' n Abschied nimmt , überwältigt schlug das feurige Kind die Hände zusammen , und Leonin ' s Augen suchend , rief sie : » O , wie göttlich schön ist es , solchen Schmerz zu fühlen ! « Leonin eilte ihr näher , aber ein schnell hervorbrechendes Schluchzen des holden Wesens zeigte ihm , wie tief die poetische Erschütterung war , die sie erfahren , und er schämte sich fast , mehr ihrer Schönheit , als der herrlichen Dichtung gedacht zu haben . Doch sollte ihm keine Zeit bleiben , ihr seinen halben Antheil zu verbergen . Schritte wurden im offenen Nebenzimmer gehört ; der Graf ging dem eintretenden Kammerdiener entgegen und nahm ihm einen Brief ab , der so eben aus Paris mit einem reitenden Boten angekommen war , der Tag und Nacht den Weg gemacht hatte . Es durchzuckte Leonin , als er , den Lichtern näher tretend , durch wenige Zeilen des Marquis de Souvré von dem tödtlichen Erkranken seines Vaters benachrichtigt ward , und dem Begehren desselben , seinen Sohn noch einmal zu sehen . Er erhob den Blick von dem verhängnißvollen Blatte zu Fennimor empor , die ihn gespannt beobachtend noch an derselben Stelle saß ; er wollte noch ein Mal den Eindruck zurückrufen , dem er sich einen Moment früher so ganz hingegeben fühlte , aber schon hatte der Ausdruck seiner Züge , die sie so scharf beobachtet hatte , von ihrem Gesichte jene poetische Verklärung verwischt , die nur eben in dem Zurücktreten unserer eigenen Existenz Raum findet . Ahnungsvoll blickte sie ihn an , und er fand keine Worte ; stumm reichte er ihr den Brief , dessen Inhalt , in wenigen Worten bestehend , sie eben so schnell überflogen hatte . Fennimor erblaßte wie der Tod , und einen Augenblick schien der ungeheure Schmerz ihre Gestalt mit Erstarrung zu berühren . Leonin wagte nicht , sie länger anzublicken ; gebeugt stand er , an das Pult sich lehnend . - Da hörte er , wie sie aufstand ; bald sah er sie vor sich stehen . » Leonin , « sagte sie leise , aber fest und innig , » das ist Gottes Gebot ! Dein Vater ruft Dich ! - Du mußt fort - schnell reisen ! O , eile , eile , damit er Dir seinen Segen giebt , Du nicht , wie ich , die stumme , kalte Leiche findest ! « - » Fennimor , heil ' ger Engel , Du sendest mich selbst von Dir , Du willst mir das Allzuschwere mit Deiner frommen Kraft erleichtern ! « - » Ja , Leonin , das will ich , und Dich rüsten helfen , damit Du schnell Deinen Weg antreten kannst , und will standhaft sein und Dich nicht entkräften durch meinen Weiberschmerz , damit Du ein Mann bleibst , ein Held , wie Cid - das hätte Ximene auch gethan . « » Ha , « rief Leonin und drückte sie an seine Brust - » Corneille , welch ' ein Lorbeer sproßt heute um Deine Stirn ! Das ist Dichterberuf , die Begeisterung hervorzurufen , die das empfängliche Gemüth Dir nachfliegen macht und dem Leben den Karakter der Erhabenheit aufdrängt , mit dem Du es erfüllt hast ! « Sie sah ihn fragend an - sie wußte es nicht , daß es so war - aber , als sie an ihm vorüber aus dem Zimmer schwebte , die Worte zu verwirklichen , war in ihrer Gestalt eine Sicherheit und Ruhe , eine Erhabenheit , als schwebe der Goldreif Ximenen ' s um ihr jugendliches Haupt . - Und so hatte der helle Dezember-Morgen kaum den leichten Frost der Nacht in Thautropfen verwandelt , da zog durch das Thal von Ste . Roche der beflügelte Reisezug des jungen Grafen Crecy , und aus Eudoxiens Thurm wehte ein weißer Schleier als letzter Liebesgruß , während die fromm beherrschten Thränen jetzt wie Bäche aus den schönen Augen Fennimor ' s , vielleicht auf dieselbe Fensterbrüstung fielen , wo