, heißt der ! Gott sei Dank ! Sie lenken ein ! Bleiben Sie auf der Fährte ! Oder der Feldwebel seines Sohnes , der in der dritten Compagnie des Leibregiments steht , unter dem Major von Werdeck ... Bartusch ! Gegen solchen Trotz und den Stolz der Dummheit vermag keine Drohung Etwas ; sagte Bartusch immer ruhig . Berichten Sie ' s nur , beschied die Mutter , Herrn von Reichmeyer ! Er war über diesen Sandrart am meisten indignirt .... Was das Schloß anbetrifft , fuhr Bartusch unerschütterlich fort , so scheinen Herr und Frau Commerzienrath von Reichmeyer sehr angenehm geruht zu haben . Sie sind schon früh im Felde spazieren gegangen , haben mit Arbeitern herablassend gesprochen und sich die Wirthschaftsgebäude wiederholt angesehen . Man kann daraus schließen , daß von dieser Seite der Gedanke , Hohenberg anzukaufen noch immer nicht ganz fallen gelassen wird . Die Mutter nickte .... Lasally - fuhr Bartusch fort ... Was Der gethan oder nicht gethan , können Sie überschlagen ! rief Melanie , aufs Äußerste gereizt . In der That weiß ich auch nichts Weiteres von Lasally , sagte Bartusch gemüthlich , als daß er noch schläft und sich gestern Abend über Ihre Coquetterie bitter beklagt hat . Ein Opfer derselben - Mehr Thatsachen , weniger Betrachtungen ! Ein Opfer derselben , wiederholte Bartusch sehr nachdrücklich , der Pfarrer ... Guido Stromer ... Guido Stromer soll gestern Nacht noch Veranlassung zu einer häuslichen Scene gegeben haben . Ob Eifersucht der Gattin , Verzweiflung über seine seit dem Tode der Fürstin nicht mehr besonders gesicherte Lage oder ob die Wirkung des Champagners - Bei diesen Vermuthungen klopfte es . Man wollte die Störung nicht , deshalb sprang Melanie , ihr ungeordnetes Haar zusammenraffend und über die halboffene Brust zusammenschlagend , an die Thür des Zimmers , um zuzuriegeln . Doch war es nur ihr Mädchen Jeannette , die , schon zierlich geputzt , einen großen Blumenstrauß in der Hand hielt . Das Geschenk kam vom Pfarrer und war als Morgengruß für Fräulein Melanie Schlurck bestimmt . Jeannette lächelte bei dieser Meldung etwas maliciös . Da sieht man die Ursache des gestrigen Zanks , bemerkte Bartusch , als Jeannette auf später beschieden wurde und sich mit feiner Miene entfernt hatte ; im Entzücken über den erlebten Abend wurde von ihm beschlossen , heute früh wieder ein Blumenbouquet hierherzusenden , und dieser Plan gab ohne Zweifel die Veranlassung zu einem Ausbruch längst verhaltener Gefühle . Während die Mutter den großen frischduftenden Strauß zertheilte , um ihn vorläufig in die kleinen Wassergläser , die mit dem Frühstück gekommen waren , setzen zu können und kein weiteres Klingeln erst nöthig zu haben , sagte Melanie , die das Geschenk mit aufrichtiger Theilnahme entgegengenommen hatte : Und wer weiß , kluger Mann , ob diese Blumen nicht heute ganz früh in der Stille im Pfarrgarten gepflückt wurden , während die gute treue Gattin und die fünf Schreihälse von Kindern noch schliefen ! Laßt mir den Pfarrer ! Und die gestrige Scene ? fragte die Mutter . Die stille Frau , die hier saß , als könnte sie nicht Fünf zählen und zu Allem lächelte , sagte Bartusch , hat einen Anfall von Leidenschaft gehabt und sehr geweint . Stromer aber schlug auf die Tische , drohte mit allen möglichen Entschließungen und die Kinder , aufgeschreckt aus den Betten , in denen sie schon schliefen , warfen sich zwischen die beiden Streiter und suchten Frieden zu stiften , bis die Hunde der Mühle anfingen zu bellen und die Eheleute zur Besinnung auf die geistliche Würde des Hauses