gewogen hätte , wenn die Tür nicht von drinnen geöffnet worden wäre , können wir nicht sagen . Aber sie wurde geöffnet , und eine hübsche junge Dame mit sehr schwarzem Haar und einem etwas aufgestülpten Näschen blickte auf den Korridor hinaus und auf den schwarzen Theologen . Sie lachte sehr über den letzteren , gab aber der Kürze der Zeit wegen keinen Grund dafür an . Hinter diesem heitern Fräulein tauchte das Gesicht Theophiles auf , und zwar mit etwas ärgerlich verlegenem Ausdruck : er schien das Gebaren der jungen Dame für unpassend zu halten und suchte sie in das Zimmer zurückzuziehen . Als er jedoch den Mann erkannte , der geklopft hatte , zuckte er die Achseln und lächelte : » Ah , du bist ' s , Hans . Komm herein ! Du durftest auch ohne Anklopfen hereintreten ! « Er flüsterte dann der jungen Dame etwas sehr ernst , fast böse ins Ohr , diese aber zuckte wiederum die Achseln - fast wie Kleophea Götz - und lachte , ohne viel auf die Worte des Doktors zu achten . Sie hüpfte zurück in das Zimmer , griff ein zierliches , rosiges Hütchen von einem Stuhl , setzte dasselbe vor dem Spiegel auf und warf zum größten Schrecken des Kandidaten der Theologie Johannes Unwirrsch aus Neustadt diesem durch denselben Spiegel eine Kußhand zu , was der Doktor Theophile Stein wieder sehr mißbilligte . Den Zipfel eines schönen großen Manteltuches reichte das Fräulein dem Kandidaten Unwirrsch und deutete ihm durch lebendige Zeichen an , daß sie ohne seine spezielle Hülfe nicht imstande sei , dieses Tuch um ihre hübschen Schultern zu legen . In seine Verlegenheit und in die weiten Falten des Schals verwickelte sich der Kandidat natürlich so sehr , daß die Heiterkeit des Fräuleins ihren Höhepunkt erreichte . Der Doktor Theophile machte der Sache dadurch ein Ende , daß er dem unbeholfenen Theologen den Umhang entriß und den Ritterdienst selber versah . Nun verbeugte sich das Fräulein sehr tief und feierlich vor beiden Herren , um jedoch in demselben Augenblick in ihre vorherige Lustigkeit zu verfallen . Wieder küßte sie die Hand gegen den Kandidaten Unwirrsch , und merkwürdigerweise rief sie ihm , obgleich er ihr gar nicht vorgestellt worden war , von der Tür aus zu : » Bonjour , monsieur le curé ! « Zierlich wie ein Vogel entschlüpfte sie , und der Doktor Stein folgte ihr auf den Gang hinaus . Noch längere Zeit vernahm Hans ihr helles Gelächter , während er sich in dem Zimmer seines Jugendfreundes umsah . » Famos ! « sagte er unwillkürlich beim ersten Blick , und dieser Studentenausruf war ganz und gar an seinem Platze . Im reichsten Maße entfaltete Moses Freudenstein den Luxus des gebildeten Mannes . Die Unordnung , die in dem Gemache herrschte , war nur scheinbar : jedes Möbel stand da , wo es stehen mußte , um zur Bequemlichkeit beizutragen . Bei einem zweiten Blick schüttelte der gute Hans freilich den Kopf ; manches gefiel ihm bei näherer Betrachtung doch nicht ganz , einige Bilder und Statuetten erregten sogar seine höchste Mißbilligung ; - die Reste eines üppigen Frühstücks auf dem Tische beunruhigten sein Schicklichkeitsgefühl viel weniger als die Tiziansche Venus , welche sich auf ihrem Ruhebett so breitmachte . » Traitre , va ! « rief die helle Stimme draußen auf dem Gange , und einen Augenblick später trat Moses in das Zimmer zurück und begrüßte nun den Jugendgenossen aufs freundlichste . » Da bist du also endlich , alter Hans ! « rief er . » Du hattest an jenem Abend , wo du