einst Eudoxia dem königlichen Geliebten nachgeweint . Zweiter Theil Das Gefühl , seinem sterbenden Vater entgegen zu eilen , verschlang jede andere Betrachtung in dem jungen Grafen von Crecy , und so war er weit davon entfernt , an die schwierigen Verhältnisse zu denken , mit denen er sich unter andern Umständen beladen gefunden haben würde . Eile war das Einzige , was er nöthig zu haben glaubte , und die Thürme von Paris tauchten aus dem Nebelmeere rauchender Essen und dem Dunstkreise einer zusammengedrängten Volksmasse schon am Abend des dritten Tages vor dem ungeduldigen Sohne auf , und übten auch auf ihn die magische Wirkung einer von Sehnsucht und Freude gemischten Rührung aus , von der sich vielleicht Keiner ganz losgegeben fühlen wird , der nach langer Abwesenheit die Vaterstadt zuerst wieder sieht . Die schmerzliche Erwartung , der er entgegen eilte , verschwand vor dem Anblicke dieser bekannten Spitzen und Kuppeln und machte einem kurzen Aufjauchzen seiner Brust Platz ; und als ob ihn schon geliebte Augen anlächelten , so blickte er zärtlich auf ihre im Nebel schimmernden Riesenbilder . - Es war ihm , als würde er sich seiner selbst erst bewußt , als wäre Alles , was er erlebt , bloß darum erlebt , um es hier durchzufühlen , an dieser Stelle ihn zu dem zu erheben , was er in unbestimmten Umrissen kreisen gefühlt hatte von Jugend auf ; und als ob sie die erste uud unabweisliche Autorität wären , die ihn zur Rechenschaft ziehen könnte , so bang bewegt ward sein Herz , obwol sie ihm zugleich eine Verheißung von versöhnender Liebe , ein Verständniß mit ihm und allen seinen Zuständen erschienen , wie jedes andere Gefühl dagegen zu einem fremden und oberflächlichen ward . Es sind auch gerade diese , an unser frühestes , harmlosestes Bewußtsein geknüpften jugendlichen Erinnerungen , welche den unaussprechlichen Zauber weben , von dem wir uns beim Wiedersehn des Vaterlandes ergriffen fühlen . Es ist die Hoffnung , verstanden zu werden ; diese stete Sehnsucht des strebenden Herzens , die uns so leicht zu erfüllen scheint , den langvertrauten Gegenständen gegenüber , und uns jedes erfahrene Mißverständniß vergessen läßt , uns nur an das erinnernd , was wir dort empfingen ; so viel in dieser ersten Jugendzeit , daß es jeden neuen Gewinn zu sichern scheint ! Und jetzt umschlossen ihn schon die engen , geräuschvollen Straßen von Paris - und je näher er der Fauxbourg St. Germain kam , je mehr ward seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen durch die schwerfälligen Karossen , welche , mit Dienern und Pagen behangen , einem Ziele entgegen strebten . Sein leichterer Reisewagen und sein immer ungeduldigeres Antreiben bahnten sich endlich einen Weg , der ihm bei einer schnellen Wendung das Hotel Soubise vor die Augen führte , welches seine Eltern bewohnten , und das zu seiner nicht geringen Ueberraschung das Ziel der um ihn rasselnden Karossen war , die schon in breiten Gassen davor aufgereiht standen . » So muß mein Vater leben ! « rief Leonin . - Und eben rollte sein Wagen unter das Portal des Schlosses . Bekannte Gesichter , ein lauter Jubelruf empfingen den jungen Erben , der mit einem Sprung über die Tritte hinweg unter den treuen Dienern stand , die jetzt Hände , Rockschöße und Füße mit Küssen bedeckten . » Mein Vater ! mein Vater ! « stammelte Leonin , fast erstickt von Gefühlen . » Er lebt , gnädiger Herr ! er lebt ! Gott hat ihn erhalten ! « drang es aus aller Munde . » Kaum war der Bote fort , als die Genesung eintrat . « » Und wo , wo , meine Mutter ? « - Er wies Jeden