zurückriefen . Die Frau schwieg , aber , wie sie gesagt haben soll , nur aus Schonung für die kranke Müllerin . Unglückliches Bild der Ehe ! seufzte Melanie ' s Mutter , die zwar aus ihrem eigenen Leben solche Scenen nur von ganz früh kannte , die Welt aber hinlänglich beobachtet hatte , um dergleichen Nachspiele zu einem heitern gesellschaftlichen Abende , wo der Mann mit der Frau , die Frau mit dem Manne nicht vollkommen zufrieden war , zu verstehen . Melanie aber , aufgeregt , sagte noch nachdrücklicher : Laßt mir nur den Pfarrer gehen ! Guido Stromer kommt mir vor , wie ein Apfelbaum , dem , nachdem er lange keine Früchte getragen hat , plötzlich einfällt , im November zu blühen ! Der Mama gesteh ' ich ' s , er hat mir gar nicht misfallen . Er ist nicht schön und schon über die Jahre hinweg , wo man noch eines angenehmen Eindrucks durch sein Äußeres gewiß ist , und dennoch besitzt er eine Frische , die auf ein nur gehemmtes , nicht erstorbenes Bedürfniß zur Lebensfreude schließen läßt . Ich denke der Zeit , wo die kleinen Linien , die ich da im Spiegel im Zorn über Bartusch ' s mich quälende Grausamkeit schon mit feinen Strichen auf der Stirn und den Schläfen gezeichnet sehe , einmal auch garstige Furchen sein werden , die weder Schminke noch ein Schönheitswasser fortjagen kann ! Da wär ' es vielleicht nur der Verstand , der sie auslöscht . Jung erhält nur der Geist . In dem Pfarrer schlummert viel . Das du doch nicht etwa wirst wecken wollen ? sagte fast erschrocken die Mutter . Warum nicht ich ? Jeder ! antwortete Melanie . Guido Stromer hat große schöne Augen , die er oft so gewaltig lüftet , als sollte man in eine ganz helle Krystallwelt sehen , auf der Alles anders aussieht , wie auf der unsern . Wenn der Mann mich lange und prüfend betrachtet , fühl ' ich Etwas von den Vampyren , die schon mit ihren Blicken Andern das Leben aussaugen . Verpflanzt doch nur einmal einen solchen Mann , wie mir Siegbert Wildungen ja von einem lateinischen Schulmeister , dem großen Winkelmann , erzählt hat , verpflanzt ihn aus einem Städtchen in der Priegnitz oder Altmark von seinen Büchern und seinen häuslichen Jämmerlichkeiten hinweg nach Rom und zu den Göttern Griechenlands .... Doch wohin verirr ' ich mich ? Was sind Ihnen , Bartusch , die Götter Griechenlands ! Bellen Sie weiter , alter Cerberus ! Das Gebell der Hunde , fuhr Bartusch fort , indem er an den kleinen Backwerkresten kaute , die sich noch auf den Tellern fanden ; das Gebell der Hunde kann indessen auch von mancherlei Abends und über Nacht angekommenen neuen Besuchern und Durchreisenden des Orts herrühren . Endlich ! Endlich ! Da ist zuvörderst zu erwähnen , sagte Bartusch , daß mitten in der Nacht eine Depesche an den Herrn Intendanten einlief , deren Inhalt sich aus der großen Eile abnehmen läßt , mit der heute schon in aller Frühe das Geschäft der Einpackung begonnen hat . Daher also das frühe Hämmern und Poltern , das mich nicht mehr einschlafen ließ ? sagte Melanie und trat ans Fenster . Himmel , rief sie , was soll der geschmacklose Wagen ? Man legte die Gardinen zurück und entdeckte im innern Hofe einen langen und breiten Transportwagen der Art , wie man sie in großen Städten bei Umzügen braucht . Die Pferde waren ausgespannt . Hinten der weitläufige Raum halb geschlossen . Zu gleicher Zeit sah man auf dem andern Flügel schon die Excellenz mit ihren beiden Bedienten in voller Thätigkeit , Befehle ertheilend , hier und da beim Emballieren zur Behutsamkeit mahnend , sonst aber schon in gewählter Toilette und die Gelegenheit