drei der rostigsten aus , zwei größere und einen kleinen , die er dem Reif entnahm . Sobald dies mit größter Vorsicht geschehen war , schloß er den Reif wieder mit der Schraube , hing das Bund an den Haken , versteckte sorgfältig seinen Raub und verließ das Zimmer des Kastellans auf demselben Wege , den er gekommen war . Kaum hatte sich die Gangthür hinter ihm geschlossen , so trat Haspel ein . Nichts ließ errathen , daß vor wenig Secunden sein junger Gebieter sich in der Kunst des Stehlens mit so vielversprechendem Erfolge geübt hatte . In seine Zimmer zurückgekehrt , verschloß Magnus die Thür , legte die drei entwendeten Schlüssel vor sich hin und betrachtete sie lange mit Blicken , in denen eine satanische Freudenflamme zuckte . Dann nahm er gelassen den Riemen seines Hirschfängers und säuberte sie von den ärgsten Roßflecken , worauf er sie wieder zu sich steckte . Die Schloßschelle schlug eben die eilfte Morgenstunde , als er damit fertig war . Magnus öffnete das Fenster und sah hinab auf den Schloßhof , über dem sich fröhlich zwitschernde Schwalben in dem blauen Luftzelt auf und niederschwangen , das in sonniger Durchsichtigkeit auf den grauen Zinnen der Burg ruhte . Die drei Wenden traten aus der Schloßhalle , ihre Hüte in den Händen , ehrfurchtsvoll den Worten lauschend , die Herta ' s zierlich gekleidete Dienerin zu ihnen sprach . Dies machte den Grafen stutzig und spannte seine Neugier . Das hübsche Mädchen sprach laut genug , um über den ganzen Schloßhof gehört zu werden . » Es jst der Wille des gnädigen Fräuleins und unseres guten Herrn Grafen , « sagte Emma , » und da fügt Euch nur immer darein . Es wird einmal nicht anders ! « » Wer möchte dies auch wollen , gutes Kind , « versetzte Sloboda . » Ich sage ja bloß , daß ich es nicht begreifen kann . Wundert Euch nicht darüber , meine Gute . Wir armen Ungkücklichen , wir finden uns eher zurecht in schwerem Jammer , als in dürftiger Freude . Das kleinste Glück bringt uns gleich aus dem Häuschen . Und wenn ich bedenke , was mein süßes kleines Herzblättchen , mein Röschen , so eben hat ausstehen müssen - so vor allen Leuten - vor Hoch und Niedrig - und ich höre nun , daß das gnädige Fräulein sie trotzdem umarmt und geküßt und mit ihr geweint hat über die Strafe , und daß sie von Stund an bei ihr Dienst , Brod und Schutz finden soll - seht , da schwindelt ' s mir vor den Augen und ich kann ' s nur mit Mühe fassen . « » Fräulein Herta thut nichts halb , mein Lieber , « entgegnete mit sichtbarem Stolz die Zofe . » Das müßtet Ihr doch eigentlich schon wissen , wenn Ihr Augen und Ohren hättet . Darum läßt sie Euch sagen , es sei Euch erlaubt , Eure Tochter zu jeder Stunde zu sehen . So oft Ihr wollt , könnt Ihr in ' s Schloß kommen , so lange , bis Alles wegen der Heirath Röschens , die der Herr Graf in Gnaden und gegen Erlegung der üblichen Loskaufskosten genehmigt , in Richtigkeit gebracht sein wird . « » Tausend Dank ! Tausend Dank ! « stammelte Sloboda gerührt , beide Hände des niedlichen Mädchens im Eifer seiner Erregung heftig drückend . Mit einem Ausdruck schmerzlichen Unbehagens entzog diese sich dem riesigen Wenden . » Schon gut , « sagte sie , » ich thue so ' was gern umsonst . « » Ach , « fiel Clemens ein , » sagt doch auch dem gnädigen Fräulein viele tausend Segensgrüße von mir , und ich würde für sie beten bei Wachens- und Schlafenszeit und so viel Sterne flimmerten nicht auf der Milchstraße des Himmels , als gute Gedanken für sie in meinem armen Herzen leuchteten und glänzend über sie aufgingen , wie Gestirne an einem hellen Winterabend , und ich ließe sie um alles in der Welt bitten , sie