Hauptgebäude fehlte ja zum Teil das Dach . Man sah , auf dem Erker stehend , nach allen Richtungen hin durch ein Wirrsal offener Zimmer , halb eingestürzter Gänge und durch breite Spalten im Fußboden hinunter in die Schloßkapelle . Der Erker selbst sah ebenfalls in seinem Innern nicht halb so unheimlich aus , wie von draußen gesehen ; der blaue Himmel lugte allerorten herein , und die frische Luft fegte hindurch , soviel sie Lust hatte ... Und nun erschien plötzlich da unten ein Raum , umschlossen von scheinbar festen Wänden und geschützt durch einen ziemlich gut erhaltenen Plafond . Soviel man von oben herab beurteilen konnte , schob sich das Zimmer wie ein Keil zwischen die Kapelle und den Raum , der hinter dem Erker lag . Jedenfalls mußte sich an der äußersten Spitze , welche die Wände bildeten , und die in die Ecke des Erkers und des Hauptgebäudes mündete , ein Fenster befinden , denn von dorther fielen schwache Lichtreflexe durch gefärbtes Glas herein und huschten über den Gegenstand , den man nur zum Teile sah , und den der Maurer für einen Sarg erklärt hatte . Es wurde sofort eine Leiter von beträchtlicher Länge hinabgelassen , da das Zimmer eine bedeutende Höhe hatte , und in lebhafter Spannung stieg einer nach dem anderen hinunter . Man hatte beim Herniedersteigen in nächster Nähe ein durch das Alter beinahe schwarzbraun gewordenes Wandgetäfel vor sich . Das Auge erschrak fast vor den wunderlichen Schnörkeleien , die hier aus der Hand des Holzschnitzers hervorgegangen waren . An der Decke hin lief eine schmale kunstvolle Holzleiste von viel späterem Datum , an der lange schwarze Tuchfetzen herabhingen ; die andere Hälfte der Trauerbekleidung lag unten auf dem Boden , ein modernder , gestaltloser Klumpen . Ohne Zweifel hatte der Raum vom Anbeginne den Zweck der Verborgenheit gehabt , denn es war auf seine Form nicht die mindeste Rücksicht genommen worden . Ein unregelmäßiges Dreieck , in dessen eine etwas abgestumpfte Spitze in der That das vermutete , sehr schmale Fenster eingefügt war , schmiegte er sich so eng an die Kapelle , daß Reinhards Vermutung , man habe hier in alten , katholischen Zeiten die Kirchenkostbarkeiten verwahrt , sehr viel Wahrscheinlichkeit erhielt , um so mehr , als fünf bis sechs ausgetretene Steinstufen zu einer von innen vermauerten Thür in der Kapellenwand hinabführten . Das Fenster lag hinter der Steineiche , die ihre dicken Aeste gerade hier fest andrückte ; auch einige Epheuranken woben ein zartes Gespinst über die Scheiben ; trotzdem stahl sich die Sonne durch die zierlichen , farbenprächtigen Glasrosetten , welche auch nicht eine Spur von Zerstörung an sich trugen . Es war in der That ein Sarg , ein kleiner , schmaler Zinnsarg , der , hell von der schwarzen Samtdecke des Postaments sich abhebend , einsam und vergessen inmitten der drei Wände stand . Zu seinen Häupten erhob sich ein mächtiger Kandelaber , auf dessen Armen noch Reste von dicken Wachskerzen sichtbar waren ; ihm zu Füßen aber stand ein Schemel , eine Mandoline lag darauf , die Saiten hingen zerrissen herab . Es war schon ein altes Instrument zu Lebzeiten des letzten Besitzers gewesen , denn das schwarze Griffbrett zeigte viele helle , abgegriffene Stellen , und der Resonanzboden war da leicht eingebogen , wo der Spielende den kleinen Finger aufzusetzen pflegt . Die letzten Atome verdorrter Blumenspenden flogen bei Annäherung der Herabsteigenden vom Sarge nieder , auf dessen Deckel in vergoldeten Lettern der Name Lila stand . An der tiefen Wand , zugleich auch der breitesten des Raumes , war ein großer dunkler Schrank aus Eichenholz angebracht - zur Aufbewahrung der Meßornate bestimmt , meinte Reinhard im ersten Augenblicke . Er schlug die beiden nur angelehnten Thüren zurück ; infolge dieser Erschütterung rauschte und rieselte es drinnen , und kleine Staubwolken flogen aus den Falten einer Menge hier aufgehangener Frauengewänder ... Es war das aber eine merkwürdig phantastische Garderobe ; bunt und von fast leichtfertig kokettem Schnitte , kontrastierten diese Maskeradeanzüge seltsam mit der Feierlichkeit und dem Ernste ihrer Umgebung . Es mußte ein kleines , außerordentlich zartes Geschöpfchen gewesen sein , das diese Gewänder getragen hatte , denn die seidenen , meist mit einer reichen Goldstickerei bordierten Röckchen waren kurz wie ein Kinderkleid , und die Form der Mieder von purpurnem oder veilchenblauem Samt mit den seidenen Bandschleifen und dem Latze von goldenem Zindel ließen auf eine bewundernswürdig biegsame , feine Mädchentaille schließen ... Viele , viele Jahre mochten hier vorübergeglitten sein , ohne daß ein menschlicher Atemzug in dieser Abgeschiedenheit hörbar geworden war , eine lebenswarme Hand die hier eingeschlossenen Gegenstände berührt hatte . Die Haken im Schranke hatten allmählich die mürbe gewordenen Stoffe durchbohrt , und die Fäden , die einst Perlen und Goldflitter auf den seidenen Boden festgehalten hatten , hingen lose und zerrissen herab . An eine der Seitenwände lehnte sich ein kleiner Tisch mit einer Marmorplatte . Er schien sich kaum noch auf den alterschwach gewordenen Füßen halten zu können und brachte durch seine schiefe Haltung einen auf seiner Platte stehenden Kasten in die Gefahr herabzustürzen . Dieser Kasten war ein wahres Meisterstück von eingelegter Arbeit in Metall und Elfenbein . Der Deckel schien nicht verschlossen zu sein , es sah vielmehr aus , als sei er nur lose niedergelegt , um ein breites Papier festzuhalten , das aus dem Kasten hervorragte und augenscheinlich mit großer Sorgfalt so placiert war , um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken . Es war braun gefärbt vom Alter , auch lagerte , wie auf allem , eine dicke Staubschicht darüber ; aber die großen , steifen schwarzen Schriftzüge schauten unvertilgbar darunter hervor , und der Name » Jost von Gnadewitz « war auch in weiterer Entfernung lesbar . » Potztausend , was steht denn da ! « rief der Oberförster , vor Ueberraschung kaum der Worte mächtig . » Jost von Gnadewitz , das ist ja der Held in Sabines Geschichte von der Urahne ! « Ferber trat näher und hob bedeutsam den Deckel in die Höhe . Da lagen auf dunklem Samtpolster Schmuckgegenstände von altertümlicher Fassung , Armbänder , Nadeln , eine Schnur gehenkelter Goldstücke und mehrere Reihen echter Perlen . Das Papier war herabgefallen ; Reinhard hob es auf und erbot sich , den Inhalt vorzulesen : er war , selbst für die damalige Zeit - vor ungefähr zwei Jahrhunderten - sehr unorthographisch und ungelenk geschrieben - der Verfasser hatte sicher das Schießgewehr besser zu führen verstanden , als die Feder - trotzdem wehte ein poetischer Hauch durch die Zeilen . Sie lauteten : » Wer Du auch seiest , der Du diesen Raum betrittst , bei allem , was Dir heilig , bei allem , was Du liebst und was je Dein Herz gerührt , störe ihre Ruhe nicht ! ... Sie liegt da , schlummernd wie ein Kind . Das süße Antlitz unter den dunkeln Locken , es lächelt wieder , seit der Tod es berührt ... Noch einmal , wer Du auch seiest , ob hochgeboren