darauf . - Also kann es Sie in keiner Weise kompromittiren , « setzte er lachend hinzu . Der Baron zuckte mit der Hand nach seiner Uhrkette und sein gleichmüthiges , lächelndes Gesicht war im Begriff , einen ganz anderen Ausdruck anzunehmen . Wie aber ein geschickter Equilibrist sich noch in dem Momente , wo er fallen will , kräftig und gewaltsam in ' s Gleichgewicht hinein schwingt , so auch der Baron . Seine Finger , welche hastig die Uhrkette , wie um sie zu verbergen , ergreifen wollten , glitten jetzt leicht daran herunter und blieben an dem bewußten Ringe hängen . » Ah ! Sie wollen mit meinem Talisman siegeln , bester Graf ! « sagte er alsdann mit seinem gewöhnlichen freundlichen Lächeln . » Nehmen Sie sich in Acht ! Sie wissen doch , daß diese mysteriös geschnittenen Steine nur für den heilbringend sind , der sie besitzt , und daß , wenn sich ein Anderer derselben bedient , zum Beispiel wie Sie , lieber Graf , jetzt zum Siegeln , dies für den Empfänger von unangenehmen Folgen sein kann ! « » Sind Sie denn wirklich abergläubisch , Baron ? « fragte der Graf und hob eine Stange Siegellack an das brennende Licht , während er den Brief vor sich hinlegte . - » Uebrigens , « fuhr er lächelnd fort , » ist mir am Wohl und Wehe des Empfängers oder der Empfängerin nicht viel gelegen , und wenn also Ihre Befürchtungen wirklich wahr wären , so könnte es derjenigen , welche diesen Brief erhält , am Ende Nichts schaden , wenn dieser Brief einige Dornen auf ihren Pfad streute . « » Coeur de rose ! « sagte der Baron , indem er sich höchst verwundert stellte , » da führen Sie ja eigenthümliche Korrespondenzen . Ich will nicht hoffen , daß der Brief an Jemand aus der Gesellschaft geht ! « » Seien Sie ganz unbesorgt , Baron ! Glauben Sie denn , ich würde mich in dem Fall eines Ihrer Siegel bedienen ? Ah ! das wäre indiscret ! Dieses Schreiben geht an ein ganz obscures Wesen , von dessen Existenz Sie gar keine Ahnung haben ; eine stille Wittwe , die hie und da meine gewissen kleinen Privatangelegenheiten arrangirt . - Aber jetzt geben Sie Ihren Ring her , mein Siegellack ist flüssig . « » Armer Talisman ! « sagte der Baron mit affektirter Wehmuth , während er die Kette loshakte und den Ring seinem Bekannten darbot ; » ein Abdruck von dir scheint mir da in schöne Hände zu kommen . - Coeur de rose ! das hätte sich die reizende Griechin , die ihn mir verehrt , gewiß nicht träumen lassen . « Der Graf siegelte rasch und sorgfältig das Villet , dann betrachtete er aufmerksam die sonderbaren für ihn unleserlichen Schriftzeichen und versetzte : » So , der Abdruck ist schön gelungen ; meinen herzlichen Dank ! - Jetzt muß ich aber eilen , sonst komme ich zu spät in ' s Schloß und das wäre entsetzlich . - Kann ich Sie mitnehmen ? « Der Baron sann eine Sekunde nach . » Besuch auf dem Kastellplatz , « murmelte er , » dann in der Königsstraße , in der hohen und breiten Straße , - ja , ja , bester Graf , ich nehme einen Sitz in Ihrem Wagen an ! Sie lassen mich an der Ecke des Kastellplatzes entspringen . « » Schön , « erwiderte Graf Fohrbach ; » gehen Sie nur voraus ; ich folge in der Sekunde . « Während nun der Baron in das Vorzimmer ging , sich dort den Paletot anziehen ließ , einen dicken Cachemir um den Hals schlang , den Hut aufsetzte und nach dem Wagen schritt , eilte der Graf in sein Arbeitskabinet , wo der Maler saß und sagte diesem : » Adieu , lieber