, daß Du mich liebst . Mit dem Glauben , sage ich Dir , auf Wiedersehen ! Geliebter , Lehrer , Freund , mein Alles auf der Welt ! Laß mich nicht lange auf Deine Ankunft warten , jetzt , wo jede Minute mir zu Jahren wird , bis ich Dich sehe ! Nachdem sie diesen Brief gefaltet und der Diener ihn besorgt hatte , schien es ihr , als hätte sie nichts von Dem gesagt , was sie eigentlich gedacht . Sie wollte ihn zurück haben , es anders sagen , nochmals überlegen . Sie warf sich vor , zu rasch gehandelt zu haben , sie befahl dem Diener , sich zu beeilen und Alles aufzubieten , um ihr diesen Brief zurückzubringen . Aber vergebens . Die Post war abgegangen , kein Widerruf war möglich . Nun , so mag Gott sich meiner erbarmen ! rief Jenny und stürzte weinend zu ihren Eltern , die jetzt durch sie das Geschehene erfuhren und , mit ihr leidend , Alles aufboten , ihr Ruhe und Trost zu geben . Zärtlich , nur für den Augenblick besorgt , versicherte ihre Mutter , Jenny könne doch unmöglich daran zweifeln , daß Reinhard sie liebe , und sie hege das Vertrauen , ein so aufgeklärter Mann werde an seiner Braut wegen einer Meinungsverschiedenheit nicht irre werden . Sie erinnerte sie , wie duldsam sich Reinhard und die Pfarrerin gezeigt , noch ehe von irgend einem Verhältniß zu Jenny die Rede gewesen , und sprach die feste Ueberzeugung aus , Reinhard in wenigen Tagen hier und Jenny glücklich zu sehen . Und doch weinte sie mit der Tochter , denn ihr Herz war fern von den Hoffnungen , mit denen sie diese zu beruhigen strebte . Täusche Jenny nicht mit Erwartungen , die sich nicht erfüllen werden , oder ich müßte Reinhard nicht kennen , sagte der Vater . Ich fürchte , er kommt nicht . Gott im Himmel , was habe ich gethan ! rief Jenny . Was ich Dir zu thun gerathen hätte , antwortete ihr Vater , hätte ich Deinen Zustand früher schon gekannt . Du durftest nicht daran denken , in eine Ehe zu treten , der nach Reinhard ' s Ansicht das innere Bindungsmittel fehlte . Du durftest namentlich ihn nicht täuschen über Deine Gesinnung . Jetzt hast Du Deine Pflicht erfüllt und Du wirst in dem Bewußtsein , das Rechte gethan zu haben , Kraft finden , auch das Schwerste zu ertragen . Jenny war trostlos . Sie wollte einen zweiten Brief schreiben . Kannst Du etwas von Dem widerrufen , was Du in dem ersten gesagt ? fragte der Vater . Sie mußte zugeben , das sei ihr nicht möglich . So schreibe auch nicht , bedeutete er sie . Dann verlangte sie , gleich jetzt zu Reinhard zu reisen . Sie wollte ihn sprechen , alle seine Einwendungen besiegen , aber auch Das erklärte ihr Vater für unthunlich . Sieh , mein geliebtes Kind , sagte er , Du bist nun leider einmal in einen Kreis von Widersprüchen gerathen , aus denen nur ein gewaltsamer Ausweg möglich sein wird . Reinhard ist duldsam gegen den Andersgläubigen , aber seine Frau will er nicht nur dulden , er will sie lieben , sie soll ein Theil seines Ich ' s werden . Das kannst Du nicht , wenn Du in Dem , was einmal der Mittelpunkt seines Wesens ist , so vollkommen von ihm abweichst . Selbst wenn er sich überwinden und schweigen wollte , würde schon die Nothwendigkeit , gegen seine Frau auf seiner Hut zu sein , mit ihr nicht über seine heiligsten Interessen sprechen zu können , eine Störung Eures Glückes werden , abgesehen davon , daß Deine Gesinnung gerade zu seinem Beruf in einem noch schrofferen Widerspruche steht . Innig zog er sein leidendes Kind