Auch auf der Treppe und im Corridore begegnete ihm Niemand , doch wehte hier schon eine behagliche Wärme , aus unzähligen Kaminen hörte man Feuer knistern und lodern . Jetzt steckte er leise seinen Kopf durch die eine Flügelthür , da es ihm war , als ob er hinter derselben sprechen höre , und der Narr machte eines seiner eigenthümlichsten halb schlauen und halb verblüfften Gesichter bei dem Gewahren einer Gruppe , die er gerade jetzt nicht erwartet hatte . Auf dem gelbplüschenen , mit Gold gestickten Divan saß Elisabeth - Kunz erkannte sie noch sehr wohl , auch wenn er sie nicht hier als die Herrin des Hauses erwartet hätte . Er hatte sich auch die Schönheit von Nürnberg recht gut gemerkt , die seinen königlichen Herrn wie mit Zauberschlingen an sich gezogen und doch verstanden hatte ihn in Schranken zu halten , daß es bei einer ehrbaren Huldigung verblieben war , und jetzt , da der Schalk sie wiedersah , fand er sie nicht minder reizend und meinte , daß man lange suchen könne unter den deutschen Fürstinnen , bis man eine fände , die sie an angeborener Majestät übertreffe . Freilich , fügte er hinzu , scheut sie sich auch nicht sich gleich einer Königin zu schmücken . Sie trug ein Kleid von kornblumenblauem Brokat mit einem breiten Besatz von weißem Pelz um seinen Saum , die eng anliegenden Aermel waren gleichfalls mit Pelz besetzt , so daß die kleine weiße Hand sich fast darin zu verlieren schien . Ein gleicher Pelzbesatz lief um den Ausschnitt des Kleides , in der Mitte der Brust von der funkelnden Demantrose des Königs gehalten . Eine dicke goldene Schnur mit großen Quasten schlang sich um die Taille des Schneppenleibchens . Ein Kopfputz von blauem Sammet und weißen Federn schmückte ihr Haupt , dessen glänzend kastanienbraunes Haar in üppigen Locken zum spielenden Schleier des blendend weißen Nackens ward . Vor ihr kniete ein Mann von mittlerer Größe , in ein Wamms von kirschbrauner Farbe gekleidet , aus dessen Aermelschlitzen weiße Puffen hervorsahen , ebenso waren die Beinkleider , die Stiefel von gelbem Leder mit kleinen Sporen . Ein Degen hing an seinem Gürtel und ein kleiner schwarzer Sammetmantel um seine Schultern . Ein hohes Baret von schwarzem Sammet lag neben ihm auf dem hohen Lehnstuhl . Kunz vermochte sein Gesicht nicht zu sehen , das küssend auf Elisabeth ' s Hand ruhte , indeß ihre andere auf seinem kurzgeschnittenen dunklen Haupthaar lag . Sie hatte sich vorwärts über ihn gebeugt , ihr Gesicht glühte und verrieth gleich dem unruhig wallenden Busen die innere Bewegung . Sie hatten beide geschwiegen , ehe Kunz geöffnet hatte , und bemerkten ihn dennoch nicht , Eines im Andern verloren , so daß er Elisabeth sagen hörte : » Celtes ! steh ' t auf ! Wohl ist es oft mein stilles Verlangen gewesen Euch wiederzusehen , wie es mein größtes Glück war , wenn ich von Euch las und Euren Namen preisen hörte ; aber ich durfte es nur dann wünschen , wenn diese Begegnung geschehen konnte , ohne die alten Schmerzen und Kämpfe aufzuwühlen ! - Seh ' t , ich trage ein Joch , das mir Pflichten auferlegt , und da es denn einmal mein Loos , so ringe ich Tag und Nacht danach , daß ich es mit Würde trage und mir selbst nicht noch mehr Unheil bereite , als das Schicksal schon über mich verhängt . Ihr seid ein Mann ! seid frei von kleinlichen Rücksichten und Pflichten , seid immerdar der Herr Eurer eigenen Handlungen und Niemanden davon Rechenschaft schuldig denn Euch selbst . Ein leichteres Loos ist Euch zu Theil geworden und ein erhabenes dazu . Die edle Poesie hab ' t Ihr zur göttlichen Lebensgefährtin empfangen , und Euer herrlicher Beruf ist ' s , die deutsche Jugend zu vaterländischem Sinn zu entflammen und vom Zwange inhaltloser Formen zu den lebensvollen Ideen des Humanismus zu führen - geb ' t Euch an dies Streben mit ganzer freier Kraft dahin , und nach Jahrhunderten noch wird man Euer Andenken feiern . Wer berufen ist zu leben für Jahrhunderte und für die Menschheit , der muß darauf verzichten können , dem Glück des Augenblicks und seinem eigenen Herzen zu leben ! « Konrad Celtes , der erst vor wenigen Augenblicken bei Elisabeth eingetreten , und auch nur erst an diesem Morgen mit seinem Gönner , dem Bischof von Worms , angekommen war , hatte zwar gemeint , er könne ihr nun ruhig und als Freund begegnen . Aber vor ihrer lebenswarmen Gegenwart waren alle früheren Empfindungen wieder in ihm aufgewacht und er hatte sie in seine Arme schließen wollen . Elisabeth , mit dem feinen Ahnungsvermögen eines liebenden Frauengemüthes , oder wenn man will , mit dem klugen Abwägen aller kleinen Möglichkeiten , das Künftige aus dem Gegenwärtigen berechnend , hatte zuweilen daran gedacht , daß Celtes wohl einmal in sein liebes Nürnberg zurückkehren werde , ja sie hatte es jetzt gewünscht - aber viel weniger aus persönlichem Interesse , sondern weil sie es für Celtes als ein Glück betrachtete , wenn König Max mit ihm zusammenkam und ihm seine Aufmerksamkeit schenkte , und wie hätte das besser geschehen können , als jetzt , wo der König in ihrem Hause wohnte und der Kaiser , der ihm zum Dichter krönen ließ , selbst in Nürnberg weilte . Ja , sie hatte lange mit sich gekämpft , ob sie nicht Celtes um dieses Glückes Willen eine Botschaft senden solle , herzukommen ; aber sie hatte doch eine Mißdeutung derselben gefürchtet , ja sich selbst nicht recht getraut , ob nicht persönliche und unrechte Empfindungen dabei im Spiele wären , und darum Alles dem Schicksal überlassen . Immerhin aber hatte sie sich auf diese Möglichkeit vorbereitet und sich mit der ganzen weiblichen Würde ihres Wesens gewaffnet , um sich für ein Wiedersehen mit Celtes gerüstet finden zu lassen , damit es ihr gelinge , nicht nur sich selbst zu bezwingen , sondern auch , wenn es nöthig sein sollte , jeden Ausbruch seiner früheren Empfindungen verhüten , oder doch vor leidenschaftlichem Unheil sichern zu können . Vielleicht hätte auch sie sonst nicht die Kraft gefunden , sich seinen Armen zu entziehen und die obigen Worte zu ihm zu sprechen . Da sie ihn zurückwies , war er vor ihr auf die Knie gesunken und lauschte ihren Worten wie einem Liede , das nicht minder schön erscheint , wenn es auch auf das schmerzlichste ergreift . » O es ist ein Fluch , der auf allen Poeten ruht ! « rief er ; » wir müssen unglücklich , elend und verlassen sein , damit wir in das Reich der Poesie uns flüchten und unter tausend Schmerzen eine erträumte Welt der wirklichen entgegenstellen - den frischen Kranz des Lebens müssen wir opfern , damit ein dürrer Lorbeerkranz auf unsern Grabhügeln anschelle . Elisabeth ! Ihr seid so kalt und grausam wie die Welt - ich hoffte Euch anders zu finden ! « Sie erhob sich zürnend : » Dann wehe mir und Euch , wenn Ihr das hofftet , wenn Ihr während dieser Trennung den Glauben an mich und an Frauentugend verloret ! « Bestürzt faßte er den Saum ihres Gewandes und rief : Elisabeth ! thut , was Ihr wollt , aber vergebt mir und zürnt nur nicht ! « » So seid ein Mann ! « antwortete sie ; » versündigt Euch nicht an Frauenwerth - versündigt Euch nicht an der