aus der Wolke tratest wie ein griechischer Gott , versäumt , mir deine Karte zu geben , ich würde dich sonst jedenfalls selbst aufgesucht haben , denn ich brenne vor Neugier , zu erfahren , wie du in jene Weinstube und in diese Stadt kommst . Setze dich , Alter ; hoffentlich hast du noch nicht gefrühstückt ? « Hans dankte sehr für alle leibliche Nahrung ; sein Herz war zu voll . Über die alten Erinnerungen vergaß er alles andere , für diesen Augenblick gewann Moses den alten Einfluß über ihn in seinem ganzen Umfange zurück . Übrigens ließ ihm der Freund auch gar nicht Zeit , seine Ideen zu ordnen . » Es würde mir sehr leid tun , wenn ich dich eben gestört hätte « , hub Hans an . » Gestört ? In diesem Nest der Langeweile ? Keineswegs . Du bist mir willkommener als irgend jemand . « » Wahrscheinlich eine Verwandte von dir ? « » Des südlichen Teints , der schwarzen Locken und Augen wegen ? Du irrst dich , Schlaukopf . Es ist eine Tochter Frankreichs - echtes Pariser Vollblut , das heißt , es ist eine - eine arme Waise , eine kleine Putzmacherin - que sais je ? - , der ich in Paris allerlei Gefälligkeiten erwiesen habe und die hierhergekommen ist , um bei den Damen hiesiger Stadt ihr Glück zu machen . Denke nicht zu schlecht von mir , du frommes Blut . « Weshalb sollte Hans darum schlechter von dem Freunde denken , weil dieser sich einer armen Waise in bedrängten Umständen hülfreich angenommen hatte ? Eifrig sprach er ihm seine ganze Billigung aus und setzte hinzu , daß er etwas anderes auch gar nicht von dem Jugendgenossen erwartet habe . Moses Freudenstein freute sich sehr , die Meinung des Theologen getroffen zu haben , und das Gespräch wandte sich zu wichtigeren Dingen . Obgleich nun eigentlich Hans die meisten Fragen zu stellen hatte und obgleich Moses Freudenstein von Rechts wegen hätte Antwort darauf geben müssen , so drehte letzterer sogleich das Verhältnis um : Moses fragte , und Hans antwortete . » Nun sage , alter Knabe , wie ist ' s gekommen , daß du der Kröppelgasse untreu wurdest ? Weshalb haben sie dich nicht zum Stadtpfarrer von Neustadt gemacht , die Philister ? Was treibst du hier in Babylon ? Wo wohnst du ? Wie lebst du ? « Hans berichtete , daß er Hauslehrer im Hause des Geheimen Rats Götz sei , und der Freund sah hoch auf . » Dort ? Da ? ! Diable ! Hans , weißt du , daß du ein beneidenswerter Gesell bist ? Wahrhaftig , ich bin überzeugt , daß der Mensch sein Glück gar nicht kennt . Unter demselben Dache mit der schönen Kleophea zu leben ! Hans , Hans , manch einer würde viel darum geben , wenn er sich an deiner Stelle befände ! « Mit einem tiefen Seufzer bemerkte der Hauslehrer , daß er nicht einsehen könne , worin hier das große Glück bestehe , und immer heiterer wurde der Freund . » Per Bacco ! Ein köstlicher Kerl bist du immer gewesen , Hans , und du bist es noch . O wenn du wüßtest , wie dankbar ich dir dafür bin , daß du grade in diesem Hause deine Erziehungsexperimente machst ! Ich darf dich doch besuchen ? « » Gewiß , gewiß - ich freue mich so sehr darauf ! Erinnerst du dich wohl noch der Abende , die wir in deines Vaters Hinterstübchen und später auf der Universität zubrachten ? Du hast mir oft den Angstschweiß auf die Stirn getrieben ; aber es waren doch schöne Zeiten . « » O ja « , seufzte Moses , » sehr schöne Zeiten . Aber die Gegenwart ist auch etwas wert . Ich werde gewiß bald an deine Tür klopfen , Hans ! « Nun schob aber plötzlich der