glaubt , was sie hört und was sie mitbetet , so ist sie mutig . Die gnädige Baronin sollten sich darüber freuen und auch etwas Mut fassen . « Regina kam aus dem Garten zurück und sagte : » Ich gehe jetzt wieder zu Onkel Levin . Werd ' ich aber abgerufen , so bitte ich Sie , Herr Ernest , mich bei ihm zu ersetzen und dafür zu sorgen , daß er sich weder erschrecke noch ängstige . Welch Glück , daß er gartenwärts wohnt . « » Nein ! « rief die Baronin sich ermannend ; » dann gehe ich zu ihm und Herr Ernest bleibt an Deiner Seite . « » Wenn Du mir versprichst , Onkel Levin nicht zu beunruhigen , liebe Tante , « wendete Regina ein und verließ den Salon . Sie ging zuerst in die Kapelle , um sich daran zu erinnern , wer unter dem Dach ihres Vaterhauses weile . Du bist es , o göttlicher Heiland , flüsterte sie vor dem Tabernakel niederknieend ; und Du hast gesagt : » Gebet dem Kaiser , was des Kaisers ist und Gott , was Gottes ist . « Aber verwilderte , abtrünnige , ungläubige Menschen nehmen die Rechte , die den Fürsten gehören , und daß Du , gnadenreicher Herr , noch ganz andere Rechte habest - und daß sie diese mit Füßen treten : darauf sind sie stolz . Und solchen Menschen soll man aus Furcht nachgeben ? Nimmermehr ! Ich fürchte mich nicht » vor Denen , die nur den Leib töten können , « wenn ich » im Schatten Deiner Flügel wandele . « Als Regina die Kapelle verließ , war es fast ganz dunkel , umsomehr , als sich ein schweres Gewitter über den westlichen Himmel und den Sonnenuntergang gelagert hatte . Sie wollte die Treppe hinauf steigen - da trat ein Diener rasch von Außen in die Halle und meldete , unten im Hof sei eine Truppe von Männern , die den Grafen oder sonst jemand im Schloß zu sprechen begehrten . » Gut , « sagte Regina , » lassen Sie sie nur kommen ; ich werde ihnen auf dem Perron entgegen gehen . « Sie eilte in den Salon und rief : » Nun , liebe Tante , auf Deinen Platz ! zu Onkel Levin . « Die Baronin und Corona flogen beide auf sie zu und umschlangen sie , um sie festzuhalten . » Zu Onkel Levin ! « sagte Regina dringend und suchte sich los zu machen . » Nein , nein , nein ! « stammelte die Baronin wie besinnungslos vor Angst . » So wollen wir in die Kapelle gehen , « sagte Regina , und zog beide rasch dahin . Als sie aber eingetreten waren , floh Regina mit einer schnellen Wendung hinaus und schloß die Türen von außen zu . Das alles ging blitzgeschwind vor sich . In der Halle stand Brigitte und warf eine Mantille um Regina ' s Schultern . » Wer ist bei Onkel Levin ? « fragte Regina . » Herr Ernest . « » Ah , das ist gut ! « sagte sie und ging durch die Halle auf den Perron , wo sie stehen blieb , während eine Truppe von zwölf bis fünfzehn Männern durch den Hof auf den Perron zuschritt . Sie trugen das beliebte Kostüm des Tages , Blousen , wilde Bärte , Schlapphüte und hatten rohe , gemeine Gesichter . Vor dem Perron machten sie Halt , denn Regina trat ihnen entgegen und sagte : » Sie haben meinen Vater sprechen wollen ; er ist verreist . Was wünschen Sie von ihm ? « » Wir wollen nach Holstein ziehen , « sagte der eine . » Und nach Baden ! « rief der andere . » Nein , nach Holstein ! « » Ich bitte allen Lärm zu vermeiden , « sagte Regina , » und möglichst kurz zu sagen , was Sie von meinem Vater wünschen . Wir haben einen Schwerverwundeten im Hause , der nicht beunruhigt werden darf und den ich nicht gern verlasse . « » Wir