oder ein Bettler , ob Du ein Anrecht an die Tote hast oder nicht , lasse mein Auge das letzte sein , das auf ihr geruht ! Ich konnte sie nicht unter die schwere , dunkle Erde legen - hier spielen goldene Lichter um sie her , und draußen auf dem Baume läßt sich der Vogel nieder ; auf seinen Flügeln ruht noch der Waldodem , und aus seiner Kehle strömen die Lieder , die ihre Wiegenlieder waren ... Es sanken auch goldene Lichter in das Walddickicht herab , und die Vögel sangen droben auf den Zweigen , als das schlanke Reh das Gebüsch teilte und erschreckt die scheuen Augen auf den jungen Jäger richtete , der unter dem Busche ruhte . Da fuhr es jäh und heiß durch sein Herz , er warf das Gewehr weit von sich und folgte rastlos der Mädchengestalt , die vor ihm floh . Sie , das Kind des Waldes , eine Tochter jener Horden , die ein Fluch über die Erde treibt , die nirgends heimischen Boden unter den irrenden Füßen , nicht eine Scholle vaterländischer Erde haben , auf die sie das sterbende Haupt legen können , sie hatte das Herz des wilden Junkers bezwungen ... Um ihre Liebe bettelnd , streifte er Tag und Nacht um das Lager ihres Stammes , folgte ihren Schritten wie ein Hund und umschloß rasend vor Leidenschaft ihre Kniee , bis sie gerührt einwilligte , die Ihrigen zu verlassen und ihm heimlich zu folgen ... Er trug sie in der Stille der Nacht hinauf auf sein Schloß - wehe - und wurde ihr Mörder ! ... Er achtete nicht ihr Flehen , als sie plötzlich die unbezwingliche Sehnsucht nach der Waldfreiheit erfaßte ; wie der gefangene Vogel umherflattert und angstvoll sein zartes Köpfchen gegen die Stäbe des Käfigs stößt , so irrte sie verzweiflungsvoll zwischen den Mauern , die einst ihre berauschende Stimme , ihr wunderbares Saitenspiel gehört hatten und nun von ihren schmerzlichen Klagen und Seufzern widerhallten . Er sah ihre Wangen bleich werden , sah , wie ihr Auge im Haß sich von ihm abwandte ; sein Herz erlitt tausendfach den Tod , wenn sie ihn von sich stieß und vor seiner Berührung schauderte ; er geriet in Verzweiflung , aber er schob doppelte Riegel vor und bewachte in Todesangst die festverschlossenen Thüren ; denn er wußte , sie war für ihn verloren , wenn einmal ihr flüchtiger Fuß den Waldboden wieder berührte ... Da kam endlich eine Zeit , da wurde sie ruhiger ; zwar glitt sie an ihm vorüber , als sei er ein Schatten , ein Nichts , sie hob keine Wimper , wenn er in ihre Nähe trat und bittend und schmeichelnd sie anredete ; seit lange hatte sie kein Wort zu ihm gesprochen und auch jetzt kam kein Laut über ihre Lippen , aber sie rüttelte nicht mehr wild an den Fenstern , die zarte Brust wund schlagend und in gellenden Tönen nach denen rufend , die draußen in goldener Freiheit durch den Wald zogen ; sie jagte nicht mehr wie gehetzt durch Zimmer und Säle oder hinauf auf die Mauer , um den schönen Leib im trüben Grabenwasser zu betten . Unter der Eiche , neben dem Erker , saß sie geduldig mit dem lilienweißen Gesichte und sah still vor sich hin ; sie wußte , daß sie Mutter werden sollte . Und wenn die Nacht hereinbrach , nahm er sie auf seine Arme und trug sie hinauf ; sie litt es , aber sie wandte das Gesicht von ihm , daß sein Atem sie nicht berühre , und kein Strahl seines heißen Auges auf sie falle . Da klopfte eines Tages der Pfarrer von Lindhof an das Schloßthor . Das Volk fabelte , sein Beichtkind , der Jost , halte Verkehr mit dem Teufel , und da kam er , um die arme Seele zu retten . Er fand Einlaß und sah das Wesen , um dessen willen der lustige