möchte mich nur noch ein außereinziges Mal ihr mildthätiges Segenshändchen küssen und mein trauriges Auge in ihrem frommen Himmelsblick sich sonnen lassen ! Um Gottes willen vergeßt das nicht , mein schönes Kind ! « » Gewiß , ich will es nicht vergessen , weil Du ein so höflicher Bursche bist . « » Auch von Pathe Ehrhold sagt ihr viele schöne Grüße , Jungfer , und Gottes Segen möge mit ihr sein allerwärts ! « » Laßt ' s nun gut sein , Gevatter ! « sagte Sloboda . » Es ist Zeit heimgehen , damit wir noch ein paar Stunden an die Arbeit kommen , denn morgen ist Hofetag . Der Herr sei gepriesen , daß ich leichtern Herzens von dannen gehen kann , als ich herkam . Nochmals Gottes Segen auf Seine Gnaden , des alten Herrn Grafen graues Haupt , und Euch , Jungfer , viel fröhliche Tage und einen schmucken Schatz ! « » Ich dank ' schön , « sagte Emma schnippisch und hüpfte leichtfüßig die breiten Stufen zur Pforte hinan . Die Wenden aber gingen , leise in ihrem Idiom mit einander sprechend , nach dem innern Burgthore , über dessen crenelirte Mauerzinne ein paar Zacken der colossalen steinernen Grafenkrone heraufragten , welche das stolze Wappen der Boberstein schmückte . Magnus verfolgte die drei Wenden , bis sie auf dem gewundenen abwärts führenden Wege seinem Auge entschwanden . Seine vorher heitern Gesichtszüge waren jetzt hart und streng geworden und der böse tückische Ausdruck seines Blickes , der in solchen Momenten Entsetzen erregend in ihm aufloderte , schleuderte falbe zuckende Blitze aus den nach innen sich senkenden Augenhöhlen . Ungestüm wendete er sich um und sah tückisch nach dem Schloßflügel , wo seine Aeltern und Herta wohnten . Wilder Hohn zuckte um seine Lippe und kräuselte sie in stolzer Verachtung . Dann trat er zurück in ' s Zimmer , verschlang die Arme über der breiten Brust und ging , das Haupt mit dem zierlich gekräuselten Haar bald senkend , bald es stolz zurückwerfend und triumphirend in die Luft starrend , im Zimmer auf und nieder . » Also doch , « sprach er für sich , » doch das schöne Trotzköpfchen aufgesetzt trotz Ohnmacht , Stock und Schande ! - Das ist so Mädchenart , wenn sie wissen , daß sie einen Anbeter , den sie nicht lieben mögen , damit ärgern können . - Aber Du verrechnest Dich , schönes Mühmchen ! Magnus gehört nicht zu jenen schmachtenden Liebhabern , die wochenlang zu den Füßen ihrer grausamen Prinzessinnen liegen können , ohne die Geduld zu verlieren und etwas von Stolz in sich lebendig werden zu fühlen . Der sittenlose , leichtsinnige Magnus hat seit einigen Tagen mit allem Aerger abgeschlossen , sein treuer Gefährte und tapferer Bundesgenosse ist jetzt die Rache ! - Du hast ihn selbst dazu aufgefordert und darfst Dich jetzt nicht beklagen , wenn er sein Mannesund Grafenwort löst . - Es soll originell geschehen , schönes Mühmchen , das verspreche ich Dir , so originell , wie Du mich immer fandest , ohne mich doch Deiner Liebe werth zu achten . - « Magnus ging hastiger durch das Zimmer , dann blieb er stehen und sprach wieder : » Mein Herr Vater hat mich heut zwar auffallend glimpflich behandelt und nur vereinzelte dünne Strahlen seiner Ungunst auf mich fallen lassen , ja im Ganzen kann ich sogar zufrieden sein mit dem Ausgange dieser fatalen Geschichte . Dennoch aber bin ich tief gekränkt an meiner Ehre und davon trägt Herta allein die Schuld . - Für diesen Trotz und Stolz soll sie büßen , soll sie mir Rechenschaft geben ! - Genugthuung hat sie mir zugesagt - die Wahl des Ortes mir freigelassen . - Wie , wenn ich sie nun wirklich beim Worte nehme und sie als Dame mit aller ihr gebührenden Galanterie behandle ? - Darf