, Stephan , gefürsteter Graf von Malikowsky-Waldernberg , Erbherr von Letbus - in unsere Dienste trat . Die Gesellschaft war mit der tiefsten Aufmerksamkeit dem genealogischen Vortrag des gelehrten Professors gefolgt , mit derselben Aufmerksamkeit ungefähr , mit welcher eine Gesellschaft gewöhnlicher Krähen dem Bericht einer Eule über die Abstammung eines Kolkraben , der von einem Flügelende bis zum andern fünf Schuh mißt , zuhören würde . In das andächtige Schweigen ertönte urplötzlich die Stimme des Bedienten , der die Thür aufriß und in das Zimmer schrie : Sr. Durchlaucht , der Fürst von Waldernberg . Die Meldung des Bedienten elektrisirte die im Salon versammelte Gesellschaft . Im nächsten Augenblick standen Alle ohne Ausnahme kerzengrade vor ihren Stühlen , die erwartungsvollen Blicke starr nach der Thür gerichtet , durch deren weit ausgesperrte Flügel der Fürst so rasch hereintrat , daß Anna-Maria ihm nicht ganz die drei Schritte , welche die Etiquette erheischte , sondern nur einen und einen halben vom Sopha aus entgegen gehen konnte . Sie haben die Güte gehabt , Madame , sagte der Fürst im reinsten Französisch , indem er der Baronin leicht die Hand küßte , mir mit einer Einladung zuvorgekommen , bevor ich Gelegenheit hatte , mich dieser Aufmerksamkeit würdig zu machen . Verstatten Sie mir , daß ich versuche , das Versäumte nachzuholen . Ein Versuch , mein Fürst , antwortete Anna-Maria mit ihrem huldvollsten Lächeln , ebenfalls auf französisch , der bei einem Cavalier , wie Sie , des Erfolges sicher ist . Erlauben Sie , daß ich Ihnen die Gesellschaft vorstelle . - Der Baron , mein Gemahl - Herr und Frau von Barnewitz - Herr und Frau von Cloten - Ich habe bereits die Ehre - sagte der Fürst lächelnd . Professor Jäger - ein vortrefflicher Gelehrter und treuer Freund unseres Hauses ; Frau Professor Jäger , eine Dame , deren poetisches Talent Aufmunterung verdient . Der Fürst verbeugte sich gegen jede der ihm vorgestellten Personen mit Würde und Höflichkeit , und gab , indem er neben Anna-Maria auf einem Lehnsessel Platz nahm , das Signal zum Niedersitzen . Der Fürst und die Baronin nahmen die Kosten der Unterhaltung im Anfang fast ausschließlich auf sich , bis es Hortense gelang , sich durch eine dazwischen geworfene Bemerkung des Wortes zu bemächtigen und es eine Zeit lang zu behaupten , zum größten Aerger Emiliens , die ihrer Gegnerin diesen Triumph unbestritten lassen mußte , da sie sehr mangelhaft französisch sprach und der rapiden Rede der Nebenbuhlerin kaum zu folgen vermochte . Hortense , welche Emiliens Schwäche kannte , trieb die Bosheit sogar so weit , sich alle Augenblicke mit einem qu ' en dites vous , chère amie ? n ' est ce pas , Emilie ! an sie zu wenden und sie so zu Antworten zu zwingen , die mindestens in der Form sehr viel zu wünschen ließen . Der ältern der beiden Damen gewährte dieser Triumph über ihre jüngere Rivalin ein Vergnügen , das sich zum Entzücken steigerte , als der Fürst Emilie zuletzt kaum noch beachtete und sich ganz dem Reiz von Hortense ' s pikanter Unterhaltung hingab . Indessen war Emilie zu keck und leichtsinnig , um sich durch eine momentane Niederlage um ihren guten Humor bringen zu lassen . Der Fürst war , obgleich sie ihn vorhin , ihre Nebenbuhlerin zu ärgern , so gerühmt hatte , gar nicht nach ihrem Geschmack , und wenn er nicht , wie er es gestern den ganzen Abend gethan , deutsch mit ihr sprechen wollte , so mochte er es bleiben lassen . Sie hatte schon während der ganzen Visite eine Gelegenheit erspäht , mit Frau