Präzeptor seinen Stuhl zurück und sah den Freund an : » Moses , du hast schon eine Bekannte in dem Hause des Herrn Geheimen Rats , und diese Kunde hat mir lange schwer auf der Seele gelegen . O weshalb hast du niemals an mich geschrieben ? Es war sehr , sehr unrecht von dir . Ich habe dich deshalb auch nicht zur Verteidigung aufrufen können - gottlob , daß ich es jetzt kann . Weshalb ist der Leutnant Rudolf so erzürnt auf dich , und was hast du seiner Nichte , dem Fräulein Franziska , welche jetzt in dem Hause ihrer Verwandten wohnt , getan ? « » Leutnant Götz ? Fräulein Franziska Götz ? « fragte Moses ganz verwundert . » Jawohl , jawohl ! Im Posthorn zu Windheim haben sie deinen Namen genannt , und sehr böse hat der Herr Leutnant über dich gesprochen . Viel hätte ich darum gegeben , wenn ich damals deine Adresse gewußt hätte . O es war sehr unrecht von dir , daß du mir niemals schriebst . « Nun erzählte Hans , wie ernst der Leutnant Götz behauptete , den Doktor Freudenstein in Paris zu kennen : und Moses zog die dunkeln Brauen zusammen und warf sehr finstere Blicke auf den armen Hans . Aber er war Herr über sein Mienenspiel , glatt ward seine Stirne , und nach einigen Augenblicken lächelte er wie gewöhnlich . Ruhig ließ er Hans ausreden und sagte dann : » Also das ist es ? Sieh , Hans , dir gegenüber muß ich mich verteidigen , so gut ich es kann . Einem andern würde ich wohl nicht das Recht zugestehen , solche Fragen an mich zu stellen . Ich bin sehr jung in die Welt hinausgeworfen worden , und weil ich immer nur auf die eigene Kraft angewiesen war , so war ' s kein Wunder , wenn ich zuletzt einen sehr übertriebenen Begriff von derselben bekam . So mußte ich denn natürlich mein Lehrgeld bezahlen wie jedes andere unglückselige Menschenkind . Trotzdem daß ich als Doktor der Philosophie nach Paris ging , gab ' s noch vielerlei zu lernen . Aber die echte Philosophie lernt sich nicht auf den Schulbänken ; wer davon das Seinige kapieren will , tut wohl , sich auf einen Eckstein zu setzen , das Maul aufzusperren und zu warten , bis die Weisheit zu Wagen , zu Pferd oder zu Fuß vorbeikommt . So hab ich in Paris wie anderwärts gesessen , und allerlei Volk habe ich kennengelernt . Viel Lehrer habe ich gehabt und , wie gesagt , viel Lehrgeld bezahlt , ein gut Teil von dem letztern an den Papa der jungen Dame , welche du vorhin erwähntest . Der Mann war ein Trunkenbold und ein - Stück von einer Kanaille , ein Charakter , der jedem lebhaften , jugendlichen Geiste gefährlich werden mußte . Er hatte viel erlebt und wußte gut davon zu erzählen , wenn er nicht betrunken war ; er ernährte sich dadurch , daß er Fechtstunden gab und ein eigentümliches Talent besaß , in den Cafés der Boulevards oder den Schenken der Barriere junge Leute an sich zu ziehen ; und da er die Fechtstunden in seiner Wohnung hielt , so kam jeder sowohl mit der Tochter wie dem Vater in Berührung . Die edlern Naturen unter uns bedauerten das arme , kummervolle Kind ; die Taugenichtse gebärdeten sich nach ihrer Art gegen sie . In seinen nüchternen Momenten war der Chevalier - so nannte man den Mann - ein grimmiger Wächter der Ehre seines fünften Stockwerks und seines Kindes ; aber er war selten nüchtern , und die arme Franziska war dann völlig auf sich selbst angewiesen . Da hat sie mir leid getan , und ich habe mich ihr genähert ; ohne ihr Wissen habe ich sie oft vor dem Hunger und vielleicht auch manchem andern Unheil