Frau eingefallen und er fragte Therese , ob sie von derselben Nachricht habe ? Doch ! sagte Therese . Ich habe sie kennen lernen , sie ist eine recht tüchtige Frau . Ich will morgen gegen Mittag zu ihr gehen und hören , wie es ihrer Tochter ergeht , die krank geworden ist . Wo wohnt sie ? fragte Alfred . Therese nannte die Straße und bezeichnete die Nummer des Hauses . Es ist nicht zu weit von unserer Wohnung und das ist mir sehr lieb und in vieler Rücksicht bequem ! sagte sie . Andere Personen traten dazwischen , Agnes bat um die Erlaubniß , noch ein paar Stunden bei Eva zu bleiben , und Therese erklärte sich damit zufrieden . Man kam überein , daß Julian und Theophil , die mit Alfred noch einen Spaziergang beabsichtigten , das junge Mädchen abholen sollten , wenn sie ihn beendet haben würden . Eva und Agnes saßen bald darauf , nach Entfernung der Gäste , in dem kleinen Stübchen beisammen , in dem Jene einst Alfred am Morgen nach ihrem ersten Begegnen empfangen hatte . Die beiden jungen Damen waren sich in den letzten Tagen näher getreten , ohne zu wissen weshalb oder wodurch . Es schien , als läge Beiden etwas auf dem Herzen , wofür sie Mittheilung bedurften , und Agnes begann diese mit der Bitte : Sagen Sie mir , Eva , was geht um mich her vor ? Ich habe mich bei Therese so heimisch gefühlt wie in dem Hause meiner Eltern . Es war auch Alles so friedlich und ruhig als bei uns . Nun ist das anders geworden . Therese ist sehr niedergeschlagen , ich sehe den Präsidenten bald heiter und froh wie sonst , bald von Sorgen bedrückt . Heute ist er gegen mich gut und zärtlich wie mein Vater , dann kommen Tage , in denen er mich kalt und fremd behandelt . Das beängstigt mich . Ich ahne , ja ich kenne den Grund dieser allgemeinen Verstimmung , aber ich begreife nicht , warum das Ereigniß die Guten so sehr betrübt . Können Sie mir das Räthsel lösen ? Erst lassen Sie mich wissen , mein Schatz , was Sie denken , ehe ich mit meiner Weisheit herausrücke , meinte Eva . Was halten Sie für den Grund von Theresen ' s Trauer ? Ich glaube , sie liebt - Alfred ? fiel ihr Eva ins Wort , da glauben Sie leider etwas sehr Wahres . Herrn von Reichenbach ? fragte Agnes mit dem Erschrecken , mit dem man eine furchtbare Nachricht erhält , die man nicht möglich glaubt . Ach ! die Unglückliche ! Nein das habe ich nicht geahnt ! Sie fing zu weinen an und nun kam die Reihe des Ueberraschtseins an Eva . Sie betrachtete Agnes verwundert und fragte : Aber was haben Sie sich denn eingebildet ? Ich glaubte Therese liebe Teophil , denn ich sehe ja , wie er nur für sie da ist , Niemand beachtet als sie , und neulich trat ich in das Zimmer , als - Sie hielt inne , denn mädchenhafte Schüchternheit und Achtung vor Therese hinderten sie , zu erzählen , wie sie Zeuge einer Scene geworden war , die nach ihrer Meinung auf ein Herzensverhältniß zwischen ihrer Beschützerin und deren jungem Freunde hindeuten mußte . Ich hatte wol manchmal gedacht , Theophil sei zu jung für Therese , da er aber so gut und so gescheidt ist , daß man ihn lieb haben muß , meinte ich , sie könnte dennoch sehr glücklich mit ihm werden , und das machte mich ebenfalls glücklich , denn sie ist ja die Güte selber ! sagte sie nach einer Pause . Seit wann sind Sie denn eine Bewundrerin von Theophil geworden ? fragte Eva . Ich erinnere mich , daß Sie noch vor wenig Wochen ihn wegen seiner eingebildeten Leiden verspotteten , daß Sie seine Weichheit Schwäche nannten und ihn gar nicht mochten . Ach , sagte Agnes erröthend , ich habe ihm damit ein Unrecht gethan , ich habe ihn besser kennen lernen . Wenn Sie sehen sollten , wie standhaft er seine Migräne verbirgt , wie er gar nicht mehr klagt , gar nicht mehr an sich denkt , sondern immer nur bestrebt ist , Therese aufzurichten und zu erheitern , seit er sie leidend weiß , Sie würden ihm gut geworden sein wie ich . In der That war mit Theophil , wie es Agnes richtig bezeichnete , eine wesentliche Veränderung vor sich gegangen . Was weder die Mittel der Aerzte , noch des Präsidenten und Theresen ' s Ermunterungen zu leisten vermocht , das hatte seine treue Ergebenheit für die Letztere bewirkt . In dem dringenden Wunsche , ihr beizustehen , fand er Kraft , sich und seine Leiden zu vergessen , seine Hypochondrie zu besiegen . Da er nicht mehr unaufhörlich seiner Körperschmerzen gedachte , da er sich bestrebte , heiter zu sein , um die Freundin zu zerstreuen , fand er die verlorene Heiterkeit wieder , seine Gesundheit besserte sich und mit dem gesteigerten Wohlbefinden kam ihm neuer Lebensmuth und neue Kraft . Er war ein ganz Anderer geworden und Agnes konnte seines Lobes kein Ende finden . Und was sagt der Präsident zu Ihrer Bewunderung des Assessors ? zu Ihrem leidenschaftlichen Liebhaben ? fragte Eva . Er freut sich Theophil ' s Genesung und ist ihm herzlich zugethan , das wissen Sie selbst , liebe Eva ! entgegnete Agnes unbefangen . Und weiter hatten Sie mir nichts zu sagen ? Sonst beunruhigt Sie nichts ? Theresen ' s Schicksal thut mir so leid , wiederholte sie , denn ich kann mir lebhaft denken , wie unglücklich sie ist , und welche Zukunft steht ihr bevor ! Sie meinen , wenn der Präsident sich verheirathet ? fragte Eva und sah das Mädchen scharf und prüfend an . Der Präsident ? Julian soll heirathen , aber wen denn ? davon weiß ich ja kein Wort , rief Agnes und fügte lachend hinzu : Den Vogel Phönix möchte ich übrigens wohl sehen , den der Präsident sich auserkoren hat . An allen Frauen findet er Mängel , keine ist ihm schön genug . Gewiß , des Präsidenten Braut kennen zu lernen , würde mich sehr erfreuen . Da nahm Eva einen kleinen Spiegel , der auf dem Tische vor ihr lag , umfaßte Agnes und hielt das Glas so , daß diese ihr Bild erblickte . Was soll das ? fragte sie ganz arglos . Ihnen das Mädchen zeigen , das Julian sich auserkoren hat , und das er heirathen will . Agnes lachte hell auf . Sie hielt es für einen Scherz , aber Eva wußte ihr mit solcher Lebhaftigkeit von der Vorliebe des Präsidenten für sie zu sprechen , gab ihr so viel kleine und doch schlagende Beweise dafür , daß das arme Mädchen still und ängstlich wurde und endlich seufzend sagte : Ach ! hätten mich meine Eltern doch lieber nicht hieher geschickt . In welche Verwirrung gerathe ich hinein ! Wenn es wahr wäre , daß der Präsident an mich dächte - Nun ? fragte Eva , was wäre das für ein Unglück ? Da Sie ihm gut sind , werden Sie ihn heirathen und das glücklichste Loos von der Welt haben . Aber liebe Eva , ich bin ja so jung ! Freilich ! ich schätze den Präsidenten sehr , aber ich habe mir doch immer gewünscht , einmal einen Mann zu heirathen , den ich liebe , und lieben kann ich ihn so wenig , als man seinen Vater heirathen kann . Ich verehre ihn , ich bin ihm von Herzen dankbar , aber er ist ja viel , viel zu alt für mich ; lieben und heirathen