schon ! ich will Sie auch nur an ein einziges Wort erinnern . Sie sagten von Georg von Frundsberg und von mehren Anderen : Er sah ein , daß seine Zeit aus war , darum starb er . « » Ja , das hab ' ich gesagt . « » Und Sie freuten sich darüber . « » Ich fand es natürlich für jene energischen Menschen . « » Meine Zeit ist auch aus , Faustine , « sagte er fest . » Sie haben noch keine Zeit gehabt , « entgegnete sie ebenso fest . » Doch ! doch ! die der Hoffnung ! « » Die Hoffnung , von der Sie sprechen , war ein Irrthum ; kein tüchtiger Mensch lebt für einen solchen . « » Ferner sagten Sie damals , Faustine : Auf der Grenze zwischen dem Bewußtsein der neuen Erkenntniß und der Verzweiflung über den Irrthum - stirbt man . Ich stehe auf jener Grenze und ich sterbe . « » Warum foltern Sie mich , Clemens ? « sagte sie traurig . » Das ist nicht mehr als billig , schöne Königin Libussa ! für die Martern , die Du seit einem Jahr über mich verhängt hast , sollst Du wenigstens einen Moment mit mir und durch mich leiden . « Clemens murmelte dies zwischen den Zähnen , und hatte Faustinens Hände über dem Gelenk in seiner Linken zusammengefaßt . Sie konnte nicht von der Stelle , und versuchte es auch nicht , denn sie sah , er hatte einen Entschluß gefaßt , dem sie mit ihrer geringen Kraft nicht würde wehren können . » Nun ? wie wollen Sie mich foltern ? « fragte sie muthig ; » Sie sehen , ich warte darauf . « » Du bist recht tapfer , wie sich das schickt für eine Königin ! .... Und Du fürchtest Dich wirklich gar nicht vor mir ? « » Ich fürchte nur den Mann , den ich achte und liebe , « sprach sie kalt . Da zog Clemens ein Pistol aus der Brusttasche , setzte es in den Mund und drückte ab . Seine Hand packte im Todeskrampf noch fester die ihren ; sie fiel neben seiner Leiche ohnmächtig hin . Die entsetzten Dienstboten und die übrigen Hausbewohner eilten herbei mit Geschrei und Gejammer . Durch all ' den Tumult machte ein Mann sich stürmisch Platz , drang ins Zimmer , das blutroth im Morgenlicht glänzte , sah neben einer entstellten Gestalt die leichenähnliche Faustine , und rief : » O ! warum ließ ich sie hier zurück ? « - Mario trug Faustine zum Wagen , der noch vor der Thür hielt , ließ umkehren , und reiste sogleich mit ihr zu seinen Eltern . » Auch der Genius hat seine Bürden ! « sagte ich am Grabe von Leopold Robert in Venedig . Bei diesen Worten hob ein Mann das Haupt und sah mich an , so scharf , so forschend , und zugleich so überzeugt , daß sein Blick mich frappirte , denn in der halb neugierigen , halb gleichgültigen Welt tragen die meisten Blicke ihr nüchternes Gepräge , und die Neptune der Fontänen schauen nicht viel bedeutender drein , als das Menschenauge . Dieser Mann hatte schon am Grabe gestanden , als wir herzukamen . Unbeweglich , die Arme untergeschlagen , den Kopf gesenkt , so tief gesenkt , daß der auf die Stirn gedrückte Hut das Gesicht verbarg , dunkel gekleidet , glich er einer Statue von Basalt . Ohne Rücksicht auf ihn hatten wir geplaudert . Reisen sind nicht die Schule , wo man das Rücksichtnehmen lernt . Gleichgültig wie an einer Mauer streift man an all ' den Unbekannten hin . Um so mehr überraschte mich dieser Blick . Der Mann mußte uns verstanden , unserm Gespräch zugehört haben , war vielleicht Bruder , Verwandter , Freund Roberts , vielleicht auf irgend