geschützt . Ohne mich würde der Teufel ihren Vater noch viel früher geholt haben , als es geschah . Der alte Freibeuter starb im Delirium tremens , und das Kind war ganz verlassen ; auch da habe ich mich des unglücklichen Mädchens angenommen , bis der Herr Oheim aus Deutschland kam , um es heimzuholen . Ich war ein Jude , Hans Unwirrsch , und ich habe meinen Lohn dafür genommen . Das Fräulein meinte , ich habe meine Grenzen überschritten ; - als ich mich wehrte , wurde ich beleidigt und geschmäht . Es war die alte Geschichte vom Lohn der Welt ; - der jungen Dame will ich übrigens nicht den mindesten Vorwurf machen ; sie war stets ein Engel und wird es hoffentlich auch jetzt noch sein . Deinen Leutnant habe ich kaum zu Gesicht bekommen . Deinem Willen habe ich nun Genüge geleistet ; ich werde kein Wort mehr über diese alte Geschichte verlieren ; - dreist kann ich dem Fräulein Franziska Götz unter die Augen treten . « Moses schwieg und sah wieder finster auf den Freund ; unruhig rückte dieser auf seinem Stuhl hin und her ; jetzt sprang er auf und lief durch die Stube . Sollte er dem Freunde glauben oder dem Leutnant ? Er wußte keinen Rat ; hätte er gesehen , auf welche Weise er während seines Umherlaufens von Moses beobachtet wurde , er würde dem Leutnant geglaubt haben ; so aber blieb ihm nichts übrig , als mit einem tiefen Seufzer dieses Blatt für jetzt umzuschlagen . » So setze dich doch , Hans ! « rief endlich der Jugendgenosse . » Glaube mir , diese Sachen kümmern mich mehr als dich . Ich hatte schwerer daran zu tragen , und es ist nicht recht von dir , daß du die erste Stunde unsres Wiedersehens auf solche Weise trübst . « » O Moses ! Moses ! « » Nenne mich nicht Moses ! Ich heiße Theophile - Theophile Stein ; - ich habe dem Glauben meiner Väter entsagt und bin Christ , katholischer Christ ! « Hans Unwirrsch setzte sich jetzt wirklich , und zwar auf den nächsten Sessel . Gründlicher waren noch niemals seine Gedanken von einem Punkt auf den andern gewendet worden . Es dauerte Minuten , ehe er sich so weit gefaßt hatte , daß er stammeln konnte : » Du , du ? Du , Moses Freudenstein ? Du Katholik ? Du Christ ? « Theophile , wie wir den Sohn des Trödlers aus der Kröppelstraße von jetzt an immer nennen dürfen , nickte , indem er sich in seinem Sessel wiegte . » Ich bin katholischer Christ . Ich , Theophile Stein , Doktor der Philosophie , demnächst vielleicht außerordentlicher Professor der semitischen Sprachen an hiesiger Universität . Mein Leben ist wilder gewesen als das deinige , Hans Unwirrsch , so bin ich auch dem Untergang dann und wann näher gewesen als du , aber unschätzbare Weisheit habe ich aus den Strudeln und Wirbeln , aus dem Abyssus mit emporgebracht . « » Und du glaubst ? Du glaubst ? Du bist gläubig zur katholischen Kirche übergetreten ? « » Zur alleinseligmachenden « , sagte Theophile . » Ich , der Sohn Samuels , des jüdischen Trödlers , habe es vollbracht im Besitz meiner gesunden fünf Sinne und bei vollständigem geistigem Bewußtsein . Ich hab ' s gewagt mit Sinnen , wie Herr Ulrich von Hutten , der Ketzer , sagen würde . « » O Moses , Moses ! « » Theophile , liebster Freund ! Theophile Stein . Der Moses aus dem Trödelladen , der Moses aus der Kröppelstraße ist tot und begraben und wird nicht wiederauferstehen . « » Du , der Skeptiker ? Der Zweifler ? Ich fasse es nicht ! « rief Hans in halber Verzweiflung . » Lieber Alter « , sagte Theophile , » so