wollen also für die Einheit und Freiheit des deutschen Volkes überall kämpfen , wo sie bedroht wird . Dazu brauchen wir Waffen , Flinten , Säbel , Pistolen - und da sich hier ein förmliches Waffendepot befindet , so kann es zu gar keinem besseren Zweck verwendet werden , als zur Volksverteidigung . « » Sie sind im Irrtum über ein Waffendepot . Mein Vater besitzt nur Jagdgewehre , und eine Sammlung von altertümlichen , seltenen , für den Krieg ganz unbrauchbaren Waffen . « » Mit denen aber doch auf das Volk eingehauen und geschossen werden kann ! « » Mein Vater schießt auf Wild , nicht auf Menschen . « » Da jetzt die Grundrechte dem Volk die Jagd frei gegeben haben : so wird er seine Gewehre nicht mehr nötig haben und andere können sie besser brauchen - vorzüglich in den edlen Freiheitskämpfen . « » Ich bedauere , Ihrem Wunsche nicht entsprechen zu können , indem mir nicht das Recht zusteht , über den Besitz meines Vaters zu verfügen - was Sie ganz in der Ordnung finden werden . Ich darf nichts fortgeben , was mir nicht gehört . « » Sie brauchen es auch gar nicht zu geben , « rief derjenige , welcher den Freischarenzug nach Baden statt nach Holstein führen wollte , und schlug mit der Faust seinen Hut tiefer auf die Stirn . Wir borgen es ! « » Auch dazu hab ' ich kein Recht . « » So nehmen wir es ! « schrie der Mensch . » Dazu haben Sie kein Recht , « sagte Regina mit unverändert gelassenem Tone , wendete sich dann wieder zu dem Wortführer und setzte hinzu : » Sie sehen also , daß ich nicht im Stande bin , Ihren Wunsch zu erfüllen . Da nun die Nacht einbricht , das Gewitter heraufzieht und unser Kranker mich vermißt .... « - » Der alte Pfaff ! « rief der badische Freischärler . » Woher wissen Sie , daß mein Onkel der Kranke ist ? « fragte Regina lebhaft . » Wir werden wiederkommen ! « rief der Wortführer hastig . » In den nächsten Tagen kommen wir und zählen darauf , daß die Verteidiger der deutschen Einheit und Freiheit die notwendige Unterstützung finden werden . « » Behüt ' Sie Gott ! « sagte Regina . Statt ihren Gruß zu erwidern , stimmte er mit rauher Kehle an : » Schleswig-Holstein meerumschlungen « und seine Gefährten fielen ein . Schade , daß Ernest nicht da war ! er hätte ein recht malerisches » lebendes Bild « zu sehen bekommen , einen Gherardo della notte mit seinen Lichteffekten in der Finsternis . Die Halle und einzelne Fenster des Schlosses waren , wie gewöhnlich , beleuchtet und warfen ihren Schein in einzelnen Lichtstreifen auf den Hof und auf die Männergruppe , deren Figuren , je nachdem die Beleuchtung sie traf , bald aus dem Dunkel auftauchten , bald darin verschwanden , und im Ganzen eine finstere , gestaltlose , unheimliche Masse bildeten . Ihnen gegenüber und durch die Höhe des Perrons , zu dem sechs breite Stufen hinanführten , über sie erhoben und von ihnen getrennt , stand Regina . Die Windlichter , ihr zur Seite von den Dienern gehalten , ließen sie ganz hell erscheinen und ihr weißes Kleid , ihre hellblaue Taftmantille umflossen sie mit sanftem Glanz . Wie Psyche in der Unterwelt stand sie da , ein himmlischer seliger Fremdling , zwischen den dunkeln , verzerrten , traurigen Gebilden des Orkus . » Schleswig-Holstein stammverwandt ! « brüllte die Bande , machte kehrt und zog ab . Regina blieb auf dem Perron , bis sie vom Hof herunter waren , das Gittertor im Rücken hatten und durch die Lindenallee der