Professor Jäger in ' s Gespräch zu kommen , von der sie vermuthete , daß sie ihr Nachricht von Oswald , den sie seit dem letzten Zusammentreffen neulich Abend nicht wieder gesehen hatte , geben könne . So benutzte sie denn jetzt den günstigsten Augenblick , wo der Fürst sich mit Hortense und der Baronin , der Baron mit dem Professor , und von Barnewitz mit ihrem Gemahl unterhielt , um sich bei Primula nach dem jungen Manne , der im Sommer bei Grenwitzens Hauslehrer war , Fels glaube ich , oder Berg , oder wie er sonst hieß , zu erkundigen , da eine ihr bekannte Familie einen Erzieher suche . Emilie hatte sich nicht geirrt ; Primula konnte über Herrn Stein - nicht Fels , obgleich er ein Felsenherz hat , nicht Berg , obgleich er berghoch über anderen Männern steht , - ganz genaue Auskunft geben . Er komme fast alle Tage zu ihr ( Oswald war einmal dagewesen ) ; er sei wie ein Kind im Hause und ihr in treuer Freundschaft ebenso verbunden , wie im gleichen Streben nach dem Höchsten . Sie glaube freilich nicht , daß Oswald jetzt eine Stelle annehmen werde , da er in den » dumpfen Banden der Schule schmachte , « indessen sie wolle ihm das Anerbieten mittheilen . Thun Sie das lieber nicht , beste Frau Professor , sagte Emilie nach kurzem Bedenken ; Sie wissen , daß Herr Stein - wie konnt ' ich doch den Namen vergessen ! - nicht ganz friedlich aus unserem Kreise geschieden ist . Er möchte das Anerbieten , wenn es ihm so gebracht wird , ohne weiteres zurückweisen . Können Sie nicht - wie machen wir das nur ? - ja ! so geht ' s ! Können Sie es nicht so einrichten , liebe Frau Professor , daß ich , wie zufällig , einmal mit Herrn Stein bei Ihnen zusammentreffe ! Ich habe so schon lange den Wunsch gehabt , einmal den Arbeitstisch der Dichterin der » Kornblumen « zu sehen ! Sie entzücken mich durch Ihre Güte , rief Primula , ich kann nur , wenn Sie wirklich in meine einfache Hütte treten wollen , mit dem Zeus der getheilten Erde sprechen : so oft Du kommst , sie soll Dir offen sein . Emilie war so in dies interessante Gespräch vertieft , daß sie ihr Gemahl daran erinnern mußte , die Gesellschaft sei im Begriff aufzubrechen . Der Fürst hatte sich erhoben ; die Andern waren seinem Beispiel gefolgt . Madame , sagte der Prinz , j ' ai l ' honneur - das Wort erstarb ihm auf den Lippen , denn ihm gegenüber in einem hohen Wandspiegel erschien plötzlich die Gestalt eines wunderschönen Mädchens , das eben , ohne vom Bedienten angemeldet zu werden , in den Salon getreten war . Er wandte sich fast erschrocken und nun trat mit einer tiefen Verbeugung bei Seite , der jungen Dame Platz zu geben , damit sie zur Baronin gelangen könnte . Die Allen , mit Ausnahme des Barons und der Baronin unerwartete Erscheinung Helenens überraschte und interessirte Jeden in seiner Weise . Nur der Fürst , der sie heut zum ersten Male sah , wußte nichts von dem Zwist , in der Familie ; für die Andern war die Grenwitzer Katastrophe schon seit Wochen ein mit Eifer , Gründlichkeit und Scharfsinn nach allen Seiten hin ventilirtes Thema der Unterhaltung gewesen ; und in Folge dessen diese erste Begegnung der Tochter und der Eltern das fesselndste Schauspiel . Indessen , wenn man etwas Außerordentliches erwartet hatte , so sah man sich getäuscht . Der Baron , der Helene entgegen gegangen war und sie auf die Stirn geküßt hatte , verrieth allerdings einige Erregung ; aber Mutter und Tochter begrüßten sich mit einer höflichen Kälte , die der Neugier und Skandalsucht der versammelten Geberdenspäher und Geschichtenträger sehr