. Die Abende nach dem Abendessen brachten wir immer im Freien zu , da noch lauter schöne Täge gewesen waren . Meistens saßen wir bei dem großen Kirschbaume oben , welches bei weitem der schönste Platz zu einem Abendsitze war , obgleich er auch zu jeder andern Zeit , wenn die Hitze nicht zu groß war , mit der größten Annehmlichkeit erfüllte . Mein Gastfreund führte die Gespräche klar und warm , und Mathilde konnte ihm entsprechend antworten . Sie wurden mit einer Milde und Einsicht geführt , daß sie immer an sich zogen , daß ich gerne meine Aufmerksamkeit hin richtete und , wenn sie auch Gewöhnliches betrafen , etwas Neues und Eindringendes zu hören glaubte . Der alte Mann führte dann die Frau im Sternenscheine oder bei dem schwachen Lichte der schmalen Mondessichel , die jetzt immer deutlicher in dem Abendrote schwamm , über den Hügel in das Haus hinab , und die schlanken Gestalten der Kinder gingen an den dunkeln Büschen dahin . Das alles war so einfach , klar und natürlich , daß es mir immer war , die zwei Leute seien Eheleute und Besitzer dieses Anwesens , Gustav und Natalie seien ihre Kinder , und ich sei ein Freund , der sie hier in diesem abgeschiedenen Winkel der Welt besucht habe , wo sie den stilleren Rest ihres Daseins in Unscheinbarkeit und Ruhe hinbringen wollten . Eines Tages wurde eine feierliche Mahlzeit in dem Speisezimmer gehalten . Es war Eustach , dann der Hausaufseher , der alte Gärtner mit seiner Frau , der Verwalter des Meierhofes und die Haushälterin Katharina geladen worden . Statt Katharinen mußte ein anderes die Herrschaft in der Küche führen . Es mußte , wie ich aus allem entnahm , jedes Mal bei der Anwesenheit Mathildens die Sitte sein , ein solches Gastmahl abzuhalten ; die Leute fanden sich auf eine natürliche Art in die Sache , und die Gespräche gingen mit einer Gemäßheit vor sich , welche auf Übung deutete . Mathilde konnte sie veranlassen , etwas zu sagen , was paßte , und was daher dem Sprechenden ein Selbstgefühl gab , das ihm den Aufenthalt in der Umgebung angenehm machte . Eustach allein erhielt die Auszeichnung , daß man das bei ihm nicht für nötig erachtete , er sprach daher auch weniger und nur in allgemeinen Ausdrücken über allgemeine Dinge . Er empfand , daß er der höheren Gesellschaft zugezählt werde , wie ich es auch , da ich ihn näher kennen gelernt hatte , ganz natürlich fand , während die anderen nicht merkten , daß man sie empor hebe . Der Gärtner und seine Frau waren in ihrem weißen , reinlichen Anzuge ein sehr liebes greises Paar , welches auch die anderen mit einer gewissen Auszeichnung behandelten . An Speisen war eine etwas reichlichere Auswahl als gewöhnlich , die Männer bekamen einen guten Gebirgswein zum Getränke , für die Frauen wurde ein süßer neben die Backwerke gestellt . Da die Rosen immer mehr der Entfaltung entgegen gingen , wurden einmal Sessel und Stühle in einem Halbkreise auf dem Sandplatze vor dem Hause aufgestellt , so daß die Öffnung des Kreises gegen das Haus sah , und ein langer Tisch wurde in die Mitte gestellt . Wir setzten uns auf die Sessel , der Gärtner Simon war gerufen worden , Eustach kam , und von den Leuten und Gartenarbeitern konnte kommen , wer da wollte . Sie machten auch Gebrauch davon . Die Rosen wurden einer sehr genauen Beurteilung unterzogen . Man fragte sich , welche die schönsten seien , oder welche dem einen oder dem anderen mehr gefielen . Die Aussprüche erfolgten verschieden , und jedes suchte seine Meinung zu begründen . Es lagen Druckwerke und Abbildungen auf dem Tische , zu denen man dann seine Zuflucht nahm , ohne eben jedes Mal ihrem Ausspruche beizupflichten . Man tat die Frage , ob man nicht Bäumchen versetzen solle , um eine schönere Mischung der Farben zu erzielen . Der allgemeine Ausspruch ging dahin , daß man es nicht tun solle , es täte den Bäumchen wehe , und wenn sie groß wären , könnten sie sogar eingehen ; eine zu ängstliche Zusammenstellung der Farben verrate die Absicht und störe die Wirkung ; eine reizende Zufälligkeit sei doch das angenehmste . Es wurde also beschlossen , die Bäume stehen zu lassen , wie sie standen . Man sprach sich nun über die Eigenschaften der verschiedenen Bäumchen aus , man beurteilte ihre Trefflichkeit an sich , ohne auf die Blumen Rücksicht zu nehmen , und oft wurde der Gärtner um Auskunft angerufen . Über die Gesundheit der Pflanzen und ihre Pflege konnte kein Tadel ausgesprochen werden , sie waren heuer so vortrefflich , wie sie alle Jahre vortrefflich gewesen waren . Auf den Tisch wurden nun Erfrischungen gestellt und alle jene Vorrichtungen ausgebreitet , die zu einem Vesperbrote notwendig sind . Aus den Reden Mathildens sah ich , daß sie mit allen hier befindlichen Rosenpflanzen sehr vertraut sei , und daß sie selbst kleine Veränderungen bemerkte , welche seit einem Jahre vorgegangen sind . Sie mußte wohl Lieblinge unter den Blumen haben , aber man erkannte , daß sie allen ihre Neigung in einem hohen Maße zugewendet habe . Ich schloß aus diesem Vorgange wieder , welche Wichtigkeit diese Blumen für dieses Haus haben . Gegen Abend desselben Tages kam ein Besuch in das Rosenhaus . Es war ein Mann , welcher in der Nähe eine bedeutende Besitzung hatte , die er selber bewirtschaftete , obwohl er sich im Winter eine geraume Zeit in der Stadt aufhielt . Er war von seiner Gattin und zwei Töchtern begleitet . Sie waren auf der Rückfahrt von einem Besuche begriffen , den sie in einem entfernteren Teile der Gegend gemacht hatten , und waren , wie sie sagten , zu dem Hause herauf gefahren , um zu sehen , ob die Rosen schon blühten , und um die gewöhnliche Pracht zu bewundern . Sie hatten im Sinne , am Abende wieder fort zu fahren , allein da die Zeit so weit vorgerückt war , drang mein Gastfreund in sie , die Nacht in seinem Hause zuzubringen , in welches Begehren sie auch einwilligten . Die Pferde und der Wagen wurden in den Meierhof gebracht , den Reisenden wurden Zimmer angewiesen . Sie gingen aus denselben aber wieder sehr bald hervor , man begab sich auf den Sandplatz vor dem Hause , und die Rosenschau wurde aufs neue vorgenommen . Es waren zum Teile noch die Stühle vorhanden , die man heute herausgetragen hatte , obwohl der Tisch schon weggeräumt war . Die Mutter setzte sich auf einen derselben , und nötigte Mathilden , neben ihr Platz zu nehmen . Die Mädchen gingen neben den Rosen hin , und man redete viel von den Blumen und bewunderte sie . Vor dem Abendessen wurde noch ein Gang durch den Garten und einen Teil der Felder gemacht , dann begab sich alles auf seine Zimmer . Da die Stunde zu dem Abendmahle geschlagen hatte , versammelte man sich wieder in dem Speisesaale . Der Fremde und seine Begleiterinnen hatten sich umgekleidet , der Mann erschien sogar im schwarzen Fracke , die Frauen hatten einen Anzug , wie man ihn in der Stadt bei nicht festlichen , aber freundschaftlichen Besuchen hat . Wir waren in unseren gewöhnlichen Kleidern . Aber gerade durch den Anzug der Fremden , an dem sachgemäß nichts zu tadeln war , was ich recht gut beurteilen konnte , weil ich solche Gewänder an