wahrnehmend , ob der geöffnete Zipfel des Vorhangs an dem schon lange von ihm fixirten Fenster nicht Etwas von seinen weiblichen Bewohnern zeigen würde . Als er eben grüßen wollte , ließ die Mutter rasch den Vorhang fallen und Melanie rief lachend und mit komischem Pathos hinter dem schützenden Versteck : Bist Du es denn , Mann mit den himmlischen kleinen Ohren ? Alp meiner Seele , der mich eine Nacht gekostet hat , die ich auf dem Kalender unserer jungen Liebe als eine verlorene ausstreichen muß ! Blinzle nicht so gefahrvoll herüber ! Mäßige das Feuer Deiner Augen , vortrefflicher Don Quixote ! Fürchtest Du nicht , daß ich , angezogen von dem süßen Lächeln Deines mit so kunstvollen pariser Zähnen geschmückten Mundes zu Dir hinüberfliege und da das prächtige Buch in dem grünen Sammeteinband mit dem goldenen Schnitte Dir aus der Hand reiße und rufe : Mein ! Mein ? Ja mein , weil Du es berührtest ! Schlag es nur auf , Mann ! Lächle nur ! Es ist die Bibel , das Buch aller Bücher , worin das Hohe Lied Salomonis steht , das ich singen werde zur Geige und Flöte , wenn ich komme , um Deine kleinen Ohren mit Rosen zu umkränzen ! Da notirt er es in einem langen Buche , vielleicht gerade Nummer sechzig , die eine schnöde Anspielung auf Deine Lebensgeschichte enthält ! Aber Bartusch , Mutter , seht nur , es ist ein Staatsdiener , der das Vertrauen seines Fürsten verdient , selbst die verwesten Blumen , die da noch in der chinesischen Vase stehen , betrachtet er , ob sie dem Staate verfallen sind oder nicht ? Nimm sie ! Nimm sie ! Es sind ja die vortrefflichsten Strohfäden für das Haar unserer neuen Ophelia , meiner Freundin Friederike Wilhelmine von Flottwitz , die aus Liebe zum Prinzen Egon , wollt ' ich sagen Ottokar , dem Oberbefehlshaber der bewaffneten Macht , bereits närrisch geworden ist .... Kind ! Kind ! sagte die Mutter , nimm Dich nur selber in Acht ! Das Abentheuer mit dem Incognito bringt Dich um alle Vernunft . Es ist nichts damit ; denn Bartusch scheint uns zu foppen und von einem Fremden mit lichtbraunem Haar nichts zu wissen . Doch ! fuhr dieser aus seiner Fassung nicht zu bringende Mann fort ; wir haben nunmehro die Wahl zwischen drei fremden Personen , die seit gestern Abend angekommen sind . Denn den Kurier , der wahrscheinlich wegen der hier vermutheten Anwesenheit des Prinzen Egon zur schleunigsten Beschlagnahme der drei Zimmer der Fürstin gerathen hat , rechne ich nicht .... Rechnen Sie ums Himmels willen nicht ! rief Melanie ungeduldig . Sagen Sie , wer von den Dreien dem Siegbert Wildungen ähnlich sieht ? Ich kenne den jungen Maler nicht , bemerkte Bartusch ; aber eine gewisse Person , die man gestern tief in der Nacht hier ums Schloß hat schleichen sehen und die durch dieselben Hunde , die ich schon aus zwei andern Ursachen bellen ließ , verscheucht wurde , kann es nicht sein . Sie hatte rothe Haare .... Das war Hackert , sagte die Mutter unmuthig .... Melanie schwieg . Er muß sich den Garten heraufgeschlichen haben , verschwand auch dorthin , als die Bedienten des Intendanten , die drüben in den Zimmern abwechselnd wachen , ihn entdeckten , das Fenster öffneten und anrufen wollten . Wo er Obdach gefunden , weiß man nicht ; auch Niemand sonst hat ihn irgendwo im Dorfe unten gesehen . Mutter und Tochter schwiegen ernst . Dann , fuhr Bartusch , die Pause benutzend , fort , dann ist zu nennen ein älterer Mann , der in der Krone unten angekommen mit einem allerliebsten Knaben . Der Fremde nennt sich Ackermann . Herr Ackermann soll sich geäußert haben , er käme von einer