Chaussee zugingen . Nur einer von ihnen , der ein besonderer Liebhaber des Steinwerfens war , kehrte sich um und schleuderte mit kräftiger Faust einen Stein gegen einen der Löwen , die in Sandstein gehauen auf den beiden Pfeilern des Gittertores lagen , das den Hof schloß . Der ruhende Löwe , schwarz im goldenen Felde , war das Wappen der Windecker . Als die wüsten Stimmen sich mehr und mehr entfernten , trat Regina in die Halle zurück und sagte zu dem einen Bedienten : » Der Portier soll das Gitter nicht früher schliessen als gewöhnlich . « Dann eilte sie zur Kapelle , schloß auf , kniete einen Augenblick vor dem Tabernakel nieder , nickte freundlich der Baronin Isabelle zu , die halbohnmächtig auf einem Betstuhl kniete - und ging schnell die kleine Treppe hinauf durch ihr Zimmer zum Onkel Levin , bei dem sie Ernest und Corona fand . » Lieber Onkel , « sagte sie zärtlich , » wie befindest Du Dich ? Hast Du mich auch nicht vermißt ? - ich mußte ein kleines Geschäft besorgen . « Sie kniete neben seinem Bett nieder und küßte seine Hand . Er sah sie mit unbeschreiblicher Liebe an , legte die Hand auf ihr schönes Haupt und sagte : » Sieh ' , wie die heilige Mutter Gottes Dich lieb hat ! « » Die Herren Volkssouveränler , « nahm Ernest das Wort , » haben nicht Ihren schwebenden Schritt , Gräfin Regina , sondern treten auf mit dem vollen Gewicht selbstbewußter Majestät . Durch die abendliche Stille drang das dumpfe Geräusch auch in dies Zimmer , und da es den hochwürdigen Herrn beunruhigte , so sagte ich ihm einfach , um was es sich handle , damit er Sie durch ein Salve Regina der heiligen Mutter Gottes empfehle ; und das hat denn auch seine Wirkung getan . « » Es war aber schauerlich ! « sagte Corona und schlang den Arm um Reginas Nacken , als wolle sie die geliebte Schwester noch nachträglich festhalten . » Wo warst Du denn ? « fragte Regina . » Ich schloß Dich ja in der Kapelle ein . « » Aber ich lief über die kleine Treppe durch Dein Zimmer zu Brigitte . Da löschten wir das Licht aus und übersahen den ganzen Hof ! « rief sie eifrig . » Ja , « sagte Ernest trocken , » das Komteßchen war neugierig ! sonst hätte es wohl zum würdigen Herrn kommen und mich ablösen können ! und dann wär ' ich zu Gräfin Regina gegangen . « » Ich dachte , Tante Isabelle wolle Sie ablösen , Herr Ernest , « erwiderte Corona kleinlaut . » Ach , die arme Tante ! « rief Regina mitleidig . » Ich muß sie holen , damit sie uns alle beisammen sieht und zur Ruhe kommt . « Sie eilte hinab . Ernest sagte zu Corona : » Komteßchen ! Ihre Schwester ist ein goldenes Herz . « » Und will in ' s Kloster ! « platzte Corona heraus . » Ah ! will sie das ! « rief Ernest freudestrahlend . » Das sieht ihr ähnlich ! da hat sie recht . « » Aber Papa will es nicht und wir alle wünschen es auch nicht , « entgegnete Corona ; » und so wird wohl nichts daraus werden . « » Es wird das geschehen , was Gott will ! « erwiderte Ernest , und Levin setzte hinzu : » Amen . « Die Baronin erschien , ganz erschöpft auf Reginas Arm gelehnt , und ließ sich von ihr Zuckerwasser à la fleur d ' orange bereiten . » Willst Du nicht auch etwas nehmen , Kind ? « fragte sie . » Bist Du nicht ungeheuer alteriert ? « » Gar nicht , liebe Tante ! « entgegnete Regina munter . » Ich habe starke Nerven ! - Aber zum Tee wollen wir gehen . « » O Himmel ! « rief die Baronin , » kommt jetzt erst die Teestunde ? Ich