Arthur , ich muß in den Dienst . Bleiben Sie hier , so lange Sie wollen ; Sie wissen , wo Cigarren und Pfeifen sind . Aber wenn Sie fortgehen , erzeigen Sie mir , dem Freunde , eine Gefälligkeit . Werfen Sie diesen Brief auf die Stadtpost , aber heute Morgen noch ; es liegt mir Alles daran , daß er im Laufe des Tages an seine Adresse gelangt , besonders aber , daß meine Dienerschaft die Adresse nicht sieht . Ich stehe zu allen Gegendiensten bereit . « » Mit großem Vergnügen , « entgegnete Arthur , indem er das Billet neben sich legte . » Wenn ich für meine Person die Adresse lesen darf und es mir nicht zu sehr aus meiner Route liegt , so werde ich ihn selbst besorgen , wenn es Ihnen recht ist . « » Natürlicher Weise ! « entgegnete der Graf lachend , während er fort eilte ; und er sagte noch unter der Thüre : » aber wenn Sie ihn selbst überbringen , so nehmen Sie sich in Acht ; Sie könnten da in ein Kreuzfeuer von schönen Augen hineinkommen , das selbst einem Maler gefährlich werden dürfte . - Adieu ! « Damit eilte er fort , ließ sich im Fluge den Mantel umwerfen und traf den Baron schon an der Gartenthüre neben dem kleinen Coupé stehend . Beide setzten sich ein und der Wagen schoß mit einer außerordentlichen Geschwindigkeit davon . » Da fällt mir eben ein , « sagte der Baron , der sich jetzt in seine Ecke geschmiegt hatte , » Sie könnten mir einen kleinen Dienst erzeigen , Graf Fohrbach , und ich bin überzeugt , keine Fehlbitte zu thun , da heute Ihr Herz gegen mich von Dankbarkeit erfüllt sein muß . Bedenken Sie , daß ich Ihnen einen vortrefflichen Jäger verschafft , und daß ich Sie mit meinem Talisman siegeln ließ . Coeur de rose ! Das sind keine Kleinigkeiten ! « » Sie wissen , bester Baron , daß ich mir auch ohne das ein Vergnügen daraus machen würde , Ihnen nützlich sein zu können . Wovon handelt es sich ? « » Ich komme mir ordentlich als Dienerschafts-Kommissionär vor , « entgegnete gutmüthig lachend Herr von Brand . » Ich habe , wie gesagt , den Jäger plazirt , jetzt habe ich noch eine vortreffliche Kammerjungfer zu vergeben , für die ich eine gute Stelle suche , wo möglich im Schlosse . Es ist ein sehr braves und empfehlenswerthes Geschöpf . « » Ist sie jung und hübsch ? « » Ah ! mein lieber Graf , Ihre Frage könnte mich beleidigen ! Ich versichere Sie , ich sehe blos auf die inneren Eigenschaften dieses Mädchens . Aber um tugendhafte Bedenken Ihrerseits zu beschwichtigen , versichere ich Sie , daß die erwähnte Person gerade nicht zu jung und auch gerade nicht zu hübsch ist , so - so wie ich glaube ; aber sie kann einer Toilette assistiren wie keine und spricht französisch . « » Das wird sich machen lassen , « meinte Graf Fohrbach , » und wenn Ihnen wirklich ein Gefallen damit geschieht , Baron , so können Sie Ihrer Empfohlenen sagen , sie sei schon so gut wie plazirt . Und Sie wünschen , daß sie in ' s Schloß kommt ? « » Gerade daran wäre mir etwas gelegen ; - sie soll eine sehr brave Person sein . « » Ich werde mit der Frau von B. gelegentlich davon sprechen . Aber hier ist der Kastellplatz , wo ich Sie absetzen soll . « - Er zog bei diesen Worten heftig an der Schnur , die zum Kutscher draußen führte , worauf der kleine Wagen fast augenblicklich stille hielt . » Meinen doppelten Dank ! « rief der Baron lachend , nachdem er ausgestiegen ; » für die Kammerjungfer und die Fahrt . « » Und meinen gleichfalls , « entgegnete der Graf , » für den Jäger und den Talisman . « Und der Wagen rollte davon . Der Herr von Brand blieb an der Ecke des großen Kastellplatzes stehen ; es war dies , wie schon der Name besagt , ein weiter Raum in der Nähe eines alten Schlosses , in welchem sich Archive und Möbelmagazine befanden . Dies alte düstere Gebäude war mit Thürmen flankirt , und hatte eine Menge ein- und ausspringender finsterer Winkel , von denen einige dazu dienten , das herabstürzende Regenwasser aufzufangen , weßhalb sich auf dem Boden derselben große zusammengekittete Steinplatten mit einer vergitterten Oeffnung versehen befanden , durch welche alle Feuchtigkeit ablief . Heute Morgen , wo der Frost der letzten Tage von einem starken Thauwetter verdrängt worden war , wo es ziemlich heftig regnete und der Schnee auf den Dächern mit außerordentlicher Geschwindigkeit schmolz , stürzte das Wasser in kleinen Fällen aus den seltsam geformten Dachrinnen hervor in jene Winkel hinab , um alsdann durch die erwähnte Oeffnung sprudelnd und schäumend unter der Erde zu verschwinden . Der Baron schritt um das alte Kastell herum bis zur hinteren Seite , wo sich zwischen einem Thurme und einem riesenhaften Kamin der dunkelste dieser Winkel befand . Hier öffnete er behutsam Paletot und Rock , nahm das uns bekannte Petschaft aus letzterem heraus und ließ es auf den Steinboden niederfallen , so daß es alsbald von der Fluth des Regen- und Schneewassers in den Schooß der Erde hinabgeschwemmt wurde . Darauf lächelte er eigenthümlich , knöpfte Rock und Paletot wieder zu , schob die Hände in die Taschen und verschwand in einer engen Straße , die auf den Kastellplatz mündete . Zweiundzwanzigstes Kapitel . Auf der Polizeidirektion . Der Baron hatte sich eine seltsame Tournure angewöhnt ; er ging nämlich , wenn er allein über die Straßen schritt , scheinbar in Gedanken vertieft , den Kopf etwas vornüber gebeugt , die Augen vor sich auf die Fußspitzen geheftet . Wir sagen , er sah nur scheinbar so achtungslos aus , denn in Wirklichkeit bemerkte er Alles , was ihm begegnete , und wenn er hie und da sein Auge leicht aufschlug und um sich schaute , so faßte er in einer Sekunde die Häuser der beiden Seiten auf und wußte ganz genau , ob Jemand im zweiten , dritten oder vierten Stock am Fenster gewesen . Seine Freunde spotteten darüber und sagten ihm lachend , er kokettire mit seinem tiefen Nachdenken , mit seinem gänzlichen Unbeachtetlassen der ganzen übrigen Welt , - wenn aber an einer Straßenecke , sei es auch auf Tausend Schritte Entfernung , der lumpigste Junge seine Mütze schwenke , so sehe er das augenblicklich , halte es für eine Begrüßung und lüpfe respektvollst den Hut . Daß der Baron gerne grüßte , das leugnete er selbst nicht . - - » Was wollt ihr ! « sagte er , » ich bin einmal ein Mensch , der , das weiß ich ganz genau , keine glänzenden Eigenschaften , keine überraschenden Talente entwickeln kann ; um aber nun Etwas zu haben , das mich vielleicht vor vielen andern Menschen auszeichnet , so befleißige ich mich einer musterhaften Höflichkeit und besitze eine außerordentliche Artigkeit . « - » Und ein eigens für Sie erfundenes Parfum , « hatten die Freunde lachend hinzugesetzt . - Worauf der Baron sehr wichtig erwiderte : » Das ist wahr - coeur de rose . « So ging er denn auch am heutigen Tage sinnend dahin , ließ den Kastellplatz hinter sich , sah fast immer auf den Boden und warf nur hie