mit seinen Armen zurück und flog , Alles vergessend , überrennend , an den prachtvoll geschmückten Gästen , welche die Treppen bedeckten , vorüber , in die glänzenden Zimmerreihen , in denen er die Mutter suchen mußte . Die Marschallin von Crecy verbarg unter der feinen Miene gesellschaftlicher Höflichkeit , die sie ihr vollständiges Eigenthum nennen konnte , das unruhig bewegte Herz einer Person , welche unaufhörlich irgend eine Absicht , irgend einen Plan verfolgt , und von Allem , was sich um sie her bewegt , hauptsächlich verlangt , daß es sich nach ihrer Ansicht , ihrer Bestimmung gestalte . Es war oft bloß die Ausübung dieser Herrschaft , die ihren Entwürfen Reiz verlieh , da sie sich selten über die Geringfügigkeit derselben täuschte , und eine bittere Verachtung gegen Menschen und Verhältnisse fühlte , die sich beherrschen ließen . - Man konnte sie so durch ihre eigenen Neigungen bestraft nennen ; denn , indem sie ihren ganzen Scharfsinn aufbot , jeden Widerstand um sich her zu entkräften , machte es ihr doch gerade die übelste , finsterste Laune , daß sie Niemanden fand , der ihr gewachsen war , obwol er nur Gegenstand ihres ungemessenen Zornes , ihrer rastlosen Verfolgung gewesen wäre . Es dürfte nicht schwer werden , hiernach die augenblickliche Stellung gegen ihren Sohn zu folgern . Sie war außer sich , daß er Widerstand wagte ; aber sie ward dadurch belebt und zu einer Thätigkeit erhoben , die alle ihre Kräfte anregte . - Und daß sie gerade in ihrem Sohne den Gegenstand finden mußte , der das Wagniß versuchte , ihren Willen zu lenken , machte sie stolz auf ihn und flößte ihr den Grad von Achtung ein , der ihn ihr zum würdigen Gegner machte , der Mühe werth , ihn zu besiegen ; - denn besiegen , einen andern Gedanken hatte sie freilich nicht ! Das tödtliche Erkranken des alten Marschalls , wodurch die schnelle Einberufung des Sohnes vollständig motivirt ward , war ihr kaum willkommen . Dies Ereigniß unterstand sich , ohne ihren bestimmten Willen ins Werk zu richten , was sie sicher war , doch zu erreichen . Sie fühlte sich fast dadurch beleidigt und regte keine Hand , es zu unterstützen ; sah sich aber doch genöthigt , die Hebel , die sie für spätere Zeiten in Bereitschaft hielt , jetzt um so viel vorzurücken . Nothwendig bedurfte sie einer Collision der Verhältnisse . Das Eintreten ihres Sohnes durfte nicht das Hauptereigniß sein ; es hätte ihn ihr zu nahe , zu imponirend entgegen gestellt , und das Mittel fand sich sogleich . Mademoiselle Louise , ihre einzige Tochter , erhielt in dem Kloster der Benediktinerinnen einen Besuch von ihr , und die Marschallin zeigte sich hier so vollkommen zufrieden mit der sechzehnjährigen Tochter , daß sie der Aebtissin ihre Absicht aussprach , die Erziehung der jungen Kostgängerin vollendet zu erklären , und Mademoiselle Louise begleitete ihre Mutter nach Paris zurück . Mit eben so sicherer Hand ward hier die Präsentation des jungen Fräuleins bei der königlichen Familie bewirkt ; und jetzt war Mademoiselle Louise ein Mittelpunkt , um den sich der gesellige Glanz des Hauses Crecy-Chabanne sammeln konnte - Grund genug , das Interesse und die Gedanken der Marschallin in den Zerstreuungen von ihrem Sohne abgezogen erscheinen zu lassen . Sie hatte genau seine Ankunft berechnet . Denn , daß sich die Gesinnungen des Sohnes nicht verläugnen würden , dessen war sie gewiß ; und wenn sie auch nicht ahnte , durch welche Ueberredung er so schnell herbei geführt wurde , so war sie doch außer Zweifel , er müsse kommen , und ein Fest müsse ihn empfangen . Darauf