neben einem armen Sünder hin und herschreiten sah - ich selbst verspüre schon seine Einwirkung . Es ist ein Dämon in dem Manne , ein Dämon , den man entweder lieben oder hassen , oder vielmehr lieben und hassen muß , denn ich möchte diesen Menschen gern hassen und kann es nicht . Und was hat er dir denn auch schließlich gethan ? Wenn er Melitta noch immer liebt , wie ich glaube , so bin ich für ihn ein schlimmerer Feind , als er für mich . Aber warum hat mir Melitta nicht gesagt , wie ihr Verhältniß mit dem langen Gespenst dort war und ist ? ich hätte sie heute nicht gekränkt . Arme Melitta ! wie sie mich ansah - und was würde sie sagen , wenn sie die Scene in der Fensternische gesehen hätte ? - Das süße , herzige Mädchen ! - und auch ihre Augen waren voll Thränen , als sie im Wagen saß und mich so unverwandt anblickte . O ! wer könnte so grausam sein , die Liebe dieses holden Geschöpfes zurückzuweisen ? Und dennoch : All ' dies Neigen von Herzen zu Herzen - Ach , wie so eigen schaffet es Schmerzen . Heiliger Goethe , bitt ' für mich ! Du hast ja auch die Lilie nicht verschmäht , weil die Rose so schön ist , und deshalb umgiebt nun ein Kranz von Rosen und Lilien Dein ambrosisches Haupt . Du hättest die kleine Emilie an Dein großes Herz genommen und hättest ihr sanft die üppigen Haare aus der Stirn gestreichelt und hättest sie zärtlich auf die zärtlichen Augen geküßt . O , ihr ewigen Sterne , wie reizend das Kind in dem Augenblicke war ! Denn Alles in Allem ist es doch nur ein Kind , und morgen wird sie in ihrem Daunenbettchen erwachen und glauben , daß sie die Scene in dem Erker geträumt hat . So suchte Oswald sein Gewissen zu beschwichtigen - für den Augenblick gelang es ihm auch . Darf ich jetzt bitten einzusteigen , Herr Doctor ? rief der Baron , der mit Herrn von Barnewitz herantrat . Es bleibt also dabei , Barnewitz ? Verlaß Dich darauf ! sagte dieser , dem die Unterredung mit seinem Mentor und die kühle Nachtluft sehr wohl gethan zu haben schienen . Verlaß Dich d ' rauf . Ich gebe Dir mein Ehrenwort , daß ich - St ! sitzen Sie bequem , Herr Doctor ? Adieu , Barnewitz ! fort , Karl ! Siebenundzwanzigstes Capitel Die Pferde zogen im Galopp an , der leichte Holsteiner-Wagen rasselte über den etwas holprigen Damm des Hofes . Im Nu lag das Schloß mit seinen noch immer lichterhellten Fenstern , die dunklen Scheunen und Ställe , die kleinen Häuslerwohnungen hinter ihnen , und sie befanden sich draußen zwischen den nickenden Kornfeldern und den nebelverhüllten Wiesen . Die kurze Sommernacht ging zu Ende . Im Osten verkündete ein hellerer Streifen den neuen Tag ; die Dämmerung breitete über Alles gleichmäßig ihren grauen Schleier . Gerade vor ihnen nach Norden wetterleuchtete es von Zeit zu Zeit aus den trüben , dichten Dunstmassen . Alles war noch still auf den weiten Feldern , selbst die Lerche , die Tagverkünderin , säumte noch . Oswald hatte sich in eine Ecke zurückgelehnt , und sah träumend in die Dämmerung hinaus , nur manchmal , wenn der Dampf von des Barons Cigarre an ihm vorbeifuhr , wandte sich sein Blick auf diesen , der den Hut etwas in den Nacken gesetzt , den Kragen seines Rockes in die Höhe geschlagen , die langen Beine von sich streckend , in Nachdenken versunken schien . So mochten sie wohl eine Viertelstunde lang schweigend neben einander gesessen haben , als der Baron plötzlich sagte : Sie rauchen ja nicht ? Nein . Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten ? Ich danke : ich bin kein Raucher ! Das ist wunderbar . Weshalb ? Weil ich nicht begreifen kann , wie es ein Mensch im neunzehnten Jahrhundert aushalten kann , ohne Tabak oder Opium zu rauchen , Haschisch zu kauen oder sonst auf irgend eine Weise das katzenjämmerliche Gefühl seiner elenden Existenz in etwas abzuschwächen . Und gerade von Ihnen begreife ich es am wenigsten . Warum gerade von mir ? Weil , wenn mich nicht Alles täuscht , Sie vor Sehnsucht nach der blauen Blume tödtlich erkrankt sind , und in dieser unbefriedigten Sehnsucht auch eines schönen Tages sterben werden . Sie erinnern sich doch der blauen Blume in Novalis ' Erzählung ? der Blume , nach der Heinrich von Ofterdingen ' s armes Herz verschmachtete ? Die blaue Blume ! Wissen Sie , was das ist ? das ist die Blume , die noch keines Sterblichen Auge erschaute , und deren Duft doch die ganze Welt erfüllt . Nicht alle Creatur ist fein genug organisirt , diesen Duft zu empfinden ; aber die Nachtigall ist von ihm berauscht , wenn sie beim Mondenschein oder in der Dämmerung des Morgens singt und klagt und schluchzt , und all die närrischen Menschen waren es und sind es , die früher und jetzt in Prosa und Versen dem Himmel ihr Weh und Ach klagten und klagen , und noch Millionen dazu , denen kein Gott gab , zu sagen , was sie leiden , und die in ihrer stummen Qual zum Himmel blicken , der kein Erbarmen mit ihnen hat . Ach , und aus dieser Krankheit ist keine Rettung - keine , als der Tod . Wer nur einmal den Duft der blauen Blume eingesogen , für den kommt keine ruhige Stunde mehr in diesem Leben . Als wäre er ein verruchter Mörder , als hätte er den Herrn von seiner Schwelle gestoßen , so treibt es ihn weiter , und immer weiter , wie sehr ihn auch seine wunden Füße schmerzen und es ihn verlangt , das müde Haupt endlich einmal zur Ruhe zu legen . Wohl bittet er , von Durst gequält , in dieser oder jener Hütte um einen Labetrunk , aber er giebt den leeren Krug ohne Dank zurück ; denn es schwamm eine Fliege in dem Wasser , oder das Gefäß , und wäre es von Asbest , war nicht reinlich , und so oder so - Erquickung hatte er sich nicht getrunken . Erquickung ! Wo ist das Auge , in das wir einmal geschaut haben , um nie wieder in ein anderes , glänzenderes , feurigeres schauen zu wollen ; wo ist der Busen , an dem wir einmal ruhten , um nie wieder das Pochen eines anderen , wärmeren , liebedurchglühteren Herzen hören zu wollen ? wo ? ich frage Sie , wo ? Der Baron schwieg ; Oswald fühlte sich auf die seltsamste Weise bewegt . Was der sonderbare Mann an seiner Seite in einem fast elegischen Tone , der auffallend mit seiner sonstigen herben , rauhen Weise contrastirte , wie träumend , wie mit sich selbst redend , sprach , das waren so ganz seine eigenen Gedanken , die er oft und oft , als Knabe schon , und immer wieder im Leben gehabt , daß ihm fast ein Grauen ankam vor dieser geistigen Doppelgängerei . Er fand keine Antwort auf eine Frage , die er selbst aufgeworfen zu haben schien . Es hat mir immer viel zu denken gegeben , hub der Baron wieder an , daß der Mensch sich selbst , seine Existenz erst mehr oder weniger vergessen muß , bevor er in den Zustand kommt , den wir in Ermangelung