, sie begriff das Abschwören nicht , sie vermochte nicht an dessen absolute Aufrichtigkeit und Wahrheit zu glauben . Geiersperg , der das Ehepaar nach Wien begleitet hatte und so viel für dessen Vereinigung gethan , war , als er es erfuhr , mit Leontinen gleich zerfallen ; er war ein eben so echter Protestant als loyaler Legitimist , der Religionswechsel schien ihm sündlich . Selbst Annen gelang es nicht , ihn milder zu stimmen . Wenn sie nur Jean Carlo genug liebt , um nie zu bereuen , sagte sie ihm , so ist ' s ja gut ! Gott ist zu groß , um in der Wandlung der bloßen Form eine Sünde zu sehen ; seit Ewigkeiten schaut er dem Wechsel alles Menschenwesens zu , er wird auch hierin das Unabwendbare seiner gegebenen Naturgesetze gelten lassen . Sind denn die Veränderungen , welche Alter , Krankheit , Schmerz oder Glück oft plötzlich in unserer ganzen Sinnesart hervorbringen , kleiner ? Schwört nicht der Greis die edeln Träume seiner Jugend ab ? Und ist der Tod nicht vielleicht ein weit größerer , auf eignes Wollen erbaueter Uebertritt zu einer neuen Form der Anschauung des Höchsten ? Aber der Alte küßte sie und erwiderte : Wenn ich Gott meinem Herrn zwanzig Jahre als Cuirassier gedient , warum soll ich denn im einundzwanzigsten mein Regiment verlassen , die Uniform changiren , um ihm als Infanterist das Gewehr zu präsentiren ? Du meinst es gut , Kindchen , aber du glaubst selbst nicht daran . In einzelnen Minuten flog eine Wolke durch Leontinens reines Blau der Gegenwart ; der eine Schritt hatte sie all den Ihren , vielleicht sogar ihrem Vaterlande entfremdet . Daheim in Berlin saß Josephine in stillem , sorgendem Kummer versenkt , täglich Briefe aus Wien erharrend oder schreibend . Ihre alte , schöne Heiterkeit , ihr Vertrauen auf das Glück ihrer Leontine kehrten nicht wieder . Der Glanz , der ihre Kinder in der Kaiserstadt umgab , freute sie wenig , sie war noch aus der Zeit , wo Comfort , Häuslichkeit und eine gemüthliche Gastfreundschaft höher galten , als eigentlicher Luxus ; war nur immer Alles um sie so elegant , sauber und genügend für die sie Umgebenden , so vermißte Josephine nichts . Leontinens Uebertritt hatte sie tief verletzt , auch sie vermochte nicht an die Dauer einer so im Fluge gewonnenen Ueberzeugung zu glauben , eben so wenig traute sie Jean Carlo ' s Trennung vom Carbonarismus und den mit seiner ganzen Individualität so eng verwachsenen italienischen Verbindungen . Fiel ihr Blick in die Zukunft , so bangte ihr noch mehr ; sie fürchtete , Leontinen könne viel Trauriges bevorstehen ; woran sollte ihr Gemahl in Preußen seine Interessen knüpfen ? Deutschland war ihm fremd , keine Art fester Beschäftigung verband ihn mit demselben . Niemand nahm an seinem Streben Antheil , sogar die Gegenstände seiner Bewunderung in Kunst und Wissenschaft hatten eine der deutschen Ansicht fremdartige Färbung . Die neuere , meist didaktische italienische Poesie kann bei uns kein Element der allgemeinen Bildung werden ; der Ausdruck seiner Vaterlandsliebe konnte leicht eben so wenig Anklang finden , denn seine excentrisch-grandiosen , auf Traditionen versunkener Größen erbaueten Lebensanforderungen mußten diesen durch lange herbe Erfahrungen gereiften Männern , all den Professoren , Beamten und Offizieren , welche den Kern unserer Gesellschaft bilden , im Vergleich zu dem , was in Neapel wirklich geleistet worden , ein Lächeln ablocken , während sie den Staatsmännern strafbar erschienen . Und