hat noch eine ganz andere Kehrseite , als der ehrliche Schuster meinte ! ... » Die Hirschsprungs waren gut papistisch geblieben , als auch das ganze Land ringsum abfiel und sich zu der neuen lutherischen Lehre bekehrte . Sie lebten von da an streng zurückgezogen um ihres Glaubens willen , aber dem alten Adrian von Hirschsprung genügte das nicht , denn er war ein wilder Fanatiker , der lieber Haus und Hof und die alte Thüringer Heimat verlassen , als unter Ketzern leben wollte . Er hatte sein Besitztum , bis auf das Haus am Markt , um bare sechzigtausend Thaler in Gold verkauft , und seine zwei Söhne ritten eines Tages davon , um in gut katholischen Landen eine neue Heimat zu suchen ... Da geschah es , daß der Schwedenkönig , Gustav Adolph , mit einundzwanzigtausend Mann Kriegsvolk durch das Thüringer Land zog . Er rastete auch einen Tag in dem kleinen Städchen X. - das war am 22. Oktober 1632 - und seine Leute besetzten die Häuser . Auch das Ritterhaus am Marktplatz steckte voll schwedischer Reiter , und das mußte den alten Adrian mit Wut und Ingrimm erfüllt haben . Es kam zu einem heftigen Wortwechsel zwischen ihm und den Soldaten , die halbtrunken im Hofe Wein zechten , und da geschah das Schreckliche - ein Kriegsknecht stieß dem alten , finsteren Eiferer das Schwert mitten durch die Brust ; er stürzte mit ausgebreiteten Armen rücklings auf das Steinpflaster und verschied , ohne einen Laut , auf der Stelle . Die wütenden Schweden aber zerschlugen und zertrümmerten alles im Hause , was nicht niet- und nagelfest war , und als die Söhne zurückkamen , da lag der alte Adrian längst unter den Steinfliesen der Liebfrauenkirche , und sie suchten vergebens nach ihrem Erbe . Die sechzigtausend baren Thaler hatten die Schweden fortgeschleppt , Kisten und Kästen standen leer , ihr Inhalt lag zerfetzt und zerstampft am Boden , und die Familienpapiere waren in alle Winde zerstreut , nicht ein Blättchen ließ sich mehr auffinden ... So erzählte Dein Vater , Joseph ! Darauf kam das Haus um einen armseligen Preis in die Hände des Bürgers Hellwig . Die zwei Söhne des Adrian teilten den Erlös ; Lutz , der Aeltere , zog von dannen , und es hat nie wieder etwas von ihm verlautet , die andere Linie aber hing das Ritterschwert an den Nagel , und die Nachkommen derer , die gegen die Saracenen gekämpft , die einst wohlgelitten waren an Kaiserhöfen um ihrer Tapferkeit und adligen Sitten willen , sie griffen zu Hobel und Pfrieme . » Du aber nicht , Joseph ! Wie die prächtigen Locken über Deiner Stirn sich eigenwillig ringelten und aufbäumten , so schweifte Dein Geist weit ab von der engen Lebensbahn Deiner letzten Vorfahren ; Du gingst Deinen eigenen Weg , ob Du auch wußtest , daß er dornenvoll und steinig war , daß Mangel und Entbehrung an Deiner Seite schreiten mußten ; Du sahst nur das Ziel , das hohe , leuchtende Ziel , und so viel Heldenmut endete schmählich in einer Dachkammer ! Der Geist entfloh , weil der Körper hungerte ! ... Allmächtiger , eine Deiner herrlichsten Schöpfungen ging unter aus Mangel an Brot ! » Wer hätte an dies spurlose Verlöschen Deines Daseins gedacht , wenn Du mit überzeugender Gewalt Deine neuen , kühnen , ursprünglichen Ideen entwickeltest ? Oder wenn Du am Klavier saßest und die wundervollen Harmonien unter Deinen Fingern emporquollen ? ... Es war ein armes , kleines Spinett , das in einer dunklen Ecke Deiner elterlichen Stube stand ; seine Töne klangen stumpf und rauh , aber Dein Genius beseelte