es ist entsetzlich welch Unrecht Du zu erleiden hast ! « sagte ich mit kaltem Spott , stand auf , schellte , und zu dem eintretenden Kammerdiener : » Der Herr Graf befiehlt sein Zimmer , das grüne . « Astrau verbeugte sich kalt und förmlich und folgte dem Diener ; ich ging todtmüde in mein Cabinet . Am andern Morgen ließ er mich um ein Gespräch bitten . Heute hatte er die Taktik verändert . Nicht schauspielerisch sondern cynisch griff er mich an . » Ich habe Dir einen Vorschlag zu machen , begann er . Ueberlaß mir meine Tochter und ich lasse Dir den Herrn Sedlaczech . « Ich hatte mir vorgenommen von eiserner und eisiger Unbeweglichkeit zu sein und es wurde mir auch gar nicht schwer es durchzuführen . Ich erwiderte : » Glaubst Du Rechte an Astralis beweisen zu können , so wende Dich an die Gerichte , welche ich alsdann zur Anerkennung der meinen auffodern werde . Was Herrn Sedlaczech betrift , so bedienst Du Dich eines unstatthaften Ausdrucks . Er ist hier nach seinem Belieben . « » Das bezweifle ich nicht ; - auch nicht , daß sein Belieben das Deine ist . Nur ich bin in diesem Bunde nicht der Dritte . « » Ich darf sagen , daß dies auch keinesweges mein Wunsch ist . « » Du trotzest mir ? « » Wer in seinem Recht zu sein glaubt , spricht sich dem gemäß aus , ohne dem andern Theil trotzen oder ihn beleidigen zu wollen . Beides sind Waffen des uneingestandenen Unrechts . « » Wir kommen von unserm Thema ab . Du benimmst Dich hier wie eine Königin .... Deiner Scholle , was beiläufig gesagt einen Anstrich von landjunkerlicher Krähwinkelei hat , die mich sehr belustigt . Du hast Dir einen vollständigen Hofstaat organisirt ; ich lasse das gelten - nur nicht den böhmischen Trabanten . « » Werde ich allendlich den Zweck Deines Kommens erfahren ? « fragte ich unmäßig gelangweilt . » Eine wunderliche Frage in dem Munde einer Gattin ! freundlich und liebevoll , mit den theilnehmendsten Gesinnungen komme ich , und werde wie ein Fremder aufgenommen . Man empfängt mich nicht , man spaziert zwei Stunden im Mondschein mit dem Günstling , man läßt mich bei dem Hofstaat und der Langenweile , man kehrt endlich heim und begrüßt mich mit Verstörung und Ohnmacht und sucht zuletzt hinter hochmüthigem Fremdethun innere Unruh zu verbergen . Ist das die Art einen Gemal zu empfangen ? « » Ich konnte Dich nicht empfangen weil ich Deine Ankunft nicht wußte , und ich ging mit Sedlaczech - was sehr oft geschieht - weil ich mich ungestört mit ihm unterhalten wollte « .... - - » Und worüber , ich bitte ! « » Ueber Dinge welche ich mit Dir nicht besprechen kann . « Astrau wurde leichenblaß ; ich weiß nicht ob er in diesem Augenblick Zorn und Eifersucht nur heuchelte oder wirklich empfand . Wahrscheinlich wußte er selbst es nicht ! aber ich glaube daß er aus beleidigter Eitelkeit in der That gereizt wurde . Ingrimmig stieß er die Worte aus : » Das ist allzu frech ! « » Wer mich geflissentlich beleidigt hört auf mein Gast zu sein ! « sagte ich aufstehend . » O ich begehre auch nicht Dein Gast zu sein - ich bin Dein Gemal . « » Du bist mein Gemal .... allerdings ! was weiter ? « » Was weiter ? ich will wachen daß meine Rechte nicht gekränkt werden . « » Die Rechte auf meine Person hast Du durch Deine Schuld verloren . Die Rechte an meinem Vermögen habe ich nie geschmälert , sondern dessen Einkünfte mit Dir getheilt . Also : was weiter ? « » Dermaßen versteinert bist Du also in der Sünde , daß nichts Deine