in seine Arme , aber er versuchte nicht , es zu trösten . Blicke fest in Dein Inneres , sagte er , dort wirst Du Quellen des Trostes finden , die uns nie fehlen , wenn ein Schmerz uns trifft , ein Unglück uns droht , das wir nicht selbst verschuldet haben . Wir Alle leiden mit Dir und Gott wird Dir beistehen . Eine tiefe Trauer schien über dem Hause zu liegen . Jeder fürchtete , Jenny auf irgend eine Weise zu verletzen , ihr wehe zu thun . Man wollte sie schonen , sie die ganze Größe der Liebe fühlen lassen , die man für sie empfand , und selbst Therese , der die obwaltenden Verhältnisse kein Geheimniß bleiben konnten , hatte wahres Mitleid mit Jenny , die sich in stiller Ergebung zu fassen versuchte , was bei ihrem lebhaften Charakter um so rührender erschien . Ebenso traurig sah es bei Reinhard und seiner Mutter aus . Ihn hatte Jenny ' s Brief wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel getroffen , und er war Anfangs keiner Empfindung , keines Gedankens mächtig gewesen . Nur das Bewußtsein , daß ihm ein großes entsetzliches Unglück widerfahren sei , stand klar vor seiner Seele . Wie war das möglich , wie hatte das geschehen können ? fragte er sich und saß in starrer Betäubung da , bis die Pfarrerin hinzukam und mit Schrecken den Ausdruck schweren Kummers in den Zügen ihres Sohnes erblickte . Sie fragte , was ihm geschehen sei ? Statt aller Antwort reichte er ihr Jenny ' s Brief . Brauchen wir zu sagen , wie er auf sie wirkte ? - Sie setzte sich neben ihrem Sohne nieder und ergriff seine Hand . Sie konnten Beide keine Worte finden . Das also ist das Ende alles meines Hoffens ! rief Reinhard endlich und versank wieder in sein früheres Brüten . Und Jenny , fügte er dann hinzu , was wird aus ihr mit ihrem heißen Herzen ? Das ist meine kleinste Sorge ! Für Jenny wird der Trost sich finden ! meinte die Pfarrerin bitter . Denn kaum hatte sie sich von dem ersten Schrecken erholt , als ihr mit erneuerter Deutlichkeit Theresens Behauptung einfiel , Jenny liebe Erlau und habe sich schon lange nicht glücklich in Reinhard ' s Liebe gefühlt . Die Pfarrerin war eine verständige , welterfahrne Frau , sie war aber auch Christin und Mutter , und tief verletzt in ihrem Glauben und in ihrem Sohne . Unzählige verschiedene Verhältnisse hatte sie im Leben kennen gelernt . Selbst in dem Kreise ihrer Bekannten gab es viele Juden , die zum Christenthum übergetreten waren und glücklich und ruhig in demselben lebten . Warum sollte Jenny allein , die ihr selbst so oft mit wahrer Erbauung von Jesu und seinen Lehren gesprochen , kein Heil zu finden im Stande sein an der Quelle , aus der Segen für die ganze Menschheit geströmt war ? Jenny , die obenein Reinhard zum Lehrer gehabt , dessen innige , fromme Ueberzeugung Jeden gewinnen mußte ? An diesen Grund von Jenny ' s Zerrissenheit konnte sie nicht glauben ; und that sie es dennoch , dann schauderte sie vor dem Leichtsinne , mit dem das Mädchen einen Meineid begangen hatte . Wer mit den heiligsten Dingen spielen konnte , bot auch dem Gatten keine Sicherheit . Ebenso wie gegen Gott konnte sie sich einst gegen ihren Ehemann versündigen , denn im Grunde war es vielleicht nur Erlau ' s würdiges Betragen gewesen , das sie abgehalten hatte , schon ihrem Bräutigam untreu zu werden . Der Schmerz über die Leiden ihres Sohnes machte sie ungerecht , und ihre gekränkte Muttereitelkeit gewann so sehr über ihre Vernunft den