ich ' s wagen ? « Ein Blick voll Gluth und Flamme schoß aus dem Auge des beleidigten , rachgierigen und in sinnlicher Lust wild entbrannten Mannes . Er ballte die linke Hand gegen das Fenster , die heiße , üppig schwellende Lippe öffnete sich und zeigte den Silberglanz feiner weißen Zähne . Er holte tief und röchelnd Athem , denn das Blut schoß ihm stürmisch zum Herzen und machte seine Adern auf der Stirn und an den Schläfen schwellen , daß sie wie blaues Pflanzengeäst an die weiße glänzende Haut sich anklammerten . Ein Beben ging durch seinen Körper , als rase die Wuth eines hitzigen Fiebers in ihm . » Ja , « keuchte er pfeifend aus röchelnder Brust , » es geht , wenn ich die Zeit klug berechne - es geht und Niemand kann etwas ahnen , Niemand kann mich hindern ! « Wohl über eine Minute stand der kräftige Mann in dieser furchtbaren Aufregung mitten im Zimmer ; dann ließ die Spannung seiner Muskeln und Nerven langsam nach . Die Pulse schlugen wieder ruhiger , der Athem röchelte nicht mehr , die strotzende Fülle der pochenden Adern verlor sich . Er hatte einen festen , furchtbaren Entschluß gefaßt und jeden Einwurf seines Gewissens mit dämonischer Kraft beseitigt . Sanft , mit weicher , schalkhafter Miene setzte er sich an das Pult und begann einen Geschäftsbrief zu schreiben . - Haideröschen war inzwischen von Herta mit schwesterlicher Zärtlichkeit empfangen worden . Gerade die Schmach , die man dem wehrlosen furchtsamen Mädchen angethan und die sie mit der Ergebung einer gottgefaßten Märtyrerin ohne Murren erduldet hatte , machte sie ihr noch werther und ihres besondern Schutzes bedürftiger . Herta zürnte sogar mit dem alten Grafen , daß er auf Kosten einer armen Wendin dem Buchstaben mehr gefolgt war , als seinen bessern Herzensregungen . Nur der ausdrückliche Befehl des Grafen , daß sie nunmehr Haideröschen in ihre Dienste nehmen solle , versöhnte sie wieder einigermaßen mit ihm . Das Bestreben des zartfühlenden Edelfräuleins ging zuvörderst dahin , die Wendin zutraulich zu machen . Obwohl ihre Dienerin , sollte sie doch vollkommen wie eine Gesellschafterin mit ihr leben . Darauf hatte sie nach Herta ' s Art , Welt und Menschen zu beurtheilen , gerechte Ansprüche theils , weil sie ohne Schuld Verfolgung und Strafe erduldet , theils , weil sie schön , aufgeweckten Geistes und reinen Herzens war . Der edele , heilige Wunsch Herta ' s , für die Befreiung armer Darniedergebeugter , vom Schicksal oder menschlicher Härte Gedrückter ihr eigenes Glück zu wagen , konnte sie nicht anders handeln lassen . So auffallend und dem eingefleischten Verfechter adelicher Vorurtheile anstößig daher die trauliche Umarmung dieser beiden trefflichen Geschöpfe erscheinen mochte , so tief berechtigt fühlte sich Herta dazu . Es war nur das unverholene , ehrliche Geständniß der rein menschlichen Weltanschauung , die Herta in dem grünen Frieden ihrer Epheulaube aus den Schriften der neuen deutschen Dichter gesogen hatte , das sie am Busen einer ihrer zarten Schwestern ablegte , jenes Geständniß , daß alle Menschen einander gleich sind , mögen sie in schimmernden Palästen oder im feuchten Moorrauch zerbröckelnder Hütten geboren werden . Für sie gab es keine Stände , keine Kasten . Sie kannte weder Aristokraten noch Demokraten , sondern nur gute und schlechte Menschen , und wo sie jenen begegnete , da blühte ihnen ihre weiche Seele entgegen , wie die sich öffnende Rose dem weltvergoldenden Morgenroth , wo diese ihr in den Weg traten , da schrak sie zurück und ihr Herz verhüllte sich vor jeder Berührung mit ihnen . Ohne zu sprechen hielten sich beide Mädchen lange innig umschlungen