» Tonnerre ! « fluchte der tailleur de Paris , aus dem Bette springend und nach dem Feuerzeug greifend : » Fräulein , ich bitte Sie - « Aber die Stimme wurde nicht mehr gehört . Als der unselige Vater den Kopf aus der Tür steckte , war auch nichts zu sehen , weder eine Katze noch ein Drache noch Fräulein Aurora Pogge . Nur im ersten Stock knarrte eine Tür und ließ sich ein mühsam unterdrücktes Hohngelächter vernehmen . Im tiefsten Negligé hielt der edle Vater die Lampe über das Lager der unglückseligen Tochter und stieß einen wahren Theaterschrei aus , da er das leere Nest erblickte . Sollte er jetzt nach der Walhalla stürzen und sein sündiges Kind aus dem üppigen Kreise der Freude reißen , um es in den tiefsten Schlund der zähneklappernden Schmach hinabzuschleudern ? Non ! Zu großer Skandal ! Impossible ! Der zürnende Vater vervollständigte aber nur um so mehr rachedürstend seine Toilette und legte sich auf die Lauer , bewaffnet mit einem Stock , der an Wucht und Elastizität selbst für Aurora Pogge kaum etwas zu wünschen übriggelassen hätte . Er zählte in schauerlicher Aufregung die langsamen Stundenschläge den Kirchuhren nach . Eins , zwei - drei - - vier - - - fünf ! Sein Zorn wuchs , je mehr die Nacht wich , je ärger ihn fror und je näher der Morgen kam . » Da sind sie ! - jetzt ! « ächzte er , wenn ein Tritt unter dem Fenster erschallte . Krampfhaft umspannte er den Stab Wehe ! » Wieder nicht ! « seufzte er in ohnmächtiger Wut . » O die Dirne , die unverschämte Diablesse ! « Er bereitete ein Glas Punsch , um sich warm und seine Wut heiß zu erhalten . Endlich um ein Viertel nach fünf kamen - sie ! Sie kamen durch einen leisen Regen , dicht aneinandergedrängt - ganz Paul und Virginie . Der Arm des Jünglings umschlang die Jungfrau aber kaum so fest wie die Hand des Vaters der Jungfrau das hispanische Rohr . Sie konnten anfangs das Schlüsselloch nicht finden ; es war , als habe selbst der Hausschlüssel eine Ahnung davon , daß jemand hinter der Tür stehe und warte . Sie fanden endlich das Schlüsselloch und traten auf den Zehen ein ; ein lautes Wehgeschrei und wildes Gefluche war die unmittelbare Folge davon . Der Stock war überall da , wo sie ihn nicht vermuteten ; er hüpfte und sprang , als sei er mit Leben , Verstand und Vernunft begabt ; die schmerzhaftesten Stellen suchte er sich aus , und Geschrei und Fluchen waren sehr schlechte Schutzmittel gegen ihn . Das Wehegeheul der Liebenden weckte aber das ganze Haus , und bis auf Fräulein Aurora Pogge glaubte jedermann wieder , es brenne abermals und das Haus stehe bereits in hellen lichten Flammen . Schreckensbleich , außer sich vor Entsetzen , stürzten die Bewohner der Nummer zwölf auf den Walplatz , und von jetzt an können wir die Fortsetzung des Berichtes wieder in die guten Hände des Polizeischreibers Fiebiger legen . Er wohnte den fernern Verwicklungen und der schließlichen Lösung bei und weiß gut zu erzählen . » Du hast wirklich nichts , gar nichts von dem Spektakel gehört , Ulex ? « Der Sternseher schüttelte den Kopf . » Das wundert mich doch . Der Lärm war großartig und gewiß eine Stunde weit zu hören . Im hohen Diskant kreischte der Schneider , die Tochter flötete wie eine Nachtigall , der ein Mehlwurm in die unrechte Kehle gekommen ist ; im sonorsten Tragödienpathos fluchte und perorierte mein Julius Schminkert dazwischen . Der Schneider hatte sich auf die beiden jungen Leute gestürzt wie der Bock auf die Haferkiste . Es