weiten , weiten Reise und hat hier im Dorf Aufsehen gemacht durch das viele Seltsame und Abenteuerliche , das er gestern Abend den Leuten im Wirthshause von Amerika erzählte . Nun ja ! Das fehlte uns noch , daß zu allen Calamitäten , die wir schon auf dieser Herrschaft zu überstehen haben , sich noch das Auswanderungsfieber gesellte und durch irgend einen gewandten Agenten , Das wird Herr Ackermann sein , die Leute vollends zu ihrer Arbeit keine Lust und Liebe mehr behielten ! Ich ließ darum schon heute in aller Frühe genauer nach diesem Herrn Ackermann forschen und erstaune , daß auch er , wie der Letzte und Beste von Allen , über Die ich zu berichten habe - Endlich der Prinz ? unterbrach ihn Melanie mit äußerster Ungeduld . Nun wol , sagte Bartusch , der Prinz , glaub ' ich , ist da . Aber Sie würden mich außerordentlich verbinden , wenn sie in dem äußern Antheil , den Sie an diesem Abenteuer nehmen , mein Fräulein , nicht vergäßen , wie streng die Vorschriften des Justizraths sind und wieviel möglicherweise darauf ankommen kann , ob und wie wir hier mit dem Erben der fürstlich Hohenberg ' schen verwickelten Masse zusammentreffen . Ja , Melanie , sagte nun die Mutter , durch Hackert ' s Erwähnung streng und ernst gestimmt ; laß Bartusch seine ganze Meinung sagen , damit wir wissen , wie wir uns zu verhalten haben .... Des Vaters halbe Existenz beruht auf dieser Administration . Melanie , befriedigt schon von der Thatsache , daß der vielbesprochene und abenteuerliche Fürst nun wenigstens da war , nahm aus einem der Gläser einige Blumen des Pfarrers und schwebte , ihren Duft einathmend und in sorgloser Spannung sich wiegend , im Zimmer leise auf und ab . Die Melodie , die sie dabei trällerte , störte nicht . Der dritte Fremde , berichtete Bartusch , kam denn also gestern Nachmittag in einem kleinen Einspänner mit einem sehr ermüdeten Pferde an . Gestern Nachmittag ? unterbrach Melanie . Mit dem kleinen Wägelchen , das wir im Walde trafen ? Wir ritten pfeilschnell vorüber . Aber es waren zwei Herren - Einer nur ! sagte Bartusch . Es waren zwei , erklärte Melanie . Einer faßte nach den Zügeln des scheugewordenen Pferdes , die ihm entfallen waren . Der Andere , der Andere in einer blauen Blouse , war gleichfalls im Wagen aufgesprungen und half ihm . Wir ritten zu schnell , um genauer zu beobachten . Mein Schleier flatterte zu sehr im Winde , die Mienen konnt ' ich nicht unterscheiden . Auch waren Beide jung und der Eine ... der Eine schien mir viel eleganter , als für den schlechten Wagen paßte .... Von Zweien weiß ich nicht , sagte Bartusch . Der da unten in der Krone abgestiegen ist , hat in der That lichtbraunes Haar , zarte Hände , modernen Bart und gleicht ganz dem Signalement , das uns der Justizrath vom Prinzen gegeben hat . Bald nach ihm kam auf der andern Straße von Randhartingen her der Amerikaner , der sich Ackermann nennt , mit einem Knaben . Der wahrscheinliche Prinz hat keinen Namen genannt . Die eingeschlafenen Gewohnheiten des Nachtbuchs in den Gasthäusern haben ihn auch nicht aufgefodert , einen zu nennen . Beide , der Braunblonde und der Amerikaner , schienen sich fremd und doch haben sie gemein , daß sie sich mit auffallendem Eifer nach den kleinsten Details des Schlosses und der Familie Hohenberg erkundigten . Und noch mehr , Beide fragten nach dem blinden Schmied im Dorfe .... Nach Dem frägt ein Jeder , der mit einem eigenen Wagen kommt und sein Pferd beschlagen lassen will . O nein - Sei doch ruhig ! sagte die Mutter ernst ; und laß Bartusch reden ! O nein , nahm