Musik hatte auf meine spezielle Rekommandation den Einzugsmarsch aus dem Tannhäuser für die große Gelegenheit einstudiert ; aber sie brachte ihn leider nicht zustande , sondern brach schon an der nächsten Ecke damit zusammen und fiel natürlich wieder in die alte Leier : Heil dir im Siegeskranze , Freut euch des Lebens , Ich bin ein Preuße , kennt ihr meine Farben , und sonstige Angewohnheiten . Einerlei , es ging doch ; am Tor wurden die Fackeln angezündet , und wir marschierten mit polizeilicher Erlaubnis für den Ulk nach Bumsdorf , immer mit dem Blech und der großen Pauke voran und dem Onkel Schnödler zwischen mir und dem Steuerrat , hinter den Stadtmusikanten , doch vor dem Liederkranz . Das Dorf ist selbstverständlich bereits auf den Beinen und läuft uns mit Hurra entgegen oder erwartet uns an den ersten Düngerhaufen mit atemloser Spannung . Mit Knecht und Magd und allem , was sein ist , und ebenfalls mit Fackeln rückt der Ritter von Bumsdorf , welchem ich die nötige Instruktion zukommen ließ , aus und dem Alten vors Haus , wo wir in demselben Augenblick unter der Melodie Wir winden dir den Jungfernkranz anlangen und mit einem großartigen : Vivat Hagebucher ! Es lebe der Herr Steuerinspektor Hagebucher ! unsere Gegenwart ankündigen und den Zweck unseres Besuchs eröffnen . Ach , Leonhard , Leonhard , der schlaueste Diplomat geht immer nur so lange zu Wasser , bis er bricht , der feinste Plan hat gewöhnlich doch eine schwache Stelle , an welcher der Erfinder die Schuld trägt und die sich bei besserer Überlegung auch wohl hätte vermeiden lassen . Weshalb instruierte ich dich , mein Junge , nicht wie den Ritter Bumsdorf ? Weshalb nahm ich dich nicht mit herüber , daß du zur rechten Zeit hervortreten , die Exaltation zum Abschluß bringen und das benötigte kalte Wasser aufschütten konntest ? ! Ich kannte doch den Alten lange genug , um zu wissen , daß dein persönliches Erscheinen allem Übermaß der Gefühle den richtigen Dämpfer aufgesetzt hätte , und nie , nie werde ich es mir verzeihen , daß ich nicht daran dachte im Hotel de Prusse . - Nun stehen wir im Kreise um die Haustüre , sämtliche Hauptpersonen voran . Und der Garten ist voll , und die Landstraße ist voll von Menschen und Fackeln , und die Liedertafel hat zuerst das Wort und singt den Gefeierten an : Wir kommen ihn holen , Den bie-de-ren Mann , Den Nippenburg , ganz Nippenburg Nicht länger missen kann - und so weiter ; der Text liegt bei mir zu Hause , und ich bin verantwortlich für ihn , aber nicht für die Melodie , an welcher der Kantor Tüte von der Hauptkirche schuld ist . Tusch und Rede des Bürgermeisters , welcher sagt , daß wir hier sind im Namen der Stadt und der Gesellschaft im Goldenen Pfau und daß wir es uns zur Ehre anrechnen , hierzusein , worauf er auf die Nase fällt , wie die Musik mit meinem Tannhäusermarsch , und ich mit dem Onkel Schnödler für ihn eintrete . Ich mit dem Onkel Schnödler ! Ich als Redner und Opferpriester und der Onkel als bekränztes Opfervieh . Vetter , spreche ich , Vetter , hier sind wir , aber nicht allein im Namen der Stadt Nippenburg und des Goldenen Pfaus , sondern auch im Namen der ewigen Gerechtigkeit , und hier bringe ich das Lamm , welches so unverschämt und hinterlistig den Bach trübte . Sagen Sie ein Wort , Schnödler , oder nein , sagen Sie kein Wort , sondern lassen Sie mich reden , denn jeder weiß schon , was für ein loses Maul Sie haben . Vetter Hagebucher , mit Flöten und Fackeln , mit Pauken und Posaunen legen wir den Onkel und uns Euch zu Füßen und befehlen ihn Eurer grimmigsten Rache , uns aber Eurem innigsten Wohlwollen sowie Eurer klarsten Überlegung . Sie sehen , Vetter Steuerinspektor , wieviel Ihren besten Mitbürgern an Ihnen gelegen ist , lassen Sie also auch Ihnen an uns gelegen sein und kommen Sie wieder in den Pfau . Soeben kehre ich aus der Residenz zurück ; o wären Sie mit mir gegangen , Vetter , Sie hätten erfahren können , wie man Ihren Jungen in der großen Welt schätzt und ehrt . Fragen Sie nur den Ritter Bumsdorf , ob es nicht wahr ist ! Schönheit und Adel , Reichtum und Bildung , alles bezahlte seinen Gulden Eintrittsgeld , um ihn zu sehen , zu hören und sich über ihn zu verwundern . Er ist doch ein Stolz für Sie und Nippenburg , und er ist es um so mehr , je mehr man ihn verkannte ! Allen Sündern sei vergeben , Vetter Hagebucher , hier haben Sie den Onkel Schnödler , nehmen Sie ihn hin , nehmen Sie uns alle hin - einen Kuß der ganzen Welt - das festliche Mahl , das Mahl der Versöhnung wartet im Pfau , mit offenen Armen wartet der Ehrensessel - Hagebucher , Hagebucher senior , Würdigster aller Steuerinspektoren , da wir hier denn einmal so fröhlich beisammen sind , umarmen Sie in mir ganz Nippenburg , außer dem Onkel Schnödler , den Sie noch ganz speziell umarmen mögen ! Musik , Tusch , donnerndes Vivat ! Die Schützengilde präsentiert das Gewehr , der Liederkranz gibt seinen Gefühlen höchst unmotiviert durch das Lied Wer hat dich , du schöner Wald Ausdruck , und der Alte , der Alte hängt an meiner Schulter und schluchzt O Vetter , das ist eine gar zu große Freundlichkeit ! Ich drehe ihn , ehe er recht zur Besinnung kommt , hinunter von der Treppe in den Kreis der begeisterten Abderiten . Man schwenkt ein in die Marschlinie , und Arm in Arm mit dem Onkel Schnödler , unter Jubelruf , Trommelwirbel , Drommetenklang , begossen von dem roten Schein von hundertundfünfzig Pechfackeln , marschiert der Alte mit uns zurück nach Nippenburg , hinein in den glänzend illuminierten Goldenen Pfau , und die Alte und Lina weinen uns von der Gartentüre aus die hellen Freudentränen nach . Ach , Leonhard , weshalb warest du nicht bei uns , weshalb hatte ich dich nicht mitgenommen nach Nippenburg ? Wo warest du , als er sich in seinem Sessel zurücklegte und der Stadtphysikus , der ihm gegenübersaß , bestürzt aufsprang , die Tischmusik abbrach und der Stadtchirurg , obgleich er sein Besteck bei sich trug und seine Lanzette schnell genug brauchte , doch den Kopf schüttelte ? « » Ich ließ mir von dem Herrn van der Mook und dem Leutnant Kind Geschichten erzählen « , murmelte Leonhard : allein der Vetter fuhr in aller Hast fort : » Wir brachten ihn zurück in sein Haus , diesmal ohne Fackeln , Schützengilde und Stadtmusik , und der Herr von Bumsdorf lief vorauf zu den Weibern . Gestern , den ganzen Tag , hat er still gelegen , bis gegen neun Uhr am Abend . Bei Gott , er war doch ein anständiger , wackerer Gesell in seiner Art , und es tut mir leid , sehr leid , und viel , viel würde ich drum geben , wenn ich ihn ruhig in seinen Grillen und Schrullen hätte sitzenlassen . Ach , Leonhard , das habe ich dir nicht versprochen , als ich am Dienstag vor dem Hotel de Prusse in den Wagen stieg und dir versprach , den Alten