zahlen hatte , und der Cassirer es im Comptoir mit nie fehlender Sicherheit in richtigem Betrage auf den Zahltisch hinschießen machte . Die Handlungsgehülfen an den Stehpulten hinter den hölzernen Gittern , welche in den großen , schweren Büchern schrieben , der Hausknecht , der Päcke von Waaren nach der Post trug oder Säcke voll harter , blanker Thaler in das Haus brachte , das alles beschäftigte des Knaben Phantasie , das alles liebte er zu sehen . Mehr aber noch als alles das liebte er Seba , und Seba war es werth , daß man sie liebte . Sie war das einzige Kind des Juweliers . Seinen größten Schatz nannte sie der Vater , einen wahren Edelstein nannte sie die Mutter , die schöne Seba Flies , die schöne Jüdin hieß man sie in der Stadt . Des Vaters namhaftes Vermögen war für sie erworben ; was Liebe gewähren , Geld erkaufen konnte , Pflege und Unterricht aller Art waren ihr zu Theil geworden . In der Liebe ihrer Eltern hatte sich ihr Herz entfaltet , durch Bildung ihr Geist sich entwickelt , sie wußte , was sie werth war , und gerade darum lasteten die Verhältnisse , in denen sie geboren war und lebte , so schwer auf ihr . Was half es ihr , daß sie weit schöner war , als die meisten der reichen Bürger- und Kaufmannstöchter und selbst als die Edelfrauen und Fräulein , welche in ihres Vaters Laden den Schmuck für ihre Feste und den Trauring für ihre Hochzeit kauften ? Was half es ihr , daß sie nur zu sprechen , nur zu wollen brauchte , um die Edelsteine zu besitzen , welche ihr begehrenswerth erschienen ? Keiner der Männer , für welche jene Frauen sich schmückten , war für die Jüdin vorhanden , keines von all den Festen , auf denen Jene sich vergnügten , öffnete seine Thüren für Seba , und sich zu schmücken und zu putzen für die Gesellschaft ihrer Stammes- und Standesgenossen machte ihr keine Freude . Die Verachtung , die Zurücksetzung , welche auf den Juden lasteten , drückten sie . Mit unerbittlicher Klarheit sah sie die Schwächen und Widrigkeiten , welche den von der Allgemeinheit ausgeschlossenen Juden anhafteten , und schon oftmals war ihr der Gedanke durch die Seele gegangen , daß Bildung und Erziehung zum Schönen und zum Edeln für denjenigen keine Wohlthat sein könnten , dem es nicht vergönnt sei , sich frei und gleichberechtigt unter den Gebildeten zu bewegen . Eine heimliche Unzufriedenheit , die auszusprechen schon die Zärtlichkeit und Liebe für ihre Eltern sie abgehalten haben würde , arbeitete , seit sie herangewachsen war , in ihrem Innern fort , und ihre phantastische Hoffnung auf einen Wechsel ihrer Lebensverhältnisse , auf eine Aenderung der allgemeinen Zustände sog ihre Nahrung aus der großen gesellschaftlichen Umgestaltung , die sich jenseit des Rheines durch die Revolution vollzog und auf welche auch ihr Vater sein Auge und seine Erwartungen gerichtet hielt . Denn , wie Herr Flies auch gelegentlich zu schweigen wußte , wenn man sich mit Entrüstung über die Revolutionäre in Frankreich äußerte , welche weder vor göttlichen noch vor menschlichen Gesetzen Achtung hegten - in seines Herzens Innerem dachte er anders , und er hatte dessen vor seiner Familie und vor seinen Freunden auch kein Hehl . Zweites Capitel Im Flies ' schen Hause erregten der bevorstehende Krieg gegen Frankreich und das Einrücken der Truppen , welche bestimmt waren , der revolutionären Bewegung in Frankreich wo möglich