der Erläuterung beizufügen . « » Kann uns ein Dritter begleiten ? « fragte ich den Rächer des Judenthums . » Wenn er Mann genug ist , um nicht zu erröthen vor einem nackten Geheimniß . « Oskar begleitete mich und den Juden , dessen Haus wir in wenig Minuten erreichten . Dunkle Gänge waren überfüllt mit Waarenballen , Kisten und Kasten . Ueberall herrschte Ordnung , aber auch eine öde fröstelnerregende Todtenstille . Ein geräumiges Gemach nahm uns auf , ausgeschmückt mit allen Luxusgegenständen modernen Lebens . Lange , niedrige Ottomanen zogen sich an den Wänden hin , mit purpurrothem Sammet überspannt , persische Teppiche bedeckten den Fußboden . Tische und Stühle waren vom feinsten Mahagony mit schwarzem Ebenholz zierlich ausgelegt . Auf einem derselben vor der Ottomane standen zwei Armleuchter von gediegenem Silber , auf denen weiße Wachskerzen brannten . Das Zimmer war leer , durchduftet von einem angenehm reizenden und das Gemüth erheiternden Wohlgeruche . Mardochai legte sich nach orientalischer Sitte auf die schwellend weichen Kissen und lud uns ein , ihm zu folgen . » Ich lebe nach den Vorschriften meiner Väter , « sagte er , » und erfreue mich so an dem künstlich geschaffenen Vaterlande der Verheißungen , die der Gott Abraham ' s seinen Nachkommen gegeben . Dieses Morgenland , das mich hier umgibt , läß manche andere Annehmlichkeiten vergessen . Unsere Nationalität ist hartnäckig und der Einzelne kann sich ihr nicht ganz entziehen , wenn er nicht laut als Apostat geschmäht sein will . « Er schellte , eine fein gefugte Thür öffnete sich und ein Mädchen von höchstens funfzehn Jahren , ächt orientalisch gekleidet , von den edelsten Formen , trat ein , sich vor dem Juden tief verbeugend . » Sara , « sprach Mardochai , » bringe unsern Gästen Wasser und besorge das Nachtessen . « - Die schöne Jüdin verließ das Zimmer und kehrte sogleich wieder zurück mit einem glänzenden silbernen Waschbecken und feinen Linnen . Sie bot zuerst ihrem Vater das Becken , dieser wiß sie jedoch zurück und mir zu . Obwol ein Feind aller Ceremonien konnte ich doch der reizenden Jüdin den Dienst nicht abschlagen . Ich tauchte die Hand in die krystallene Welle , aus der in zitternder Bewegung Sara ' s schönes Profil mich ansah . Nach der Abluition dankte ich dem holden Wesen , das in glücklicher Kindlichkeit die ganze Fülle seiner Schönheit meinem prüfenden Auge preis gab . Sara trug ganz die Züge ihres furchtbaren Vaters , nur gemildert durch des Weibes anmuthvolle Grazie und die schuldlose Sanftmuth ihres Alters . Das schwärzeste Haar quoll unter dem blau- und weißseidenen Turban hervor , und legte sich weich und schmeichelnd an den alabasterweißen Nacken . Ohrringe von orientalischen Perlen , eine unheimliche Flamme in sich tragend , schaukelten hin und wieder , wenn sie den Kopf bewegte . Das große , schwarze Auge beschatteten die längsten und zartesten Wimpern , die ich je gesehen hatte , und das feine Lid hob und senkte sich wie eine Wolkenflocke um den Glanz eines schönen Sternes . Gelbe Stiefeln schmiegten sich an den kleinen Fuß und das feine Knöchel , dessen Zartheit durch das weite Beinkleid noch mehr bemerkbar ward , das unter dem reichen Ueberwurf hervorlauschte . » Hast Du die Lastträger abgelöhnt ? « fragte Mardochai , eine lange türkische Pfeife , die neben der Ottomane lehnte , anbrennend . » Ich bin gehorsam gewesen Deinen Befehlen , « antwortete Sara und