herumzubringen ! « Vierundzwanzigstes Kapitel Leonhard Hagebucher hatte den Vetter Wassertreter sprechen lassen , ohne ihn zu unterbrechen , doch ohne mehr als die Hauptzüge , den Kern des Berichtes , aufzufassen : am Schlusse desselben drückte er ihm nichtsdestoweniger die Hand und seufzte : » Es war wohlgemeint , Vetter , und daran wollen wir uns halten , alles übrige ist nicht in unsere Hände gelegt . Ich danke Euch herzlich , Vetter , Ihr habt Euer Bestes getan , wenngleich auf Eure Weise . Was aber wird jetzt das nötigste sein ? Ist schon in irgendeiner Art für die nächsten Tage vorgesorgt , oder - « Ein schnarrender Ton bewog den Afrikaner , sich schnell umzuwenden : der Vetter Wassertreter hatte die Hände im Schoß zusammengelegt und schlief fest auf seinem Stuhle neben dem Bette ; er mußte mit dem letzten Worte seiner Erzählung eingeschlafen sein . Auf den Zehen ging Leonhard zu den Fenstern und schloß sie leise nach einem letzten Blick in die graue Morgendämmerung . Er wollte wachen , er mußte wachen , doch auch er nahm einen Sessel zu Häupten der Leiche und versuchte es , seine Gedanken so klar zu halten wie seinen Willen . Das war schwer und erwies sich bald sogar als eine Unmöglichkeit . Es hätte eine übermenschliche Kraft dazu gehört , unter den Aufregungen der letzten Woche ad sidera tollere vultus , d.h. die Nase so zu tragen , wie es die Naturgeschichte vom Menschen verlangt . Fünf Minuten noch behielt Leonhard das starre Gesicht des Vaters unverwandt im Auge ; dann füllte sich das Gemach mit einem Nebel und dieser Nebel mit einem Hexentanz alles dessen , was die Woche so bunt gemacht hatte . Der gaslichterhellte , menschengefüllte Saal der Vorlesung , der Herr von Betzendorff , der Herr von Glimmern , die Frau von Glimmern , der Professor Reihenschlager und Serena Reihenschlager , der Herr van der Mook - die Stube des Leutnants Kind und der Leutnant Kind selbst - der Weg nach der Katzenmühle , die Mühle und die Frau Klaudine - der Weg nach Bumsdorf - das verstörte Vaterhaus , der tote Vater , die Erzählung des Vetters Wassertreter und , seltsamerweise , aus dem Bericht des Vetters Vorzugsweise der Onkel Schnödler purzelten in seiner Seele durcheinander gleich den Tönen eines Klaviers , auf welchem eine Kinderhand Musik macht , bis - ja , bis Mutter Natur endlich Ruhe gebot und dem wildesten Lärm die tiefste Stille , dem angestrengtesten Denken die völlige Bewußtlosigkeit folgte . Es war heller Tag , als der zum zweitenmal aus der Fremde heimgekehrte Sohn erwachte , und er hatte mancherlei verschlafen . Die Leiche war aus dem Bette gehoben und in einer Nebenkammer auf ein anderes Lager niedergelegt worden : es war wieder ein Feuer in dem erkalteten Ofen des Sterbegemachs angezündet , und unten in dem Familienzimmer wartete das Frühstück und empfing der Vetter Kondolenzbesuche . Als der Schläfer hastig emporfuhr und an das Fenster taumelte , hielt ein Handwagen vor der Gartentür auf der Landstraße , und der Meister Schreiner mit seinen Gesellen lud den Sarg ab , und die Magd des Hauses , mit einem frisch geschlachteten Hahn in der linken Hand und dem Schürzenzipfel vor dem rechten Auge , sah der traurigen Arbeit schmerzlich , jedoch nicht unangenehm interessiert zu . Bestürzt wich Leonhard zurück und blickte schnell nach dem leeren Bett hinüber ; mit beiden Händen griff er nach der Stirn und starrte