ein baldiges Ende zu machen , also keine Freude , denn man hatte allen Grund , der Sache den Sieg zu wünschen , die zu bekämpfen das Heer entsendet wurde , und es war dem Juwelier recht erwünscht , daß der Kriegsrath die Offiziere bei sich ins Quartier nahm . Brauchte Herr Flies es nun doch nicht mit anzuhören , wie verächtlich die jungen Edelleute von den Franzosen sprachen , wie sie die in Paris verkündigte Anerkennung der Menschenrechte verspotteten und mit welchen Schmähungen sie die Namen der großen Männer begleiteten , welche in Frankreich die Aufhebung aller Privilegien und Standesvorrechte ausgesprochen hatten ! Es waren aber schöne junge Männer , vornehme Offiziere , die oben bei der Kriegsräthin die großen Vorderstuben bewohnten . Sie gingen täglich vielmals durch das Haus und grüßten dabei Seba immer sehr verbindlich . Nur auf einige Tage hatte man die Einquartierung angemeldet , aber sie blieb und blieb , und wie man überall auch vom Kriege und von seinen Schrecken sprach , die Offiziere schienen ihn wie eine Vergnügung anzusehen . Das Leben , das man jetzt im Orte führte , war auch lustig genug . Die Offiziere stolzirten prächtig durch die Straßen , wurden gehegt und gepflegt , ritten und fuhren umher und saßen und scherzten mit den Frauen und Mädchen , die sich gar keine besseren Gesellschafter wünschen konnten , und sich schmückten , als wären es lauter Feiertage . Auch die Kriegsräthin trug jetzt immer ihre guten Kleider und war von früh bis spät in bester Laune , wenn die Offiziere , so nannte sie den Hauptmann und den Grafen , bei ihr im Zimmer waren . Abends gab es noch häufiger Besuch als sonst , man spielte oftmals , man tanzte auch bisweilen , und selbst der Kriegsrath schloß sich jetzt von der Gesellschaft selten aus , denn des Grafen Onkel war der Kriegs-Minister , von dessen Gunst und Meinung des Kriegsrathes ganze Zukunft abhing . Am Morgen fuhren die beiden jungen Edelleute die Kriegsräthin bisweilen spazieren , und nach einer solchen Ausfahrt war es , daß die schöne Laura eines Tages mit dem Grafen in den Laden des Juweliers hineinkam , als Seba dem Vater eben eine Schnur werthvoller Perlen wiederbrachte , die er ihr aufzureihen gegeben hatte . Herr Flies fragte , womit er dienen könne , weil er annahm , der Graf wünsche irgend einen Kauf zu machen ; aber die Kriegsräthin sagte , sie komme nur , um Paul zu suchen , der doch gewiß hier unten bei seiner Seba sein werde . Sie lächelte dabei sehr freundlich , und auch Seba lachte , denn der Knabe hatte wirklich wieder bei ihr unter den Wallnußbäumen im Garten gespielt , unter deren jungem Laube es am Mittage sehr schattig war . Die Kriegsräthin ging über den Hof in den Garten hinaus , den Knaben zu holen , Seba begleitete sie und der Graf folgte ihnen nach . Madame Flies saß draußen und pflückte Rosenblätter und Lavendelblüthen zum Aufbewahren in einen Topf . Paul half ihr dabei , und obschon die Kriegsräthin ihm sagte , daß er hinaufkommen solle und daß sie gehen müsse , weil es bald Mittag sei , ließ sie sich doch auf der Bank unter den Bäumen nieder und schickte Paul ins Gartenhaus , für den Herrn Grafen einen Stuhl zu holen . Der Graf fand den Garten äußerst angenehm . Er rühmte den Rasen und den Schatten und die Blumen , er sagte , daß es in seines Vaters Park nicht frischer sei , und er fragte die Kriegsräthin , weßhalb