sie , sie erbrausten in Sturm und Gewitter und malten den lachenden Himmel über einer strahlenden Welt ... Weißt Du noch , wie Dein guter Vater Dich belohnte , wenn er zufrieden mit Dir war ? Da schloß er mit feierlicher Gebärde eine kleine , uralte Spinde auf und legte Dir ein Notenheft auf das Pult - es war die Operette von Johann Sebastian Bach ; sein Großvater hatte sie von dem Komponisten selbst erhalten und sie wurde wie ein Heiligtum in der Familie aufbewahrt ... Sie fanden nicht einen Pfennig Geldes , nicht einen Bissen Brot bei Dir , als Du heimgegangen warest , aber das Bachsche Opernmanuskript , dessen materiellen Wert Du wohl kanntest , lag unangerührt , unter meiner Adresse , auf dem Tisch . » Da drüben auf der Seite , genau auf der Stelle , wo ich jetzt schreibe , da steht : Meine süße , goldlockige Cordula kam herüber im weißen Kleide , das war an meinem Konfirmationstag , Joseph ! Meine strenge Mutter hatte mir gesagt , es geschehe zum letztenmal , von nun an sei ich die erwachsene Tochter des Kauf-und Handelsherrn und mein Verkehr mit der Schusterfamilie schicke sich nicht mehr ... Deine Eltern waren nicht in der Stube und ich teilte Dir das Verbot mit ... Wie wurde Dein Gesicht bleich unter den kohlschwarzen Locken ! Nun , so gehe doch ! sagtest Du trotzig und stampftest mit dem Fuße auf , aber Deine Stimme brach und in den zornigen Augen funkelten Thränen . Ich ging nicht ; unsere zitternden Hände schlangen sich plötzlich wie unbewußt und unauflöslich ineinander , das war der Uranfang unserer seligen Liebe ! » Ich sollte das je vergessen haben und , nachdem ich jahrelang meinen zürnenden und bittenden Eltern widerstanden , plötzlich aus eigenem Antriebe meineidig geworden sein ? Sie schalten Dich einen Hungerleider , einen mißachteten Schustersohn , der brotlose Künste treibe ; sie drohten mit Fluch und Enterbung - ich blieb standhaft , wie leicht war das damals , Du standest ja neben mir ! Aber als Deine Eltern starben und Du fortgingst nach Leipzig , da kam eine furchtbare Zeit ! ... Da erschien eines Tages eine hohe , schlanke Männergestalt im Hause meines Vaters , und auf dieser Gestalt saß ein Kopf mit fahlen Wangen , an denen dürftiges dunkles Haar lang und glatt niederhing , und den Mund umzogen unheimliche , schlaffe Linien ... Es gibt einen Seherblick , Joseph , und das ist der Instinkt in einer reinen Menschenbrust ... ich wußte sofort , daß mit jenem Menschen das Unheil über unsere Schwelle geschritten war . Mein Vater dachte anders über diesen Paul Hellwig . Er war ja ein naher Anverwandter , der Sohn eines Mannes , der sein Glück draußen in der Welt gemacht hatte und einen ansehnlichen Posten bekleidete . Da war der Besuch des jungen Vetters eine Ehre für das Haus . Und wie diese hohe Gestalt sich demutsvoll bücken konnte , wie das süß und salbungsvoll von den Lippen floß ! » Du weißt , daß der Elende es wagte , mir von Liebe zu sprechen , Du weißt auch , daß ich ihn heftig und empört zurückwies ; er war erbärmlich und ehrlos genug , die Hilfe meines Vaters anzurufen ; der wünschte lebhaft diese Verbindung , und nun begannen entsetzliche Tage für mich ! ... Deine Briefe blieben aus , mein Vater hatte sie unterschlagen , ich fand sie nebst den meinigen in seinem Nachlasse . Ich wurde wie eine Gefangene behandelt , aber es konnte mich doch niemand zwingen , im Zimmer zu bleiben , sobald der Verhaßte eintrat ... Dann floh ich wie gehetzt durch das Haus , und die Geister