eines andern Wortes mit glücklich bezeichnen , und daß wir ihn um so glücklicher nennen müssen , je tiefer diese Vergessenheit ist . The best of life is but intoxication , sagt Lord Byron ; ja wohl ! die Liebe , die Romeo- und Julieliebe , für die man in den Tod geht , wie zu einem heitern Fest , ist auch nur ein Rausch ! Schlafen ist besser als wachen , sagt die Weisheit der Inder ; das Beste von Allem aber ist der Tod . Und doch tödten sich im Verhältniß so wenig Menschen - warf Oswald ein . Ja , das ist merkwürdig genug , sagte der Baron , besonders heut ' zu Tage , wo die Meisten sich selbst vor den Hamlet-Träumen , die uns in jenem ewigen Schlafe kommen möchten , nicht mehr fürchten . Sollte dies nicht ein Beweis dafür sein , daß es mit dem vielgeklagten Unglück dieser Leute so sehr arg nicht sein kann ? Vielleicht ; vielleicht beweist es aber auch nur , wie schwer es dem Menschen wird , die letzte Hoffnung schwinden zu lassen . Warum schleppt sich der verirrte Wanderer mechanisch weiter durch den tiefen Schnee ? warum späht der arme Schiffbrüchige auf Salas y Gomez ein halbes Jahrhundert über die öde Wasserwüste nach dem rettenden Segel ? warum zerschellt sich der auf Lebenszeit Eingekerkerte nicht den Kopf an der Wand seines Kerkers ? warum erhängt sich der arme Schelm , der morgen früh hingerichtet werden soll , nicht heute Nacht schon in seinen Ketten ? - weil ihr Unglück so groß nicht ist ? Pah , glauben Sie doch das nicht - einzig und allein , weil noch immer ein schwacher Schimmer von Hoffnung , von Rettung durch die Hölle ihrer Leiden dämmert , wie dort der blasse Streifen im Osten . Wenn auch dieser matte Schimmer einmal verlöschte , dann , ja dann muß die alte Mutter Nacht ihr armes , verirrtes Kind wiedernehmen , die milde , gute , liebevolle Todesnacht . Nach einer kurzen Pause , während welcher der Baron mächtige Dampfwolken aus seiner Cigarre geblasen hatte , fuhr er in etwas ruhigerem Tone fort : Ich bin ein paar Jahre älter als Sie , und das Geschick verstattete mir , in kürzerer Zeit ein größeres Stück vom Leben zu sehen , als es sonst wohl dem Menschen gegeben ist . Ich habe das , wovon der graue Freund dem jungen Wolfgang in Leipzig eine möglichst große Portion wünschte : Erfahrung . Ich könnte , müßte wenigstens mittlerweile erfahren haben , daß für mich und meinesgleichen keine Hoffnung mehr im Leben ist , und dennoch , trotzdem daß ich sage : ich habe keine Hoffnung mehr , hoffe ich im Stillen doch immer auf ein mögliches Glück , wie der Schwindsüchtige auf Genesung . Nehmen Sie zum Beispiel eine Gesellschaft , wie die , aus der wir eben kommen . Ich weiß , wie hohl die Freuden dieser Menschen sind ; ich weiß , wie kummervolle Gesichter , welch ' erbärmliche Armensündermienen sich hinter den lachenden Gesellschaftsmasken verstecken - ich weiß , daß dieses hübsche Mädchen in zehn Jahren eine unglückliche Frau oder eine Idiotin ist , daß dieser prächtige Junge , der den Kopf so hoch trägt und aussieht , als ob er sämmtliche zwölf Arbeiten des Herkules an einem Tage verrichten könne , ein plumper Landjunker sein wird , der gegen die Bauern das jus primae noctis geltend macht und nebenbei seine Frau womöglich prügelt - das weiß ich , und weiß noch mehr , und habe es tausend- und aber tausendmal im Leben gesehen , und doch bin ich noch