Sieg , daß sie dem Sohne ihre Zweifel an Jenny ' s Aufrichtigkeit und ihre ganze Unterredung mit Therese mittheilte . Kaum aber hatte sie es gethan , als sie das Unheil zu bereuen anfing , das sie angerichtet hatte . Ein Funke , der in eine Pulvermine fällt , kann keine zerstörendere Wirkung hervorbringen , als die Worte seiner Mutter auf Reinhard . Mit tiefer Wehmuth hatte er Jenny ' s bis jetzt gedacht . Sein Leiden und das ihre hatte er gleichmäßig und vereint empfunden ; er hatte sich alle Beredsamkeit der Welt gewünscht , um Jenny eine Ueberzeugung zu geben , welche es möglich machte , ihre Trennung zu verhindern , die für sie in den jetzigen Verhältnissen unvermeidlich wurde . Nun , bei der Erzählung der Mutter , erwachte seine Eifersucht aufs Neue . Sein altes Mißtrauen fing sich zu regen an , und wie eine Furie verfolgte ihn unablässig der Gedanke , das Spielzeug in den Händen eines Mädchens gewesen zu sein , das ihn verwarf , sobald ein neuer Wunsch es gleichgültig gegen den frühern werden ließ . Er hatte Jenny so sehr geliebt , er war bereit gewesen , ihr Alles , selbst seinen Stolz , sein Ehrgefühl zu opfern ; zu Almosen von der Hand ihres Vaters hatte er sich um ihretwillen erniedrigen gewollt , und nun er sich am Ziele wähnte , in ihre Hand seine Hoffnungen , seine höchsten Wünsche legte - nun besaß ein Anderer ihr Herz , und sie entzog ihm ihre Hand unter einem Vorwande , der sie in seinen Augen verächtlich machte . Jenny zu verlieren schien ihm ein Glück gegen die Pein , sie nicht mehr achten zu können ; sie , in deren junge Seele er selbst den Keim alles Großen und Schönen gepflanzt , die er als eines der schönsten Werke des Schöpfers heilig gehalten hatte . Würde nur Jemand ihm warnend , beruhigend zur Seite gestanden haben , er hätte sich aus der Verwirrung der Leidenschaften leicht und schnell zurecht gefunden ; denn nur zu deutlich hatte ihm , so lange er selbstständig geurtheilt , Jenny ' s Brief den Zustand ihres Herzens verrathen , und kein Zweifel an der Wahrheit ihrer Worte war in ihm aufgekommen , bis die Mutter seinen Argwohn rege gemacht . In ihrer Entrüstung achtete die Pfarrerin nicht auf die heißen , flehenden Bitten Jenny ' s , die nichts sehnlicher verlangte , als Reinhard ' s Eigenthum zu bleiben ; der Gedanke allein , Jenny weigere sich , Reinhard ' s Frau zu werden , sie schlage die Hand ihres Sohnes aus , ihr Sohn sei von seiner Braut abgewiesen , war ihr gegenwärtig und er erbitterte sie um so mehr , als sie Grund hatte , auf den Sohn stolz zu sein , der diese Verbindung wie sein höchstes Glück erstrebt hatte . Geschäftig , ihn zu trösten , hielt sie ihm das Unrecht vor , das man an ihm begehe , und steigerte dadurch sein eignes Leiden so sehr , daß er , von Eifersucht und gekränktem Stolz getrieben , in der ersten Aufregung seines leidenschaftlichen Schmerzes diese Antwort schrieb : Ein Mädchen , das Seelenstärke genug besitzt , den vertrauenden Mann , der mit glaubensvoller Liebe jeden Zweifel an sie für eine Todsünde gehalten , mit dem heiligsten Eide zu täuschen , wird die Kraft finden , eine Trennung zu ertragen , der mein Männermuth zu unterliegen droht . Wohl ihr , wenn diese Kraft sie auch vor Reue zu bewahren vermag . Anfänglich sollte das Alles sein , was er ihr sagen wollte , und seine Mutter , welche dies Blatt gelesen , war eilig , es abgesendet zu wissen , weil es gerade so ihrer Gesinnung