und da einen Blick auf die Vorübergehenden und auf die Häuser zu beiden Seiten . Er durchschritt mehrere Straßen , wandte sich rechts , dann links und kam an einen andern Platz der Residenz , wo nämlich die eleganten und reichen Stadtviertel anfingen , deren zwei Hauptstraßen hier zu beiden Seiten in eines der größten Kaffeehäuser mündeten . Diesem Café gegenüber lag ein stattliches Gebäude - die Polizeidirektion . Mit einem einzigen Blick überschaute der Baron den ziemlich großen Platz , als er in der Nähe des Café ' s wie immer scheinbar gedankenlos schlendernd , aus einer der Seitenstraßen heraustrat . Ihm gegenüber mußte aber plötzlich Etwas erscheinen , was seine ganze Aufmerksamkeit fesselte , denn er blieb mit einem Male stehen , wandte sich und , um den ihm Begegnenden nicht aufzufallen , nach einem Bilderladen , wo er angelegentlichst ein paar Kupferstiche zu betrachten schien , in der That aber seine Augen fest auf die andere Seite des Platzes gerichtet hielt . Dort befand sich ebenfalls ein eleganter Laden , und ein Strom von Menschen trieb bei ihm vorbei ; es war das eine ziemlich wirre Masse von Fußgängern aller Art : Herren in Paletots , Damen in Mänteln , viele Regenschirme und viele Equipagen , die ab und zu fuhren und bald vor diesem , bald vor jenem Gewölbe hielten . Während der Baron da stand und schaute , änderten sich seine Gesichtszüge in der gleichen Art wie vorhin im Salon des Grafen Fohrbach , nur mit dem Unterschiede , daß jetzt Entschlossenheit weniger vortrat , dagegen eine gespannte Aufmerksamkeit alle Muskeln seines Gesichtes zusammenzog . Ohne unsere Hilfe wird der geneigte Leser unmöglich errathen , was der Baron so aufmerksam betrachtete , weßhalb wir es für unsere Schuldigkeit halten , diesen Gegenstand näher zu bezeichnen . Zwischen dem Gewühl der Wagen und Fußgänger bemerken wir einen Bedienten in anständiger Livrée , ohne Regenschirm , den himmlischen Wassern trotzend , der anscheinend vollkommen sorglos und durchaus nicht eilig an den Häusern vorbei schleicht . Jetzt hatte er beide Hände in die Hosentaschen gesteckt , im nächsten Momente zog er sie hervor und legte sie auf dem Rücken zusammen . Dabei blieb er zuweilen einen Augenblick stehen , schaute an den Himmel hinauf und schien Etwas in Ueberlegung zu ziehen , worauf ihn das Resultat dieses Nachdenkens vorwärts trieb , denn er machte ein paar schnelle Schritte , um gleich darauf wieder nachdenkend stehen zu bleiben ; endlich pflanzte er sich vor einem der Gewölbe auf , beschaute aber nicht die ausgelegten Waaren , sondern blinzelte nach der Polizeidirektion , die nur noch wenige Schritte vor ihm lag . Das Alles bemerkte der Baron vor dem Bilderladen und sprach leise zu sich selber : » Wenn der Kerl da einen Auftrag hätte , so würde er sich bei dem scheußlichen Wetter wahrscheinlich beeilen , da er aber auf Etwas zu spekuliren scheint und auf alle Fälle über Etwas nachdenkt , so will mir sein Herumschlendern dort bei dem verdächtigen Gebäude durchaus nicht gefallen . - Passen wir auf . « Jetzt hatte der Lakai wieder einige Schritte gethan und befand sich an dem großen Eingang der Polizeidirektion . Er blieb hier abermals stehen , betrachtete das Haus von oben bis unten , blickte verstohlen in das Vestibul , las hierauf eifrig die an der Mauer aufgeklebten Anzeigen , dann setzte er einen Fuß auf die unterste Treppenstufe , zog ihn aber wieder