ehe es ganz breche und vielleicht still stehe . Er hatte nicht darauf geachtet , wie in diesem Augenblick eine elegante Dame am Arm eines vornehm aussehenden Herrn an ihm vorübereilte . In der nächsten Hütte suchten die Beiden Obdach vor dem Regen , der jetzt prasselnd und strömend niederfiel . Thalheim stand noch in dem Wetter und achtete es nicht . Ein zweiter Donnerschlag rollte jetzt hinter dem ersten her , vergrub sich immer tiefer zwischen die Berge , in die Thäler , weckte immer neuen Widerhall aus allen stummen Felsen und rauschenden Wäldern - es war , als würden viel Hundert Kanonenschlünde auf ein Mal thätig und ließen dröhnende Laute hören , welche nimmer wieder enden und sich zur Ruhe finden wollten . Da auf einmal faßte Eduin Thalheims Arm und bat : » Ach kommen Sie herab in die Hütte , hier kann Sie der Blitz erschlagen - oder wenn das nicht , so durchnäßt der strömende Regen Ihre Kleider und Sie können sich erkälten . « Thalheim sah erst erschrocken , dann aber freundlich auf den besorgten Jüngling , der , als das Wetter losbrach , die Angst ihn zu suchen getrieben durch Sturm und Regen - sie schritten miteinander den Berg herab . Da stieß Eduins Fuß auf einen kleinen glänzenden Gegenstand , nach dem er sich bückte und ihn aufhob . Auf der schnellen Flucht vor dem Wetter betrachtete er ihn nicht näher und steckte ihn zu sich . Auch diese Beiden suchten jetzt in der Hütte Schutz , in welche vor ihnen die Dame und der Herr getreten waren . Diese Beiden saßen im Hintergrund auf einer alten Bank , und die durch den herabsinkenden Abend und das aufsteigende Gewitter zugleich entstandene Dämmerung ließ ihre Gesichtszüge nicht weiter unterscheiden . Eine muntere Bäuerin , die Bewohnerin der Hütte , stand am Eingang derselben und rief Thalheim und Eduin gleich freundlich entgegen , doch bei ihr einzutreten , bis das Wetter vorüber sei . Die Beiden blieben an der Thüre stehen und sahen von innen dem Toben draußen zu . Eduin zog jetzt den kleinen Gegenstand heraus , welchen er vorher gefunden hatte . Es war ein großes , goldenes Medaillon , am Rand mit Perlen besetzt . Ein leichter Druck öffnete es . Es zeigte auf Elfenbein gemalt das Bild eines schönen blassen , jungen Mannes . Immer spähender , verwunderter betrachtete Eduin das Bild und rief endlich aus : » Das ist mein Vetter Jaromir , nicht nur die Aehnlichkeit täuscht mich - er ist ' s gewiß und wahrhaftig , da steht unten in das goldene Blättchen eingegraben sein Name . « Thalheim starrte auf das Bild . » Er ist ' s ! « sagte er langsam , ward noch bleicher als vorher und verstummte sogleich wieder , denn dieser Name ließ ihn auf ' s Neue in ein tiefes Meer schmerzlich grollender Gedanken versinken . » Was ? Sie kennen ihn auch , « rief Eduin überrascht , » und haben mir nie davon gesprochen , wenn ich Ihnen von ihm erzählte , wie er mir schon von Kind auf ein Vorbild war ? Mit tiefster Innigkeit hab ' ich ihn immer geliebt und seine schöne Mutter , die , als sie mit ihm in das Haus des Vaters kam , mich zu ihrem Liebling machte und mich immer auf dem Schoos wiegte , ist meine frühste und liebste Erinnerung ! Wie er dann eine Zeit lang unser Schloß mied und erst wiederkam , nachdem er reich und berühmt geworden , da sagt ' ich mir wohl oft : so will ich auch handeln und werden wie er ! - Und er hatte mich auch recht lieb und war oft vergnügt mit mir und schickte mir immer gleich jedes seiner