waren alle folgenden Tage angewiesen ; und das Befinden des Marschalls legte ihr kein Gebot des Anstandes mehr in den Weg . So empfing sie heute die vornehme Welt von Paris , um die Glückwünsche anzunehmen , die ihr über die Präsentation ihrer Tochter bei Hofe zukamen . Das Palais Soubise , welches so als Eigenthum der Marschallin genannt ward , glänzte in der vollen Pracht aller aristokratischen Vorrechte , welche diese so wohl zu erhalten und hervor zu heben wußte ; ein Talent , das sie zu der ausgezeichnetsten Person des Hofes und Adels erhob und ihren Ansichten und Entscheidungen die Huldigung der Untrüglichkeit verschaffte . Sie war das vollkommenste Muster der unzähligen Abstufungen der Etikette , die einer Frau von Stande damals so hoch angerechnet wurden ; und wer sie beobachtete , konnte nie über den Rang der Personen in Zweifel sein , die sich ihr nahten . Nie verwechselte sie eine Anrede oder Erwiederung mit der anderen , und die Kürze oder Länge derselben , der leisere oder stärkere Ton ihrer Stimme , ob sie dem Gegenstande gerade gegenüber oder seitwärts gewendet blieb , mit halbem oder ganzem Blicke begegnete , das waren Nüancen einer damals hochgeschätzten Feinheit und ein sicheres Zeichen über die Ansprüche der Personen . Die Marschallin war über fünfzig Jahr alt und eine konservirte Frau . Das gleichmäßige Embonpoint ihrer Gestalt gab dem Teint ohne künstliche Mittel eine große Frische , die besonders Personen von röthlichem Haare lange behaupten . Die unsinnige Mode , dicke Lagen von Schminke zu tragen und diese Sitte als ein Vorrecht des Standes mit der Verläugnung aller Natur- und Schönheitsregeln auszuüben , gab der ältesten wie der jüngsten Dame ein gleiches Ansehn . Nur Unverheirathete genossen diesen Vorzug nicht ; und so erschien oft die frischeste Jugend mit der Farbe der Gesundheit wie bleiches Siechthum , wenn sie in eine Reihe mit den verheiratheten Damen gerieth . Die Marschallin gehörte sowol durch Geburt , wie durch Vermählung zu den Familien , welche die Ehren des Louvre genossen ; und so sehen wir in ihrem Audienz-Saale einen Thronhimmel , unter welchem die Marschallin in einem breiten , vergoldeten Fauteuil saß und sich erhob , oder sich bloß neigte , oder die Stufe , welche ihn erhöhte , hinab steigen zu wollen schien - Alles in untrüglicher Ordnung , dem Range der nahenden Gäste gemäß . Die Stickereien ihrer Robe waren so kostbar und breit , daß man die Farbe des Sammets nur bei einer Wendung in den hinteren Falten sehen konnte . Das Unterkleid dagegen zeigte auf Drapd ' or den ganzen Wahnsinn des damaligen Geschmackes , indem mit bunter Folie , Perlen und Juwelen eine Landschaft darauf gestickt war , der es weder an Thürmen , noch Bäumen , noch an der gehörigen Staffage von Menschen , Hunden und den verschiedensten Thieren des Waldes fehlte . Der Aufwand einer solchen Kleidung , zu welcher noch die reichsten Aufsätze und die kostbarsten Geschmeide gehörten , überstieg allen flüchtigen Modewechsel späterer Zeiten ; und es fanden sich nur wenige Damen unter dem reichsten Adel , welchen es gestattet war , mehr wie zwei oder drei Galla-Anzüge ihr Lebenlang zu besitzen . Doch auch in dieser Beziehung war die Marschallin eine von den Begünstigten , welche ihre Toilette bei jeder sich zeigenden Veranlassung in eine neue Form zu bringen wußte , und zwar mit der vollkommen gleichgültigen Miene , welche diese Angelegenheit bloß zu einem Geschäfte ihrer Kammerfrauen herab wies , das ihre Beachtung wenig verdiene . Doch sah man bei den Festen der Marschallin