wenig Stoff bot . Ah , guten Tag , liebes Kind , sagte die Baronin auf französisch , Helenen ebenfalls , aber sehr flüchtig auf die Stirn küssend , Du kommst ja zu recht gelegener Zeit . Erlauben Sie , mein Fürst , daß ich Ihnen meine Tochter Helene präsentire . - Seine Durchlaucht , der Fürst von Waldernberg , liebe Tochter . Helene erwiderte ruhig die tiefe Verbeugung des Fürsten , und wandte sich dann zu Emilie von Cloten , von der sie mit großer Herzlichkeit bewillkommnet wurde . Emiliens schnellem Blick war der Eindruck nicht entgangen , welche die hinreißende Schönheit Helenens auf den Fürsten gemacht hatte . Mochte doch der Fürst bewundern , wen er wollte , wenn nur Hortense um ihren Triumph kam . O , wie reizend , rief sie , Helene umarmend , daß Du Dich einmal sehen läßt . Ich wollte schon alle Tage zu Dir kommen ; wir haben uns ja eine Welt zu erzählen ! Und sie faßte die Freundin bei beiden Händen und zog sie ein paar Schritte fort , um mit leiserer Stimme zu sagen : Du , der Fürst ist weg , totalement weg ! er verwendet keins seiner schwarzen Augen von Dir . Wenn Du ihn haben willst , ich will ihn Dir lassen . Er tanzt sehr schön , aber er ist nicht mein Genre . Muntre ihn ein wenig auf ; die Barnewitz ärgert sich so darüber ! Denke Dir , die alte Kokette will noch immer die erste Rolle spielen , trotzdem sie sich jetzt selbst die Adern blau schminkt und gestern bei Griebens zweimal sitzen geblieben ist . Wie geht es Dir bei der Bärin ? und à propos : hast Du nichts von Oswald Stein gehört ? Gott , ich werde den Abend bei Euch nicht vergessen ! Wir kamen mit unserer Warnung zu spät , aber er hat sich gut herausgerissen . Selbst Arthur sagt , er habe sich ganz wie ein Cavalier gehalten . Dreh ' Dich nicht um , der Fürst kommt hierher . Er wird Dich auf morgen zum ersten Walzer engagiren wollen . Er tanzt trotz seiner Hünengestalt wundervoll . Die schlaue Emilie hatte ganz recht gehabt . Der Fürst hatte in der That , während er sich noch immer mit der Baronin unterhielt , fortwährend nach Helene hinübergeblickt und so zerstreut geantwortet , wie Jemand , dessen Gedanken ganz wo anders sind , zu antworten pflegt . Plötzlich unterbrach er eine glänzende Phrase Anna-Maria ' s mit der Frage , ob morgen getanzt würde ? und ob er in diesem Falle die Erlaubniß habe , Fräulein von Grenwitz um einen Tanz zu bitten ? Als beide Fragen mit einem huldvollen oui , monseigneur ! beantwortet wurden , trat er mit einer Verbeugung zu den jungen Damen heran . Ich bitte um Verzeihung , sagte er auf Deutsch , wenn ich die Damen in Ihrer Unterhaltung störe . Aber ich kann nicht fortgehen , ohne wenigstens den Versuch gemacht zu haben , mich für morgen eines Tanzes zu versichern . Darf ich hoffen , gnädige Frau ? werde ich die Ehre haben , mein gnädiges Fräulein ? Emilie und Helene verneigten sich , und der Fürst verabschiedete sich darauf mit einer Eile , die deutlich bewies , daß ihn nur die Erledigung dieses wichtigen Punktes noch gehalten hatte . Der Ausbruch Seiner Durchlaucht war für die übrige Gesellschaft , welche nur darauf gewartet hatte , das Signal , sich ebenfalls zu verabschieden , zu großer Zufriedenheit der Kutscher und Bedienten unten auf der Straße , die , ebenso wie ihre Pferde , anfingen , nachgerade ungeduldig zu werden . Die Equipagen waren davongerollt . Das Empfangszimmer im Hotel war wieder leer bis auf den Baron und die Baronin ; Helenen hatten Clotens in ihrem Wagen mitgenommen . Der unterbrochene Dialog konnte wieder aufgenommen werden . Aber es