sie ihre Gäste bei diesem schönen Wetter nicht lieber in dem Gartenhause als oben in ihren Zimmern bewirthe ? Wir haben die Benutzung des Gartens nicht , Herr Graf , bedeutete die Kriegsräthin . Er steht ja immer zu Ihrer Verfügung , verehrte Frau Kriegsräthin ! versicherte dienstbeflissen und zuvorkommend die Hausfrau . Die Eine dankte , die Andere meinte , es bedürfe des Dankes nicht , und dabei überhörten sie beide , was der Graf zu Seba sagte . Es mußte aber etwas Angenehmes und nichts Gewöhnliches sein , denn Seba ward roth , obschon sie lächelte , und blickte den Grafen an , nachdem sie sich hatte abwenden wollen . Es lohnte auch der Mühe ihn anzusehen , denn er war schön , der schlanke junge Mann mit seiner zuversichtlichen Miene und den stolz geschwellten Lippen . Die Kriegsräthin und der Graf blieben nicht lange im Garten , und doch war es Seba , da Jene sich entfernten , als hätte sie viel erlebt , als sei etwas ganz Besonderes geschehen . Sie überlegte , was der Graf zu ihr gesprochen , was sie ihm geantwortet habe . Sie hätte wissen mögen , wie sie ihm erschienen sei und ob ihre Redeweise , ihr Betragen , ihre Haltung die richtigen gewesen wären . Sie war so unsicher über sich selbst , sie genügte sich plötzlich nicht . Das war ihr sonst niemals geschehen . Am Nachmittage kam Paul herunter . Seba , sagte er , sieh ' mich doch einmal an ! Wozu das ? fragte sie . Ich will nur sehen , ob Du schön bist ! Wie kommst Du darauf ? entgegnete sie . Der Graf hat es gesagt ! versetzte Paul , weit entfernt , zu ahnen , was er seiner Freundin damit that . Sie hätte sich den Anschein geben mögen , als achte sie nicht auf des Knaben Worte , aber sie konnte das Wohlgefühl , das sie durchströmte , nicht verbergen . Sie umfaßte Paul , sie drückte ihn an ihr Herz , sie küßte ihn wieder und wieder . So lieb wie heute hatte sie ihn nie gehabt . Sie sang und lachte , wo sie ging und stand . Nie zuvor war sie an einem Tage so oftmals an den Spiegel getreten , nie zuvor hatte ihre Schönheit sie so erfreut . Noch spät am Abend , ehe sie sich zur Ruhe legte , schlang sie bald dieses , bald jenes Band durch ihre Locken , hing sie bald dieses , bald jenes Geschmeide um Hals und Arme . Sie wollte erproben , was ihr am besten stände , um es morgen anzulegen , und sie dachte mit einer Wonne an den nächsten Morgen , an den nächsten Tag , daß sie den Schlaf darüber lange gar nicht finden konnte . Morgen , sagte sie sich , als die Nebelgebilde des Traumes ihren Sinn zu umfangen begannen , morgen ! Was wird morgen sein ? - Und der Traum bemächtigte sich der heimlichen Gedanken und Hoffnungen , die sich in ihr regten , und spann sie aus und stellte sie ihr dar , und machte ihr deutlich , was sie fühlte ; denn der Traum ist der verführerische Gefährte der aufdämmernden Liebe , der schneller und kühner als sie , ihr stets voraus ist und sie verlockt , ihm in Gebiete zu folgen , in die ihr Ahnen und Wünschen sich noch nicht gewagt hat , und von denen sie nicht mehr zurückkehrt , wenn sie sich erst darin verloren hat . Und Seba hatte sich am folgenden Tage nicht vergebens geschmückt , und die Mutter hatte nicht vergebens der Kriegsräthin den Garten zur Verfügung gestellt , denn sie begann ihn fleißig mit ihren Gästen zu benutzen . Morgens spazierte sie mit dem Hauptmanne in den Alleen umher , Mittags suchte man unter seinen Bäumen