verschwand , wie sie gekommen , in der Thür . Ich glaubte in ein Mährchen aus tausend und eine Nacht versetzt zu sein , und hätte bald den Zweck vergessen , der mich in Mardochai ' s Zauberhöhle führte . » Während Sara für unsern Körper Sorge trägt , « begann Mardochai , » wollen wir selbst unser geistiges Heil bedenken . « - Er blies weiße Rauchwolken aus seiner Pfeife und legte sich bequem wie ein türkischer Bassa in die Kissen . » Wenn Sie längere Zeit mit Gleichmuth verkehrt haben , « fuhr er fort , » so werden Ihnen auch die frühern Schicksale Friedrich ' s nicht unbekannt geblieben sein . Vieles freilich weiß Gleichmuth selbst nicht , und ich , der sich nur gezwungen , aus Noth , Politik , Vorsicht , oder wie Sie ' s sonst nennen mögen , in die Angelegenheiten Fremder mischt , fühle mich jetzt gedrungen , über Friedrich ' s Zustand ein Wort zu sprechen , um sehr nahe liegenden Verläumdungen vorzubeugen . Wir lebten vor vielen Jahren in Bonn zusammen , ich als Arzt , Friedrich als Musiker . Gleichmuth , ein Mensch voll Leidenschaft , aber von dem launenhaften Zufall bestimmt , Theolog zu werden , schloß sich eng an uns an . Andere kamen dazu und es bildete sich ein kleiner Kreis , der originell genug war und sobald wol nicht wieder in dieser widerstrebenden Curiosität zusammentreten möchte . Es ward Manches probirt , was der Gemeinheit frevelhaft erscheinen könnte . Wir studirten das Leben der Nationen , den Geist der Religionen und den Ungeist der Culte . Dabei wurden denn Entdeckungen gemacht , die nicht zu den gewöhnlichen gehörten . Auch ohne Streit und heftiges Widersprechen ging es nicht ab . Mancher schied aus , um die besprochene Theorie in die Praxis zu übersetzen , ja ein Narr war so begeistert von den witzigen Einfällen , womit einige gutmüthige Schwachköpfe vor vielen hundert Jahren einmal die Weltgeschichte ergötzten , daß er augenblicklich beschloß , ein Märtyrer zu werden . Dies Alles gehört indeß wenig zu dem , was ich Ihnen mitzutheilen habe . Eng an mich und Gleichmuth drängte sich Friedrich und ein gewisser Casimir , der seit langer Zeit verschollen ist . Friedrich war mir nächst Gleichmuth der Interessanteste , nicht , weil seine geistige Kraft überwiegend der meinigen sich opponirte , sondern des unwiderstehlichen Hanges wegen nach tiefer religiöser Befriedigung . Es gehört zu meinen geheimen Inclinationen , dasjenige fördern zu helfen , was in irgend eines Menschen Natur sich durcharbeiten will , aber nicht genug eigne Kraft dazu besitzt . Hier trete ich gern mild helfend in ' s Mittel und suche durch Wort oder That die Schleußen der Natur zu öffnen , um in freiem Strome das Leben sich austummeln zu lassen . Denn Leidenschaft gehört zum wahrhaftigen Leben , und ein irdisches Dasein kann nur dann dem Himmel Bürger erziehen , wenn es sich in Genuß und That selbst zu begreifen sucht . Der Erdenmensch sollte im Stillen zu der Einsicht kommen , daß er in einem gewissen Sinne mächtiger sein könnte als Gott , weil er aufhören darf , in diesem Dasein zu leben , sobald es ihm gefällt , Gott aber gebunden wird an Seine Existenz durch den errungenen Sieg der Unsterblichkeit . In dieser schaffenden Schranke aufgefaßt , könnte man , als Skeptiker , Gott wol den Diener seiner eigenen Unsterblichkeit nennen . Eben darum aber , weil Gott als ein Unsterblicher fertig ist , braucht man ihn nicht zu fürchten . Nur das Werdende bringt Gefahr , ist