Gottesgabe der Poesie , die Euch geworden ! - Ihr wißt nicht , wie es ist : alle diese Schmerzen empfinden und keine Sprache dafür haben - das Entsagen ist schwer : aber das Schwerere ist , ein einmal auferlegtes Joch noch edel zu ertragen ! - Steht auf - mich dünkt , ich höre Jemand - wenn es schon der König wäre ! « Celtes erhob sich und Elisabeth blickte nach der Thür , mit welcher Kunz von der Rosen vor einem Weilchen unwillkürlich geknarret hatte , da ihn diese Scene , deren Zuschauer er geworden , selbst bewegte . Erst hatte er gemeint , hier einen begünstigten Liebhaber bei einer ungetreuen Gattin zu finden , und eine solche Gelegenheit ließ er selten , wie oft und bei welchen hohen Personen sie ihm auch ward , vorübergehen , ohne die Betheiligten durch seinen Spott und seinen oft sehr derben Spaß zu züchtigen . Aber durch Elisabeth ' s würdevolles Betragen wendete sich schnell seine Meinung zu ihren Gunsten - ja er zerdrückte eine Thräne im Auge , weil er gar wohl begriff , daß eine Frau von solchen Herzens- und Geistesgaben , wie Elisabeth , neben einem so hohlen Menschen wie Scheurl nur unglücklich sein könne . Und zugleich nahm er sich vor , seinem königlichen Bruder zu warnen oder zu beaufsichtigen , daß er die Tugend und Treue dieser edlen Frau nicht etwa auch versuche auf die Probe zu stellen . Als er jetzt bemerkte , daß sich das Paar nicht mehr allein fühlte , warf er seine Narrenkappe zur Thür herein , gerade vor Elisabeth ' s Füße und sagte : » Es ist nicht Sitte , edle Frau , daß der Narr seine Kappe abnimmt weder vor König und Kaiser , denn er hat eben nicht nöthig Jemanden Respect zu erweisen - vor Euch aber hab ' ich ihn - und wenn ich hundert Hüte aufhätte , ich zöge sie alle vor Euch und würfe sie Euch demüthig wie die Kappe zu Füßen . « Elisabeth erschrak sowohl vor der plötzlichen Erscheinung wie vor diesen Worten , welche sie ungewiß ließen , ob der Narr etwas von diesem Gespräch gehört oder nicht ; aber immer ihrer selbst Meisterin hob sie die Mütze auf , ob auch Rosen sich mit einem lustigen Katzenpuckel danach beugte , überreichte sie ihm und sagte : » Willkommen in Nürnberg - wenn Ihr Euch auch auf sonderbaren Wegen müßt eingeschlichen haben , daß Niemand von der Dienerschaft Euch zuvorkam . Wo ist Euer königlicher Herr ? « » Bruder ! wolltet Ihr sagen , « fiel er ihr in die Rede . » Was den betrifft , so wird er bald kommen , als ihn die guten Nürnberger , die sich überall herzudrängen , dazu kommen lassen - und was mich betrifft , so wißt Ihr , daß unsereins die Wege sich immer nach Belieben sucht und gelegentlich durch ein Spältlein schlüpft , wenn ' s ihm auf dem breitgetretenen Wege zu eng wird . « » Ich freue mich , « sagte Elisabeth , » daß ich gleich jetzt Gelegenheit habe , Euch Herrn Doctor Konrad Celtes vorzustellen , von dem Ihr sicher so viel Gutes und Großes gehört hab ' t , als er von Euch , Herr Kunz von der Rosen . « Die Männer schüttelten zwar einander die Hand , aber es geschah nicht mit der rechten Herzlichkeit . In Celtes kochte es ingrimmig , wenn er sich dachte , daß Kunz ihn jetzt belauscht , und es sogar durch seine Worte an Elisabeth zu verstehen gab , ohne es zu gestehen - und Kunz hatte ein Vorurtheil gegen den Gelehrten , nach der Scene , welcher er beigewohnt . Er sagte zu sich : den Frauen gegenüber taugen doch diese Herren von der Feder so wenig wie die vom Schwerte - und fügte hinzu : ich möchte eigentlich wissen , welche Zunft da etwas taugte . Indeß war Kunz doch harmlos und Celtes redegewandt