doch lag eine so tiefe Wahrheit in der Glut dieser Jünglingsseele , ein solcher Muth der Selbstaufopferung in diesem festen Glauben an eine mögliche bessere Zukunft . Josephinen traten die Thränen in ' s Herz . Wie lau erschien das allgemeine Mitleid , wie arm das Wort der Theilnahme an all den Qualen , die Jean Carlo durch Wiens brillantes Gesellschaftsleben hindurchtrug , unter dessen Glanz er schweigend das einmal Uebernommene mit verbissenem Ingrimm , einem Gefangenen gleich , der die Kette nachzieht , mühsam und schwer durch seine Tage schleppte . Und nun sollte und wollte der Verbannte künftig in Berlin leben und Ruhe halten und in den einmal angenommenen Formen und Grenzen der staatsgesellschaftlichen Zustände ausharren , ein langes Menschenalter hindurch ! Josephine seufzte recht schwer ; fast scheute sie diesmal Geierspergs Rückkehr , der gewissermaßen durch seines Schützlings Aufenthalt in Wien die früher für diesen gethanen Schritte rechtfertigen mußte , und plötzlich durch den erst hier ihm bekannt gewordenen Religionswechsel Leontinens beleidigt und schmerzlich erregt , Wien selbst verließ , weil er durchaus mit seiner Frau fort und auf seine Güter ziehen wollte , um den Scandal nicht mehr zu sehen , daß ein Freifräulein des alten protestantischen Geschlechts der Waldau katholisch geworden ! Am Lager einer schönen blühend jungen Frau stand reisefertig ein kräftiger , auch noch junger Mann und suchte sie sehr sanft durch einen leisen Kuß zu wecken . Die schöne Schläferin hatte eine ungemein zierliche Hand auf das seidne Deckbettchen einer dicht neben ihr stehenden Wiege gelegt , deren leisestes Schwanken sie wach rufen mußte . Sie mochte spät eingeschlafen sein , denn die ganze Einrichtung des Gemachs deutete auf bürgerlich frühe Stunden ; die Sonne aber stand schon hoch und sie schlief noch so sanft und fest , als wäre das ihr erster Schlaf vor Mitternacht . Das kleine Mädchen in der Wiege sah dem Vater ähnlich , nur war es lichtblond , und auf dem weißen Kopfkissen lagen die klaren Löckchen wie Goldfädchen einer Stickerei und duldeten in ihrer Fülle das Mützchen nicht , das sie nach hinten zurückgeschoben . Im Zimmer sah es ungemein friedlich und wohnlich aus ; von Luxus war nicht viel zu bemerken , die Möbel waren derb und doch zugleich geschmackvoll , von Eichen- und Nußbaumholz ; in den Ecken und wo eben ein freier Platz sich gefunden , hatten sich recht gelehrt aussehende Bücherschränke eingenistet , auf welchen Prachtexemplare von Mineralien , Glasretorten und allerlei physikalische Instrumente so zierlich aufgestellt waren , daß sie beinahe einen Schmuck bildeten . Das Wohnzimmer , das sich an diese geräumige Schlafstube schloß , war ganz morgensonnenhell , die weit zurückgelegten grünen Jalousien ließen das Auge zum Fenster hinaus über den Garten in eine Schweizergegend zu weit entlegenen Bergen hinschweifen ; seitwärts lag eine graue Stadt , es war Basel . Endlich schlug die junge Frau ein Paar wunderschöne , dunkle Augen auf und ein lichtes Freudenroth röthete ihre Wangen ; sie begrüßte mit dem frohen Blick zugleich den Tag , ihr Kind und ihren Mann , pfeilschnell von dem einen zum andern fliegend , so daß sie nicht einmal sogleich seine Reisetracht gewahrte . Vrenely , sagte Otto , indem er sich neben das Bett und die Wiege setzte und seiner Frau herzlich die Hand zum Gutenmorgen bot , während du die Angst der stürmischen Nacht ausschliefst , hat sich mein innerer