eiserne Stirn erröthen macht ! .... Oder begreifst Du wirklich nicht meinen Verdacht ? Schon vor Jahren habe ich Dir gesagt daß dieser verhaßte Sedlaczech Dich liebe und ich habe auf seine Entfernung gedrungen . Ich komme wieder - und finde ihn tiefer in Deiner Gunst als je . Und das soll ich ruhig ertragen ? « » Du wirst es müssen . « » Er soll fort .... auf der Stelle ! « rief Otbert wild . » Er bleibt .... oder ich gehe und mein ganzes Haus geht mit mir « .... - - » Ihm nach ? und in die weite Welt zum allgemeinen Scandal - nicht wahr ? « » Du läßt mich nicht ausreden ! oder ich gehe mit meinem ganzen Hause , wozu auch Sedlaczech gehört , zu meinem Schwiegervater nach Hannover , unter dessen Aegide ich den äußern Schirm gegen Deine Brutalität finden werde , vor welcher die innere Schutzwehr meines Selbstgefühls mich nicht behütet . « Dieser Entschluß kam ihm unerwartet . Er wußte wol , daß mein Schwiegervater ihn nicht leiden konnte , mir dringend die Heirath mit dem » hirnlosen und leichtsinnigen Verschwender « , wie er ihn nannte , abgerathen hatte und mir auch jezt Rathschläge nicht zu seinen Gunsten geben würde . Daher suchte er mich von einer andern Seite anzugreifen . » Also die Emancipirte ist inconsequent genug , hinter einem siebzigjährigen Greise sich verschanzen zu wollen ! « sagte er höhnisch um mich in ein neues Gebiet zu locken . » Bleiben wir bei der Sache ! entgegnete ich streng . Du hast die Wahl : entweder Du bleibst hier unter den Bedingungen die man an einen Gast machen kann - oder übermorgen um diese Zeit steht dies Haus leer und ich bin auf dem Wege nach Hannover . Du weißt , Otbert , ich thue was ich sage . « » Ah Du bist ein königliches Weib ! rief Astrau abermals eine andre Maske ergreifend . Du bist zum herrschen geboren . Befiehl ! befiehl auch mir , Sibylle ! was willst Du ? « » Bleiben ! « sprach ich kurz . » So bleib ' auch ich .... im grünen Zimmer ! « sagte er mit einem kleinen Seufzer , den ich nicht Lust hatte zu beachten . » Darf ich die Kinder sehen ? « setzte er hinzu . Ich ließ sie rufen . Er überschüttete sie mit Liebkosungen , namentlich Benvenuta . Das mißfiel mir . Sollte diese Verleugnung seines väterlichen Gefühls eine Schmeichelei für mich sein , so war sie schlecht gewählt , denn das göttlich schöne Kind Astralis lag mir ebenso am Herzen wie Benvenuta Genau so wie in der ersten Zeit unsrer Bekanntschaft fand ich jezt Otbert : - verschroben von Eitelkeit . Und dieser Mann hat dich fangen können indem er deiner eigenen Eitelkeit schmeichelte ! sprach ich zu mir selbst ; welch eine unerhörte , erbärmliche Schwäche . Otbert blieb ; allein er trug nichts zur Annehmlichkeit unsers Lebens bei . Er war einen andern Schauplatz und andere Anregungen gewohnt als er in Engelau finden konnte ; er verlangte sie von uns , wir konnten sie ihm nicht geben : das versetzte uns sämtlich in Unbehagen ; Jeder von uns empfand einen Mangel . Unsre Lectüren geriethen in Stocken , denn er wollte vorlesen und fand keine Bücher nach seinem Geschmack . Unsre Musik verstummte , denn er erklärte er sei zu sehr Laie um an diesem überernsten Styl Vergnügen zu finden . Mezzonis Barcarolen ließ er gelten - aber nicht lange , denn er ertrug es auf die Dauer nicht Zuschauer und Bewunderer zu sein . Zuweilen las er einige seiner Gedichte vor ; das war am angenehmsten ! sein schmiegsames Organ , sein Feuer im Vortrag , hoben die Schönheit der Verse noch mehr hervor . Nahm er Bewunderung und Interesse bei uns wahr , so versetzte ihn das in die liebenswürdigste Laune ; er begann zu erzählen wo und wie er das Gedicht gemacht ; er kam auf tausend Dinge die freilich nicht zur Sache gehörten , aber sehr unterhaltend waren . Er kannte Paris wie ich Engelau . Mit allen Sommitäten der Politik , der Gesellschaft , der Literatur , des Theaters , der Fremden - mit Allem und Jedem was in irgend einer Beziehung Ruf und Namen hatte - verstand er sich in Berührung zu bringen ; - ob in die intime , funkensprühende mit der er ein wenig prunkte , sei dahin gestellt . Aber er konnte einen Tag mit den religiösen Ceremonien der Jünger des Père Enfantin beginnen , ihn durch die Ateliers der Künstler , die Kammern und ein diplomatisches Diner führen , und ihn in den rococo Sälen des Faubourg St. Germain oder in dem Dachstübchen eines socialistischen Weltverbesserers beschließen . Das unterhielt uns natürlich sehr , und auch ihn - so lange er davon erzählte und mit seiner Person und durch seinen Vortrag dabei glänzte . Aber ein Magazin von Wissen , Studium und Erkenntniß , das ihn in der Stille genährt - oder einen Heerd an dem er in der Stille sich gewärmt - hatte er sich nicht daraus gebildet . Von Schätzen umgeben lechzte er , wie ich , nach einem unbekannten noch höheren , noch erschöpfenderen Gut : und das war eben der Punkt in welchem ich mich noch jezt ihm verwandt fühlte - ganz wie sonst . Jedoch nur in dem Punkt selbst ! sein verlangen und streben , sein ringen und thun waren schnurstracks den meinen entgegen . Ich achtete seinen Charakter nicht , aber seine Seele flößte mir Theilnahme ein - und diese war mit im Spiel gewesen , nicht blos die Eitelkeit ! als ich mich von ihm fesseln ließ . Diese Entdeckung gewährte mir einen großen Trost . Es ist dem Menschen unendlich angenehm wider Erwarten in sich selbst bessere Motive seiner Handlungen zu finden ! Er ist niemals so versöhnlich als wenn es gilt mit sich selbst sich zu versöhnen . Astrau war aber nicht immer und nie lange in muntrer Laune : das Damen-Auditorium war ihm nicht glänzend genug . Der armen Mathilde gab er zuweilen beißende Antworten . » Welch ein Vorrath von Erinnerungen für ' s Leben ! « rief sie bei einer seiner Erzählungen . » Da haben Sie gleich Ihre Speisekammer im Sinn in die Sie täglich gehen und sich regelmäßig ein Stück Brot , ein Stück Fleisch und ein Stück Kuchen holen würden ; und an Sonn- und Festtagen gäb ' es ein Glas Wein dazu : nicht wahr , Fräulein Mathilde ? « fragte Astrau spöttisch . Sie erröthete und wurde verlegen ; vergaß es aber bald wieder in ihrer Harmlosigkeit . Benvenutas Gouvernante ging es übler ! sie war eine vortrefliche Person - jedoch sehr häßlich und sehr vielwissend - Beides ein Greuel für Astrau ; umsomehr da sie von ihrer Häßlichkeit keine Ahnung hatte und auf das Wissen einen großen Werth legte , wie alle Menschen bei denen es größer ist als der Verstand . Bei Otbert war es grade umgekehrt , und daher der Disputationen kein Ende zwischen ihnen , obgleich sie ihm gegenüber beständig im Nachtheil und er schonungslos war . Mit wahrer Todesverachtung kämpfte sie für Geist und Gaben , Herrlichkeit und Würde , Befähigung und Berechtigung ihres Geschlechts , welches Astrau angriff weil er sie nicht leiden konnte und mir dabei einige Nadelstiche zu versetzen hofte . Gott weiß wie er erfahren hatte daß Madame Schütz - ( so hieß sie und sie war Wittwe ) - Gedichte mache und zwar recht hübsche . Er bat ihm einige mitzutheilen und obzwar ich ihr dringend davon abrieth , widerstand sie nicht der Lockung . Eines Abends gab er ihr das Heft höchst verbindlich zurück und sagte mit der größten Freundlichkeit : er habe nur zwei kleine Fehler an diesen sämtlichen Gedichten entdeckt ; der erste , daß sie überhaupt gemacht - der zweite , daß sie Gedichte genannt worden wären . Die arme Schütz war aus der Fassung . Ehe sie Zeit hatte etwas Ungeschicktes vorzubringen sagte ich geschwind und auch höchst freundlich : » Und Deine Kritik , lieber Otbert , hat gar nur einen einzigen kleinen Fehler ; nämlich den , daß ein Dichter sie macht . « » Dieser Rivalität glaube ich ohne Unbescheidenheit überlegen zu sein ! « rief er spöttisch . » Die wahre Ueberlegenheit ist nachsichtig , lieber Otbert , und reicht die Hand um weiter zu helfen . Die unächte - sucht in den Staub zu drücken . « » Das ist excellent ! sagte er lachend . Glaubst Du wirklich daß diese Gedichte den meinen gefährlich werden könnten ? « » Ich sprach nicht von Deinen Gedichten , nur von Deiner Gesinnung . « » Vermuthlich trittst Du nächstens mit einem Bändchen Gedichte vors Publikum , und brandmarkst im Voraus jeden der sie nicht bewundert mit neidischer Gesinnung . « » Darauf entgegne ich wie jener Gelehrte , den Johannes Falk fragte ob er dichte ? - Nein ! so gemein hab ' ich mich Gottlob nie gemacht . « » Vor Dir muß man die Waffen strecken ! sagte Otbert verbindlich . Du bist wie gepanzert . « » Man muß es sein wenn man mit Euch in die Schranken tritt . « » Dann muß man aber auch noch mit Göttern und Dämonen in Verbindung sein , die einen solchen Panzer schmieden . « » Ganz und gar nicht ! man braucht nur seine Eitelkeit abzulegen . Da uns das eher möglich ist als Euch : so sind wir dann im Vortheil . « » Mit Dir ist auf keine Weise zu streiten ! die Verblendung für Dein eignes Geschlecht - hinter der sich natürlich die über Dich selbst verbirgt - ist allzu kolossal ! der Mann soll eitler sein als das Weib ! .... unerhörte Behauptung , da Ihr nur lebt , webt , athmet und denkt in Bezug auf Eure Eitelkeit oder in deren Genuß - da Ihr von der Schleife an , die Ihr an Euren Busen steckt , bis in Eure Leidenschaften , ja , Tugenden hinein , unter deren Scepter steht ! « » Ganz richtig ! dies behaupten , mein lieber Otbert , heißt aber nicht das Gegentheil für den Mann beweisen . Nachdem ich also den Vorwurf dieser großen Sünde für mein Geschlecht angenommen , nehme ich auch eine Tugend für dasselbe in Anspruch , die es sich , an lange Unterwerfung , ja Unterdrückung gewöhnt , angeeignet hat - Selbstverleugnung : die Fähigkeit hinter das Geliebte zurückzutreten . Dies Geliebte , Otbert , braucht nicht immer ein Mann , nicht immer ein Kind zu sein . Es kann auch eine Ueberzeugung , ein Glaube , eine Liebe , eine Idee sein . Wo die herrscht - ist die Eitelkeit todt . « » Ob sie nicht Ideen hatten , und für diese sterben wollten ? - spricht Platens Mopsus neben seinen zwölf todten Kindern . Du willst daß das Weib für Ideen lebe ! Er vervollkommnet Deine Weltanschauung , theure Sibylle . « » Er persiflirt sie .... und das unterhält mich sehr . Es wäre gar langweilig wenn man ernste Dinge immer mit feierlichem Ernst , und nicht zuweilen mit jenem Humor betrachten wollte , den ihre Uebertreibung oder ihre Kehrseite in jedem aufrichtigen Gemüth hervorlockt . « » Du nimmst also