Deiner Ahnen beschützten mich , Joseph . Ich fand Schlupfwinkel genug , wo ich vor meinem Verfolger sicher war . » Ob es wohl auch der geheimnisvolle Finger einer unsichtbaren Ahnfrau gewesen ist , der eines Tages meinen Blick auf das Goldstück zu meinen Füßen lenkte ? ... » Eine Mauer im Geflügelhofe hatte sich gesenkt , und nachmittags waren Arbeiter dagewesen und hatten den schadhaften Teil niedergerissen . Ich saß still auf dem Trümmerwerke und dachte an die Zeit , wo man diese Steine aufeinander getürmt hatte - und da lag plötzlich das Goldstück vor mir im Grase ; es war nicht das einzige , auch zwischen den Mörtelbrocken schimmerte es golden . Ohne Zweifel war ein beträchtliches Mauerstück nachgestürzt , als die Arbeiter den Hof bereits verlassen hatten , denn es lag alles wild und zerklüftet durcheinander , und zwischen den Bruchstücken hervor guckte die scharfe Ecke einer hölzernen Truhe - sie war zum Teil geborsten , dieser Spalt erschien förmlich gespickt mit dem geränderten Gold . » Joseph , ich hatte den Fingerzeig Deiner Ahnmutter nicht begriffen - ich holte meinen Vater , und der Verhaßte kam auch mit . Sie hoben mühelos den Kasten aus den Trümmern und schlossen ihn auf mit dem gewaltigen Schlüssel , der noch im Schlosse steckte ... » Die Schweden waren es nicht gewesen , Joseph ! ... Da lagen wohlbehalten die zwei Armringe , da lagen die sechzigtausend Thaler in Gold und die vergilbten Pergamente und Papiere Derer von Hirschsprung ! Der alte Adrian hatte alles hierher gerettet vor den heranziehenden Schweden ! ... Ich war wie trunken vor Glück . Vater , jubelte ich auf , nun ist der Joseph kein Hungerleider mehr ! » Ich sehe ihn noch , wie er dastand ! Du weißt , er hatte ein ernstes , strenges Gesicht , das heitere Wort erstarb einem auf den Lippen , wenn man in diese wandellosen Züge sah , aber seine ganze Erscheinung trug das Gepräge einer unerschütterlichen Rechtschaffenheit - er war der geachtetste Mann in der Stadt . Jetzt stand er vorwärts gebeugt da , und seine Hände wühlten in dem Golde . Was war das für ein eigentümlicher Blick , der aus dem kalten Auge auf mich fiel ! Der Schusterjunge ? wiederholte er , was hat der damit zu schaffen ? » Nun , das ist sein Erbe , Vater ! Ich hatte das Testament des alten Adrian in der Hand und deutete auf den Namen Hirschsprung . » O , wie entsetzlich veränderte sich plötzlich dies sonst so unbewegliche Gesicht ! » Bist du wahnsinnig ? schrie er auf und schüttelte mich heftig am Arme . Dies Haus gehört mir mit allem , was es enthält , und ich will den sehen , der mir auch nur einen Pfennig Wert von meinem Grund und Boden wegholt ! » Sie sind vollkommen in Ihrem Recht , lieber Vetter , bestätigte Paul Hellwig mit seiner sanftesten Stimme . Aber vordem hat das Haus mit allem , was es enthalten , meinem Großvater gehört . » Schon gut , Paul , ich leugne deinen Anspruch nicht ! sagte mein Vater ... Sie trugen den Kasten vor in das Haus . Niemand wußte um den Raub , als ich und der letzte Abendsonnenstrahl , der neugierig über das funkelnde Gold hingeglitten war . Er erlosch , um drüben neu aufzugehen und vielleicht auf ein glückseliges Menschenangesicht zu fallen ; ich aber irrte umher und sah Nacht und Fluch und Verbrechen , wohin ich blickte ! » Noch an demselben Tage hörte ich , wie Paul Hellwig zwanzigtausend Thaler und einen der Armringe beanspruchte und erhielt ... » Weißt Du nun , was ich litt , während Du mich für treulos , falsch und