gab heillose Schläge , und trotz meiner Stellung als Mann der allgemeinen Ordnung und Ruhe fühlte ich mich nicht bewogen , der Wut des Parisers Einhalt zu tun . Schade um jeden Schlag , welcher hier nebenaus ging ! Es war übrigens ein vollständiges Lustspiel im Augenblick der Krisis . Alle Figuren , welche Thalia ins Feld zu führen pflegt , waren vorhanden : der gekränkte Vater , die leichtfertige Schöne , der Liebhaber , die böse Nachbarin , der mürrische Nachbar , der gleichgültige Nachbar samt dem Chor der dienenden Geister . Lustig wirbelte das alles durcheinander , und als der Liebhaber dem zürnenden Papa endlich den Stock entriß , faßte Stibbe den Hausherrn und rief alle Strafen des Himmels und der Erde - als Schneider sagte er nicht : der Hölle - auf ihn herab , wenn er den Störenfried und Don Juan Julius nicht auf der Stelle aus dem Hause werfe . Auf die Augen des Fräuleins Pogge fuhr die liebende Tochter mit ausgespreizten Fingern zu , und bald sollte ich erfahren , daß es höchst wünschenswert gewesen wäre , wenn die schöne Angelika der Megäre die Sehorgane ausgekratzt hätte . Leider legten wir uns ins Mittel und retteten das Geschöpf vor ewiger Blindheit . Ich bewunderte den Schauspieler . Er hatte sich auf das Treppengeländer geschwungen und sah jetzt aus der Höhe ungemein kaltblütig auf das Getümmel der Parteien herab ; er ließ die Geister aufeinanderplatzen und schien durch kurze pikante Bemerkungen die Leidenschaften noch mehr steigern zu wollen . Der Schlingel wußte , daß er das Mittel habe , die hochschlagenden Flammen zu besänftigen ; er hatte dieses himmelblaue Büchlein hier , dieses , dieses , dieses ! in der Tasche und zog es hervor , als der Lärm den höchsten Grad erreicht zu haben schien . Man schweige ! rief er mit so dröhnendem Pathos , daß alle Blicke sich trotz allem auf ihn wendeten , zumal da Fräulein Aurora Pogge ein Gekreisch ausstieß , wie ich es noch nie gehört hatte und hoffentlich nimmer wieder hören werde . Sie wollte sich auf den Schauspieler stürzen ; aber dieser schrie , das blaue Buch schwingend : Haltet sie ! Laßt sie ja nicht heran ! Es gibt einen Mord ! Es geht um unser aller Leben ! Halten Sie sie doch , Stibbe ! Mäuseler , packen Sie zu ! - Wir griffen unwillkürlich alle zu , und Fräulein Pogge fiel fürs erste in Ohnmacht . Silentium ! wiederholte Julius Schminkert und hielt darauf ungefähr folgende Rede : Verehrungswürdige Anwesende beiderlei Geschlechts , süßeste Geliebte meiner Seele ; Sie , Stibbe , teurer Mann , den ich bald Schwiegerpapa zu nennen hoffe ; Sie , Mäuseler , edler Besitzer dieses Grund und Bodens ; Sie , Herr Polizei - - erlauben Sie mir , daß ich bereits zu Anfang dessen , was ich zu sagen habe , einige Tränen der Rührung vergieße . O Angelika , möge diese feierliche Stunde unser Geschick entscheiden - Fiebiger , lassen Sie doch die Alte , sie tut nur so und hört alles ! Angelika , ich liebe dich - hört es alle ! Monsieur Alphonse Stibbe , ich habe , siehe Akt fünf , von einer Tante achthundert Taler geerbt und halte hiermit feierlich um die Hand Ihrer Tochter an ! - Der kleine Schneider im fliegenden hellgrünen Schlafrock wollte wie ein erboster Grashüpfer gegen den Redner anspringen ; aber dieser wies ihn mit einer ebenfalls aus irgendeinem fünften Akt stammenden Handbewegung zurück und fuhr fort , während Aurora Pogge in meinen Armen anscheinend langsam das Bewußtsein wiedererlangte : Meine Herren und Damen , wer