geschah nicht . Der alte Mann fühlte sich zu angegriffen , und bei Anna-Maria war die Frage : ob Helene in der Pension bleiben solle , oder nicht ? in ein ganz neues Stadium getreten , seitdem - und das war seit zehn Minuten ungefähr - ihrem ehrgeizigen Kopfe der Gedanke gekommen war , ob es nicht doch , Alles in Allem , besser sei , sich wieder mit ihrer Tochter zu versöhnen , die mindestens ebensoviel und vielleicht mehr Aussicht habe , als eine andere junge Dame , Fürstin von Waldernberg-Malikowsky , Gräfin von Letbus zu werden . Zweiundzwanzigstes Capitel Franz hatte als einer der Vertreter des Geheimraths in seiner ärztlichen Praxis - einen andern Theil hatte ein College übernommen - während der nächsten Wochen vollauf zu thun . Schwerer aber als seine Berufsgeschäfte lasteten auf ihm die Ordnung der Geschäftsverhältnisse seines Schwiegervaters , die äußerst verwickelter Natur waren . Es stellte sich nach und nach heraus , daß die Schulden des Geheimraths keineswegs so bedeutend sein würden , wenn es möglich wäre , das Geld , welches er überall ausstehen hatte , wieder zu bekommen . Aber darauf war in den wenigsten Fällen zu rechnen . Die Schuldner des Geheimraths wohnten meistens in Dachkammern und Kellerwohnungen ; es waren Krüppel , und Lahme , mit Gebrechen aller Art Behaftete , sehr häufig Waisen und Wittwen ; nicht minder häufig aber auch schlechte Subjecte , welche die wohlbekannte Liberalität des Geheimraths auf schnöde Weise gemißbraucht hatten . Welche unerhörte und ach ! so vergebliche Anstrengungen hatte dieser Mann gemacht , das Danaidenfaß des Proletariats zu füllen ! mit welchem Eifer sich zum armen Manne gemacht , um die Armuth rings um sich her zu vertilgen , dem fabelhaften Pelikane gleich , der seine Jungen mit dem eigenen Blute ätzt ! In welche Verlegenheiten hatte er sich gestürzt , um Andere aus der Verlegenheit zu reißen ! wie oft sich um den Schlaf gebracht , damit sein Nachbar ruhig schlafen könne ! um anderer Leute Schulden zu bezahlen , sich selbst zu Wucherzinsen Geld geborgt ; um anderen Leuten in ihrem Geschäft weiter zu helfen , sich in Speculationen eingelassen , von denen er nichts verstand , die aber , wenn man den Unternehmern glaubte , einschlagen und hundertfache Procente bringen mußten und die natürlich nie einschlugen und dem leichtgläubigen , gutmüthigen Geheimrath neue und immer neue Verbindlichkeiten aufluden . In diesem Wust von mehr oder weniger unklaren Verhältnissen sich zurecht zu finden , und in jedem Falle zu entscheiden , was für den Augenblick und in Zukunft dabei zu thun war , hätte einem gewiegten Advokaten schwer fallen müssen , geschweige denn Franz , der in solchen Geschäften natürlich wenig bewandert war . Aber die Liebe verlieh ihm hundertfache Kraft und schärfte sein natürliches Zartgefühl in dem eigenthümlichen Verhältniß zu seinem Schwiegervater , wo er fortwährend zu ermuthigen , zu beschwichtigen , zu überreden hatte . Würde ich mich doch keinen Augenblick besinnen , sagte er dann wohl , Ihnen in ' s Wasser nachzuspringen , wenn ich Sie in der Gefahr des Ertrinkens sähe ; und würden Sie , und würde doch Jeder , das , Alles in Allem , natürlich finden . Jetzt , wo Sie in einer Gefahr sind , die für Manche etwas viel Gräßlicheres hat , als die Todesgefahr - denn ihr zu entrinnen , stürzen sich viele unbedenklich in den Tod - riskire ich für Sie , nicht etwa mein Leben , das Sie mir nicht wieder schaffen - nein , nur ein paar tausend Thaler , die Sie mir , wenn Sie gesund werden , wozu ja jetzt die schönste