Horizont stark umwölkt . Ich habe einen Brief von Duguet bekommen und werde in einer Stunde zu Annen reisen . Sie hat Kronberg verlassen . Ich möchte dir das Alles gern unter Gottes freiem Himmel erzählen . Steh ' auf , mein Kind , und komm ' mir nach in den Garten ! Noch einen Augenblick stand er an der Wiege , wie innerlich Abschied nehmend von dem süßen Kinde , und sah , still gerührt , dessen rosiges Gesichtchen sich an ; zu küssen wagte er es nicht , aus Sorge , es zu wecken . Vrenely nickte ihm ihre Beistimmung zu , sie sprach fast weniger noch als sonst , aber nach zehn Minuten schon saß sie neben Gotthard auf der Rasenbank und las , über seine Schulter hingelehnt , den traurigen Brief mit ihm zugleich . » Lieber Herr ! schrieb Duguet , ich muß Ihre Hoffnungen leider alle auf einmal zerstören . Es ist gar nichts besser geworden , seit uns die Familie des Grafen Viatti verlassen . Schlimm , ganz schlimm ist es geworden . Schon im vorigen Jahre , nachdem dieselbe im Februar nach Berlin gereist war , lebte unsre Frau Gräfin sehr still ; sie blieb des Tages über fast immer allein , ging selten in Gesellschaft , sah deren aber zu Haus an den vier Empfangsabenden , weil es der Herr so wollte . Monsieur de St. Luce kam alle Tage zu ihr - ach ! was hat er oft im Stillen gelitten um sie ! - aber sie klagte nie ; man sah ihr nur den heimlichen Kummer an . Im vorigen Herbst hatte der Herr Graf der Mad . Capacelli ein schönes Landhaus gekauft und es sehr kostbar einrichten lassen , da brachte er meistens seine Abende , oft auch die Mittagsstunden zu . Es war etwas wie eine gläserne Wand zwischen unserm Herrn und der gnädigen Gräfin . Seit Herrn Gotthards Abreise von Wien hatte sie keinen Muth mehr ; und nachdem einmal ein Brief des Herrn Louis Müller an den Grafen gekommen , schien dieser innere Zwiespalt noch um Vieles zugenommen zu haben . Der Herr Graf machten der gnädigen Gräfin eine furchtbare Scene , in welcher sie , wie es mir vorkam , mit großer Festigkeit antwortete , sie wisse um diese Sache nicht . Von da an ging es immer schlimmer ; so lange aber der kleine Joseph im Hause blieb , sorgte sie für das Kind , das leider sehr kränklich ist , das zog sie von sich ab . Als jedoch Joseph in Pension zu seinem Bruder kam , lebte sie eigentlich nur an Sonn- und Festtagen , wo sie die beiden Knaben sah . Unser Egon ist so wunderbar entwickelt , daß er mit zwölf Jahren einem Jüngling von sechszehn gleicht ; er hat in allen Classen die ersten Preise davongetragen , ist fest und entschlossen wie ein Mann . Vor etwa acht Tagen hieß es plötzlich , nun sollten Beide nach Preußen , Joseph in ein Cadettenhaus nach Berlin , Graf Egon nach Brandenburg in die Ritterakademie , um zu einem vollkommenen Cavalier erzogen zu werden . Nun , das muß man unserm gnädigen Herrn lassen , er ist selbst tapfer und ritterlich und voll feiner Sitte , wie ein Marquis aus der alten guten Zeit . Unglücklicherweise soll jedoch unser Egon schon so viel gelernt haben und ein so großes Genie sein , daß er über ganz Brandenburg und die Ritterschule weg ist ; ich glaube auch selbst , daß er mit zwanzig Jahren Minister werden könnte . Es sei rathsam , ihn in Berlin zu lassen , meinte die Familie . Das gab viel Streit , es wurden sehr viele Briefe geschrieben und ich weiß nicht , wovon eigentlich die Rede war ; der Herr Graf wurden aber mit einem Mal sehr heftig , was sie sonst selten in so hohem Grade sind , und befahlen , der