schnell läßt sich das auch nicht begreifen . Du kennst allzu wenig von meinem Leben , um dir auf der Stelle ein Urteil über mich und meinen Weg bilden zu können . Es findet sich aber wohl noch Gelegenheit , wo du klarsehen wirst . Ich rechne dann auf deine Billigung . Jetzt laß uns auch über diesen Punkt schweigen ; ich habe längst damit abgeschlossen . « Wortlos und wie vernichtet saß Hans Unwirrsch da . Was er vernommen hatte und die Art , wie er es vernommen hatte , gefiel ihm gar nicht ; schwindelnd sah er in die unergründlichen Tiefen fremden Lebens , die sich vor seinen Füßen öffneten . Er konnte seines Unbehagens in keiner Weise Herr werden . Wieder lenkte der Doktor Stein sein Gespräch auf das Haus des Geheimen Rates Götz , er nahm ein ungemeines Interesse an allem , was dasselbe betraf . Über Kleophea erfuhr er allmählich alles , was Hans von ihr , ihrem Wesen und Sein wußte . » Ich bin dem Mädchen hier und da in der Gesellschaft begegnet « , sagte Theophile . » Diese holde Spötterin mit dem biblischen Namen wird überall in einer Weise besprochen , die mich sehr reizt , ihre nähere Bekanntschaft zu machen . Du mußt mich in dem Hause vorstellen , Hans . « » Ich ? ! « fragte der Hauslehrer der Frau Geheimen Rätin Götz mit einem solchen Ausdruck kläglichster Hülflosigkeit , daß Theophile hell auflachte . » Armer Kerl , ich vergaß ! Nun , ich werde dich besuchen und - nous verrons . Was das stille Veilchen anbetrifft , das da im verborgenen blüht - die andere junge Kreatur - « » Fräulein Franziska ! « rief Hans . » O Mo - Theophile , ich bitte dich , sprich nicht in solchem Ton von ihr ! « » Nein , nein : entschuldige mich , lieber Junge . Du kennst ja meine Art. Jenes arme Kind hat freilich mehr Anspruch auf meine Achtung und Teilnahme als irgend jemand ! Was , du willst schon gehen ? « » Meine Zeit ist abgelaufen , und über das Wichtigste willst du doch nicht mehr mit mir sprechen . So lebe denn für jetzt wohl . O Moses - Theophile - wie anders habe ich dich wiedergefunden ! « » Aus Knaben werden Männer , Hans . Du lebst immer noch sozusagen , außerhalb deiner Zeit , sitzest still und hörst nur ein großes Sausen und Brausen in der Ferne . Ich dagegen arbeite mitten im Sturm , und es ist oft ein schwieriges Ding , sich dabei auf den Fußen zu halten . So lebe denn wohl für jetzt . Wir werden uns bald wiedersehen . Wenn du mir einen Gefallen erweisen willst , so sprich für jetzt daheim nicht von mir . Lebe wohl , Alter . « Hans ging und wäre jedenfalls an diesem Tage ein schlechter Lehrmeister gewesen ; aber glücklicherweise wurde seine Kunst nicht in Anspruch genommen ; Aimés Verdauungsbeschwerden gestatteten noch immer nicht die kleinste geistige Anstrengung . In seine Stube stieg der Präzeptor hinauf , schloß die Tür hinter sich ab und sann nach über den Lebensgang seines Freundes , des Moses Freudenstein , der sich jetzt Theophile Stein nannte und vom Judentum zur christlichen Kirche übergetreten war . In seine beängstigenden Gedanken mischten sich scharf die Töne von Kleopheas Stimme und Fortepiano . Die junge Dame sang mit großer Bravour eine italienische Arie ; aber der Gesang mißfiel dem Hauslehrer wie der Religionswechsel seines Jugendfreundes . Neunzehntes Kapitel Es blieb für die nächste Zeit alles , wie es war . Der Hauslehrer tat seine Pflicht so gut als möglich ; die gnädige Frau fand immer mehr heraus , daß er leider doch auch einen recht versteckten