Jäger das lustige Leben im Walde und den Himmel vergessen hatte . Ihre Schönheit und Reinheit rührten ihn ; er sprach zu ihr mit milder Stimme , und ihr in Schmerz erstarrtes Herz öffnete sich seinem Zuspruche . Um ihres Kindes willen ließ sie sich taufen und ließ es geschehen , daß jenes unselige Bündnis durch Priesterwort geheiligt wurde ... Als ihre schwere Stunde vorüber war , da legte sie mühsam ihre Lippen auf die Stirn des Kindes und mit diesem Kusse entfloh ihre Seele ; sie war frei , frei ! noch auf der entseelten Hülle strahlt der Abglanz dieses Triumphes ! ... Der Unselige sah ihre Wunderaugen brechen ; er wand sich in den Schmerzen der Reue und Verzweiflung zu ihren Füßen und flehte vergebens um einen einzigen , letzten Liebesstrahl . Der Knabe wurde getauft auf den Namen seines Vaters - auf meinen Namen ... Ich sah schaudernd in seine Augen - er hat die meinen - er und ich haben sie gemordet ... Mein alter Diener Simon hat den Kleinen fortgetragen ; ich kann nicht für ihn leben . Simon sagt - der Pfarrer auch - es werde sich kein Weib entschließen , meinem Kinde die Brust zu reichen , weil ich in den Augen des Volkes ein Verlorener , ein der Hölle Verfallener sei ... Das Weib meines Forstwarts Ferber nährt den Kleinen jetzt , ohne zu wissen , von wem er stammt - « Der Vorleser hielt inne und sah erstaunt über das Papier hinweg . Der Oberförster , der bis dahin , aufmerksam zuhörend , ihm gegenüber an der Wand gelehnt hatte , stand mittels einer raschen Bewegung plötzlich an seiner Seite und faßte krampfhaft seinen Arm . Sein braunes Gesicht war bleich geworden , als ob eine mächtige innere Erschütterung momentan seine Pulse stocken mache . Auch Ferber war mit allen Zeichen höchster Ueberraschung näher gekommen . » Weiter , weiter ! « rief endlich der Oberförster mit fast erstickter Stimme . » Simon hat ihn auf die Schwelle des Forsthauses gelegt , « las Reinhard , » er hat heute gesehen , daß ihn die Ferberin herzt und pflegt , wie ihr eigenes Mägdlein ... Nach den Gesetzen meines Hauses hat er keine Ansprüche an das Erbe derer von Gnadewitz , aber mein mütterliches Erbteil wird ihn vor dem Mangel schützen . Auf dem Rathause zu L. liegen meine Verfügungen , die ihn als meinen Sohn und Erben bestätigen . Mag er als Hans von Gnadewitz ein neues Geschlecht begründen : der Allmächtige möge mitleidige Herzen lenken , daß sie seine Jugend beschützen , ich kann es nicht ! ... Alles , was jene liebliche Hülle in glücklichen Tagen geschmückt hat , es soll sie auch im Tode umgeben , soll mit ihr vermodern . Auf die Kleinodien hat ihr Kind Anspruch , aber alles in mir empört sich , wenn ich denke , daß das , was auf ihrer glänzenden Stirn , ihrem reinen Nacken geruht hat , vielleicht durch treulose Hände auseinander gerissen und entweiht wird ; eher soll es hier erblinden und verderben . Noch einmal wende ich mich an Dich , den vielleicht der Zufall erst nach Jahrhunderten in dies Heiligtum führt ; ehre die Tote und bete für mich ! Jost von Gnadewitz . « Die beiden Brüder reichten sich wortlos die Hände und traten an den Sarg . In ihren Adern kreiste das Blut jenes Wunderwesens , das einst den wilden , stolzen Junker in Liebesraserei entflammt , jenes Weibes , dessen glühende Seele , nach Freiheit lechzend , jubelnd dem vergötterten Leibe entfloh , der hier im engen zinnernen Schreine zu einem Häufchen Asche zusammensank ... Da standen die zwei hohen Gestalten , die Abkömmlinge dessen , der , mit dem Weihkusse der sterbenden Mutter auf der Stirn