könnte ich ihn nie ! sagte Agnes sehr bestimmt und fest . Da fiel ihr Eva um den Hals , küßte sie und rief : Du holdes , süßes Kind ! und Du hast es gar nicht geahnt , wie er Dir zugethan ist ? Du hast nie daran gedacht , daß Julian ' s Liebe Dich beglücken könnte ? Wie entzückt mich Deine Kindlichkeit ! Eine solche Schwester wie Du ! das muß ein großes Glück , eine wahre Wonne sein . Möchtest Du mich wohl zur Schwester haben , lieber Engel ? fragte sie , Agnes mit wahrer Zärtlichkeit liebkosend . Gewiß , sagte Agnes , denn wenn Sie es wollen , können Sie unwiderstehlich sein und ich liebe Sie , obgleich Sie mir oft recht wehe gethan haben mit Ihren häßlichen Neckereien in Theophil ' s Gegenwart . Es soll nie wieder geschehen , betheuerte Eva . Vergiß es , Liebchen ! und nenne mich Du . O ! so lieb wie ich Dich habe , so lieb hat Dich Niemand . Wie zeige ich es Dir nur ? Sie eilte zu ihrem Toilettentisch , nahm ein kostbares Armband , auf dem sie als Braut gemalt war und das ihrer Mutter gehört hatte , legte es Agnes an und sagte : Nimm das zum Andenken , und wenn Alles wird , wie wir Beide es wünschen , dann flechte ich Dir bald den Brautkranz in Dein wunderschönes Haar und bin selbst sehr , sehr glücklich . Aber so sprich doch , sage doch , daß Du meine neue Schwester bist , nenne mich Du , liebe Agnes ! Die beiden jungen Frauenzimmer umarmten einander , das trauliche Du ward oft von den blühenden Lippen gesprochen , manch süßes Geheimniß getauscht , und als später Theophil und der Präsident das junge Mädchen abzurufen kamen , erglühten Eva und Agnes in dunklem Erröthen und trennten sich mit der herzlichsten Umarmung . XIII Um die zwölfte Vormittagsstunde des nächsten Tages stieg eine reichgekleidete Dame die drei Treppen hinauf , welche zu der , von Therese am verwichenen Tage gegen Alfred genannten Wohnung führten . Es war Caroline . Sie hatte die letzten Worte gehört , die Alfred mit Therese bei Frau von Barnfeld gesprochen , und nicht gezweifelt , daß es auf eine Zusammenkunft zwischen den Liebenden abgesehen sei . In heftiger Eifersucht hatte sie kaum die Stunde erwarten können , in der sie sich Gewißheit über ihren Argwohn zu verschaffen dachte , und als sie ihren Mann nach eilf Uhr hatte ausgehen sehen , hatte sie sich angekleidet und den Weg nach dem bezeichneten Hause eingeschlagen . Sie sagte der dort Wohnenden , daß man sie ihr als eine geschickte Arbeiterin empfohlen habe und daß sie gekommen sei , ihr einige Aufträge zu geben . Frau Berent nahm diese mit großer Beflissenheit an , bedauerte aber , sie vermuthlich nicht so schnell ausführen zu können , als es verlangt ward , da die Krankheit ihrer ältern Tochter diese und sie selbst von der Arbeit abhalte . Caroline erklärte sich mit dem Aufschub einverstanden und Frau Berent wähnte nun das Geschäft abgethan , als sie mit Verwunderung bemerkte , daß Caroline sich niedersetzte und Boa und Muff von sich legte . Sie wohnen recht behaglich , liebe Frau , fing sie theilnehmend an , waren Sie immer so gut eingerichtet ? Ich habe bessere Tage gekannt , gnädige Frau , antwortete Jene , und habe mich bestrebt , mir durch angestrengte Arbeit den äußern Anstrich einer Wohlhabenheit zu erhalten , die nie wiederkehren wird . Meine Töchter und ich haben die Nächte zu Hilfe genommen , wenn wir Arbeit hatten , um uns nur nicht von den Möbeln zu trennen , die ich aus dem Hause meiner Eltern mitgebracht