Lieder . Nun habe ich ihn seit ein paar Jahren nicht gesehen und plötzlich muß ich hier in den Schweizer Bergen sein Bild finden . Sollte er gar selbst hier sein ? Aber nein ! Das eigne Bild führt man ja nicht mit sich ! « In diesem Augenblick trat die Dame , die bisher im Hintergrund gesessen , schnell vor auf Eduin zu und sagte : » Nun ich hier so unerwartet diese begeisterte Lobrede auf meinen Freund gehört , darf ich mich wohl als Eigenthümerin dieses Bildes bekennen und dem glücklichen Zufall danken , der mir zu der Wiedererlangung des verlornen Kleinodes verhilft und noch dazu durch einen Verwandten des Grafen - wenn ich recht gehört ? « Thalheim erkannte die Dame und zog sich von ihr zurück , indem er unwillkürlich leise für sich sagte : » Bella ! « Eduin aber stand wie bezaubert vor dem schönen Weibe , glühende Röthe schoß auf seine Stirn , er zitterte unwillkürlich und hielt , keines Wortes mächtig , das Bild hin . Die Schauspielerin Bella reiste von Paris durch die Schweiz zurück nach Deutschland . Jaromir ' s Bild begleitete sie immer , sie trug es meist an ihrem Halse , denn wie leichtsinnig sie auch zärtliche Verhältnisse knüpfen und lösen mogte - ihn zählte sie nicht mit in die Categorie ihrer gewöhnlichen Liebhaber , für ihn bewahrte sie in ihrem Herzen einen besondern Platz . Sie betrachtete ihn mit andern Augen , als die Männer , welche sie so lange zu ihren Sklaven machte , bis sie ihrer überdrüssig war ; sie ehrte ihn als ihren Freund , und ihr Gefühl für ihn war ein bleibendes , unveränderliches , aber einfaches Immergrün , während sie wohl für Andere stärkere Gefühle hegte , die aber eben so schnell wieder abblühten , als sie sich vorher entfaltet hatten und aufgewuchert waren . So konnte sie jetzt neben Einem ihrer Anbeter , der ihr von Frankreich gefolgt war , die lebhafteste Freude empfinden , das verlorne Bild des Deutschen Freundes wieder zu erlangen ; so konnte es sie überraschend beglücken , hier plötzlich sein Lob von jugendlich begeisterten Lippen zu hören . Sie nahm jetzt das Bild aus der zitternden Hand des jungen Mannes und sagte : » So habe also ich das Vergnügen , Deutsche Landsleute hier zu finden und diesen dankbar verpflichtet zu werden ? Darf ich vielleicht um den Namen des Freundes des Grafen Szariny bitten - dem ich so viel verdanke ? « » Eduin von Golzenau ! « sagte dieser schüchtern und stand da wie trunken , verloren in Bella ' s Anblick . Draußen aber fuhr ein Wagen vor - es war der Bella ' s , der Franzose ergriff ihren Arm , um sie an diesen zu führen . Sie zog eine Karte aus einer Brieftasche , gab sie Eduin und sagte : » Ich darf jetzt nicht länger säumen , sonst verfehl ich die Eilpost , mit welcher ich weiter reisen muß Vielleicht wird mir ein ander Mal Gelegenheit , Ihnen besser danken zu können . « Sie stieg in den Wagen und fuhr davon . Eduin war stumm geblieben - jetzt warf er sich ungestüm an Thalheims Brust und weinte laut . IX. Gesellschaft auf Schloß Hohenthal » O heilge Stunde , wo in Gottes Strahl Zwei Menschenherzen ineinander schauen . « Betty Paoli . Bei dem letzten Besuch des Kammerjunkers von Aarens auf Schloß Hohenthal hatte ihn die Gräfin , da er auch ihren Mann so wenig als Elisabeth getroffen , für den andern Tag zum Mittag geladen . Wie an jenem Tag Elisabeth zurückgekommen , hatte ihre Mutter ihr noch ein Mal die ernstlichsten Vorstellungen gemacht , wie unpassend ihr Umgang mit