Knabe solle gleich am folgenden Tage mit Mad . Capacelli , die zum Gastrolliren nach Berlin ging , dahin abreisen . Ich glaube immer noch , daß dem Herrn das Gastrolliren fatal war , denn er hat gewünscht , die Spanierin möge die Bühne ganz verlassen ; sie aber soll geäußert haben : nur eine Heirath könne ihr diese Pflicht auferlegen . Stellen Sie sich vor , bester Herr Professor ! daß nun plötzlich unser Egon erklärte , er wolle lieber zu Fuß nach Berlin gehen , als mit Mad . Capacelli fahren , unter dem Schutze einer fremden Comödiantin reise ein Graf Kronberg nicht ! Unser Herr schäumte vor Wuth - die Capacelli mußte es wol verlangt haben , um ihr Ansehen an den Tag zu legen ! - nun sollte die Gräfin Schuld sein an des Knaben Weigerung . - O lieber Herr ! was für ein Auftritt ! Als endlich die Saalklingel fünf bis sechs Mal heftig angezogen ward , stürzten wir , der Jäger , meine Frau und ich , Alle hinein - da lag unsere liebe , schöne Gräfin , todtenbleich und ohnmächtig auf der Erde in ihres Sohnes Armen . Er kniete neben ihr und sah aus wie der richtende Erzengel Michael . Der Graf befahl uns , seine Gemahlin , die unwohl geworden , sogleich zu Bette zu bringen , und verließ das Zimmer , ohne Egon eines Blickes zu würdigen . Diesen Abend ward Niemand vorgelassen , nicht einmal Herr von St. Luce . Gegen Mitternacht rief die Gräfin meine Frau und befahl , Alles zu einer Reise Nöthige für sich und Graf Egon zu packen ; sie wolle nach ihres Gemahls Wunsch und Befehl ihren Sohn selbst nach Berlin und Brandenburg geleiten ; Niemand anders solle ihn hinbringen . Sie schrieb noch einige Zeilen an den Herrn , die ich , so spät es war , selbst hinübertrug zur Madame Capacelli . Drüben hatte es auch Verdruß gegeben ; die Erzherzöge und andere hochgestellte Personen hatten sich bei dem Herrn Grafen nach dessen Gemahlin dringend erkundigt und eine so große Verehrung und Liebe für sie ausgesprochen , daß der unvermeidliche éclat dem Grafen steinschwer auf ' s Herz gefallen , was nun freilich die Sängerin entgelten mußte , obschon sie unschuldig daran war . O , lieber Herr Professor , wie sehr hat sich unser Herr verändert ! Wer hätte das für möglich gehalten ! Er war sehr hart gegen Beide ; mir aber befahl er sogleich , am frühesten Morgen solle Egon bei ihm sich einfinden , dann werde er das Uebrige bestimmen . Wir fuhren in unsern Reisevorbereitungen fort . Graf Egon war immer noch am Bett seiner Mutter . Als sie unsere Antwort vernahm , verlangte sie aufzustehen , um noch Einiges selbst zu ordnen ; Sie wissen , sie hat immer späte Stunden geliebt . Als wir aber nach einer Weile den Grafen Egon wieder im Zimmer seiner Mutter hörten , liefen Sophie und ich an die Thüre desselben . Ach Gott ! in meiner Angst beging ich etwas - qui est indigne ! - ich sah durch ' s Schlüsselloch - da lag die Gräfin mit gefalteten Händen und strahlendem Gesicht , es leuchtete wie das einer Heiligen ; mit gebogenen Knien lag sie vor dem zürnenden Kinde , das , wie wir gar wohl aus seinen Worten vernommen hatten , den Vater anklagte , daß er die Mutter zu Tode kränke . Alle ihre Vorstellungen hatten ja nichts gefruchtet . Egon fing die angebetete Mutter in seinen Armen auf , drückte sie mit tausend Liebkosungen an ' s Herz und schwur ihr , fromm und sanft wie ein Lamm den Vater anzuhören und ihm zu gehorchen . Wie Diamanten standen die Thränen in seinen blitzenden , zornigen Augen , aber er zwang sich zum Gehorsam