entsprach . Aber ein anderer Geist , eine unsägliche Traurigkeit kam über Reinhard . Er nahm das Blatt aus den Händen seiner Mutter , öffnete es nochmals und fuhr fort : Jenny , warum hast Du mir das gethan ? Gab es kein anderes Spiel , als das mit meinem Herzen ? Ich weiß jetzt Alles , weiß , daß mich mein Argwohn nicht betrog . Du kannst mich nicht mehr täuschen . Alle Bande zwischen uns sind gelöst , mein Gewissen verlangt , daß ich sie zerreiße , aber mein Herz blutet . Ich fühle , daß ich kein Weib die Meine nennen darf , dem der heilige Glaube , welchen zu verkünden ich berufen bin , verschlossen ist . Und doch könnte ich Dich lieben , könnte Dich segnen , wenn Du mir nur die Möglichkeit gelassen hättest , Dich zu achten . Warum sagtest Du mir nicht , daß Du Erlau liebtest , daß nur er Dich beglücken könne ? Für Dich wäre mir das Opfer nicht zu schwer gewesen . Aber Du liebtest ihn und gelobtest mir Treue ; Du theilst meinen Glauben nicht und schwörst , daß auch Dich Christus durch seinen alleinseligmachenden Tod mit dem Vater im Himmel vereint . Jenny , wie durftest Du so grausam das Ideal zerstören , das ich in Dir anbetete ? Wie konntest Du Deine Seele , dies heilige , Dir von Gott vertraute Pfand , bis zu dieser That versinken lassen ? Sage mir nicht , daß Du Dich getäuscht hast , das ist unmöglich , wenn Du es nicht wolltest . Selbst Liebe entschuldigt die Lüge nicht , und diese Lüge ist es , die uns für ewig trennt , denn ich habe unwiederbringlich den Glauben an Dich verloren , in der ich alles Heilige und Wahre liebte . Lebe denn wohl , Du , die ich nimmer vergessen kann , die mir das größte Glück und das tiefste Leid meines Lebens gegeben . Lebe wohl . Ich klage Dich nicht an , denn Du bist unglücklicher als ich , der im Glauben eine Stütze finden wird . O , wollte Gott , daß ich Dir den Glauben geben könnte zum Dank für das Glück , das ich , wenn auch nur durch eine Täuschung , bisher in Deiner Liebe genossen ! So kam der Brief in Jenny ' s Hände . Sie selbst vermochte ihn nicht zu lesen , ihre Hände zitterten , die Buchstaben schwammen vor ihren Augen . Sie reichte ihrem Vater , der gerade bei ihr war , das Blatt hin und fragte bebend : Kommt er ? Sage mir , ob er kommt , ich kann nicht lesen . - Verneinend schüttelte der Vater das Haupt , nachdem er den Brief beendet , und gab ihn der Tochter wieder , die sich gewaltsam zusammennahm , um ihn hastig zu durchfliegen . Eine tiefe Ohnmacht , das einzige Glück , das ihr in dieser Stunde werden konnte , senkte sich auf sie nieder . Als sie erwachte , las sie wieder und immer wieder den Brief , ohne zu begreifen , wie Reinhard an ihrer Liebe zweifeln könne , oder was der Gedanke bedeute , daß sie Reinhard um Erlau ' s willen aufopfere . Sie hatte sich gesagt , daß eine Trennung bei Reinhard ' s Gesinnung denkbar sei , aber für möglich hatte sie sie nicht gehalten , trotz der Andeutungen ihres Vaters . Von dem Geliebten verachtet , ohne Glauben , ohne Hoffnung , mir selbst eine Last , was bleibt mir im Leben ? rief sie aus . Jenny ! sagte der Vater verweisend und doch mit unaussprechlicher Liebe , zog seine Tochter in seine Arme und rief auch die Mutter herbei , daß sie Beide mit ihrer Liebe das Kind beschatten möchten vor dem versengenden Strahl des Schmerzes , der sie getroffen . In tiefem Kummer schwanden Stunden und Tage für Jenny hin ; immer erwartete sie , Reinhard werde zur Erkenntniß