genug , eine Unterhaltung zu Stande zu bringen , deren Anknüpfungspunkt natürlich die hohen Ankommenden waren . Elisabeth entfernte sich einen Augenblick , um nachzusehen , daß die Dienerschaft besser auf dem Platze sei , als sie bei Rosen ' s Ankunft gewesen . Wie sie zurückkam , wollte sich Celtes beurlauben , aber Elisabeth selbst duldete es nicht und sagte : » Ihr werdet mich nicht um die Gelegenheit betrügen , Euch selbst seiner Majestät vorzustellen , die ich immer gewünscht , gleich Euch selbst . « Mit feinem Takte fühlte sie , daß gerade so Celtes ' Besuch bei ihr alles Anstößige vor Anderen verlor , wenn sie sagen konnte , daß er gekommen sei , um mit unter den Ersten zu sein , welche die Ehre hätten dem König vorgestellt zu werden . Jetzt klang es unten von Rosseshufen und Freudengeschrei ; Elisabeth ging dem König Max bis an die Treppe entgegen , Kunz stand an ihrer Seite und lachte die Ankommenden aus , daß er schon eine halbe Stunde vor ihnen im warmen Nest geruht . Herr Scheurl wollte dem König seine Hausfrau vorstellen , er aber sagte : » Ei so wenig ich meines Wortes vergessen , so wenig vergaß ich der schönen Frau Elisabeth , « und küßte ihr die Hand , indem er seine feurigen Blicke mit Entzücken über ihre herrliche Erscheinung streifen ließ . Denn in der That konnte er sie vielleicht in keinem günstigeren Augenblicke sehen , als da sie noch Mitten in der Erregung war , die ihr das Wiedersehen mit Celtes und sein Ungestüm , darauf das Erschrecken durch den Narren bereiteten - und nun kam noch dieser stolze Triumph dazu , den ritterlichen König bei sich zu empfangen , von ihm unvergessen zu sein und dieselben Schmeichelworte aus seinem Munde zu vernehmen , auf die verzichten zu müssen sie zuweilen gefürchtet hatte . Nun war ja der ersehnte Augenblick da , wo sie den Dichter und den König einander zuführen konnte - sie that es mit der ganzen ruhigen Würde ihres eigensten Wesens . Sechstes Capitel Im Kloster Seit Ulrich von Straßburg erkannt hatte , daß sein Freund Hieronymus in seinem Vorurtheil gegen die Juden verrottet und unverbesserlich sei , hielt er ihn auch in andern Stücken einer gleichen Engherzigkeit für fähig und während er ihm sonst fast seine geheimsten Gedanken mitgetheilt hatte , fühlte er sich jetzt veranlaßt , gegen ihn über sein Gespräch mit dem Propst zu schweigen , welches so viele bange Zweifel und unheimliche Fragen in ihm aufgeregt hatte . Die Baubrüderschaften im Allgemeinen waren nicht nur in ihren speciellen Kunstleistungen , sondern auch in der Freiheit ihrer Lebensanschauungen und ihrer religiösen Ansichten ihrer Zeit voraus . Aber wie , besonders in großen Uebergangsperioden , wie der Ausgang des Mittelalters in seinem Schooße trug , sich immer Altes und Ausgelebtes mit Neuem und Weitausgreifendem oft in einem Individuum und noch öfter in gesellschaftlichen Gliederungen beieinander findet , so war es auch bei den Baubrüderschaften selbst und ebenso bei ihren einzelnen Mitgliedern . Der Geist des Albertus Magnus und seiner Geheimlehre der christlichgothischen Baukunst wirkte noch mächtig fort , und wie die Säulen der erhabenen Dome in immer kühneren Schwingungen aufstiegen , wie der ganze Bau und in ihm wieder jeder einzelne Stein zu leben schien und dabei aus der Begeisterung , damit Gott und dem Christenthum zu dienen , eine Begeisterung für die Kunst an sich und ihren eigensten Cultus neben , oder auch über dem christlichen geworden war : so lebte wohl auch in den Brubrüderschaften ein höher und weiterstrebender