und ließen ihre Thränen wie zwei silberne Bächlein in einander fließen ; denn auch bei Haideröschen verschwand die angeborene Schüchternheit , da ihr das feine Fräulein mit solcher Liebe , solcher tiefen und reinen Theilnahme entgegen kam . Leicht vergaß sie ihre grobe , dürftige Kleidung und schmiegte sich an die zarten , weichen Stoffe , die Herta ' s edle Gestalt umflossen und die sie nur gewählt zu haben schien , um mittelst derselben ihre schönen Formen deutlicher hervorzuheben . Ueber die Schönheit beider Mädchen ein Urtheil zu fällen , würde auch dem gewiegtesten Kenner schwer gefallen sein . Herta überragte die Wendin um eine halbe Handbreite und schien in ihrer feinen modernen Kleidung und dem einfach schönen Haarputz , der blos aus einer üppigen Fülle glänzend brauner Locken bestand , voller , schlanker und von jener unbeschreiblichen Atmosphäre geistigen Adels umwogt , in der ein unnennbares Gemisch von Anziehungskraft und scheuer Abstoßung für Alle liegt , die sich ihr nahen . Der edelste Blüthenstaub reinster Bildung leuchtete auf ihrer Stirn , strahlte mild aus ihren großen , gütigen Augen , in denen so oft eine goldene Thräne glänzte , oder durch dessen schönen Himmel der trübe Schatten eines melancholischen Gedankens flatterte . - Haideröschen war die schönste Verkörperung ihres Namens - ein Kind der duftigen Kieferwälder , deren Rauschen ihr das erste Schlummerlied sang , frisch , natürlich , ohne Ahnung jener feinen Verderbtheit , mit deren süßem Parfüm sich die Civilisation besprengt und unter deren befleckender Schminke sie sich erst für gebildet hält . Haideröschen war naiver als Herta , und nach einem überstandenen Schmerze ohne alle Sorge und banges Nachdenken . Sie dachte erst dann an das Vorhandensein eines Unglückes , wenn sie mitten darin stand und sich nicht mehr zu helfen wußte . Herta sah auf den ersten Blick ein , daß sie gerade in diesem Kinde des Waldes gefunden habe , was sie sich stillschweigend so oft gewünscht . Ihre gegenseitige Verschiedenheit verbunden mit dem edeln Kern und unverfälschten Grundton ihres Wesens mußte das glücklichste Einverständniß zwischen ihnen hervorbringen , sobald die Schranken gefallen waren , die zwischen der Tochter des Leibeigenen und der Cousine des allgewaltigen Grafen aufgerichtet standen . Herta hatte das beste Mittel ergriffen , diese auf einen Ruck für immer niederzustürzen . Die Wendin fühlte sich ihre Schwester , als sie nach langer Umarmung der gütigen Retterin in die überströmenden Augen sah . Alle Schüchternheit war von ihr gewichen , sie hatte ein Herz gefunden , dem sie vertrauen , an dem sie sorglos ruhen konnte . Die ersten Stunden ihres Beisammenseins brachten die seelenverwandten Mädchen mit Erzählung ihrer Jugendschicksale zu . Wir können mit gutem Gewissen sagen , daß diese zu einfach waren , um die Theilnahme unserer heutigen Leser zu erwecken , weshalb wir nicht weiter darauf Rücksicht nehmen wollen . Später wußte Herta durch allerhand Fragen den Bildungsgrad ihrer Schützlingin zu erforschen , und da sie diesen sehr niedrig stehend fand , beschloß sie , der Wendin eine vorsichtige und liebevolle Lehrerin zu werden . Ganz zuletzt erst kam die Rede auf die Beschäftigung , die fortan Haideröschens Tagewerk bilden sollte , und hier ordnete Herta an , daß sie wesentlich weiter nichts zu thun haben solle , als ihr Zimmer in steter Ordnung zu halten und sie zu bedienen . Dies konnte füglich nicht Arbeit genannt werden ; allein grade dies beabsichtigte Herta , um bei dem geschäftigen Müssiggange ihrer schönen Dienerin diese selbst nie aus den Augen zu verlieren und immer