dem Mädchen eines Mannes sei , welcher ein Feind ihres Hauses wäre , weil sie diesen Umgang selbst verwerfe , indem seine Tochter nicht mehr das Schloß besuchen dürfe , mit einem Mädchen , dem die ganze Umgegend gemeine und unpassende Handlungsweisen vorwerfe und es dadurch in den übelsten Ruf bringe . Weiter hatte Elisabeth die Mutter nicht sprechen lassen , sie hatte Aufschluß und Rechenschaft verlangt , wer sie über Pauline so ganz umgestimmt , und endlich - da wenigstens früher die letzten Ansichten die Gräfin nicht hatte äußern können , da sie gewußt , daß Aarens dagewesen - diesen errathen . Dadurch wuchs ihr vorgefaßter Widerwille gegen ihn bis zum heftigen Unwillen . Sie betheuerte ihrer Mutter , daß sie Paulinen nur um so mehr liebe , als fade Gecken sie zu verkleinern strebten . Zuletzt fügte sie bei , daß sie Graf Szariny in der Fabrik getroffen . Als Aarens kam , so war Elisabeth ihm gegenüber stumm , streng und ernst . Eine seiner ersten Bemerkungen war natürlich die , daß er unendlich bedauerte , sie gestern nicht getroffen zu haben , daß aber sein widriges Schicksal ihn doch wieder in Etwas dadurch habe aussöhnen wollen , daß er sie noch am Abend wenigstens gesehen - mit dem Grafen Szariny und einem kleinen , unbekannten Mädchen . » Mit meiner liebsten Freundin , Pauline Felchner , welche ich besuchte - wie Ihnen wohl meine Mutter gesagt hat - « erwiderte Elisabeth mit stolzem Tone . » Und wohin Sie Graf Szariny begleitete ? « » Von wo er mich zurückbegleitete , da er dort einen Besuch gemacht hatte und ich den Weg zu Fuß zurücklegte . « Aarens wußte auf diese Strenge und Unbefangenheit ihr lange Nichts zu erwidern , bis er sich von der Verwunderung über die letztere ein Wenig erholt , und dazu bedurfte es bei ihm einiger Zeit . Er knüpfte also ein unbedeutendes Gespräch mit der Gräfin an , das nachher allgemein ward . Während dem überzeugte er sich , daß er durch einen beleidigenden und spöttelnden Ton gegen Elisabeth Nichts ausrichte , und er suchte daher so liebenswürdig , sanft und zärtlich als möglich zu erscheinen . Sie blieb ihm gegenüber unverändert . Das Diner war vorüber , die späteren Nachmittagstunden rückten heran . Elisabeth hatte es zu arrangiren gewußt , daß man den Kaffee in einem hochgelegenen Pavillon des Gartens einnahm , von dem aus man einen Theil der nach dem Schlosse führenden Straße übersehen konnte . Zuweilen warf sie dorthin einen spähenden Blick - und jetzt schlug ihr Herz höher und sie bemühte sich ein fröhlich aufsteigendes Roth der Wangen zu unterdrücken - denn sie sah aufwirbelnden Staub - bei einem zweiten Blick zwei Reiter , und bei einem dritten erkannte sie Jaromir auf seinem Rappen - sie zerpflückte ein paar Grashalme und hatte Aarens Frage überhört : ob sie die Morgenoder Abendpromenade schöner und genußreicher finde ? Er mußte ihr die Frage noch ein Mal wiederholen und dann sagte sie sinnend : » Die Morgen sind schön , denn da kommt man jugendfrisch aus den Armen des Schlafs und der Träume , die ganze Schöpfung ist wie neu geboren und wir sind es selbst mit ihr - man weiß noch Nichts von Zwang , man lebt noch halb im Traume fort und schämt sich nicht , wahr und unverstellt zu sein . « Sie dachte , als sie dies sagte , an den Morgen ihres letzten Abschiedes von Gustav Thalheim und ihrer ersten Rede mit Jaromir - aber sie dachte zugleich an den gestrigen Abend , als sie weiter hinzusetzte : » Aber die