aufgelegt zu Revolutionen und muß daher unterstützt werden im Entfalten , nicht im Vollenden . Nach diesem Grundsatze , der bloß ein Ergebniß meiner naturhistorischen Studien war , indem ich diese nicht als todte Sache , sondern als ein großes Leben behandelte , dessen Seelenregungen ich belauschen wollte am Tact ihres Pulses , am Tritt und Klang ihres ewigen Schaffens , suchte ich auch das Leben Anderer psychisch zu durchfühlen . Ich trieb angewandte Psychologie , wie man angewandte Mathematik lehrt . Die Menschheit war das große Rechenexempel , an dem ich den Witz der Schöpfung oft zu Tode zu hetzen Lust verspürte , und der Mensch selbst diente mir zum Magister Matheseos . Nun fanden sich grade in Gleichmuth und Friedrich zwei Individuen zusammen , die in ihrer natürlichen Opposition meine Experimentirlust reizten . Beide wurden getragen von schwärmerischer Leidenschaftlichkeit . Sie beherbergten viel europäische Poesie in sich , die aber in Keinem zu rechter Reife gedeihen konnte . Das erbarmte mich . Tyrannisch in die Brust eines Andern zu greifen und ihm zu sagen : das steckt in Dir , Mensch ! diese Verfahrungsart liebe ich nicht . Semiotik war von jeher mit Eifer von mir betrieben worden , und psychische Semiotik blieb nun gar meine specielle Liebhaberei . Ich spürte bald , woran es beiden gebrach . Sie hatten sich mit der Vorsehung schon in der Wiege überworfen . Das mußte ausgeglichen und wieder ins Gleichgewicht gebracht werden . Ich that , was mir - als Arzt - oblag , und Beide gestanden mir , daß sie sich wohl befänden bei den diätetischen Verhaltungsregeln , die ich ihnen anrieth , und die , bei Moses und den Propheten ! nicht gar sehr streng waren . Gleichmuth kam früher zum Ziele , als Friedrich , und da ich voraussetzen kann , daß sie ziemlich genau bekannt sind mit Gleichmuth ' s Lebensbekehrung , so halte ich mich hier blos an Friedrich und sein Schicksal . « Sara ' s Eintritt unterbrach hier Mardochai ' s Erzählung und gab mir Raum , die Gefühle wieder in wohlgezogene Ordnung zu stellen . Denn Du wirst es natürlich finden , daß jede unverdorbene Faser meines tiefsten Menschen in aufrührerische Bewegung gerieth bei der Erzählung dieses göttlich-dämonischen Juden . Es gehörte diese Schlauheit , diese Ruhe , diese fein nüancirte Ueberredungskunst dazu , um einen zwar leidenschaftlichen , aber geistig so hell sehenden Menschen , wie Gleichmuth ist , so consequent zu bethören . Mardochai ist wahrlich ein Gott in der Rache , und gibt es Belohnungen , Kronen für solche Thaten , so muß sie alle dieses Juden Scheitel einst schmücken . Als Sara den Tisch gedeckt und sich wieder entfernt hatte , fuhr unser Gastfreund fort : » Friedrich betrieb , wie schon gesagt , die Musik , und zwar mit Talent und Glück . Musikalische Naturen sind immer in einem gewissen Sinne von schwärmerischer Gemüthsart , und wird dies nicht immer sichtbar , so liegt es blos an der Nichterweckung der Schwärmerei . Sie schläft in jedem Musiker , und es sollte mir , wollte ich meine Experimentirübungen fortsetzen , nicht gar schwer fallen , Diesen und Jenen zu einen vollendeten Schwärmer zu erziehen . Ein Musiker ist selten ungläubig , meist abergläubig , zuweilen auch Beides . Nichts leichter nun für einen psychisch gewandten Arzt , als den Unglauben durch langsames Aufrollen des Aberglaubens zu erdrücken . Friedrich glaubte an nichts , als an die Göttlichkeit der Musik , doch