jedenfalls ein unverkennbares Streben der erscheinenden Damen , der Frau vom Hause ihr Uebergewicht bestreiten zu wollen ; und es war eine wohl aufgenommene Artigkeit , wenn man versicherte , daß sich nirgends eine höhere Eleganz der Damen zeigte , als in ihren Salons . Wir beschränken uns jedoch auf die gegebenen Andeutungen . Der Glanz einzelner Personen , das Zusammenwirken einer solchen bunten , strahlenden Masse wird sich uns von selbst aufnöthigen , und wir bezeichnen nur noch eine junge , heiter lächelnde Mädchengestalt , die , sich an dem Stuhle der Marschallin lehnend und den leicht gegebenen Winken derselben folgend , jeden Ankommenden mit den respektueusen Verbeugungen der Jugend begrüßt . Es ist Mademoiselle Louise , die Tochter der Marschallin , welche der bequeme Vorwand für die Absichten ihrer Mutter ward ; da allerdings nach einer Präsentation bei Hofe , die Etikette eine Reihe von Festen verlangte , welche die Freude über einen solchen Vorzug sowol dem Adel , als vor Allem dem Könige darlegen mußte . Am heutigen Tage nahm die Marschallin indessen noch außerdem mit besonderem süßem Lächeln und einer Bewegung des Fächers , die allgemein bewundert ward , da sie einen sanften Schmerz ausdrücken sollte , die Gratulationen über die Genesung des Marschalls an , und sie erwähnte gegen einzelne Auserwählte , daß selbst Ihro Majestäten sich ihrer liebsten Umgebungen beraubt hätten , um ihr Glück wünschen zu lassen . Auch konnte gewiß nur die finstere Herzogin von Bellefond , welche selbst außer den Zimmern der Königin nie ohne ihren kleinen Elfenbeinstab erschien , der ihr als Oberhofmeisterin gebührte , mit der Frau Marschallin den Platz unter dem Thronhimmel theilen ; da sie gewissermaßen durch ihren besonderen Auftrag von Seiten der Majestäten zu einer geheiligten Person erhoben war . Zur andern Seite stehend , befand sich der Marquis von Vieuville , der Ehrenkavalier der Königin , der mit der vollkommensten Kenntniß jeder einzelnen Person des Hofes und ihrer Verhältnisse sich den Ruf einer immerwährenden sarkastischen Laune zu erhalten wußte , daher , halb gefürchtet , halb gehaßt , der Gegenstand der verbindlichsten Aufmerksamkeiten war , und eine Höflichkeit und Zuvorkommenheit an den Tag legte , die ihm sehr bequem ward bei der Beachtung , mit der man seine Aeußerungen entgegen nahm . Die Marschallin wußte , während sie empfing , anredete , antwortete und für Jeden die passende Verbindlichkeit bereit hatte , stets einige pikante Bemerkungen über ihre Schulter dem ihr sehr vertrauten Marquis Vieuville zuzuwerfen , und der Marquis empfing diese Bemerkungen stets , um sie , mit reichen Zugaben versehen , seiner Gönnerin zurück zu geben ; während sein wunderlich schmales und trockenes Gesicht , von einem fein beschnittenen Puderstreifen eingefaßt , außer der Bewegung der Lippen keine Veränderung zeigte , und jedes spähende Auge sich vergeblich daran versuchte . » Madame , « sagte er , indem die Marschallin sich abgewendet mit dem Herzoge von Gêvres unterhielt - » Sie sind heute dazu bestimmt , ganz Paris zu zeigen , wie die vollkommenste Dame des Hofes die zartesten Gefühle als Gattin und Mutter mit der bezauberndsten Eleganz zu vereinigen weiß , die auch dieses Genre aus dem rohen Naturzustande erhebt , worin es uns so beschwerlich fällt - Sie werden , wenn Sie sich gnädigst wenden , den jungen Grafen von Crecy erblicken ! « Einen Augenblick genoß der Marquis das schnelle Vibriren auf dem Angesichte der Frau Marschallin und begleitete es mit einem Lächeln , welches sagte : Sie