von Wand zu Wand , von der Decke zum Boden , von dem alten Kupferstich , dem Opfer Isaaks , auf das Porträt des Großvaters in Öl . Das war Bumsdorf , das war das elterliche Haus , das war die Kammer der Eltern ! ... Zitternd , in namenloser Angst nochmals zwei Schritte gegen das Fenster - der schwarze Schrein wurde über des Hauses Schwelle gehoben ; - bei dem klaren Winterhimmel , die Sache verhielt sich so , und es war das vernünftigste , die Treppe hinunterzusteigen , um die alte Frau in ihrer Witwenschaft in ruhiger Trauer zu begrüßen ! Wie von einem Fenster unserer Erzählung treten auch wir zurück ; und gleichwie recht gute Freunde ihre Besuche auszusetzen pflegen , wenn Verdrießlichkeiten über das Haus , in welchem sie aus und ein gingen , hereinbrachen , so lassen auch wir die unerquicklichen Tage , welche jetzt dem Haus Hagebucher zugemessen wurden , vorüberstreichen , ohne uns - aufzudrängen . - Alle Wasser waren erstarrt vor dem kalten Hauche aus Norden . Die Wälder und Täler lagen da , als ob niemals ein Ton in ihnen erklungen sei . Nun war die rechte Zeit der Einsamkeit für die Katzenmühle gekommen , die ja versteckter lag als sonst eine Menschenwohnung weit umher . Mit den andern Wassern verstummte natürlich auch das Rinnsal des Baches ; auch das leiseste Klingen der vereinzelten Tropfen aus der fernen Welt des Lebens über dem zerbrochenen Rade hatte aufgehört ; Mutter und Sohn in der Mühle waren allein , und niemand störte sie , selbst Leonhard Hagebucher nicht . Wir kommen aus dem Hause des Todes , und der Tod ist eine ernste Sache : aber er hinderte uns nicht , festen Schrittes einherzugehen und verständlich , mit heller Stimme unsere Meinung zu sagen . Nun fürchten wir das Echo in den Wäldern zu erwecken was ist das ? Kann das Leben größere Mysterien haben als der Tod ? Hier war ein Wunder ; die Frau Klaudine war gewachsen ! Um eines Hauptes Länge war sie höher geworden über Nacht . Sie hatte beide Hände vor sich auf den Tisch gestützt und so sich langsam aufgerichtet . Mit großen , klaren , ernsten Augen blickte sie in ihr Geschick - - bis hierher und nicht weiter ! Sie hatte in der Einsamkeit und Hoffnung einen mächtigen Willen gewonnen . Sie fürchtete sich nicht ; sie war die Starke , die Herrin , und keine Unbändigkeit hielt vor ihr aus . Die Laufbahn des wilden Abenteurers war zu Ende in dem Augenblick , wo er den Fuß über die Schwelle seiner Mutter setzte ; die Laufbahn der Frau Klaudine Fehleysen begann in demselben Augenblick von neuem . Er konnte krank , gebrochen , als ein Bettler an die Tür der Katzenmühle pochen ; er konnte als ein verfolgter Verbrecher zurückkehren : durch tausend schlaflose Nächte hatte die Mutter auf die Tritte gehorcht , die sich nahen mußten . Wenn er mit sinnlosem , tierischem Lachen durch den Wald taumelte , wenn sie ihn dir mit geschlossenen Händen brächten und dich fragten : Ist dieser dein Sohn ? , wenn er mit einem Haufen wüster , trunkener Genossen Einlaß begehrte , die Mutter war auf alles gerüstet , sie hatte für alles ihren Gruß bereit , und nun ? ... Am Tage nach dem Begräbnis seines Vaters ritt Leonhard Hagebucher auf dem Gaul des Vetters Wassertreter von Bumsdorf herüber , in schweren Sorgen um das , was er finden würde . Er fühlte sich müde und verwirrt und hatte große Furcht , daß man ihn frage , was zu tun und was zu lassen sei ; ja er hatte