habe . Und hat der Präsident von Brand sich Ihrer in der letzten Zeit nicht angenommen ? Wie ein Schutzgott hat er für uns gesorgt ! rief Frau Berent aus . Er hat es dahin gebracht , daß mein Mann eine andere Wohnung bezogen , er hat uns durch seine Schwester Arbeit verschafft , die uns seit den letzten Monaten fehlte , und den Arzt zu meiner kranken Tochter geschickt . Mit wahrer Großmuth erspart er uns die Demüthigung , Almosen annehmen zu müssen , indem er uns das Geld , das er uns auf die schonendste Weise angeboten , als Darlehn , nicht als Geschenk gegeben - Die Frau konnte kein Ende finden in dem Lobe des Präsidenten , so daß Caroline sie mit der Frage unterbrach : Und seine Schwester kommt auch zu Ihnen ? Ja , sie ist schon mehrmals hier gewesen und hat mir , als sie heute Wein für meine Tochter schickte , sagen lassen , daß sie um Mittag nach uns sehen würde . Und kommt sie allein , wenn sie sich anmelden läßt ? Der Diener begleitet sie bisweilen . Sonst Niemand ? Haben Sie nicht gesehen , daß sonst Jemand sie begleitete oder sie erwartete , wenn sie fortging ? Gnädige Frau ! versetzte die Berent , warum machen Sie diese Frage ? Fräulein von Brand ist meine Wohlthäterin und - Und Sie halten sich für verpflichtet , ihr einen Gegendienst zu leisten , das ist in der Ordnung ! meinte Caroline spöttisch . Aber wissen Sie , was Sie damit thun ? - Ich höre , Sie wollen sich scheiden lassen , Sie haben einen Mann , der Sie schlecht behandelt : da müssen Sie verstehen , wie einer Frau zu Muthe ist , die von ihrem Mann betrogen wird , und Fräulein von Brand ist es , die meinen Mann dazu verleitet . In dem Augenblick läutete die kleine Thürglocke , Frau Berent ging hinaus zu öffnen und sah mit äußerster Bestürzung Therese anlangen . Von dieser verehrten Beschützerin Arges zu denken , war ihr unmöglich ; und anzunehmen , daß eine so vornehm scheinende Dame , wie Frau von Reichenbach , absichtlich einer ihr fremden Frau das Unglück ihrer Ehe und die Ursache desselben mittheilen solle , ohne mindestens Gewißheit über diese zu haben , schien ihr ebenso unglaublich . Sie hätte Hab und Gut darum gegeben , um Therese zu entfernen , aber sie wußte es nicht anzufangen . Verwirrt und stotternd sagte sie , als diese bei ihr eintrat : Seit mehr als einer halben Stunde ist eine Frau von Reichenbach hier , die unaufhörlich nach Ihnen fragt . Nach mir ? wiederholte Therese . Sie hat Ihnen also wohl auf meine Empfehlung an ihren Mann neue Arbeit gebracht ? Das freut mich . Wie stehts mit Ihrer Tochter ? Mit den Worten wollte Therese in das Zimmer gehen , aber Jene hielt sie mit angstvoller Geberde zurück und bat : Gehen Sie nicht hinein , folgen Sie mir ; ich bin nur eine schlichte Frau , aber hören Sie meinen Rath und gehen Sie zurück . Es ist gewiß besser , gnädiges Fräulein , Sie gehen zurück . Therese begriff die auffallende Unruhe der Frau nicht und schickte sich zu neuen Fragen an , als Caroline heraustrat und lächelnd sagte : Sie lassen so lange auf sich warten , daß ich fürchten muß , ich bin es , die Sie abhält , näher zu treten . Wenn ich Sie störe , will ich mich entfernen . Nicht im geringsten ! entgegnete Therese , mein Geschäft hier ist bald abgethan . Sind Sie hergegangen ? Ja wohl ! das schöne Wetter lockte mich dazu . Und Sie haben Ihren Diener mit ? Therese verneinte es . Warum ließen Sie sich denn nicht wie gewöhnlich von Fräulein Agnes