich zur Gewissenserforschung vorbereitend , » erleuchte meinen Verstand , bewege meinen Willen , daß ich meine Sünden recht und vollständig beichten möge ! - Die Sorge um seine und die Zukunft der Eigenen ist nur Mißtrauen gegen Gott und sich selbst . Weg damit und mit allem Hochmut , aller Selbstsucht und allem , was Zeitliches wie eine Last sich ans Herz hängen will ! « Voll Mut ging das Mädchen in die schwach erhellte Kirche und schritt vorwärts bis zu dem langen Stuhl neben dem Hochaltar , wo bereits zwei Beichtkinder auf die Ankunft des Geistlichen warteten . Hier begann sie ihre Selbstanklage zu ordnen , bis endlich , ganz weiß gekleidet , der Kaplan erschien und sich nach einem kurzen Gebete vor dem sonntäglich geschmückten Hochaltar in den Beichtstuhl einschloß . Dorothee hätte sich eigentlich den Pfarrer gewünscht . Noch heute ward ihr etwas bang , wenn sie an den großen Mann mit dem blassen , kalten Gesichte dachte . Jetzt aber sah sie im Beichtvater nicht mehr den oder jenen , sondern nur noch den Stellvertreter Gottes , und sie hätte gleich die erste vor dem Beichtstuhlgitter sein mögen , um von ihrer Last so schnell als möglich befreit zu werden . Dann aber fiel ihr wieder ein , daß sie ja noch immer nicht eins sei , wie und über was sie sich anzuklagen habe . Wieder sann sie und betete und kam nicht vorwärts , bis die erste und dann auch die zweite der vor ihr Knienden das Gitter verließ . Noch war sie nicht fertig , als ihr schon der Priester lateinisch den Segen erteilte . Sie kniete vor dem Gitter nieder , bezeichnete sich mit dem Kreuze und begann dann mit bebender Stimme , selbst dem Geistlichen kaum hörbar : » Ich hab ' vor zwei Monaten das letztemal gebeichtet . Seitdem aber bin ich durch eine Predigt und durch anderes auf den Gedanken gekommen , es sei vielleicht nicht alles recht und wie es vor Gott sein sollte zwischen mir und meinem Dienstherrn . Ich weiß mir nichts vorzuwerfen , aber die Sache drückt mich , und da hätt ' ich denn mehr um Rat fragen wollen , ob - « » Du möchtest ihn wohl gern heiraten ? « fragte der Kaplan , der , das Mädchen schon beim ersten Wort erkennend , sich nun sogleich an das Gerede der Ordensschwestern erinnern mochte . » Ebenda wird es wohl stecken « , antwortete das Mädchen . » Er gilt viel bei mir , durch ein Feuer tat ich für ihn gehen , und doch ist etwas unrecht , und ich weiß gar nicht , was . « » Ja , ja , durch ein Feuer « , sagte der Kaplan und begann das Mädchen in eine Menge von Kreuz- und Querfragen zu verwickeln , die es größtenteils nicht einmal verstand . Es konnte fast immer ruhigen Gewissens mit Nein antworten , und doch wurde ihm heiß und kalt , als es sagen mußte , ob sie sich nie geküßt hätten , ob sie auch jeden Abend gehörig die Kammer schließe , und ähnliches , was nach Dorotheens Gefühl weder in den Beichtstuhl noch sonst wohin gehört hätte . Etwas nachdenklich wurde sie auf die Frage , wie ihr denn sei , wenn seine Hand unversehens oder absichtlich die ihrige berühre . Sie fühlte ein eigenes Zucken im rechten Fuß , der so oft beim Essen den des neben ihr sitzenden Jos gesucht hatte . Der Geistliche merkte ihre Verlegenheit und wurde nun noch dringlicher . Ob sie auch Geschenke von ihm erhalten habe ? Wie oft ? Verstohlen vor den anderen Hausgenossen ? Wie sie dafür gedankt , was sie versprochen , zugestanden und sich vorgenommen habe , wenn sie einmal beschenkt worden sei ? Das nun waren lauter Fragen , auf welche das Mädchen etwas , ja sogar viel zu antworten wußte . Der