sich sogar eines gewissen egoistischen Überdrusses an den Schicksalen der Leute , zu denen er ging , zu schämen . Das Bedürfnis nach Ruhe lag ihm nicht nur in den Knochen , sondern es lähmte ihm jede Seelenfiber , und als zwei fette Krähen , die eine Zeitlang auf dem Wege Vor ihm herhüpften , sich jetzt erhoben und mit munterm Flügelschlage krächzend über dem Walde zur Linken verschwanden , da schüttelte er ihnen eine matte Faust nach und murrte : » Ihr Kerle wißt gar nicht , wie gut ihr es habt ; übrigens meine besten Grüße an das Kind , den Herrn Professor und die koptische Grammatik ! « Des Vetters Gaul hatte , wie der Vetter selber , seinen eigenen Gang ; aber auch er brachte einen an Ort und Stelle , wenn man ihn gewähren ließ , und da sich Leonhard vollkommen in der Stimmung befand , jedermann gewähren zu lassen , so erreichte er mit ihm und auf ihm wohlbehalten und eigentlich früher , als ihm lieb war , das gastliche Haus zum Ochsen im Dorfe Fliegenhausen . Hier fand der Gaul seinen Weg in den warmen Stall allein , und Hagebucher ging zu Fuße zur Katzenmühle und schüttelte unterwegs manchen über den Pfad hängenden und mit klingenden Eiszapfen behangenen Ast , um sich eine Haltung zu geben . Kalt zwar schien die Sonne auf das bereifte Dach der Mühle , aber es war doch die Sonne , und der gefrorene Boden tönte unter den Füßen ; Sumpf und Morast Versperrten heute nicht den Weg zu der Tür der Frau Klaudine . Mit fröhlichem Gebell sprang der Spitz dem Nahenden entgegen , und auf der Schwelle des Hauses erschien der Herr van der Mook , schüttelte stumm und ein wenig verlegen die Hand Leonhards und führte ihn in die Stube , wo die Frau Klaudine schreibend am Tische saß , aber schnell die Feder niederlegte und mit einem Blick aus der staunenden Seele Hagebuchers alles Dunkel und alle Müdigkeit verscheuchte . » Siehst du , Viktor « , sprach sie , » ich wußte es , daß er kommen würde . Ich bin von Stunde zu Stunde seinen Schritten durch die letzten Tage gefolgt - wie hätte ich mich täuschen können ? Wir wandelten in den Schatten des Todes , Leonhard , aber wir glauben an das Leben ; nicht wahr , nicht wahr , du kommst nicht , um Asche auf unsern Glauben , auf unsere Hoffnung , auf unsern Sieg zu streuen ? Dein Mut ist mein Mut , dein Glück ist mein Glück , wir stehen auf einem Felde . Wir sind wenige gegen eine Million , wir verteidigen ein kleines Reich gegen eine ganze wilde Welt : aber wir glauben an den Sieg , und mehr ist nicht nötig , um ihn zu gewinnen . « Gleich einem hellen Glockenklang hallte dieses Du der Frau Klaudine in dem Herzen Leonhards wider . Nie hatte ihm in seinem eigenen Leben oder in einem Buche der Geschichtsschreiber und Poeten etwas so imponiert wie diese Frau , welcher jener Stern Wermut jeden , auch den süßesten Brunnen vergiftete . So königlich stand sie in ihrem schwarzen Kleide vor ihm , daß er gar nicht daran dachte , ihr mit einer wohlgesetzten Rede zu antworten , daß er weiter nichts tun konnte , als dem Jäger die Hand hinzureichen und stotternd zu sagen : » Wir wollen unser Bestes tun , Viktor ! « Noch war das alte wüste Lachen nicht überwunden , aber es klang doch gedämpfter . » Ihr seid ein eigener Patron , Meister Hagebucher , und habt Eure Zeit nicht verloren zu Abu Telfan . Führt mich der Teufel oder der Zufall oder das Verhängnis , oder wie Ihr es nennt , dorthin , und