begleiten ? Ich dachte daran ; es fiel mir aber ein , die Kranke hier möchte einen Ausschlag oder sonst ein Uebel haben , bei dem ich Agnes einer Ansteckung aussetzen könnte , deshalb ließ ich sie zurück . Die vollkommen unbefangenen Antworten des Fräuleins schienen Caroline schwankend zu machen ; dennoch fragte sie , ob Therese erlauben wolle , daß sie hier ihre Rückkehr aus dem Krankenstübchen erwarte und sie nach Hause begleite ? Sie nahm den Vorschlag ohne Weiteres an und ging mit der Hausfrau zu deren Tochter . Man fand sie schlafend , die Mutter schickte das jüngere Mädchen , das die Kranke bewachte , hinaus , ergriff Theresen ' s Hände , küßte sie und sagte : Verzeihen Sie mir , wenn ich Sie beleidige . Ich weiß , es ist unmöglich , was jene Dame mir sagte ; aber es könnte sein , daß irgend ein unglücklicher Zufall - daß Sie auf der Straße dem Manne der Dame begegneten und sie in der Vermuthung bestärkt würde , Sie wären um seinetwillen hergekommen - Die arme Frau konnte vor Verlegenheit die Worte nicht finden , sie bat Therese flehend um Vergebung , falls sie zu weit gegangen sei aus redlicher Besorgniß für sie . Tief verletzt , suchte diese die geängstete Frau zu beruhigen , nahm die nöthige Rücksprache wegen der Kranken mit ihr und kehrte zu Caroline zurück , die ihr auf das freundlichste begegnete und mit der sie sich bald darauf entfernte . Schweigend schritten sie nebeneinander her . Aber Therese konnte sich nicht überwinden , mit Frau von Reichenbach zu sprechen . Sie war zu sehr erschüttert von der neuen Beleidigung , welche diese ihr wieder zugefügt hatte , während Caroline jede Miene ihrer Begleiterin ängstlich bewachte und unruhig umherblickte , überzeugt , Alfred irgendwo zu begegnen . Aber statt Alfred war es Felix , der mit seinem Lehrer zu Pferde aus dem Park zurückkehrte , als die Damen eben in die Hauptstraße eintraten . Er grüßte freundlich und ritt vorüber . Seine Mutter gerieth dadurch in eine unangenehme Verwickelung . Sie mußte fürchten , der Knabe werde sie fragen , wo sie gewesen sei , und diese Frage könne ihrem Manne den Besuch bei Frau Berent verrathen , den sie ihm zu verbergen wünschte . Auch durch Therese konnte er davon benachrichtigt werden , deshalb fiel sie auf einen Ausweg und bat , als sie sich an der Ecke der Wilhelmsstraße trennten : Wenn Sie meinen Mann sehen sollten , liebes Fräulein , verrathen Sie ihm nicht , daß wir uns heute trafen . Ich habe dort eine Arbeit bestellt , mit der ich ihn überraschen möchte . Therese sah sie ruhig an und sagte mit Würde : Die Bitte konnten Sie ersparen , Frau von Reichenbach ! Durch mich soll Ihr Herr Gemahl es nicht erfahren , wie Sie Ihren und meinen Namen durch niedrigen Verdacht entehren . Caroline wollte etwas erwidern , begütigend einlenken , aber Therese ließ es nicht zu . Sie verbeugte sich kalt und ging davon . Unruhig und erbittert , weil sie sich gedemüthigt fühlte , legte Frau von Reichenbach den Weg nach ihrem Hause zurück . Diesmal hatte ihr Verdacht sie betrogen ; dennoch glaubte sie an ein dauerndes Einverständniß Alfred ' s mit Theresen und war gewiß , daß Beide sich oft sehen und sprechen mußten . Alfred ' s Nachgiebigkeit gegen sie selbst , aus der edelsten Quelle entspringend , nahm sie für Zugeständnisse , die er ihr im Bewußtsein seiner Schuld gegen sie mache . Selbst die ruhige Haltung der Beiden am letzten Mittage dünkte sie ein Beweis , daß