Höffnung ist , jeder Zeit zurückerstatten können , und an denen , wenn sie wirklich verloren gingen , auch weiter nichts gelegen ist . So suchte Franz dem Schwiegervater über manche trübe Stunde wegzuhelfen , in welcher das Gefühl der Krankheit und das Bewußtsein seiner Lage gar zu schwer auf seiner Seele lastete . Franz hoffte , daß die vortreffliche Natur des Mannes das Uebrige thun würde . In der That hatte der Geheimrath kaum die Ueberzeugung gewonnen , daß - Dank der umsichtigen , energischen Hülfe seines Schwiegersohnes - auch wenn er sogleich sterben sollte , auf seinem Namen keine Unehre haften bleiben würde , als er sich aller Sterbegedanken entschlug und an nichts dachte , als daran , sobald als möglich wieder gesund zu werden ; nicht ganz gesund , sagte er , denn das werde ich nicht wieder , aber halb gesund oder zwei Drittel , gerade gesund genug , um das Heu , das jetzt naß auf dem Schwaden liegt , trocken auf den Boden bringen zu können . Ich fühl ' es jetzt , ich habe noch ein paar Abendstunden vor mir ; ich will sie gut benutzen . Sie sollen mir , lieber Franz , außer Ihrem baaren Gelde nicht auch noch Ihre Zukunft zum Opfer bringen . Gerade in dieser Zeit geschah es , daß ein berühmter Universitätslehrer in der Residenz durch eine Monographie über Typhus , die Franz in diesem Sommer herausgegeben hatte , an einen seiner begabtesten Schüler erinnert wurde . Er schrieb an Franz , um ihm zu diesem Werke , das von seinem durchdringenden Scharfsinn ebenso rühmliches Zeugniß ablege , wie von seiner , bei einem so jungen Manne staunenswürdigen Gelehrsamkeit , zu gratuliren . - Aber , fuhr der Brief fort , indem ich Ihnen im Namen der Wissenschaft für Ihr Buch danke , erlaube ich mir zugleich , Ihnen einen Vorschlag zu machen , den ich in eben so schleunige wie ernste Erwägung zu ziehen bitte . Zu Ostern wird die Stelle des ersten Assistenzarztes an dem hiesigen großen Krankenhause frei . Ich wüßte unter unseren jüngeren Gelehrten Keinen , dem ich dieselbe so gern anvertrauen würde , wie Ihnen . Der Gelehrte verbreitete sich sodann weiter über die Vortheile , die für Franz aus dieser Stellung erwachsen würden , und schloß mit den Worten : Sie sehen , es bietet sich Ihnen hier eine Aussicht , die günstiger nicht gedacht werden kann . Ich bin , wie sie wissen , ein sehr nüchterner Beobachter der Menschen und Dinge ; aber wie die Verhältnisse an unserer Universität sind , kann es nicht ausbleiben , daß Sie in wenig Jahren zum ordentlichen Professor avanciren . Ich bin überzeugt , daß mein Freund Robran , den ich bestens zu grüßen bitte , die Sache ebenso ansehen wird . Sprechen Sie mit ihm darüber und antworten Sie mir möglichst bald . Franz hatte geantwortet - aber ohne mit seinem Schwiegervater gesprochen zu haben . Er hatte das Anerbieten , dessen Vortheile ihm natürlich nicht entgangen waren , abgelehnt . Die Carrière , in welche man ihn hineinhaben wollte , war , obgleich sie dem Manne der Wissenschaft die besten Chancen bot und auch schließlich den weltlichen Ehrgeiz glänzend zu befriedigen versprach , doch für die ersten Jahre voraussichtlich nicht nur sehr wenig lucrativ , sondern erheischte ein unabhängiges , wenn auch kleines Vermögen , das Franz - seit einigen Tagen nicht mehr besaß . Er hatte sich durch seine Großmuth in die Lage gebracht , in einer Zeit , die er nothwendig noch zu seiner wissenschaftlichen Fortbildung bedurfte , auf den Gelderwerb bedacht sein zu müssen . Und zu diesem Zwecke war Grünwald und die Situation , in welcher er sich