sind doch noch nicht vollkommen Meisterin ihrer selbst ! als diese auch schon , ohne aufzublicken , völlig sicher über ihren ironischen Beobachter , mit dem Lächeln der höchsten Sammlung sich dem ihr entgegen Eilenden zuneigte und es nicht ungern versäumte , ihm zuvor zu kommen , als er sich mit kindlichem Enthusiasmus ihr zu Füßen warf . » Also zu einem dreifachen Feste erheben Sie durch Ihre Ankunft diesen Tag ! « rief sie mit anmuthigem Eifer . - » Stehen Sie auf , mein theurer Sohn ! Wenn Sie leider nur der Segen Ihrer Mutter hier empfängt , so erhielt Ihnen doch die Gnade Gottes den Vater , den Sie so liebevoll zu erreichen strebten . Mein Herz dankt Ihnen für diese lebendige Theilnahme ! Und lassen Sie mich hinzusetzen : ich erwartete nichts Anderes von Ihnen ! - Mademoiselle Louise , umarmen Sie Ihren Bruder ! « Zurückgedrängt mit allen seinen Gefühlen , erkannte der junge Graf , indem sein natürlicher Stolz die Oberhand gewann , wohin seine Mutter ihn vorläufig verwies ; und aus dem hingerissenen Zustande kindlicher Liebe und Freude sich empor raffend , rief er sich die Sitten der vornehmen Welt , die eine lange Gewöhnung ihm bequem werden ließen , zurück , um sich auch jetzt vor der klugen Beobachtung seiner Mutter damit zu behaupten . Er fühlte daher auch bald , daß er es sein müsse , der sich einer Gesellschaft entzöge , welcher er vor seiner Präsentation nicht zugehörig sein konnte , und fand die Bestätigung dieser Voraussetzung in der entschiedenen Haltung der Marschallin , die auch nicht die kleinste Bewegung zu einer Vorstellung ihres Sohnes an die ihr durch Ihren Rang am nächsten stehenden Personen machte , sich nach der Umarmung mit seiner Schwester , mit ihm wie in ihrem Privatkabinette unterhielt und dadurch alle Theilnahme der sie Umgebenden ablehnte . Sie beobachtete dabei mit geheimen Vergnügen , wie stolz und gewandt seine Haltung und seine Worte waren , und mußte diese Beobachtung noch bestätigt fühlen , als er ihr jetzt selbst seine Bitte vortrug , die Gesellschaft verlassen und seinen Vater aufsuchen zu dürfen . Nachdem sie ihn beurlaubt , setzte sie ihre Unterredung mit dem Herzoge von Gêvres so ruhig fort , daß sie eine Anspielung auf das eben Erlebte Jedem unmöglich machte , und so das plötzliche Auftreten des jungen Erben anscheinend unbemerkt vorüber ging . Nur Zwei in diesem Kreise hatten das Ereigniß tief empfunden , und wie verschieden auch ihre Gefühle waren , Beiden schien es gleich wichtig . Louise de Crecy hatte den Bruder umarmt ; die einzige Sehnsucht ihres unschuldigen Herzens war erfüllt . Sie wußte ihn nun in ihrer Nähe , diesen Schutzheiligen ihrer klösterlichen Träume , an den sie alle unverstandenen Wünsche ihres Herzens knüpfte , den sie so fest und sicher sich gewonnen glaubte , daß über den Rand ihrer Silberrobe , die wie ein Bollwerk ihre jugendliche Heiterkeit einfing , ihr kein Hinderniß mehr für das fröhlichste Leben mit ihm möglich schien , und ihr Blick dem Davoneilenden mit dem bezaubernden Lächeln der Befriedigung folgte . Auch die Augen des Marquis de Souvré folgten dem Jünglinge , und gleich der unschuldigen Louise , glaubte auch er ihn jetzt sicher zu haben . Aber , wenn Beiden die Stunde der Erfüllung schlug , war doch Beider Gefühl so ungleich , als Fluch und Segen ! Er mußte es hören , wie der Eindruck dieses flüchtigen Erscheinens , den die Marschallin nur in ihrer nächsten Umgebung zum Stillschweigen zu verweisen vermochte , um ihn her eine große Bewegung erregte ; und so sehr er mit den Schwächen der Menge vertraut war , so