auch den Humor für Dein Geschlecht in Anspruch ? ein humoristischer Mann gilt bisjezt für einen halben Phönix ! Indessen .... die elektrische Schnellkraft , die aus dem Gebiet der Empfindung in das der Ueberlegung hinüberspringt - die sich mit überraschendem Schwung aus den Rosenwolken der Gefühle auf die Gletscherspitze der Ironie oder in den klaren Aether der Betrachtung erhebt - deren bedürft Ihr dazu nicht . Ihr macht Verse , plaudert von Emancipation , raucht Cigarren und findet das ungemein humoristisch .... während man es in der That burlesk nennen müßte ! Diese Verschrobenheit ist eben eine Folge des Emancipationsprincips , das jezt in der Welt grassirt . « » Otbert ! eine Welt die Ihr , Ihr Männer ! durch Eure Civilisation so verschroben , so materialistisch gemacht habt , daß Weiber wähnen können durch dichten und durch rauchen einige Stufen ihrer Entwickelung zu erklimmen - kommt mir lächerlich vor , und so öde , so hohl , daß sie nicht dauern kann . Und wenn die Weiber Rauchclubs stifteten , es würde ihnen zu ihrer Emancipation ebensowenig , als Euch Eure Jagd-Spiel- Jockey- Rauch- Schach- und sonstige Clubs zum Fortschritt helfen . Lange Meditationen , tiefe innere Sammlung , ruhige fragende vergleichende Einkehr in sich selbst , müssen jeder höheren Entwickelung vorhergehen . Davon ist jezt bei Männern und Weibern keine Spur ! sie sind zerfahrner , haltungsloser , äußerlicher denn je . Vielleicht werden die Weiber zuerst darüber zum Bewußtsein - und somit zur Besinnung kommen , daß ihre Emancipation nicht mit Cigarren und dergleichen Unsinn , sondern mit der gleichmäßigen Ausbildung ihrer Innerlichkeit , mit der Pflege ihrer Pflichten und ihrer Rechte beginnen müsse . Warum sie zuerst ? weil in ihnen große Kräfte sich dunkel regen . Wenn die licht werden « .... - - » So tritt eine Regeneration ein , nach der auch alle socialen und religiösen Emancipationen streben und drängen ! Nun sprichst Du ächt sibyllinisch , theure Sibylle ! d.h. Du sprichst aus was Jeder ohnehin sagt , ohne es zu verstehen . Bei der Möglichkeit der Weltumgestaltung muß auch der ewiglebendige Weltgeist , der alle Regenerationen hervorruft : die Vernunft , in Anschlag gebracht werden . « » Hat Christus mit der Vernunft die alte Welt aus ihren Angeln gehoben ? « sagte zu meinem Erstaunen Sedlaczech , der sich fast immer fern von unserm Kreise und Gespräch Abends im Musikzimmer aufhielt . » Die großen Regenerationen die über das Menschengeschlecht vom Anbeginn gekommen , sind durch zwei Mächte bewerkstelligt , welche mit der Vernunft so wenig zu thun haben als die Sonne mit einem chinesischen Feuerwerk - durch Glaube und Liebe . Wo der Glaube und die Liebe sein werden , da wird die segnende Kraft sein welche rettet was die Schwäche verwahrlost - die Schwäche , dies Symptom des Verfalls einer Epoche , welche heutzutage durch den ganzen Aufwand von speculativer Vernunft nur bemäntelt werden soll . « » Jezt werde ich versuchen meine Niederlage zu bemänteln indem ich mich von dem Felde der Discussion in die Freistatt der Kunst flüchte und Herrn Mezzoni bitte um seine liebliche Composition von : Ah senza amare ; « - sagte Astrau . Er wollte immer nur necken und ärgern . Wir waren keine Gegner bei denen er es der Mühe werth hielt sich in voller Ueberlegenheit zu zeigen : diesen Eindruck beabsichtigte er zu machen . Aber das war Alles nichts weniger als angenehm , und die Aussicht er könne den