Kaplan hielt eine kleine Rede und wollte dem guten Mädchen klarmachen , daß schon das freiwillige Verbleiben in der nächsten Gelegenheit zur Sünde vor Gottes Augen ein großes Unrecht sei . Er schloß mit der ernstlichen Mahnung , vor allem für die unsterbliche Seele zu sorgen und daher noch heute den gefährlichen Dienst zu verlassen . Wenn eine Heirat mit dem Arbeitgeber dem Willen Gottes gemäß wäre , so könnte sie darum doch noch einmal zustande kommen . Jetzt das aber war denn Dorotheen doch gar zu arg ! Warum hätte sie sich denn nicht freuen sollen über die vielen Beweise von Hansens Zufriedenheit ? Freilich nicht so wie der Geizhals über seine Taler ; aber das war auch bei ihr nie der Fall , indem sie fast alles nur wieder den Ihrigen zukommen ließ . Der Kaplan sagte wohl , daß geschenkte Pracht das Auge blende , sich wie ein Dorn ins Herz bohre und nur zu leicht auch die Unschuld verwunde . Doch ihr ging das nicht mehr recht ein . Hatte sie doch das Prächtigste , das Köstlichste von Hansen nicht so gefreut wie das kleine , ganz einfache Gebetbüchlein , welches Jos ihr im letzten Frühling vom Pfingstmarkt von Dornbirn mit heimbrachte ! Überhaupt stand sie nicht gern beim Beichtvater im Ansehen , als ob nur teure Geschenke von ihr geschätzt würden und sie schon beim Gold und Silber hart und kalt geworden . Nein , so schlecht war sie denn doch nicht und hatte zum Beispiel den armen Jos noch immer , seit sie ihn recht kannte , für so viel oder noch mehr als den reichen Stighans gehalten mitsamt aller seiner Pracht und Herrlichkeit . Sagen mochte sie davon jetzt freilich nichts , ihr selbst aber war es durch die vielen vom Beichtvater an sie gerichteten Fragen noch viel , viel klarer geworden als jemals vorher . War es ihr doch , wenn sie im Wald oder auf dem Felde , mit Hansen oder nur vom blauen Himmel gesehen , neben dem guten Knechte saß , wenn ihr Blick den seinen traf oder sie ihm etwas aus der warmen Hand nehmen sollte , gerade so , wie der Kaplan in seinen Fragen gesagt hatte . Dorotheen ward auf einmal ganz wunderbar leicht und wohl , gerade so , wie wenn schon alles abgeschüttelt und die Lossprechung bereits gewonnen wäre . Sie fühlte jetzt , wo es ihr fehlte . Der Jos war ihr lieber als Hans , und ihr ganzes Innere wehrte sich gegen eine Verbindung mit dem reichen Bauern , obwohl sie ihm nichts Übles nachzureden wußte . Das und nur das war das Unrecht , vor dem sie so gezittert hatte . Nun - Gott Lob und Dank im hohen Himmel ! - fühlte sie sich glücklich darüber hinaus für immer . Eine Weile freilich , da hatte der Kaplan ganz recht , vermochte das Geld sie zu blenden wider Wissen und Willen . Jetzt aber war sie mit Hansen fertig . Drum eben hielt sie auch sein Haus nicht mehr für so gefährlich . Wo noch hätte sie wohl wieder einen so guten Platz gefunden , von dem aus sie auch den Ihrigen soviel helfen konnte , wie auf dem Stighof bei den guten Leuten , die doch ihr und denen sie schon lange ganz eigen geworden war ? Ja , jetzt wollte sie erst recht wieder dem guten Hans dienen und mit den Ihrigen sich seines Wohlwollens freuen und für ihn beten . Warum auf die weite Gasse eilen , wo unter dem Dache keine Gefahr mehr war , sondern Schutz und Sicherheit für sie und die Ihrigen ? Hätte sie nur sich selbst angehört oder den Vater getrost und mit gutem Gewissen ihrem Bruder überlassen dürfen , dann hätte sie schon auch gehen mögen , wo Jos nicht mehr bleiben konnte und man ihn so schnell wieder vergaß . Ja , damals , als Hans den guten Burschen , den treuen Jugendfreund , den unermüdlichen Knecht nicht nur seinen Gegnern überließ , sondern sich selbst an ihre Spitze stellte und ihn dadurch zu jenem verzweifelten Sprunge trieb , da hätte sie gleich auch zusammenpacken , noch am nämlichen Tage gehen sollen , statt sich mit Hansen auf sein erstes gutes Wörtlein hin wieder zu versöhnen . Sie ließ bald sich wieder wohl sein , als ob gar nichts geschehen wäre , suchte das Unrecht zu vergessen , begann sogar ihre eigenen selbstsüchtigen Rechnungen zu machen . Das war es , und nur das , was ihr Gewissen belastete . Der Unfriede mit sich selbst währte auch gerade seit der Kirchweih , obwohl dann erst das , was sie seit der Predigt am vorigen Sonntage hörte und erlebte , sie recht ins Nachdenken und Grübeln gebracht hatte . Jetzt aber war das vorbei . Dem unglücklichen Jos konnte sie gewiß mehr nützen , wenn sie blieb und Hansens Gewissen weckte , daß es ihm gehörig sagte , wie ein großes Unrecht er an dem Burschen wieder wenigstens nach Kräften gutzumachen habe . Solche Gedanken gingen dem Mädchen viel schneller , als sie wiedergegeben werden können , im Kopfe herum und ließen es nur wenig von der langen Rede des Geistlichen hören , der immer entschiedener auf ein sofortiges Verlassen eines Dienstes drang , der nicht nur dem Heile der armen Seele , sondern auch ihrer Ehre recht grausam gefährlich sei . Nun erinnerte sich Dorothee wieder an das entstandene Gerede und sagte nicht ohne Bitterkeit : » Was die Ehr ' anbelangt , ist das Tuch schon zerschnitten , so daß es doch immer eine Naht gibt , man mag wieder flicken und machen , soviel man will . « » Um so leichter « , meinte der Kaplan , » läßt der Arbeitgeber dich gehen und wird dir sogar noch ein gutes Unterkommen suchen helfen . « » Nein , der weiß grad ' so gut wie ich , daß alles erlogen , was über mich in Umlauf gekommen ist . « » Darum schadet ' s ihm doch . « » Aber nicht so viel als mir , wenn ich tun wollte , wie wenn alles lautere Wahrheit - - « » Der Christ sucht seine Ehre in der Verdemütigung . « » Ich will ja doch auch alles über mich ergehen lassen , wenn Gott mir beisteht . « » Er entzieht seine Gnade denen , die trotzig auf sich selbst bauen und in der Gefahr zum Bösen freiwillig verbleiben . « In Dorotheen wurde das Gefühl , daß ihr , wenn auch nicht mit Absicht , sehr unrecht geschehe , stets lebendiger , besonders seit sie an die in der letzten Zeit entstandenen Schwätzereien erinnert worden war . Sie sah im Beichtvater wieder eher den Mann , der , wenn auch nur im Eifer und mit bester Absicht , sich viel zu sehr an die Meinung scheinheiliger Leute zu halten pflege . Es wuchs daher auch ihr Eigensinn in einer Weise , daß sie selber darüber erschrak . Trotzdem aber konnte sie nicht unterlassen , auf den letzten Vorwurf zu erwidern : » Freiwillig gehen wohl wenige von den Eigenen weg und dienen anderen ums tägliche Brot . « » Wer hochmütig ist und träge , der will herrschen , selbst um den Preis der unsterblichen Seele . Wir sind fertig , und du hast noch heute den Dienst zu verlassen . « » Ach , was würde der Vater sagen und Hans und - Nein , Herrl - Euer Hochwürden ! - « » Du willst also das nicht versprechen ? « » Nein « , antwortete Dorothee entschlossen . » Ich sehe nun die Sache ganz anders und mache mir kein Gewissen mehr zu bleiben . « » Nun - in Gottes Namen , dann kann ich dir auch nicht helfen , dich nicht lossprechen . Gelobt sei Jesus Christus ! « » In Ewigkeit « , sagte Dorothee laut und verließ sicheren Schrittes den