eine Weise in dessen Schicksal verflochten . Sei es Furcht , ihn verletzt zu haben , oder Interesse für den Todten , ich fragte : » Sie kannten wol Leopold Robert , mein Herr ? « » Nur aus seinen Bildern , « entgegnete er . Gegen meine Gewohnheit beharrte ich wie ein Inquisitor bei dem fragenden Styl : » Sind sie selbst Künstler ? « » O nein ! die Bürde des Genius wurde mir nicht auferlegt , « sagte er und lächelte traurig . Ich erröthete vor Aerger ; ich kann ' s nicht leiden , wenn man mir meine Worte nachspricht . Er fuhr lebhaft fort : » Darum ist es eine schwere Bürde , weil die Welt sie nicht anerkennen will ! Der Begabte soll ein Vollkommner sein . Weil er Mensch bleibt , wird er gelästert . Man denke nur an Byron und tutti quanti . « Mein Begleiter sagte : » Extravaganzen sind indessen nicht als die Glorie - sondern nur als die Ausgeburt des Genies zu betrachten . « » Es ist nur übel , « rief ich , » daß viele Leute die natürlichen Allüren des Genies extravagant nennen . Columbus wurde wie ein Narr behandelt , Galilei wie ein Verbrecher ! freilich - nicht alle Genies haben sich so glorreich gerechtfertigt , und Leopold Roberts Manen müssen sich vielleicht unterthänigst bedanken , wenn man achselzuckend spricht : Er war Hypochonder , der Arme ! « » Ja ja ! « sagte der Fremde , » denn Wahnsinn und Sünde klingen härter . « Er hatte während des Sprechens die Haltung wenig verändert , nur den Kopf gehoben , aus dem dunkle Augen ungewöhnlich ernst und strahlend hervorblickten . Sie warfen einen wundervollen , ich mögte sagen , versöhnenden Glanz über seine scharf ausgeprägten Züge , und als er nach jenen Worten das Haupt wieder senkte , so daß die Augen verdeckt wurden - da trat mit ihnen das ganze Gesicht in Schatten zurück . Wir gingen fort . Nachmittags begegneten wir ihm in der Markuskirche ; er grüßte , und es entspann sich eine Unterhaltung , die mir gefiel , denn er war ein sehr angenehmer Mann , von lebhaftem Verstande und von ruhigen Manieren , weltvertraut und weltverachtend , aber nicht blasirt , nicht abgestumpft , sondern nur durch das Beste gleichgültig gegen das Geringe . Wir waren acht Tage zusammen in Venedig . Er hatte ein Kind bei sich , einen prächtigen , sechsjährigen Knaben mit funkelnden Augen , voll Lust und Muthwillen , unbändig wild , verwegen - ganz wie ich Knaben liebe . Sie werden früh genug zahm werden ! Daraus , daß Beide in Trauer waren , und an der inbrünstigen Zärtlichkeit , die Beide für einander hatten , erkannte man Vater und Sohn . Keine Spur von Aehnlichkeit war zwischen ihnen ! Sonst , wenn auch die Züge sich nicht gleichen , sind es Mienen , Ausdruck , Bewegungen ; hier - nichts ! Ich fragte auch ganz überrascht , als ich den Kleinen zuerst sah : » Ist es Ihr Sohn ? « » Sie wundern sich , daß ich ein so schönes Kind habe , nicht wahr ? « sagte er , und sein Blick wickelte den Knaben gleichsam in Liebe ein . » Ja , es ist mein Sohn , nur sieht er aus wie seine Mutter , durch und durch wie sie .... und so ist er auch . « Er schwieg plötzlich . Wir frühstückten im Café Florian , und der Knabe sprang auf dem Markusplatz umher , streute den Tauben , die sich dort in Schaaren aufhalten , Brotkrumen hin , unterhielt sich mit den Gondolieren italienisch , mit den Wasserträgerinnen deutsch , und amüsirte sich über alle Maßen , so daß