meiner Mutter und Schwester oft sah und auch oft Urteile darüber hörte , wurden unsere Kleider nicht in den Schatten gestellt , sondern sie taten eher denen der Fremden , wenigstens in meinen Augen , Abbruch . Der geputzte Anzug erschien mir auffallend und unnatürlich , während der andere einfach und zweckmäßig war . Es gewann den Anschein , als ob Mathilde , Natalie , mein alter Gastfreund und selbst Gustav bedeutende Menschen wären , indes jene einige aus der großen Menge darstellten , wie sie sich überall befinden . Ich betrachtete während der Zeit des Essens und nachher , da wir uns noch eine Weile in dem Speisezimmer aufhielten , sogar auch die Schönheit der Mädchen . Die ältere von den beiden Töchtern der Fremden - wenigstens mir erschien sie als die ältere - hieß Julie . Sie hatte braune Haare wie Natalie . Dieselben waren reich und waren schön um die Stirne geordnet . Die Augen waren braun , groß und blickten mild . Die Wangen waren fein und ebenmäßig , und der Mund war äußerst sanft und wohlwollend . Ihre Gestalt hatte sich neben den Rosen und auf dem Spaziergange als schlank und edel , und ihre Bewegungen hatten sich als natürliche und würdevolle gezeigt . Es lag ein großer , hinziehender Reiz in ihrem Wesen . Die jüngere , welche Apollonia hieß , hatte gleichfalls braune , aber lichtere Haare als die Schwester . Sie waren eben so reich und wo möglich noch schöner geordnet . Die Stirne trat klar und deutlich von ihnen ab , und unter derselben blickten zwei blaue Augen , nicht so groß wie die braunen der Schwester , aber noch einfacher , gütevoller und treuer hervor . Diese Augen schienen von dem Vater zu kommen , der sie auch blau hatte , während die der Mutter braun waren . Die Wangen und der Mund erschienen noch feiner als bei der Schwester , und die Gestalt fast unmerkbar kleiner . War ihr Benehmen minder anmutig als das der Schwester , so war es treuherziger und lieblicher . Meine Freunde in der Stadt würden gesagt haben , es seien zwei hinreißende Wesen , und sie waren es auch . Natalie - ich weiß nicht , war ihre Schönheit unendlich größer , oder war es ein anderes Wesen in ihr , welches wirkte - ich hatte aber dieses Wesen noch in einem geringen Maße zu ergründen vermocht , da sie sehr wenig zu mir gesprochen hatte , ich hatte ihren Gang und ihre Bewegungen nicht beurteilen können , da ich mir nicht den Mut nahm , sie zu beobachten , wie man eine Zeichnung beobachtet - aber sie war neben diesen zwei Mädchen weit höher , wahr , klar und schön , daß jeder Vergleich aufhörte . Wenn es wahr ist , daß Mädchen bezaubernd wirken können , so konnten die zwei Schwestern bezaubern ; aber um Natalie war etwas wie ein tiefes Glück verbreitet . Mathilde und mein Gastfreund schienen diese Familie sehr zu lieben und zu achten , das zeigte das Benehmen gegen sie . Die Mutter der zwei Mädchen schien ungefähr vierzig Jahre alt zu sein . Sie hatte noch alle Frische und Gesundheit einer schönen Frau , deren Gestalt nur etwas zu voll war , als daß sie zu einem Gegenstande der Zeichnung hätte dienen können , wie man wenigstens in Zeichnungen gerne schöne Frauen vorstellt . Ihr Gespräch und ihr Benehmen zeigte , daß sie in der Welt zu dem sogenannten vorzüglicheren Umgang gehöre . Der Vater schien ein kenntnisvoller Mann zu sein , der mit dem Benehmen der feineren Stände der Stadt die Einfachheit der Erfahrung und die Güte eines Landwirtes verband , auf den die Natur einen sanften Einfluß übte . Ich hörte seiner Rede gerne zu . Mathilde erschien bedeutend älter als die