leichtsinnig hieltest ? Ich stand allein meinen zwei Peinigern gegenüber - meine strenge , aber rechtschaffene Mutter war tot und mein einziger Bruder in fernen Landen ... Es handelte sich nicht allein mehr um meine Liebe zu Dir - ich sollte auch schweigen , unverbrüchlich schweigen vor Dir und der Welt , und dazu verstand ich mich nun und nimmer ! ... Hat nie Dein Herz bang und ahnungsvoll geklopft in jenen unseligen Momenten , wo ich meinem zürnenden Vater unerschütterlich fest gegenüberstand , wo er die Hand hob , um die starrsinnige , entartete Tochter zu Boden zu schleudern ? ... » Ich hatte das Testament des alten Adrian zurückbehalten - das wußten sie nicht , und als eines Abends Paul Hellwig höhnisch fragte , womit ich denn eigentlich den Fund beweisen wolle , da wies ich auf dies Papier hin - und da kam das furchtbare Ende ! Mein Vater hatte nachmittags einer großen Gasterei beigewohnt , sein Gesicht war stark gerötet , er hatte offenbar viel Wein getrunken . Bei meiner Erklärung stürzte er auf mich zu , schüttelte mich mit seinen gewaltigen Händen , daß ich aufschrie vor Schmerz , und fragte knirschend , ob mir denn seine Ehre und sein Ansehen nicht einen Pfifferling wert seien . Noch hatte er das letzte Wort nicht ausgesprochen , als er mich zurückstieß - sein Gesicht wurde dunkelbraun , er fuhr mit beiden Händen nach dem Halse und brach plötzlich wie niedergeschmettert vor mir zusammen - der große , stattliche Mann ! ... Er atmete noch , als wir ihn aufhoben , ja er hatte sogar Bewußtsein , denn sein Blick ruhte unverwandt mit einem furchtbaren Ausdruck auf meinem Gesicht , und - da brach mein Widerstand , Joseph ! Als der Arzt für einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte , da zog ich das Papier hervor und hielt es an die Flamme des Lichtes . Ich konnte meinen Vater nicht ansehen , aber ich gelobte ihm mit weggewandtem Gesicht , daß ich schweigen wolle für immer , daß mit meinem Willen kein Flecken auf seine Ehre fallen solle ... Wie lächelte Paul Hellwig teuflisch bei diesem Schwur ! ... O Joseph , das that ich ! Ich sicherte meiner Familie das Dir gestohlene Erbe , in dem Augenblick , wo Dich der Mangel auf das Sterbebett warf ! « 25 Felicitas schlug erschöpft das Buch zu - sie konnte nicht weiter lesen . Draußen pfiff und tobte es an den Fenstern vorüber , daß sie klangen und klirrten - was war dies Brauen gegen die Stürme in der Menschenbrust , von denen das Buch erzählte ! Tante Cordula , du bist gemartert und gekreuzigt worden ! Die in dem gestohlenen Gut schwelgten , sie stellten sich auf den hohen Standpunkt angestammter Familientugend und Rechtschaffenheit ; sie verstießen dich als eine Entartete , und die blinde Welt bestätigte diesen Urteilsspruch . Hoch droben in den Lüften standest du , verfemt und verlästert , und hinter den festgeschlossenen Lippen ruhte dein Geheimnis ! Du riefst nicht Wehe über die Blinden da drunten - sie aßen gar oft dein Brot und erfaßten unbewußt deine rettende Hand in Not und Elend . Dein starker Geist erbaute sich seine eigene Welt , und das stille , versöhnliche Lächeln , das im Alter deine Züge verschönte , war der Sieg einer erhabenen Seele ! Welch ein Unding ist die öffentliche Meinung ! Die Welt hat nichts Haltloseres , und doch darf sie tief und bestimmt eingreifen in das Schicksal der einzelnen ! Leiden nicht Familien noch nach Jahren für ein einziges Glied , das die öffentliche Stimme gerichtet und verfemt hat , und gibt es nicht