kennt die süßen Triebe nicht , durch welche die Welt besteht ? Wessen Herz ist so ausgebrannt , daß kein Flämmchen mehr daraus hervorzuckt , Herr Mäuseler , sei es auch nur dem letzten Aufflammen des Rums an einem Plumpudding vergleichbar ? ! Meine Herren , ich liebe mit der vollen Dampfkraft der Jugend diese hier gegenwärtige Jungfrau Angelika Stibbe ; sie ist und wird die Meinige mit dem Willen des Geschicks , gegen den Willen desselben ! Der Schauspieler warf einen Blick über die Versammlung der Hausgenossen , hob das blaue Buch , blätterte darin und fuhr fort : Wie aus diesem Manuskript - Fräulein Pogge wand sich wie ein Aal , dem lebend die Haut abgezogen wird - , wie aus diesem Manuskript hervorgeht , hat hier gegenwärtige , etwas reife Jungfrau , Fräulein Aurora Pogge , ihr Auge und ihr Herz auf hier ebenfalls gegenwärtigen Jüngling , Herrn Rentier Mäuseler , geworfen und will ihn heiraten mit seinem Willen , gegen seinen Willen . Der Redner machte lächelnd eine Pause , der Rentier sah sehr erschrocken und eselhaft aus ; Aurora in meinen Armen fiel scheinbar abermals in Ohnmacht . In dem himmelblauen Buche blätternd , sprach Julius Schminkert mit erhöhter Stimme : Pagina hundertundsechs beweist , daß Herr Alphonse Stibbe , Witwer von Karoline Stibbe geborener Triller , ebenfalls bereit ist , das sanfte Joch der Ehe sich wieder aufzuladen . Gegenüber - Der Schneider hing plötzlich am Halse des Deklamators und drückte ihm hastig die Kehle zu . Die schöne Angelika schlug die Hände mit lautem Geschrei zusammen : Steht das da , Julius ? O Himmel , steht das da ? Na , Papa ? ! - Ich erwürge dich , wenn du den Mund nicht hältst , flüsterte der Schneider dem zukünftigen Schwiegersohn ins Ohr , und dieser nickte lachend : Ruhig , Papa ; es steht hier noch manches andere über Sie geschrieben . - Und Julius Schminkert fing jetzt an , wirklich Bruchstücke der Memoiren des Fräuleins Aurora Pogge uns vorzutragen . Da aber brach ein allgemeines Wut- und Rachegeschrei unter den Hausgenossen los ; selbst mir sträubten sich die Haare in die Höhe . Ulex , dieses Weib ist bewunderungswürdig - eine geistige Gesche Gottfried , eine moralische Giftmischerin vom reinsten Wasser , reinster Aqua Toffana . Über uns alle ging es her , wir konnten keinen Atem mehr schöpfen unter den Ergüssen einer schönsten Seele , die sich jetzt über uns ergossen . Der Schneider fiel dem Schauspieler weinend um den Hals : Und du , mein Junge , hast dieses Scheusal enthüllt ? Ja , dafür sollst du mein Kind haben - wie du auch bist , mein Sohn ! O dieser Satan ! Diese Teufelin ! - Aber jetzt war ' s wirklich Zeit , daß ich eingriff ; man hätte die Schriftstellerin sonst in Stücke zerrissen ; laut schreiend floh sie die Treppe hinauf , und ich und Robert deckten unten an der Treppe ihren Rückzug . Ihr nach wollte der Zorn der Empörten , der Gekränkten , Verlästerten . Laßt uns durch ! schrie der Schauspieler . Durch ! durch ! ihr nach ! schrien die andern in allen Tonarten ; aber wir hielten gut und trieben den wohlberechtigten Ansturm zurück . Bahn frei , unnatürlicher Sohn der Polizei , rief Schminkert unsern Robert an und setzte hinzu : Sie sollten doch auch Partei für uns nehmen , Wolf . Vivat Helene Wienand , Pagina zweihundertdreizehn . - Was soll Helene Wienand ? frage ich erstaunt , und der Schauspieler antwortet lachend : Fragt nur diesen Jüngling aus dem provinzialen Urwalde selber , Fiebiger . Hurra , Sturm , Sturm ! Vorwärts , Schwiegerpapa ! Schlagt ihr die Tür ein , hinaus mit ihr aus dem Hause ! En avant , Mäuseler ! Marsch , marsch , trarara ! Hinaus mit ihr auf die Straße ! - Ich faßte jetzt denn doch den Tollkopf an den Schultern , nahm ihn , sehr ruhig geworden , beiseite und fragte ihn ernstlich , was er mit seinen Worten über das Fräulein Wienand gemeint habe ; selbstverständlich war es aber unmöglich , in diesem Augenblick von ihm Ausführlicheres über die Sache zu erfahren . « » Und Robert ? « fragte der Sternseher . » Ja Robert . Na , du hättest den Jungen sehen sollen ! Erstarrt stand er , wurde abwechselnd rot und bleich , zuletzt so totenbleich , daß ich fast Furcht bekam . Glücklicherweise fing ich seine Faust , die eben den Schauspieler niederschlagen wollte , auf . Ich ließ natürlich auf dieses hin die andern ihre Angelegenheiten mit Fräulein Pogge allein ausmachen und zog unsern Zögling am Ohr die Treppen hinauf . Er ließ sich willenlos ziehen und - « » Und ? ! « fragte der Sternseher . » Und ich erfuhr , daß Julius Schminkert , daß das Tagebuch Auroras recht habe ! « antwortete der Schreiber , kläglich die Hände faltend . » Was sollen wir nun mit dem Geschöpf anfangen , Ulex ? « » Erzähle mir dein Gespräch mit dem Knaben ; ich werde dir dann meine Meinung sagen . « » Der arme Junge « , seufzte Fiebiger , » eben haben wir ihn aus dem Regen glücklich ins Trockene gebracht , so gerät er unter die Traufe , in des Wortes verwegenster Bedeutung . Wie ein Ölgötze stand der arme Sünder da und beichtete , was er zu beichten hatte . Es war nicht viel ; aber es war genug , übergenug für mich . Ich schüttle den Erstarrten ; aber es kostet Mühe und Zeit , ehe er meine Fragen beantwortet . Endlich faßt er wild meine Hände , so daß ich noch jetzt blaue Flecke davon aufzuweisen habe , und sieht sich verstört um nach dem Haufen Wüstensand , in welchen er seinen Kopf stecken kann . Unten im Hause vor der verriegelten Tür Aurora Pogges singt währenddem die wütende Hausgenossenschaft dumpf den Chor der Rächenden aus Lucrezia Borgia : Deine Wut riß aus liebenden Armen Meinen Ohm Appian ohn Erbarmen ! Schauerlich klingt die Weise herauf , und mein Robert ringt die Hände : Was soll ich sagen ? Ich weiß es nicht , ich habe es nicht gewußt ; o Gott , ich wußte es ja selber nicht ; wer hat es ihnen gesagt ? - Er bittet mich , ihn fortzuschicken - grade wie damals - , ich soll ihn ziehen lassen in seine Heimat , ruft er , und ich habe alle Not , ihn nur etwas zur Ruhe zu bringen . Es ist so , Heinrich Ulex , die armen Kinder haben sich öfters gesehen und gesprochen , als für ihre Ruhe gut war . Diesmal aber hat die Liebe den albernen Jungen auf eine andere Art gepackt . Die Geschichte mit Eva Dornbluth ist gar nichts dagegen . Er hat wieder merkwürdig unruhige Tage und Nächte hingebracht - daher seine Zerstreutheit - « » Sein Mißbrauch meiner Fernröhre ! « warf der Sternseher ein . » Daher sein Maulaufsperren , sein Aufschrecken bei jeder unvermuteten Anrede ! Ich habe dem Schauspieler dies himmelblaue Buch abgenommen , es steht mancherlei über das neue Verhältnis darin ; aber Julius Schminkert selbst wußte doch noch mehr . Der Narr hatte schärfere Augen gehabt als wir Alten . O Himmel , Heinrich Ulex , wie sind wir hinter das Licht geführt ! Der Junge liegt jetzt auf meinem Sofa und hat das Gesicht in den Händen vergraben ; Ludwig Tellering ist heute morgen auch auf meiner Stube gewesen ; auch