so wenig blasirt , daß diese trügerische Fata Morgana eine zauberische Wirkung auf mich hat , bin so wenig ernüchtert , daß jede hübsche Mädchenblume die Hoffnung in mir erweckt , ich könnte wirklich einmal im Leben lieben oder geliebt werden , daß jede jugendlich schöne männliche Erscheinung mich wieder an Freundschaft glauben macht . Hätten Sie mir solchen Unsinn zugetraut ? Ich hätte nicht geglaubt , daß Sie so denken , so fühlen könnten . Und darin hatten Sie vollkommen Recht , sagte der Baron ; ich denke und fühle so auch nur , wenn ich , wie jetzt , complet betrunken bin . - Was war das ? Ein greller Schrei tönte aus geringer Entfernung durch den stillen Morgen zu ihnen herüber , - und noch einmal , schriller , verzweifelnder , wie wenn ein Weib - denn es war eines Weibes Stimme , das Messer in des Mörders Hand blinken sieht . Vor ihnen in geringer Entfernung lag ein Stück Waldland ; der Weg führte daran herum , das Geschrei mußte von der andern Seite kommen , die jetzt noch durch ein paar einzeln stehende Eichen und durch dichtes Unterholz verdeckt war . Zu , Karl ! zu ! schrie der Baron . Der Kutscher hieb kräftig in die Pferde . Die edlen Thiere , wie voll Entsetzen über eine so unwürdige Behandlung , stürmten mit einer Schnelligkeit dahin , die den Insassen des Wagens leicht hätte gefährlich werden können . Im Nu war die Waldecke erreicht . Sobald sie einen Blick auf die andere Seite werfen konnten , bot sich ihnen das befremdendste Schauspiel dar . - Ein seltsam gekleidetes , braunes Weib , um deren bläulich schwarze Haare ein Stück rothes Zeug turbanartig gewunden war , lief kreischend her hinter drei Reitern , die ihre Rosse zur größten Eile spornend , im nächsten Augenblick schon in einer neuen Biegung des Weges hinter den Bäumen verschwunden waren . Als der Wagen des Barons herandonnerte , sprang das Weib auf die Seite , und rief mit gellender Stimme , die Hände flehend erhebend : Mein Kind - mein Kind ! sie haben mir mein Kind geraubt ! Nur mit Mühe konnte der Kutscher die Pferde zum Stehen bringen . Oswald , der in dem Weibe sofort die braune Gräfin erkannt hatte , war vom Wagen herabgesprungen . Rette mein Kind , Herr ! rette mein Kind ! schrie die Zigeunerin , sich vor ihm niederwerfend und seine Kniee umklammernd . Der Baron lachte . Eine ungeheuer romantische Situation , Herr Doctor , rief er vom Wagen herab . Morgendämmerung , Wälderrauschen , Zigeuner , des Königs Hochstraße , - wahrhaftig : reiner Eichendorff ! Unterdessen , daß Sie die schöne Beraubte trösten , will ich den Räubern nachsetzen , die übrigens nur Schafe in Wolfskleidern , das heißt ein paar unserer hohlköpfigen Junker sein werden , die das Ganze für einen genialen Spaß halten . Der auf dem Schimmel war der junge Herr von Nadelitz , sagte der Kutscher , der die wilden Pferde kaum halten konnte , über die Schulter gewandt . Zu ! rief der Baron , wir wollen die Junker Mores lehren ! Der Wagen donnerte weiter . Die Zigeunerin hatte sich wieder erhoben . Sie sah dem Wagen nach , der in rasender Schnelligkeit auf dem höckrigen Waldweg dahinfuhr und jetzt hinter der vorspringenden Ecke verschwand . Ein seltsames Lächeln flog über ihr Gesicht , während sie , in athemloser Aufmerksamkeit lauschend , dastand . Dann , als ihr scharfes Ohr das Rollen des Wagens nicht mehr vernahm , kreuzte sie die nackten Arme über der vollen Brust , deren unruhiges Wogen einzig von dem Sturm , der eben noch ihren ganzen Organismus erschüttert hatte , zeugte , und starrte , in tiefes Nachdenken versunken , düster vor sich nieder . Plötzlich hob sie den Kopf und sagte , die großen glänzenden Augen auf Oswald heftend : Kennst Du den schwarzen Mann , der mir die Czika wiederbringt ? Ja , Isabell . Ist er Dein Freund ? Nein . Aber er wird es einst sein ? Vielleicht . Ist er gut ? Ich halte ihn dafür . Gedenkst Du noch des Nachmittags am Sumpfesrand , Herr ? Ja , Isabell . Kannst Du die Stelle wiederfinden ? Ich glaube , ja ; - weshalb ? Willst Du , wenn wiederum der volle Mond , wie heute Nacht , am Himmel steht , den schwarzen Mann an diese Stelle führen ? O , sage : ja ! bei Deiner Liebe zu der schönen , guten Frau , bei den Gebeinen Deiner Mutter beschwöre ich Dich , sage : ja ! Die Zigeunerin hatte sich abermals vor Oswald auf die Kniee geworfen , und blickte , die Hände über den Busen kreuzend , flehend zu ihm empor . Steh ' auf , Isabell ; sagte der junge Mann : ich will Deinen Wunsch erfüllen , wenn ich kann . Die Zigeunerin ergriff seine Hände , die er nach ihr ausstreckte , sie vom Boden zu heben , und küßte sie mit leidenschaftlicher Dankbarkeit . Dann sprang sie empor , eilte über die Breite des Weges dem Walde zu , und war im nächsten Augenblicke schon in dem dichten Gestrüpp , durch das sie mit der Kraft und Schnelligkeit des Hirsches sprang , verschwunden . Ehe sich Oswald von dem sprachlosen Erstaunen , in welches ihn das räthselhafte Betragen der braunen Gräfin versetzt hatte , erholen konnte , vernahm er schon das Rollen des Wagens , der in derselben Eile , mit der er sich vorhin entfernt hatte , zurückkam . Aber bevor das Fuhrwerk die vorspringende Waldecke , hinter der es verschwunden war , erreicht hatte , hielt es plötzlich , und um die Büsche herum kam der Baron , im bloßen Kopf , die kleine Czika auf dem Arm tragend . Wir haben gejagt , wir haben gefangen ! rief er schon von Weitem . Die feigen Wölfe ließen , sobald sie sahen , daß sie verfolgt wurden , die schöne Beute fahren , und machten , daß sie davon kamen . - So , Du kleiner Ganymed , nun sieh ' zu , ob Dich Deine Füße wieder tragen - Der Baron ließ das Kind aus seinen Armen auf den Boden gleiten . Aber wo ist denn die Mutter geblieben , oder wer sonst das braune Weib war ? fragte er , erstaunt , Oswald allein zu finden . Oswald theilte ihm in kurzen Worten mit , was sich während seiner Abwesenheit zugetragen hatte . Nun , das ist nicht übel , sagte der Baron ; ein Sache wird immer romantischer . Vollmond , Sumpfesrand , ein schlaues ägyptisches Weib und zwei gute deutsche Jungen , die sich nasführen lassen ! - was sollen wir denn mit der Czika , wie Sie die kleine Prinzessin nennen - denn ich wette , es ist ein gestohlenes Königskind - unterdessen anfangen ? Wenn wir sie nicht auf der offenen Landstraße zurücklassen wollen , werden wir uns wohl entschließen müssen , sie mit uns zu nehmen . Aber das Kind wird nicht mit uns gehen wollen . Höre , kleine Czika , willst Du mit mir gehen ? Ja , Herr , sagte das Kind , das bis jetzt , ohne eine Spur von Besorgniß , Furcht oder Angst zu verrathen , ruhig da gestanden hatte . Hm ! sagte der Baron , da komme ich ja zu einem Adoptivkinde , ich weiß nicht wie . Er war mit einem Male sehr ernst geworden . Er streichelte der Czika die blauschwarzen seidenen Locken von der feinen Stirn und betrachtete sie lange unverwand . Wie schön das Kind ist ! murmelte er ; wie wunderschön ! Und wie groß es geworden ist ! - komm mit mir , kleine Czika , Du sollst es gut , sehr gut bei mir haben ; ich will Dich mehr lieben , als Deine Mutter , die Dich so schnöde verlassen , Dich je geliebt hat . Mutter verläßt die Czika nicht ; sagte das Kind , ruhig zum Baron emporblickend ; Mutter ist , wo Czika ist ; Mutter ist überall . Sich von den Männern abwendend , legte es die Händchen an den Mund ; und in den stillen Wald hinein gellte ein Schrei , dem Ruf des jungen , hungrigen Falken täuschend ähnlich . Das Kind neigte den Kopf und lauschte ; der Baron und Oswald hielten unwillkürlich den Athem an . Da tönte aus dem Walde , aber offenbar schon aus größerer Entfernung , die Antwort : der helle , wilde Schrei des alten Falken , wenn er aus seiner luftigen Höhe , tief unter sich , die sichere Beute erspäht hat . Siehst Du , Herr , sagte das Kind ; Mutter verläßt die Czika nicht ; wenn Du die Czika mit Dir nehmen willst , die Czika will mit Dir gehen . Nun denn , so komm , Du junge Falkenbrut ! sagte der Baron , das Kind bei der Hand ergreifend . Kommen Sie , Doctor ! Ich glaube , daß Karl den Riemen , der vorhin riß , wohl wieder zusammengeflickt haben wird . Da kommt er schon . Alles in Ordnung , Karl ? Ja , Herr ! Die Herren stiegen ein , und nahmen das Kind zwischen sich . Fort ! rief der Baron ; scharfen Trab ! Bald kamen sie aus dem Walde auf die weite Haide , die sich zwischen Faschwitz nach Grenwitz hinzieht , dieselbe Haide , auf der Oswald die alte Frau aus dem Dorfe getroffen hatte . - Es war noch eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang . Am östlichen Himmel legte sich ein Purpurstreifen über den andern . Die Luft wehte vom Meer kühl her über das feuchte Moor . Die kleine Czika hatte sich dicht an den Baron geschmiegt und war fest eingeschlafen . Wie leicht das Kind gekleidet ist , sagte dieser ; es wird sich erkälten in der scharfen Morgenluft . Er richtete sich in die Höhe , zog seinen Ueberrock aus , hüllte die Kleine hinein , nahm sie auf den Schooß , und legte ihren Kopf an seine Brust . So , so ! sagte er gütig , so so ! und dann zu Oswald , der in Nachdenken über den räthselhaften Charakter des Mannes an seiner Seite versunken , schweigend dagesessen hatte : Ich komme Ihnen ein ganz klein wenig toll vor ; nicht wahr , Doctor ? Nein , sagte dieser , den Kopf emporhebend ; nicht im mindesten . Das kommt , weil Sie an derselben Krankheit laboriren . Was Andere vor Erstaunen sprachlos macht , erscheint uns ganz natürlich ; und was die guten Leute und schlechten Musikanten für ganz selbstverständlich halten , kommt uns oft geradezu fabelhaft vor . Ihnen wird es wohl nicht unglaublich erscheinen , wenn ich Ihnen sage , daß mir dieses Kind hier nun schon zum dritten Male im Leben begegnet , und daß ich so abergläubisch bin , in dieser dreimaligen Begegnung viel mehr zu sehen , als einen bloßen Zufall , wie ich denn überhaupt mit Wallenstein der Meinung bin , daß es keinen Zufall giebt . Und wo und wann glauben Sie die Czika gesehen zu haben ? Das erste Mal vor vier Jahren in England . Ich ritt