Dieser wieder seine Ermittelung des Thatbestandes wie ein Jurist auf ; nicht wegen der Pferdehufe geschah Das . Der Amerikaner fragte nach dem Schmied Zeck und nach dessen alter Schwester , die im Walde beim Förster Heunisch wohnt . Der Prinz aber , wenn er es ist , machte sich mit demselben alten Schmied Zeck zu schaffen , indem er behauptete , ein Schrein der ihm gehöre , wäre kürzlich von einem Fuhrmann , der ihm das Frachtstück aus der Stadt Angerode hätte überbringen sollen , bei einer Reparatur seines Wagens hier entweder verlorengegangen oder nach allen Anzeichen gestohlen worden . Den Lärm wegen jenes Schreins kennen Sie ja ! Wie kommt der Prinz zur Kenntniß dieses Vorfalls ? Welchen Antheil hat er daran ? Ja noch mehr , wie konnte er zu dem alten Zeck sagen : Der Schrein ist gefunden worden , bemüht Euch nicht , mir den Jammer wieder auszumalen , an dem noch Peters krank darniederliegt ! Ich reise morgen zurück und lasse den Schrein mir von Dem zurückstellen , der ihn gefunden hat , dem Justizrath Schlurck . Wie , Schlurck ? rief Melanie ' s Mutter und auch Melanie , die von dem ganzen Vorfall nichts wußte , blickte staunend .... Ich entsinne mich des Morgens , sagte Hannchen Schlurck , wo das Geschrei eines Fuhrmanns das ganze Schloß in Aufruhr brachte . Wir hatten unsern verunglückten Ball gehabt , auf dem nur die Bürgerlichen aushielten . Schlurck war trotzdem von der heitersten Laune . Nachdem wir kaum vom ersten Schlaf erwachten , wird es unter unsern Fenstern laut . Ein Fuhrmann hat , um die Hitze zu vermeiden , in der Nacht statt am Tage fahren wollen . Beim Herabfahren vom Berge , dicht an der Schmiede , bricht die Achse und der Wagen schießt über ihn her . Erst muß er eine Weile so gelegen haben , bis das Bellen seines Hundes die Leute weckt . Noch war hier oben Alles wach . Der Schmied wird aus dem Schlafe gerüttelt . Man packt den Wagen ab . Der Fuhrmann wird in die Schmiede getragen . Man stellt seinen Wagen wieder her . Der arme Mensch kommt zur Besinnung , ladet wieder auf und vermißt einen Schrein , um dessen Wiedererlangung der Mann fast wahnsinnig wird . Er beschwört Alles , was lebt , um sein verlorengegangenes Frachtstück , klagt den Schmied an , das Schloß , das ganze Dorf . Der Justizdirector wird geweckt , man nimmt ein Protokoll auf , der Fuhrmann reist unverrichteter Sache in Verzweiflung wieder ab , und nun sagt Prinz Egon , wenn er es ist , das geraubte Gut befände sich in den Händen meines Mannes ? Wie ist das möglich ? Der Fremde scheint darüber so beruhigt zu sein , fuhr Bartusch ebenfalls erstaunt fort , daß zuvörderst dem alten Zeck ein Stein vom Herzen gefallen ist .... Der alte Schmied , sagte die Mutter , hat ein unheimliches Aussehen und erinnerte mich , ich muß es wol sagen , oft an Hackert . Doch achtet man ihn allgemein . Gehört er nicht zu den Frommen , wie auch seine Schwester im Walde ? Die Hexe ? ergänzte Melanie . Als wir gestern beim Förster vorbeiritten , graute uns vor dem Gruße der Alten , die unter den Tannen am Wege saß , wie eine der alten schottländischen Nornen .... Wenn diese Leute den Schrein genommen hätten ? meinte die Mutter . Der blinde alte Zeck ? bezweifelte Melanie . Wie käme aber der Vater dazu ? Habt Ihr auf seinen Wagen einen solchen großen Schrein , der außerdem noch ganz sonderbar ausgesehen haben soll , aufladen sehen ? Nein ! war die Antwort . Und wenn ihn Schlurck auch gefunden und Ursache hätte , es zu verschweigen , da er vielleicht einen irgendwo vermißten Gegenstand entdeckte , wo hätte er ihn finden