hier als Schwiegersohn des gesuchtesten Arztes befand , ausnehmend geeignet . Deshalb - fahr wohl du glänzende Spiegelung von einem in der Fülle geistiger Arbeit und geistigen Genusses mächtig dahinrauschenden Lebens ! » Weg du Traum , so hold du bist , Hier auch Lieb ' und Leben ist . « So tröstete sich Franz , während er den geliebten Menschen seinen Ehrgeiz , seine Hoffnungen zum Opfer brachte , und seine größte Sorge war nun die , daß diese geliebten Menschen , vor allem seine Braut , nicht etwas von diesem Opfern erführen . Diese Sorge schien indessen unnöthig . Sophie erklärte sich die Wolken , die sich auf Franz ' Stirn in Augenblicken , wo er sich unbeobachtet glaubte , lagerten , einfach aus der Ueberlast seiner ärztlichen Geschäfte , und seine häufigen langen Zusammenkünfte mit dem Vater aus demselben Grunde . Seitdem der Zustand des Vaters keine directe Bersorgniß mehr einflößte , war der glückliche leichte Sinn Sophiens wieder in seine Rechte getreten . Sie besorgte emsig ihre Aussteuer und klagte gegen Franz in komischer Weise über den Wirrwarr , der durch die gleichzeitige Bersorgung so vieler und so verschiedenartiger Dinge in ihrem Kopf hervorgebracht würde . Wie sehr würde die frohe Laune , deren sie sich in dieser Zeit erfreute , wo sie sich , wie ein singendes , zwitscherndes , flatterndes Vögelchen , ihr Nest zusammentrug , gestört worden sein , wenn sie die Verhandlungen zwischen dem Vater und Franz mit angehört ; wenn sie erfahren hätte , daß das Geld , mit dem sie heiteren Muthes die langen Rechnungen bezahlte , aus Franz ' Kasse floß ! Ueber den Kummer , bis zu dem Termin ihrer Hochzeit , auf dessen Innehaltung Franz mit einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Hartnäckigkeit bestand , nicht fertig zu werden , hatte sie sich mittlerweile getröstet ; ja im Grunde hatte sie das Unglück , mit einigen Dutzend noch nicht gesäumter oder gezeichneter Handtücher , Tischtücher , Servietten , mehr oder weniger ihre Wirthschaft anzufangen , niemals für ein so gar großes gehalten . So war denn für Sophie in dieser Sturm- und Drangperiode nichts empfindlicher , als daß der trauliche Cirkel , der sich allabendlich um den Kamin des Wohnzimmers zu versammeln pflegte , so gut wie gestört war . Der Vater mußte , obgleich er jetzt jeden Tag länger aufblieb , doch sehr früh sein Lager aufsuchen ; Franz war oft bis tief in die Nacht hinein in der Stadt , oder hatte in seiner Wohnung zu arbeiten ; auch der Dritte im Bunde , der alte Student , wie er sich selber nannte , Bemperlein ließ sich seit einiger Zeit nicht mehr sehen , so daß Sophie sich endlich selbst auf den Weg gemacht hatte , um ihn in seiner Wohnung aufzusuchen , da sie nicht anders glaubte , als er sei krank und Franz habe es ihr aus übertriebener Zärtlichkeit verschwiegen . Aber sie fand den alten Studenten in seinem Laboratorium , mitten unter Phiolen , Retorten , Büchsen und Instrumenten - anzuschauen , wenn nicht wie Faust , so doch wenigstens wie Fausts Famulus - jedenfalls sehr fleißig und beschäftigt , aber offenbar nicht lebensgefährlich krank . Bemperlein entschuldigte sich mit seinen Arbeiten - eine sehr complicirte chemische Analyse , bei der er sich nicht unterbrechen dürfe - wie Sophie wohl glauben könne , daß er etwas übel genommen habe ! er , etwas übel nehmen ! und Sophien übel nehmen ! - es sei wirklich nur die Analyse schuld und zum Beweise werde er noch heute Abend zur gewöhnlichen Zeit kommen und die gewöhnliche Zeit dableiben . Sophiens blaue Augen konnten , obgleich