Abende sind auch schön - nur in ganz andrer Weise ; da zieht ein wonniges Träumen durch die ganze Natur , und die Natur theilt es der Menschenseele mit , und da drinnen haust es sich ein in dem klopfenden Herzen , in dem dann zugleich wie im Freien alle Nachtigallen laut zu schlagen anfangen und alle Nektargefäße verhüllender Blüthen sich öffnen . « Ihre Gedanken weilten bei Jaromir , den sie so eben gesehen , es war ihr , als wenn sie schon mit ihm spräche , und jetzt hielt sie plötzlich inne , als sie sich besann , daß Aarens es war , der ihr gegenüber stand und zu dem sie in solcher Weise geredet . Aarens , obwohl er sich über diese Sprache verwunderte , fand doch , daß er Elisabeth nie schöner und hinreißender gesehen , als in diesem Augenblick - und er war eitel genug , sich diese plötzliche Gehobenheit ihres ganzen Wesens zu seinem Gunsten auszulegen . Elisabeth entfernte sich auf einige Augenblicke bis zur nächstgelegenen Laube , sie war seltsam bewegt - ihr war , als müsse sie einen freien , unbeobachteten Blick zum Himmel emporschicken , weil sie jetzt sich im Innersten so wunderbar selig durchschüttert fühlte , weil ihr war , als strahle der blaue Himmel gerade in ihr Herz und wohne in diesem . Auch dies augenblickliche Entfernen und die ruhige Freudigkeit , welche , als sie zurückkam , auf ihrem Gesicht thronte , legte Aarens zu seinen Gunsten aus , und er wollte eben wieder ein empfindsames Gespräch mit ihr beginnen , als ein voraneilender Diener : Graf Szariny und Herr von Waldow meldete , welche ihm langsam folgten . Aarens hatte große Lust , mit dem Fuße zu stampfen , da er dies aber als Mensch von gutem Ton unmöglich konnte , biß er sich die Lippe beinah blutig und wünschte nur stumm , aber von Grund der Seele aus , die lästigen Ankömmlinge in ' s Pfefferland , in die Hölle , oder zu allen Teufeln ; nur so weit als möglich weg . Diese christlichen Wünsche halfen ihm aber leider nur sehr Wenig , denn statt sich zu entfernen kamen , die Beiden immer näher und ein innigerer , zwei Menschen beglückenderer Blick ward noch nie gewechselt , als der erste , mit welchem sich Jaromir und Elisabeth begrüßten . Zum Glück war Aarens noch zu sehr verblendet von der ersten Wuth über die Ankunft der neuen Gäste , als daß er hätte diesen Blick bemerken sollen . Aber wenn auch dieser erste Blick ihm entging , so sah er doch bald , daß zwischen diesen Beiden ein geheimes , süßes Einverständniß walten müsse , das ihm unerträglich war . Er sann nach , wie er dies stören könne , und war während des ersten Gesprächs ziemlich schweigsam . Nachher sagte er leicht und halblaut zu Jaromir , aber doch laut genug , daß es wie zufällig Elisabeth hören konnte . » Nicht wahr , ein niedliches Kind die kleine Felchner ? Ich sah Sie gestern mit ihr . - Sie stehen bei ihr in großer Gunst , wie ich höre ? « Jaromir sagte unbefangen aber ernst : » Sollten Sie das Fräulein auch kennen ? « » Nun , Sie brauchen nicht gleich eifersüchtig zu sein , « sagte in demselben leisen Tone wie vorher , doch zugleich ironisch lachend , Aarens . » Ich kenne Sie nur von Ansehen und habe ihr noch keinen Besuch gemacht - aber man bemerkt unser Flüstern - « und rasch gegen die Gesellschaft gewendet , fuhr er laut fort : » Ich erging mich eben im Lobe von des Grafen Kunstgeschmack , der sich in allen Dingen , welche er auswählt und anordnet , bewährt - auch in der Wahl seines Pferdes und