sollen ? Es war zwei Uhr , als sich das Unglück mit dem Fuhrmann ereignete . Der Schrein ging um zwei Uhr verloren . Schlurck hatte schon lange vor ein Uhr die jüngere forttanzende Gesellschaft verlassen , die Justizdirectorin , die sich mit den Adeligen entfernen zu müssen glaubte , früh nach Hause begleitet und mußte längst wieder zurück sein , da man den Weg hin und her von der Zeisel ' schen Wohnung in einer halben Stunde macht .... Mußte zurück sein ! sagte Bartusch mit einem Ernste , dem ein boshaftes Lächeln folgte . Melanie ' s Mutter fixirte ihn . Mußte ? sagte sie erröthend .... Es trat ein peinlicher Augenblick ein . Offen lagen da plötzlich gewisse geheime Schäden dieser frivolen Familie , die bisher vom absichtlichen Nichtwissenwollen verdeckt waren .... Schlurck verehrte Frau von Zeisel .... Frau von Zeisel war ohne ihren Mann vom Balle gegangen .... man konnte Vermuthungen Raum geben .... man konnte Schlüsse ziehen .... man konnte ... Genug ! rief Melanie ; weg mit Eurer abscheulichen juristischen Untersuchung ! Ist es nicht , als säße man hier auf dem Armensünderstuhl und müßte seine unschuldigsten Erlebnisse zu Protokoll geben ! Schämen Sie sich , Bartusch , mit Ihrer grübelnden Weisheit , die doch nichts zu Tage fördern wird , als daß Sie unter Thoren der Thörichtste sind . Ein Schrein - eine Justizdirectorin - zwei Uhr - was ist das Alles ? Gehen Sie hinunter in die Krone , richten Sie an den hellbraunen Lockenkopf , der uns hier Fallen legen , auf falsche Fährten bringen und dem Vater , den er haßt , schlimme , böse Streiche spielen will , den Gruß meiner vortrefflichen Mutter , Johanna Schlurck , geborenen Arnemann , aus , und sagen Sie ihm : Diese noch junge , schlanke , sehr liebenswürdige Johanna Schlurck hätte eine Tochter , die verhältnißmäßig jünger , noch schlanker , aber nicht liebenswürdiger wäre als die Mama , und sich erkundigen müsse , ob ihm gestern im Walde mit seinem störrischen Thiere keine Unannehmlichkeit widerfahren wäre ? Verstehen Sie ? Und die Antwort darauf , fahren Sie fort , die Antwort , würden die Bewohner des Schlosses lieber von ihm selber hören , falls er geneigt wäre , bei uns heute einen Löffel Suppe zu essen . Bürgerlich um halb zwei Uhr . Bist du ' s zufrieden , Mama ? Die Mutter war noch erschüttert davon , daß Bartusch auf die Artigkeit anspielen konnte , die der Justizrath der Frau von Zeisel erwies .... Einen Korb nehmen wir nicht , fuhr Melanie den Unmuth verscheuchend fort . Das ganze Getriebe von Intriguen zwischen den Häusern Hohenberg und Schlurck , alle diese Feindschaften lass ' ich nicht aufkommen . Der Vater soll uns keine Vorschriften machen , die wider die Natur der Frauen gehen . Hier lebe die Galanterie ! Sie machen sich sogleich auf den Weg , Bartusch , bei Strafe meiner Ungnade , und knüpfen die Verbindung auf feine diplomatische Art an ! Lächeln Sie mir aber nicht etwa , wie ' s im Hamlet heißt , als wollten Sie sagen : Wir wissen recht gut , Sie sind Prinz Egon , aber wir drücken die Augen zu ! Oder : Wir scheinen dumm und sind klug ! Wir wollen Sie nur nicht kennen ! Verstehen Sie ? Nicht so ! Will der Prinz sich verborgen halten , so nehmen Sie ihn ernst und heilig für Das , wofür er sich ausgibt , und wär ' es ein gewöhnlicher Kammerjäger , der hier oben auf dem Schlosse nur die Ratten und Mäuse verjagen will .... Wer weiß , ob Das nicht seine wahre Absicht ist ! sagte die Mutter , die sich jetzt erst sammelte . Nein , ich stifte Frieden zwischen den Häusern Friedland Piccolomini ! sagte Melanie und drängte