den Schatten auf , Abends kam man noch hinunter , die Kühlung zu genießen , und der Graf war immer dabei . Das ging Tag für Tag so fort . Die Kriegsräthin und Madame Flies wurden immer bessere Freundinnen , da sie sich näher kennen lernten , und Jene betheuerte , daß sie es sich gar nicht vergeben könne , so manche Jahre mit Madame Flies und mit der guten Seba unter einem Dache gelebt zu haben , ohne zu begreifen , welche Hausgenossen sie an ihnen besitze . Sie mochte sich von Seba kaum noch trennen . Sie versicherte , daß sie dieselbe wie eine jüngere Schwester , wie eine Tochter liebe ; sie erzählte im Vertrauen , wie der Hauptmann und vor Allen der Graf die schöne Seba bewunderten , und es war im Grunde gar nicht nöthig , daß sie ihr das sagte , denn der Graf hatte es Seba oft genug ausgesprochen und wiederholt , und Seba dachte schon lange an nichts mehr , als an ihn . Dem Vater kam das Alles nicht gelegen . Er kannte die Edelleute und er kannte auch die Kriegsräthin . Er glaubte nicht an die plötzlichen Wandlungen und war klug genug , wo eine solche sich vor seinen Augen vollzog , nach der Ursache des Wunders zu fragen . Hier aber reichten der Name des Grafen und die sichtliche Bewunderung , welche derselbe für Seba an den Tag legte , vollkommen hin , dem Juwelier die Gefälligkeit der Kriegsräthin zu erklären , und weder diese noch der Graf wurden ihm dadurch lieber . Er hätte der ganzen Sache gern ein Ende gemacht ; indeß Seba hatte solche Freude an der Geselligkeit , in welche sie durch die Kriegsräthin gezogen ward , und sie war ja klug genug , die Kluft zu ermessen , welche die Tochter ihres Vaters von einem Grafen Berka trennte . Mochte sie also die kurze Freude genießen , sich von einem Grafen bewundert zu sehen , da es ja obenein möglich war , daß sich aus den gegenwärtigen Verhältnissen zu der Weißenbach ' schen Familie für Seba ein Umgang entwickelte , wie sie ihn sich lange ersehnt hatte , wie sie und ihre Eltern ihn wohl auch beanspruchen durften . Aber nicht Seba allein war befriedigt durch die Besuche , welche sie bei der Kriegsräthin machte , auch Paul , ihr kleiner Freund , hatte seine Lust daran , denn sie sah gar zu schön aus , wenn sie Abends in ihren weißen Kleidern zur Gesellschaft herauf kam . Einmal , am Geburtstage der Kriegsräthin , hatte man noch mehr Gäste geladen als gewöhnlich , und zum ersten Male waren auch Herr Flies und seine Frau dabei . Seba hatte rothe Korallen durch ihr schwarzes Haar geschlungen , und man lachte und scherzte und tanzte , und unter all den schönen Mädchen und Frauen war Seba bei Weitem die Schönste . Das sah Paul ganz deutlich , das sagte auch Jedermann , und das sagte ihr auch der Graf , dem die Uniform so straff saß , dem die Lebenslust aus seinen blauen Augen lachte und der heute gar nicht von Seba ' s Seite wich . Paul konnte das nicht leiden . Er konnte den Grafen überhaupt nicht leiden , denn Seba beachtete den Knaben nicht , wenn Jener in ihrer Nähe war , ja , sie schien Paul überhaupt beinahe vergessen zu haben . Nachdenklich stand der Kleine in der Ecke und sah dem Grafen nach , wie dieser Seba in seinem Arme hielt und wie die beiden sich leise und sanft in den weichen Schwingungen des Schleifers durch den Saal bewegten . Niemand kümmerte sich um Paul , und Niemand wußte , wie sonderbar fremd ihm heute der Saal erschien , den man mit