Winter in Engelau zubringen , im höchsten Grade störend . Ich ließ eines Morgens seinen Kammerdiener , seinen Geschäftsführer und Vertrauten zu mir bescheiden , und da erfuhr ich denn nach unendlichen Umschweifen und verwickelten Redensarten , daß der Herr Graf in Folge seiner Großmuth und Munificenz , die von Anderen zur Ungebühr gebraucht und mißbraucht worden sei - die nächste Aussicht auf St. Pelagie gehabt habe . Also eine vollkommene Zerrüttung seiner Finanzen ? - Auf diese Bemerkung antwortete Monsieur Alphonse durch ein trostloses Achselzucken . Mit Mühe preßte ich ihm die Summe der Schulden ab ; sie war enorm . Dennoch mußte ich sie bezahlen - das sah ich ein ! - um Otberts unheimlichen Aufenthalt in Engelau zu beenden ; und andrerseits war es mir ebenso klar , daß sich dies Ereigniß noch zehn Mal wiederholen und ich durch diese unsinnige Ehe das Vermögen meiner Tochter ruiniren könne . Ich begriff jezt daß er sich zu einer Art von Execution bei mir mache , wie sie sonst säumigen Schuldnern von Gerichtswegen ins Haus gelegt wird . Nur sein erstes drohendes Auftreten hab ' ich nie begreifen und nur vermuthen können , daß er irgend eine Schuldhaftigkeit bei mir voraussetzte , bei der er mich würde fassen und durch sie genug einschüchtern können um mir gleichsam meinen Ablaß von ihm zu erkaufen . Da er seinen Verdacht nicht bestätigt - und mich in Betreff seiner Tochter entschlossen fand ihm nicht nachzugeben : so stand er von seinem anfänglichen Verfahren ab , und ließ uns dafür sämtlich seine üble Laune empfinden . O wie oft dachte ich an Scheidung ! Aber ich wußte vorher , daß er mir eine Komödie voll Verehrung u.s.w. vorspielen würde , hinter welcher sich sein Entschluß verbarg sich von einer reichen Frau nicht zu scheiden . Um meines Vermögens willen hatte er mich ja doch nur geheirathet : diese Ueberzeugung stand fest in mir , und machte mich so kalt , daß ich beschloß unser Verhältniß als ein kahles Geschäft zu behandeln . Als ich ihn eines Tages in dieser Absicht zu mir bitten ließ , bekam ich eine Staffette aus Hannover , die mich an das Sterbebett meines Schwiegervaters rief . Auf der Stelle war ich entschlossen dem Ruf zu folgen und befahl den Dienern die nothwendigen Vorkehrungen zu treffen . Zu Astrau sagte ich : ich setzte voraus daß er mich nach Hannover begleiten würde . Er willigte sehr verbindlich ein . Alphonse hatte ihm bereits unser Gespräch mitgetheilt . In dem Augenblick wo mir eine große Erbschaft bevorstand hätte ich ihn mit mir nach Sibirien nehmen dürfen - dermaßen abhängig war er vom Gelde , er ! dem die geringste sittliche Fessel unerträglich war . Binnen zwei Stunden waren die Anordnungen gemacht , und ich nahm von den Kindern und Hausgenossen Abschied . Sedlaczech kam mir fürchterlich verändert vor , fast entstellt . Ich hatte es schon bemerkt in diesen letzten Wochen ; aber nie so wie heut . » Erkranken Sie nur nicht in meiner Abwesenheit , Meister ! « sprach ich beklommen . » Wann kehren Sie zurück ? « fragte er hastig . » Das kann ich nicht bestimmen . « » Können Sie bestimmen , daß Sie überhaupt zurückkehren werden ? « » Ja ! wenn ich nicht sterbe . « » Halten Sie es nicht für besser sich mit Graf Astrau zu versöhnen ? « sagte er noch hastiger , noch murmelnder , wie Jemand der sich mit Ueberwindung eines Auftrags entledigt . » Hat Graf Astrau Sie um seine Fürsprache ersucht ? « fragte ich und ein unbeschreibliches Gemisch von Zorn