sie ein wenig kurzsichtig waren , in der Nähe doch recht scharf sehen , und so war ihnen ein gewisser Schleier von Verlegenheit , der über Bemperleins ehrlichem Gesichte hing , während er auf die langweilige Analyse schimpfte , nicht entgangen . Als nun die junge Dame langsam nach Haus schritt und darüber nachdachte , was wohl von Bemperleins Fortbleiben der eigentliche Grund sein möchte , stieß sie , als sie um eine Straßenecke bog , beinahe an einen Herrn , der ihr sehr raschen Schritts entgegenkam . Pardon ! sagte der Herr , an seinen Hut greifend und weiter eilend . Es war Oswald Stein . Er hatte Sophie offenbar nicht erkannt . - Diese unerwartete Begegnung gab Sophiens Gedanken plötzlich eine andere Richtung . Es fiel ihr ein , daß Bemperlein nicht wieder in ihrem Hause gewesen sei , seitdem er Oswald , der eben mit Helenen fortgehen wollte , dort getroffen ; daß die Begegnung der beiden Herren sehr kalt , befremdend kalt gewesen war , und daß Bemperlein , über sein Verhältniß mit Oswald gefragt , ausweichend geantwortet hatte . Hatte Oswald , der seitdem einige Abende auf kürzere Zeit , einmal zusammen mit Helene Grenwitz , dagewesen war , Bemperlein verscheucht ? War Bemperlein eifersüchtig ? Da Sophie von Bemperleins früherem Verhältniß zu Oswald nichts wußte , so war es erklärlich , daß sie trotz ihres Scharfsinns in ihren Vermuthungen jetzt so weit am Ziel vorbeischoß . Die Wahrheit lag in der That ganz wo anders . Wenn Anastasius Bemperlein Jemand , den er einmal hochgeschätzt und innig geliebt hatte , nicht mehr die Hand zum Gruß reichen mochte , so konnte man versichert sein , daß in die Milch seiner Denkungsart ein sehr starkes Gift geträufelt war . Anastasius Bemperlein hatte Oswald Stein ganz vertraut . Er hatte ohne Furcht das Glück und das Leben geliebter Menschen in seiner Hand gesehen . Er hatte all ' seine schweren Bedenken gegen eine Verbindung , die so rasch geschlossen , die auf der so unsicheren Basis gänzlich verschiedener socialer Stellungen ruhte , bekämpft . Er hatte sich gesagt : das Alles sei ja eitel Tand im Vergleich mit dem unschätzbaren Werth wahrer Liebe . Ist doch die Liebe stärker als Glaube und Hoffnung ; wie sollte sie nicht mächtiger sein , als bornirte Vorurtheile ? - Er war schließlich dahin gelangt , in der Vereinigung Oswald ' s und Melitta ' s einen Sieg der reinen Menschlichkeit über die Barbarei der Civilisation , einen Triumph der Wahrheit über die Lüge zu erblicken . Aber auch nur auf dieser sittlichen Höhe war das Verhältniß gerechtfertigt und möglich . Sank Einer der Beiden unter das Niveau , so waren Beide verloren . Bemperlein kannte Frau von Berkow seit sieben Jahren ; er wußte , daß ihr Herz gut und treu war ; Bemperlein kannte Oswald seit eben so viel Wochen , und er glaubte , daß Oswald ihrer werth sei . Er glaubte es , weil - er mußte , weil ihm ein Zweifel an dem Geliebten seiner vielgeliebten Herrin ein Frevel schien . Und doch hatte sich dieser Zweifel an ihn herangeschlichen , langsam , leise , wie sich im Traum ein gräuliches Ungeheuer , dem wir vergebens zu entrinnen suchen , an uns heranwälzt . Er hatte diesen Zweifel bekämpft , bis er nicht länger möglich war . Melitta war von ihrer zweiten Reise nach Fichtenau , zu welcher Bemperlein vergeblich seine Begleitung angeboten hatte , zurückgekehrt ; aber , nachdem sie sich eine Stunde in Grünwald aufgehalten , sogleich mit Julius nach Berkow weiter gereist , ohne nach Bemperlein geschickt zu haben . Bemperlein erfuhr , daß sie dagewesen , erst durch