es nicht das erste Begegnen nach der Trennung gewesen sein könne , und sie gelobte sich , um jeden Preis die Wahrheit zu erfahren . Felix brachte sie mit dem Vorgeben einer Ueberraschung zum Schweigen über ihr Zusammentreffen auf der Straße und die nächsten Tage verflossen ohne besondere Störungen für die Eheleute . Eine Art von Waffenstillstand schien dadurch eingetreten zu sein , der Weihnachtsabend brach herein , man zündete die Kerzen des Tannenbaumes für den Knaben an , und die Bescherung fand statt . Aber war es die trübe , schmerzliche Stimmung des Vaters , die den fröhlichen Knaben beängstigte , oder wirkte das Andenken an die Freuden , die ihm Therese und Agnes verheißen , und die er nun entbehren sollte , nachtheilig auf ihn ein : er stand gleichgültig , fast traurig vor seinen neuen Reichthümern . Er betrachtete die Geschenke , die für ihn bereitet waren , die reichen Angebinde des Vaters für die Mutter , und blickte dabei verstohlen den Vater an , der sinnend in einer Ottomane saß und zerstreut den schönen Kopf seines großen Hundes streichelte . Während Frau von Reichenbach der Dienerschaft und einigen armen Personen die Weihnachtsgaben zutheilte , Jedem die Größe des Geschenkes durch anpreisende Worte fühlbar machte und , wo es thunlich war , Besserung fordernd , eine Strafrede hielt , stieg Alfred ' s Unmuth mehr und mehr . Ihm war diese üble Gewohnheit Carolinen ' s , die sie mit allen Engherzigen theilte , verhaßt . Er liebte es , die Menschen zu erfreuen , er hielt es für unerläßliche Schuldigkeit , dem Armen von dem eignen Ueberflusse mitzutheilen , er fühlte sich glücklich , ein trauriges Antlitz zu erheitern . Mehrmals an diesem Abende hatte er schon Carolinen ' s unliebenswürdige Weise durch Winke und mißbilligende Bewegungen getadelt . Er hatte sie gebeten , sich der Ermahnungen zu enthalten , in Folge deren alle Beschenkten mißmuthig und gekränkt davonschlichen . Endlich ward es ihm zu lästig und er wollte sich entfernen , als ein Blick auf den Sohn ihn davon zurückhielt . Die ganze Scene erschien ihm so freudlos , ihn jammerte des Knaben und er ging an den Weihnachtstisch , um irgend ein Spiel mit Felix zu beginnen , als dieser fragte : Mama ! welches ist denn nun die Ueberraschung , die Du neulich mit Tante Therese bestelltest , als ich Euch auf der Straße zusammen begegnet bin ? Alfred horchte auf , Theresen ' s Namen , die Erwähnung , daß seine Frau sie ohne sein Wissen gesehen , fielen ihm auf und er fragte : Was meint Felix damit ? Ach ! er ist ein Kind ! entgegnete sie . Er begegnete mir neulich , als ich von der Frau Berent kam , bei der ich zufällig das Fräulein getroffen hatte . Du bei Frau Berent ? und was wolltest Du bei ihr ? Hast Du mich nicht selbst gebeten , ihr Arbeit zu geben und Dich nicht mehr durch Stricken zu belästigen ? antwortete Caroline . Aber von welcher Ueberraschung spricht denn Felix ? fuhr Alfred fort . Ich weiß es nicht , von einer Ueberraschung war gar nicht die Rede . Was sollte ich dort bestellt haben , etwa die Bücher , die ich für Dich gekauft ? oder das Necessaire ? Felix weiß nicht , was er spricht . Der Knabe betheuerte , die Mutter habe ihm streng verboten , dem Vater vor Weihnachten zu sagen , daß er ihr begegnet sei , weil sie ihm eine Freude machen wolle . Caroline schalt ihn einen kleinen Lügner , als Alfred plötzlich fragte : Wann warst Du bei der Berent ? Am Freitage . Den