Beichtstuhl . Neunzehntes Kapitel Ein kleiner Hauskrieg , bei welchem Hans eigensinnig wird Erstaunt gewahrte Dorothee , daß es während ihrer Beichte in der Kirche schon ganz hell geworden war . Über die Berge herein , welche hart vor den hohen Kirchenfenstern zu stehen schienen , leuchtete und funkelte es so goldig blendend , daß das Mädchen auf den Stufen unter dem Chorbogen ganz gewiß einen Fehltritt getan hätte , wenn es hier nicht gar zu gut » zu Hause « gewesen wäre . Selbst mit geschlossenen Augen mußte sie hier durchkommen und kam auch wirklich mit geschlossenen Augen durch . Wie sie nun die Augen sich erholen lassen wollte von dem grellen Glanze und ihr Blick in dem noch etwas dunkleren unteren Schiffe der Kirche zu ruhen suchte , gewahrte sie erschrocken die vielen Andächtigen , deren Augen recht ernste Fragen an sie zu richten schienen . Ais sie endlich in ihrem Stuhl ankam , verkündete feierliches Glockenläuten den sofortigen Beginn der Frühmesse . Sie hatte also das erste Glockenzeichen gänzlich überhört und war demnach mehr als eine Viertelstunde , ja , nach dem Tagen zu schließen , sogar mehr als eine halbe Stunde im Beichtstuhl gewesen . Was mußten diese Leute jetzt über sie denken , und was erst , wenn man sie unter der vom Pfarrer gelesenen Messe nicht mit den andern , die gestern und heute beichteten , zur Kommunionbank gehen sah ? - Einen Augenblick beschäftigte und plagte Dorotheen hauptsächlich diese Frage , doch kaum länger als einen Augenblick , während manches andere Mädchen an ihrem Platze darüber gewiß den beklagenswerten Seelenzustand sowohl als auch alles andere gänzlich vergessen hätte . Die Lossprechung - hätten die meisten gerechnet - war ja schon morgen , am Fest Allerheiligen , von einem weniger scharfen Geistlichen der Nachbargemeinde zu bekommen ; aber von denen , die heute da in der Kirche waren , und von allen , welche mit diesen in den nächsten vierzehn Tagen redeten , war man darum noch keineswegs losgesprochen . Ja bei diesen ging ' s gewiß erst recht an , wenn jetzt auch noch ein fremder Geistlicher aufgesucht wurde . In der Regel kann so ein Mädchen aus eigener Erfahrung wissen , was man alles über ein nicht absolviertes Beichtkind denkt und wie erbarmungslos jedermann darüber herzieht . War es doch gewöhnlich schon selber dabei , wenn des Unglücklichen ganzer Lebenslauf durchgegangen , wenn alle seine Beziehungen und Verhältnisse siebenmal umgekehrt wurden , um das entweder herauszufinden oder hineinzulegen , was etwa heute im Beichtstuhl hängen geblieben war . Das ist vielen die erste , die größte und sogar die einzige Sorge ; drum denkt man , wenn man so ein junges Mädchen von gewöhnlichem Schlag ist - Mannsbilder sind viel weniger ängstlich - , wie herrlich es doch wäre , wenn ihm nun auf einmal recht grausam übel würde und seine Wangen erblassen täten , daß man es kaum noch zu erkennen vermöchte . Doch das Gesicht brennt , die Pulse fliegen , und von so einer schönen Ohnmacht ist gar keine Rede . Trotzdem steckt man schon unter dem Staffelgebet den schweren silbernen Rosenkranz ein , als ob es gleich aus wäre , beim Gloria setzt man sich nieder , stützt unter dem Evangelium das Köpfchen auf die ein wenig zitternde Rechte , während die Linke das schneeweiße Schnupftuch und den von der Stuhlnachbarin entlehnten Rosmarinstengel festhält . Schon vor der Wandlung scheint es trotz allem Riechen nicht mehr zum Aushalten , nach derselben aber wankt die Bedauernswerte zur Kirche hinaus . Während nun die anderen