über sie und ihr Wohl zu wachen . Erst bei Tafel sah Herta ihre Pflegeältern wieder , die beide nicht in der besten Stimmung waren . Graf Erasmus hatte sich geärgert über das bösartige Benehmen seines Sohnes , so wie , daß er sich in Folge desselben genöthigt sah , eine Strafe über das lammruhige Haidekind zu verhängen , die mit seinen Empfindungen nicht sympathisirte . Dadurch hatten sich seine Gichtschmerzen vermehrt und folterten ihn mit hartnäckiger Ausdauer . Seine Gemahlin dagegen fühlte sich schwer beleidigt durch die Aufnahme der bestraften Leibeigenen in ihr Haus und würde ihren Aerger Herta haben entgelten lassen , wenn dies unbemerkt und ungeahndet hätte geschehen können . Da keine Hoffnung dazu vorhanden war , mußte sich die empörte Frau mit schweigender Abneigung und fleißigem Gebrauch ihres Fächers begnügen , wenn ihr von der aufmerksamen und stets zarten Cousine ein Speisegeräth gereicht wurde oder wenn der Graf mit seinem Liebling em karges Gespräch anknüpfte . Magnus nahm an dieser kleinen Familientafel keinen Theil , was bei dem vorherrschenden Verhältniß zwischen ihm und dem Vater nicht auffallen konnte . Es hieß , er sei beschäftigt und werde noch vor Abend nach dem Zeiselhofe abreisen . Bei dieser Nachricht schien Herta leichter zu athmen und ein Gefühl der Bewegtheit , das bisher die gewohnte Freiheit ihres Benehmens behindert hatte und das sie immer befiel , wenn sie Magnus auf Boberstein wußte , verschwand . Auch sah sie bald nach der Tafel den jungen Grafen in Begleitung seines Reitknechtes zum Schloßthore hinausgehen . Niemand von den sämmtlichen Schloßbewohnern wußte bei hereinbrechender Nacht , ob der künftige Besitzer Bobersteins wirklich abgereist sei . Auch kümmerte sich Niemand darum , da dem jungen herrischen Gebieter nicht ein einziger Diener wahrhaft zugethan war . Hätte es , wie in den Zeiten des Mittelalters , noch einen Thurmwart gegeben , so würde dieser bei einiger Aufmerksamkeit Abends bei grauweißem Mondlicht , das rollendes Gewölk sehr dämpfte , um die Mauerzinnen eines der vier hohen Eckthürme der Burg einen Schatten haben schlüpfen sehen , welcher der Gestalt des jungen Grafen ähnelte . Und wirklich war es Magnus , der nach halbstündiger Entfernung von Boberstein plötzlich sein Roß anhielt , etwas auf dem Schlosse vergessen zu haben vorgab , den Reitknecht vorausschickte und in langsamstem Schritt auf Umwegen durch die Haide zurückritt . Erst mit Einbruch der Nacht ruderte er sich selbst über den See und erstieg auf dem von uns bereits angedeuteten Felsenwege die Höhe der um das ganze Schloß laufenden Brustwehr , die er einige Nächte früher schon umschritten hatte . Die schmale Dachthür verschaffte ihm Zutritt in das Innere der Burg , wo er geraume Zeit brauchte , um - diesmal ohne Licht - die schon vorher untersuchten Gänge und Treppen wieder zu finden und mittelst der geraubten Schlüssel die verrosteten Thüren zu öffnen , die seinem weiteren Vordringen im Wege gewesen waren . Häufig hat es den Anschein , als sei die Vorsehung mit dem Verbrecher , als ebene sie ihm bereitwillig die Bahn , um das Verderben mitten in das Heiligthum edler Familien zu tragen . Auch Magnus ward auf seiner nächtlichen Wanderung von jener dämonischen Macht beschützt , deren geheimnißvolle Zwecke wir oft erst nach langen langen Jahren begreifen und dann als weise anerkennen müssen . Niemand störte den Grafen in seinem verbrecherischen Vorhaben . Die seit Jahren nicht mehr geöffneten Thüren wichen dem leisesten Drucke geräuschlos , und ohne ein einziges Mal zu straucheln , ohne an verdächtig hallende Wände zu streifen , stieg Magnus