Guirlanden und Kränzen aufgeputzt hatte und der wie nie zuvor voll Menschen war . Die Hitze , der Geruch der Blumen , das Blinken der Uniformen , das Drehen und Wenden der Tanzenden verwirrten ihm den Blick und den Sinn , und doch mußte er immerfort nach Seba und nach dem Grafen Berka hinsehen , mußte er immerfort den Namen Graf Berka , Graf Berka in sich wiederholen . Seit Monaten hatte er diesen Namen täglich nennen hören , und nun mit einem Male , wie er neben dem Gewühl der Tanzenden , unter dem Klange der Musik , unter all dem Sprechen und Tönen und Duften so in seiner Ecke stand , meinte er , den Namen Berka habe er schon lange gekannt . Indeß er wußte nicht , wo er ihn gehört hatte , und er wußte auch nicht , was ihm dabei einfiel . Aber es tauchte etwas vor ihm auf , es kam ihm vor , als habe er einmal etwas gewußt , als sei einmal etwas geschehen , woran er lange nicht mehr gedacht habe , und immer wieder kam er dabei auf den Namen Berka zurück , den er doch nicht liebte . Er war froh , als der Tanz zu Ende war und das Drehen um ihn her ihn nicht mehr quälte . Er sah , wie Seba in das Cabinet ging , welches an den Saal anstieß , und er folgte ihr nach . Sie hatte auf einem Sessel neben dem Ecktische Platz genommen , die Kriegsräthin , die ganz entzückt von ihr zu sein schien , hielt sie bei der Hand und der Graf saß an ihrer Seite . Das Cabinet war voll Menschen , denn man hatte im Saale die Fenster geöffnet , weil die Nacht trotz der frühen Jahreszeit so heiß war . Wein wurde umhergegeben und mit den Gläsern angeklungen . Auf das Wohl der Kriegsräthin tranken sie , und auf das Wohl der schönen Frauen und auf Sieg und baldige Heimkehr für die Truppen , vor Allem aber auf ein frohes Wiedersehen . Sie sprachen oft Alle durch einander , daß Paul gar nicht recht verstehen konnte , was sie meinten . Einer freute sich darauf , in Frankreich Ruhe zu schaffen , ein Anderer auf das unruhige Kriegsleben , das ihnen bevorstand und in jedem Augenblicke beginnen konnte , und Graf Berka erzählte lachend , wie man ihn von Hause nur mit Thränen habe scheiden lassen , als gäbe es aus dem Kriege keine Wiederkehr . Ja , sagte der Hauptmann , auch bei uns gab es , als wir aus der Garnison aufbrachen , eine Rührung , die uns hätte eitel machen können ! Und dazu , meinte Graf Berka , haben Sie sich noch das Vergnügen gegönnt , vorher in der ganzen Provinz umher zu reisen , um die Abschiedsthränen Ihrer sämmtlichen Frau Tanten und Ihrer sämmtlichen Cousinen einzuernten , wobei Sie gewiß nicht zu kurz gekommen sind ! Paul wußte nicht , was das heißen sollte und weßhalb das Alle so komisch fanden , denn ihm gefiel die Rede nicht , weil Seba darüber nicht lachte , wie die Andern . Sie hatte ihre Augen auf den Grafen gerichtet , und ihre Augen waren so ernst und still . Der Knabe wurde traurig und immer trauriger . Er kam sich so vergessen , so verlassen vor , daß er ' s endlich nicht mehr ertragen konnte . Er trat hervor aus seiner Ecke , ging an Seba heran und lehnte sich mit seinen Armen auf ihren Schooß . Und er hörte immerfort , wie sie sprachen und lachten und lachten und sprachen , immer schneller , immer lauter , Alle durch einander ; und dabei mußte er immerfort nachsinnen und wußte noch nicht worüber , und immerfort an etwas denken , und wußte doch nicht woran . Er ward müde und betäubt von all dem Treiben . Nur bisweilen schlug ein einzelnes Wort , wie ein Ton aus der Ferne , stärker , vernehmlicher an sein Ohr , und mit einem Male hörte er , daß der Hauptmann sagte : Graf Berka , Sie sind doch gewiß auch noch bei Ihrem Schwager , bei dem Baron von Arten in Richten gewesen ? Da fuhr der Knabe auf , als falle ihm ein , was er bis dahin vergebens gesucht hatte , und sich emporrichtend , rief er laut und deutlich , daß Jedermann es hören mußte : Das ist Schloß Richten , das gehört dem Baron von Arten , der Baron von Arten ist mein Vater - und meine Mutter liegt im Teich ! .... Alles verstummte , Alles sah nach dem Knaben hin . Sein Aufschrei , der ganze Vorgang waren wie ein Blitzstrahl in die Gesellschaft gefahren . Paul hatte , erschreckt von seinem eignen Thun , seine Arme um Seba ' s Hals geschlungen , die , noch mehr verwirrt als die Uebrigen , ihn fortzuführen suchte . Seba ' s Mutter und die Kriegsräthin und der Kriegsrath folgten ihnen nach , die Betroffenheit war allgemein . Man fragte , was es mit dem Kinde auf sich habe , das man bis dahin bereitwillig für eine Waise gehalten hatte . Man drang in den Juwelier , der inzwischen herbeigekommen war , um eine Erklärung , man wendete sich an den Grafen , neugierig , zu sehen , wie er den Vorfall aufgenommen habe ; und obschon Herr Flies und der Kriegsrath , der bald zurückgekehrt war , die Sache so gut es gehen wollte in das Gleiche zu bringen suchten , war die Heiterkeit der Gesellschaft doch ins Stocken gerathen . Die Verstimmung des jungen Grafen war gar zu unverkennbar , und wie sehr er sich auch mühte , sie zu verbergen , es gelang ihm nicht ; denn auch in ihm waren Erinnerungen aufgestiegen , Erinnerungen , die er gern gemieden hätte . Er stand mit einem Male deutlich vor ihm , der klare Herbstmorgen , an welchem er sich vor Jahren mit dem Freiherrn auf der Terrasse von Schloß Richten befunden hatte , um zur Hochzeit nach Berka zu fahren . Er erinnerte sich ganz genau , wie man in jener Stunde unten am Flusse nach einer Ertrunkenen gesucht hatte . Eine Menge von kleinen Thatsachen , welche sich auf das damalige Verhalten seines Schwagers , auf die ersten Monate von Angelika ' s Ehe , auf manche ihrer brieflichen Aeußerungen in jener Zeit , auf ihren Uebertritt zum Katholicismus und auf das Zerwürfniß mit ihrer Familie bezogen und an die er bisher immer nur wie an unzusammenhängende Ereignisse gedacht hatte , fingen an , sich in seinem Geiste zu einem Ganzen zu gestalten , von dem er seinen Sinn nicht abwenden konnte . Er übersah dasselbe nicht vollständig , nicht ganz klar , aber es erfüllte ihn mit Mitleid für die Schwester , es weckte seine Sehnsucht nach ihr auf , und er dachte mit erhöhtem Zorn an ihren Gatten . Jetzt wußte er es plötzlich , was ihn so bekannt und doch so befremdlich aus Paul ' s Augen angesehen hatte und weßhalb der Knabe ihm so unheimlich gewesen war . Er begriff nicht , daß ihm die Aehnlichkeit mit dem Freiherrn nicht gleich deutlich gewesen sei . Es waren seine Augen , seine hohe , gewölbte Stirn , sein festgeformter Mund . Selbst den Nacken und den Kopf trug der Knabe so stolz wie der Freiherr , und weil der Graf seinen Schwager in diesem Augenblicke haßte , so haßte er auch dessen Bastardsohn . Indeß dem Grafen vor allen Anderen mußte daran gelegen sein , über den peinlichen Eindruck fortzukommen , die Scene vergessen