und heimtückischen Charakter besitze ; Kleophea fand einen neuen Namen für Franziska , nannte sie l ' eau dormante und zeichnete Karikaturen über Hans , von denen mehrere in seinen Besitz übergingen und die er stets sorglich unter den übrigen Gedenkblättern und Zeichen seines Lebens aufhob . Franziskas Schritt über den Boden blieb so unhörbar wie vorher , und ihr freundlich-sorgenvolles Gesicht wurde selten durch ein flüchtiges Lächeln erhellt ; von dem Leutnant kam weder Gruß noch Botschaft , er war und blieb verschwunden . Von dem Geheimen Rat war in des Geheimen Rates Hause am wenigsten die Rede . Hans beklagte ihn von Tag zu Tag mehr und beneidete den armen Mann nicht um die Grandezza , mit welcher er auf seinen armen Hauslehrer herabsah . Jean , der Bediente , war ein freierer Mann als sein Herr , der sich aus den Ketten der häuslichen Tyrannei nur in den jammervollsten , stupidesten Bürokratendünkel , der je von einer freien Seele verlacht wurde , flüchten konnte . Es sah um diese Zeit wunderlich aus in der Seele des Kandidaten der Gottesgelahrtheit Johannes Unwirrsch aus der Kröppelstraße . Inmitten des Getriebes , nach welchem er sich so gesehnt hatte , stand er ; niedergestiegen war er , und das große Brausen hatte sich aufgelöst in einzelne Stimmen und Töne , und mehr grelle und böse Stimmen als liebliche vernahm er um sich her . Er fühlte sich unbefriedigter als je , und sagen mußte er sich , daß er ein Verständnis für diese Welt noch nicht gewonnen habe . Er gehörte nun einmal zu jenen glücklich-unglücklichen Naturen , die jeden Widerspruch , der ihnen entgegentritt , auflösen müssen , die nichts mit einem Apage ! beiseite schieben können . Er hatte eben jenen Hunger nach dem Maß und Gleichmaß aller Dinge , den so wenige Menschen begreifen und welcher so schwer zu befriedigen ist und vollständig nur durch den Tod befriedigt wird . So saß er denn in seinem hochgelegenen Stübchen , dachte mit Seufzen seiner fernen , stillen Jugend und horchte den Disharmonien der Gegenwart . Mit Seufzen dachte er , wie er nun mitten in dem Nebel wandele , den er einst sah von seines Vaters Hause . Mit Seufzen dachte er , daß jeder Schritt vorwärts im Leben ihm nur erneute Enttäuschungen gebracht habe , daß er nicht glücklicher geworden sei mit den Jahren . Und zu seinen Füßen wogte der bunte Strom der Existenzen . Stundenlang konnte er hinabsehen auf die unbekannten Leute , die da vorübergingen und - fuhren , auch wohl vorüberhinkten und - krochen . Er hörte manch lautes Lachen und sah in manch fröhliches Gesicht ; doch der Gesamteindruck der Menge blieb ein trauriger . Einzelne Figuren wurden ihm allmählich bekannter , und er bemühte sich , ihr Schicksal aus ihrer Erscheinung zu lesen , wie sie vorüberglitten . Das waren Phantasien gefährlicher Natur für einen Charakter wie Hans Unwirrsch , der mehr zu der melancholischen Philosophie des Mannes von Ephesus als zu der heitern Lebensweisheit des Abderiten hinneigte . Es war fast ein Glück , daß sie ihn nur traurig , nicht verbissen und vergrillt machten . Die Einzelheiten , welche sich aus der Allgemeinheit abhoben , drängten letztere nicht so zurück , daß er sie aus den Augen verloren hätte , und das Allgemeine macht den denkenden Menschen unter keinen Umständen grillenhaft , sondern erweitert seine Seele selbst durch den Kummer . Und die Anzeichen des wiederkehrenden Frühlings mehrten sich . Der Himmel wurde blauer , das