kommen , er werde bereuen , und wenn auch eine Wiedervereinigung unmöglich sei , werde er dennoch kommen , um sie noch einmal zu sehen , um in Frieden von ihr zu scheiden . Aber vergebens . Und wieder verlangte es sie , dem Geliebten zu schreiben . Sie wollte ihm nur sagen , wie sie Niemanden liebe , als ihn , wie ihr der Argwohn in Bezug auf Erlau unbegreiflich und schmerzlich sei . Sie bat , man möge ihr die Beruhigung gönnen . Aber auch ihr Vater und die Ihren fühlten sich schwer gekränkt durch Reinhard ' s Betragen gegen Jenny , und der Vater fragte : Erlaubt es Dein Stolz , Dich einem Manne zu nähern , der Dich so verkennt ? Ich fühle keinen Stolz , antwortete Jenny , nur das Bedürfniß nach seiner Liebe , die mein höchster Stolz gewesen ist . Nur seine Achtung will ich mir erhalten . Er soll nicht wie einer Unwürdigen meiner gedenken , er soll mir glauben , daß ich ihn allein geliebt habe , das ist Alles , was ich noch verlange . Nein , sagte der Vater , wenn Reinhard nur das leiseste Verlangen nach einer Erklärung ausspräche , würde ich jedem Deiner Wünsche in dieser Rücksicht meine Billigung geben . Vor einem Manne aber , der seiner Braut die unwürdigste Wortbrüchigkeit zutraut , und weder an ihre Liebe , noch an ihre Schwüre glaubt , vor dem soll meine Tochter sich mit keiner Bitte um Vertrauen erniedrigen . Mit Reinhard ' s krankhaftem Ehrgefühl , mit all seinen Forderungen hatte ich Nachsicht , denn er selbst verdiente Achtung und Du liebtest ihn , jetzt indessen scheint es mir fast eine Wohlthat , wenn ein Verhältniß sich löst , in dem Du nimmer glücklich werden konntest , sei es , daß Reinhard so gering von Dir dachte , als er es augenblicklich thut , oder auch , daß Heftigkeit sein Urtheil so ganz verblenden , ihn so ungerecht selbst gegen seine Braut zu machen vermag . Ich fordere es als einen Beweis Deiner Liebe zu mir , daß Du keinen Versuch machst , Dich mit Reinhard zu verständigen , eine friedliche Lösung Eurer Bande herbeizuführen , wenn er es nicht ausdrücklich von Dir verlangt . Du warst Reinhard ' s Braut , aber Du bist auch meine Tochter ; auch die Ehre Deines Vaters muß Dir heilig sein , auch ihr mußt Du ein Opfer bringen können , ja , ich fordere , daß Du es mir bringst . Und so geschah es . Reinhard und Jenny sahen sich nicht wieder , niemals fand irgend eine Erklärung zwischen ihnen statt , und ein Brautpaar , das mit leidenschaftlicher Sehnsucht nach seiner Vereinigung gestrebt hatte , war plötzlich und auf die schmerzhafteste Weise für immer getrennt . Still und einsam verlebte man den Sommer in Berghoff , da auch Therese einige Zeit nach diesen Ereignissen zu ihrer Mutter zurückkehrte . Sie behauptete , zu Hause nöthig zu sein , und man sah es nicht ungern , als sie selbst den Wunsch aussprach , die Freunde zu verlassen , weil ihre Anwesenheit Jenny nicht angenehm zu sein schien . Erst spät im Jahre kehrte man in die Stadt zurück . Jenny hatte sich allmälig wieder in die Verhältnisse einzuleben , die ihr fremd geworden , da ihnen die Beziehung auf Reinhard genommen war . Und als diesmal der Sylvesterabend erschien , der im vorigen Jahre so glückliche Menschen in ihrem Vaterhause vereinte , war die Familie allein und nahm selbst Steinheim ' s Besuch nicht an , um Jenny ' s schmerzliche Erinnerungen zu schonen , wennschon man mit Dank sein Bestreben erkannte , den Freunden , mit denen er die guten Stunden verlebt , auch am bösen Tage ein treuer Gefährte zu sein . Nahezu acht Jahre waren seit diesen von uns erzählten Vorgängen entschwunden , als im Schatten der Bäume , welche sich auf der Klosterwiese in Baden-Baden erheben , an einem Junimorgen eine Dame ruhig vor ihrem Zeichenbrette saß . Es war eine kleine schlanke Figur . Lange schwarze Locken fielen auf das Papier nieder und verbargen das Gesicht der Arbeitenden ; aber man war berechtigt , feine Züge zu erwarten , wenn man von ihrer schmalen Hand und dem zierlichen Fuß auf ihr Gesicht schließen sollte . Ein sechsjähriger , hellblonder Knabe spielte in einiger Entfernung und versuchte vergebens , die Aufmerksamkeit der Dame auf sich zu ziehen . Er kam endlich näher und rief : Sieh hin Tante ! dort kommt der Vater mit Graf Walter . - Dann , als die Dame sich erhob , um die Kommenden zu begrüßen , sprang er fröhlich fort und bot den Herren in seinem fremdklingenden Deutsch seinen Willkomm und guten Morgen . Ist Deine Mutter noch in ihrem Zimmer , Richard ? fragte der Vater des Knaben . Nein ! antwortete für ihn die Zeichnerin , die unsere Leser wohl wieder erkannten , nein , lieber Hughes ; Clara ist Ihnen mit der Wärterin und Lucy entgegen gegangen , um Ihnen von den neuesten Fortschritten zu erzählen , welche die Kleine gemacht hat . Ich wundre mich , daß Sie ihr nicht begegnet sind . Sie wollte am Goldbrünnlein auf Sie warten . O , Schade ! rief Hughes , daß wir durch die Stadt gingen und sie verfehlten . Ich will sogleich zurückkehren , sie zu holen . Sie bleiben wohl hier bei unserer Freundin , lieber Walter , und erwarten unsere Rückkehr . Mit dem größten Vergnügen ! antwortete der Angeredete , wenn ich das Fräulein nicht in der Arbeit störe ! Ach ! die kann ich später beenden , sagte Jenny freundlich . Kommen Sie , Herr Graf , und beichten Sie , warum man Sie in den letzten Tagen gar nicht mehr gesehen hat ? Er that , wie sie von ihm begehrte , und Hughes ging mit seinem Knaben davon , die Mutter und das kleine Schwesterchen zu holen . Während nun der Graf von seinen Ausflügen und Streifereien in der Umgegend erzählt , sei es uns vergönnt , mit flüchtigen Umrissen den Zeitraum von acht Jahren auszufüllen , der zwischen der ersten und zweiten Hälfte unserer Erzählung liegt . Der Schmerz über die Trennung von Reinhard hatte Jenny ' s Seele in ihren innersten Tiefen erschüttert und sie prüfend in ihr eigenes Herz blicken lassen , um dort einen Grund für Reinhard ' s ihr unerklärliches Betragen zu finden . Es schien ihr leichter , Unrecht zu haben , sich selbst eines Fehlers zu zeihen , als Reinhard eine Schuld beizumessen : denn wahre Frauenliebe klagt lieber sich , als den Geliebten an . Nun ist das menschliche Herz recht eigentlich der Acker , den man nur zu durchwühlen braucht , um die köstlichsten Schätze zu entdecken . Auch Jenny fand deshalb in sich , statt des Unrechts , das sie in ihrem Herzen suchte , die Kraft , das Leben zu ertragen , es trotz seiner Schmerzen zu lieben . Sie gewann es über sich , fremdes Glück und Leid zu dem ihren zu machen und in der Hingebung an Andere , an ihre Freunde , Trost für einen Verlust zu finden , der ihr unersetzlich schien . Als Herr Meier sie so weit beruhigt und fähig sah , sich durch den Wechsel äußerer Gegenstände zerstreuen zu lassen , machte er den Vorschlag zu einer Reise , die im Beginn des Frühjahrs angetreten wurde . Man ging nach dem südlichen