und hielt auch am nächsten Morgen Wort . Noch einmal kam der Herr Graf zu seiner Gemahlin , was aber unter ihnen verhandelt worden , erfuhren wir nicht . Nach dieser Unterredung beschied sie Sophien und mich zu sich und befahl mir - nein , der Engel bat mich sogar - beim Grafen zu bleiben , damit der Herr einen treuen Diener um sich habe , die Reise sei ja von nicht langer Dauer ; da wußte ich aus ihrer Verlegenheit , woran ich war . II faut respecter toujours les dehors ! Ich blieb . Monsieur de St. Luce gab ihr seinen alten Diener August mit , der gewiß meine Stelle ganz ausfüllen wird . Der General ist auch ein Stück mitgereist ; läge der Herzog von Reichstadt nicht darnieder , hätte er sie bis hin begleitet . Ganz spät Abends sind sie Alle abgefahren . Der Graf war ausgeritten , um ihr auf der ersten Station wieder zu begegnen , hieß es . Ja , sie hat ihn nicht wieder gesehen ; aber die Sache ging still und ohne Aufsehen ab . In meinem Herzen aber ist eine unsägliche Angst ; in Berlin wird sie nicht bleiben . Herr Gotthard ist in Paris , ich wage nicht , ihm zu schreiben . - Was General Geiersperg zu der Geschichte sagen wird ! An Sie , mein Herr Professor , glaubte ich , schreiben zu müssen ; vielleicht gibt Ihnen das Herz etwas ein , das traurige Geschick unserer lieben Gräfin zu erleichtern . « etc. - Ja wohl , lieber Otto , mußt du hin ! sagte Vrenely . Wie ich gesehen , läßt du das Lisely auch schon einpacken ; ich will ihm helfen . Und - fuhr sie , auf halbem Wege umkehrend , fort , indem sie dicht an ihn trat und ihre kleinen Hände auf seine hochschlagende Brust legte , so lege du ihr unser Glück an ' s Herz , wie ich mich an das deine , als einen stillen Trost ! Es hat mir lange geahnt , daß sie es nicht aushalten werde ; daß aber Egon die Trennung herbeiführen mußte , ist hart . Denke ich mir die Möglichkeit , daß je unsere kleine Anna zwischen dich und mich treten könne , möchte ich lieber die Welt verlassen , in der ich doch so himmlisch glücklich bin . Otto zog sie schweigend in seine Arme . Aber er war schon halb auf der Reise . Hältst du , fuhr er mit einem Male auf , die Trennung für eine dauernde ? Ja , Otto , erwiderte sie fest . Anna thut nichts halb . Nun laß mich einpacken gehen . Und abermals blieb sie stehen . Otto , du wirst reiche Stunden haben , schöne und schwere . Versprich mir - sie stockte . - Was , mein Engel ? - Sie von Grund aus rein zu genießen , wie Gott sie gibt , ohne Vor- und Rückblick , ohne gemachte Gewissenssorge , die unnütz ist , denn ich traue dir ! Und Gott traut dir auch , sonst würde er dir nicht die wunderliche Aufgabe senden . - Sieh ' , mein Liebster , fuhr sie fort , und schlang wieder den Arm um seinen Hals , ich bin so ruhig , weil ich weiß , - blühte dir dort ein eignes Glück , so liebe ich dich genug , - um deinetwillen den herbsten Schmerz zu ertragen und dir meines hinzugeben ; aber dem ist nicht so ; du bist der Gärtner nur , der einem Andern die schöne Blume pflegt . Ob der sie jemals blühen sehen wird - ja das ist eine andere Frage . Otto erröthete . Du aber , sprach sie freundlich weiter , pflege die Blume ; weißt du gleich nicht , wem Gott sie schenken wird , dem Tode - dem Leben - dem Glück ? - Alles gleichviel ! Pflege die Blume , wie die Parsen , von denen du mir erzählst , die Quellen in Kanäle fassen zu seiner Ehre . Als sie fort war , fuhr Otto ein paar Mal krampfhaft nach seinem Herzen ; eine dunkle , trübe Stimmung , eine schaudernde Erinnerung vergangener Schmerzen ergriff ihn . Gewaltsam strich er die dunkeln Locken aus der Stirn und biß die Lippen fest zusammen , dann aber ermannte er sich rasch und ging zu Vrenely . Heiter ordnete das schöne Paar Alles zur Abreise und nach einer Stunde flog sein Char-abanc durch ' s Thal . Nachmittags kamen die Nachbarinnen , sie hatten ihn fahren gesehen . Was ich froh bin , sagte Vrenely , ich hab ' den Otto zu seinen Verwandten persuadirt , ich wollte seine Stube während den Ferien malen lassen . Bei so was taugt der Mann nicht im Haus ; kehrt er zurück , ist Alles schmuck und sauber . Die Thränen , die Vrenely die halbe Nacht hindurch vergoß , sahen weder Otto , noch die Nachbarinnen . Es ist eine sonderbare Erfahrung , daß fast jedes irgend bedeutende Menschenleben seinen tragischen Zeitpunkt hat ; alltägliche Verhältnisse , deren Druck man Jahre lang ertragen , überwachsen mit einem Male , exotischen Gewächsen gleich , unser Streben , unsern Charakter , unsere Umgebung . Die bittere Aloeblüte einer solchen Erhöhung unseres Zustandes ist leider darin von ihren Schwestern verschieden , daß sie häufiger ihren Kelch entfaltet ; indessen hat dennoch meistens das Menschenleben nur eine einzige solche Periode , deren Steigerungen alle zum nämlichen Ziele führen und dem Rest der Tage die Grundfarbe geben . - Leontinens Wagen hielt in Brandenburg vor dem bescheidenen Hause , das Anna bewohnte . Sie sprang aus demselben und eilte hinauf . Ich konnte es nicht mehr aushalten , ohne dich ! rief sie der Freundin entgegen . Es ist seelentödtend , Papa und Mama Domino und Piquet spielen zu sehen , in der Gesellschaft leere Floskeln über Navarin zu hören und dabei Jean Carlo ' s tiefe Herzensglut auf unserem Herde Kartoffeln sieden zu lassen ! O , wäre der Unglückselige unerweckt auf dem Felde der Ehre gebettet geblieben , nachdem er den kurzen , schönen Freiheitstraum geträumt ! Vergebens versuchte Anna ein Paar tröstende , mildernde Worte ; Leontine schüttelte wehmüthig das Haupt und fuhr fort : das ist es eben , er verschweigt mir , wie den Andern , aus Schonung seinen Gram , aber ich sehe ihn - und doch , Anna , langweilt er mich auf ' s Entsetzlichste . Ich möchte ihn lieber Gift und Dolch handhaben sehen , als dieses Nichtsthun und sich so durch die Tage Hinschleppen an ihm erleben ! Dieses Verdämmern der tiefsten Seelenkräfte in dumpfem Hinbrüten , und dann das Spielen mit Kleinigkeiten , großer Gott ! wie kann ein Mann - ich bin ganz matt und müde davon , darum komme ich zu dir . Und glaubst du denn , fragte Anna , daß ihn die so gesunkene Carbonaria noch interessirt , daß er sein Wort gebrochen und neue Verbindungen mit ihr angeknüpft hat ? Ja und nein ! Er ist nicht aus einem Guß ; das ist ja eben das Elend ! Da er heilig gelobt hat , sich nicht mehr in diesen Wust schwächlicher Freiheitsversuche hineinziehen zu lassen , wird er Wort halten , das heißt , auf seine Art : er wird zu jenen Zwecken nur sein Vermögen den Einzelnen zuwenden , Geld auf Geld verschleudern , aber keine Details anhören . Drängen sie jedoch jemals gewaltsam an sein Ohr , so ist wol kein Zweifel , daß er mich verlassen würde im ersten als wichtig sich ankündenden Moment , um vielleicht nutzlos sein Haupt dem Beile preiszugeben . Die ganze Sache ist allmälig fixe Idee in ihm geworden . Mir scheint , du vergißt seine Nationalität . Hat er dies unermüdete Wiederauffangen abgerissener und