Beichtkinder zur Kommunionbank hinlenken , steht sie draußen bei einem Brunnen , und wenn sie sich von jemand gesehen glaubt , wird Wasser getrunken , mehr , als man sonst am heißesten Sommertage für menschenmöglich gehalten hätte . Dorothee kam zu dem allem nicht . Demütig und ohne sich noch um die anderen Leute zu kümmern , kniete sie vor dem Muttergottesaltar in ihrem Stuhl und fragte sich nun , wie es denn möglich gewesen , daß im Beichtstuhl nach so vielen guten Vorsätzen sie solcher Eigensinn habe ankommen können . Freilich sah und fühlte sie , daß Hans in Zukunft ihr nicht mehr gefährlich sei , aber war es nicht dennoch ihre Pflicht , dem Beichtvater zu folgen ? Sie wünschte seinen Rat , um dann aus und draus zu sein , und nun hatte sie ihm nicht einmal gesagt , was beim Erforschen des Gewissens sich zwar noch nicht zeigte , doch im Beichtstuhl ihr auf einmal kam wie eine höhere Eingebung , die sie aber statt dankbar und demütig nur trotzig machte ... Wär ' s möglich gewesen , so würde sie jetzt , gleich mitten unter der Messe , wieder in den Beichtstuhl gegangen sein und das Versprechen gemacht haben . Aber dann hielt sie das nur wieder für Angst vor dem Urteil der Menschen und sagte sich , daß das - wenigstens jetzt - zur Beruhigung ihres eigenen Gewissens noch durchaus nicht nötig sei . Entschieden hatte der Geistliche das Ganze noch weniger verstanden als sie selbst , das schienen schon seine wunderlichen Fragen zu beweisen . Warum sich also noch viel um sein Urteil kümmern , wenn man ein viel richtigeres gewonnen hatte ? Sie war ja nun losgesprochen von ihrer Last , fühlte sich wieder eins mit sich selbst , und das blieb die Hauptsache . Anders reden hätte sie sollen ; aber es war in sie gefahren wie wohl auch in den Jos am Kirchweih fest . Nun , für sie , die dadurch ins klare kam , hatte sogar das sein Gutes . Vielleicht konnte also doch auch dem Burschen etwas Wünschenswertes aus jener traurigen Geschichte kommen . Unter der Messe betete sie fast mehr für ihn als für sich selbst , wobei ihr so wohl zumute wurde , daß sie es kaum bemerkte , wie die anderen Beichtkinder zur Kommunionbank schritten und nun aller Blicke sich von neuem auf sie zu richten begannen . Es heißt allgemein : Der Schein trügt . Richtiger wär ' s wohl , wenn man sagte : Der Mensch betrügt sich selbst , denn er hat seine Freude , trotz aller Erfahrung , am Scheine . Kommt man einmal mit Bauern und Bäuerinnen auf das Kapitel von Schein und Sein , ja dann lächeln sie recht vornehm und richten die Köpfe gehörig auf ; da dürfen sie die Meinung um so herzhafter sagen , weil das nun sie selber gar nichts angeht . Es gilt nur den hoffärtigen Stadtleuten in ihrer teuern Herrlichkeit , die nicht kalt und nicht warm zu machen vermag . Sie aber , die Bauern , haben diesen Fehler nicht und sind nicht eitel . Was würden die Leute dazu sagen , wenn auch sie sich um den Schein kümmerten , sich etwa gar über den Stand kleiden und gnädige Herren spielen wollten ? Dadurch müßte man ja den Kredit und sogar für die Kinder oft die schönsten Aussichten auf eine gute Versorgung verlieren . Drum doch beileibe keinen Aufwand machen um des Scheins willen wie die Stadtleute , viel lieber zu demütig , zu einfach und ärmlich ! Es ist doch weit genug bekannt , wie einer steht und daß er es leicht großartiger geben , viel mehr Aufwand machen könnte , wenn er dazu nicht zu bescheiden wäre und eben an . Einfachheit und Sparsamkeit seine größte , seine einzige Freude hätte . Dorothee , die bisher