weiß was , entdeckt . Wir sprangen nicht , weil wir mit König Salomo wissen , es giebt nichts Neues unter der Sonne , aber wir ließen sie springen , weil wir wussten , sie werden schon müde werden . - Es ist Mancher müde geworden , mehr als müde . Da ich nun nicht in Verzückungen gerathen bin , nicht damals bei der ersten und nicht damals bei der zweiten Menschenbeglückung , warum soll ich denn jetzt in Ravissements des Zorns oder Patriotismus gerathen , weil diese selben Herren in ihrem Götzen nun plötzlich das Thier der Apokalypse entdeckt haben ! Was kümmert mich Hannover . Im siebenjährigen Kriege waren die französischen Marschälle oft darin und brandschatzten , aber gerade nur so lange , als der große Friedrich Besseres zu thun hatte . Und wenn sie ' s ihm zu arg machten und er verdrießlich wurde , schickte er seinen Seydlitz oder einen Braunschweiger hinüber , und ließ sie wieder fortjagen . « » Es sind aber andere Zeiten . Wir haben keinen Friedrich mehr , und die Konstellationen sind furchtbar , Herr Geheimrath ! « » Und der alte Lupinus weiß nichts davon ! Nicht wahr ? « Der Geheimrath nahm mit großem Wohlgefallen eine lange Prise . » Der Mortier , oder wie sein General heißt , hat Hannover mir nicht dir nichts besetzt , ohne uns zu fragen , und wir hatten es doch so halbweges , noch vom Baseler Frieden her , garantirt . Und er hat es gethan , um uns mit England aneinander zu bringen . Er sperrt die Flußhäfen gegen die Kolonialwaaren , und die Engländer sperren sie uns , daß wir unser Holz und unsere Leinwand nicht rausschicken können . Das giebt nun viel Jammer und Geschrei , aber das ist alles nichts als das Strohfeuer , womit man die Bienen aus dem Baume und die Fische aus dem Wasser lockt . Die ganze deutsche Nation hat auf uns gewartet , daß wir doch nun losschlagen würden . Man kann ' s in allen Zeitungen lesen , daß alle Biedermänner auf uns warten . Aber es giebt noch viel ungeduldigere Leute . Der Schwedenkönig ist wie toll umhergelaufen , und hat überall angeklingelt : Macht doch Krieg ! Der russische Kaiser rüstet : Krieg partout ! ruft er . Und ganz in der Stille rüstet Oesterreich . Darum sollen wir auch in die Falle gehen und auch rüsten . Aber wir gehen nicht in die Falle , und rüsten nicht . Denn Rüsten kostet Geld , und der Krieg bringt nichts ein , und was geht ' s uns an . Sehen Sie , der alte Lupinus hat doch auch etwas in die Zeitungen geguckt . « » Und wir , eingekeilt in diese Mitte ! Ganz Europa in Waffen gegen einander , und wir - « » Sehen zu - wie sie sich schlagen und vertragen , und denken mit König Salomo : Alles ist eitel ! « Walters Brust hob sich ; es waren ernste Gefühle , die heraus wollten , aber er überwand sich - , es war hier nicht der Ort dazu . Nur ein Stoßseufzer brach es hervor : » Und der Brand in unsern eignen Eingeweiden ! « » Ein Eimer Wasser drauf , lieber Walter . Ist probat ! « Hatte der Gelehrte ein Sonntagsgesicht ? Er , der nichts sah , was um ihn vorging , blickte er heute in die Seelenzustände eines Andern und fand sein Vergnügen darin , das Verborgene heraus zu schöpfen ? - » Da steht nun wieder auf Ihrem Gesicht : Ach Gott , der gute Geheimrath Lupinus ! Er weiß , woran die Verfassungen in Rom und Athen zu Grunde gingen , aber wie es im Preußischen Staat gährt und stockt , das sind ihm Böhmische Dörfer . - Wer wird denn gleich Einen verdammen , junger Herr , ohne das er ein bischen versucht hat , ihn zu bessern ! - Oder zu untersuchen , ob denn nicht doch ein Lichtchen der Erkenntniß in ihm flackert ! - Manche Fahne , die vor dem Heer des großen Königs flatterte , ist von den Motten zerfressen , das weiß ich , und die Monturen im Zeughause gehen in Plunder , wenn man sie ausklopft . Weiß auch noch mehr . Unsere Soldaten