zu machen , welche man eben erlebt hatte , und seine Keckheit und sein Leichtsinn kamen ihm dabei zu Hülfe . Er lachte über sein Erschrecken , über die Bestürzung der Gesellschaft , und wie er die Worte des Kindes verlachte und verspottete , so lachte er mit seinen Cameraden auch über die Familie des Kriegsraths , in welcher man den Knaben so geheimnißvoll erzog . Was war ihm denn auch diese ganze Gesellschaft ? Was focht es ihn an , was man in derselben vermuthete und meinte ? Er hatte oft genug mit seinen Cameraden Epigramme über diesen Kriegsrath gemacht , der in seiner rechtschaffenen Beschränktheit die ganze Welt für rechtschaffen und für eben so blind hielt , als er selber war . Es belustigte den Grafen in diesem Augenblicke , daß die Kriegsräthin ihm den Weg zu Seba gebahnt hatte , und daß sie so zufrieden und glücklich die Galanterien und Betheuerungen des Hauptmanns annahm , den er ihr als Lockspeise dargeboten hatte , um sich selber von ihr frei zu machen . Sie war ihm lächerlich , diese Kriegsräthin , und sie war ihm komisch , diese Madame Flies , die sich gar viel damit wußte , daß die vornehmen Cavaliere ihre Seba so schön fanden , daß ein Graf Berka mit ihrer Tochter , an deren Erziehung man nichts gespart hatte , die feinsten und erhabensten Unterhaltungen führte . Auch über den klugen Kopf , über den Vater , mußte er lachen , der Allem und Jedem vorsichtig mißtraute , und dessen Vertrauen in die Tochter doch so groß war , als habe das schöne Kind nicht ein Weiberherz mit aller seiner mädchenhaften Sehnsucht und aller seiner thörichten Schwäche in der Brust . Er hätte auch gern über Seba lachen mögen , die eben jetzt in das Zimmer zurückkehrte und deren Augen ihn suchten , ihn allein ; aber über sie vermochte er niemals zu lachen - und sie war doch nichts als eine Jüdin und er war der Graf von Berka , der schöne Gerhard von Berka - eben er ! Er ging ihr entgegen , sie mit einem Scherze anzureden , doch konnte er das Wort nicht dazu finden . Sie sah ihn so fragend und so ängstlich an , daß er Mitleid mit ihr fühlte . Es war ihr gar so ernst mit ihrer Liebe , heiliger tiefer Ernst , das wußte er . Süßes Herz , sagte er , von ihrem Blicke überwältigt , und nahm sie bei der Hand . Mehr bedurfte sie nicht . Sie meinte , er müsse verstehen , was eben jetzt in ihrer Seele vorging , und seine Zärtlichkeit wolle ihre Sorge beschwichtigen . Sie lächelte ihm freundlich zu , und leise den Druck seiner Hand erwiedernd , sprach sie : O , ich bin nicht traurig , sorge nicht ! Ihr Ton drang ihm zu Herzen ; es war ihm lieb , daß man aufs Neue zum Tanzen rief , daß er sie in seine Arme schließen , sie nahe haben konnte . Er tanzte nur mit ihr ; er hätte sie keinem Andern gegönnt . Es war spät in der Nacht , als man sich trennte , aber schlafen konnte Seba nicht . Wort für Wort wiederholte sie sich die Liebesschwüre , welche der Graf ihr seit Wochen gethan und heute leidenschaftlicher als jemals wiederholt hatte . Jede Stunde , jede Minute , die sie mit ihm durchlebt , wußte sie sich vorzustellen . Sie erinnerte sich , daß er sich einmal im Vergleiche zu seinem ältesten Bruder , dem Erben seines reichen Stammbesitzes , einen Mittellosen genannt hatte , und sie freute sich ihres Reichthums um seinetwillen . Sie hielt sich alle die Schranken und die Hindernisse vor , welche sie von dem Grafen trennten , um