zurück und schlich an dem Hause vorüber . Der Baron athmete tief auf . - Jetzt aber ballte er krampfhaft die rechte Hand , streckte sich hoch empor und sein Auge blitzte ; drüben war der Bediente wieder umgekehrt und nach abermaligem Zaudern nun in der Thüre des Polizeidirektions-Gebäudes verschwunden . Einen Augenblick verharrte der Baron in der eben beschriebenen Stellung , dann biß er die Zähne über einander , nickte mit dem Kopfe und murmelte : » Das war ein glücklicher Zufall ! « worauf er in das Kaffeehaus trat , eine Cigarre verlangte , eine Zeitung nahm und sich an die Thüre stellte ; anscheinend in das Journal vertieft , blickte er fast jede Sekunde auf den Platz hinaus . Er mußte nun eine gute halbe Stunde warten , bis der Lakai drüben wieder aus dem Gebäude heraustrat . - » Ich will nun sehen , wie er davon geht , « dachte der Baron , » schleicht er unentschlossen zurück , wie er gekommen , so ist vielleicht Nichts verloren ; - wenn nicht - - ah ! der Hallunke ! « - Dieser Ausruf entfuhr ihm etwas lauter als er es gerade gewollt , da er bemerkte , wie der Bediente drüben förmlich die Treppe hinabstürzte und als werde er gejagt über die Straße dahin flog . Ein Paar harmlose Zeitungsleser in dem Kaffeehause , die das laute Wort des Barons vernommen , blickten erstaunt in die Höhe , schrieben es aber wohl einem Artikel zu , den der Baron in seinem Journal gelesen , denn dieser bezwang sich augenblicklich und schaute so harmlos in die Spalten , als interessire ihn sonst Nichts auf der ganzen weiten Welt ; auch blieb er noch eine gute Viertelstunde an der Thüre stehen , worauf er ruhig von dannen ging und ebenso über den Platz schritt bis zum nächsten Fiakerstand . Dort setzte er sich in einen Wagen , gab dem Kutscher eine Adresse , forderte ihn auf , schnell zu fahren und befand sich kurze Zeit darauf an der Thüre seiner Wohnung . Da wir später und zu gelegenerer Zeit dem Baron einen Besuch zu machen gedenken , so wollen wir uns jetzt nicht mit einer Beschreibung dieser Wohnung aufhalten , um so weniger , da der Herr des Hauses selbst außerordentlich eilig zu haben scheint . Schon auf der Treppe pfiff er auf eine eigenthümliche Art , worauf ein Bedienter herbeisprang und die Glasthüre aufriß , die in den ersten Stock führte . » Sogleich meinen Wagen ! « befahl der Baron , indem er vorüberschritt und sich in sein Ankleidezimmer begab , wo ihn der Kammerdiener erwartete . Kurze Zeit nachher hörte man einen Wagen vorfahren , und als der Bediente die Meldung davon brachte , hatte sich der Baron bereits umgekleidet . Er trug einen eleganten einfachen Morgenanzug , ließ von dem Kammerdiener ein rothes Band in das Knopfloch befestigen , zog einen leichten Paletot an , und eilte ebenso geschwind die Treppen hinab , wie er hinaufgestiegen war . » Nach der Polizeidirektion ! « rief er dem Kutscher zu ; das leichte Coupé flog davon und hielt kurze Zeit darauf vor dem uns bekannten Gebäude . Von dem Gesicht des Barons war unterdessen jede Wolke verschwunden , und ein heiterer Sonnenschein lächelte aus allen seinen Zügen . Er schritt leicht und gewandt die breite Treppe hinauf , die sich oben theilte und links zu den Kanzleien , rechts zu der Wohnung des Präsidenten führte . Die letztere Richtung nahm der Baron , und bei der großen Glasthüre angekommen , zog er ziemlich stark an der Klingel . Ein Bedienter , welcher öffnete , machte eine tiefe