Tag nach dem Mittagsessen bei Frau von Barnfeld , sagte Alfred mit Bedeutung , da ihm der Zusammenhang klar ward . O ! nun verstehe ich ' s , das ist Deine alte Art , das ist Deiner würdig . Er that als höre er Carolinen ' s Worte nicht , die sich spöttisch darüber äußerte , daß er sich des Tages so genau erinnere , wendete ihr den Rücken und setzte sich mit Felix nieder , ein chinesisches Zusammensetzspiel zu versuchen , das man ihm beschert hatte . Aber seine Gedanken schweiften in die Ferne und er war froh , als die zehnte Stunde schlug und der Knabe zur Ruhe gehen mußte . Das arme Kind hatte keine rechte Lust von dem Feste gehabt , denn Leid und Freude des Einzelnen theilen sich elektrisch den Andern mit , und das Unglück seiner Eltern traf auch ihn . XIV Im Hause des Präsidenten hatte der Weihnachtsabend heiterer begonnen . Wenn schon nicht Alle fröhlich waren , so herrschte doch das innigste Wohlwollen unter den Mitgliedern des kleinen Kreises , und Therese war bemüht , die Lust der Andern nicht durch ihre Traurigkeit zu stören . Die schönsten Erzeugnisse des Luxus hatte der Präsident mit verschwenderischer Liebe für Therese , Eva und Agnes herbeigeschafft ; die Freude der beiden jüngern Damen war so ungekünstelt und wahr , daß sie die Uebrigen mit sich fortriß . Wie fröhliche Kinder betrachteten sie bewundernd die verschiedenen Gaben . Schäkernd steckte Eva einen Strauß künstlicher Orangenblüten in Agnes ' Haar , die Theophil dieser geschenkt , während sie sich ein Flacon an kleinem , goldenem Kettchen umhing und es , ohne daß es Jemand gewahrte , leise an ihre Lippen drückte . Der Präsident hatte es ihr gegeben . Mitten unter den Aufforderungen zu Lust und Scherz drängte sich aber heute ein Bild in Julian ' s Seele , das er nicht zu verscheuchen vermochte und das sich unheimlich vor sein Auge stellte , wenn es mit unendlicher Theilnahme an Agnes hing . Er hatte die spätern Stunden des vorigen Weihnachtsabends mit Sophie verlebt , sie war so glücklich gewesen , wie diese Frauen um ihn her - wie mochte es ihr heute wol ergehen ? Zum ersten Male seit langer Zeit dachte er ihrer mit lebhaftem Bedauern . Er besaß eben so wenig die Willenskraft , dem Begehren zu widerstehen , das ihn zu einer Frau zog , als es ihm möglich war , ein Verhältniß fortzusetzen , wenn es ihm keinen Genuß mehr bot . Er fühlte nicht die geringste Liebe für Sophie , nicht die mindeste Sehnsucht nach ihr , aber es schmerzte ihn , sie unglücklich zu wissen , sie , der er so viel Entzücken verdankt . Er hätte nichts für sie thun mögen , was zu erneuter Annäherung führen konnte , nur leidend , ohne einen Strahl der Freude , wollte er sie an dem Feste nicht wissen . Er stellte sich vor , wie sie einsam vergangener glücklicher Zeiten gedenken werde , und eilte mit einem gleichgültigen Vorgeben davon , und auf die Straße hinunter . Der Laden einer Blumenhändlerin war bald erreicht , ein Rosenstock von seltener Schönheit gewählt und ein Bote gefunden , ihn in Sophien ' s Wohnung zu tragen . Sie sollte und konnte nicht ahnen , woher ihr die Gabe käme , nur eine Freude sollte sie empfinden , und beruhigter durch das Bewußtsein , sie ihr bereitet zu haben , kehrte er in seine Behausung zurück , wo er über die lachende Gegenwart bald wieder der Vergangenheit vergaß , und wo die augenblickliche Wehmuth freudigern Gefühlen wich . Agnes , die sich seit einiger Zeit in ängstlicher