schwur er mir , daß , wenn ich jede Hoffnung für alle Zeiten ihm raubte , er sich vor meinen Augen ermorden würde . - Ich lachte höhnisch über dieses Wort , und erwiderte ihm , wie das die abgenutzte Phrase , die veraltete Drohung aller verschmähten Liebhaber sei , und daß dergleichen Aberwitz mein festes Herz am allerwenigsten rühren könne . - Plötzlich aber stieß er , zu meinem Entsetzen , sich einen großen Dolch in die Brust , und sank zugleich blutend zu meinen Füßen nieder . - Ich war so bestürzt , gerührt und außer Fassung , daß ich erst nach einiger Zeit um Hülfe rufen konnte , um die Wunde , welche tödlich schien , verbinden zu lassen . Zum Glück war ein durchreisender Arzt im Hause , der aber für das Leben des Ohnmächtigen nicht einstehn wollte . Um die Verwirrung zu erhöhen , kam mein Vater an , in Wut , denn sein Stolz war auf das empfindlichste gekränkt worden . So von allen Leidenschaften zerrissen , versank ich in einen betäubenden Stumpfsinn , so daß ich auf einige Wochen mein Leben fast verlor . Ich war nicht gesund , ohne doch krank zu sein . Mein Vater , der von dem Zustande des Federigo Accoromboni innigst gerührt war , rief mir immer wieder zu : Sieh , du Verwilderte , Undankbare , dies ist echte Treue und Liebe ! - Als die Stürme der Leidenschaft hinter mir lagen , bemächtigte sich ein unendliches Mitleiden meines Gemütes , und ich mußte das Herz , das für mich schon geblutet hatte , in das meinige schließen . - So ward ich eine Accorombona und durch diesen wackern , tugendhaften Mann die Mutter von vielen Kindern . - Meine leidenschaftliche Liebe aber hat er nie besessen . - Lebt wohl , teurer Freund ; wir sehn uns , vielleicht , in Tivoli wieder . « - Sie verfügte sich in das Haus , um auch zur nahen Abreise Anstalten zu treffen . Fünftes Kapitel Am Donnerstage war man fröhlich bei Tische versammelt ; Caporale ergötzte alle Anwesenden durch heitere Erzählungen , und nur Donna Julia war nachdenkend und nahm am Scherz des Dichters nur wenig teil . Peretti war ausgelassen , wie man ihn nur selten gesehn hatte , und die Frauen tadelten es im stillen , daß er sich des heißen Weins im Übermaß erfreute . Die Dienerschaft war schon zum Teil in Tivoli und die letzten Wagen , die am Morgen des folgenden Tages abgehn sollten , standen auch schon aufgepackt im Hofraum . Caporale trennte sich diesmal , er wußte selber nicht warum , ungern von der Gesellschaft . Er zögerte noch beim Abschied . Beklemmt und mit einem Seufzer verließ er endlich das Haus . Man ging zeitiger schlafen , als gewöhnlich , um am Morgen desto früher wach sein zu können . Schon war Vittoria in ihr Gemach gegangen und die bekümmerte Mutter schlief schon , Peretti , der die entferntesten Zimmer oben bewohnte , hatte sich , da er berauscht war , früher als alle niedergelegt . Nur einige Diener waren noch wach . Da klopfte es laut und ungestüm an das Tor , wie wenn jemand in Eile wichtige Nachrichten bringt . Der Diener öffnete , und verwunderte sich im stillen , daß der rohe , unstäte Mancini , einer der verdächtigsten Gesellen in Rom , so dreist und so spät eintreten dürfe . Er müsse augenblicks den Herren , Signor Peretti sprechen , ein wichtiges , höchst wichtiges Blatthabe er ihm zu überreichen . Da der freche Bote nicht abließ , so führte der alte Guido den Ungestümen in das Schlafzimmer seines Herrn . Es war nicht leicht , den weinbetäubten Peretti zu ermuntern . Als es endlich gelang , und dieser den Boten , der immer zu seinen Vertrauten gehört hatte , erkannte , als Kerzen angezündet waren , las er den Brief , welcher folgendermaßen lautete : » Geliebter Schwager : sowie Du dies Blatt empfangen hast , wirf Dich in die Kleider , und eile nach Monte Cavallo in das Dir wohlbekannte Haus , wo wir schon öfters Rates pflogen . Etwas höchst Wichtiges hat sich ereignet , welches den frühern Beschluß umstößt , oder wesentlich verändert . Der Bewußte , den Du ebensosehr liebst , wie fürchtest , rechnet mit Sicherheit auf Dein pünktliches Erscheinen . Morgen , wie Du es selber weißt , ist alles zu spät . Wenn Dein Wohl Dir lieb ist , so sieht Dich alsbald Dein Marcello . « In der größten Eile kleidete sich Peretti an , und ließ den jüngern Diener wecken , der ihn mit einer Fackel begleiten sollte . Guido hatte indessen das Haus munter gemacht , und die erschreckten Frauen warfen sich schnell in die Kleider . Peretti kam ihnen schwankend schon auf dem Vorsaal entgegen . » Lieber Sohn « , rief Donna Julia in Angst , » könnt Ihr wirklich die Absicht haben , jetzt in später Nacht noch auszugehn ? « » Ich muß « , erwiderte der junge Mann , » laßt mich , ich habe Eile und werde alsbald wiederkehren . « Vittoria sagte : » Wenn ich über dich etwas vermag , Francesco , so bleibst du im Hause . Du weißt es selbst , wie unsicher die Stadt ist , und wie mir Guido sagt , ist es der nichtswürdige Mancini , der dich in so verdächtiger Stunde abholt . Erwarte wenigstens den Morgen , wenn dein Geschäft denn so nötig ist , und wir reisen lieber einige Stunden , oder einen Tag später nach Tivoli . « » Du kennst die Umstände nicht ! « rief der geängstete Peretti , dem der Boden brannte , sich eiligst auf dem bestimmten Platz einzufinden , wo , wie er vorausetzte , sein mächtiger Gönner ihn erwartete . » Was sprecht Ihr mir von Mancini ? Dein eigner Bruder , Marcello ist es , der mich so dringend zu sich entbietet . Vielleicht kann ich ihn vom Bann lösen ; vielleicht gilt es sein Leben . « Sowie der Name Marcello nur genannt wurde , schrie Donna Julia laut auf , heftig erschreckend . - » Also der Unglückliche , Verlorne , wagt es doch wieder , die verbotene Stadt zu betreten ? Er bringt sein Haupt zum Block . « » So dumm ist er nicht « , antwortete Peretti ; » ei was ! er ist wohl schon öfter hier gewesen , und hat fünf Tage hier in meinem Hause gewohnt , wovon ihr freilich nichts habt wissen dürfen . « » O Gott ! Gott ! Jesus Maria ! so steht es ? « schrie Donna Julia , ganz und gar aus der Fassung . Ein kalter Todesschweiß rann ihr in großen Tropfen von der Stirn über das leichenblasse Angesicht , das Haupthaar , weiß und braun gemischt , floß aus der leicht geschürzten Kopfbinde nieder , sie stürzte jetzt , die Hände in Verzweiflung ringend , auf die Knie und faßte krampfhaft den Mantel des fortstrebenden Francesco , um ihn festzuhalten . » Ihr müßt bleiben ! « rief ihre bebende Stimme , » bei allen Heiligen beschwöre ich Euch , denn Ihr rennt , ich seh es , in Euer Verderben . - Tochter ! Vittoria ! kniee mit mir , und flehe mit mir , mit Tränen und Schluchzen flehe den Hartnäckigen , den Wahnsinnigen an , daß er bei uns bleibt . « Sie stellte sich hoch aufrecht und erhob sich noch auf den Zehen , und drückte mit beiden Händen , diese auf die Schultern pressend , die Tochter mit gewaltiger Kraft auf den Boden nieder . Vittoria