stets ziemlich unbeachtet gebliebene Magd , galt und hielt sich selbst für gleichgültig gegen Urteil und Meinung derjenigen , an die sie nicht durch ihre Dienstpflicht gebunden war . Heute aber zeigte sie das auf eine Weise , die der erwähnten Gleichgültigkeit anderer Bauern so ziemlich glich . Sie blieb ruhig an ihrem Platze , als die anderen die Kirche verließen , und zog abermals ihr Gebetbüchlein heraus . Daran konnte man sehen und sollte sehen , wie leicht sie diese Blicke ertrug , wie wenig sie sich um die vielleicht entstandenen Gedanken kümmerte und wie stark ihr gutes Gewissen sie machte . In ihrem Büchlein stand freilich ganz anderes , aber davon sah sie nichts , schon weil sie es lange verkehrt in der Hand hielt . Sie kam erst darauf , als ihr Auge einem auf sie gerichteten Blicke des Pfarrers , der wegen Unwohlsein die Kirche bald nach der Messe wieder verließ , ins Büchlein zu entrinnen suchte . Sie fand und las das Gebet einer christlichen Hausmagd , wodurch sie nun wieder an die vielen Arbeiten erinnert wurde , die ihrer auf dem Stighofe warteten und noch morgens , vor dem Beginn des eigentlichen Gottesdienstes , verrichtet werden mußten . Sie schloß das Büchlein , steckte den Rosenkranz ein , dachte wieder an den Stighof und kam nun von neuem ins Grübeln und Sinnen hinein . Aber je mehr die , welche sie aus dem Beichtstuhl und später nicht zur Kommunion gehen sahen , die Kirche verließen , desto herzhafter gab sie sich nun sogar in den Stücken recht , die ihr sonst noch wenigstens etwas bedenklich erschienen . Sie wiederholte sich noch einmal jedes Wort des Kaplans und ihre Antworten , dabei richtete sie das Köpfchen immer mehr auf , und sie trug es wirklich so hoch wie sonst nur selten , als sie endlich die Kirche verließ . Und schnellen Schrittes , dem heiteren Herbstmorgen , der Berg und Tal vergoldete , fröhlich entgegenlächelnd , ging sie kurz darauf durch Argenau hinein . Den Begegnenden , die sich ein wenig stellen und ein Gespräch mit ihr anfangen wollten , wünschte sie nur einen guten Morgen , aber nicht aus übler Laune , sondern weil ihr einfiel , daß es schon vor einer Weile sieben geläutet hatte . Da durfte sie neben und unter ihr kein Gras mehr wachsen und keinen Reifen vergehen lassen , wenn sie noch in der Küche und überall rechtzeitig fertig sein wollte , so daß die Stigerin keine Veranlassung mehr zu neuem Tadel fand . Und das sollte sie nicht . Lange genug schon hatte Dorothee hier , wenigstens halb und halb , das Gnadenbrot gegessen . Jetzt aber mochte sie nichts mehr geschenkt . Nur Magd wollte sie sein , eine fleißige , ja eine unentbehrliche Magd für ein gehöriges Hauswesen , wie das auf dem Stighof war . Dann konnte dem Vater und ihr das Gerede nicht lange schaden , welches über sie in Umlauf kam und vielleicht von heute an sogar noch ein wenig ärger wurde . » Gott und gute Menschen haben mir zu einer Zeit geholfen , wo ich selber gar nichts war als ein armes , hilfloses Ding , für das niemand als sein Elend um Hilfe , um Erbarmen flehte . Gott und gute Menschen sind aber überall und helfen , wenn man redlich das Seine tut . « So tröstete sich das Mädchen , als allerlei trübe Gedanken kommen und ihm schwer , recht schwer machen wollten . Sie dachte daran , wie wunderbar Gott sie bisher geführt , wie ihr noch nie unbelohnt blieb , was sie tat , und wieviel sie der Stigerin zu verdanken habe . Dafür wollte sie nun doch auch etwas sein in der Stunde der Prüfung und ihrer Erzieherin Ehre machen . Als Jos gestürzt , aus