und Trauer quoll in meiner Brust auf . » Nein , « sagte er verlegen . » Nun , lieber Meister , dann haben Sie eine Gehirnentzündung ! lassen Sie mich bei meiner Heimkehr Sie genesen finden , « sprach ich und gab ihm meine Hand , die er nach seiner Weise drückte und gefaßt sagte : » Jezt hoff ' ich es . « Ich stieg in den Wagen und Astrau setzte sich zu mir . Sein erstes Wort war : » Leugnest Du noch immer daß Herr Sedlaczech Dich anbetet ? « » Ich habe das nie geleugnet ! « sagte ich gefaßt ; denn als ich diese Frage stellen hörte war es mir unmöglich eine andre Antwort zu geben . » Und das rührt Dich nicht ? « fragte er , immer in einem halbspöttelnden Ton , der mich verletzte . » Lassen wir die Geheimnisse meines Herzens so unberührt als die des Deinen , entgegnete ich eiskalt , umsomehr da sie für Dich nur Nebensache sein können ! die Hauptsache ist für Dich .... mein Vermögen . « » Ich finde Dich sehr undankbar , daß Du meine Entsagung nicht anerkennst . « Es wurde mir schwer nicht zu lächeln als ich sprach : » Ich will glauben daß Du großmüthig sein kannst ! - Uebrigens bin ich nur gerecht gegen Dich und mich wenn ich behaupte daß Du es in diesem Fall nicht bist . Ich bin Dir gänzlich gleichgültig ! um mich zu gewinnen hattest Du Dich in eine künstliche Wärme hinein gearbeitet , die genau in dem Augenblick verdampft war , als Du Dein Ziel erreichtest . Meine Eitelkeit könnte sich dadurch verletzt fühlen - allein ich habe ja eine ähnliche Schuld gegen Dich begangen - so sind wir quitt . Es würde Dir ebenso unmöglich sein Liebe für mich zu erzwingen , als mir - sie zu erwiedern . Es giebt Frauen deren Widerstand lockend ist , weil Trotz , Scheu , Eigensinn , kurz etwas Positives ihn begründet . Aber meine unendliche Gleichgültigkeit ist ganz negativ und wirkt demnach nur lähmend auf Dich . Und jezt laß uns von Deinen Geschäften reden . « » Meerweib ! Amphibie ! froide raisonneuse ! rief Otbert mit künstlichem Zorn , Du machst einem Mann das Blut in den Adern gefrieren ! mir graut vor Dir ! « » Da Du mir das Alles schon Einmal oder ein Paarmal gesagt hast , so begreif ' ich nicht warum Du nach Engelau gekommen bist . « » Weil ich hofte Dich verändert zu finden . « In diesem Kreislauf bewegte er sich . Die Reise ging rasch durch Tag und Nacht vorwärts . Ich fand meinen Schwiegervater noch am Leben ; ein Fieber zehrte ihn auf , aber er war bei voller Besinnung , und sagte mir den Inhalt seines Testamentes , das ganz zu Benvenutas Gunsten war und ihr für dies enorme Vermögen Vormünder bestimmte . » Ich kenne Dich , und wußte daß ich Dir durch diese Bestimmung nur eine Last abnahm , « sprach er freundlich . Astrau zu sehen , was dieser sehr wünschte - Gott weiß warum ! - kostete ihn Ueberwindung . » Ein schlechter Nachfolger unsers guten Paul ! sagte er später . Laß Dich scheiden , arme Sibylle . « Dieser Rath war fast sein letztes Wort . Er entschlief vor Erschöpfung . - - - Astrau war ebenso unzufrieden mit dem Testament als ich zufrieden . Bei den Geschäftserörterungen die jezt mehrfach zur Sprache kamen , drang ich denn auch auf die seinigen , und fand die Angaben des Kammerdieners bestätigt . Ich erklärte ihm ich sei bereit diesmal seine Schulden zu bezahlen , aber auch entschlossen mich für die Zukunft gegen eine ähnliche Zumuthung zu verwahren . Was kümmerte ihn die Zukunft ! war er doch für die Gegenwart wieder frei . - Natürlich nahm er die Sache auf als geschähe