Geschlechter , die den Nimbus angestammter Tugend und Ehrbarkeit mühelos tragen , bloß weil ihr Name dem Volksmunde als » gut « geläufig ist ? Wie viel unbestrafte Schurkerei hat die öffentliche Meinung auf dem Gewissen , und wie oft weint das stille Verdienst unter ihren blinden Fußstößen ! Die Familie Hellwig gehörte auch zu jenen Unantastbaren . Wenn einer gewagt hätte , den Finger aufzuheben gegen die stattlichste und stolzeste Erscheinung unter den Oelbildern der Erkerstube und zu sagen : » Das ist ein Dieb ! « - er wäre gesteinigt worden vom großen Haufen . Und doch hatte er den armen Schustersohn um sein Erbe betrogen ; er war gestorben , der Ehrenmann , mit dem Diebstahl auf dem Gewissen , und seine Nachkommen waren stolz auf den » sauer und redlich erworbenen « Reichtum des alten Handlungshauses ... Wenn er das wüßte , wenn er einen Blick in dies Buch werfen könnte , er , der sein eigenes Wünschen derartigen » geheiligten « Traditionen unterwarf , der so lange den Satz festgehalten hatte , nach welchem Tugend und Laster , hoher Sinn und Gemeinheit sich an die Familie und deren Stellung , nicht aber an das einzelne Individuum knüpfen sollten ! ... Felicitas streckte unwillkürlich die Rechte mit dem Buche wie triumphierend in die Höhe und ihre Augen funkelten ... Was hinderte sie , diesen kleinen , grauen Kasten mit seinem furchtbaren Inhalt dort auf dem Schreibtisch liegen zu lassen ? ... Dann kommt er herein und setzt sich arglos in die traute , epheuumhangene Nische . Die wuchtige Stirne voll tiefer Gedanken , nimmt er die Feder auf , um an dem dort liegenden Manuskript weiterzuarbeiten ... Da steht das kleine , unbekannte Etwas vor ihm - er hebt den Deckel auf , nimmt das Buch heraus und liest - und liest , bis er totenbleich zurücksinkt , bis die stahlgrauen Augen erlöschen unter der Wucht einer schreckensvollen Entdeckung ... Dann ist sein stolzes Bewußtsein lebenslänglich geknickt . Er trägt im Verborgenen die Last der Schande ... Will er die Annehmlichkeiten seines reichen Erbes genießen - es sind gestohlene Freuden ; liest er seinen so gepriesenen Namen - es ruht ein häßlicher Flecken darauf ... er ist innerlich gebrochen , gemordet für alle Zeiten , der stolze Mann ! ... Buch und Kasten fielen schallend zur Erde , und ein heißer Thränenstrom stürzte aus Felicitas ' Augen ... » Nein , tausendmal lieber sterben , als ihm dies Leid anthun ! « ... War der Mund , der diese Worte bebend herausstieß , derselbe , welcher einst hier , zwischen diesen vier Wänden gesagt hatte : » Ich würde es nicht beklagen , wenn ihm ein Leid widerführe , und wenn ich ihm zu einem Glücke verhelfen könnte , ich würde keinen Finger bewegen ! « War das wirklich noch der alte , wilde Haß , der sie weinen machte , der ihr Herz mit unsäglichem Weh erfüllte bei dem Gedanken , er könne leiden ? War es Abscheu , das süße Gefühl , mit welchem sie plötzlich seine kraftvolle , männliche Gestalt vor sich heraufbeschwor , und hatte die glückselige Genugthuung , daß sie berufen sei , die Hände schützend über seinem Haupte zu halten , ihn vor einer niederschmetternden Erfahrung zu bewahren , noch etwas gemein mit dem häßlichen Gefühl der Rache ? ... Haß , Abscheu und Rachedurst - sie waren spurlos verlöscht in ihrer Seele ! ... Wehe , sie hatte ihr Steuer verloren ! ... Sie taumelte zurück und schlug die Hände vor das Gesicht - der geheimnisvolle Zwiespalt ihres Herzens lag gelöst vor ihr , aber nicht unter jenem Lichte einer