verlorener Fäden seines Gewebes , dieses taumelnde Entzücken beim Klang des Wortes » Freiheit ! « nicht mit den Edelsten seines unglückseligen Volkes gemein ? Mag sein . Aber lebe nur erst den ganzen langen Tag mit einer personificirten Idee , die nirgends ihren Anknüpfungspunkt in der Wirklichkeit findet ; sieh diese tausendfach zerstückelten Fäden in der klaren Luft der Alltäglichkeit zerflattern wie den alten Weibersommer , der uns auch den schönen Frühling niemals wiederbringt , Anna ! - Um einer begeisterten Ansicht Alles zu opfern und um sie , allen Umgebungen und Gegenwirkungen zum Trotz , zum Wirklichwerden zu zwingen , zum fruchttragenden Baum sie zu machen , um , mit einem Wort , die Basis einer Volksfreiheit aus seiner Persönlichkeit herauszubilden , gehört ein eiserner Wille und Charakter , dann beugt sich ihm , dem Wollenden , die Welt , gleichviel , ob in starrer Demuth , oder lebendigem Gehorsam , gleichviel , ob zum Bau einer Republik oder eines Kaiserthums . Ein Napoleon oder ein Washington würden es vollbringen und höchstens hinterher in sich zu Grunde gehen , nachdem das ungeheure Ich mit dem äußern Stoff fertig geworden und seinen Höhepunkt erreicht hätte . So ein besonnen verharrender , fester Sinn , wie etwa Gotthards , vermöchte das vielleicht . - Sonderbar , daß ich ihn nie vergesse ! Anna schwieg verlegen . Leontine bemerkte es nicht und fuhr fort : Gut , daß ich Muth habe ! Gib Acht , Jean Carlo endet auf dem Schaffot , ohne irgend etwas geleistet zu haben . Erschrick doch nicht so ! Das habe ich bedacht , ehe ich meine Hand ihm gab . Ja , ihm fehlt Charakter , wiederholte sie flüsternd halblaut vor sich hin , und doch will er ihn einer Nation verleihen und meint die Zustände des Volks wie aus einem Gefäß in ' s andere auszugießen zu einer neuen Gestalt . Gäbe es eine Allgemeinheit der Gesinnung , dann möchte dem Einzelnen das Große gelingen , es könnte den Tropfen bilden , der den Becher überfließen macht . Aber so ! - Unsre Zeit fordert ja umgekehrt vom Einzelnen , was sie in solchem Falle von der Allgemeinheit verlangen sollte , eine Thatkraft , die in ' s Unermeßliche reicht : ein Regeneriren all der schlaff gewordenen Gemüther . Und der das könnte , ist , glaube mir , jetzt gar nicht auf der Welt . - Nach der Oekonomie der Natur , setzte sie heiterer hinzu , die eine gute Hausfrau ist , wird er auch wol kaum in unserm Säculum mehr geboren . Einem Manne , wie Otto zum Beispiel , traust du also eine solche Gewalt nicht zu ? Nein , o nein ! rief fast heftig Leontine ; er hat zwar Kraft , auch das Bewußtsein alles Einzelnen , aber nicht das Genie . Er hat ein friedliches Gemüth und neigt sich weit mehr dem Universum , als dem kleinen Vaterlande zu . Doch was fragst du mich ? Gotthard ist vielleicht der Einzige , den wir kennen , der - Aber wo ist er jetzt ? Noch immer in Paris . In den paar Jahren unserer Trennung hat er seine Bahn zu einer Höhe gehoben - Kind , ich sagte dir ja immer , daß er Minister werden würde ! Das sagt Duguet auch von mir , liebe Tante ! rief lustig auflachend Egon , der aus dem Nebenzimmer eingetreten war , aber ich fürchte , du hast es sicherer getroffen . Herzlich willkommen ! Er umarmte und küßte sie . Aber , sprach er fort , indem er sich nach allen Seiten umsah , wo ist denn Otto ? Leontine wurde blaß - leichenblaß . Anna hatte die ganze Zeit hindurch versucht , das Gespräch auf ihn zu bringen , sie hatte den wilden Ausbruch des Gefühls