Mutter der zwei Mädchen , sie schien einstens wie Natalie gewesen zu sein , war aber jetzt ein Bild der Ruhe und , ich möchte sagen , der Vergebung . Ich weiß nicht , warum mir in den Tagen dieser Ausdruck schon mehrere Male einfiel . Sie sprach von den Gegenständen , welche von den Besuchenden vorgebracht wurden , brachte aber nie ihre eigenen Gegenstände zum Gespräche . Sie sprach mit Einfachheit , ohne von den Gegenständen beherrscht zu werden , und ohne die Gegenstände ausschließlich beherrschen zu wollen . Mein Gastfreund ging in die Ansichten seines Gutsnachbars ein und redete in der ihm eigentümlichen klaren Weise , wobei er aber auch die Höflichkeit beging , den Gast die Gegenstände des Gespräches wählen zu lassen . So saßen diese zwei Abteilungen von Menschen an demselben Tische und bewegten sich in demselben Zimmer , wirklich zwei Abteilungen von Menschen . Daraus , daß sie gerade zur Rosenblüte herauf gefahren waren , erkannte ich , daß die Nachbarn meines Gastfreundes nicht bloß um seine Vorliebe für diese Blumen wußten , sondern daß sie etwa auch Anteil daran nahmen . Es wurde nach dem Essen nicht mehr ein Spaziergang gemacht , wie in diesen Tagen , sondern man blieb in Gesprächen bei einander , und ging später , als es sonst in diesem Hause gebräuchlich war , zur Ruhe . Am anderen Morgen wurde das Frühmahl in dem Garten eingenommen , und nachdem man sich noch eine Weile in dem Gewächshause aufgehalten hatte , fuhren die Gäste mit der wiederholt vorgebrachten Bitte fort , sie doch auch recht bald auf ihrem Gute zu besuchen , was zugesagt wurde . Nach dieser Unterbrechung gingen die Tage auf dem Rosenhause dahin , wie sie seit der Ankunft der Frauen dahin gegangen waren . Die Zeit , welche jedes frei hatte , brachten wir wieder öfter gemeinschaftlich zu . Ich wurde nicht selten in diesen Zeiten ausdrücklich zur Gesellschaft geladen . Natalie hatte auch ihre Lernstunden , welche sie gewissenhaft hielt . Gustav sagte mir , daß sie jetzt Spanisch lerne und spanische Bücher mit hieher gebracht habe . Ich hatte doch den Raum , welchen man mir in dem sogenannten Steinhause eingeräumt hatte , benützt , und hatte mehrere meiner Gegenstände dort hingebracht . Gustav las bereits in den Büchern von Goethe . Sein Ziehvater hatte ihm Hermann und Dorothea ausgewählt und ihm gesagt , er solle das Werk so genau und sorgfältig lesen , daß er jeden Vers völlig verstehe , und wo ihm etwas dunkel sei , dort solle er fragen . Mir war es rührend , daß die Bücher alle in Gustavs Zimmer aufgestellt waren , und daß man das Zutrauen hatte , daß er kein anderes lesen werde , als welches ihm von dem Ziehvater bezeichnet worden sei . Ich kam oft zu ihm , und wenn ich nach der Kenntnis , die ich bereits von seinem Wesen gewonnen hatte , nicht gewußt hätte , daß er sein Versprechen halten werde , so hätte ich mich durch meine Besuche von dieser Tatsache überzeugt . Mathilde und Natalie standen oft dabei , wenn mein Gastfreund für seine gefiederten Gäste auf der Fütterungstenne Körner streute , und nicht selten , wenn ich des Morgens von einem Gange durch den Garten zurückkam , sah ich , daß bei der Fütterung in dem Eckzimmer , an dessen Fenstern die Fütterungsbrettchen angebracht waren , eine schöne Hand tätig sei , die ich für Nataliens erkannte . Wir besuchten manchmal die Nester , in welchen noch gebrütet wurde oder sich Junge befanden . Die meisten aber waren schon leer , und die Nachkommenschaft wohnte bereits in den Zweigen der Bäume . Oft befanden wir uns in dem Schreinerhause , sprachen mit den Leuten , betrachteten die Fortschritte der Arbeit , und redeten darüber . Wir besuchten sogar auch Nachbaren und sahen uns in ihrer Wirtschaftlichkeit um . Wenn wir in dem Hause waren , befanden wir uns in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes , es wurde etwas gelesen , oder es wurde ein geistansprechender Versuch in dem Zimmer der Naturlehre gemacht , oder wir waren in dem Bilderzimmer oder in dem Marmorsaale . Mein Gastfreund mußte oft seine Kunst ausüben und das Wetter voraussagen . Immer , wenn er eine bestimmte Aussage machte , traf sie ein . Oft verweigerte er aber diese Aussage , weil , wie er erklärte , die Anzeigen nicht deutlich und verständlich genug für ihn seien . Zuweilen waren wir auch in den Zimmern der Frauen . Wir kamen dahin , wenn wir dazu geladen waren . Das kleine , letzte Zimmerchen mit der Tapetentür gehörte insbesondere Mathilden . Ich hatte es Rosenzimmer genannt , und es wurde scherzweise der Name beibehalten . Mir war es ein anmutiger Eindruck , daß ich sah , wie liebend und wie hold dieses Zimmer für die alte Frau eingerichtet worden war . Es herrschte eine zusammenstimmende Ruhe in diesem Zimmer mit den sanften Farben Blaßrot , Weißgrau , Grün , Mattveilchenblau und Gold . In all das sah die Landschaft mit den lieblichen Gestalten der Hochgebirge herein . Mathilde saß gerne auf dem eigentümlichen Sessel am Fenster und sah mit ihrem schönen Angesichte hinaus , dessen Art mein Gastfreund einmal mit einer welkenden Rose verglichen hatte . In den Zimmern las zuweilen Natalie etwas vor , wenn mein Gastfreund es verlangte . Sonst wurde gesprochen . Ich sah auf ihrem Tische Papiere in schöner Ordnung und neben ihnen Bücher liegen . Ich konnte es nie über mich bringen , auch nur auf die Aufschrift dieser Bücher zu sehen , viel weniger gar eines zu nehmen und hinein zu schauen . Es taten dies auch andere nie . An dem Fenster stand ein verhüllter Rahmen , an dem sie vielleicht etwas arbeitete ; aber sie zeigte nichts davon . Gustav , wahrscheinlich aus Neigung zu mir , um mich mit den schönen Dingen zu erfreuen , die seine Schwester verfertigte , ging sie wiederholt darum an . Sie lehnte es aber jedes Mal auf eine einfache Art ab . Ich hatte einmal in einer Nacht , da meine Fenster offen waren , Zithertöne vernommen . Ich kannte dieses Musikgerät des Gebirges sehr gut , ich hatte es bei meinen Wanderungen sehr oft und von den verschiedensten Händen spielen gehört , und hatte mein Ohr für seine Klänge und Unterschiede zu bilden gesucht . Ich ging an das Fenster und hörte zu . Es waren zwei Zithern , die im östlichen Flügel des Hauses abwechselnd gegen einander und mit einander spielten . Wer Übung im Hören dieser Klänge hat , merkt es gleich , ob auf derselben Zither oder auf verschiedenen , und von denselben Händen oder verschiedenen gespielt wird . In den Gemächern der Frauen sah ich später die zwei Zithern liegen . Es wurde aber in unserer Gegenwart nie darauf gespielt . Mein Gastfreund verlangte es nicht , ich ohnehin nicht , und in dieser Angelegenheit beobachtete auch Gustav eine feste Enthaltung . Indessen war nach und nach die Zeit herangerückt , in welcher die Rosen in der allerschönsten Blüte standen . Das Wetter war sehr günstig gewesen . Einige leichte Regen , welche mein Gastfreund vorausgesagt hatte , waren dem Gedeihen bei weitem förderlicher gewesen , als es fortdauernd schönes Wetter hätte tun können . Sie kühlten die Luft von zu großer Hitze zu angenehmer Milde herab , und wuschen Blatt , Blume und Stengel viel reiner von dem Staube , der selbst in weit von der Straße entfernten und mitten in Feldern gelegenen Orten doch nach lange andauerndem schönem Wetter sich auf Dächern , Mauern , Zäunen , Blättern und Halmen sammelt , als es die Sprühregen , die mein Gastfreund ein paar Male durch seine Vorrichtung unter dem Dache auf die Rosen hatte ergehen lassen , zu tun im Stande gewesen waren . Unter dem klarsten , schönsten und tiefsten Blau des Himmels standen nun eines Tages Tausende von den Blumen offen , es schien , daß keine einzige Knospe im Rückstande geblieben und nicht aufgegangen ist . In ihrer Farbe von dem reinsten Weiß in gelbliches Weiß , in Gelb , in blasses Rot , in feuriges Rosenrot , in Purpur , in Veilchenrot , in Schwarzrot zogen sie an der Fläche dahin , daß man bei lebendiger Anschauung versucht wurde , jenen alten Völkern recht zu geben , die die Rosen fast göttlich verehrten und bei ihren Freuden und Festen sich mit diesen Blumen bekränzten . Man war täglich teils einzeln , teils zusammen zu dem Rosengitter gekommen , um die Fort schritte zu betrachten , man hatte gelegentlich auch andere Rosenteile und Rosenanlagen in dem Garten besucht ; allein an diesem Tage erklärte man einmütig , jetzt sei die Blüte am schönsten , schöner vermöge sie nicht mehr zu werden , und von jetzt an müsse sie abzunehmen beginnen . Dies hatte man zwar auch schon einige Tage früher gesagt ; jetzt aber glaubte man sich nicht mehr zu irren , jetzt glaubte man auf dem Gipfel angelangt zu sein . So weit ich mich auf das vergangene Jahr zu erinnern vermochte , in welchem ich auch diese Blumen in ihrer Blüte angetroffen hatte , waren sie jetzt schöner als damals . Es kamen wiederholt Besuche an , die Rosen zu sehen . Die Liebe zu diesen Blumen , welche in dem Rosenhause herrschte , und die zweckmäßige Pflege , welche sie da erhielten , war in der Nachbarschaft bekannt geworden , und da kamen manche , welche sich wirklich an dem ungewöhnlichen Ergebnisse dieser Zucht ergötzen wollten , und andere , die dem Besitzer etwas Angenehmes erzeigen wollten , und wieder andere , die nichts Besseres zu tun wußten , als nachzuahmen , was ihre Umgebung tat . Alle diese Arten waren nicht schwer von einander zu unterscheiden . Die Behandlung derselben war von Seite meines Gastfreundes so fein , daß ich es nicht von ihm vermutet hatte , und daß ich diese Eigenschaft an ihm erst jetzt , wo ich ihn unter Menschen beobachten konnte , entdeckte . Auch Bauern kamen zu verschiedenen Zeiten und baten , daß sie die Rosen anschauen dürfen . Nicht nur die Rosen wurden ihnen gezeigt , sondern auch alles andere im Hause und Garten , was sie zu sehen wünschten , besonders aber der Meierhof , in so ferne sie ihn nicht kannten , oder ihnen die letzten Veränderungen in demselben neu waren . Eines Tages kam auch der Pfarrer von Rohrberg , den ich bei meinem vorjährigen Besuche in dem Rosenhause getroffen hatte . Er zeichnete sich einige Rosen in ein Buch , das er mitgebracht hatte , und wendete sogar Wasserfarben an , um die Farben der Blumen so getreu , als nur immer möglich ist , nachzuahmen . Die Zeichnung aber sollte keine Kunstabbildung von Blumen sein , sondern er wollte sich nur solche Blumen anmerken und von ihnen den Eindruck aufbewahren , deren Art er in seinen Garten zu verpflanzen wünschte . Es bestand nämlich schon seit lange her zwischen meinem Gastfreunde und dem Pfarrer das Verhältnis , daß mein Gastfreund dem Pfarrer Pflanzen gab , womit dieser seinen Garten zieren wollte , den er teils neu um das Pfarrhaus angelegt , teils erweitert hatte . Unter allen aber schien Mathilde die Rosen am meisten zu lieben . Sie mußte überhaupt die Blumen sehr lieben ; denn auf den Blumentischen in ihren Zimmern standen stets die schönsten und frischesten des Gartens , auch wurde gerne auf dem Tische , an welchem wir speisten , eine Gruppe von Gartentöpfen mit ihren Blumen zusammengestellt . Abgebrochen oder abgeschnitten und in Gläser mit Wasser gestellt durften in diesem Hause keine Blumen werden , außer sie waren welk , so daß man sie entfernen mußte . Den Rosen aber wendete sie ihr meistes Augenmerk zu . Nicht nur ging sie zu denen , welche im Garten in Sträuchen , Bäumchen und Gruppen standen , und bekümmerte sich um ihre Hegung und Pflege , sondern sie besuchte auch ganz allein , wie ich schon früher bemerkt hatte , die , welche an der Wand des Hauses blühten . Oft stand sie lange davor und betrachtete sie . Zuweilen holte sie sich einen Schemel , stieg auf ihn , und ordnete in den Zweigen . Sie nahm entweder ein welkes Laubblatt ab , das den Blicken der andern entgangen war , oder bog eine Blume heraus , die am vollkommenen Aufblühen gehindert war , oder las ein Käferchen ab , oder lüftete die Zweige , wo sie sich zu dicht und zu buschig gedrängt hatten . Zuweilen blieb sie auf dem Schemel stehen , ließ die Hand sinken , und betrachtete wie im Sinnen die vor ihr ausgebreiteten Gewächse . Wirklich war der Tag , den man als den schönsten der Rosenblüte bezeichnet hatte , auch der schönste gewesen . Von ihm an begann sie abzunehmen , und die Blumen fingen an zu welken , so daß man öfter die Leiter und die Schere zur Hand nehmen mußte , um Verunzierungen zu beseitigen . Auch zwei fremde Reisende waren in das Rosenhaus gekommen , welche sich eine Nacht und einen Teil des darauf folgenden Vormittages in demselben aufgehalten hatten . Sie hatten den Garten , die Felder und den Meierhof besehen . In seine Zimmer und in die Schreinerei hatte sie mein Gastfreund nicht geführt , woraus ich die mir angenehme Bemerkung zog , daß er mir bei meiner ersten Ankunft in seinem Hause eine Bevorzugung gab , die nicht jedem zu Teil wurde , daß ich also eine Art Zuneigung bei ihm gefunden haben mußte . Gegen das Ende der Rosenblüte kam Eustachs Bruder Roland in das Haus . Da er sich mehrere Tage in demselben aufhielt , fand ich Gelegenheit , ihn genauer zu beobachten . Er hatte noch nicht die Bildung seines Bruders , auch nicht dessen Biegsamkeit ; aber er schien mehr Kraft zu besitzen , die seinen Beschäftigungen einen wirksamen Erfolg versprach . Was mir auffiel , war , daß er mehrere Male seine dunkeln Augen länger auf Natalien heftete , als mir schicklich erscheinen wollte . Er hatte eine Reihe von Zeichnungen gebracht , und wollte noch einen entfernteren Teil des Landes besuchen , ehe er wiederkehrte , um den Stoff vollkommen zu ordnen . Ehe Mathilde und Natalie das Rosenhaus verließen , mußte noch der versprochene Besuch auf dem Gute des Nachbars , welches Ingheim hieß und von dem Volke nicht selten der Inghof genannt wurde , gemacht werden . Es wurde hingeschickt , und ein Tag genannt , an dem man kommen wollte , welcher auch angenommen wurde . Am Morgen dieses Tages wurden die braunen Pferde , mit denen Mathilde gekommen war , und die sie die Zeit über in dem Meierhofe gelassen hatte , vor den Wagen gespannt , der die Frauen gebracht hatte , und Mathilde und Natalie setzten sich hinein . Mein Gastfreund , Gustav und ich , der ich eigens in die Bitte des