den alten Baumann , der , Julius ' Sachen zu ordnen und andere Commissionen auszurichten , in der Stadt zurückgeblieben war . Bemperlein hatte mit dem alten Mann niemals über Oswald gesprochen . Diesmal fing jener selbst davon an . Er erzählte , daß Herr Stein zu gleicher Zeit mit ihnen in Fichtenau gewesen , aber , trotzdem er vom Kellner der gnädigen Frau Anwesenheit erfahren , ohne sich ihr vorzustellen , abgereist war . Hier schwieg er , augenscheinlich um zu hören , wie Bemperlein diese Nachricht aufnehmen würde . Als Bemperlein aber nichts weiter , als : so , so ! - in der That ! darauf erwiderte , vermochte der Alte nicht länger an sich zu halten und schüttete sein ganzes volles Herz und damit die volle Schale seines Zornes über Oswald aus . Er habe dem Musjö vom ersten Augenblicke an nicht über den Weg getraut , und nun sei es ja sonnenklar , daß der schlechte Mensch die arme gnädige Frau schändlich betrogen habe . Ueberdies habe er , Jakob Baumann , mit der gnädigen Frau gesprochen , in aller Ehrerbietung , denn er sei nur ein Dienstmann und kenne seine Stellung , aber auch mit allem Ernst , denn er habe sie als Kind auf den Armen getragen und sie immer väterlich geliebt , und sie habe ihm gebeichtet , wie sie ' s noch stets bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten gethan , nicht ganz und nicht halb , aber für ihn , der sie so genau kenne , wie die Fläche seiner Hand , gerade genug . Und da habe er , Jakob Baumann , großes Verlangen gehabt , den Musjö , der seiner gnädigen Frau so mitgespielt , niederzuschießen , wie einen tollen Hund , und es habe wenig daran gefehlt , so hätte er es auch gethan , » einmal in der Nacht auf der Haide zwischen Grenwitz und Faschwitz . « Aber jetzt danke er doch Gott , der seinen Arm zurückgehalten und ihm dies Verbrechen erspart habe , um so mehr , » als er es nicht hat geschehen lassen , daß die Geschichte der armen gnädigen Frau das Herz brach , sondern ihr die Augen aufgethan und ihr den Weg gezeigt hat , auf dem allein für sie auf Erden Heil zu finden ist . « Welches dieser Weg sei , darüber hatte sich der alte Mann nicht weiter ausgelassen , sondern war aufgestanden und , als wolle er alle weiteren Fragen unmöglich machen , schnell zum Zimmer hinausmarschirt . Dies Gespräch , das seine schlimmsten Befürchtungen bestätigte , hatte Bemperlein tief ergriffen und es hatte den peinlichsten Eindruck auf ihn gemacht , als er noch voll von diesen Empfindungen zu Robrans kam und der Erste , der ihm dort entgegentrat , - Oswald war . Ja , diese Begegnung hatte ihn so peinlich berührt , und eine mögliche Wiederholung derselben dünkte ihn so abscheulich , daß er ganze acht Tage brauchte , sich von diesem Schrecken zu erholen , und wer weiß , wie lange er noch gebraucht haben würde , wenn Sophie nicht gekommen wäre und seiner Unentschlossenheit ein Ende gemacht hätte . Und doch hatte ihn in diesen acht Tagen so nach seiner Freundin verlangt ! Glücklicherweise traf er Sophie dieses Mal allein , als er nach einer Stunde im Wohnzimmer erschien . Franz war eben dagewesen und hatte versprochen , später wieder zu kommen . Es fiel Sophie auf , daß Bemperlein mehrmals fragte : aber wir werden doch sonst keinen Besuch haben ? und sie brachte diese Frage natürlich mit den Vermuthungen , die sie über Bemperleins Wegbleiben angestellt hatte , in Verbindung . So sagte sie denn , nachdem sie Bemperlein , der mit dem Schüreisen unablässig in den Kohlen rührte , eine Zeitlang schweigend beobachtet hatte : Nicht wahr , Bemperchen ,