sind nicht Bonaparte ' s Soldaten . Und unsere Offiziere - weiß ich auch , man muß aber nicht alles sagen , was man weiß . Die eisernen Ladestöcke , durch die wir bei Mollwitz siegten , sind jetzt Gemeingut geworden , die Räder von unserm Fuhrwesen gehen aber noch in dem Geleise von Anno ehemals . Unser Schatz ist ausgepumpt , das weiß ich auch , und das Bischen , was unser junger König durch Sparsamkeit wieder hineinfließen lässt , löscht noch nicht den Durst . Es sieht auch in den Finanzen ganz kurios aus ; unter dem Schimmel werden wohl noch manche harte Thaler liegen , aber man kratzt den Schimmel nicht ab , weil manches andre damit blos gelegt würde . Ja , ja , die Blöße fürchtet man , und hat daran ganz recht . Viele Schlösser sehen blank geputzt aus , schließen aber nicht mehr , und manche Mühlen klappern wohl , mahlen aber nicht mehr . Auch die große Staatsmühle macht noch dasselbe Geräusch , daß man ' s in weiter Ferne hört , und wunders denkt , was sie mahlen muß , aber wer in die Mehlkammer sieht , merkt , daß es kaum zur Noth hinreicht . Das kann nun von mancherlei herkommen . Etwa davon , daß man niemals vorher weiß , woher der Wind kommt , und wenn er da ist , erschrocken links und rechts rennt , und was links stehen soll , rechts stellt , und was rechts links . Auch kann die Mühle von alter Konstruktion sein , und in Holland und Amerika haben sie seitdem bessere Gänge erfunden . Und dann spricht man auch von der großen Staatsuhr , deren Räderwerk erst gar quer und verkehrt wäre , denn wenn einer nicht täglich sie stellte , so zeigte sie nie die rechte Stunde an . Das käme aber daher , weil kein Rad ins andre griffe , große und kleine , es ginge jedes für sich , die Räder der Minister , und kein Oberminister , der sie regulirte , und wenn sie auch mal regulair gingen , so hätten die Geheimen Kabinetsräthe wieder ihren aparten Schlüssel , und die Oberpräsidenten in den Provinzen wohl auch ; und wäre mal , rara avis , alles egal und konform , dann schöbe ein Finger von ganz oben den Zeiger um eine Viertelstunde zurück , wodurch denn das ganze Räderwerk in Unordnung geriethe . Das ist nur etwas , es ist aber noch viel mehr . « Walter hatte mit steigender Bewunderung zugehört . » Und was ich nun thue ? wollen Sie fragen . Da will ich Ihnen mit einem Dichter antworten , keinem alten , nein , einem allerneuesten , den ich auf meiner Frau Tisch fand , das ist der Herr Bürde aus Schlesien . Da lesen Sie es : Glücklich , wer im engbegrenzten Raume Seiner Heimat tiefe Wurzeln schlägt , Und , gleich einem wohlgediehnen Baume Fest steht , und die Aeste nur bewegt ! Der die Lebens-Nothdurft nur begehret , Und , allein auf Gegenwart beschränkt , Was er heut erworben , heut verzehret , Und sich weder heftig freut , noch kränkt ; Den die Welt zu sehen nicht gelüstet , Der mit Bessrem Gutes nicht vergleicht , Und , zur letzten Reise stets gerüstet , Sich geräuschlos aus dem Leben schleicht . Nur umsonst verdoppeln wir die Schritte , Nie erreichen wir das Ziel der Bahn , Immer stehn wir in des Cirkels Mitte , Und der Umkreis weicht , so wie wir nahn . Das sind noch Gefühle eines Dichters , « sprach er , das Buch fortlegend . » Der einer ersterbenden Welt angehört , wie sein Horaz , « sprach Walter für sich . Er nahm die Vorlesung als Zeichen zum Abschied , der Geheimrath hatte es aber nicht so gemeint : » Wenn eine Mühle ins Stocken geräth , glauben Sie , daß wir darum kein Brod mehr zu essen bekommen , und wenn alle Uhren unrichtig gingen , daß die Sonne sich darum auch einmal verspätet , aufzugehen ? « Walter meinte , es sei doch eines Jeden Pflicht , dafür zu sorgen , daß seine Uhr richtig gehe . » Für seine eigene mag er sorgen , lieber Herr van Asten , aber nicht um die Rathhausuhr . « Lupinus sah ihn dabei sehr pfiffig an . Walter erröthete wieder : » Sie möchten unsern Staat wieder auf die Beine bringen . Da ließen Sie neulich einen Zettel fallen - warten Sie , wo hab ' ich ihn gleich hingelegt ? - Hier ! Das ist wohl kein Excerpt , so mit frischer Dinte , recht frisch aus dem Herzen geschrieben : Daß ein Staat , der bestehen will , der Sitten , oder , wo diese fehlen , kräftiger Männer zur Ausführung kräftiger Maßregeln bedürfe , gewahrt Niemand . Die Augen gehen erst in der Noth auf . « Walter steckte hastig den Zettel in die Brusttasche : » Zu einem Briefe - « » So , also ein Brief ! Da wollte ich Sie nur bitten , sich an den zu erinnern , welchen der junge Herr Gentz bei der Thronbesteigung an seine Majestät den König schrieb . Das war mal genial ! Wie riß man sich darum ! Da lag ' s doch klar , wie ein umgestürzter Pudding auf der Schüssel , wo ' s bei uns manquirte , was anders , besser nun gemacht werden sollte . Man brauchte nur zuzugreifen , gar keine Mühe sich zu geben , nur zu thun , zu decretiren , wie ' s der junge Herr Gentz den Ministern wies . - Haben sie ' s gethan ? Haben sie zugegriffen ? Nichts angerührt , ' s ist Alles beim Alten geblieben . Und Herr Gentz ? Ist er Minister , Kabinetsrath , Präsident geworden ? Er blieb Kriegs- und Domainenrath , hatte niemals Geld , aber immer Schulden . Bis es ihm hier zu langweilig ward , und er fortlief , nach Oesterreich . Seine Sachen brauchte er nicht zu verkaufen , dafür sorgten schon seine Gläubiger ; aber seine Grundsätze , die waren lange vorher schon versilbert . Na , an wen ist denn Ihr Brief gerichtet ? « Da lag sein Geheimniß trocken an der Luft . Walter hatte bis da nur einen Stolz , als freier Mann unter den drängenden Verhältnissen zu stehen . Musste ihm der , von dem er es am wenigsten vermuthete , ablauschen , was er sich selbst noch nicht vollkommen eingestand ! Lupinus musste seine innersten Bewegungen verstanden haben . » Junger Freund ! Warum denn gegen sich selbst unwahr sein ! Was die Freiheit ist , hat weder Plato noch Seneca erklärt , gewiß ist aber , sie giebt nichts zu beißen und zu brechen . Ein Dichter wollen Sie nicht werden , und ein Kaufmann auch nicht . Ganz recht , der eine kann Bankerott machen , und der andere verhungert , wenn nicht ganz , doch beinah . Also was bleibt Ihnen , als eine Anstellung suchen . Den Staat verbessern wollen , ist aber der schlechteste Anfang von einer Carriere . « Walter hatte sich wieder gesammelt : » Wenn ich nun aber doch so thöricht wäre , anmaßend , geben Sie meinem Willen einen Namen , welchen Sie wollen , ich protestire nicht dagegen , aber wenn ich denn doch in mir den Ruf fühlte , nach diesem Ziele zu streben , warum nicht anfangen , wie ich enden will ? « Der Gelehrte sah ihn scharf an : » Weil Sie dann nicht zum Ziele kommen , « hub er nach einer Pause an . » Ein Mann , der seine Frau erziehen will , muß es ihr ja nicht sagen , so sagt man wenigstens , und wer den Staat verbessern will , muß es ja nicht merken lassen . Wollen Sie mein Recept wissen ? ' S ist kein neues , uralt wie die Welt . Wenn man groß ist , muß man sich klein ducken , sich anschlängeln an das , was gilt . Meistens an Personen , zuweilen an Gedanken . Wenn ' s auch recht dumm ist , und man von Herzen drüber lacht , oder sich ärgert ! - Lachen Sie immer und ärgern sich , nur bei zugeschlossenen Thüren ! - Ohr und Auge aufhaben , aufgepasst auf alle Falten und Fältchen , und da bei guter Zeit ein Zeichen zwischen gelegt ! Was kann man nicht in schwachen Stunden belauschen , und hat man erst die Schwächen eines großen Mannes weg , dann mit einiger Klugheit wird man ihm bald nothwendig . Und ist man ihm erst nothwendig , so ist man auch sein Herr . Vor dem Brausewind , der alles besser wissen , alles wegfegen will , verschließen sich solche Herren , auch wenn ihnen seine Ansichten gefallen . Sie denken , der kann dich mal selbst fortfegen . - Und die Herren am Ruder hier sind so affabel . An Protektionen soll ' s Ihnen nicht fehlen . Schreiben Sie eine Vertheidigung der Politik der Herren Kabinetsräthe . Man wird Sie nicht gleich zum Kriegs- und Domainenrath machen , aber ein kleines Pöstchen giebt ' s schon , vielleicht ein besseres , als mit einem Titel , so ein Sekretär in secretis - « » Und wohin führt das ? « » Warten Sie doch ! Ein klein Bischen Geduld nur , und ein Bischen mehr noch . Haben Sie erst Posto gefasst , Ihre Fühlfäden ausgestreckt , kennen Sie die Menschen und ihre Gedanken , was sich anzieht und was sich abstößt , wissen Sie , was noch feststeht und was schwankt , dann ist ja noch immer Zeit . « » Wozu ? « » Was Sie wollen . Meinethalben , Sie werden schon was Gutes gewollt haben . Sind Sie der Mann am Steuer , und an Kapacitäten fehlt es Ihnen nicht , und ästimire auch Ihren Charakter , aufrichtig , dann - einen Schub , einen Fußstoß ! Wie Sie ' s anfangen , daß der alte Plunder zusammenbricht , darum ist mir nicht bange . Nicht wie Coriolan und Catilina muß man anfangen . Cicero wusste , wo er sich bücken musste , und wo er grad aufrecht stehen durfte . - « Walter hatte seinen Hut ergriffen : » Daß Cicero ' s Name auf der Proscriptionsliste stand und sein Kopf aus der Portechaise fiel , würde mich vielleicht nicht abhalten , wie Cicero zu handeln , aber - mein Herr Geheimrath , ich habe ein anderes Vorbild aus dem Alterhum , von dem Ihr großer Horaz gesungen hat : Integer vitae - « » Scelerisque purus , « fiel der Gelehrte ein , und nahm wieder eine lange Prise . » Auch ein schönes Vorbild . Gar nichts dagegen zu sagen . Au contraire , aber dieser Integer vitae war nicht verliebt . « Da war abermals ein zweites Geheimniß , und von den poesielosesten Lippen trocken in die Luft gesetzt , ein so still in der Brust gehütetes , kaum sich selbst gestandenes , ein so zartes Kind , daß es in dieser rauhen Luft erstarren konnte . War dieser Bücherwurm heute ein Magier ? In dem Augenblick öffnete sich die Thür , und der Kopf der Geheimräthin blickte herein : » Ehe Sie gehen , Herr van Asten , auf ein Wörtchen . « Die Thür ging wieder zu . Der Blick musste eine eigenthümliche Wirkung haben . Ihr Gespräch war unterbrochen , aber auch die sonntägliche Stille des Zimmers war gestört . Der Kater hatte sich knurrend aufgerichtet , und Staub wirbelte durch den Sonnenschein . Es blieb noch eine Weile still . Es war , als ob der Gelehrte sich schämte . Dem Eindringling hätte er nicht zurufen können : Noli turbare circulos meos ! er selbst war ja aus seinen Kreisen getreten ; das machte ihn befangen . Walter war es auch . Vor dem alten freundlichen Manne , der mit der Wünschelruthe seinen verborgenen Schatz berührt , hätte er sprechen mögen , wie ihm zum Herzen war . Es lag schon auf der Zunge . Da war es plötzlich erstarrt vor dem stechenden Blicke , das süße Geheimniß schien ihm vergiftet , ein Nebelschauer hatte einen Mehlthau auf die Blüthen gelagert . Er besann sich und sprach schöne Worte , die nicht der Ausdruck seines Gefühls waren : » Seine Träume gehören nicht dem Menschen allein , es sind gaukelnde Kinder aus anderen Welten . Sie haben einen berührt , der , lieblich gaukelnd , Einlaß forderte . Aber , - auch die süßesten Träume muß der Mann verscheuchen können , wo die Pflicht gebietet . Ich glaube meinen Gönner nicht versichern zu dürfen , daß dies schöne Mädchen , dem Sie gastlich Ihr Haus geöffnet , dem Ihre Gattin Muttersorge widmet , ihres Unglücks wegen mir heilig ist . Sie und ich , das ist ein langer Weg , den wir zu gehen