Bartusch zur Thür hinaus , indem sie ihm noch nachrief : Halb zwei Uhr steht die Suppe auf dem Tisch ! Bartusch zögerte . Melanie gab ihm kein Gehör mehr . Sie drückte gewaltsam hinter ihm die Thür zu . Mutter ! sagte sie , jetzt gilt es schön sein ! Sie klingelte und rief ihrem Mädchen . Bartusch wollte draußen immer noch zweifeln , klopfte , begehrte Einlaß , erinnerte immer noch an das doch nur im Allgemeinen zutreffende Signalement .... Melanie rief hinaus : Wir werden bald wissen , woran wir sind . Der Wink der Trompetta soll nicht verloren gehen .... Leiser und fast für sich setzte sie hinzu : Wir werden ihn sehen und uns bald überzeugen , ob er einem jungen Manne ähnlich sieht , den wir ja wol sehr genau kennen , dem guten Siegbert Wildungen . Damit denn ging Bartusch . Melanie bedeckte die Mutter mit zärtlichen Küssen , umarmte sie , tanzte mit ihr und suchte sie möglichst aufzuheitern . Davon , daß der Geist der Wahrheit , des Ernstes und der heiligen Pflichterfüllung bestimmt schien , hier den von uns geschilderten frivolen Lebensprincipien eine tiefe Demüthigung zu bereiten , konnte sie keine Ahnung haben ... Nicht ohne einen Anflug von Rührung ließ die ernstgestimmte Mutter die Liebkosungen ihres Kindes geschehen und folgte dann der Auffoderung , gemeinschaftlich zu berathen , wie dieser Mittag angeordnet , vor allen Dingen , welche Gäste noch und welche Kleider gewählt werden sollten . Indem Beide mit der inzwischen eingetretenen Jeannette in das Garderobezimmer traten , schritt Bartusch nachdenklich die Anhöhe herab dem Wirthshause von Plessen zu , genannt : die Krone . Ende des ersten Buches . Zweites Buch Erstes Capitel Ackermann , der Amerikaner Dankmar Wildungen befand sich an jenem Morgen wo ohne Zweifel er selbst für den Prinzen Egon gehalten wurde , in der That noch am Fuße des Schlosses Hohenberg . Seit der von dem Fremden in der blauen Blouse empfangenen Beruhigung über seinen Verlust , einer Versicherung , an deren Zuverlässigkeit er keinen Augenblick zweifelte , war sein Gemüth leicht geworden , der Freude zugänglich und auch der Freude bedürftig . Nach jeder großen abgenommenen Sorge will ja das erschöpfte Herz sich wieder füllen und stärken und wie in eine große Lücke und Leere stürzt das Leben dann nur mit so ungefesselterer Gewalt . Warum sollte er schon wieder nach der Residenz zurückkehren , jetzt , wo keine Last mehr auf seinem Gemüthe lag und sich so Manches begeben hatte , dessen nähere Entwickelung seine Neugier spannte ? Zuerst war es Hackert ' s plötzliches Verschwinden , über das er doch eine irgend zutreffende Aufklärung wünschen mußte . War ihm auch diese Bekanntschaft eine solche , von der er lieber gewollt hätte , er hätte sie nicht gemacht , so peinigte ihn doch jetzt die völlige Ungewißheit über das , was er von diesem oft aller Theilnahme würdigen und dann wieder so fremdartig abstoßenden , ja niedrig und geringfügig denkenden Menschen halten sollte . Stündlich erwartete er seine Wiederkehr . In dem Gasthause zur Krone glaubte er bestimmt , von ihm erfragt zu werden . Aber vergebens ! Jede Spur des abenteuerlichen jungen Mannes war verschwunden . In noch höherem Grade als die Enthüllung der Hackert ' schen Persönlichkeit , fesselte Dankmarn die Aussicht , hier irgendwo , wenn auch unter dem schützenden Deckmantel der ihm gelobten Unbekanntschaft , dem Prinzen wieder zu begegnen . Er konnte kaum daran zweifeln , daß der von seinem Vater so schmählich verkürzte Erbe der Hohenbergischen Besitzungen wirklich hierher gekommen war , entweder