seiner Bahn geworfen , scheinbar vernichtet zu Hause lag , bekam Hans aus der Unterredung des Doktors mit dem Vorsteher einen Respekt vor ihm , daß es eine Freude war . Das galt ihr für ein Muster und Beispiel , daß sie sich ' s gar nicht anders gewünscht hätte . Es war ihr ordentlich lieb , noch keinen Rauch ob dem hohen Hausdach zu sehen . Das Kochen war ja ihre Arbeit , und heute wollte sie zeigen , wie leicht sie auch eine versäumte halbe Stunde wieder einzubringen imstande sei . Fröhlich sprang sie die Treppe hinauf , und ohne vorher sich umgekleidet zu haben , eilte sie in die Küche , wo sie einstweilen Wasser zum Kaffee obs Feuer bringen wollte . Noch kein Verweis der zuweilen etwas strengen Stigerin hatte sie so erschreckt wie jetzt die Entdeckung , daß hier schon gekocht worden , und ihre Stimme war unsicher , als sie , in die Stube tretend , den am großen runden Tische sitzenden Hausgenossen einen guten Morgen wünschte . » Für heute « , bemerkte die Stigerin etwas rauh , » ist ' s mit dem guten Morgen schon fast zu spät . « » Ja « , stammelte Dorothee , » verspätet hab ' ich mich allerdings , und viel ärger , als ich selbst meinte ; aber - « » Aber ! « fiel die Stigerin hastig ein . » Wenn Weihnachten auf einen Freitag fällt , so hört das Fastengebot auf , und Fleisch darf essen , wer will und bis man genug hat . Du bringst wohl auch so ein Aber mit , welches die alte Hausordnung über den Haufen wirft ? Ist ' s nicht ein Ereignis wie das , welches am Heiligen Tage gefeiert und anpsalmiert wird , wenn einmal jedermann dich ansieht und etwas dabei denkt ? Das , wirst du gewähnt haben , sei schon wert , daß man von der Regel abgehe und eine halbe Stunde Dienst versäume ? « Dem armen Mädchen war das Wasser in die Augen gekommen , es schwieg . » Ja , du kannst mir nun wieder Augen machen « , eiferte die Bäuerin , » es gibt Flecken , welche die salzigste Träne nicht mehr aus dem Lebenswandel waschen kann . « Dorothee wollte nun auch reden , doch die Stigerin ließ ihr noch kein Wort . » Kurz und gut ! « rief sie , » heut ' machest du mich nicht mehr zum Narren wie vor Jahren einmal , als ich dich in einer bösen Stunde zum erstenmal sah . Wär ' ich da nicht gar zu gut gewesen und hätte dich an uns gebunden , so hätten wir heut ' auf dem Stighof einen besseren Morgen als den , welchen du uns hintennach noch wünschen kannst . Wir haben dich emporziehen wollen , und nun drückst du uns hinab . Der faule Apfel steckt nur die frischen an . Ich hätte wohl wissen sollen , daß es gar nie anders , nie umgekehrt gehen kann , aber ich bin immer viel zu gut . « So ging es noch lange fort , bis das Mädchen endlich erfuhr , daß die Stigerin schon alles wisse , was heute in der Kirche beobachtet wurde . Es gelte , so klagte die Mutter , schon überall für eine ausgemachte Sache , daß heute sich öffentlich bestätiget habe , was über Hansen und seine Magd schon seit länger in Umlauf gekommen sei . Man sage sogar schon , Hansen wäre wohl vor kurzem beim Beichten um kein Härlein besser als ihr gegangen , wenn er auch so redlich gewesen wäre wie sie oder so klug , um die Sache richtig beurteilen zu können . » Nun darüber « , schloß die Stigerin , » haben wir noch viel zu reden . Was man so sagt unter den Leuten , ist nicht wie Siegel und Brief , darum darf man sich nie gar zu viel kümmern , aber denn doch auch nie so wenig , daß man in deiner heutigen Lage noch die Stirn hat , den Leuten eine halbe Stunde lang ohne Not groß in den Augen zu sein und wie eine Schandtafel