konnte er meinen tieferen Blick nicht täuschen . Ich bemerkte , daß die Göttlichkeit seiner eigenen Musik in der Mystik religiöser Ahnungen ruhe . Dies war mir genug ; ich wartete nur auf die günstige Stunde , um ihm dies selbst fühlen zu lassen . Sie kam , als unerwartet ein katholischer Jüngling aus unserm Kreise schied , um Mönch zu werden . Friedrich erstaunte , war tief ergriffen und schrieb auf der Stelle eine Messe , in der eine unendliche Mystik die wehmüthige Ahnung seiner eigenen Seele an meinen klaren Verstand verrieth . Als er mir diese Töne vorspielte auf seiner Violine , mit jener Begeisterung künstlerischen Aufgehens in der eigenen Schöpfung , klopfte ich dem Virtuosen auf die Schulter und sagte : Friedrich , das ist Dein Fach ! Du mußt ein christlicher Componist werden . Schreibe , wenn ich Dir rathen darf , Messen , Cantaten - schreibe musikalische Seelenmessen ; doch laß immerhin ein wenig frivoles Weltgetümmel hineinschreien in Deine Melodien . Das wird Dich erst recht belehren , wie Du so ganz zur Kirchenmusik geboren bist . Friedrich ' s Auge glänzte in Begeisterung , er sah lange Zeit prüfend in das meinige , sank dann an meine Brust und rief aus : Du hast immer Recht , Mardochai , man muß Dir gehorchen , ohne es zu wollen . So waltet Gott über seiner Schöpfung , und bedürfte er eines Stellvertreters , Du könntest ihm vorgeschlagen werden . Schade daß Du ein Jude bist ! - Es war Schade , ich muß Friedrichen noch jetzt Recht geben , aber es war auch gut . Der Jude eben befähigte mich , der Versuchung zu entgehen , die mir Friedrich ' s zu wohlwollende Güte zudachte . Zu jener Zeit lebte ein wohlhabender , aber schwachköpfiger Mann in der Nähe Bonn ' s , der zuweilen auch mich besuchte . Dieser Mann , schon bejahrt , ward von der jüngeren Männerwelt seiner religiösen Einbildungen wegen gewöhnlich nur der veilchenblaue Engelhüter genannt ; denn er behauptete mit unerschütterlicher Festigkeit , alle Engel trügen im Himmel veilchenblaue Roben mit rosarothen Bändern , und ein ehrwürdiger Greis in weißen Strümpfen mit gelben Zwickeln führe sie früh und abends durch den Himmel spaziren . Es war mir nun zwar ziemlich gleichgiltig , was der Mann von sich hielt und den Amusements in seinem Himmel , nur durch Friedrich ' s Aufmerken ward er mir interessant und sogar bedeutsam . Sie wissen , Christus ritt unter dem Jauchzen des Volkes , von Palmzweigen umweht , über ausgebreitete Teppiche auf einer Eselin in Jerusalem ein , um ein paar Tage später gekreuzigt zu werden von meinen harthörigen Vorfahren , warum sollte denn nicht ein moderner Virtuos an der Hand eines Pietisten dem Ziele seines Lebens entgegengehen ? Jener Mann hieß Steinhuder und hatte Geld die Fülle . « » Steinhuder ! « rief ich und Oskar zu gleicher Zeit . » Sie haben richtig gehört , « fuhr Mardochai ruhig fort . » Der Mann ging und kam ; ich vermochte Friedrichen , sich mit ihm zu unterhalten - denn Steinhuder sprach nur himmlische Dinge , und diese auch in himmlischer Weise . Bald fand Friedrich Gefallen an diesem Umgang , wie ich bestimmt glaube , weil er durch jene mystisch-dunklen Gespräche eine Begeisterung in sich aufflammen sah , die seine musikalisch schöpferische Natur zu bisher ihm unbekannten Tongebilden hintrieb . Musik will an andern Gegenständen groß gezogen werden , als die Poesie . Ein in Knechtschaft ergebenes Gemüth wird musikalisch Größeres schaffen , als