man förmlich neidisch werden konnte . Zuweilen trat der Vater , wenn er lange nicht seiner ansichtig geworden war , vor die Arkaden und rief mit seiner tönenden Stimme : » Bonaventura ! « - dann kam der Kleine gelaufen , athemlos , glühend , warf sich in die Arme des Vaters und sah ihm in die Augen auf eine unbeschreiblich graziöse Weise , neckend und lieblich , wie ein Amor - oder wie eine Frau . Mein Aufenthalt in Venedig ging zu Ende . Am Vorabend der Abreise bat ich den Fremden um seinen Namen . » Graf Mengen , « sagte er . » Mario Mengen ? « rief ich erfreut . » Mario Mengen . « » Glücklicher ! « rief ich ; dann fiel mir ein , wie unpassend dieser Ausruf sei ; aber ich konnte doch nichts Anderes sagen als : » Armer Glücklicher ! « » Sie kannten also Faustine ? « fragte er . » So wie Sie Leopold Robert « antwortete ich . Ich war nach Dresden gekommen , damals , vor Jahren , gleich nach jener tragischen Catastrophe mit Clemens , hatte viel darüber gehört , und bald darauf auch von ihrer Heirath mit Mengen . Hernach ward sie in der Kunstwelt so gefeiert , daß wol Niemand ist , der nicht von ihr gehört hätte . Dies sagte ich ihm . Er fragte , ob ich mich genug für sie interessire , um ihrem Leben folgen zu mögen ohne Ungeduld , und ohne vorschnellen Unwillen - dann wolle er von ihr erzählen . Mein Herz schlug vor Freude , denn ich liebte sie , graziös und genial wie sie war . Solche Personen werden so viel getadelt und - ich will ' s nicht streiten - verdienen auch so viel Tadel , daß der Gedanke , ich würde liebend und bewundernd von ihr reden hören , mich erquickte . Wir gingen die Riva der Slavonier entlang nach dem öffentlichen Garten . Da ist ' s am einsamsten in ganz Venedig ; denn die Italiener gehen lieber in den Straßen spazieren als unter grünen Bäumen . Der Garten ist auf einer Landspitze angelegt : große Rasenplätze und breite Alleen von weißen Akazien , die , eben in voller Blüte , mit ihrem feinen Arom die Abendluft durchströmten . Wir setzten uns so , daß wir vor uns in die Lagunen hinaus sahen , rechts auf die Stadt , die zauberhaft zwischen Himmel und Wasser im Golde der sinkenden Sonne schwebte , und links , in weiter Ferne , auf die schneeweiße Alpenkette . O ! Venedig ist gar so schön ! - - Ich hatte in der Hand einen Strauß von dunkelrothen Nelken - meine Lieblingsblume . Mario sah sie unverwandt an ; endlich sagte er : » Ich werde zwar nicht ohnmächtig wie die Prinzessin Lamballe , wenn sie Veilchen sah , und nicht tiefsinnig , wie Ritter Parcival , als er drei Blutstropfen im Schnee sah - doch erinnert mich die dunkelrothe Nelke jedesmal an Faustine . Diese Blume kommt selten zur Vollendung , entzückt uns selten in ihrer reinen Form als glühende Liebesfackel , oder als Köcher voll zartgefiederter Liebespfeile . Ist der Kelch sehr gefüllt , so platzt er , die Blätter fallen traurig heraus , zerflattern , verwelken ; ist er dürftig gefüllt , so platzt er zwar nicht , aber die Blume bleibt auch dürftig . Fast eben so selten wie eine Nelke bringt der Mensch sich zur Herrlichkeit : er verwildert oder ermattet . An Faustine war das Wunder geschehen , sie hatte die Glut , die Fülle , die Pracht ihres Wesens unzersplittert beisammen . Sie wollte nicht immer Eins und dasselbe - wenigstens wollte sie es nicht in unveränderter Gestalt - aber was sie jedesmal