mit einem paar meiner englischen Freunde in dem abgelegensten Theile eines Parks . Als wir im Galopp um eine Ecke auf die Landstraße biegen , steht ein Kind da - ein braunes Kind mit großen , glänzenden , schwarzen Augen - und hebt die Händchen bittend empor . Ich achtete seiner , in lebhaftem Gespräch begriffen , kaum . Als wir ein paar hundert Schritte weiter geritten sind , packt es mich plötzlich wie mit Geisterhand . Ich kann die Empfindung , die mich überkam , nicht beschreiben . Mir war , als hätte ich , an diesem holden , hülflosen Geschöpf gleichgültig vorüberreitend , einen Frevel begangen , der mich zu dem erbärmlichsten aller Menschen machte . Ich warf mein Pferd herum und jagte , wie wahnsinnig , nach dem Orte zurück . Das Kind war verschwunden . Ich rief nach ihm ; ich stieg ab ; ich durchsuchte die nächsten Gebüsche ; die Freunde halfen , trotzdem sie über meine Tollheit , wie sie es nannten , lachten . Vergebens . Das zweite Mal sah ich das Kind in Aegypten . Es sind jetzt gerade zwei Jahre . Wir , das heißt , eine kleine Caravane von Nilfahrern , die sich zufällig zusammengefunden hatten , durchzogen , auf Eseln reitend , die engen , winkligen Straßen Asyuts . Neben einer offenen Thür , durch die wir auf den stillen , schattigen Hof einer Moschee blickten , stand in der Nische der Mauer ein Kind , älter wie das Kind aus dem Park , und jünger wie das , welches hier in meinen Armen ruht , aber dasselbe braune Kind mit den blauschwarzen Locken und den leuchtenden Gazellenaugen . Wieder streckte es die Händchen bittend nach den Vorübergehenden aus , und rief den Ruf , den Sie überall in Aegypten hören : Backschisch , Howadji , Almosen , o Kaufleute ! Ich sah das Kind , und sah es auch wieder nicht , denn ich war in einer jener verzweifelten Stimmungen , wie sie mich manchmal überkommen , wo ich Ohren und Augen offen habe , und dennoch weder sehe noch höre . Als wir um eine Ecke in die nächste Straße biegen , erfaßt mich genau dasselbe Gefühl , wie damals im englischen Park , ich springe vom Esel herab , laufe , was ich kann , nach der Stelle zurück . - Die Nische war leer . Die Thür zum Hofe der Moschee stand , wie gesagt , offen . Der Hof hatte auf der andern Seite eine zweite , ebenfalls nicht verschlossene Thür , die auf eine der Hauptstraßen führte , in der sich um diese Stunde - es war in der Abenddämmerung - Menschen , Kameele und Esel durcheinander drängten . Das Kind war und blieb verschwunden , und mit schwerem Herzen kehrte ich zu meiner Gesellschaft zurück , die sich mein Davonlaufen menschenfreundlichst durch die Annahme , ich sei urplötzlich toll geworden , erklärt hatte . - Halten Sie es für möglich , daß dieses Kind , das ich zuerst im englischen Nebel und das zweite Mal unter dem warmen Himmel Aegyptens gesehen habe , mir jetzt in dem deutschen Buchenwalde zum dritten Male begegnet ? Und wäre es nicht dasselbe Kind , und - offen gestanden , ich halte es für äußerst unwahrscheinlich , daß es dasselbe ist ; antwortete Oswald ; es müßte Ihnen dasselbe sein . Ich glaube an den Weltgeist , den ewig gleichen , der sich hinter den Dingen verbirgt , den ewig wechselnden ; ich glaube , daß jene Lerche , die dort aus dem Haidekraut aufsteigt , und singend zum Himmel schwebt , dieselbe Lerche ist , zu der ich als Kind entzückt emporschaute , bis sie den scharfen Augen im blauen Raum verloren war : ich glaube , daß alle Helden Brüder sind und daß jeder Unglückliche eben derselbe Nächste ist , den , wie uns selbst zu lieben , Vernunft und Herz gleich gebieterisch von uns heischen . - Ob dieses Kind dasselbe ist , nach dem Sie nun schon zweimal vergeblich suchten - darauf kommt es nicht an ; wohl aber darauf , daß Sie nach ihm suchten , daß der Ruf des armen verlassenen Geschöpfes jedesmal durch das Erz , mit dem Sie geflissentlich ihre Brust umpanzern , bis zu Ihrem Herzen drang . - Verzeihen Sie einem Manne , den Sie an Erfahrung und an Geist so weit überragen , diese Sprache , zu der ihn nichts berechtigt , als die Hochachtung , die er , halb gegen seinen Willen , vor Ihnen empfindet . Und verstatten Sie mir noch das eine Wort ! Wenn Sie sich entschließen könnten , dies Kind zu lieben , so wäre es für Sie ein Geschenk , köstlicher und reicher , als Aladins Wunderlampe . Liebe ist allenthalben , außer in der Hölle , lautet ein tiefsinniges Wort Wolframs von Eschenbach ; das heißt : wo keine Liebe ist , da ist die Hölle . Die Liebe ist der Duft der blauen Blume , der , wie Sie vorhin sagten , die ganze Welt erfüllt , und in jedem Wesen , das Sie von ganzem Herzen lieben , haben Sie die blaue Blume gefunden , nach der Sie Ihr Leben lang vergeblich suchten . Ein unsäglich wehmüthiges Lächeln umspielte des Barons Lippen , während Oswald diese Worte sprach . Sie lösen so doch das Räthsel nicht , sagte er leise und traurig , denn eben die Bedingung , daß wir von ganzem Herzen lieben müssen , wollen wir die Qual los werden , die uns das Leben zur Hölle macht , können wir ja nicht erfüllen . Wer von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben ? Wir Alle sind so abgehetzt und müde , daß wir weder die Kraft noch den Muth haben , die zu einer wahren , ernsten Liebe gehören , zu jener Liebe , die nicht ruht und rastet , bis sie jeden Gedanken unseres Geistes , jedes Gefühl unseres Herzens , jeden Blutstropfen unserer Adern sich zu eigen gemacht hat . Wenn Sie noch jung und gut und gläubig genug zu einer solchen Liebe sind - wohl Ihnen ! Von mir kann ich nur wiederholen , was ich vorhin schon sagte : ich habe es aufgegeben , die blaue Blume zu finden , die wunderholde Blume , die nur dem Glücklichen blüht , der noch mit ganzem Herzen lieben kann . - Doch hier sind wir vor dem Thore von Grenwitz , und wir müssen ein Gespräch abbrechen , daß ich in allernächster Zeit und Ihnen fortsetzen zu können hoffe und wünsche . Leben Sie wohl , und erkundigen Sie sich recht bald persönlich nach dem Befinden des kleinen Wesens , das ja Ihr Schützling fast noch mehr ist , als der meine . Der Wagen entfernte sich rasch . Oswald schaute ihm noch lange nach ; dann schritt er , gesenkten Hauptes , über die Brücke und über den Hof dem Schlosse zu . Die Sonne war aufgegangen und badete die grauen Mauern in Frührothlicht ; in dem thaufrischen Garten jubelten die Vögel , - aber für Oswald lag ein grauer Schleier über dem köstlichen Morgen , denn in seinem Ohr klangen die Worte des Barons : Wer von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben ? wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz ? Achtundzwanzigstes Capitel Hat Dir das Schläfchen gut gethan , lieber Grenwitz ? fragte die Baronin . Ich danke