Reitzeuges . « Da ein Gespräch von Pferden beginnen konnte , war Waldow ganz in seiner Sphäre ; er richtete deshalb sogleich mehrere Fragen an Jaromir , welche dessen Pferde betrafen , so daß dieser ihm antworten mußte , während er gern Aarens , dessen Reden und Benehmen ihm befremden mußte , etwas Zurechtweisendes hätte erwidern mögen . Der Graf Hohenthal selbst nahm an dem Pferdegespräch lebhaften Antheil , ließ es nicht sogleich wieder sinken , und so kam es , daß dies Mal Aarens ungestraft davon kam . Von den Pferden kam das Gespräch auf Thierquälerei , der alte Graf legte in diesem Punkt das größte Zartgefühl und den jugendlichsten Enthusiasmus für alle diesen Punkt betreffende Vereine an den Tag - und um nur die Unterhaltung endlich von dem lieben Vieh hinwegzubringen , ging Jaromir von der Thierquälerei zur Menschenquälerei über . » Es ist wahr , den Thieren wird oft eher geholfen , als den Menschen - so will ' s die moderne Barmherzigkeit . « » Natürlich , weil die Menschen sich selbst helfen können - « sagte Aarens . » Das sagen Sie - nicht ich , « versetzte Jaromir - » Was meinen Sie dazu , wenn nun die untern Classen beschließen , sich selbst zu helfen , und wir haben dann z.B. einen Aufstand der Eisenbahnarbeiter wie der jetzige ? « » Also wäre es wirklich gegründet ? « sagte der Graf Hohenthal . » Ich glaubte den Nachrichten meiner Leute nicht . « Die Gräfin ward todtenblaß und sagte : » Mein Gott , was wollen denn diese Menschen ? Ach , es ist eine entsetzliche Zeit , in welcher wir leben müssen ! « » Gewiß , « fügte Aarens bei , » eine widerwärtige Zeit , wo nicht einmal mehr der gemeinste Pöbel in seinen Schranken bleiben will . - Doch wozu hat man Soldaten ? Es ist Frieden , und da einmal das Militair da keine Beschäftigung hat , so benutze man es hier und mache es zu seiner Hauptaufgabe , diese Volkshefe , wenn es nicht anders möglich , durch die Gewalt der Waffen im Zaum zu halten . « » Das wäre ja fürchterlich - Brüder gegen Brüder - das könnte doch kaum der äußerste Punkt der Nothwehr entschuldigen . - Sie denken wie ich , Graf Szariny ? « fragte Elisabeth . » Ich denke wie Sie , aber ich weiß , daß Ansichten , wie die des Herrn von Aarens , in den höchsten Kreisen sehr viel Vertreter finden - ich befürchte Schlimmes - « sagte der Gefragte . Elisabeth fühlte sich plötzlich von einer schrecklichen Angst erfaßt . » Das sind Dinge , von denen ich früher keinen Begriff hatte . Ich sah die untern Classen immer nur von fern , wie sie friedlich ihre Arbeit verrichteten , vom Morgen bis zum Abend , und dabei zufrieden aussahen . Diese Leute , sagte ich mir , wissen es nicht anders , ihr mühvolles Tagewerk ist ihnen wohl gar eine freundliche Gewohnheit ; die Leiden , welche sie äußerlich treffen , sind ihnen vielleicht nicht härter , als diejenigen , welche die Wohlhabenden und Reichen geistig empfinden und in ihrem Herzen durchzukämpfen haben . « » Und so ist es auch , « unterbrach sie ihre Mutter , » diesen Leuten ist nicht Entbehrung , was uns so scheint - sie sind in vielen Dingen glücklicher , der Hunger würzt ihr Mahl , von der Arbeit ermüdet schlafen sie auf hartem Lager besser , als wir auf weichen Polstern , der Feierabend giebt ihnen genußreiche Stunden , die gewiß so wohlthuend sind , daß wir uns gar keinen Begriff davon machen können . « » Gewiß , « nahm Aarens das Wort , » es ist Nichts als wahre Sittenverderbniß , was den Pöbel