von Stockwerk zu Stockwerk hinab bis in den von seinen Aeltern bewohnten Flügel . So erreichte er nach mühseliger Wanderung - um der Wahrheit die Ehre zu geben - nicht ohne heftiges , oft seinen Athem versetzendes Herzklopfen einen engen Verschlag . Behutsam betastete er alle Wände , bis er auf den kaum fühlbaren Knopf einer Feder stieß , der bei starkem Druck die Wand nach außen öffnete . Ein zweiter , noch engerer Raum , der sich als ein Wandschrank erwies , nahm ihn auf . Mit Behagen sog er den Duft ein , der aus diesem kaum eine Elle tiefen Verschlage ihm entgegenfluthete und seine Seele mit wollüstigen Bildern umgaukelte . Er griff in das graue Gewebe , das er berührt hatte , und die weichen Seiden- und Sammetgewänder , die sich schlangenglatt an seine Hände schmiegten , überzeugten ihn , daß ein junges Mädchen hier ihe Kleider aufbewahre . Er trat zurück , schloß die verborgene Thür wieder und setzte sich lauschend auf die letzte Stufe der Treppe , die ihn bis hieher geführt hatte . Aus einem der früheren Kapitel werden sich unsere freundlichen Leser erinnern , daß Herta die Gewohnheit hatte , gegen neun Uhr die Gemächer ihrer Pflegeältern zu verlassen und in ihrem stillen Zimmer noch eine Stunde oder auch länger mit den edlen , für das Wohl der Menschheit arbeitenden Geistern ihres Volkes zu verkehren . Die letzten Abende mußte sie auf diesen Genuß verzichten , da Erasmus ihre ganze Bibliothek besaß . Um so erfreuter und von herzinnigem Dank bis zu Thränen gerührt war sie , als ihr heut der Greis , während sie den Thee servirte , ihren kleinen Schatz freiwillig wieder einhändigte . Er sah dabei so mild und dankbar aus , daß in dem klaren Ausdruck seiner Mienen und dem sprechenden Blick seines Auges das Geständniß lag , er billige die Lectüre seiner Nichte . Herta fühlte dies so schnell und sicher , wie ein Liebender die Erwiederung seiner Neigung , und die geliebten Bücher an ihr Herz drückend , sagte sie mit schönem Feuerauge : » Nicht wahr , Väterchen , das ist ein Mann , der Schiller ! Und die Andern , wie fein , wie lieb , wie voll ruhigen Geistes und lebengebender Anmuth sind sie ! Das kann nichts Unedles sein , was sie uns sagen und lehren , ob ' s auch ungewohnt klingen mag ! Es muß so geschehen und werden auf dieser schönen Erde mit dem sternengestickten Sammethimmel , wie sie ' s wagen und wünschen . « » Es sind Gesänge neuer Propheten , « versetzte Erasmus mit mildem Ernst , » Propheten , wie sie wohl jedes Volk haben muß und gehabt hat , wenn es groß werden , groß bleiben oder groß sterben soll . Vielleicht bedarf jedes Jahrhundert solcher zürnender Geister , um die Völker immer auszurufen aus Traum und Schlummer , dem sie alle Neigung haben sich hinzugeben . Warum sollte das deutsche Volk eine Ausnahme machen ? Versteht es die Sprache dieser Geister , so verdient es sie zu hören . Ich wenigstens werde gewiß der Letzte sein , welcher Stimmen begeisterter Gotteskinder für närrisches Gespött hält und zu unterdrücken sucht . Deshalb stille immerhin Deinen Durst an diesem Springquell heiliger Töne , so lange Du Genuß daran findest . « Ihre Schätze im Arm küßte sie Oheim und Tante die Hände , wünschte ihnen mit ihrer Silberstimme gute Nacht und bemerkte in ihrer Seligkeit nicht , daß Utta sich von ihr abwendete und die stolze Hand den frommen Lippen beinahe entzog . Auf ihrem stillen Zimmer schlug sie unverweilt unter dem Epheudach Schiller ' s Don Karlos auf und schwelgte noch lange in den stolzen Worten dieses freiheittrunkenen , für das Wohl aller Menschen so hoch begeisterten Herzens . Erst als ihre Augen beim Flackern des Lichtes