ich stoße mit dem Fuße an einen Klotz im Wege , an einen Leichnam oder dergleichen und wundere mich nicht wenig , als das Ding sich aufrichtet und sagt : Pardonnez , monsieur , auf ein Wort , es wäre mir sehr lieb , wenn Sie einen Augenblick Ihrer kostbaren Zeit für mich übrig hätten . - Und weil ich noch ziemlich munter und bei Kräften in den Stiefeln stehe und mir im Notfall wohl mit Büchse und Jagdmesser Bahn breche , denke ich , hier ist doch ein Trost für den Herrn Leutnant und der Landsmann steckt sicher um eine gute Elle tiefer im Sumpf als der Korporal Kornelius van der Mook . Das war ein recht tierischer Triumph , Mama , und erinnert mich jetzt lebhaft an das behagliche Kollern und Kichern meines Freundes Mustafa Bei zu Kars , als die Mine vor uns mit zweihundert Russen in die Luft ging . Verflucht , es war nahe genug vor der Kapitulation und der ganze Lärm ziemlich überflüssig , und wie wir dort hinten unsere Roßschweife senkten und unsere Gewehre abgaben , so rücke ich auch jetzt vor die Wälle und kann nur sagen : Mach es anständig , Freund Leonhard ! - Wie habe ich ihn gefunden , Mama ? Er sagt die Wahrheit dem Volke von der Kanzel , und er sagt sie einem unter vier Augen ; und was das tollste ist , er weiß , was er sagt . Überall treffe ich auf ihn ; er hat seine Hand in dem Leben Nikolas , er hat seinen Platz hier an deinem Tische und in deinem Herzen . Setzt er nicht seinen Willen durch ? Dem Leutnant Kind hat er ein Schloß vor den Mund gelegt , mich hat er an Händen und Füßen gebunden hierhergeführt . O er ist frei und klug und weise ; ich aber bin ein eigensinniger Bube mit ergrauendem Haar , ein erbärmlicher Sklav , ein Hund , den man an die Kette schließt . Ist es nicht so ? Redet doch ! Habt ihr etwas anderes für mich als ein kümmerliches Mitleid und ein stilles Bangen , daß der Hund einmal ganz toll werden und selbst seine nächsten Freunde anpacken könne ? « Die Frau Klaudine sah mit verlangenden Augen auf Leonhard , und dieser sprach , gegen den Tierhändler gewendet : » Du hast mir soeben recht schmeichelhafte Dinge gesagt , Viktor Fehleysen , und mir eine Macht zugeschrieben , auf die ich wohl stolz sein dürfte , wenn der Stolz hier unter diesem Dache Raum fände . Nur eines weiß ich und sage ich dir : Du würdest dieses Haus mit meinem Willen nie betreten haben , wenn ich nicht am eigenen zerrütteten , verlorenen , niedergetretenen Dasein die hohe Kraft , die hier wohnt , kennengelernt hätte und nun auch die Genesung für dich von ihr erwartete . Ich habe dich schon einmal an einem andern Orte nach deinem Rechte an deiner Mutter gefragt , Viktor ; jetzt will ich dir die Antwort darauf geben : Es liegt in deinem Unglück und unser aller Ratlosigkeit . Hier stehen wir zwei von allen Wettern zerzauste Männer , der eine zu Land und zur See , im Kriege und in den Wäldern gehärtet und gehämmert und jeder Gefahr , welche die Materie dem Menschen droht , lachend , der andere in der Knechtschaft zum Manne geschmiedet , wohlbewandert in der Logik der Tatsachen , mit allen Waffen zum Kampf des Geistes gegen die Geister ausreichend versehen , und doch - beide wie schwach und schwankend , wie hinfällig und nichtig in all ihrem Tun und Urteilen , in all ihrem Wollen und Vollbringen . Wohin wir uns wenden , stoßen wir gegen die Mauern , welche die dunkeln Hände gegen uns errichten . Vergeblich mühen wir