dachte , es sei Mitternacht . Nun so geht nur . Ich kann nichts genießen und bleibe hier . « - So endigte dieser Tag ruhig am Teetisch , wie jeder andere . Mit dem wilden Besuch war auch das Gewitter abgezogen . Bis Mitternacht wachte Regina dann noch in der trauten Kapelle im Frieden ihres Gottes und ihres Herzens . - Ihr Vater war inzwischen wohlbehalten auf Stamberg angelangt . Er fand seine Mutter nicht nur nicht in Lebensgefahr , sondern die Aerzte , die aus Darmstadt und Heidelberg gerufen waren , versicherten sogar , daß sie sich erholen könne , wenn sie recht gepflegt und geschont werde . Ob ihr Mann sich darauf verstehe , war dem Grafen zweifelhaft ; denn Baron Stamberg , übrigens der harmloseste Mensch auf Erden , war jetzt in einer permanenten Wut , weil der Gegenstand seines lebhaftesten Interesses hienieden ihm durch die Erfindung der Grundrechte beeinträchtigt wurde : die Jagd , die geliebte Jagd ! Statt also seine Frau zu beruhigen , regte er sie doppelt auf - zuerst durch seine zornig gereizte Stimmung welche die Zukunft für ewige Zeiten rabenschwarz und hoffnungslos sah ; dann durch den Ärger , den sie empfand , weil er so ganz außer Rand und Band war . Der Graf konnte nicht umhin , Vergleiche anzustellen zwischen Stamberg und Windeck , die ganz zu Gunsten Windecks ausfielen ; denn , sprach er zu sich selbst , wenn ich auch - und zwar mit vollem Rechte - über die gegenwärtigen öffentlichen Zustände wüte und Isabelle ein weniges zu viel lamentiert : so haben die übrigen doch frische Hoffnung und guten Mut - was allerdings heroisch ist ! - und Hoffnung ist ansteckend . Ohne Hoffnung aber ist das Leben eine Hölle . Ich meinesteils möchte nicht hier bleiben ! - - Brigitte sagte am andern Morgen , während sie Regina ' s schönes Haar flocht , ganz schüchtern : » Haben die Gräfin wohl den Herrn Hauptmann bemerkt ? « » Warum titulieren Sie den Rädelsführer so feierlich als einen Herrn Hauptmann ? « fragte Regina lächelnd . » Den meine ich nicht , « entgegnete Brigitte , » sondern Herrn Florentin , dessen Zuname ja Hauptmann ist . « » Florentin ! unser Florentin ? Wie käme der unter eine solche Bande ! « rief Regina überrascht . » Ich möchte wetten , daß er es war ! « sagte Brigitte . » Meine Schwester war ja bei Ihnen ; hat auch sie ihn erkannt ? « » Ich glaube nicht ! Sie hat wenigstens nichts geäußert . « » Und ich glaube , daß Sie träumen , Brigitte ! Hüten Sie sich vor solchen Äußerungen , die ein verkehrtes Geschwätz unter die Leute bringen , dem armen Florentin viel schaden und meinem Vater sehr wehe tun könnten . In der unbestimmten Beleuchtung und bei Ihrer Ängstlichkeit haben Sie gewiß nicht erkannt , welche Gesichter denn eigentlich zwischen Hut und Bart steckten . Es wird jetzt so viel Falsches und Lügenhaftes in die Welt gesprengt , daß man sich mehr denn je vorsichtig in Worten zeigen und auch nicht alles glauben muß , was die Leute erzählen . « » Wie hätte die Bande wohl wissen können von der Gewehrkammer des Herrn Garfen ! « » Gutes Kind , « versetzte Regina , » ich bin fest überzeugt , daß man auf zehn Stunden in der Runde ganz genau weiß , wie es hier aussieht und was hier vorfällt . Das spricht sich herum - auch ohne den armen Florentin . « - - Regina nahm ein Buch zur Hand und Brigitte sah sich genötigt , ihr Geschäft schweigend zu vollenden . Dennoch blieb sie dabei , sie habe Florentin erkannt . Und