der hat mehr gesehen als wir alten klugen Leute . O Heinrich , Heinrich , ich hatte die beste Hoffnung , aus meinem Knaben einen gescheiten , behaglichen Hagestolz zu machen . Nun ist die Hoffnung ins Wasser gefallen , und der Teufel mag sie wieder herauffischen . Zum Teufel ; der Narr hat doch schon ein gut Stück vom Weibervolk kennengelernt ! Oh , oh , oh , Heinrich Ulex , was fangen wir mit dem Jungen jetzt an ? « Der Sternseher sah in den Nebel , der jetzt bedeutend sich gelichtet hatte ; er sah nach der Decke , sah auf den Boden , sah höchst bedenklich seinen Freund an . Er schüttelte den Kopf und sprach endlich : » Wir wollen das Fräulein von Poppen fragen . Ich werde zu ihr gehen . « Zweiundzwanzigstes Kapitel Die Lebendigen wandeln in Unruhe - der Tod guckt in das Buch Der Polizeischreiber schlug sich vor die Stirn wie jemand , dem ein großes Licht aufgeht . » Das ist das Richtige , Heinrich ! « rief er . » Geh zu ihr ; die Geschichte geht sie fast noch mehr als uns an . Sag ihr , sie solle die Kleine tüchtig ins Gebet nehmen . Was hat das Mädchen meinem armen Waldteufel in den Weg zu laufen - o diese Weiber , diese Weiber ! « Der Polizeischreiber machte seinem Herzen noch lange in ähnlicher Weise Luft ; der Astronom aber machte Toilette , und das war nichts Geringes für ihn . Er schwitzte jedesmal Angstschweiß dabei , suchte stundenlang Dinge , die er bereits um und an sich hatte , und stieg zuletzt doch die Treppe mit dem Gefühl herunter , daß trotz aller angewandter Mühe noch nicht alles in Ordnung sei . Weshalb wären auch sonst soviel Leute stehengeblieben , um ihm nachzublicken ? Je mehr der Sternseher sich in den Gassen fürchtete , desto gemessener , feierlicher , würdiger wurde sein Schritt . » Welch ein Pedant ! « sagten die Leute , die ihm begegneten und ihn nicht kannten . » Welch eine treffliche Bühnenfigur ! « sagte der Lokalpossendichter , » den Mann werde ich studieren und gut verwenden ! « Er hielt nur halb Wort ; freilich studierte er den komischen Kauz , aber er brachte ihn nicht auf die Bühne ; tief zog er den Hut ab , wenn er und Heinrich Ulex später sich wieder begegneten . Komisch , possenhaft war der Mann doch nicht zu verwerten . Nach elf Uhr erreichte der Gelehrte die Wohnung des Freifräuleins , die in einem durchaus nicht vornehmen Stadtviertel lag . In der Schulstraße wohnte Juliane zu ebener Erde in einem Eckhause , dessen Fenster zum Teil auf einen wimmelnden Gemüsemarkt sahen , und die Zimmer boten einen ganz andern Anblick dar wie die der Baronin Viktorine in der Kronenstraße . Die kleine , lahme , zynische Philosophin hielt nicht viel auf weiche Diwans , Fauteuils und Teppiche ; aber sie liebte schöne Gemälde und Kupferstiche und hatte ihre Wände reichlich damit geschmückt . Seltsamerweise schien das Freifräulein vorzüglich eine Vorliebe für die Riedingerschen Tier- und Jagdstücke zu haben ; sie besaß deren eine große Anzahl und hatte ihnen in reichen Goldrahmen fast überall die Ehrenplätze angewiesen . Das alte Junkerblut und der Winzelwald konnten sich eben nicht verleugnen . Es gab im Haushalt des Freifräuleins keine schnippische Lisette , keinen gespreizten galonierten Baptiste . Ein kleines Mädchen , welches Juliane aus der Armenschule zu sich genommen hatte , öffnete dem Sternseher die Tür und sagte : » ' s Fräulein ist drin mit ' n Herrn . « Ulex klopfte nochmals leise an eine zweite Tür , und diesmal öffnete das Freifräulein selbst , trat aber einen Schritt zurück , als es den alten Freund erblickte . » Ulex ? ! Um des Himmels willen , wie kommen Sie - was ist geschehen ? Ist der Mond heruntergefallen ? Ist etwas mit der Sonne passiert ? Herein mit Euch , Mann - was treibt Euch hierher ? « Der Greis wurde ins Zimmer gezogen , er wurde auf einen Stuhl gedrückt , der Hut wurde ihm abgenommen , ehe er zu Atem gekommen , ehe er seiner Verwirrung Herr geworden war . Ein anderer , jüngerer Herr hatte sich von einem andern Stuhl erhoben . » Mein Neffe , Leon von Poppen « , sagte das Fräulein vorstellend . » Herr Ulex , mein alter Freund . « Beide verbeugten sich voreinander , und Leon dachte : Bien , den Burschen hätt ich schon längst gern gekannt . Laut sagte er : » Sehr erfreut , Ihnen die Hand drücken zu können , Herr Doktor - « » Es ist eine große Ehre für Sie , lieber Neffe ! « sagte das Freifräulein . » Nun , Ulex , reden Sie ; was ist geschehen ? Es muß etwas Außergewöhnliches sein . « Wäre der gelehrte Mann , der weise Beobachter der Sterne nicht solch ein altes Kind gewesen , so würde er sich gewiß zweimal bedacht haben , ehe er in Gegenwart Leons von Poppen das ausgesprochen hätte , was ihn durch die Gassen trieb , was ihn zu der alten Freundin führte . Aber Heinrich Ulex bedachte sich nicht ; er verstand es nicht , etwas zu verbergen , wenn er sich der Tochter des Poppenhofes , der Elfin des Winzelwaldes gegenüber befand . Er hatte keine Ahnung davon , daß der Bericht dieser einfachen Liebesgeschichte den ernsthaften , bescheidenen jungen Mann , den Neffen seiner Freundin , auch sehr interessieren könne . Unter der Maske lächelnder Gleichgültigkeit verbarg Leon von Poppen seine Verwunderung : Höchst originell , überraschend merkwürdig ! dachte er . Diese Wölfe scheinen prädestiniert zu sein , mich überall zu contrecarrieren . Dieser Lümmel vorzüglich ; - ausgezeichnet - Eva - Fräulein Helene Wienand ! Per Bacco , der Einfall dieses Einfaltspinsels und übergeschnappten Professors , jetzt hierherzukommen , um bei ma tante Vortrag zu halten , ist anerkennungswert ; nicht zu bezahlen , auf Ehre ! Werde aber doch den Bauernjungen schärfer im Auge behalten und meine kleine Zukünftige auch nicht vergessen . Hoch auf horchte das Freifräulein , als es die große Neuigkeit vernahm , sie nahm bedeutend mehr Prisen als sonst , und ihre Nasenspitze rieb und behandelte sie so , als sei dieselbe durchaus nicht ihr persönliches Eigentum . Dagegen unterbrach sie , ganz gegen die Gewohnheit der Weiber , die Erzählung des Alten nicht , sondern ergriff erst das Wort , nachdem der Berichterstatter mit einem Gestus , welcher nur bedeuten konnte : so , gottlob , meine Seele ist die Last los - atmend das Kinn auf den Stockknopf stützte . Nun hob das Fräulein die kluge , spitze , rotgeriebene Nase , trommelte auf der Dose und rief : » Das ist freilich eine tolle Nachricht , die Ihr mir bringt , Ulex . Ei , ei , also das ist ' s ? ! « Sie versank in ein tiefes nachdenkliches Schweigen , der Sternseher rührte sich nicht , Herr Leon von Poppen betrachtete mit ungeheurer Aufmerksamkeit einen Kupferstich , auf welchem ein Fuchs geduckt einen Hühnerstall umschlich : Höchst angenehme Situation für einen im geheimen Liebenden - une école ! Man kann doch immer etwas lernen . Wieder aufschauend , sprach das Freifräulein : » Also das ist ' s ! Na , Gott sei Dank , Ulex ; es hätte schlimmer sein können . Daß meinem Pflegekinde außer der Sorge