Verbeugung und führte ihn in einen eleganten Salon , wo er ihn mit den Worten allein ließ , er werde der gnädigen Frau augenblicklich den Besuch des Herrn Baron melden , und er zweifle auch nicht , daß die gnädige Frau sichtbar sei . Das war denn auch der Fall ; der Baron brauchte nur kurze Zeit zu warten , die er dazu anwandte , sich vor das Bild einer ziemlich hübschen und sehr wohlbeleibten Frau zu stellen , und dort wie in Entzücken versunken stehen zu bleiben . Endlich hörte er eine Thüre öffnen und fuhr mit einem halberschreckten : » Ah ! « herum , als er das Original dieses Bildes erblickte , welches sanft lächelte , da es seine Verwirrung bemerkte . Dieses Original , die Gemahlin des Polizei-Präsidenten , war nicht mehr ganz so hübsch wie das Portrait , wohl aber noch um Einiges beleibter . Sie verwandelte ihr sanftes Lächeln in ein freundliches , als ihr der Baron , den Hut in beiden Händen haltend , verbindlichst näher trat und mit Beziehung auf das Gemälde , bei dessen Anschauung man ihn ertappt hatte , ausrief : » Ah ! gnädigste Frau , so oft ich eben das Bild betrachte , hasse ich unsern Künstler immer mehr ; - was hätte er daraus machen können ! - Ein so lohnendes Werk ! - Doch schweigen wir von der Copie , da ich so glücklich bin , dem schönen Original die Hand küssen zu dürfen . « Darauf führte er die dicken Finger der Präsidentin an seinen zierlich zusammengezogenen Mund und ließ sich auf einen Fauteuil nieder , wohin ihm die gnädige Frau dankbarlichst winkte . » Sie werden gewiß erstaunt sein , daß ich Ihnen schon wieder lästig falle , « sagte der Baron , nachdem er sich auf ' s Zierlichste gesetzt , mit einem süßen Lächeln ; » aber es müssen schon vier Wochen sein , daß Sie die Gnade hatten , mich letztmals zu empfangen . « » Ei , Baron , « entgegnete lächelnd die Präsidentin , » es sind noch nicht acht Tage . « » Unmöglich ! « entgegnete er erstaunt . » Ich versichere Sie : volle vier Wochen . « » Es war vergangenen Donnerstag , « beharrte sie freundlich lächelnd , » und heute haben wir Mittwoch , Da Sie meinen Worten nicht zu glauben scheinen , bester Baron , so will ich Auguste rufen lassen , die Ihnen gewiß genau sagen wird , wann Sie da waren . « Der Baron verstand die zarte Anspielung der Mutter , doch schien ihm offenbar dieses Glück zu groß . Er athmete tief auf , schlug die Augen nieder und betrachtete angelegentlich seine lederfarbenen Handschuhe . Die Präsidentin klingelte , und da ihre Tochter Auguste ganz zufälligerweise selbst kam , um sich nach ihren Befehlen zu erkundigen , so konnte sie gleich da bleiben , was sie denn auch nicht ohne einige sehr gut an den Tag gelegte Verwirrung that . Auguste war ein hübsches blondes Mädchen von einigen zwanzig Jahren . - Als Mama ihre Entscheidung über den streitigen Fall von vorhin verlangte , schlug sie sanft die Augen nieder und sagte erröthend : » Sie waren in der That am vergangenen Donnerstag hier , Herr Baron . « » Und ich dachte , es seien volle vier Wochen , « entgegnete er . - » Wie ist mir die Zeit so lange geworden ! « setzte er leiser hinzu , indem er der Mutter eine Sekunde in die Augen sah und alsdann einen verheerenden Streifblick auf die Tochter warf . Letztere antwortete mit einer vollen Lage aus ihren hübschen blauen Augen und wandte sich darauf scheinbar in Verlegenheit ab , doch manöverirte sie wie ein gut geführtes Kriegsschiff und lud nach