Frankreich , verlebte einen Winter in Paris und besuchte Italien im folgenden Jahre . Hier war es , wo Jenny den Maler Erlau wiederfand , dessen Name aus der Ferne ruhmvoll erklungen war , und dessen treffliche Arbeiten sie in Paris zu bewundern Gelegenheit gehabt hatten . Das Wiedersehen war ein Augenblick tiefer Bewegung für Beide . Erlau , seinem Vorsatz getreu , hatte außer aller Verbindung mit seinen Freunden gelebt ; er wähnte Jenny längst mit Reinhard verheirathet und die Entdeckung des Gegentheils erfüllte ihn mit Hoffnung . Von der Stunde an wurde er Jenny ' s unermüdlicher Führer in der Wunderwelt , die sich in Italien vor ihren Augen erschloß und die ihren vollen Zauber auf zwei so lebhaft fühlende Menschen auszuüben nicht verfehlte . Aber nicht lange sollte Jenny diese Freude ungetrübt genießen . Sie gewahrte mit Sorge , daß Erlau ' s Leidenschaft für sie nicht erloschen sei , daß sie jetzt in dem täglichen Beisammensein wieder heftig entbrannte und sich von Hoffnungen nährte , die Jenny nicht zu erfüllen vermochte . Dies veranlaßte die Ihren , auf Jenny ' s Wunsch Italien zu verlassen , und rief Erlau ' s Erklärung hervor , daß auch er entschlossen sei , der befreundeten Familie zu folgen und bald in seine Heimath zurückzukehren . Je weniger Jenny dieses erwartet hatte , um so mehr hielt sie es für Pflicht , sich offen und frei gegen Erlau über ihr gegenwärtiges Verhältniß zu erklären . Sie gestand ihm , wie jetzt , kaum genesen von ihrer Herzenswunde , ihr der Gedanke an eine neue Liebe unmöglich sei . Sie beschwor ihn , um seiner und ihrer Ruhe willen , ihr nicht zu folgen . Sie sagte ihm , wie werth er ihr sei , wie sie hoffe , statt seiner Liebe einst seine Freundschaft zu erwerben , und erlangte endlich von ihm das Versprechen , daß er nach England gehen und dort in William ' s und Clara ' s Nähe leben wolle , da er versicherte , ohne Jenny jetzt in Italien nicht ausdauern zu können . So trennten sie sich zum zweiten Male und Jenny kehrte nach einer Abwesenheit von anderthalb Jahren in ihre Heimath zurück . Hier fand sie in den äußern Verhältnissen nur wenig verändert . Ihr Bruder ging ruhig und ernst die Bahn , welche er sich vorgezeichnet hatte . Geschätzt und unermüdlich in seinem ärztlichen Beruf , hatte er zugleich unverwandt das Wohl und den Fortschritt seines Volkes im Auge , dessen freie Entwicklung aber nur dann möglich war , wenn überhaupt eine freie , zeitgemäße Verfassung in seinem Vaterlande Raum fand . Sein eifriges Bestreben , zur Erreichung dieses Zieles beizutragen und , der Gesammtheit nützend , zugleich sein Volk zu erlösen , verband ihn mit vielen Gleichgesinnten aus allen Ständen . Die Besten des Landes erkannten seine Fähigkeit und die große Uneigennützigkeit seines Charakters an ; denn die Hoffnung , nach erlangter Emancipation der Juden , für sich selbst Würden und Ehrenstellen zu erwerben , hatte ebenso wenig Einfluß auf ihn , als die Furcht vor jenen Verantwortungen , denen sein kühnes Wort und seine freisinnigen Schriften ihn bereits häufig unterworfen hatten . Ihm genügte sein Bewußtsein und die achtende Anerkennung seiner Mitstrebenden . - Noch immer lebte er in seinem väterlichen Hause . Sei es , daß seine Thätigkeit ihn so ganz hinnahm und ihn sein Alleinstehen nicht fühlen ließ , oder daß er kein Mädchen gefunden hatte , das seine Neigung erregte , er war unverheirathet geblieben . Den Eltern Clara ' s , welche sie scheidend seiner Sorgfalt empfohlen , war er ein treuer und geschätzter Freund geworden . Ihm , das wußten sie jetzt , verdankten sie das Glück ihrer Tochter , das in einer vollkommen übereinstimmenden Ehe mit William immer schöner erblühte . In Eduard ' s Brust schüttete die Commerzienräthin ihren Kummer über das Schicksal ihres Sohnes aus , der unstät Deutschland und Frankreich durchstreifte und , von seiner Frau beherrscht , ein unwürdiges Leben führte . Ferdinand fühlte bereits das Elend und die Schande , in die er sich gestürzt hatte , aber er war zu schwach , die Sklavenketten zu brechen , die ihn entehrten . Auf den ausdrücklichen Wunsch der Horn ' schen Familie war Eduard mit ihm in Verbindung getreten , und da es ihm gelungen , Ferdinand ' s Vertrauen zu gewinnen , gab er die Hoffnung nicht auf , es werde ihm einst möglich sein , den Verlornen seiner Familie wiederzugeben . Mit herzlicher Freude empfingen Eduard und der treue Joseph die heimkehrenden Lieben . Der Anblick jener Räume , in denen sie so glücklich gewesen und so viel gelitten hatte , erweckte in Jenny ' s Brust die wehmüthigsten Erinnerungen , und sobald sie sich mit Eduard allein sah , wagte sie , nach Reinhard zu fragen , was sie in ihren Briefen nie gethan hatte . Sie wußte , daß er sein Amt angetreten hatte und die verdiente Liebe und Achtung seiner Gemeinde besaß . Das hatte ihr Therese mitgetheilt , deren Mutter bald nach der Abreise der Meier ' schen Familie gestorben war . Seit aber Therese eine Gouvernantenstelle auf dem Lande angenommen , hatte Jenny auf einige Briefe , die sie ihr schrieb und in denen sie ihr die freundschaftlichsten Anerbietungen machte , keine Antwort erhalten . Um so unerwarteter traf sie die Nachricht , Therese habe durch Vermittlung der Pfarrerin jene Stelle , ganz in der Nähe von Reinhard ' s Wohnort , erhalten , und sich vor wenigen Wochen mit ihm verlobt . Als Jenny dies erfuhr , zog ein trübes Lächeln um ihren Mund , und Eduard drückte ihr schweigend die Hand . Er und Joseph schienen sich jetzt Jenny ' s Zufriedenheit gleichsam zum Zweck ihres Lebens gemacht zu haben ; und in beglückender Eintracht , in friedlicher Ruhe schwanden der Familie einige Jahre nach ihrer Rückkehr still dahin . Treffliche Männer hatten sich um Jenny werbend ihr genaht , die Wünsche von Jenny ' s Eltern hatten sie unterstützt , aber kein Erfolg ihre Bemühungen gekrönt . Wagte die besorgte Liebe ihrer Mutter , ihr ja zuweilen Vorstellungen deshalb zu machen , so bat Jenny , man möge Nachsicht mit ihr haben , denn es sei ihr unmöglich , die Wünsche zu erfüllen , die man für sie hege . Ich bin ja zufrieden und glücklich , liebe Mutter ! sagte sie dann ; ich habe Dich , Vater , Eduard , Joseph und Alles , was nur irgend mein Herz begehrt an Liebe und Schonung . Würde ich das in dem Hause eines Mannes finden , den ich nicht liebte ? Und da alle Zumuthungen und Gespräche dieser Art Jenny sichtlich für längere Zeit verstimmten , war es endlich der Vater selbst , der seiner Frau anrieth , nicht in Jenny zu dringen , sondern ruhig eine Zukunft zu erwarten , in der die Erinnerung an Reinhard ihren Einfluß auf Jenny verloren haben und die Vorschläge ihrer Freunde leichter Gehör bei ihr finden würden . Aber diesen Zeitpunkt sollte die Mutter nicht erleben ; ein plötzlicher , schmerzloser Tod entriß sie ihrer Familie . Wie tief der Verlust empfunden wurde