sie hatte auch ganz recht . Er hielt sich in Frankfurt auf . Je näher dem babylonischen Feuerofen der Leidenschaften - desto besser ! da konnte er an jedem Ereignis teilnehmen , zu jeder Bewegung mitwirken . Warum nicht auch in Windeck um Waffen bitten für die Freiheiltskämpfer der Einheit Deutschlands ? Er fand das sehr erhaben ; der Graf selbst mußte , trotz reaktionärer Gesinnung und ultramontaner Umgebung , für Schleswig-Holstein Sympathien haben und die Freischärler mit offenen Armen empfangen , das war ja gar nicht anders möglich . Heroisch wollte er den Zug nach Windeck führen . Der Steinwurf , den ein roher Gesell aus dieser Schar abends zuvor , als er von Ferne einen Priester erblickte , auf Levin warf , verstimmte Florentin auf ' s äußerste , denn im unglücklichen Falle wäre das ein Meuchelmord gewesen - und damit wollte er nichts zu tun haben . Als er nun gar die Abwesenheit des Grafen erfuhr , wäre er am liebsten wieder umgekehrt ; denn vor wem sollte er seine gracchische Rede halten ? Doch Umkehr ließen seine Kameraden nicht zu ; sie wollten nicht unverrichteter Sache abziehen und Florentin blieb , um den Ausgang derselben zu überwachen . Als aber Regina erschien , versenkte er sich in die tiefste Dunkelheit und überließ einem anderen das Wort . Der Moment war doch nicht großartig genug , um vor ihr in der vollen Würde eines Volkstribuns auftreten zu können . Vor dem Grafen schon eher ! aber vor ihrem klaren , unbestechlichen Auge - nimmermehr ! Wie er sie da sah auf dem Perron , so unaussprechlich edel in ihrer Ruhe , so umflossen von einer Sphäre von Licht fielen ihm als schneidender Gegensatz Frauen ein , die er an Barrikaden gesehen hatte , in karikierter Begeisterung und verzerrter Leidenschaft . Unwillkürlich mußte er sich eingestehen , daß jene Freiheitsheldinnen einen widerwärtigen Eindruck neben dieser Vertreterin der Reaktion machten . Er war froh , als der Rädelsführer den Abmarsch antrat und fest entschlossen , einen zweiten Zug gen Windeck nicht mitzumachen . Die brutalen Bemerkungen seiner Kameraden über Regina und ihre Schönheit machten alles Blut in seinen Adern vor Zorn kochen ; aber was war da zu tun ? - nichts , als in der Liebe für die Volksfreiheit alles Mißbehagen zu ersticken . In der dunkeln Lindenallee kehrte sich Florentin nach dem Schloß um , das mit seinen abendlichen Lichtern so friedlich und heimlich da lag , als ob weder Revolution noch Freischaren in der Welt wären ; und der schöne Löwe am Tor , gegen den so eben der grimmige Steinwurf geschah , ließ sich auch gar nicht stören auf seinem Pfeiler und hielt seine Wache fort . Da dies sich nun alles so entsetzlich aristokratisch ausnahm und Regina , das versöhnende Element , aus dem Bilde verschwunden war , so fühlte sich Florentin wieder in seinem Gleichgewichte , d.h. in seinem Haß gegen traditionelle Vorurteile , Kastengeist etc. und grimmig hob er einen Stein auf , um ihn seinerseits gegen einen der stolzen Löwen zu schleudern . Aber er ließ ihn fallen und murmelte für sich : Großtaten der Gassenbuben ? - pfui , Florentin ! - Am dritten Tage kam der Graf zur größten Freude der Seinen wieder aus dem Odenwalde zurück , beruhigt über das Befinden seiner Mutter - und ebenso über den Zustand der Besserung , worin er den Onkel Levin antraf . Natürlich wurde ihm gleich von allen Seiten der Freischarenbesuch mitgeteilt . » Wer weiß , ob ich