himmlischen Erkenntnis , das plötzlich ungeahnte , lachende Gefilde bestrahlt - es war ein grelles Wetterleuchten , in welchem ein Abgrund zu ihren Füßen sichtbar wurde ... Fort , fort - es hielt sie nichts mehr ! Noch einmal den Weg über die Dächer zurück , dann den letzten eilenden Schritt über die Schwelle des Hellwigschen Hauses , und sie war frei , sie war entflohen auf Nimmerwiedersehen ! Sie raffte das Buch auf und schob es in ihre Tasche - aber da stand sie mit zur Flucht gehobenem Fuße und zurückgehaltenem Atem einen Moment wie versteinert - draußen im Vorsaal war eine Thür zugeschlagen worden , und jetzt schritt es rasch auf das Wohnzimmer zu . Sie floh in den Vorbau und riß die Glasthür auf - der Sturm fuhr herein und schleuderte ihr einzelne große Regentropfen in das Gesicht ... Ihre Augen irrten über das Dächerquadrat , da hinüber kam sie nicht mehr , dort mußte sie gesehen werden - ihre einzige Rettung war ein augenblickliches Versteck . Zwischen der Vorbauwand und den Blumentöpfen lief ein schmaler , unbesetzter Raum empor . Felicitas flüchtete hinauf und erfaßte droben taumelnd und mit versagenden Blicken die Eisenstange des Blitzableiters , der sich über den First hinzog . Sie stand hoch über dem Vorbau ... Hei , wie der Sturm die zarte Gestalt packte und schüttelte , wie er in erneutem Ingrimm versuchte , sie hinabzustoßen in die Straße , die wie ein dunkler Spalt jenseits herauf klaffte ... Ueber den Himmel hin brausten die schwarzen Gewitterwolken - war kein Engel droben über der kochenden , gärenden Wetterwand , der seine Hände schirmend herniederstreckte auf die mit der furchtbarsten Gefahr Ringende ? Wer es auch sein mochte , der in diesem Augenblick heraustrat auf die Galerie , das Mädchen da droben stand als Diebin gebrandmarkt vor ihm ... Sie war in verschlossene Räume eingedrungen - die ganze Welt nannte das Einbruch ; schon hatte man die Anklage , daß sie um den Silberdiebstahl wisse , auf ihr Haupt geschleudert - jetzt lag ihre Schuld sonnenklar am Tage ! Sie wanderte nicht mehr freiwillig über die Schwelle des alten Kaufmannshauses , sie wurde hinausgestoßen als Entehrte , und wie Tante Cordula mußte sie fortan mit festgeschlossenen Lippen Schimpf und Schmach unverschuldet durchs Leben tragen ... War es da so schrecklich , wenn sie sich dem Arme des Sturmes willig überließ und nach wenigen qualvollen Augenblicken ihr junges Leben drunten auf dem Straßenpflaster aushauchte ? ... Mit wirren Blicken starrte sie hinab auf das vorspringende Dach des Vorbaues - die Person unter blieb nicht vor der Glasthür stehen - Felicitas ' letzte verzweifelte Hoffnung - sie schritt , trotz Sturm und Wetter , weiter und weiter auf der Galerie , und jetzt wurde die Gestalt sichtbar - es war der Professor ... Hatte er die fliehenden Schritte des Mädchens gehört ? - Noch kehrte er ihr den Rücken , noch war es möglich , daß er zurückging , ohne sie gesehen zu haben - aber da kam der Sturm , der Verräter ; er zwang den Professor , sich umzudrehen , und ließ in dem Augenblick Haar und Gewand der Flüchtigen wild aufflattern - und er erblickte die Gestalt mit den krampfhaft um das Eisen geschlungenen Armen und dem geisterhaften Gesicht , das aus den wogenden Haarmassen verzweiflungsvoll auf ihn niedersah . Einen Augenblick war es , als gerinne ihr unter dem entsetzten Blick , der sie traf , das Blut in den Adern ; dann aber schoß es siedend nach dem Kopfe und raubte ihr den letzten Rest von Besonnenheit . » Ja , da steht die Diebin ! Holen Sie das Gericht , holen Sie Frau Hellwig ! Ich bin überführt ! « rief sie unter bitterem Auflachen hinab . Sie ließ mit der Linken die Eisenstange los und warf das Haar zurück , das ihr der Sturm über das Gesicht peitschte . » Um Gottes willen , « schrie der Professor auf , » fassen Sie die Stange - Sie sind verloren ! « » Wohl mir , wenn ' s vorüber wäre ! « klang es schneidend durch das Brausen und Pfeifen . Er sah den schmalen Raum nicht , auf welchem Felicitas emporgeklimmt war . In wenig Augenblicken hatte er die Blumentöpfe herabgeschleudert und sich einen Weg gebahnt , und da stand er plötzlich neben ihr . Er umschlang mit unwiderstehlicher Kraft die widerstrebende Gestalt und zog sie herab in den Vorbau - krachend fiel die Thür hinter ihnen in das Schloß . Der starke , mutige Geist des Mädchens war gebrochen - völlig betäubt , wußte sie nicht , daß ihr vermeintlicher Widersacher sie noch stützte ; sie hatte die Augen geschlossen und sah nicht , wie sein Blick tiefsinnig auf ihrem bleichen Gesicht ruhte . » Felicitas , « flüsterte er mit tiefer , bittender Stimme . Sie fuhr empor und begriff sofort ihre Lage . Aller Groll , alle Bitterkeit , an denen sich ihre Seele jahrelang genährt , kamen nochmals über sie - sie riß sich heftig los , und da war er wieder , der dämonische Ausdruck , der eine tiefe Falte zwischen ihre Augenbrauen grub und die Mundwinkel in herben Linien umzog ! » Wie mögen Sie die Paria anrühren ? « rief sie schneidend . Aber ihre hochaufgerichtete Gestalt sank sofort wieder in sich zusammen ; sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und murmelte grollend : » Nun , so verhören Sie mich doch - Sie werden zufrieden sein mit meinen Aussagen ! « Er nahm ihre Hände sanft zwischen die seinen . » Vor allem werden Sie ruhiger , Felicitas ! « sagte er in jenen weichen , beschwichtigenden Tönen , die sie schon am Bette des kranken Kindes wider Willen bewegt hatten . » Nicht den wilden Trotz , mit dem Sie mich geflissentlich zu verletzen suchen ! ... Sehen Sie sich um , wo wir sind ! Hier haben Sie als Kind gespielt , nicht wahr ? ... Hier hat Ihnen die Einsiedlerin , für die Sie heute so heiß gekämpft haben , Schutz , Belehrung und Liebe gewährt ? ... Was Sie auch hier gethan oder gesucht haben mögen - es ist kein Unrecht gewesen , ich weiß es , Felicitas ! Sie sind trotzig , verbittert und über die Maßen stolz , und diese Eigenschaften verleiten Sie oft zur Ungerechtigkeit und Härte - aber einer gemeinen Handlung sind Sie nicht fähig ... Ich weiß nicht , wie es kam , aber es war mir , als müsse ich Sie hier oben finden - Heinrichs scheues , verlegenes Gesicht , sein unwillkürlicher Blick nach der Treppe , als ich nach Ihnen fragte , bestärkten mich in meiner Annahme ... Sagen Sie kein Wort ! « fuhr er mit erhobener Stimme fort , als sie ihre heißen Augen rasch zu ihm aufschlug und die Lippen öffnete . » Verhören will ich Sie freilich , aber in einem ganz anderen Sinne , als Sie denken - und ich glaube , ich habe ein Recht dazu , nachdem ich durch Sturm und Wetter geschritten bin , um mir meine Tanne herabzuholen . « Er zog sie tiefer in das Zimmer hinein - schien es doch , als sei es ihm zu hell im Vorbau , als bedürfe er der halben Dämmerung des Wohnzimmers , um weiter sprechen zu können . Felicitas fühlte , wie ein leises Beben durch seine Hände ging . Sie standen genau auf der Stelle , wo sie vorhin einen furchtbaren Kampf mit sich