wollte , das wollte sie ganz . Sie war ein leidenschaftlicher Charakter , und daher nur schwankend , ehe ein energischer Entschluß in ihr Wurzel gefaßt . Um ein großartiger Charakter zu sein , fehlte ihr nichts - als Strenge gegen sich selbst . » Nach dem Tode des unglückseligen Clemens bracht ' ich sie sogleich zu meinen Eltern , und nach drei Wochen , als sie meine Frau ward , war sie auch schon deren geliebtestes Kind , denn diese pompöse Frau , die sich nur zu zeigen brauchte , um für ihre Erscheinung allein jeder Huldigung gewiß zu sein - diese Sibylle mit dem Seherblick und den Prophetenlippen , heimisch in der Kunst , vertraut mit der Wissenschaft - war heiter wie ein harmloses Kind und anspruchlos wie ein junges Mädchen , das die eigne Anmuth nicht ahnt . Auf der einen Seite hätte eine Matrone nicht mehr imponirt , und dem verwegensten Mann nicht strenger ein leichtes Wort auf den Lippen getödtet durch ihren unbefangenen Ernst ; auf der andern Seite lagen die Jugend , die Neuheit , die Unkenntniß und die Verheißungen , die so reizend um Neulinge in der Welt schweben . Das war sie . Bis dahin hatte sie außerhalb der Welt gelebt , und sich ihr nicht wie ein Feind - dazu war sie ihr zu gleichgültig - aber wie ein Fremdling gegenüber gestellt . Bis dahin mogte sie nicht in die hergebrachten Verhältnisse eingehen ; sie verstand nicht das Familienglück , denn sie war ein verwaistes Kind - nicht die Ehe , denn sie war ein gequältes Weib gewesen - vielleicht nicht einmal die Liebe , obgleich sie Andlau mächtig geliebt hatte , denn sie wollte sich durch die Liebe außerhalb aller Schranken frei fühlen ; und nur innerhalb Schranken kann Freiheit bestehen , außerhalb liegen Willkür und Auflösung . Das erkannte sie ; jede Erkenntniß war ihr eine Wonne , sie liebte mich glühend , weil sie mir sie verdankte . » Ein Jahr früher hatte ich zu meinem Freund Feldern gesagt : » ich begehrte kein andres Glück , als ein foudroyantes , das mich gerade im Mittelpunkt meines Wesens träfe . Es war mir geworden ! Faustine strahlte in meine Seele hinein wie ein tausendfarbiger Diamant , wie ein indisches Gedicht , Stern und Rose , Glanz und Duft . Das unbedeutendste Weib , der stupideste Mann werden belebt und verschönt durch die Liebe , so daß sie uns erfreuen und interessiren können . Und nun Faustine ! bald entzückte sie mich , bald machte sie mich zittern , bald bewunderte ich sie ! Herz , Sinne , Geist - Alles fand bei ihr Nahrung , Befriedigung , Anregung . Ich wurde nie müde sie zu betrachten ; wie in Rafaels Arabesken Genien aus Blumen keimen , so schwebte ihre Seele in und über ihrer holdseligen Gestalt , die zart und durchsichtig genug war , um jeder Regung leicht zu folgen . Ihre Augen waren von jener unbestimmten grauen Farbe , die man bei Augen blau zu nennen pflegt , und die darum so schön ist , weil sie alle Schattirungen annimmt - vom lichtesten Azur in der Freude , vom tiefsten Schwarz in der Leidenschaft . Ebenso wechselnd war auch ihr Teint , transparent , kräftig ; an ihrem Colorit errieth ich ihre Stimmung . Mit dieser Frische kontrastirte seltsam dunkles Geäder ums Auge , das , wenn es nicht von Krankheit herrührt , einem blühenden Kopf wundervollen Reiz von Melancholie und Leidenschaft giebt , wie z.B. bei der sogenannten Fornarina in der Tribüne zu Florenz . Ich