unzufrieden machen kann ; Faulheit , Trunksucht und Ausschweifungen aller Art sind die Ursachen des Elendes , welches sich öffentlich zur Schau stellt , um unsere Augen auf sich zu ziehen , unser Mitleid zu erregen , damit wir ihm die Mittel geben , ein sittenloses Leben fortzusetzen . « Elisabeth nahm hastig wieder das Wort , das man ihr vorher abgeschnitten hatte , und sagte : » Ach nein , nein ! Jetzt weiß ich es anders ! Wir brauchen hier nicht weit umzuspähen , um die Noth der untersten Classen in ihrer ärgsten Gestalt zu erblicken - und seitdem ich sie gesehen , seitdem hab ' ich mich oft Hundert Mal gefragt , was es denn eigentlich sei , das diese Unglücklichen noch dazu vermöge , freiwillig die härtesten Arbeiten zu verrichten , da sie für ihren geringen Tagelohn sich doch nie eine glückliche Stunde kaufen können . Das Gewissen ? Die Moral ? - Kann das Menschen zurückhalten , deren Sitten man so verdorben schildert und die man wirklich entsittlicht hat ? Und wenn sie tagtäglich gegen sich unrechte Bedrückungen erfahren , könnten sie dann nicht einmal sagen : Wenn Jene gegen uns unredlich sind , warum wollen wir es nicht wieder gegen sie sein ? - Und seitdem ich mir dies gesagt habe , seitdem überfällt mich oft ein entsetzliches Grauen - denn wenn sich der Pöbel entfesselt und aufsteht , welche Schrecknisse werden dann über uns Alle hereinbrechen ? - Und Sie sagten : es sei wirklich geschehen ? « Jaromir antwortete , indem seine Augen bewundernd in Liebe und Stolz an Elisabeth hingen : » Noch ist weiter Nichts geschehen , als daß ein paar Hundert Eisenbahnarbeiter einen erhöhten Lohn fordern und unterdessen Nichts gethan haben , als ihre Arbeiten friedlich eingestellt - das ist ja noch keine Empörung . Vielleicht ist es ein wohlthätiges Warnungszeichen für alle die , welche die Macht hier zu helfen oder zu bedrücken in den Händen haben , daß es besser sei , den armen arbeitenden Klassen freiwillig Concessionen zu machen , ehe sie einmal in wilder Raserei den Versuch machen sollten , die Ordnung der Dinge umzukehren und sich reich und die Reichen arm zu machen . Für ' s große Ganze ist so vielleicht , wenn auch gerade nur indirect , dieser gefährlich aussehende Schritt der Eisenbahnarbeiter von guten Folgen . « » Ich vernehme hier seltsame Ansichten , « sagte der Graf Hohenthal ; » kaum weiß ich , ob ich recht höre und sie für Scherz oder Ernst nehmen soll - aus dem Mund meiner Tochter wenigstens klingen sie mir befremdend . - Und auch Sie , Graf , können Sie wirklich glauben , daß die Eisenbahnunternehmer sich von ihren Arbeitern werden Vorschriften machen lassen ? Ist es denn nicht schon entsetzlich genug , daß jetzt jeder Bürger sich anmaßen mögte , auch mit regieren zu können , und daß ein verblendetes Zeitalter ihm dies wirklich als ein Recht einräumt - sollen wir es auch noch erleben , daß der unterste Pöbel nun dem Bürger nachdrängt und auch auf seine Weise im Lande Vorschriften machen mögte ? « Jaromir zuckte die Achseln , er kannte den starren Aristokratismus des Grafen , mit dem dieser noch festwurzelte in einer Weltanschauung früherer Zeiten , aus welcher es unmöglich war , ihn in eine neue zu versetzen . Der Stamm war in jener Zone allein ernährt zu fest und altersgrau geworden , um jetzt noch der Versetzung fähig zu sein , darum und aus Rücksicht gegen den Hausherrn und gegen Elisabeths Vater sagte er , um ihn nicht zu beleidigen , nur