Befangenheit von dem Präsidenten entfernt gehalten hatte , was sie ihm nur noch reizender machte , schien heute mit der Freude an dem Kinderfeste auch die alte Sorglosigkeit wiedergefunden zu haben . Sie sprach von der Art , in der das Fest in ihrem väterlichen Hause gefeiert werde , tausend lachende Erinnerungen aus der Kindheit schwebten ihr vor , und Eva überbot sie noch in lustigen Schwänken , so daß man in fröhlichster Stimmung beisammen var , als plötzlich bleich und verstört Alfred unter sie trat . Alle blickten ihn erschrocken an . Theophil trat an Thereen ' s Seite , als ob er sie damit vor der Erschütterung bewahren könne , aber Alfred beachtete es nicht . Er schritt auf Therese zu , bot ihr die Hand und sagte : Ich mußte Sie heute doch wenigstens noch sehen . Erschöpft sank er darauf in den Sessel neben Therese , die Andern standen schweigend umher , er sah so verstört aus , daß selbst der Präsident das rechte Wort , diesem unerwarteten Ereignisse gegenüber , nicht gleich fand , besonders da ein heftiger Schmerz in Kopf und Brust ihn plötzlich überfiel . Er hatte ihn schon leicht empfunden , als er von seinem Einkauf für Sophie zurückgekehrt war , den er in gewohnter Schnelle auszuführen geeilt , ohne sich gegen die empfindliche Kälte des Abends zu schützen . Jetzt , durch die Erschütterung schien das Uebel sich zu verdoppeln und nur mühsam brachte er die Worte hervor : Du hättest nicht kommen sollen , Alfred ! Zugleich preßte er die Hand gegen die Stirne und sagte : Beunruhigt Euch nicht , es wird vorübergehen , aber mir ist unwohl . Er wollte das Zimmer verlassen , konnte jedoch , von betäubendem Schwindel erfaßt , die Thüre nicht mehr erreichen und ließ sich bewußtlos auf das Sopha fallen , zu dem seine erschreckten Freunde ihn geleiteten . Man trug ihn mit Hilfe seines Dieners in sein Zimmer , Theophil eilte den Arzt herbeizuholen und dieser erklärte , daß irgend eine bedeutende Krankheit im Anzuge sei , daß man jedoch nicht bestimmen könne , was es werden würde . Vor der Unruhe , welche dies Ereigniß mit sich brachte , vor der ängstlichen Sorge um den Präsidenten trat das unerwartete Erscheinen Alfred ' s in den Hintergrund . Niemand dachte mehr daran . Alfred half mit Theophil mancherlei Vorkehrungen treffen , die für den Kranken nöthig waren , da man die Dienerschaft fortgesendet , um einen Chirurgen und die Mittel herbeizuschaffen , welche der Arzt schleunig anzuwenden verordnet hatte . Bei diesen Beschäftigungen kam er in Julian ' s Nähe , der seit einigen Augenblicken die Besinnung wiedergewonnen hatte ; er winkte Alfred zu sich heran , und sagte , trotz seines Leidens über sich selbst spöttelnd : Ich muß büßen , weil ich so schwach war , Reue zu empfinden . Aus Sentimentalität kaufte ich einen Blumenstock für Sophie , da packte mich der Nordwind in den Straßen - - Heftige Schmerzen schlossen ihm den Mund ; als sie nachließen , wendete er sich nochmals zu Alfred mit den Worten : Mache die Verwirrung nicht größer ; suche Dir und uns Frieden zu schaffen - und verlasse Sophie nicht - Dann fiel er in einen Zustand der Betäubung , aus dem ihn die angewendeten Mittel nicht zu reißen vermochten ; die Freunde entfernten sich und Therese blieb allein wachend an dem Lager des theuren Kranken zurück . Aengstlich auf seine ungleichen Athemzüge lauschend , schwanden ihr die Stunden hin . Von den traurigsten Bildern der Zukunft wendete sich