wurde auch nie müde sie zu beobachten . Es war etwas Unergründliches , Geheimnißreiches , Einfaches in ihr , etwas von der primitiven Frische des Naturlebens , durch welches alle Elemente spielen und blitzen ; in ihr stand das Gewitter neben der Sonne , und das Mondlicht neben der Aurora . Sie war von einer Leidenschaftlichkeit , die man hätte fiebernd nennen dürfen , wenn Körper und Seele ihrer nicht gewachsen gewesen wäre . O , wie sie mir entgegenflog , wenn ich nach kurzer Abwesenheit wiederkehrte ! sie erkannte meinen Schritt im Vorzimmer , fast ohne ihn zu hören , sie lief mir entgegen , sie hing sich um meinen Hals - so trug ich sie fort ! Goldfunken lagen auf ihrem Haar , unter dem Sammet ihrer Wange rieselte das Blut , silberne Streifen schlangen sich durch das schwarzblaue Auge . Und ihre Stimme ! o der goldne Klang , der Lerchenjubel , wenn sie dann sagte : » Mario ! « - In den Modulationen dieser Stimme lagen wieder Analogien mit Naturzuständen ; erzählte sie von ihrer gleichgültigen , halbvergessenen Kindheit , so war es , als fließe ein schmaler , seichter Bach durch eine grüne Ebene : ihr Ton war gleichmäßig sanft , vibrirte nicht , weil damals das Herz nicht vibrirt hatte . Aber er zitterte traurig wie das Rauschen fallender Blätter , sobald sie mit dumpfem Trübsinn von ihrer Ehe sprach . Bemerkten Sie je am hohen Mittag , im heißen Sommer , das leise , schwere , athemlose Flüstern , das durch die Natur weht ? zittern die Blätter , oder die Flügel der Insekten , oder die Wellen im See , oder Schilf , Gras und Blume in der brennenden Berührung des magnetischen Sonnenstrahles ? Nun , so war es , wenn Faustine in meinem Arm ruhte , mit ihren weißen Zähnen oder brennenden Lippen meine Wange berührte , ohne sie zu küssen , und Worte flüsterte , die nur die Liebe hören darf , weil die Liebe nur sie erfindet . Beachteten Sie je den wilden , jauchzenden Schrei der Schwalbe , wenn sie Abends durch das Wollustbad der Luft , gleich einem dunkeln Blitz , schießt ? Dieser Ton des höchsten Jubels rang sich bisweilen in einem abgebrochnen Laut aus ihrem Busen ; und dann girrte sie wie eine verblutende Taube , wenn die Melancholie schwerer Erinnerungen über sie kam . Alle Temperamente waren in ihr vereint zur Quintessenz . Heftig , eifersüchtig , würde sie wie eine ächte Andalusierin den kleinen Dolch im Strumpfband getragen haben , um den Geliebten zu vertheidigen oder - zu strafen . Aber bei allen Angelegenheiten des Lebens hatte sie eine . Fügsamkeit in den fremden Willen , die sich nie verleugnete , und die ich tausendmal auf harte Probe stellte ; denn ich wollte , daß sie sich fügen lernen sollte - nicht mir ! ach , daß sie mich liebte , war mein Triumph , nicht , daß ich sie dominirte ! - aber dem anerkannten festen Gesetz . Ich glaubte , die allmälige Gewöhnung würde auch ihre innerste Wesenheit nach und nach zügeln können . Zeitenlang war sie weichlich , üppig wie eine Orientalin , lag halbe Tage auf dem Divan mit halbgeschlossenen Augen , träumend , denkend , dichtend , und langweilte sich nicht - während sie dann plötzlich von vernichtender Langweil sprach , wenn ich am wenigsten es vermuthete , und sich , um ihr zu entgehen , lernend oder schaffend in die Region des Gedankens oder der Begeisterung warf . Hatte sie sich dann in irgend einem Werk als den Genius