Gras um den Springbrunnen grüner ; auch über die Wipfel des Parkes lief ein freudiger Schein , und die Vögel wurden lustiger und lauter darob . Kleopheas Klagelieder über die Langweiligkeit und Nüchternheit des Winters schlugen um in Frühlingsbetrachtungen , die sich in mehr als einer Hinsicht von den Ergüssen der lyrischen Gedichtsammlungen unterschieden und nicht ganz zu den pensées musicales über das erste Veilchen paßten , die das Fräulein an ihrem Flügel so kunstfertig absang . Sie tadelte gern ; denn es ist viel leichter , geistreich zu tadeln , als geistreich zu loben . Zu allen andern Bedrängnissen hatte sich Hans sehr gegen den Zauber zu wehren , welchen das schöne Mädchen auf ihn ausübte . Franziska war stiller als je . Doktor Theophile Stein machte dem Hauslehrer des Geheimen Rates Götz seinen ersten Besuch . Von Tag zu Tag hatte ihn Hans erwartet ; doch er kam erst im Anfang des April , und Jean , der Bediente , hatte seine Karte erst in das Zimmer der gnädigen Frau gebracht , ehe er den Besuch zu dem Zimmer des Präzeptors geleitete . Hans empfing den Jugendfreund mit sehr gemischten Gefühlen aber seine Gegenwart übte bald den alten Einfluß aus und zerstreute die Wolken , die sich um das Bild jenes Moses aus der Kröppelstraße zusammengezogen hatten . Sehr gewinnend und liebenswürdig war der Doktor Stein ; er spottete nicht mehr über die Unbeholfenheiten und Eigentümlichkeiten des armen Hans , sondern er behandelte sie jetzt mit einem gewissen gutmütigen Humor , den Hans niemals an ihm gekannt hatte und der ihm unendlich wohltat . Nach der Heimat und den Bekannten von Neustadt erkundigte sich der elegante Doktor aufs eingehendste , und die Art und Weise , wie er über die Mutter des Freundes , ihr Leben und ihren Tod sprach , konnte nicht inniger und teilnehmender sein . Er erkannte alte Bücher in der kleinen Bibliothek des Jugendgenossen wieder und erinnerte sich des Tages , an welchem er seinen Namen und das Wort des Chrysostomus vor eine theologische Abhandlung vom Ursprung des Bösen gesetzt hatte : » Pono sedem meam in Aquilonem et ero similis Altissimo . « Als er aber bemerkte , daß er dadurch die Rede auf seinen Übertritt zum Christentum lenkte , brach er schnell ab und fing an , allerlei Fragen zu stellen , die anfangs nur auf das Leben des Freundes im allgemeinen Bezug hatten , dann aber allmählich sich immer fester und bestimmter auf das Leben des Hauslehrers des Geheimen Rates Götz bezogen . Und sehr aufmerksam und sehr zerstreut zu gleicher Zeit war der Doktor Stein während der Fragen . Keine Antwort mußte er sich wiederholen lassen , und doch horchte er auf jedes Geräusch im Hause , auf alle Schritte und alles Türklappen . Als Kleophea anfing zu singen , erhob er sich schnell , setzte sich aber ebenso schnell wieder und fragte : » Das ist nicht die Tochter des Chevaliers , des Kapitän Götz ? « » Nein , es ist Fräulein Kleopheas Stimme . « » Ah ! « Er horchte einige Augenblicke , um dann seine Fragen von neuem aufzunehmen , und gab Hans wiederum mehrfachen Grund zur Verwunderung . Nach der Bauart des Hauses erkundigte er sich , nach der Lage und Einrichtung der Zimmer des ersten Stocks , nach den Bildern an den Wänden und nach der Bedienung in der Küche . Die Lieblingsneigungen der Geheimen Rätin waren ihm nicht gleichgültig und ihre Abneigungen noch weniger . Über Aimé verlangte er ebenfalls eingehende Auskunft , ebenso über den Herrn des Hauses . Endlich war er zu Ende , klappte innerlich sein Notizbuch zu und brachte durch einen sehr feinen Schluß den armen Hans zu der festen Überzeugung , daß er diese vielen Fragen nur aus Interesse an dem Schicksal und jetzigen Leben des Jugendgenossen gestellt habe . » O lieber Hans « , schloß er , » nicht vielerlei , aber viel hast du erlebt . Wer weiß , ob dir nicht der glücklichere Weg von den Göttern vorgezeichnet wurde ? Du bist am Ufer geblieben , und die Wellen haben dir gnädig mitgespielt . Ich habe mich weiter hinausgewagt in die See , weil ich mich für einen tüchtigeren Schwimmer hielt ; aber mit mancher harten Felsenkante habe ich auch Bekanntschaft machen müssen . Du wirst Geduld mit mir haben müssen , wenn ich mich dann und wann nicht mehr gleich in deinen Anschauungen zurechtfinden sollte . « Wer konnte dem widerstehen ? Innig gerührt drückte Hans dem Freunde beide Hände , begleitete ihn mit Tränen im Auge die Treppen hinab und würde ihn noch weiter begleitet haben , wenn er nicht durch den Blick des olympischen Jeans zurückgescheucht worden wäre . Wieder war Hans Unwirrsch nicht tiefer in den Seelenzustand des Doktor Theophilus eingedrungen ; aber eine glückliche Stunde hatte er gewonnen , und das Nachklingen derselben war auch was wert ! An der Mittagstafel richtete die gnädige Frau ihre großen Augen auf den Hauslehrer . » Sie haben heute einen Besuch gehabt , Herr Unwirrsch ! « » Ein Jugendfreund - der Doktor Stein - « , sagte Hans , sich verbeugend . » Ich weiß « , sprach die Dame , und Kleophea richtete ihre großen Augen fast noch forschender auf den Hauslehrer als die Mama . » Man spricht augenblicklich viel von diesem Herrn in der Stadt « , fuhr die Geheime Rätin fort . » Er soll sehr begabt sein , soll große Reisen gemacht haben . Wie kommen Sie zu dieser Bekanntschaft , Herr Unwirrsch ? « Das Herz trat , wie man sagt , dem Kandidaten auf die Zunge . Zum erstenmal durfte er in diesem Hause sprechen , ohne unterbrochen zu werden : er erzählte alles , was er von Moses Freudenstein zu erzählen wußte . Er rühmte sein gutes Herz , seinen scharfen Verstand , seine Gelehrsamkeit . Er wurde sehr warm in seiner Apologie und bemerkte leider nicht , welch ein Schrecken des Leutnants Fränzchen überkam , als sie erfuhr , wer heute das Haus betrat , in dem sie Schutz gesucht hatte . Mit größtem Interesse vernahm die Frau des Hauses , wer der bekannte , ja berühmte Doktor Theophile Stein sei ; - Kleophea war gleichgültig oder schien so ; - der Geheime Rat war wie gewöhnlich nur körperlich anwesend . Von der muntern französischen Waise erzählte Hans nichts , da ihn der Doktor Stein noch beim Abschied bescheiden und scherzhaft gebeten hatte , ihrer nicht zu erwähnen . Am folgenden Tag erschien Franziska nicht bei Tische ; sie war unwohl . Eine ganze Woche lang mußte sie das Bett hüten , und Hans hatte zum erstenmal Gelegenheit , zu bemerken , welch eine Lücke durch ihre Abwesenheit in dem Kreise entstand , der ihn umgab . Sie hatte neben ihm gesessen an der Tafel , und er hatte sich wohl und sicher in ihrer Nähe gefühlt . Kleophea stieß ihn ebensosehr ab , wie sie ihn anzog ; die andern standen ihm kalt , fremd , feindselig gegenüber . Halb unbewußt war das Gefühl gewesen , welches ihn mit dem Fränzchen verband ; nun das Fränzchen nicht da war , trat es klar ins Bewußtsein . Es drangen nur unbestimmte Nachrichten über das Befinden des jungen Mädchens zu dem Kandidaten .