selbst gekämpft hatte , wo sie versucht gewesen war , ihm einen Dolch in das Herz zu stoßen , ihn moralisch zu lähmen für seine ganze Lebenszeit ... Sie senkte den Kopf tief auf die Brust , als eine Schuldbewußte , unter den Augen , die , sonst so tiefernst , jetzt eine wunderbare Glut ausstrahlten . » Felicitas , wenn Sie hinabgestürzt wären ! « hob er wieder an , und es war , als liefe noch bei dieser Vorstellung ein Schauder durch seine kräftige Gestalt . » Soll ich Ihnen sagen , was Sie mir angethan haben durch diesen verzweifelten Trotz , der lieber zu Grunde geht , als daß er an das vernünftige Urteil anderer appelliert ? Und meinen Sie nicht , daß ein Augenblick voll Todesangst und namenloser Leiden ein jahrelanges Unrecht zu sühnen vermag ? « Er hielt erwartungsvoll inne , aber die erblaßten Lippen des jungen Mädchens blieben geschlossen , und ihre dunklen Wimpern lagen tief auf den Wangen . » Sie haben sich in Ihre bittere Anschauungsweise förmlich verrannt , « sagte er nach vergeblichem Warten herb und mit sinkender Stimme , der man die Entmutigung anhörte ; » es ist Ihnen geradezu unmöglich , eine Wandlung der Dinge zu begreifen . « Er hatte ihre Hände sinken lassen , aber jetzt nahm er nochmals ihre Rechte und zog sie heftig gegen seine Brust . » Felicitas , Sie sagten neulich , daß Sie Ihre Mutter vergöttert haben - diese Mutter hat Sie Fee genannt ; ich weiß , alle , die Sie lieben , geben Ihnen diesen Namen , und so will auch ich sagen : Fee , ich suche Versöhnung ! « » Ich habe keinen Groll mehr ! « stieß sie mit erstickter Stimme hervor . » Das ist eine vielsagende Versicherung aus Ihrem Munde , sie übertrifft meine Erwartungen , allein - sie genügt mir noch lange nicht ... Was hilft es , wenn zwei sich versöhnen und dann auf Nimmerwiedersehen scheiden ? Was hilft es mir , daß ich weiß , Sie grollen mir nicht mehr , und ich kann mich nicht stündlich davon überzeugen ? ... Wenn zwei sich versöhnt haben , die so getrennt gewesen sind wie wir , dann gehören sie zusammen - auch nicht eine Meile Raum dulde ich ferner zwischen uns - gehen Sie mit mir , Fee ! « » Ich habe Abscheu vor dem Aufenthalte in einem Institut - ich könnte mich nie in die schablonenmäßige Behandlung fügen , « antwortete sie hastig und gepreßt . Der Anflug eines Lächelns glitt über sein Gesicht . » Ach , das möchte ich Ihnen auch nicht anthun ! ... Die Idee mit dem Institut war nur ein Notbehelf , Fee . Ich selbst wäre dann ziemlich ebenso übel daran ... Es könnte sich ereignen , daß ich Sie einen , auch zwei Tage nicht sehen dürfte , und dann stände ein Dutzend naseweiser Mitschülerinnen um uns her und finge jedes Wort auf , das zwischen uns fiel ; oder Frau von Berg , die strenge Vorsteherin , säße daneben und duldete nicht , daß ich auch nur einmal diese kleine Hand in der meinigen behielt ... Nein , ich muß zu jeder Stunde in dies liebe , trotzige Gesicht da sehen dürfen - ich muß wissen , daß da , wohin ich nach den Anstrengungen meines Berufes zurückkehre , meine Fee auf mich wartet und an mich denkt - ich muß am stillen , trauten Abend inmitten meiner vier Wände bitten dürfen : Fee , ein Lied ! Das alles aber kann nur geschehen , wenn - Sie mein Weib sind ! « Felicitas stieß einen Schrei aus und versuchte sich loszureißen ; aber er hielt sie fest und zog sie näher an sich heran . » Der Gedanke erschreckt Sie , Felicitas ! « sagte er tief erregt . » Ich will hoffen , daß es nur der Schreck des Unerwarteten ist und