hätten , bis wir uns träfen , und sie selbst vielleicht noch nicht - « Der Geheimrath wehrte mit beiden Händen : » Ist nicht mein Departement . Ist meiner Frau ihres . Da sprechen Sie , da schweigen Sie , wie Sie ' s für gut finden . « Er fasste seine Hand und sah ihn vertraulich , fast bittend an : » Lieber Walter , schweigen Sie lieber , es ist besser , daß Niemand etwas davon erfährt . Wir haben hier vielerlei Allotria getrieben . Gott weiß , wie ich mich fortreißen ließ . So ist ' s mit unsrer Stärke und unsern Entschlüssen ! Rühmte mich , nichts solle in meine Kreise dringen , wenn ich meine Thür verschlösse , und plötzlich stand drinnen der Bonaparte , unsre Monturen , Finanzen , und gar eine Liebschaft von Ihnen , und rannten mich beinahe um unter meinen Büchern . - Vergessen Sie , daß Sie einen alten Mann in einer schwachen Stunde betroffen haben ! « » Also das bleibt Alles unter uns , « schien das letzte Wort , als er Waltern gleichsam an die Thüre gedrängt , aus Besorgniß , daß von den Allotriis doch noch etwas über die Lippen kommen könnte . Aber dort legte er die Hand ihm noch einmal auf die Schulter : » Lieber Herr van Asten , um Sie ist mir nicht bange . So oder so , aus Ihnen wird was . Bleiben Sie ein vir integer . Rühren Sie nicht mehr Staub auf , als absolut nöthig ist . Aber das kann ich Ihnen wohl sagen : Wer nie in Italien war , nie das Albaner-Gebirge gesehen hat , mit keinem Fußtritt am See gestanden , und doch wie Sie den Tractus von Albalonga , die alte Latinerstadt in dem länglichen Bergrücken herausfand , der ist auch zu mehr berufen . Heyne und Wolf und Alle , im Grunde genommen , was sind sie uns ! Graeca sunt , non leguntur ; es hat etwas für sich . Aber Latium ! Rom ist ewig . Und nun will ich ' s Ihnen sagen , habe Ihre Dissertation an Herrn Niebuhr geschickt . Er findet Sentiment darin - ästimirt Ihre Konjekturalkritik , wird einmal selbst an Ort and Stelle untersuchen - jetzt kommt er her und wird wahrscheinlich Banco-Direktor . Ist das , dann können Sie auf eine Anstellung bei der Bank rechnen , und Ihr Schicksal ist gemacht . « Zweiundzwanzigstes Kapitel . Unterricht in der Erziehung . Wir waren nur am späten Abend , bei einem flüchtigen Besuch , in den Zimmern der Geheimräthin . Es sah jetzt anders darin aus . Die Möbel hatten neue Ueberzüge erhalten , manches Veraltete war einem neu Angeschafften gewichen . Die Schildereien waren geschmackvoller geordnet , das Silberzeug glänzte frisch aufgeputzt , und die Geheimräthin war selbst beim Drapiren der Gardinen beschäftigt , als van Asten eintrat . » Sie finden mich in einer ungewohnten Beschäftigung . Aber wenn man etwas ordentlich gemacht haben will , kann man es den Leuten nicht überlassen . Es hält schwer , unseren Ouvriers Geschmack beizubringen . « » Frau Geheimräthin erwarten Gesellschaft ? « » Eine ganz kleine . Sie wissen , wie die großen , glänzenden mir zuwider sind , wo Alles auf den Apparat abgesehen ist , und Geist und Herz sich verstehen müssen . « » Man spricht schon in der Stadt von Ihren geistvollen Cirkeln . « Die Geheimräthin zuckte die Achseln : sie möchte wünschen , daß man weniger davon spreche , man könnte sein Haus doch auch nicht für Jedermann offen halten . Dennoch wehrte sie die Elogen schon schwächer ab , als Walter van Asten die Aeußerung einer geistvollen Prinzessin wiederholte , die sich gefreut , daß doch endlich einmal das Haus eines Offizianten sich der Bildung und Kunst erschlossen , da , wer nach Geist und Intelligenz verlangt , sie bis jetzt fast nur in den reichen Judenhäusern suchen musste . Die Geheimräthin lächelte : » Zu gütig von dieser geistreichen Prinzessin . Der Prinz , ihr Bruder , macht allerdings keinen Unterschied , ob er in der haute volée oder in