hinausgetragen wurde in den Wald , auf die niedrige Schwelle des Dieners , während sein hochgeborner Vater verzweifelnd in den Tod ging . » Sie war unsere Stammmutter , « sagte endlich Ferber tiefbewegt zu Reinhard . » Wir sind die Nachkommen jenes Findlings , dessen Abkunft ein Rätsel geblieben ist bis zu dieser Stunde ; denn die Papiere , die das Kind in seine Rechte einsetzen sollten , sind mit dem Rathause zu L. ungelesen verbrannt ... Wir müssen die Arbeit für einige Tage unterbrechen , « wandte er sich an den einen der Maurer , der in verzeihlicher Wißbegierde bis zur Mitte der Leiter herabgeklettert war und von diesem hohen Standpunkte aus in sprachloser Verwunderung die Aufklärung einer Geschichte mit anhörte , die noch in den Lindhofer Spinnstuben eine große Rolle spielte . » Dafür aber sollt Ihr morgen auf dem Lindhofer Gottesacker ein Grab ausmauern , « rief der Oberförster hinauf ; » ich werde gleich nachher mit dem Pfarrer Rücksprache nehmen . « Er trat noch einmal an den Schrank und überblickte die Gewänder , die einst die feinen Glieder des Zigeunerkindes eingehüllt hatten und offenbar mit großer Genauigkeit in der Zusammenstellung aufgehangen waren , wie sie das entzückte Auge des Liebenden an der schönen Lila gesehen hatte . Auf dem Boden des Schrankes standen Schuhe . Der Oberförster nahm ein Paar derselben - sie bedeckten gerade seine breite Hand , es mußten wahre Aschenbrödelfüßchen gewesen sein , die darin gesteckt hatten . » Die will ich der Else mitnehmen , « sagte er lächelnd und faßte sie behutsam mit Daumen und Zeigefinger . » Die wird sich wundern , daß ihre Urahne gerade solch ein Liliput gewesen ist . « Ferber hatte unterdes die Mandoline vom Staube gesäubert und schob sie vorsichtig unter den Arm , während Reinhard den Juwelenkasten verschloß und ihn an der im Deckel angebrachten zierlichen Handhabe vom Tische hob . So stiegen die drei Männer die Leiter wieder hinauf . Droben wurden alle Bretter , deren man habhaft werden konnte , zum einstweiligen Schutze gegen Wind und Wetter über die Oeffnung im Plafond gedeckt , und dann trat man den Rückzug an . Die Damen , die unterdes in großer Spannung am Fuße des Erkers gewartet hatten , waren nicht wenig erstaunt über den seltsamen Zug , der sich die Leiter herab bewegte . Sie erfuhren aber nicht eher ein Wort von dem , was sich droben ereignet hatte , als bis man unter den Linden angekommen war . Hier stellte Reinhard den Kasten auf den Tisch , beschrieb genau das verborgene Zimmer und dessen Inhalt , zog endlich das verhängnisvolle Papier hervor und wiederholte seinen Vortrag von vorhin , diesmal jedoch bei weitem fließender . Schweigend und atemlos lauschten die Damen den Ausbrüchen eines heißen , leidenschaftlichen Herzens . Elisabeth saß blaß und still da , aber als die Stelle kam , die so plötzlich ein grelles Licht auf das dunkle Stück Vergangenheit ihrer Familie warf , da fuhr sie jäh in die Höhe , und ihr Auge richtete sich voll unsäglicher Ueberraschung auf das lächelnde Gesicht des Onkels , der sie erwartungsvoll beobachtete . Auch Frau Ferber blieb eine Weile , nachdem der Vorleser geendet hatte , wie betäubt . Für ihren klaren , gewöhnlich sehr ruhig erwägenden Geist war diese romantische Lösung einer jahrhundertealten Familienfrage im ersten Augenblicke unfaßlich . Miß Mertens aber , der Ferber erst die ganze Tragweite der Entdeckung auseinandersetzen mußte , da sie ja um die Findlingsgeschichte nichts wußte , schlug die Hände über dem Kopfe zusammen über die