dieser Bewegung ihre Geschütze zu einem neuen Angriff . » So muß ich also doppelt um Verzeihung bitten , « sagte eifrig der Baron , » daß ich Sie heute schon wieder belästige . « » Ihre Besuche sind uns jeder Zeit angenehm , « versetzte die Mutter . » Ah ! « seufzte der Baron , indem er die Augen öffnete und schloß wie ein vollkommener Geck , » das ist in Ihrem Munde nur ein freundliches Kompliment ; aber ich zähle Stunden und Tage , bis mir wieder das Glück zu Theil werden darf , mich nach Ihrer kostbaren Gesundheit erkundigen zu dürfen . « » Und verzählen sich ? « sprach lächelnd Auguste . » Doch ohne meine Schuld , « antwortete der Baron und machte eine Bewegung , als wolle er die rechte Hand zierlich auf sein Herz legen und mit einem Blick , der deutlich sagte : Kann ich dafür , daß entfernt von Ihnen mir Tage zu Wochen werden ? - Es entstand hier eine kleine liebliche Pause . Der Baron schien in tiefes Nachdenken versunken , aus dem er jetzt aber empor fuhr und hastig sagte : » Aber mein jetziger Besuch , gnädige Frau , ist nicht ganz ohne Grund . Denken Sie sich , wir waren gestern Abend beim Grafen Fohrbach und es kam die Rede auf Ihre letzte Soirée . Natürlicherweise sprachen wir über elegante Toiletten , und darauf behauptete ich , Sie , gnädigste Frau , seien damals in einer veilchenblauen Atlasrobe mit weißen Camelien im Haar erschienen ; Graf Fohrbach stritt für eine von Rosafarbe , und ich muß gestehen , « setzte er fast beschämt hinzu , » daß wir darüber eine kleine Wette eingingen . - Nun war ich vorhin drüben in dem Kaffeehause - « » Gegenüber unserem Hause ? « fragte Auguste lächelnd , und wir glauben , daß sie ein wenig erröthete . » Ja , mein Fräulein , « erwiderte der Baron , indem er abermals die Augen niederschlug , » Ihren - Fenstern gegenüber . « Worauf ihn wiederholt eine volle Lage ihrer Blicke traf . Nachdem sich der Baron einigermaßen erholt , nahm er seine Rede wieder auf und lispelte : » Ich war also in dem Kaffeehause . - Ich bin oft dort . - Heute aber erwartete ich mit Ungeduld die schickliche Stunde , um Ihnen meine Aufwartung machen zu können und Ihr Urtheil , unsere Wette betreffend , zu vernehmen . Da sah ich denn , daß mir Graf Fohrbach leider schon zuvorgekommen . « » Graf Fohrbach ? « fragte verwundert die Präsidentin . » Ich weiß Nichts von ihm ; du auch wohl nicht , Auguste ? « wandte sie sich an ihre Tochter . » Er war nicht hier , « versicherte diese bestimmt . » Nicht in Person , « sagte der Baron , setzte aber mit einem fast schmerzlichen Lächeln hinzu : » doch ich bin vielleicht indiskret . - Nein , nein , ich kann mich nicht irren , ich erkannte deutlich die Livrée des Grafen , der wahrscheinlich schriftlich um Ihre Entscheidung bat . « » Theuerster Baron , da haben Sie falsch gesehen , « lachte die Präsidentin . » Wir Beide wissen von keinem Schreiben des Grafen Fohrbach , « setzte sie hinzu , nachdem sie ihre Tochter mit einem Blicke befragt . » Es gibt allerdings Momente , wo man trüber als gewöhnlich sieht , zum Beispiel , wenn man zu lange in ein helles Licht geschaut , « versetzte der Baron mit Beziehung und in einem schwärmerischen Tone , » aber diesmal irre ich mich nicht : es war einer der Leute des Grafen , der ungefähr vor einer halben Stunde in Ihr Haus trat . Oh ! ich habe die Thüre genau beobachtet . « » Vielleicht hat der Graf an Papa geschrieben , « meinte Auguste mit