folgte dem Zwange nur mit halbem Willen . » Du bleibst ! « rief Virginia nun . » Sünder ! du bleibst ! Mein Fluch folgt dir , Unsinniger , wenn du die Schwelle überschreitest ! Sind nicht Ketten da , um den Rasenden , den Bösewicht an die Mauern zu schließen ? « Erblaßt standen die Diener umher , und schauten mit Entsetzen und zitternden Lippen dieser furchtbaren Szene zu . Die alte Amme bekreuzte sich und betete halblaut . Peretti aber stieß mit dem Fuß nach Vittoria , riß den Mantel so gewaltig aus den Händen der Mutter , daß diese zurücktaumelte , und mit den Ellenbogen auf den marmornen Fußboden schlug . So sprang er über die Türschwelle und Vittoria sendete einen tötenden Blick dem Wütenden nach . Auf der Straße angekommen , schüttelte sich Peretti schaudernd und murmelte : » Die Weiber sind voll süßen Weines , und meine Übermütige spricht mir , als wenn sie alles wüßte . Nun , morgen bin ich ihrer los . « Ein feiner Regen fiel , die Fackel leuchtete qualmend und rot in der Dunkelheit . So kamen beide unten bei Monte Cavallo an . Da fielen zugleich drei Schüsse und Peretti stürzte nieder . Der Diener entsprang . Dunkle Gestalten näherten sich dem auf dem Boden Liegenden , welcher nur matt winselte . Sieben Schwerter fuhren durch seinen Busen , er zuckte nicht mehr . Die Mörder überzeugten sich von seinem Tode und entfernten sich stillschweigend in verschiedenen Richtungen . Der Diener war , nachdem er die Fackel ausgelöscht hatte , mit Entsetzen nach dem Hause zurückgerannt . Hier waren alle noch in heftigster Bewegung und Aufreizung . » O welcher Schutz « , rief Donna Julia aus , » war uns dieser schwächliche Jüngling ? « Vittoria , noch so unangekleidet , wie sie gewesen , saß in einer Ecke und lehnte das Haupt in die Hand , den Arm auf den Tisch gestützt . Nun brachte man die Leiche , die der Diener mit den übrigen Leuten auf einer Bahre von der Straße geholt hatte . Caporale , der schon das Gerücht vernommen hatte , kam wieder ; alle waren stumm , oder nur einzelne Silben wurden im Saale vernommen . Jetzt ward Montalto gemeldet . Der kranke gebückte Greis setzte sich , ohne die andern zu begrüßen , auf den Boden zum Leichnam nieder . Er faßte dessen Hand und benetzte sie mit Tränen . Man hatte ihn nie vor andern Menschen weinen sehn . - Dann erhob er sich und tröstete Gattin und Mutter . Mit scheinbarer Ruhe sprach er von den Schickungen , denen sich alle Menschen unterwerfen , und die Hand des Vaters küssen müssen , auch wenn sie nach unserer Meinung etwas zu strenge züchtige . Als er in seine Wohnung zurückgekehrt war , begaben sich die Trauernden , Trostlosen auch wieder auf ihr Lager . Von der Reise nach Tivoli war nicht mehr die Rede . Sechstes Kapitel Ganz Rom war dieses Mordes wegen in Bewegung . Da man die Täter in finsterer Nacht nicht hatte ergreifen können , da niemand sie gesehn hatte , so erschöpfte sich jedermann um so mehr in Vermutungen . Leidenschaft und feindselige Gesinnung , Parteihaß und Vorliebe machten sich bei diesem tragischen Vorfall geltend , und hundert verschiedene Namen wurden genannt , sowie viele Vornehme angeklagt und von andern verteidigt . Der alte Kardinal saß noch angekleidet am frühsten Morgen auf seinem Zimmer , Schreck und Kummer hatten es ihm nicht erlauben wollen , sich auf sein Lager zu werfen und den Schlaf zu suchen . Seine Diener hatten ihm vieles , und mancherlei durcheinander erzählt , widersprechende Gerüchte und Fabeln , aber auch Tatsachen , die mit der Wahrheit übereinkamen . - » Also dieser Mensch « , sagte er zu sich selber , » dieser verruchte Marcello - er ist der Mörder , oder der Eingeweihte des Komplotts ! Er , dem ich mich als Wohltäter erwies , den ich damals vom Tode rettete , um den ich mein Gefühl des Rechtes unterdrückte , mir bittere Vorwürfe im Gewissen seinethalb machte - nun ja , nun hat er es mir vergolten , und ich muß mir in meinem stillen Innern sagen : daß mir recht geschieht , daß der Himmel so meine sündliche Nachgiebigkeit bestraft ; freilich schwer , hart ; - so wird mir meine Liebe , mein Mitleiden vergolten , daß ich einmal der Rührung meines Herzens , den weinenden Klagen einer Mutter nachgegeben . « - Er weinte bitterlich und legte sein Haupt zwischen den Armen auf den Tisch , auf welchem viele Papiere lagen , die er noch nicht angesehen hatte . Als er sich am Weinen gesättigt , saß er aufrecht , um dem Papst den Vortrag über wichtige Geschäfte halten zu können . So trafen ihn in seiner Ruhe mit trocknem und festen Blick bei der Arbeit , die ihn besuchenden Kardinäle . Der Medicäer war sehr gerührt und Borromäus konnte ihn nur , von Tränen unterbrochen , begrüßen . Diese und andre Kardinäle bewunderten seine Standhaftigkeit und Ergebung in den Willen des Schicksals . Fest und ungebeugt trat Montalto in die Versammlung der Kardinäle , gefaßt und scheinbar ruhig : Freund und Feind begrüßten ihn dort mit der herzlichsten Rührung , viele reichten ihm die Hand , und keiner war , der ihm nicht seine aufrichtige Teilnahme bewiesen hätte . Selbst Farnese und die Partei , die sich bis dahin immer die Miene gegeben hatte , ihn zu verachten , äußerte ihre Verehrung und Bewunderung über diese , wie sie sagten , mehr als menschliche Fassung . Als Montalto in das Zimmer des Papstes trat , ging ihm der alte Gregor entgegen , drückte ihm die Hand und weinte herzlich . » Wir wollen « , sagte er dann , » diesen abscheulichen Meuchelmord mit der größten Strenge und Gründlichkeit untersuchen , und seid versichert , alter bewährter Freund , der Schuldige , mag er auch sein , wer er will , soll zu Eurer Genugtuung furchtbar bestraft werden . « » Heiligster Vater « , erwiderte Montalto erschüttert , » wenn mein Wort etwas gilt und meine Bitte , so lassen wir diese traurige Geschichte völlig ruhn , und übergeben sie , wo möglich , der Vergessenheit . Ich mag nicht die Veranlassung geben , daß neue Händel und Verwirrungen entstehn , unvermutete Entdeckungen , die die jetzigen Faktionen verstärken und andere erschaffen könnten . Lassen wir dem Herrn die Strafe , der mir nach seiner Weisheit und Liebe diesen Kummer in meinem Alter gesendet hat . « » Der Papst sah den Redenden mit einem großen , verwunderten Blicke an . - Sie gingen zu den Geschäften über , und als diese geendigt waren , und andere Kardinäle eintraten , sagte er zu einigen von diesen : Dieser Montalto ist ein ebenso großer als kluger Mann : sein unerschütterlicher Gleichmut verdient die allerhöchste Bewunderung . « So gingen einige Tage vorüber , Peretti war , nach dem Wunsche seines Oheims , mit wenigem Pomp , um das Aufsehen nicht zu verstärken , beerdiget worden . Eine stille dumpfe Trauer herrschte in der Familie Accoromboni ; sie nahmen nicht alle Besuche an , welche ihnen von Teilnehmenden gemacht wurden , viele aber , die sich bisher laut genug zu den