ermüdeten , legte sie das Buch weg , faltete ihre schmalen Hände darüber , wie über einem Andachtsbuche , und sprach mit zum Himmel erhobenen Augen ihr Nachtgebet . Ohne Worte flehete Herta in der Reinheit ihrer Gedanken um Verwirklichung der Ideen , die Marquis Posa vor Don Philipp ausspricht , um allgemeine Freiheit allen Volkes und um Aufhebung jeglichen Elendes , das auf ihm lastet , wie ihr wohl bekannt war . Dann schellte sie . Haideröschen schob schüchtern ihr feines Gesicht durch die halbgeöffnete Thür . » Immer herein ! « sagte Herta fröhlich . » Es ist schon spät , später , als ich gewöhnlich die Ruhe suche . Aber das macht das Glück , von dem ich heut ordentlich überschüttet worden bin . Ich bin ganz aufgeregt ; fast besorge ich , nicht schlafen zu können , so zittert mir vor Wonne das Herz ! - Und Du , bist Du nicht auch glücklich , mein holdes Röschen ? Deine Augen strahlen wenigstens , als hätte sie Dir ein Engel geliehen . Sieh mich immer mit solchen Himmelsaugen an , gutes Kind , dann wollen wir zusammen ein Leben führen , wie im Paradiese . Jetzt hilf mich entkleiden . « Beide Mädchen traten in Herta ' s Schlafgemach , das unmittelbar an ihr Wohnzimmer stieß und von aller Verbindung mit andern Gemächern abgeschlossen lag . Es glich einer Kapelle und mochte wohl in früherer Zeit auch dazu benutzt worden sein . Wie die meisten kleineren Zimmer des alten Schlosses hatte es blos ein Fenster . Dies war aber so hoch an der ellendicken Mauer angebracht , daß man einer Stiege bedurfte , um es öffnen zu können . Das Meublement des Schlafgemaches bestand aus einem geräumigen Bett , mit Vorhängen aus schneeweißem Wollenzeuch , einer Commode nebst Waschtisch und einigen wenigen Stühlen . Ein Teppich überbreitete den Boden . In der Wand , dem Bett schräg gegenüber , war ein Schrank angebracht . In diesem bewahrte Herta ihre Kleider auf . Während Haideröschen ihre junge Herrin entkleiden half und die Zartheit ihrer Haut eben so sehr wie die Feinheit ihrer Kleider bewunderte , plauderte Herta ununterbrochen und drückte manchen schwesterlichen Kuß auf die Stirn der schönen Wendin . » Nun kommt das Schlimmste , « sagte sie schalkhaft zu ihrer neuen Zofe , als sie das weiche bequeme Nachtgewand angelegt hatte , » und wenn Du mir darin nicht genügst , jage ich Dich morgen wieder fort , Du mein Herzensröschen ! Wickele mir die Locken , aber raufe mich nicht ! Bei meiner Ungnade ! « Obwohl Haideröschen mit den Toilettengeheimnissen der vornehmen Damen nicht vertraut war , ging sie doch mit leidlicher Zuversicht an das verlangte Geschäft und beendigte es nach mannichfachen Scherzen und Unterbrechungen zu Herta ' s vollkommenster Zufriedenheit . Sie konnte dabei nicht unterlassen , den prächtigen schneeweißen Nacken ihrer jungen Gebieterin wiederholt zu küssen , worüber Herta jedesmal in so komischen Zorn gerieth , daß Haideröschen nur ermuntert ward , ihren Lippen die Ruhe in dem warmen duftigen Sammet noch mehrmals zu gönnen . Endlich war die Nachttoilette beendigt und Herta ' s Kopf mit einer solchen Menge weißer Papiewickel besät , daß man glauben konnte , die junge Schöne habe sich die braunen Haare mit dem glänzend weißen Geflock jener Sumpfblumen geschmückt , die über Torfmooren in ganzen Wäldern wachsen und des Nachts im Mondschein wie flatternde Mantillen tanzender Elfen blitzen und leuchten . Eine nochmalige Umarmung begleitete die letzte gute Nacht der beiden Mädchen , worauf Haideröschen sich zurückzog und Herta in die weichen Hüllen ihres Lagers flüchtete , die Brust voll süßen Jubels , die Seele voll der edelsten und uneigennützigsten Gedanken . Ungeachtet ihrer Aufregung fiel Herta doch bald in jenen halbbewußten Zustand , der dem festen Schlaf meistentheils vorauszugehen pflegt . Die heitern Gedanken , mit denen sie sich beschäftigt hatte , schufen ihr angenehme Phantasiebilder , die ihrem geistigen Auge in leuchtender Schöne vorüberschwebten . In diesem glücklichen Schwärmen der Seele hörte sie die Schloßuhr eilf schlagen . Die Bilder erloschen in ihr und es ward still und dunkel . Plötzlich fuhr sie schreckhaft zusammen vor einem Geräusch dicht neben ihr . Sie erwachte aus der unklaren Seelendämmerung und schlug weit die großen Augen auf . Da schien es ihr , als weiche die Thür des Wandschrankes aus den Angeln und ihre Kleider schwebten langsam gegen sie heran . Anfangs glaubte sie sich zu täuschen und sah dem nächtlichen Spuk mit erstarrenden Pulsen zu , als sie aber unverkennbar gewahrte , daß eine dunkle Gestalt Schritt vor Schritt ihrem Lager näher kam , richtete sie sich auf und sagte : » Haideröschen , laß die Possen ! « denn sie meinte wirklich , die kleine Wendin habe sich wieder in die Kammer geschlichen und wolle sich , aufgemuntert durch ihre Heiterkeit , einen Scherz mit ihr erlauben . Aber das Herz stand ihr still und ein eisiger Schauer überrieselte sie , als auf ihre Frage eine Männerstimme antwortete : » Ich bedaure , daß meine schöne Cousine ihr Herz so schnell an dieses Geschöpf verschenkt hat . « Es war Magnus , der in Lebensgröße vor ihr stand und mit der ihm eigenen galanten Unverschämtheit die Arme über der Brust verschlang und höhnisch lächelnd seine Falkenaugen auf das erschrockene Mädchen heftete . Die erste Bewegung Herta ' s war , nach der Klingel zu langen , die auf dem Nachttisch zu Häupten ihres Bettes stand . Allein Magnus sah dies voraus und fiel ihr in den Arm . » Das ist nicht die Art , schöne Muhme , einen Ehrenhandel beizulegen . « Herta kehrte die Sprache zurück . Sie schleuderte einen Blick tiefer Verachtung auf den Abscheulichen und sagte : » Entfernen Sie sich sogleich , Elender , oder ich erhebe ein Geschrei , daß die Mauern dieses Schlosses beben ! « » Das wirst Du nicht thun , reizendes Mühmchen , weil Du ein Weib bist und Deine Stimme dadurch an Klang verlieren könnte . Bei Gott , ich sah Dich nie in einem verführerischeren Costüme ! « Im ersten Schreck hatte Herta uicht bemerkt , daß ihr Nachtkleid von den runden Schultern gefallen war und sie wie eine blendende Marmorbüste in reizender Formenschönheit dem Grafen gegenüber saß . Schmerz und Schaam entlockten ihren zürnenden Augen die bittersten Thränen , und indem sie sich schnell in die Decken hüllte und das Gewand wieder zu ordnen suchte , versetzte sie : » Vergebe Ihnen Gott diesen Frevel , ich vermag es nicht ! « » Ich komme auch nicht deshalb , anbetungswürdiges Mädchen , ich erscheine , weil Du es befohlen hast . « » Schamloser Lügner , ich befohlen ! « » Auf Edelmannswort , Muhme ! Gestatte mir zu reden und Du wirst einsehen , daß ich vollkommen in meinem Rechte bin ! « Herta verhüllte ihr Gesicht und begann laut zu schluchzen . Magnus stützte sich nachlässig auf den Nachttisch und fuhr in leisem Flüstertone fort : » Erinnere Dich Deiner vor einigen Tagen mir gegebenen Zusage , liebenswürdige Cousine . Du versprachst mir für die Beleidigung , welche Du mir durch Deine Fürsprache für das Bauernkind zugefügt , Genugthuung . Mir überließest Du Ort und Zeit unseres Zusammenkommens , und um Dir zu zeigen , wie hoch Du in meiner Achtung stehst , wählte ich grade diesen Ort , grade diese Stunde und schlug den gefahrvollsten Weg zu diesen traulich-stillen Plätzchen ein . Hier werden wir hoffentlich