mich so ruhig benommen hätte wie Regina , « sagte der Graf liebreich . » Drum hat es der liebe Gott gerade so gefügt ! « rief sie munter und küßte seine Hand . » Hattest Du denn gar keine Furcht dem wüsten Gesindel gegenüber , das Dich durch Wort oder Tat hätte beleidigen können ? « » Nein , gar nicht , « sagt sie . » Und hattest niemand , um Dich zu beschützen ? « » O doch ! « rief sie , zog ihren Rosenkranz hervor , küßte das kleine Kruzifix mit dem Partikel vom wahren Kreuz und setzte hinzu : » Im Schutz des Kreuzes bin ich gefeit . « » Das ist ein Glaube , der Berge versetzt , « sagte der Graf . » Und der die Welt überwindet , « bemerkte Ernest . - Das Befinden der Baronin Stamberg wurde besprochen , und als der Graf beklagte , daß sie keine andere Pflege als von Dienerinnen habe , erbot sich Regina sogleich , zur Großmama zu gehen . » Kind , Du bist allzu vollkommen , das ist auch eine Art von Unvollkommenheit ! « sagte der Graf unmutig , der durchaus nicht gewillt war , sich der Gesellschaft seiner Tochter zu berauben . » Um ' s Himmelswillen nicht ! « flehte die Baronin Isabelle . » Im Badischen hausen die Freischaren und könnten einmal Stamberg überfallen . « » Nun , wegen der bekannten Freischarenbravour könnten sie dort wohl bald ausgehaust haben , « bemerkte Ernest . » Vor der Hand ist nicht daran zu denken , « sagte der Graf . » Ich kann doch unmöglich ganz allein bleiben ? Die Buben sind fort - nun soll ich auch meine Regina fortschicken ? Nein , daraus wird nichts . « Die Buben , wie er sie nannte , machten freudig den Feldzug in der Lombardei mit . Uriel schrieb fleißig , und die Siegesnachrichten von jenseits der Alpen lichteten die trüben Zustände diesseits derselben . » Mailand hätten wir wieder ! « rief der Graf froh . » Jetzt nur auch bald Wien . « » Wird schon kommen ! « entgegnete Ernest zuversichtlich . » Ach , aber der heilige Vater ! « sagte Regina beklommen . » Das undankbare Rom mißhandelt sein mildestes Herz - und wer weiß , ob ihn die Revolution nicht verjagt oder Schlimmeres noch begeht . « » Daran sind die Stellvertreter Christi gewöhnt , « bemerkte Levin . » Vom ersten Apostelfürsten an , der auf dem Janikulus kopfabwärts gekreuzigt wurde und dessen dreizehn erste Nachfolger sämtlich den Martertod für den katholischen Glauben fanden - bis zur heutigen Stunde haben dem sichtbaren Oberhaupt der heiligen Kirche Schmach und Geißelung , Dornenkranz , Kreuzigung und Herzenswunde so wenig gefehlt , als einst dem Gottessohn selbst . Hörte die eine Art von Martertum auf , so brach die andere an : heidnische Verfolgung , Heimsuchung durch Barbaren , deutschrömische Kaiser , französische Könige , die furchtbarsten wildesten inneren Faktionen voll republikanischer Gelüste und Adelstyrannei , Schisma und Häresie haben sich seit achtzehn Jahrhunderten über und gegen Rom gewälzt und dem Stellvertreter Christi seinen reichlichen Anteil am bitteren Leiden des Herrn gebracht ; denn in der Siebenhügelstadt liegt mystischer Weise auch der Hügel Golgatha ; ja , er ist recht eigentlich das Fundament des Vatikans - und das haben die Stellvertreter Christi in so vollem Umfang begriffen , daß es dem bittersten Haß und der feindlichsten Scheelsucht nicht möglich ist , mehr als fünf oder sechs Päpste ausfindig zu machen , welche die Nachfolge Christi nicht angetreten hätten - also einer etwa in dreihundert Jahren , bei dem