leicht : » Freilich , hätte man gedacht , daß es so kommen werde , so würde man dem Bürger auch noch länger verweigert haben , was man ihm zugestand , halb freilich gezwungen und von den Verhältnissen gedrängt , aber doch auch halb freiwillig . « Elisabeth , die auf Jaromirs Antwort ängstlich gespannt gewesen war , weil sie zwischen ihm und dem Vater einen Zusammenstoß fürchtete und Nichts lieber vermied , vernahm diese ruhige Antwort , welche sogar eine doppelte Deutung zuließ , mit Freude , und um nun das Gespräch von diesem Gegenstand hinwegzulenken , machte sie darauf aufmerksam , daß auf dem Platz , welchen man bis jetzt eingenommen hatte , die Sonne so vorgerückt sei , um sie bald Alle zu bescheinen , und daß man ihn deßhalb wohl mit einem andern vertauschen könne . Der Vorschlag fand Beifall und beendete glücklich ein Gespräch , in welchem so verschiedene Ansichten aufgekommen waren . Man hatte sich kaum an den andern Platz begeben , als zum Beweiß , wie man die Gastfreiheit auf Schloß Hohenthal zu schätzen wußte , Rittmeister von Waldow und Geheimrath von Bordenbrücken mit ihren Frauen anlangten . Der Vorgang bei dem Eisenbahnbau war und blieb aber einmal die große Neuigkeit des Tages und ward jetzt abermals Stoff der Unterhaltung . Der Geheimrath that äußerst geheimnißvoll , versicherte aber , daß er genau wisse , daß sofort Militair requirirt worden sei , und daß dies gewiß wieder zur Ordnung verhelfen werde . Daß einige Ausländer , welche auch bereits verhaftet wären , die inländischen Arbeiter aufgehetzt , die hoffentlich selbst einsehen würden , wie sehr sie im Unrechte wären . Im Ganzen sei die Sache höchst unbedeutend , kaum der Rede werth , man habe nur unnützen Lärm gemacht , die Leute wären dort gar nicht unzufrieden , wie er selbst von den Besserdenkenden gehört . - Alles sei auch mit daher entstanden , daß man in den Zeitungen lauter Lügen verbreite , wie man in Frankreich und England höhern Lohn erzwinge , daß die Deutschen Arbeiter es auch so haben könnten , daß sie selbst schuld wären , wenn man sie schlecht bezahle - so sei die freche Tagespresse mit ihrem Geschrei an Allem Schuld u.s.w. Der Geheimrath spielte das Berichtigungsbüreau in eigner Person ganz comme il faut , auch , daß er sich in einem Athem viel Mal widersprach , paßte vollkommen zu dieser Rolle . Die so vergrößerte Gesellschaft blieb auf der Gräfin Aufforderung bis zum Abend im Schloß vereinigt . Der Abend dämmerte für die Jahreszeit früh , trübe und kühl herein , und man beschloß , sich zum Souper in das Schloß selbst zu begeben . Durch den Park hatte man bis dahin ein ziemliches Stück Wegs zurückzulegen . Elisabeth neben Jaromir war ein Wenig zurückgeblieben von den Andern . Sie lenkte jetzt in eine Seitenpromenade ein , welche von den Uebrigen nicht betreten wurde , und sagte zu ihm : » Wenn wir einen Umweg von zehn Schritten machen , kann ich Ihnen meinen Lieblingsplatz zeigen , zu dem ich immer gehe , wenn ich mit der Natur allein sein will , um zu lesen oder zu träumen . « » Wie dank ' ich Ihnen , wenn Sie mich zu dieser geweihten Stelle führen ! « sagte er . » Und jetzt , wo Niemand da ist , um uns zu widerlegen , Niemand von all ' Denen , welche es noch nicht begreifen können oder nicht begreifen wollen , daß man ein warmes Herz hat für alle Menschen , und für die Unglücklichsten das wärmste , jetzt kann ich Ihnen sagen , wie laut mein Inneres jubelte , als