gezeigt , den die Welt anerkannt hat , so trieb sie kleine unbedeutende Kunstfertigkeiten , um ihre Geschicklichkeit auch in diesem Fach zu prüfen ; doch sie amüsirte sich nur so lange damit , bis sie es zur Fertigkeit gebracht ; dann sah sie sich nach etwas Neuem um . Jede vollendete Arbeit war ihr gleichgültig - gleichgültig haben , besitzen , genießen ! Streben war ihr alleinziges Glück , und der Moment , wo sie das Erstrebte mit der Fingerspitze berührte - ihre Seligkeit . Sollte sie aber festhalten , so ermattete ihre Hand . Gleich nach unsrer Verheirathung gingen wir nach Florenz , wohin ich als Geschäftsträger gesendet ward . Faustine verließ gern Deutschland . Völlig veränderte Umgebungen schickten sich für ihre veränderten Verhältnisse . Anfangs fürchtete sie , irgendwo in Italien Andlau zu begegnen , denn sie war gewiß , daß er dorthin gegangen , und sie meinte , er könne nichts thun , um sie zu vermeiden , da er ja gar nicht wisse , wie sie heiße , noch lebe . Diese Unkenntniß quälte sie . » Es würde ihm ein Trost sein , mich glücklich zu wissen , « rief sie , » und die Furcht , daß ich mich selbst so elend gemacht haben könnte als ihn , ist gewiß ein Gift in seiner Wunde . « Sie trauerte um ihn , zuweilen bis zum tiefsten Gram ; aber sie wünschte nie anders gehandelt zu haben ; darum suchte ich nicht ihr die Trauer zu nehmen . Wenn sie bereut hätte , würd ' ich trostlos gewesen sein . Die Erinnerung an Clemens trat zuweilen wie ein Gespenst oder ein Fiebertraum vor sie hin . Sie rang die Hände und Todtenfarbe überzog ihr Antlitz : sie marterte sich ab mit Combinationen , wie sie dieser Catastrophe hätte vorbeugen können . » O Gott , « sagte sie oft , » ich hätte ja aber eine ganz andre Faustine sein müssen , wenn ich Alles ganz anders hätte machen sollen ! die furchtbarsten Erschütterungen , die gewaltsamsten Zustände hab ' ich überdauert ; ich liebe und hoffe so wie einst ; keine Gabe , keine Fähigkeit ist in mir untergegangen ; nichts Heiliges ist mir zum Mährchen worden ; ich glaube an die unberechenbare Gotteskraft im Menschen , die ihn auf immer neue , unvorhergesehene Bahnen , aber nie zum Untergang führt ; - erfülle ich nicht auf diese Weise meine Bestimmung ? « So sprach sie sich ruhig , und immer seltner kamen die Beängstigungen . Ihr Malertalent entfaltete sich wunderbar ; der Glanz der italienischen Färbungen schwebte um ihren Pinsel , der mit Allen in Glut und Kräftigkeit rivalisiren durfte , und von Keinem an Phantasie übertroffen ward . Bonaventura ward im ersten Jahr geboren . Mario ist der Name , den der Erstgeborne in meiner Familie seit langen Zeiten zu führen pflegt ; aber Faustine bat und flehte : » Es giebt nur einen Mario für mich ! ich kann Niemand außer Dir so nennen , von keinem zweiten Mario Glück erwarten ! gieb ihm einen andern Namen ! « Sie sprach diese Laune so zärtlich für mich aus , daß ich sie hingehen ließ , und warnte ich sie halb im Ernst , halb im Scherz vor ihrem unlöschbaren Durst nach » etwas Anderem « - wie sie selbst es nannte , dann rief sie : » O fürchte Dich nicht ! ich liebe Dich , Mario ! « Sie liebte auch Bonaventura , aber meinetwegen ; für ihn sollt ' ich arbeiten und sorgen , mit seiner Erziehung mich angenehm beschäftigen , in ihm ihre Seele , ihr Wesen wiederfinden - » wenn ich einst todt sein werde , « sagte sie . Sie knüpfte nicht ihre Zukunft an das Kind . Wenn sie meine leidenschaftliche Zärtlichkeit für den Knaben bemerkte , war es ihr stets wie ein Trost für mich . Sonst dachte sie nicht häufiger an den Tod , als ich oder jeder Andere es thun würde , der den ernsten Gedanken vertragen kann und den Tod weder wünscht noch scheut . Vier goldne Jahre verlebten wir in Florenz . O , sie war glücklich ! die selige Ueberzeugung hab ' ich ! strahlend glücklich - zuweilen , in Momenten der Liebe , der Begeisterung , wenn ein neues Bild vor ihr auftauchte , ein neuer Gedanke in ihr erwachte , wenn sie die Lava ihres Herzens vor mir ausströmen ließ , des innigsten Verständnisses gewiß ; dann rief sie : » O wäre doch das Leben eine ununterbrochene Kette solcher Momente ! Träte doch nie eine Abspannung , Nüchternheit , Oede an die Stelle des Enthusiasmus , der Thatkraft , der Fülle ! Folgte doch nur nicht auf den höchsten Schwung die tiefste Ermattung ! « » Wären wir doch Götter und nicht Menschen ! « entgegnete ich lächelnd . » Oder gäbe Gott uns etwas so Dauerndes , so Wechselloses , daß , trotz aller Schwankungen der Sinne und des Geistes zwischen Verlangen und Befriedigung , die Seele in einem permanenten Bewußtsein tiefster , unwandelbarster Befriedigung bliebe . « » Mir hat Gott dies Wechsellose gegeben , Faustine ! « sagt ' ich : » die Liebe zu Dir ! Tausendmal kann ich geirrt - hundertmal gefehlt haben : allein die Liebe zu Dir hat mich nie anders als stark und gut gemacht . Dies Bewußtsein ist etwas Ewiges . « » O Mario ! « rief sie , und warf sich in meine Arme mit der intensen Leidenschaft in Blick , Stimme und Geberde , die stets mein ganzes Wesen vibriren machte ; - » Mario , diese Liebe zu mir ist mein Triumph , meine Rechtfertigung , meine Glorie ! aber siehst Du denn nicht ein , daß sie heute in den Himmel hebt und morgen in die Hölle schleudert ? Mario ! auf Augenblicke der Extase , wo Seel ' an Seele ruht , wo ich kein Wort brauche , um Dir mein Innerstes zu offenbaren , wo wir sind wie das Himmelblau , das alle andre Farben in sich auflöst - folgen andere .... da hab ' ich Dir nichts zu sagen , wenigstens nichts , was ich nicht ebenso gut allen Menschen sagen könnte ; da sind wir in Kleinigkeiten verschiedener Meinung , und eben weil es Kleinigkeiten sind , denkt Jeder , der Andere könne wol nachgeben ; da hast Du ein dringendes Geschäft , wenn ich mit Dir umherstreifen mögte , oder ich sitze tief in Farben vergraben , wenn Du kommst mit mir zu plaudern ; da ist Dein Blick kälter , Dein Gespräch unbelebter , Dein Kuß ruhiger , Dein ganzes Wesen gleichgültiger ; da fühle ich , daß Du durchaus das Nämliche bei mir findest ; da betrüb ' ich mich denn unsäglich , und weder Dein glänzendes Lächeln noch Deine sonore Stimme , bei denen mir doch sonst zu Muth wird , als bräche der Tag an , haben genug Gewalt über mich , um Niedergeschlagenheit und Trübsinn zu verjagen , die mich erschlaffend anwehen , wie der Scirocco . Dann denk ' ich : wäre die Liebe rechter Art , so könnte nie ein solcher Moment eintreten . Die Seligen sind gewiß niemals niedergeschlagen - die Seligen jenseit des Grabes . O wie gut verstehe ich den alten Montaigne , der da sagt : Il n ' y a de satisfaction çà-bas que pour les ames ou brutales , ou divines . Geschöpfe vom Mittelschlag wie ich , haben es auch nur mittelmäßig . « » Nun Faustine , « entgegnete ich , » auch ich kann mit fremden Worten reden ! Novalis sagt : Und da kein Sterblicher den Schleier der Isis heben kann , so wollen wir suchen Unsterbliche zu werden . « » Ja , das wollen wir ! und Du bist ein Engel ! « rief sie . Dies Gespräch fand statt , als wir einst bei Sonnenuntergang nach San Miniato heraufstiegen , und unter den Cypressen bei dem Kloster von San Francesco rasteten . Ich lehnte an einer Cypresse und blickte auf sie herab ; sie saß auf einer Stufe der Treppe , und hatte ihre Hände gefaltet um ihre Knie gelegt ; ihr Hut war zurückgefallen , der Abendwind wehte ihre Locken hin und her , ihr Gesicht war von innerer Glut , ihr blaßrothes Kleid von der sinkenden Sonne in Feuer getaucht . Plötzlich hob sie die Hände zu mir empor und rief : » Mario ! ewig anbeten - das würde mich beseligen . « » Das verdient kein Mensch ! « sagte ich . » Nein ! aber Gott , « antwortete sie . Sie hatte Recht - immer Recht ; darum fiel mir auch damals dies Wort nicht weiter auf , um so weniger , da sie plötzlich zu künstlerischen Betrachtungen übersprang , und behauptete : in meiner gegenwärtigen Stellung hätte ich große Aehnlichkeit mit dem Antinous des Palastes Braschi in Rom . Ich lachte über dies allzu schmeichelhafte Compliment ; doch sie sagte ernsthaft : » Sträube Dich und lache immerhin ! die Aehnlichkeit bleibt . Antinous denkt nach über seinen Kaiser Hadrian , für den er sich freiwillig den Tod im Nil gegeben , damit die Priester in seinen Eingeweiden das künftige Schicksal des Kaisers lesen möchten - denn so hatte das Orakel geboten ; darauf ließ der Kaiser ihm göttliche Ehren erweisen , und ihn als ägyptische Gottheit , mit der Lotosblume über dem Haupt , darstellen . Was half das dem Antinous ? er hat doch vor der Zeit sterben müssen ! Mario ! Mario ! wirst Du auch sterben müssen ? Meinetwegen sterben ? ich bringe auch den Untergang denen , die mich lieben ! « » Aber nicht denen , die Du liebst , Faustine , « sagte ich , und nahm ihre Hand . » O doch ! doch ! « antwortete sie mit jener himmlischen Melancholie , die ihren Blick , sonst so rein , klar und schwer wie Gold , in ein dunkles nächtliches Meer verwandelte , das unter dem Mondstrahl zittert . Sie stand auf , und wir gingen schweigend nach S. Miniato , denn ich störte sie nicht in solchen Momenten der Erinnerung ; Zerstreuung wäre ungeschickt gewesen und Aufforderung sich mitzutheilen würde sie noch mehr in den Gegenstand versenkt haben . Zuweilen wandelte es mich an wie Eifersucht , daß Schatten Macht über sie haben konnten - Schatten nenne ich , was für sie todt und unfähig war ihr neuen Schwung zu geben . Sie brauchte ihre und die fremde Wesenheit immer ganz voll , ganz beisammen : darum war die Gegenwart ihre Tyrannin und darum auch meine Eifersucht nie von Dauer . Sie war seltsam anders als ihr Geschlecht ! Wir sprachen einmal über die Corinna , worin uns alles Andere besser gefiel als die eigentliche Liebesgeschichte ; und ich sprach meine Verwunderung aus , wie ein so glanzvolles Geschöpf diesen trübseligen Oswald lieben könne . » Mitleid ! Mitleid ! liebes Herz ! « rief sie ; » aber davon habt ihr Männer gar keinen Begriff , und ich auch nur einen halben ; denn ich bringe es mit dem Mitleid nicht weiter , als mich lieben zu lassen