Freunden des Hauses gerechnet hatten , blieben aus , so wie der Kardinal Farnese ; manche gaben nur schriftlich ihre trauernde Begrüßung ab , und Bracciano war bei einem kurzen Besuche so erschüttert , daß er sich bald wieder entfernen mußte , und Vittoria keine Beruhigung von ihm empfangen konnte . Diese war endlich durch das Übermaß der vielen , sie bestürmenden Gefühle , völlig aufgelöst . Ihre Nächte waren schlaflos , die Nahrung stärkte und erquickte sie nicht , und so , nach einem kurzen Fieberzustande sank sie in eine stumpfe Bewußtlosigkeit . Sie war nicht mehr fähig , ihr Schicksal zu überdenken , sich aller Umstände zu erinnern , die sie so nach und nach in diese abscheuliche Lage geworfen hatten . Diese gewaltsame Wendung ihres Lebens hatte sie so plötzlich überrascht , daß sie noch keines freien Entschlusses fähig war . Ihr Gemüt , das sie für so reich gehalten hatte , schien ihr nun völlig verarmt : sie sah mit Entsetzen in diese innere Leere , und begriff nicht , wohin alle diese Kräfte entschwunden waren , die ihr sonst immer Halt gegeben , die Gefühle , von denen sie in allen Lagen , selbst in der Verzweiflung Trost empfangen hatte . » Wozu « , rief sie in nächtlicher Einsamkeit in ihrem starren Unmut auf , » habe ich mich denn immer für besser als viele andre gehalten , wenn jetzt der Brunnen des Lebens so völlig in mir versiegt ? - Ich glaubte ja immer von den Musen begünstigt zu sein , und mich in unmittelbarer Berührung mit göttlichen Kräften zu befinden ; warum gestatte ich denn nun der toten kalten Erde die Herrschaft über meinen Geist , und rufe nicht jene Bundesgenossen zu Hülfe , die mir in Stunden des Übermutes fröhlich und lächelnd beistanden ? « Sie setzte sich nieder , tat einige Griffe auf ihrer Laute und schrieb dann ein Gedicht in Terzinen , dessen Inhalt ohngefähr folgender war : Ernst und Trauer des Lebens . Vielleicht sagt man mit Recht , wir seien alle verbannte Geister , die , unwürdig ihres höheren Glückes , sich auflehnend gegen die Liebe , in den Zustand versenkt wurden , der mit dem Tode verwandt ist und den wir Menschen unser Leben nennen . So wachsen denn , gedeihen wir , und unsere Jugend ist ein Traum , der in uns webt . Rosengewölk vor dem Aufgang der ersten heißen Sonne . Nun , da wir jagdfähig sind , treten die Dämonen mit Weidmannsgerät in das Revier , die Hunde von der Leine los , jagen kläffend den armen Hirsch , bis er zerfleischt , ermüdet , Blut schwitzend , unter ihren Bissen niedersinkt . So sitzt der Fischer lächelnd , schlautückisch am Fluß und senkt den lockenden Köder hinein . Der arme , bunte Fisch , er spielt an der Angel , gereizt verschlingt er den Hamen , und am Gaumen wird er aus seinem Element mit dem grausamen Haken herauf gerissen . Das Kind spielt mit dem unschuldigen Lamm , beide hüpfen im Frühlingslicht . Doch im Busche steht schon lauernd der Schlächter , und wetzt sein blutgieriges Messer . Gibt es etwas anders , denn Verlust ? denn jeder Gewinn wird uns nur geliehen , damit der Schmerz des Verlierens folge . So scherzen grausame Menschen mit Kindern : schenken ihnen glänzende Sachen zum Schein , und wenn sie sich recht daran freuen , entreißen sie sie ihnen wieder , und lachen ihrer Tränen . So werden uns Eltern , Geschwister durch den unerbittlichen Tod entrissen , die lieben Jugendfreunde - alles war nur Spielzeug , und liegt zertrümmert im Staube . O schlimmer ! andre , sie