ich Ihre Worte hörte - die mir bezeugten , daß Sie anders dachten , wie - nun wie man sonst denkt , wenn man in einem Schlosse unter den Augen ehrwürdig-stolzer Ahnenbilder erzogen ! « » Und haben Sie nicht ein gleiches Loos und denken doch auch wie ich ? « sagte sie . » O , doch nicht gleich ! Doch muß ich verwundert fragen , woher Sie die Armuth und ihr Unglück und ihre Versuchungen kennen gelernt haben ? Ich kenne sie - denn mir waren sie alle Genossen ! « » Ihnen ? Ihrer Phantasie - Ihren Dichterwerken . « » Warum sollt ich mich schämen , Ihnen die Geschichte meiner Armuth zu erzählen ? Meine Mutter hatte aus Polen flüchten müssen , glaubte sich dadurch ihrer Güter verlustig . Ein Verwandter , Graf Golzenau nahm mich , den Knaben , auf und ließ meine Erziehung vollenden . Wie ich zum Jüngling geworden , konnt ' ich es nicht mehr ertragen , von Anderer Güte zu leben , da ich sah , wie Tausende neben mir sich auch ohne Vermögen und fremde Unterstützung durch ' s Leben schlagen mußten - ich nahm Nichts mehr an von meinem Verwandten - und so lebt ' ich in Armuth und Dürftigkeit während meiner schönsten Jugendjahre - und daher kenn ' ich die Armuth und ihr Unglück und ihre Kämpfe und ja - auch ihre Versuchungen . « Er konnte niemals dieser Zeit denken , ohne bis in seine innersten Tiefen erschüttert zu werden ; so hielt er auch jetzt inne , als sie im Gehen in eine kleine Rotunde gekommen waren , und lehnte sich auf eine kleine weiße Marmorsäule , mit der einen Hand seine Augen bergend , mit der andern nach der Elisabeths fassend . Sie gab sie ihm willig , drückte die seine innig und trat näher zu ihm . Die Rotunde , in welcher sie standen , war von hohen Eichen gebildet , die dicht nebeneinander standen , daran eine Hecke weißer und rother Rosen . Wilder Wein rankte an den Eichenstämmen empor und zog seine grünen Guirlanden von einem zum andern , sie so mit einander verbindend . Wie ein kleiner Thron vor der Rosenhecke unter diesem grünen Thronhimmel von Eichenlaub und flatternden Ranken erhob sich ein schwellender Moossitz , zu dem zwei Stufen führten , ebenfalls mit sammetnen Moos wie mit einem grünen Teppich überkleidet . Zwei kleine weiße Marmorsäulen erhoben sich daneben , auf der einen stand mit goldenen Buchstaben eingegraben : » Träume ! « auf der andern : » Ruhe ! « An einer dieser Säulen lehnte jetzt Jaromir . » Das ist mein Heiligthum , in das ich Sie führen wollte ! « sagte Elisabeth . Er warf erst jetzt einen Blick auf seine Umgebung und rief davon bezaubert aus : » Ja , das ist eine heilige Friedensstelle ! « Und indem er Elisabeth zu der Moosbank führte , sagte er lächelnd : » Nehmen Sie Ihren Thron ein , Königin ! « Sie wollte nicht die Stufen hinauf und sagte : » Zu längerem Weilen haben wir keine Zeit - die Andern - « » Und wozu diese Andern ? « fiel er ihr in ' s Wort . » Wir haben bei ihnen schon schöne Stunden verloren - warum ihnen unausgesetzte Opfer bringen ? Wenigstens für einige Momente können wir uns ihnen entziehen ! « und er drängte mit sanfter Gewalt Elisabeth auf den Sitz und warf sich selbst auf die oberste Stufe , so daß er zu ihren Füßen saß . » Elisabeth ! « flüsterte er , und ihre Hand immer noch in der seinen haltend , sah er mit einem unbeschreiblichen Liebesblick zu ihr auf . Sie las in diesem Blick , was er ihr zu sagen hatte , eine süße Beklemmung überfiel sie - aber mit jungfräulicher Schüchternheit suchte sie