Gegenbesuches eingeschlossen worden war , stiegen in einen anderen Wagen , der mit zwei sehr schönen Grauschimmeln meines Gastfreundes bespannt war . Eine rasche Fahrt von einer Stunde brachte uns an den Ort unserer Bestimmung . Ingheim ist ein Schloß , oder eigentlich sind zwei Schlösser da , welche noch von mehreren anderen Gebäuden umgehen sind . Das alte Schloß war einmal befestigt . Die grauen , aus großen viereckigen Steinen erbauten runden Türme stehen noch , ebenso die graue , aus gleichen Steinen erbaute Mauer zwischen den Türmen . Beide Teile beginnen aber oben zu verfallen . Hinter den Türmen und Mauern steht das alte , unbewohnte , ebenfalls graue Haus , scheinbar unversehrt ; aber von den mit Brettern verschlagenen Fenstern schaut die Unbewohntheit und Ungastlichkeit herab . Vor diesen Werken des Altertums steht das neue , weiße Haus , welches mit seinen grünen Fensterläden und dem roten Ziegeldache sehr einladend aussieht . Wenn man von der Ferne kömmt , meint man , es sei unmittelbar an das alte Schloß angebaut , welches hinter ihm emporragt . Wenn man aber in dem Hause selber ist und hinter dasselbe geht , so sieht man , daß das alte Gemäuer noch ziemlich weit zurück ist , daß es auf einem Felsen steht , und daß es durch einen breiten , mit einem Obstbaumwald bedeckten Graben von dem neuen Hause getrennt ist . Auch kann man in der Ferne wegen der ungewöhnlichen Größe des alten Schlosses die Geräumigkeit des neuen Hauses nicht ermessen . Sobald man sich aber in demselben befindet , so erkennt man , daß es eine bedeutende Räumlichkeit habe , und nicht bloß für das Unterkommen der Familie gesorgt ist , sondern auch eine ziemliche Zahl von Gästen noch keine Ungelegenheit bereitet . Ich hatte wohl den Namen des Schlosses öfter gehört , dasselbe aber nie gesehen . Es liegt so abseits von den gewöhnlichen Wegen , und ist durch einen großen Hügel so gedeckt , daß es von Reisenden , welche durch diese Gegend gewöhnlich den Gebirgen zugehen , nicht gesehen werden kann . Als wir uns näherten , entwickelten sich die mehreren Bauwerke . Zuerst kamen wir zu den Wirtschaftsgebäuden oder der sogenannten Meierei . Dieselben standen , wie es bei vielen Besitzungen in unserem Lande der Brauch ist , ziemlich weit entfernt von dem Wohnhause und bildeten eine eigene Abteilung . Von da führte der Weg durch eine Allee uralter großer Linden eine Strecke gegen das neue Haus . Die Allee ist ein Bruchstock von derjenigen , die einmal gegen die Zugbrücke des alten Schlosses hinauf geführt hatte ; sie brach daher ab , und wir fuhren die übrige Strecke durch schönen grünen Rasen , der mit einzelnen Blumenhügeln geschmückt war , dem Hause zu . Dasselbe war von weißlich grauer Farbe und hatte säulenartige Streifen und Friese . Alle Fenster , soweit die geöffneten Läden eine Einsicht zuließen , zeigten von innen schwere Vorhänge . Als der Wagen der Frauen unter dem Überdache der Vorfahrt hielt , stand schon der Herr von Ingheim samt seiner Gattin und seinen Töchtern am Ende der Treppe zur Bewillkommung . Sie waren alle mit Geschmack gekleidet , so wie die Dienerschaft , die hinter ihnen stand , in Festkleidern war . Der Herr half den Frauen aus dem Wagen , und da wir mittlerweile auch ausgestiegen und herzugekommen waren , wurden wir von der ganzen Familie begrüßt und die Treppe hinauf geleitet . Man führte uns in ein großes Empfangzimmer und wies uns Plätze an . Mathilde und Natalie hatten zwar festlichere Kleider an , als sie im Rosenhause trugen , aber dieselben , so edel der Stoff