um einen Act der Pietät , ein Opfer des Herzens , zu vollziehen oder sich ungekannt von dem wahren Zustande dieser Besitzungen zu unterrichten . Die letzte Annahme schien ihm nach längerer Erwägung fast die richtigere und der Natur des Fremden entsprechendere . Denn so edel und männlich ihm Alles erschien , was der junge ihm an Jahren nur wenig vorangeschrittene Fremde in Worten und Benehmen geäußert hatte , so war doch Dankmar Wildungen schon Kenner der menschlichen Seele genug , um sich zu sagen , daß bei Egon von Hohenberg , wenn er es war , die Kräfte des Verstandes das vielleicht verstecktere oder unentwickeltere Gemüth überwogen . Wie wenig hatte er sich von dem Förster Heunisch auf dem gelben Hirsch über seine Mutter berichten lassen ! Weit mehr dagegen , besonders als sie beide vor die Thür des Wirthshauses gegangen waren und Dankmar ihr lautes Gespräch hören konnte , hatte er der gegenwärtigen Verfassung dieser seiner mehr als zweifelhaft gewordenen Besitzungen nachgeforscht . Dankmar griff in solchen Beurtheilungen nicht fehl . Wie sich eine seelenvolle , rein gemüthliche Natur äußert , konnte er durch keinen Vergleich sicherer treffen , als durch den mit seinem theuern , ältern Bruder Siegbert , der einen kindlichen Glauben an die Menschen besaß und die Jahre , die er vor Dankmarn voraus hatte , nur gewonnen zu haben schien , um immer wärmer , immer ergebener und nachsichtiger zu fühlen , während Dankmar dagegen schon an sich selbst gestehen mußte , daß er mit jedem Jahre , an dem sein Alter zunahm , im Gegentheil kälter zu denken lernte . Die Kälte des Fremden schien ihm nicht Kälte des Herzens , sondern gerade auch diese Kälte der Erfahrung , diese Kälte des Unglücks und des innersten Mismuthes . Aber auch von diesem Fremden sah Dankmar nichts mehr . Zu den Behörden zu gehen , seinen Verlust dort noch einmal anzuregen , schien ihm , nach dem tiefen moralischen Eindruck der Versicherung des angeblichen Egon , nicht mehr nothwendig . In der Schmiede , wo er vorsprach , hatte er einen stumpfsinnigen tauben jüngern Gesellen , den Zeck Sohn angetroffen , der keine einzige seiner Fragen beantworten konnte . Mit dem ältern , dem Zeck Vater , schien es ihm anfangs , als würde er , wenn er viel forschen müßte , noch schlimmern Stand haben ; denn dieser war stockblind . Die Unruhe , die den großen athletisch gebauten alten Mann ergriff , wie Dankmar sich als Eigenthümer des neulich geraubten Frachtgutes zu erkennen gab , fiel ihm allerdings auf . Allein einem Verdachte gab er keinen Raum und konnte es nicht , da die Aussagen des Blinden mit denen des Fuhrmanns stimmten . Kannte er doch auch hinlänglich diese , man möchte sie geistig halbwüchsige Menschen nennen , aus seiner eigenen juristischen Praxis ! Er wußte ja , wie selbst der Unschuldigste vor einem Richter zittert und sich verfärbt , wenn man ihn eines Verbrechens zeiht und mit allen in solchen Fällen üblichen Feierlichkeiten inquirirt . Hatte er nicht Fälle erlebt , wo diese beschränkten Menschen , besonders wenn sie in einer gewissen religiösen Dumpfheit lebten , unter den Fragen eines Richters so über sich in Unklarheit geriethen , daß es ihnen allmälig wurde , als hätten sie in der That , vielleicht in einem unzurechnungsfähigen , von bösen Geistern ihnen angezauberten Zustande , die Verbrechen begangen , deren sie verdächtig erscheinen sollten ! Des Menschen Seele ist ein schüchtern Ding , ein zitternd flimmerndes Beben . Nur darin erschien Dankmarn der alte Zeck wunderlich , daß er bei seiner Mittheilung , Zeck möchte