sehr er ihr Urtheil verachtete und genau wußte , daß unbedingtes Lob , wie es hier dem jungen Erben nachtönte , nur eben in diesem ersten , bedeutungslosen Auftreten zu suchen sei , das noch kein Interesse berührte oder durchschnitt - so reizte es ihn dennoch , seine schöne stolze Gestalt , seine feine Haltung bewundern zu hören . Während dessen durcheilte Leonin mit klopfendem Herzen die prachtvollen Gemächer und lenkte schnell in die abführenden , nur matt erleuchteten Corridore , die nach dem Gartenflügel führten , in welchem sein Vater in unabänderlicher Form und Weise seine Zimmer eingerichtet hatte . Welch ' ein Wechsel drängte sich in diesen hohen , alten Rüstkammern dem Beobachter auf ! Es schienen nur Zelte und Wachtfeuer zu fehlen , um hier ein Lager zu vergegenwärtigen , und das Feuer fehlte auch nicht in den weiten Kaminen ; denn diese hohen Marmor-Säle , mit eisernen und stählernen Rüstungen bedeckt , von marmornen Heldengestalten unterbrochen , athmeten eine so erstarrende Kälte aus , daß die Flamme in den Kaminen niemals fehlen durfte . Eben so war das Schlafgemach ; nur kleiner , aber von jedem verweichlichenden Luxus der Zeit entfernt , mit kahlen Wänden , ohne Vorhänge , nur mit dem eisernen Feldbette des Marschalls möblirt , zu welchem die hölzernen Stühle und Tische , die einst sein Zelt bedient hatten , hinzu kamen , und mit einem über dem Bette befestigten Bündel Fahnen , welche weit überhangend , es zu schirmen schienen und dem Gemache das unverkennbare Ansehen eines Zeltes gaben . Auf diesem Ehrenbette , von harten Kissen gestützt , ruhte der Marschall von Crecy , bloß mit einem ungeheuern Reitermantel bedeckt , und hörte den Gesprächen zu , die der Kaplan des Hauses mit dem Arzte des Grafen zu seiner Unterhaltung zu führen suchten - als die hastigen Schritte , welche Allen vernehmbar den Vorsaal durchmaßen , schnell die Thür des Schlafgemaches erreicht hatten , und in demselben Augenblicke der Sohn mit kaum verständlichen Lauten des Entzückens zu den Füßen des Vaters lag . » Holla , das ist mein Sohn ! « rief der alte Marschall , und das eiserne Feldbett fuhr rasselnd ineinander von der heftigen Bewegung , womit der riesige Greis den müden Körper aufraffte , das Kind seines Herzens , den einzigen noch warmen und lebendigen Punkt desselben zu ergreifen . Er hielt ihn jetzt an beiden Schultern wie ein Kind in die Höhe , und das alte braune und benarbte Gesicht , das weder vom Alter , noch von der Krankheit sich seine Energie hatte rauben lassen , lachte dem Liebling in die Augen mit dem vollen Sonnenglanze unverkümmerter Zärtlichkeit . » Ha , « fuhr er fort mit kurzem Lachen , indem ein Paar dicke Thränen ihren Weg über sein Gesicht nahmen - » ha , mein Junge , bist Du da , hast Du Dein altes Gesicht - Dein altes Herz mitgebracht ? « Aber die Antwort erdrückte er , indem er ihn fest an seine Brust schloß und ihn dann von sich stieß , bloß um ihn anzublicken . » Seht , Ihr Herren , « fuhr er fort , » da hab ' ich einen Sohn ! Nun könnt Ihr nur gehen , Doktor , mit Euren Pillen und Pflastern , jetzt hat der alte Marschall Anderes zu thun , als krank zu sein ! - Nicht , mein Junge ? hab ' ich nicht Recht ? « - » Gewiß habt Ihr das , theurer Vater ! Und immer habt Ihr mir gelobt , daß Ihr mich erwarten wollet , mir selbst die Sporen zu schenken bei meiner Rückkehr ! « » Ja , ja , der Junge hat ein gut Gedächtniß ! « lachte der alte Marschall . » Seht Ihr wohl - Der braucht mich noch ! Dem bin ich noch nöthig ! Dem muß ich noch die Leine halten , damit das junge Kampfroß