einem kalten Blick auf das Nebenzimmer . » Ich glaube nicht , « sagte die Präsidentin ; » und wenn auch , doch gewiß nicht in Ihrer Angelegenheit . « » Es wäre mir aber sehr interessant , « erwiderte der Baron , » das genau zu erfahren . Sie wissen , gnädigste Frau , wenn man einmal eine Wette eingegangen hat , so überwacht man gern alle Schritte seines Gegners , selbst die unschuldigsten . « » Leichtsinnige junge Leute ! « rief die Präsidentin , indem sie schalkhaft mit dem Finger drohte . - » Wetten da auf die Camelien , die ich im Haar trage , « setzte sie sehr geschmeichelt hinzu . » Wenn Sie wünschen , will ich Papa fragen , « sagte Auguste . » Ja , ja , « meinte auch die Präsidentin , » das kann ja gleich geschehen . Laß dem Präsidenten sagen , der Herr Baron von Brand sei da ; er wird sich gewiß ein großes Vergnügen daraus machen , auf einen Augenblick herüber zu kommen . « » Aber wir stören ihn in seinen wichtigsten Amtsgeschäften , « sprach der Baron . Worauf die Präsidentin sich verbeugend erwiderte : » Für einen Freund des Hauses hat mein Mann immer eine Viertelstunde übrig . « Auguste ging hinaus , um den Papa zu benachrichtigen , und der Polizei-Präsident machte dem Worte seiner Gemahlin alle Ehre , denn er erschien fast augenblicklich , rieb sich vergnügt die Hände , und freute sich auf ' s Außerordentlichste , den angenehmen Besuch begrüßen zu dürfen . Dreiundzwanzigstes Kapitel . Räubergeschichten . Der Polizei-Präsident war ein kleiner magerer Mann mit einem ernsten , dürren Gesichte , grauen stechenden Augen und einer langen Nase , mit welcher er sich übrigens viel zu thun machte . Er faßte sie häufig , zog sie bald rechts und bald links , und boshafte Spötter behaupteten , er steure damit seinen ganzen Körper , indem er zuerst immer die Nase gewaltsam in die Richtung brächte , welche er einschlagen wollte . So viel war übrigens gewiß , daß er seine Richtung oft veränderte ; stand dieser würdige Beamte aber einmal stille , so drückte er sanft an seiner Nase herum , als wolle er sie sich für künftige Dienste freundlichst geneigt erhalten . Der Baron war aufgesprungen und machte dem Chef der Polizei ein tiefes , ehrerbietiges Kompliment , dann folgte ein freundschaftlicher Händedruck , dann die Bitte , sich gnädigst niederlassen zu wollen , mit dem Versprechen , es ebenso zu machen , worauf Beide in ihre weichen Fauteuils zurücksanken , der Präsident steif , in aufrechter Haltung , nachdem er zuvor seine Nase sanft befühlt , der Baron elegant , graziös , dabei schlaff und zusammengesunken : jeder Zoll ein vollkommener Roué . » Ich hatte einen kleinen Streit mit den Damen , « sagte er mit niedergeschlagenen Augen , » den Sie , Herr Präsident , allein im Stande sind zu schlichten . « » Der Baron behauptet nämlich , « ergriff die Präsidentin lachend das Wort , » der junge Graf Fohrbach habe heute Morgen an uns geschrieben ; es betrifft eine Wette , die dich übrigens nicht interessirt . Wir versicherten den Baron , keinen der Leute des Grafen gesehen zu haben , er aber beharrte auf dem Gegentheil und behauptete am Ende , wenn wir Nichts davon wüßten , so habest du ein Schreiben des Grafen Fohrbach erhalten . « » Von Seiner Excellenz dem Kriegsminister ? « sagte nachdenkend der Präsident , indem er seine Nase tief herabzog . - » Habe Nichts von ihm erhalten . « » Ach Gott ! nein , « entgegnete seine Gemahlin , » von dem jungen