sie im nächsten Augenblicke mit den Schwingen der Liebeshoffnung spielend zu überfliegen . Vom Wahrscheinlichen zum Unwahrscheinlichsten war für sie der Weg nicht weit , und zwischen Hoffen und Wünschen , Fürchten , Sorgen und Verzagen blieb nur Eines in ihr fest bestehen , ihre Liebe für den Grafen , ihr Vertrauen zu seinen Schwüren und zu seinem Versprechen , daß er um sie werben und sie heimführen wolle , aller Welt zum Trotze . Mitten aus ihren wachen Träumen schreckte sie empor . Die Trommeln rasselten durch die Gassen und auf den Plätzen , an den verschiedenen Häusern wurden die Thürglocken heftig gezogen , Alles gerieth in Aufregung , der Generalmarsch wirbelte durch die graue Morgenfrühe , die Regimenter hatten die lang erwartete Marschordre erhalten . In allen Häusern war man wach . Die Thüren und Portale wurden geöffnet , die Soldaten mußten zum Appel . Damit hatte nun Seba freilich nichts zu thun , aber sie stand am Fenster und sah hinab auf die Straße , wie sie herauskamen , die Soldaten , hüben und drüben aus den Häusern , und wie sie fortzogen , eilig , eilig , mit Sack und Pack . Auch in ihrem Hause rüsteten sie sich , und im Stalle sattelte man die Pferde . Der Hauptmann , welcher im Zwischenstocke wohnte , war schon fort . Nun kam es von oben die Treppe hinunter . Den Tritt kannte sie . Es mußte an ihrer Thüre vorüber . Der Graf hatte nie ihr Zimmer betreten , indeß er wußte , wo es lag . Sie lauschte bange . Sie meinte , heute müsse er stehen bleiben , heute müsse er zaudern an ihrer Thüre ; aber mit dem gleichmäßigen Schritt der Ruhe ging er vorüber , und sie eilte an das Fenster , um ihm nachzuschauen , um zu sehen wie er aufstieg und ob er nicht den Kopf hinwende nach der Stätte , an der sie weilte . Auch diese Hoffnung täuschte sie , und müde und traurig blickte sie nach dem Himmel empor , der zwischen den Reihen der Häuser , grau und kaum noch lichtdurchhaucht , herniedersah . Die Sterne waren untergegangen und die Sonne wollte noch nicht kommen . Wenn Gerhard mich vergessen könnte ! seufzte sie . Die Eltern hatten sich wieder zur Ruhe gelegt , Seba blieb am Fenster sitzen . Schlafen hätte sie doch nicht können ; sie wollte seine Rückkehr abwarten , denn heute war er noch da , heute konnte sie ihn doch noch sehen . Arglos wie ein Kind hatte sie sich dem Zauber hingegeben , den der Graf auf sie geübt . Seine Schönheit , sein fröhlich gebieterisches Wesen hatten sie entzückt . Er war ihr nicht genaht , wie mancher ihrer Glaubensgenossen , mit vorsichtiger Bewerbung , die ihr Zeit zum Ueberlegen ließ . Wie ein Göttersohn , wie die biblischen Könige der Magd aus ihrem Volke , so war er Seba erschienen , gebieterisch Liebe fordernd , weil er sie begehrte , und sie hatte ihm ihr Herz zu eigen und ihren Verstand gefangen gegeben und sich nicht gefragt : Wird er dir halten , was er dir gelobt , und wie kann das enden zwischen dir und ihm ? Aber jetzt , da die Trennungsstunde vor der Thüre stand , jetzt drängte sich mit dieser Frage der Zweifel an sie heran , und bange stand sie am Fenster und sah in die dunkle Nacht hinaus , nach der Seite hin , von wo die Sonne kommen mußte . Die Dunkelheit beängstigte sie . Der Tag dämmerte bereits , als die Truppen vom Appel wiederkehrten . Seba zog den Vorhang am Fenster zu ; es sollte Niemand sehen , daß sie wachte , daß sie nach ihm ausschaute . Nur