der natürliche Mensch den übernatürlichen besiegte ! Welche lange , lange , wunderbare Reihe von Heiligen , und wie selten wird sie unterbrochen durch einen armen Sünder ! « » Man bekommt eine Art von Grauen vor der Heiligkeit , « nahm der Graf das Wort , » wenn man sie immer und immerfort in einer Sündflut von Leiden und Bitterkeiten gewahr wird . « » O lieber Vater , sind das aber die Bedingungen zur Heiligkeit , wie gern müssen wir sie annehmen ! « rief Regina - und Levin sagte : » Das Auge des Glaubens nimmt die Dinge anders wahr , als das sinnliche und vom Irdischen befangene Auge . Leiden machen gottähnlich - sagt der fromme Heinrich Suso . Gottähnlich zu werden , das Ebenbild Gottes in der Seele herzustellen , ist die Aufgabe jedes Christen und ist das ersehnte und angestrebte Ziel jedes Gläubigen . Was ihm dazu behilflich ist , heißt er willkommen . Nichts adelt die Seele mehr , als ein mit frommer Ergebung und edler Geduld getragenes Leiden . Das gibt ihr die Stigmata der Kreuzigung und auf ihnen ruht das Auge Gottes mit ewiger Liebe . Wer sie trägt , ist Gott wohlgefällig , denn er ist Christus ähnlich - und in dieser Liebesverbindung mit Gott führt der gläubigleidende Mensch schon hienieden mitten in seiner Trübsal ein seliges Leben , weil der Friede der Seligen in ihm ist . « Ernest sah ihn an , während er so sprach , und dachte , daß auf diesem zarten durchschmerzten Antlitz die Stigmata des Kreuzes nicht fehlten - aber auch nicht die balsamischen Tröstungen der Kreuzesliebe . Er sagte : » Kein Thron der Welt ist von so verschiedenen Seiten und so zu allen Zeiten von Stürmen umbraust worden , als der Stuhl des heiligen Petrus . Der liebe Gott läßt das zu , um zu zeigen , daß Er ihn halte . Päpste in der Verbannung durch - und auf der Flucht vor Faktionen , Päpste in der Gefangenschaft - sind ganz häufige Erscheinungen in der Geschichte , und nicht selten traf die ausgezeichnetsten das Loos . Leo III. floh vor häretischen Aufrührern nach Paderborn zu Karl dem Großen . Gregor VII. starb in der Fremde zu Salerno , von einem Gegenpapst , den ein deutscher Kaiser wählte und stützte , aus Rom verdrängt . Bonifatius VIII. starb an den Mißhandlungen , welche König Philipp der Schöne von Frankreich , in Verbindung mit einer Partei des römischen Adels , ihm zufügte . Dann gerieten die Päpste während siebenzig Jahren unter die königlichen französischen Kerkermeister , welche die Faktionen in Rom auszubeuten verstanden - und lebten im babylonischen Exil zu Avignon . Später ließ Kaiser Karl V. Papst Klemens VII. in Rom belagern . Unsere Tage haben Pius VI. von französischen Republikanern , die Rom als Republik proklamierten - gefangen nach Frankreich schleppen und in der Gefangenschaft zu Valence umkommen sehen . Und wie das vorige Jahrhundert schloß , so begann das jetzige ! Napoleon Bonaparte vereinigte den Kirchenstaat mit Frankreich und hielt während der letzten fünf Jahre seiner Zwingherrschaft Papst Pius VII. in der Gefangenschaft zu Savona und zu Fontainebleau . Dann wanderte er nach St. Helena und starb auf der Felseninsel im tropischen Meere - und Pius VII. , der gottselige unüberwindliche Greis , kehrte nach Rom zurück und beschloß auf dem Stuhle Petri sein heiliges , vielgeprüftes Leben . Die Signatur , unter welcher , nach jener uralten Prophezeiung , sein Leben stand , hat sich bewährt ; sie hieß Aquila rapax der