uns in Zorn und Angst , knirschend und atmend ab und stemmen uns wider die Mächte , die unser spotten . Wir ringen nach Atem , Licht und Luft , und es gelingt uns auch wohl , von der Höhe eines Trümmerhaufens einen Blick in die Weite zu werfen und die Welt im goldenen Lichte der Schönheit und des Friedens liegen zu sehen . Dann dünken wir uns groß und gewaltig , rufen Sieg und merken nicht , wie hinter unserm Rücken die schwarzen Wälle während unseres eitlen kurzen Triumphes höher emporstiegen und wie wir nun da die Nacht haben , wo uns vor einer Stunde noch der helle Tag leuchtete . Wir riefen Sieg von der Höhe eines Trümmerhaufens , und aus den Spalten und Ritzen zu unsern Füßen klingt ein höhnisches Lachen : in unsern Triumph hinein wächst es auch vor uns wieder auf : Hinab , hinab , nieder in die Tiefe zu neuer vergeblicher Arbeit , zur Rechten oder zur Linken , bis in den Tod keuchend und ringend ! Nun seht auf diese Frau und wagt es , Euern Gewinn vor ihr zu zählen ! Sie lag unter berghohem Jammer verschüttet , die Feinde waren in ihr Allerheiligstes gedrungen , sie war vernichtet in ihren Gefühlen als Gattin und Mutter , aus ihrer Heimat war sie in die Wüste gejagt und dort allein gelassen worden , und sie brauchte nicht wie wir an die Brust zu schlagen und zu sagen : Es ist nur mein Recht , was mir widerfährt ! Wie stehen wir ihr gegenüber , Viktor Fehleysen ? Die Welt hatte ihr nichts gelassen , und heute weiß sie ihres Schatzes kein Ende . Wir sind die Bettler , sie ist die Reiche ; mit leeren Händen kommen wir zu ihr , und sie allein kann uns geben , was wir bedürfen : die Kraft , den Mut , den unerschütterlichen Willen . Ach , wie feige sind wir gegen ihre heldenhafte Geduld ! Sie lag tiefer gebeugt als wir alle , aber leise richtete sie sich auf und füllte die Wüste mit ihrer Hoffnung . Sie saß still in der Einsamkeit , rechtete mit niemand und wies nur den Zorn , den Haß und die Rache von ihrer offenen Tür fort . Ja , ihre Tür war offen , und die Tage zogen an derselben vorüber und sahen fremd und befremdet hinein : die Frau Klaudine aber lächelte ihnen entgegen : Was wundert ihr euch ? Freilich sitze ich hier und lebe und spinne an meinem schönsten Feiertagsgewande : - ihr kommt , sucht eine Gestorbene und findet eine Lebende : ja , ich lebe und will leben ; - wie die Zweige des Waldes mir in mein Fenster wachsen , so drängen sich die lichten Gedanken in mein Herz ; - ich baue für meine Kinder , die in der wilden Welt umherirren , ein neues Haus , einen neuen Herd , an welchem sie einst niedersitzen werden , mir von ihren Mühen und Leiden zu erzählen - was sollte daraus werden , wenn ich nicht stillbliebe und den armen Wanderern , den Gejagten und Verfolgten eine Freistatt offenhielte ? ! - Wahrlich , es ist nicht allein der Helden und Könige Sache , zu rufen : Sonne , stehe still und leuchte der Vollendung unserer Siege ! Auch der Schwächste , der Ärmste , der Geringste kann den glanzvollen Stern über seinem Haupte und Herzen festhalten , bis alles vollbracht ist , und die Frau Klaudine konnte es . Jetzt , wo die Nacht um uns dunkler denn je zuvor ist , kommen wir zu ihr und bitten um ein Fünklein Licht - wie können wir gerettet werden , wenn nicht ihr Mut zu unserm Mut , ihr Glück zu unserm Glück wird , wenn wir uns nicht zu ihr , auf ihr Feld stellen und in dem milden Scheine ihrer Sonne