den freien Lauf lernt ! « » So ist es , lieber , lieber Vater ! « rief Leonin mit überströmender Zärtlichkeit - » Aber sagt mir auch , wie es Euch geht , ob ich gewiß an Eure Genesung glauben darf . - Welche Angst hat mich auf meinem Wege verfolgt ! « » Was das für ein Sohn ist ! « rief der erschütterte Greis . - » Doch laß das , mein Kind , und glaub ' mir , es waren unnütze Schwätzereien von Deiner Frau Mutter und dem Herrn Doktor da - Dein Vater war gar nicht krank ; und hätten sie mich nicht all das Zeug verschlucken lassen , was der dort zusammen gehext , und meinen armen Körper in Ruhe gelassen , der ehrenvollere Wunden trägt , als ihre elenden Pflaster zogen - ich wäre längst gesund ! « » Gemach , Euer Gnaden ! « rief der angegriffene Arzt - » Die Genesung täuscht uns leicht über die überstandene Gefahr und macht uns ungerecht gegen die empfangene Hilfe . Es war dies Mal nicht in die Willkür Euer Gnaden gestellt , zu genesen . Verdächtigen der Herr Marschall unsere Kunst nicht bei dem jungen Herrn ! « » Du siehst , Leonin , « lachte der Marschall , dem Gekränkten versöhnend die Hand reichend , » er muß immer Recht behalten ; aber ich werde es ihm jetzt zeigen , wer Herr ist ! « - Und schnell warf er den Mantel zurück und stand völlig gekleidet , wie er fortwährend blieb , vor den Zurückweichenden . » Jetzt sagt mir , daß ich krank bin ! « rief er und richtete sich mit einer Kraft empor , die wirklich jede Befürchtung niederschlagen mußte . Leonin begrüßte nun den würdigen Kaplan , der zugleich sein religiöser Führer und Beichtvater war , während der Marschall , noch immer im Streite mit dem Alles verweigernden Arzte , Alles durchsetzte , was er beabsichtigte ; da sein natürlicher Starrsinn dies Mal von einem Jubel des Herzens unterstützt ward , der zu rührend und verständlich für alle seine ihn herzlich liebenden Diener war , um nicht jeden ausgesprochenen Befehl , trotz aller Gegenreden des eben so halb erweichten Arztes , aufs schnellste in Erfüllung zu bringen . » Denn - mein Junge , « schloß er den kurzen , raschen Befehl an seine Diener , die Abendtafel in seinem Zimmer anzurichten - » Du läßt wohl heute Deine Frau Mutter ihre Galla allein genießen und bleibst bei Deinem einfachen alten Vater , der wenigstens wie ein Mann lebt . « Zärtlich eilte Leonin in die Arme des geliebten Vaters , und seine Worte ließen immer neuen Sonnenglanz über das alte Heldenantlitz streifen . Bald fand sich Alles so eingerichtet , wie der Marschall es sich ausgedacht , und auf den hölzernen Feldstühlen saßen Alle um die Tafel , an der die Einfachheit des Marschalls ihre Grenze fand ; wie er überhaupt dieselbe nur als eine Laune für sich anerkannte und allen aristokratischen Aufwand zuließ und verlangte , seine launenhafte Einfachheit zu umgeben . Seine Tafel glänzte von Gold und Silber , seine zahlreichen Diener waren in Stickereien gehüllt und so steif frisirt , wie in dem Antichambre einer Dame . Im Vorzimmer befand sich , so wie die Tafel bereitet war , ein Musikkorps , welches mit den lärmendsten Instrumenten die Märsche und Tänze aus der früheren Lebensperiode des Marschalls spielen mußte , der es nicht ungern sah , daß man , sich die Stunde seines Diners merkend , ihm aufwartete , wenn er mit einigen Freunden oder auch ganz allein , da er nie mehr mit seiner Gemahlin speiste , zu Tische saß . Man mußte mit ihm gleichen Ranges oder aus den Umgebungen der Majestäten sein , wenn er den Wink gab , einen Sessel herbei zu holen ; im anderen Falle ließ er Alle um sich her stehen , während er mit der