den Judenhäusern ist ; nur im Schooß seiner Familie sieht man ihn am seltensten . « Die Bemerkungen waren so hingeworfen , daß Walter darin die Aufforderung las , noch mehr zu erzählen , obwohl ihre Worte dagegen protestirten . Dieselbe Prinzessin hatte geäußert , es sei doch eine wirkliche Beschämung für unsern Adel , daß er der Kunst und Wissenschaft und dem Umgange mit den Geistern der Nation sich verschließe , die ihre Ehre ausmachen . Da hätte eine Fremde , die Staël nach Berlin kommen müssen , um ästhetische Cirkel zu bilden , und jetzt usurpire Prinzeß Biron von Kurland , was die Pflicht des einheimischen Adels sei . Die Geheimräthin machte einige Bemerkungen über die Herzogin von Kurland , daß sie sich merkwürdig konservirt habe , schöner eigentlich noch als ihre Töchter , die doch auch sehr liebenswürdig wären . Aber ihre Gedanken waren wohl nicht bei der Herzogin , noch den Gelehrten und Dichtern , die sie in ihren Bann gezogen . » Prinzeß Radziwill hat auch gefragt , wer denn Schiller gefeiert , als er hier war ? Ebenfalls wieder Juden , Fremde , Diplomaten , einige bürgerliche Häuser . « » Ich habe mir Schiller doch anders gedacht , « sagte nach einer Pause die Lupinus . » Er war so schweigsam . An Ehrenbezeugungen hat es ihm doch wirklich nicht gefehlt , aber es blitzte so selten das innere Feuer auf . Ich sprach zwei Mal mit ihm , und beide Mal redete er wie ein gewöhnlicher Mensch . Ob er uns vielleicht der erhabenen Sentiments , der berauschenden Gedanken nicht werth hält , die doch bei jeder geistigen Berührung aus einem Geiste wie der seine aufsteigen , emporwirbeln müssen , denke ich , wie die Lerche in den Aether ! « » Es ist vielleicht nicht gut , daß man die Dichter mit Lerchen vergleicht . « » Sie wollen sie lieber mit Nachtigallen vergleichen , « sagte die Lupinus spitz , » die aus der Nacht ihrer Einsamkeit ihre Töne schmettern lassen , wenn es ihnen eben bequem ist , eigensinnig , qu ' importe wer sie hört . « » Es mag auch manches Andere ihn verstimmt haben , « sagte Walter noch ungewiß , wohin die Geheimräthin steuerte . » Ihre Majestät die Königin hätte ihn gern hierher gezogen . « » Meinen Sie nicht auch , ein Genius wie seiner wäre in unserem Staube , unserer Kritik , an unserer Hofluft untergegangen ? In Weimar thront er in einem Tempel , hier hätte er Tempeldienste verrichten müssen . Es fehlt hier an der rechten Sonne , meinen Sie nicht auch ? Und noch immer so viel Rücksichten , Bedenklichkeiten . Es sieht Einer den Andern an , wenn er in die Gesellschaft tritt , und wenn er ihn noch nicht gesehen , fragt er zuerst , ob er auch zu ihm gehört ? Mein Gott ! Diese Geburts- und Standesunterschiede müssten doch verschwinden , wenn die rechte Sonne des Geistes in einem Centralpunkt auf Alle schiene , gleich wie in einem Saal die Kerzen an den Seitenwänden keinen Schatten werfen , wenn ein voller Kronleuchter Alle von oben beleuchtet . So könnte ich mir das Haus der Herzogin denken . Aber sie ist nur eine passagere Erscheinung , und dann ladet sie doch auch nur eine gewisse Elite ein , es ist auch noch manches andere da , doch passons là-dessus . Ebenso können die Kreise der geistreichen Jüdinnen nicht dominirend werden , es stößt sich doch Mancher daran . « Jetzt wusste van Asten , wohin die Geheimräthin steuerte . Warum sollte er nicht in ihre Wünsche eingehen ! Es war keine Sünde gegen die Wahrheit , daß er es für verdienstlich erklärte , wenn eine Dame ihr Haus als Vereinigungspunkt für die Notabilitäten der Intelligenz öffne , eine Dame , die mit klarem Verstande , Belesenheit , seiner Sensualität , und durch den Stand ihres Gatten und ihre eigene Geburt dazu wie berufen scheine . » Sie scherzen ! Das könnte eine Jede , wenn sie wollte . Im Uebrigen , was ist es denn auch besonderes , wenn man etwas anders aussieht , als diese ehrbaren Hausfrauen , die vom Bügeln und Kinderwiegen noch echauffirt scheinen , wenn sie ihr Gesellschaftskleid angelegt haben . Denn allerdings kommt mir Manche vor , wenn sie nach dem Kuchenteller den Arm ausstreckt , als mache sie eine Bewegung , um ein Stück Wäsche über die Leine zu werfen . Und dann , lieber van Asten , Sie spielen auf meine Herkunft an . Ich bitte Sie , um Gottes Willen , nur davon nichts , daß ich von Adel bin . Ueber diese Unterscheidungen sind wir doch hinaus . Sie wissen , daß ich meinen Namen ohne Thränen einem Bürgerlichen hingeopfert habe . Lassen wir die Todten ruhen ! Ja , ich will gern meine Schwäche bekennen , es ist mir manches Mal recht angenehm , ja es schmeichelt mir , wenn ich mich als den Mittelpunkt dieser heitern , von Geist und Witz funkelnden Kreise betrachte . Aber , - sie hielt einen Augenblick inne - aber , wenn sie gegangen , die Lichter ausgelöscht sind , überfällt mich doch wieder , ich weiß nicht was , ein inneres Gähnen , eine Hohlheit . « » Verlangen Sie von einem Spiel ein Resultat ? « » Aber von all dem schwirrenden Geschwätz , von den Händedrücken , den zärtlichen Betheuerungen , was bleibt denn andres als - eine Lüge ! Ich weiß recht gut , daß einige von den jungen Leuten , die am Tisch die Mäßigen gespielt , noch ins Weinhaus eilen , um sich zu restauriren . Es thun es auch noch Andere , Johannes Müller , Herr Dedel , auch vom Prinzen weiß ich es . In ihren Symposien machen sie sich herzlich über uns lustig . Und ich verdenke es ihnen nicht . Gährt und kocht es doch auch in mir , und wenn meiner Natur die erhitzenden Getränke nicht entgegen wären , könnte ich mit ihnen Vergessenheit trinken wollen . - Sie sehen mich verwundert an . Nein , nein , ich versichere Sie , ich empfinde das ganze Unbehagen , von dem man mir erzählt , daß es die Schwelger nach ihrem Rausche fühlen . « Van Asten sah sie betroffen an . » Warum stürzen Sie sich denn in die Lüge , wenn Sie ihre Wirkungen kennen ? « Er verschluckte es . » Und wenn die Leute sich auch wirklich amüsirt haben , « fuhr sie nach einer Pause fort , » wie sie versichern , worüber war es ! Die in der Ecke am lustigsten schienen , lachten vielleicht über mich , über mein Bestreben , ihnen einen angenehmen Abend zu bereiten . Vielleicht über den Geheimrath , unsre Bewirthung , Einrichtung , Gott weiß worüber . Alle sind meine Feinde , Neider , und ich musste doch beim Abschied die Hand ihnen drücken , und sie versichern , wie unendlich ich mich gefreut , sie bei mir zu sehen , warum sie so schnell forteilten . Darum Embrassements , nachgewinkte Küsse , Betheuerungen , daß sie seit lange keinen so vergnügten Abend verlebt . Und wenn sie auf der Straße sind , kaum in den Wagen gestiegen , gähnen sie , wie ich gähne : Gott sei Dank , daß der langweilige Abend vorüber ist . « Welcher Dämon war plötzlich in die seltsame Frau gefahren ! Mit der Gefallsucht , über die er nicht Richter sein wollte , hatte sie begonnen , und aus ihrem Innersten quoll heraus , was sie ihm nicht hatte sagen wollen . War er der Magnet , der ihre verborgenen Gedanken und Qualen wider ihren Willen entlockte , oder welche unsichtbare Macht zwang sie , noch eben in der geschmückten Lüge sich schaukelnd , den hässlichsten Grund der Wahrheit herauszukehren ! Es war eine Wahrheit der Empfindung ; dieser verkniffene Zug um den Mund , dieser böslächelnde Blick konnten nicht heucheln . » Es ist das Mysterium der Natur , « sagte er , » daß oft , wo wir nicht säen , wir Liebe ernten . « » Und doch sind Liebe , Freundschaft , Entzücken und Begeisterung nur Masken für den Egoismus . Mit ihnen will Jeder so viel für sich herauspressen , als er kann .