ihrer Freundin vorüberlassen , dann mit des Freundes Anwesenheit sie überraschen wollen , nun nahm ihr der Zufall das Wort von den Lippen . Unaussprechlich tröstlich war Annen die plötzliche Erscheinung ihres Jugendfreundes gewesen ; ihre Lage in Brandenburg war nicht angenehm . Die bei der Geburt von hoher Hand einem der Knaben verliehene Präbende konnte , wie sich bei Regulirung des Eintritts in die Militärschule fand , nicht angenommen werden , sie war gegen die Statuten , Anna ' s Bürgerlichkeit machte sie unmöglich . Egon , in dem sich bereits die Stimmung unserer jetzigen Jugend im Keime zu zeigen begann , war höchst aufgebracht , daß man nicht seiner Mutter wegen eine Ausnahme machte ; er war vorläufig noch ein legitimer Demagoge , der einer ganzen Welt die Freiheit und sich den Grafentitel gönnte . In Berlin war Anna nur einen Tag geblieben ; sie suchte Kronbergs Wünschen hinsichtlich der Kinder möglichst nachzukommen . Dem jüngern , trotz seiner Schwächlichkeit , zum Offizier bestimmten Joseph war diese Militärschule nothwendig , für Egon paßte sie nicht . Sie hatte an Kronberg geschrieben und harrte seiner Entscheidung , als unerwartet Otto , wie der Strahl eines milden schönen Sterns , die Nacht des Zweifels und Trübsinns in ihr brach und zertheilte . Er stand plötzlich im Zimmer und fragte mit den sanftesten Tönen seiner tiefen Stimme : Komme ich dir recht , liebe Anna ? Du bedarfst vielleicht nicht den Arm , aber das Herz - vielleicht sogar den Kopf deines Jugendfreundes . Mit unsäglicher Liebe hatte er sie seit mehren Tagen gepflegt , getröstet , zerstreut ; frisch und jugendlich , erschien er neben Egon fast wie ein älterer Bruder . Er zeigte sich ruhig und doch klopfte sein Herz , wie sonst , Annen entgegen , und doch war sie nicht minder schön , als damals ! Und jetzt mit Einem Male war auch Leontine da und die unvergeßliche Zeit seiner Liebe drang wie eine Gegenwart auf ihn ein . Aber Otto verbarg seine tiefe Erschütterung , er hatte das in seiner Ehe still gelernt . Leontinen traf sein Anblick wie ein Blitzstrahl . Und ich bin katholisch geworden ! dachte sie , was wird er dazu sagen ? An ihrem namenlosen Schreck bei dieser Frage fühlte sie , wie sehr sie noch ihn liebe . Auch sie war vorsichtiger , sie schlug das Auge erst auf , als sie es ruhiger werden fühlte . Immer noch war ihm Anna die seine Seele weckende , erwärmende Sonne , prächtig entfaltete sein Geist die Flügel ihr gegenüber , alle seine Ideen wuchsen und erweiterten sich . Nachts , nachdem er von ihr gegangen , arbeitete er die kühnsten , schwierigsten Probleme seiner Wissenschaft aus , er lebte tausendfach , nach allen Richtungen hin , ohne zu ermüden ; der Morgen fand ihn immer frisch und klar . Aber keinen Augenblick vergaß er seiner Vrenely daheim . Täglich schrieb er ihr , und sein liebevoller , herziger Brief enthielt kein lügenhaftes Wort . Er freute sich mit tiefer , dankbarer Rührung seiner Häuslichkeit , ihrer und des Kindes ; Stunden lang sprach er von ihrer Anmuth , Wahrheit und Güte . Daß sie und Anna zu der nämlichen Gattung Wesen gehörten , fiel ihm kaum ein ; Meilen weit lagen diese Gefühle auseinander . Eine Frau wird diese Doppelempfindung nie verstehen . Bei Anna ' s Trennung von Kronberg war der Name der Capacelli nicht über ihre Lippen gekommen , nur von den Knaben war die Rede gewesen . Anna hatte ihrem Gemahl blos angedeutet , daß sie , allen den Mislauten der Gegenwart ein Ende zu