wunderbare Fügung . » Nun , und haben Sie auf dies Blatt hin Ansprüche auf Ihr Erbe ? « frug sie lebhaft und gespannt . » Ohne Zweifel , « entgegnete Ferber , » aber wie sollen wir wissen , worin jenes mütterliche Erbe bestanden hat ? ... Die Familie ist ausgestorben , der Name von Gnadewitz erloschen . Alles ist in fremde Hände übergegangen ; wer kann uns sagen , was und wo wir beanspruchen sollen ? « » Nein , dahinein stören wir nicht , « entschied der Oberförster ; » solche Geschichten kosten Geld , und schließlich haben wir vielleicht das Vergnügen , auf einen Vergleich im Betrage von einigen Thalern eingehen zu müssen ... Ei was , laß fahren dahin ! ... Wir sind bisher auch nicht verhungert . « Elisabeth nahm träumerisch die Schuhe auf , die der Onkel vor sich hingestellt hatte . Der verblichene , hie und da zerschlitzte Seidenstoff zeigte noch jede Biegung des Fußes . Sie waren viel benutzt worden ; aber augenscheinlich nicht auf dem Waldboden , denn die Sohlen waren rein - jedenfalls hatten die raschen Füßchen darin gesteckt während der Gefangenschaft , zu jener Zeit , da sie » wie gehetzt durch die Zimmer und Säle lief , die zarte Brust wund schlagend « . » Guck , Else , nun wissen wir auch , wo du herkommst mit deiner zerbrechlichen Taille und den Füßen , die über den Grashalm hinlaufen , ohne daß er sich biegt , « sagte der Onkel . » Bist gerade solch ein Waldschmetterling , wie deine Urahne ; würdest auch die Stirn an den Wänden zerstoßen , wenn man dich einsperren wollte . - ' s ist doch ein Zigeunerblut in dir , und wenn du zehnmal die Goldelse bist und eine Haut hast wie Schneewittchen ... Da , ziehe einmal die Dinger an , du wirst gleich sehen , daß du drin tanzen kannst . « Er hielt die Schuhe hin . » O nein , Onkel ! « rief Elisabeth abwehrend , » das sind Reliquien für mich ! ... Ich könnte sie nie in der Weise berühren , ohne zu fürchten , daß Josts schwarze , zornige Augen neben mir auftauchten . « Frau Ferber und Miß Mertens waren derselben Ansicht , und erstere meinte , der Schrank mit allem , was er enthalte , müsse mit möglichster Vorsicht an einen ruhigen , trockenen Ort geschafft werden , wo er als Familienreliquie unangetastet stehen bleiben solle , bis sich auch sein Geschick , das der zeitlichen Zerstörung , erfülle . » Nun , in dem Punkte will ich die Pietät gelten lassen , « nahm Reinhard das Wort , » anders dagegen denke ich über diese Gegenstände . « Er schloß den Kasten auf . Der Sonnenstrahl , der in das Innere glitt , kam in tausendfältigen Blitzen zurück und blendete aller Augen . Reinhard nahm ein Halsband heraus ; es war sehr breit und von bewunderungswürdiger Arbeit . » Das sind Brillanten vom reinsten Wasser , « belehrte er die Umstehenden - das Kollier war besäet mit den kostbarsten Steinen - » und diese Rubinen hier müssen wundervoll aus den dunkeln Locken der schönen Zigeunerin gestrahlt haben , « fuhr er fort , indem er zwei Nadeln von dem Samtpolster aufhob , deren Köpfe Blumenglocken aus roten Steinen bildeten . Aus den Kelchen fielen zierliche Ketten , die in jedem beweglichen Gliede einen kleinen Rubin hielten , wie ein buntfarbiger Regen nieder . Elisabeth hielt lächelnd eine prächtige Agraffe über ihre Stirn . » Sie meinen also , Herr Reinhard , « frug sie , » hier sollten wir die Pietät beiseite lassen und uns unbedenklich mit diesen Kostbarkeiten behängen ? ... Was wohl mein weißes Mullkleid dazu sagen würde , wenn ich ihm zumuten wollte , eines Tages neben so vornehmer Gesellschaft zu erscheinen ! « » Die