um den närrischen Vater noch etwas anderes auf dem Herzen lag , habe ich längst gemerkt ; - dies freilich ahnte ich nicht . Wir wollen jetzt nicht weiter darüber reden , Ulex ; mein Neffe dort würde sich zu sehr langweilen . Erwartet mich heute abend zur gewohnten Stunde auf Eurem Turm , Alter . Wir haben Fritz zu unserer Beratschlagung ebenfalls nötig ; - übrigens macht Euch keine unnötigen Sorgen , Ulex ; wir wollen den Kindern schon die Köpfe zurechtsetzen . « Der Sternseher nahm Abschied von der alten Freundin und ging auf möglichst menschenleeren und verborgenen Pfaden nach Haus . Auch der Baron von Poppen verabschiedete sich von der Tante , und diese sagte bei seinem Weggehen : » Haltet Euch gut , Poppen ; ein Narr seid Ihr und bleibt Ihr ; aber ich glaube fast , es steckt doch noch ein Keim zu einem anständigen Menschen in Euch . « » Dank für die gute Meinung , teuerste Tante « , lachte Leon , der alten Dame die Hand küssend . » Man sieht doch wenigstens , daß Sie den Glauben an die Menschheit noch nicht verloren haben . Au revoir ! « Damit ging auch der Baron und legte sich im Zimmer seiner Mutter hinter der Gardine auf die Lauer ; aber er bekam nicht einmal den Schatten Helenes zu Gesichte . Gegen vier Uhr nachmittags seufzte er : » Mama ! « » Was gibt es , Leon , du böses Kind ? « » Mama , da macht soeben chère tante unserm liebenswürdigen Vis-à-vis die gewohnte Visite ; darf ich ihr eine Kußhand zuwerfen ? « Im geheimen setzte er hinzu : Könnte ich doch die alte Schachtel begleiten ! Victorine de Poppen , née de Zieger , welche bis dahin auf ihrem Diwan im gewohnten apathischen Halbschlummer gelegen hatte , richtete sich höchst lebendig , aufgeregt , entrüstet auf die Ansprache des Sohnes hin in die Höhe : » Leon , ich verbitte mir jetzt ganz ernstlich diese gräßliche Art , in welcher du mir seit deiner sogenannten Umwandlung jeden ruhigen Augenblick verdirbst . Was gehen mich die Leute drüben an ? Du scheinst seit einiger Zeit ordentlich Buch über ihr Tun und Lassen zu führen . Und die Person - ich sage dir , Leon , wenn du deine arme unglückliche Mutter in ein frühzeitiges Grab stürzen willst , so setze diese seit kurzem von dir angenommene abscheuliche Weise fort und ärgere mich durch Erwähnung ihres Namens . Leon , Leon , trotz deiner mirakulösen Besserung machst du mir doch Kummer genug ; Frau von Flöte - « Diesmal war an dem vortrefflichen Freiherrn die Reihe , sich die Nennung eines Namens höchlichst zu verbitten . Der junge Mann fühlte sich , nachdem er von dem Besuch bei der Tante zurückgekehrt war , wieder einmal recht hinfällig an Körper und Geist . Es gab einen Augenblick , in welchem er beschloß , seinen so energisch aufgegriffenen Plan fallenzulassen ; aber eine lichte Gestalt , ein Schein , der drüben an den Fenstern des Bankiers Wienand hinglitt , litt das nicht . Herr Leon von Poppen mußte weiter auf der so kühn beschrittenen Bahn , trotz Kopfweh , Nervenzucken und Rheumatismus . Es war nicht zu verlangen , daß der Baron in der Nacht , welche auf diesen merkwürdigen Sonntag folgte , von Lydda von Flöte anders träumte als von einer Hexe , die auf einem Heiratskontrakt in viel lieblichere Traumbilder störend hereingaloppierte , während Robert Wolf und Eva Dornbluth mit einem tollen indianischen Kriegstanz um das Bett des Freiherrn sich belustigten . Der arme Robert ! Er dachte nicht im mindesten daran , Herrn Leon von Poppen irgendwie , weder geistig noch