leben und weben noch in ihrer Gestalt , Verbrechen , Unsinn , hat sie uns von der Brust gerissen , und wir zittern bei jedem Windhauch , der uns leidige Nachricht von ihnen zuwehen möchte . Am fürchterlichsten - wenn wir hassen und verachten müssen , wo dasselbe Mutterblut uns zuschreit : du sollst lieben ! Welche Sprache , welche Tonweise ermißt diesen Schmerz ! Solon gab kein Gesetz gegen Vatermord , weil sich die Natur des Menschen dahin nicht verirren könne . - So versagt die von Gott uns offenbarte Sprache den Ausdruck diesem Jammer . Das Herz stirbt ab und bricht - der Seufzer schreit - die Verzweiflung sieht starr . Das ist die Sprache . - So brüllt in öder Wüste der verhungernde Löwe nach Raub , und die stummen Felsen hallen zitternd wider . Armer Peretti ! Was warst du mir ? Was konnt ich dir bedeuten ? Wie in lebloser Maschine kein Rad vom andern weiß , und doch das eine das andere treibt , so lief mit uns , nebeneinander , das Getriebe unsers Daseins . Und du bist dahin ! Dir und der Welt entrissen , nicht mir . Eigensinn , Verblendung trieb dich deinem schaudervollen Untergange entgegen , die Hemmung , die warnende der Freunde , zerbrachst du ungestüm . Und ängstigende Ahndung weht um mich . Mir dünkt , ich sehe die unsichtbaren Dämonen schadenfroh lachen und die gierigen Zähne fletschen . Der Glanz der weißen Hauer blitzt leuchtend durch die Nacht . Sie werden der Unschuldigen nachjagen - schon trieft das Blut aus meinem Herzen - die Witterung macht sie nur lüsterner und wilder . - Ich sinke nieder , todesmatt . Der biedre , herzliche Caporale zeigte sich auch jetzt wieder als der treueste Freund . Er kam täglich , tröstete , verweilte bei den Trauernden , und ließ sich von keinem Geschwätz , von keiner Verleumdung irremachen . In solcher Flut der Verwirrnis erkannte Vittoria sowie ihre Mutter den Wert eines solchen Mannes der in den Augen der Welt nicht glänzte . So trat er auch an einem Morgen in das Zimmer der Trauernden . Er war tiefsinnig , ihm schien etwas sehr Schweres auf dem Herzen zu lasten . » Wie seid Ihr heut so anders , alter Freund « , begann endlich die Mutter , » ist Euch ein Unglück zugestoßen ? « » Ja wohl « , erwiderte der Dichter , » und ein solches , daß ich davon ganz zu Boden gedrückt werde . Es lebt hier in Rom seit einiger Zeit ein Cavalier aus England , ein Katholik , der seiner Religion wegen , wie er vorgibt , aus seinem Lande verbannt ist . Da ich aber sehe , daß er mit den einflußreichsten Kardinälen und Prälaten in Verbindung steht , und mit dem Governador in einem ziemlich vertrauten Verhältnis lebt , so vermute ich vielmehr , er ist ein maskierter Beobachter und Unterhändler für seine verständige und politische Königin . Dieser Mann hat mich seit einiger Zeit in sein Herz geschlossen und interessiert sich , weil ich viel von Euch erzählte , für Euer Schicksal . So habe ich denn durch diesen Ritter Carre etwas erfahren , das für Euch von der höchsten Wichtigkeit ist . Der edle Montalto wünscht , daß diese Untat und das Unglück vergessen und verschwiegen bleibe , was die Urheber betrifft , wer sie auch sein mögen und was sie beabsichtiget haben . O dieser Alte ist ebenso klug als großmütig . Er will sich keine Feinde erregen , da ihm bei einem Wechsel der Regierung mächtige Familien hemmend entgegentreten könnten , obgleich ihm alle die Gerüchte , Vermutungen und Verleumdungen nicht unbekannt geblieben