Steine stehen Ihnen unvergleichlich , « erwiderte Reinhard lächelnd , » aber zum weißen Mullkleide würde mir ein Strauß frischer Blumen auch besser gefallen ; deshalb rate ich diese Steinpracht beim Juwelier in klingende Münze umschmelzen zu lassen . « Ferber nickte zustimmend . » Wie , Reinhard , « rief Miß Mertens , » du glaubst , man sollte diese Familienstücke verkaufen ? « » Ei freilich , « erwiderte er . » Es wäre geradezu sündhaft und thöricht , ein solches Kapital brach liegen zu lassen ... Die Steine sind allein gegen siebentausend Thaler wert ; dann sind noch die sehr schönen Perlen und das gehenkelte Gold zu berechnen , das gibt auch noch ein hübsches Sümmchen . « » Potztausend ! « rief der Oberförster überrascht , » da wird nicht gefackelt , fort damit ! ... Guck , Adolf , « fuhr er weicher fort und schlang den Arm um die Schulter seines Bruders , » nun hat ' s der da droben doch noch gut mit dir gemacht ... Ich hab ' dir gleich gesagt , in Thüringen wird ' s besser , wenn mir auch nicht eingefallen wäre , zu denken , daß dir auf einmal so ein achttausend Thälerchen ins Haus fallen würden . « » Mir allein ? « rief Ferber erstaunt . » Hast du nicht als Aeltester vor allem Anspruch an den Fund ? « » Nichts da ... Was soll ich um Gotteswillen mit dem Mammon anfangen ? Ich soll mich wohl in meinen alten Tagen noch damit beschäftigen , Kapitalien auszuleihen ? ... Das könnte mir einfallen ... Ich habe weder Kind noch Kegel , beziehe einen schönen Gehalt , und wenn es einmal mit den alten Knochen hapert , dann habe ich eine Pension , die ich nicht aufzehren kann , mit dem besten Willen nicht . Ich trete also mein Erstgeburtsrecht ab , und zwar an das Mädel da mit den goldenen Haaren und unseren Stammhalter , den Schelm , den Ernst ; ich will nicht einmal ein Linsengericht dafür , denn dazu schmeckt das Wildbret nicht gut , sagt Sabine ... Bleibt mir vom Halse ! « rief er , als Frau Ferber mit feuchtem Auge sich erhob und ihm die Hand hinstreckte und sein Bruder bewegt ihm noch Vorstellungen machen wollte . » Sie thäten viel besser , Frau Schwägerin , wenn Sie für eine Tasse Kaffee sorgten , das ist ja himmelschreiend ! ... vier Uhr , und noch keinen Tropfen des gewohnten Labsals auf den Lippen , um deswillen ich doch einzig und allein den Berg hinaufgeklettert bin . « Er erreichte seinen Zweck , den Danksagungen zu entgehen , vollkommen ; denn Frau Ferber eilte , von Elisabeth begleitet , ins Haus , und die anderen lachten . Bald saß die Gesellschaft auf der Terrasse , um den braunen , kräftig duftenden Trank versammelt . » Ja , ja , « sagte der Oberförster , sich behaglich in den Stuhl zurücklehnend , » hätte heute morgen beim Aufstehen nicht gedacht , daß ich mich am Abend als Herr von Gnadewitz niederlegen würde ... Nun kann mir der Oberforstmeister nicht entgehen ; hat mich auf einmal das braune Blättchen da mit seinen verzwickten Buchstaben geschickt dazu gemacht , was dreißig schwere Dienstjahre nicht zuwege gebracht haben . Werde , sobald Seine Durchlaucht in L. einrückt , meinen Kratzfuß machen und mich vorstellen mit dem neuen Namen ... Potz Blitz , die werden die Augen aufreißen da drinnen ! « Ein eigentümlicher Seitenblick huschte bei diesen Worten hinüber nach Elisabeth , zugleich aber that der Sprechende ein paar kräftige Züge aus der Pfeife und hüllte plötzlich sein Gesicht in eine dicke Rauchwolke . » Onkel ! « rief das junge Mädchen , » stelle dich , wie du willst , ich weiß doch , daß dir nicht einfällt , das zerbrochene