körperlich , zu belästigen . Auf der Stube des Polizeischreibers gab er sich selbst den wildesten , schwärzesten Phantasien hin , und den Schlüssel zur Stube hatte der Polizeischreiber vorsichtig ausgezogen und in die Tasche geschoben , ehe er seine Wohnung verließ , um sich zu der verabredeten Zusammenkunft auf dem Observatorium des Sternsehers zu verfügen . Im Erker des Nikolausklosters aber sagte Juliane von Poppen : » Ich habe alles reiflich überlegt , ihr Herren . Ich werde meinem Kinde nicht auseinandersetzen , welche Entdeckung wir gemacht haben . Die Tage des armen Herzens sind finster genug geworden ; es ist kaum zu glauben , was es um den Vater leidet . Vielleicht ist es ein hohes Glück , daß diese erste Neigung dem Kinde grade jetzt gesendet wurde . Wir dürfen keinesfalls mit zu harter Hand dareingreifen . Wir wollen der armen Helene diesen blauen Fleck am dunkeln Himmel so lange als möglich lassen ; und wenn wir auch schärfer Wacht halten als bisher , so wollen wir es sie doch nicht merken lassen . Den Jungen , den Schlingel , könnt Ihr freilich schon härter anpacken , Fiebiger . Redet ihm ins Gewissen , Alter . Erinnert ihn an seine Schauspielerin oder Sängerin ; es schadet gar nichts , wenn Ihr ihm den leichten Sinn ein wenig niederdrückt . Der Bursche ist noch sehr jung ; man hat mit seinem Herzen gespielt , nun soll er nicht mit dem meines Kindes spielen dürfen . Laßt ihn tüchtig arbeiten , laßt ihn lernen , legt ihm eine eiserne Hand auf den Kopf und zeigt ihm jetzt das Leben so nüchtern wie möglich . Wenn in dieser Neigung die rechte Kraft ist , so wird er den Kopf schon wieder aufrichten , und die Zukunft wird das Dienliche bringen ! Wir wollen uns nicht zuviel Sorge darüber machen . Wann denkt Ihr den Knaben aus Eurer Schule entlassen zu können , Ulex ? « » Ich hoffe , daß wir ihn im nächsten Frühjahr auf die Universität senden können « , antwortete der Sternseher . » Vortrefflich ! Das paßt ganz . So habt denn gute Acht auf den Knaben , ihr Herren ; für das Mädchen will ich schon sorgen . « - Als Friedrich Fiebiger und Juliane von Poppen vom Turm des Sternsehers niedergestiegen und in den Klosterhof getreten waren , war der erste Schnee des Winters gefallen , und über die Stadt und weit über alles Land lag die weiße Decke gebreitet . Stumm gingen die beiden alten Leute nebeneinander , man hörte ihre Schritte nicht , weder auf dem Hofe von Sankt Nikolaus noch in der Straße , noch in dem Hofe von Nummer zwölf in der Musikantengasse . Sie sahen noch einmal in die Wohnung des Tischlers Johannes Tellering , sie beugten sich still über das Lager des Kranken . Hinter ihnen her war verhüllt ein anderer , noch lautloseren Schrittes , gegangen ; er stand auch jetzt hinter ihnen und blickte ihnen über die Schultern und schüttelte wie sie den Kopf . Alle in dem dämmerigen Gemach ahnten seine Gegenwart und schauderten - - Johannes Tellering sollte nun nicht lange mehr leiden . Als Juliane und der Schreiber aus der Hofwohnung wieder ins Freie getreten waren und mit vollen Zügen die frische Luft geatmet hatten , sagte das Freifräulein : » Wie wunderlich , wunderlich - wie Herzen ihre Hoffnungen da aufbauen , wo ebenso viele Hoffnungen zugrunde gehen ; - o Fritz , es muß doch eine tüchtige Lebenskraft in der Welt stecken ! - - « Noch einmal sahen sich Robert und Helene am Bette des Meister Johannes , und das war gut ; dann endete das Leben des alten Handwerksmannes , und das