Geist , als er sonst in ihrer Umgebung sich kund that - aber ebenso war auch etwas Versteinertes und unwandelbar Feststehendes in ihren Gesetzen und Statuten , das keine Reform derselben zuließ und Jahrhunderte lang dieselben äußern Formen und Bestimmungen bewahrte , als wären gerade sie das Wesentlichste der Sache . Dieselben Steinmetzen , welche sich ungestraft erlauben durften Tiara und Inful zu verspotten und in ihren auf ewige Dauer berechnenden Steingebilden zur Hölle fahrende Mönche und Nonnen , Könige und Bischöfe , ja Kaiser und Päpste dem Hohne der Zeitgenossen wie der Nachkommen preiszugeben - dieselben Steinmetzen mußten gewissenhaft zur Beichte gehen , und verfielen den schwersten Strafen der eigenen Hüttengesetze , wenn sie irgend eine kirchliche Handlung verabsäumten . Dieselben Freidenker , welche sich über das gesunkene Kirchenthum erhaben fühlten , waren doch die Feinde derer , welche sich nicht dazu bekannten - die allgemeine Verachtung , welche damals die Juden traf , wie der Haß gegen die Türken als den Erbfeind der Christenheit , war auch im Bekenntniß der Baubrüder eine Hauptstelle , und auch die Aufgeklärtesten unter ihnen waren ganz und gar von diesem Vorurtheil erfüllt . Wir haben gesehen , wie Hieronymus auf das Mächtigste von ihm beherrscht ward - ebenso wenig war Ulrich ganz frei davon , aber er hatte doch an die Worte des Meisters denken lernen : » Unter allerlei Volk , wer Gott fürchtet und recht thut , der ist ihm angenehm « - und hielt es nicht für unmöglich , daß Rachel zu diesen Rechtthuenden gehören könne - wenn schon sie so unglücklich war eine Jüdin zu sein ! Aber Hieronymus wollte nichts von einer solchen Anschauung wissen und fürchtete zumal auch , daß Ulrich sich und ihn in Schimpf und Schande in der Hütte bringen werde , wenn ein Zufall oder vielleicht Rachel selbst verriethe , daß er mit ihr gesprochen und sie in seiner Wohnung verborgen gehabt hatte , in die sie früher schon mehr als einmal sich gedrängt . Wie den Baubrüdern jeder Verkehr , auch mit ehrbaren Frauen , als Vergehen angerechnet ward , galt der mit einer Jüdin als doppeltes Verbrechen , denn man achtete eine solche gleich der verworfensten Dirne , mochte sie auch unschuldig sein wie ein Kind . Zu den andern Vorurtheilen sowohl der Zeit als der Baubrüderschaften , die darauf ihre Gesetze gründeten , gehörte die Nothwendigkeit ehelicher Geburt zu sein . Alle unehelichen Kinder galten als rechtlos , und der Makel , den sie so mit auf die Welt brachten , heftete sich an ihr ganzes Leben . Bei ihnen erwiesen sich allein die Klöster als eine rettende Zufluchtsstätte , in der sie vor dem Fluch gesichert waren , der sich draußen an ihr ganzes Leben knüpfte . Fast von allen Handwerken und Aemtern waren sie ausgeschlossen , und die Fürsten verfügten über sie ganz wie über Leibeigene . Das » Wildfangsrecht « z.B. , ein Recht deutscher Fürsten , alle Unehelichgeborenen ohne Weiteres in ihre Kriegsdienste zu zwingen , erhielt sich viele Jahrhunderte . Dieser Fluch der bürgerlichen Unehrlichkeit mußte diese Unglücklichen , die ihm verfallen waren , von Haus aus gleich selbst in die Bahn unehrlicher und verbrecherischer Gewerbe treiben und prägte sich tief als das Bewußtsein einer unschuldigen Schuld in alle empfindungsfähigen Gemüther . Darum waren auch Eltern noch außer der Angst vor der persönlichen Schande und Strafe , die ihnen selbst widerfuhr , eifrig bedacht ihren Kindern ehrliche Namen zu verschaffen , sei es auch auf die betrügerischste Weise . Oft