ihre Götter anrufen ? ! « » Er hat sicherlich die Wahrheit gesprochen , Mama ! « rief Viktor Fehleysen mit bebender Stimme . » Wir haben uns nur zu schämen , und du hast den Sieg innerhalb und außerhalb deiner Wälle gewonnen . Ich habe überhaupt keine Stimme mehr im Rat und will gehen und stehen , wie du es befiehlst . Aber auch die andern sollen deinem Kommando gehorchen . Wenn ich besser sprechen könnte und nicht in jedem Augenblick das Gleichgewicht verlöre , würde ich es ihnen schon sagen . Der da aus Abu Telfan versteht das Ding gut genug und hat es auch schon bewiesen in der Höhle des Leutnants Kind ; - Fluch und Wehe über mich , laß ihn Wache halten vor Nikolas Tür ! Einst fand ich jenen Friedrich von Glimmern auf allen meinen Wegen ; nun steht dieser hier überall da , wo ich stehen sollte , und daß beides verdrießlich für mich ist , weiß ich ; doch was mir am meisten Schande bringt , hab ich noch nicht herausgeklügelt , hoffe es aber mit der Zeit und Weile noch herauszubekommen . « » Mein Kind , mein Kind , du bist im Hause deiner Mutter ! « rief Frau Klaudine . » Deine Mutter tritt zwischen dich und dieses Grübeln , Rechnen und Rechten über und um das Vergangene . Leonhard Hagebucher hat recht , ich wollte ein neues Haus , einen neuen Herd bauen für meine Kinder , denn ich wußte , daß sie zu mir zurückkehren würden - wie sie kommen mochten , das kümmerte die Mutter nicht . Ich habe Feiertagskleider gewebt für mich und für die Meinigen , und wir wollen sie alle tragen , alle , alle ! Und jetzt , Leonhard , sagen Sie uns von Ihrem trauernden Vaterhause , von der Mutter und der Schwester ; ach , die nächsten Gräber verlieren oft über dem Leben ihren Anspruch an uns ; aber meine Gedanken sind doch immer bei Ihnen und den Ihrigen gewesen , mein Freund ! « - Sie sprachen nun von dem Tode und dem Begräbnis des wackern Steuerinspektors , und wie der Vetter Wassertreter so treu und trotz aller Betrübnis so lustig zu dem Haus Hagebucher stehe . Der Herr van der Mook saß stumm im Winkel , hielt den klugen Kopf des Spitzes zwischen den Knien und hielt seinen eigenen Kopf tief gesenkt . Die Frau Klaudine sprach innig teilnahmsvoll von den Verhältnissen und Zuständen Leonhards , aber den Sohn ließ sie doch kaum einen Augenblick aus den Augen , immer suchte ihn ihr unruhiger Blick über die Schulter ; und mehr als einmal streckte sie , ohne es zu wissen , die Hand aus , als suche sie die seinige , wie in großer Angst , daß er sich erheben , vor die Tür treten und nimmer wiederkehren werde . Der Herr van der Mook regte sich jedoch kaum , bis im Verlaufe des Gesprächs wieder einmal der Name Nikola von Glimmern genannt wurde . Da sprang er so jäh auf , daß der erschreckte Hund mit einem Laut der Angst vor ihm zurückfuhr . Heftig faßte er den Arm Hagebuchers und rief : » Sei mein Freund und stehe mir bei ! Ich bin nur wie ein Mann , der aus einem Haschischrausch erwacht , ein Kind kann mich mit dem Verstand und mit der Hand meistern . Wann gehst du zurück nach der Hauptstadt ? Denke für mich , handle für mich ; ich fasse deine Hand , wie du die meinige zu Abu Telfan im Tumurkielande faßtest ! « » Ach , wenn man nur mit den Mächten der Zivilisation handeln könnte wie mit den Barbaren am Mondgebirge ! « seufzte Leonhard kopfschüttelnd . » Nur die Frau Klaudine wird uns alle retten . Sie allein hat den Zauberstab , der die