raubgierige Adler . Aber die Taube hat den Adler besiegt . « » Ja , in Wahrheit besiegt ! « rief Levin . » Und viel mehr , als man geneigt ist , ihm zuzugestehen , zwischen den politischen und kriegerischen Ereignissen , die den korsikanischen Diktator stürzten . Ich erinnere mich lebhaft des ungeheuren Enthusiasmus , der in den katholischen Herzen aufflammte , als Pius VII. auf das berüchtigte napoleonische Dekret , das im Jahre 1809 den Kirchenstaat mit dem französischen Reich vereinigte und den Papst mit einer Rente von zwei Millionen Francs pensionierte - durch die Exkommunikationsbulle antwortete . Alle Monarchen Europas litten Vergewaltigung durch jene Gottesgeißel ; die einen zitterten vor ihm und die anderen schlossen Freundschaft mit ihm , und die zertretenen Völker zähneknirrschten in Blut und in Tränen gebadet . Europa erseufzte und erlahmte unter dem Alp , ohne ihn abzuschütteln . Da schleudert der machtlose , von französischen Soldaten in seiner eigenen Residenz umgebene und der Tat nach gefangene Greis die Exkommunikation über alle , welche Gewalttat im Kirchenstaat ausüben , und läßt die Bulle am hellen Tage , angesichts der französischen Truppen , an den drei Hauptkirchen Roms anheften . Der Blitz vom Vatikan hatte zu gut getroffen , als daß Napoleon ihn , ohne Rache zu nehmen , verschmerzt hätte . In der Nacht zum 6. Juli drang der General Radet mit Gewalt in den päpstlichen Palast und entführte den heiligen Vater samt dem Kardinal Pacca , dessen Simon von Cyrene , aus Rom und Italien . An diesem nämlichen 6. Juli besiegte Napoleon in der Schlacht von Wagram Österreich . Mehr denn je war Europa geknechtet , und hohnlachend des Bannes schrieb Napoleon spöttelnd an den Vizekönig von Italien , seinen Stiefsohn : Croitil que ses excommunications feront tomber les armes des mains de mes soldats ? 5 Nun , der Tag ließ nicht lange auf sich warten , wo der ewige Gott die Bulle seines irdischen Stellvertreters ratificierte ! Zwei Jahre darauf , im russischen Feldzug , geschah buchstäblich das , was Napoleon im blinden Wahn seiner Omnipotenz für unmöglich hielt : die Waffen fielen aus den erfrorenen Händen der französischen Soldaten und der Rückzug aus Rußland war eine der furchtbarsten Niederlagen einer Armee , welche die Weltgeschichte aufzuweisen hat . Mit ihr begann die Sonnenwende des Napoleonischen Glückes und sie war eine Tat Gottes - nicht menschlicher Weisheit und Kraft . Könnte der Felsen Petri pulverisiert werden , wie der Haß der Hölle es seit achtzehn Jahrhunderten begehrt und versucht : so wäre es längst geschehen . Statt dessen werden ihre Sendlinge pulverisiert . Die Dynastie des armen Fischers ist unsterblich ! Unser heiliger Vater gehört ihr an . Man kann ihn zu Tode quälen , aber sie lebt fort . « » Ist auch über ihn eine Prophezeihung gesprochen ? « fragte Corona . » Ja wohl ! « entgegnete Ernest . » Das Wort der Weissagung über ihn heißt : Crux de Cruce . Gewiß eine großartige , gewichtige Verheißung Kreuz vom Kreuze , die ein Übermaß der Leiden andeutet . « » Wer hat denn das alles prophezeit ? « fragte sie . » Ein Bischof Malachias zu Armagh in Irland , « erwiderte er . » Welche Rätsel gehen durch die Welt , « sagte Regina , » gleichsam Dissonanzen , welche erst spät ihre Auflösung finden , und doch so groß und mächtig in der Harmonie mitwirken . « » Ich würde wünschen , daß sich die Dissonanzen der