genug entdeckte sich später der Betrug , und dann verfielen die unschuldigen Kinder doppelter Schande . Daher war es auch eine sehr gebräuchliche Drohung oder ein Mittel der Rache , andern Personen nachzusagen , daß sie nicht von ehelichem Herkommen seien ; denn oft ließ sich eines so wenig als das andere erweisen , und schon der Zweifel ward doch in manchen Augen zum Makel . Am strengsten aber unter allen Genossenschaften hielten die Bauhütten darauf , keinen Lehrling aufzunehmen , der nicht genügende Zeugnisse über sein Herkommen hatte . Die ganze Brüderschaft ward als profanirt betrachtet , wenn sie einen solchen unter sich geduldet hätte , Ulrich selbst hatte sich schon bei Rachel ' s erster Warnung vor der Möglichkeit entsetzt , daß man nur versuchen könne , seinen Eltern Unwürdiges nachzusagen , und jetzt entsetzte er sich doppelt vor den Bedenklichkeiten , welche durch die Worte des Propstes in ihm aufstiegen . Es gab für ihn kein größeres Unheil , als wenn wirklich ein Flecken auf sein Herkommen kam . Während er sich sonst darüber niemals Gedanken gemacht , waren sie nun plötzlich gewaltsam in ihm aufgeregt - und da er selbst kaum wußte , was er selbst glauben , fürchten oder hoffen sollte , so hütete er sich jetzt wohl Hieronymus ferner in diesem Stück zu seinem Vertrauten zu machen , ja er war zugleich fest entschlossen , seine Wohnung nicht mehr mit ihm zu theilen , damit , wenn ja der fürchterlichste Schlag über Ulrich hereinbräche , der Kamerad nicht durch ihn noch mehr sich mit beschimpft fühlen könne , als alle die andern freien Steinmetzen . Obwohl er sich im Aeußern mit Hieronymus ausgesöhnt , so vermied er doch mit ihm ferner über den Gegenstand ihres Zwistes zu sprechen , sowohl wie über das tiefverworrene Bangen , mit dem er dem Kloster und dem Bruder Amadeus entgegenging . Da er aber doch mit Hieronymus früher von diesem Mönch gesprochen , als er den Verlust des Kreuzes wieder erwähnt , so sagte er ihm nur , auf Befragen nach demselben darauf aufmerksam gemacht , daß dieser Mönch , welcher Amadeus heißt , an zeitweiligen Geistesstörungen litte . So hatten sie an einem hellen Wintertag ziemlich die Hälfte des Weges nach dem Kloster zurückgelegt , als sie es in der Ferne von Rüstungen und Schwertern im Sonnenschein funkeln sahen und Rosseshufe den frischgefallenen Schnee emporwirbeln . Als der reisige Zug näher kam , gewahrten sie an seiner Spitze einen geistlichen Herrn zu Pferde , und erkannten an seiner Tracht , an seinen Insignien und Farben den Bischof von Eichstädt , umgeben von vielen Rittern und einem ganzen Troß von Knappen und Dienern . Hinter ihm ritt ein nach Studentenart gekleideter Jüngling , der einige Worte an den Bischof richtend , dann seitab zu den Baubrüdern sprengte , die ehrfurchtsvoll grüßend am Wege standen . » Mit Vergunst , « sagte er zu den Beiden , die durch ihre Kleidung Allen als Baubrüder kenntlich waren ; » wackere Brüder der freien Steinmetzzunft , mich dünkt , wir sind uns schon vor Jahr und Tag im lieben Nürnberg begegnet , und da ich nach langer Entfernung mich der theuren Vaterstadt wieder nähere , und Ihr die ersten Nürnberger Gesichter seid , die mir in den Weg kommen , so möcht ich Euch fragen , ob Ihr mir vielleicht eine Kunde geben könnt , wie es in meinem Elternhause ergeht - es ist das der Pirkheimer ? « » Ihr seid es , Junker Willibald ! « antwortete Ulrich ; » bald hätte ich Euch nicht erkannt , denn Ihr seid größer und stärker geworden im bischöflichen Kriegsdienst , als bei den heimischen