Wappen der Gnadewitze wieder zusammenzufügen . « » Aber ich sehe nicht ein , es ist ein ganz hübsches Wappen mit Balken , Sternen - « » Und einem Rade voller Blutflecken , « unterbrach ihn Elisabeth . » Gott behüte uns , daß wir es machen , wie jene , welche die Sünden ihrer Vorfahren aufgraben , um das Alter ihres Geschlechts zu beweisen und die den Adel dadurch unadlig machen : eine größere Widersinnigkeit hat die ganze Welt nicht ... Mir ist , als müßten sich die Schatten aller derer , die jenes hochmütige , erbarmungslose Geschlecht gequält und durch das Leben gehetzt hat , anklagend erheben , wenn der Name wieder aufleben sollte , unter dessen Deckmantel jahrhundertelang alle erdenklichen Greuel verübt worden sind ... Wenn ich die zwei Väter nebeneinander stelle , den leiblichen , der feig aus dem Leben floh , nicht einen Augenblick erwägend , daß sein armes Kind die heiligsten Rechte an ihn hatte , und jenen armen Diener , der den hilflosen Ausgestoßenen erbarmungsvoll an sein Herz nahm und ihm seinen ehrlichen Namen verlieh , dann weiß ich , welcher der adelige , das heißt der edle war , und wessen Namen verdient , fortzubestehen ... Und wieviel Herzeleid hat jenes übermütige Geschlecht meinem armen Mütterchen zugefügt ! « » Jawohl , jawohl , « bekräftigte Frau Ferber mit einem Seufzer : » fürs erste verdanke ich ihm eine stürmische , freudenlose Kindheit ; denn meine Mutter war ein liebenswürdiges , schönes aber bürgerliches Mädchen , das mein Vater gegen den Willen seiner Verwandten geheiratet hat . Diese sogenannte Mißheirat wurde eine Quelle endloser Kränkungen und Leiden für die arme Bürgerliche . Mein Vater war nicht willensstark genug , um mit jener stolzen Hauptlinie derer von Gnadewitz zu brechen und nur für seine Frau zu leben . Aus dieser Schwäche entstanden zahllose Konflikte zwischen meinen Eltern , die mir nicht verborgen bleiben konnten ... Nun , und wir , « sie reichte ihrem Manne die Hand über den Tisch hinüber , » wir werden wohl die Kämpfe nie vergessen , welche wir durchmachen mußten , ehe wir uns gehören durften ... Ich möchte nie wieder in jene Kaste zurückkehren , die , um dem äußeren Glanze und der Form zu genügen , so oft das warme , menschliche Fühlen unbarmherzig zertritt . « » Das sollst du auch nicht , Marie , « beruhigte lächelnd Ferber , indem er ihre Hand drückte . Er warf einen schelmischen Seitenblick auf seinen Bruder , der mächtige Dampfwolken vor sich her blies und sich vergebens bemühte , die Stirn in düstere Falten zu legen . » Ach , meine schönen Aussichten ! « seufzte dieser endlich in komischer Wehmut . » Else , du bist grausam und thöricht . Du bedenkst nicht , was ich dir für ein Herrenleben verschaffen kann , wenn ich Oberforstmeister bin ... und du ein gnädiges Fräulein - nun , lockt dich das nicht ? « Elisabeth schüttelte lachend , aber energisch den Kopf . » Und wer weiß , « nahm Miß Mertens das Wort , ehe man sich dessen versähe , klopfte irgend ein edler Ritter von tadellosem Geblüt an das alte Gnadeck und holte die hochgeborne Goldelse als gnädige Frau heim . « » Und Sie glauben , ich würde mit ihm gehen ! « rief Elisabeth heftig , und ihre Wangen flammten in hoher Röte . » Ei , warum denn nicht ? ... wenn Sie ihn liebten ... « » Nie , niemals ! « entgegnete das junge Mädchen mit fast erstickter Stimme , » auch wenn ich ihn liebte ... Ich würde dann nur um so unglücklicher sein in dem Gedanken , daß der Nimbus meines Namens schwerer in die Wagschale gefallen sei , als mein Herz ; daß in den Augen