mir der größte Gefallen durch seine Abreise nach Paris , die er ersehnte ; und als lasse er mir Astralis aus besonderen Rücksichten für Arabella , die mich zu ewiger Dankbarkeit im Namen meiner Freundin verpflichteten . Mit der größten Kälte trennten wir uns . Ich fühlte mich grenzenlos gedemüthigt an einen Mann geschmiedet zu sein , dem ich ein äußerliches Interesse widmen mußte ohne ihn zu achten oder zu lieben . Ach » die ewige Fessel « - dies Wort der Bethörung welches Arabella einst mir zuwarf , wie seltsam hatte es sich bewährt ! nicht um Otbert - nein ! .... um mich selbst hatte ich sie geschlungen ! - Und was war das für ein unbegreiflicher Einfall von Sedlaczech ich solle sie noch fester ziehen .... von ihm der mich anbetete . - - Nun ja , ich wußte es ! Otbert hatte es ausgesprochen und seitdem sprach auch ich es aus ! aber ich hatte es schon länger gewußt , ohne bestimmen zu können wann , wie , wodurch . Meine Mathematik ließ mich hier im Stich , und ohne ihre Hülfe wußte ich daß Sedlaczech mich anbete - lange , o schon sehr lange ! vielleicht - immer ! Welch eine Labung lag in dem Gedanken - immer ! gleich war es mir als baue sich am heißen , leeren , bestaubten Lebenswege ein Kapellchen auf und ein mächtiger Baum breite seine grünen kühlen Aeste schattig darüber aus . Auf diesem Plätzchen voll himmlischer Andacht und voll irdischem Wolbehagen war es zugleich selig und süß zu ruhen , und wie das Loretto-Häuschen von Engeln getragen schwebte es mir vor und winkte mir als holdselige Freistatt in die ich von der öden langweiligen Landstraße fliehen durfte . Solch ein reizendes Bild zauberte mir das arme kleine Wort immer herauf . Wol sträubten sich meine Erfahrungen und Zweifel dagegen ! .... was half es ? - wie heilig lag die Kapelle da ! wie frühlingslieblich wehten die grünen Zweige in denen die Vögel sangen und die Morgenlüfte rauschten und die Goldfunken der Abendsonne blitzten ! - - - In dieser Stimmung kehrte ich nach Engelau zurück ! Freudig wäre ich wol stets empfangen worden ; jezt wurd ' ich es doppelt da ich allein kam . Obzwar Keiner mir diesen Grund sagen konnte , fühlte ich ihn dennoch bei Allen im Hinterhalt . Sedlaczech sah verklärt aus vor innerem Jubel . » Ich habe nicht geahnt daß Sie sich so freuen könnten , lieber Meister ! « sagte ich . » Ach , ich bitte um Verzeihung ! « entgegnete er und in seinem Blick , seiner Stimme , seiner Bewegung erlosch urplötzlich das Freudenlicht . Er war wieder der stille verschlossene kühle Mensch als den er sich gewöhnlich zeigte . Das Leben ging alsbald wieder fort im gewohnten Gleis der kleinen Pflichten und der friedlichen Beschäftigungen . Der Todesfall meines Schwiegervaters und Astraus Erscheinung hatten keinen umgestaltenden Nachhall . Die Musik trat wieder in ihre früheren Rechte . Ich erklärte , nachdem wir uns bis dahin dem Kirchengesang der Alten gewidmet hätten , würde ich in diesem Winter nichts singen als Compositionen von Sedlaczech , und er mußte seine Psalme und seine Pastoralmesse vierstimmig für uns setzen . Seine Musik war gleich seiner Seele : ernst und geheimnißvoll wie ein Dom , der die Klagen , Kämpfe , Schmerzen und Aengste des gesamten Menschengeschlechts wiederhallt . Nur die Feier der Heiligen Nacht machte eine Ausnahme : wie eine himmlische Vision von Fra Angelico kam sie mir vor . Der ganze Himmel mit seinen Engeln , Glorien und Paradiesen öfnete sich über der Erdennacht der