Studien . Ich denke , Ihr werdet die Euren im erwünschten Wohlsein treffen . Eurem Herrn Vater bin ich erst gestern begegnet , und Eure edlen Jungfrauen Schwestern flicken fleißig mit an einem Teppich für dieselbe Lorenzkirche , an der wir bauen . « » Ei , das ist eine gute Kunde , « antwortete Willibald , » sogar von meinen Schwestern wißt Ihr ! Ja , sie sind gern bei einem frommen Werke - daran erkenne ich , daß sie noch unverändert sind ! Der kunstliebende Propst , Herr Anton Kreß , hat das wohl angeordnet . « » O nein , « versetzte Hieronymus ; » nicht nur die Ehre der Ausführung , auch die des ganzen Plans gebührt den Frauen . « Und Ulrich fügte hinzu : » Die edle Frau Scheurl war kaum von ihrer langwierigen Krankheit genesen , da sie es beginnen ließ . « Er sprach diesen Namen absichtlich laut und faßte dabei einen Ritter in dunkler Tracht und von bleichem Ansehen scharf in ' s Auge , der eben jetzt sein Visir niederschlug , das er vorhin offen getragen . » Gott sei Dank , « sagte Willibald Pirkheimer , » der die edle Frau erhalten - « » Und sie auch ferner beschützen wird , « rief Ulrich ungewöhnlich laut ; » König Max hat seine Wohnung in Scheurl ' s Haus genommen - das wird ihr auch wohl Schutz gewähren . « Jener Ritter war den Andern , die während dem schon einen ziemlichen Vorsprung erreicht , nur langsam und zögernd nachgeritten , und nachdem Ulrich Willibald noch auf seine Frage Antwort gegeben , wohin und in welcher Absicht sie auf dem Wege seien , sagte der erstere auf jenen Ritter deutend : » Kennt Ihr diesen da ? « » Das eben nicht ; ich weiß nur , daß er Eberhard von Streitberg heißt und dort mit dem Ritter von Weyspriach erst unterwegs mit seiner Begleitung zu uns gestoßen . « Ulrich sann eine Weile nach . Dann sagte er leise : » Ich kenne jenen Herrn als einen gefährlichen Wegelagerer , der auf den Landstraßen den harmlosen Kaufleuten auflauert und ehrbare Frauen überall verfolgt ; warnt die Nürnbergerinnen vor ihm , wenn Ihr den Nürnberger Rath nicht warnen wollt ! « » Das ist eine starke Anklage ! « sagte Willibald . » Ich kann sie aufrecht erhalten , wenn es sein muß ! « sagte Ulrich ; » aber Ihr wißt , wir freien Steinmetzen mengen uns nicht gern in profane Händel , und jetzt gebietet mir mein Beruf wohl eine Woche fern zu sein von Nürnberg . Kommt Ihr aber mit Frau Elisabeth Scheurl zu reden , so nennt Ihr nur im leichten Erzählerton die Namen der Ritter , die mit Euch kamen - dies thut als Gegendienst für die guten Nachrichten , die Ihr von mir empfinget . Und nun Glück auf den Weg und zur Heimkehr ! Ich denke , wir sehen uns in Nürnberg wieder ! « Als auch Willibald sich verabschiedet hatte und der ganze Zug verschwunden war , sagte Hieronymus : » Ich erkannte den Ritter auch , mit dem Du auf Tod und Leben gerungen , aber ich hatte wenig Lust mich noch einmal in einen solchen Händel zu mengen und verdenke Dir , daß Du es gethan . Frau Elisabeth mag sich von ihrem königlichen Anbeter vor einem zudringlichen Entführer beschützen lassen - das wird ihr lieber sein , als von den armen Baubrüdern , denen sie es doch keinen Dank weiß . Du aber hast einen kecken und hinterlistigen Feind , dem kein Mittel zu schlecht ist , zu seinem Ziele zu kommen , auf ' s Neue herausgefordert - denn er erkannte uns so gut , wie wir ihn erkannten . « Ulrich versetzte : » Hoffentlich erkannte er nur mich , und Du hast nichts für Dich zu befürchten . « » Das bliebe sich gleich , « antwortete Hieronymus ; » man kennt uns als unzertrennliche Gefährten . « » Wir müssen aufhören es zu sein , « antwortete Ulrich , » wenn Dir meine Handlungen Sorgen oder Verdrießlichkeiten bereiten . « » Zu diesem Vorschlag ist es zu spät ! « antwortete Hieronymus doppelsinnig . Beide gingen eine Weile schweigend nebeneinander . Da hob sich auf einem Hügel am Waldessaum das einsamstehende Kloster der Benediktiner vor ihnen empor . Das goldene Kreuz darauf flimmerte hell im Sonnenlicht , das auf den beschneiten Dächern spielte und mit seiner erwärmenden Kraft ihm einzelne Tropfen erpreßte , die sich zu funkelnden Eiszapfen gestalteten . Sie hatten nicht gar weit mehr zu gehen , da standen sie vor den Oeconomiegebäuden des Klosters , welche sich auch den Laien erschlossen - ja , als sie durch den Hof schreitend in ein hallenartiges Zimmer des Erdgeschosses kamen , saßen mehrere Wanderer darin , die hier nur eingekehrt waren , um auszuruhen und sich durch einen Trunk Meth oder Wein zu stärken . Es gehörte damals mit zu den Mißbräuchen , die am häufigsten eingerissen waren , daß , wenn auch nicht in den Klöstern selbst , doch in den ihnen zugehörigen Oeconomien Wein geschenkt ward - aus dem , was früher eine freie Gabe mildthätiger Gastfreundschaft , war eine gute Einnahmsquelle für die Klosterkasse geworden . Hier waren die Baubrüder nur eingetreten , als ein junger Novize , als solcher an seiner braunen Kleidung und dem kurz geschnittenen , aber doch nicht geschorenen Haar kenntlich , auf sie zukam und beiden nach einander die Hand drückte ; an der Art , wie es geschah , erkannten sie in ihm einen Bruder , einen freien Steinmetzen . » Gott grüße Euch und Gott leite Euch ! « rief er ; » Ich hoffte , daß Ihr diesen Morgen kommen würdet , und begab mich darum hierher Euch zu erwarten . Nun darf ich auch Euer Führer sein . Kommt mit hinüber in ' s Kloster und stärkt Euch dort erst mit Speise und Trank von der Wanderschaft - unter diesen Profanen und Laien hier ist nicht gut sein . « Eben so herzlich erwiederten die Ankömmlinge den Gruß und Ulrich sagte : » Das hätten wir nicht gedacht , hier plötzlich einen Bruder zu finden ; aber wie ist denn Dein Name ? « Und Hieronymus fragte : » Und was hat Dich vermocht , Dich aus der thätigen Mitte freier Steinmetzen hierher zurückzuziehen ? Willst Du wirklich unser lebensvolles Wirken mit der todten Ruhe hier vertauschen ? « » Mein Name ist Konrad , « antwortete der Novize , » Eure andern Fragen beantworte ich einmal später in einer ruhigen Stunde . Es ist eine traurige Geschichte - und mir blieb keine Wahl ! Einstweilen denkt daran , daß ich nicht Verachtung , sondern nur Mitleid verdiene . « Ulrich seufzte leise und betrachtete voll innigster Theilnahme den jungen Mann . Er sah blaß und abgehärmt aus . Seine dunklen Augen waren mit bläulichen Ringen umgeben , die ihren Glanz noch erhöhten . Seine ganze Haltung und sein fahles Ansehen , so wie seine heisere Stimme weckten die Befürchtung , daß er an einer verzehrenden Krankheit litt . Ulrich fühlte sich voll innigsten Mitgefühls zu ihm gezogen , indeß Hieronymus den Bruder mit einigem Mißtrauen betrachtete , der , sei es freiwillig oder gezwungen aus der Brüderschaft geschieden war , um aus einem fleißigen freien Steinmetzen ein fauler , eingesperrter Mönch zu werden - wie es Hieronymus nannte . Denn obwohl diese ganzen Brüderschaften einst aus den Klöstern und zumal aus denen der Benediktiner hervorgegangen waren , so sahen sie jetzt doch mit derselben Geringschätzung auf sie herab , wie auf weltliche Profane . Drinnen im innern Kloster ,