sind , und er auch im stillen seine Meinung und Oberzeugung gefaßt hat . Die Medicäer wollen aber die Sache nicht auf sich beruhen lassen , und Farnese hat sich zu dem klugen Ferdinand gesellt , so wie der fromme Borromäus ; ihnen folgen noch einige Unbedeutende , welche meinen , die Ehre des Staates verlange , daß dieses Verbrechen untersucht und bestraft werde . Der Papst , welcher erbittert ist und vom Schicksal Montaltos tief gerührt , läßt ihnen freie Hand . Der elende Mancini , der an jenem Abend die Botschaft brachte , ist gefangen , oder hat sich fangen lassen , bei ihm hat man noch jenen Zettel von Marcellos Hand gefunden ; der Verkäufliche soll auf der Folter schon allerhand ausgesagt haben , was , wie ich glaube , ihm in den Mund gelegt ist , und so ist man im Begriff , Tugend und Ehre der edelsten Menschen zu verunglimpfen . So hat denn auch , natürlich bestochen , jener Valentini , von welchem Peretti damals schwer verwundet ward , einen Brief eingesendet , in welchem er sich selbst zur Mordtat bekannt , weil er schon seit lange Peretti gehaßt habe , und nun noch von Schönheit , Huld , Überredung , und tausend solcher Herrlichkeiten zur Tat getrieben sei , von jenen , die er angedeutet habe , die er aber auch bestimmter bezeichnen könne . « » Redet ganz aus « , rief die Mutter , schon außer Fassung gesetzt . » Ihr wißt « , fuhr Caporale mit bewegter Stimme fort , » daß Ihr nach den Gesetzen hier in diesem Hause nicht bleiben könnt , denn da Peretti ohne Erben gestorben ist , so fällt es mit allem Zubehör an Montalto zurück . Euch bleibt also nichts übrig , als Euch in Eure frühere Wohnung zu begeben , oder Euch beide unter den Schutz des Bischofs , Eures ältesten Sohnes zu stellen , der jetzt das Haupt der Familie ist . « » Auf keinen Fall ! « rief Vittoria und stand empört vom Sessel auf ; » als Sklavin wäre ich dann verhandelt . Ich habe mir längst gedacht , was die elenden Menschen vermuten und ausschwatzen werden , und die am giftigsten , die am besten die Wahrheit wissen . « » So ist es « , sagte Caporale ; » den Mächtigen , der es vor seinem Gewissen verantworten mag , was er getan hat , wird man nicht beschuldigen , man wird es nicht wagen , in diesem Prozesse nur seinen Namen zu nennen . So ergießt sich dann die ganze Flut der Schmähung auf arme , wehrlose Weiber , die ohne Schutz dastehn , ganz preisgegeben dem Sturm und Unwetter der Verleumdung . Da Ihr so ganz ohnmächtig seid , und Euer kleines Haus Euch kein Asyl geben kann , so müßt Ihr Euch durchaus unter den Schutz eines Großen stellen . Doch ist der tugendhafte Farnese , der jetzt der Gewaltigste wäre , ganz von Euch abgefallen . « » So bleibt uns nur « , rief Vittoria aus , » der Palast des Herzogs von Bracciano übrig . Das war auch mein Gedanke « , antwortete Caporale . - » Wird er uns aber in dieser Bedrängnis aufnehmen , und seinen Namen preisgeben wollen ? « - » Ich komme von ihm her , meine Angst um Euch trieb mich zu ihm : er öffnet Euch seine Tür , und Ihr seid dort wenigstens für den Augenblick vor Schimpf und Gewalttat sicher . « - Die Mutter irrte verwildert im Saal umher und rang die Hände . - » So wird es ja aber « , rief sie aus , » nur bestätigt , daß er der Urheber des Frevels ist , daß wir um ihn wußten und ihn bewilligten , daß meine Tochter seine Geliebte ist , daß ich Alte , Unglückselige , die Kupplerin vorstellte , und mein Jüngster , Flaminio , sich auch deswegen hat abkaufen und bezahlen lassen . Nun sind ja Ottavio und Farnese die Tugendhaften und wir die Verbrecher . O Himmel ! Himmel ! wie hart , wie grausam bestrafst du meinen Stolz , mit dem ich früher auf meine Kinder hinsah . Wohin , wohin hat uns das Notwendige , Gute , wohin das Schicksal geführt , daß wir nun in diesem ehernen Netze gefangen liegen , und alle unsre Glieder tödlich gelähmt sind . O du unbefleckter Ruf meines tugendhaften Hauses ! - Es bleibt uns nichts als Verzweiflung und Untergang . « » Fassung , Mutter « , sagte Vittoria in ihrer großartigen Weise ; » das Nächste , Notwendigste müssen wir auch jetzt ebenso wie damals ergreifen . Konnt ich den Entschluß zu jener unglückseligen Vermählung fassen , weil es die unerbittliche Notwendigkeit so forderte , so kann ich mich auch jetzt diesem Zwange beugen . Verleumdung ! befleckter Ruf ! O wohl ist Ehre und guter Name ein unschätzbares Kleinod , aber Freund und Feind hat uns so in diese fürchterliche Enge hineingezwängt , so an die Felsen gedrückt , daß weder Vorschritt noch Rückweg möglich ist , daß ich mich gefangengebe . Nur sterben will ich nicht , nicht jetzt endigen , wie ich es ehemals vermocht hätte , weil ich das Leben kennengelernt habe , und weil ich es von der Zeit erwarte , die oft billig und selbst gerecht ist , daß sie mich und die Meinigen wieder läutre . - Wir nehmen also den großmütigen Schutz Braccianos an , und werden uns als Flüchtige in dieser Stunde noch in seinen Palast begeben . « So geschah es . Farnese wütete , als er diese Kühnheit erfuhr , weil er geglaubt hatte , weder der Herzog noch die eingeschüchterte Familie würde eines solchen Entschlusses fähig sein : er hatte gehofft , die armen Unterdrückten würden ohne alle Bedingung seiner Gnade und Gewalt anheimfallen müssen . Bracciano war auf eine gewisse Art erfreut , die Geliebte in seinem Hause und Schutze zu wissen , doch täuschte er sich auch nicht über die Gefahr , der er selber ausgesetzt sei , wenn die Regierung jede Rücksicht fallenlasse und die Untersuchung mit Strenge auf das Äußerste treibe . Indessen sprach er Vittorien Mut ein und verhieß , daß er alle seine Gewalt daransetzen wolle , daß nichts Schreckliches eintreten könne . Die Gerichte durften es nicht wagen , seinen Palast zu betreten , aber der Governador erschien selber bei ihm , um Vittoria zu dem geistlichen Gericht der Kardinäle vorzuladen . Im Saale des Vatikans hatten sich die Richter versammelt . Voran als Präsident der Kardinal Farnese , ihm zunächst Karl Borromäus und Ferdinand der Medicäer . Noch waren andre Kardinäle und Bischöfe zugegen , so wie einige Schreiber und Richter der Kurie . Man wollte vorläufig die Angeklagte und scheinbar Schuldige verhören , um nach den Aussagen und Bekenntnissen nachher den eigentlichen Prozeß zu beginnen . Durch Protektion war es dem Ritter Carre gelungen , auch bei diesem Verhör zugelassen zu werden , denn er war sehr begierig , diese Vittoria , von der ganz Rom sprach , über welche die Aussagen so verschieden lauteten , persönlich kennenzulernen . Alle erstaunten , als sie statt einer Trauernden , Demütigen , die sie erwartet hatten , die hohe Gestalt im vollen Glanz ihrer blendenden Schönheit stolz hereintreten sahen . Sie hatte sich in ihre reichsten Gewänder gekleidet und ein köstlicher Schmuck schimmerte von Hals und Nacken . Farnese erschrak fast , denn er gestand sich