die Freiheitsbegeisterung eines radikalen Republikaners . Von jetzt an componirte Friedrich die herrnhutisch mystischen Lieder des Grafen von Zinzendorf , das Monstrum aller religiösen Geschmacklosigkeit , die lächerlich-ekelhafte Wundenlitanei und andere in ihrer Manie heilig sein zu wollen profan und frivol gewordene Gesänge z.B. den Seelenbräutigam . Gewissenhaft theilte er mir diese Compositionen mit , und ich lobte oder tadelte seine Producte , je nachdem ich es nöthig fand . Dabei unterließ ich nie , den Virtuosen consequent fortzustoßen auf seinem Pfade , der ihm angewiesen war von der Vorsehung oder - wenn Sie wollen - von dem Zorne des Himmels . Friedrich gehorchte . Sein Gemüth erschloß sich in jener Thränenfluth , die eine misverstandene Sentimentalität in überreicher Fülle über die Erde ausgießt . Er besuchte die Versammlungen der Frommen , bei denen der reiche Steinhuder präsidirte . Die Gesangstücke wurden von Friedrichen componirt , genial-barock , mystisch-verrückt , aber mir zu unendlicher Freude ! - Bleiben Sie ruhig , meine Herren , das Ende wird Ihnen die Gerechtigkeit meiner Freude schon erklären . Während dieses allmähligen Uebertretens zum Pietismus von Seiten Friedrich ' s ward Gleichmuth durch ein Hineinstürzen und leidenschaftliches Durchtoben seiner Lebensphasen der Vollendung entgegengerissen . Ich konnte nur mattherzig wirkend eingreifen , um ihn zu verhindern an gänzlichem Abschluß . Dazu bedurfte ich einer kleinen Charlatanerie . Friedrich mußte thätig dabei sein , bereute aber später seine Theilnahme und legte nun seine schmerzerfüllte Seele in einen Zuckerguß von pietistischer Frömmelei zur Ruhe . Ich hatte hier abermals hindernd eingreifen können , aber ich wollte nicht . Dieser Lebenslauf war Friedrich ' s psychische Bestimmung . Nur zur Rundung mußte ich noch Hand anlegen , und so weit meine Kräfte reichten , war ich nicht müßig . Steinhuder ward meinem Geiste zinsbar durch seinen Ungeist . Ich pfändete ihn aus , wenn er mit Friedrich nicht gebahrte , wie seine Natur es verlangte , und - Steinhuder fürchtete in mir - den Juden . - So kleidete sich Friedrich immer tiefer ein in die Harlekinsjacke einer Frömmelei , die halb aus protestantischen Dogmenflittern , halb aus katholischer Mystik zusammengesetzt war . Sein Gemüth sank zusammen , wie ein übergangener Mehlteig auf einem heißen Ofen , er ward etwas beschränkt , schwerfällig von Begriffen , aber eminent und erhaben in Stegreifcompositionen auf der Violine . Als er ein vollendeter Dummkopf geworden , als seine Seele brach lag auf dem Acker der Weisheit und stiller Forschung ; da befahl ich Steinhuder ' n , er solle diesen durch seine potenzirte Religiosität verpfuschten Bürger der Erde ernähren , und ich ließ mir von ihm einige tausend harte Thaler geben , um mit ihrer Hilfe für die Erlösung Israels zu arbeiten nach meiner Weise . So ward Friedrich blödsinnig . Heilig allein und göttlich unverfälscht blieb in ihm nur die Musik . Unbewußt schafft jetzt der Genius derselben in wilden Inprovisationen , was kein Sectengeist tödten , aber wol zu sündhafter Aufreizung anspornen kann . Friedrich spielt die originellsten Parodien auf die mystische Composition seiner Wundenlitanei , und ich sporne ihn an zu immer heller aufjauchzendem Frevelspiel , weil anders für Euch und mich keine Rettung ist . « Hier wurde der kalte Erzähler durch den Eintritt eines Dieners , der die Abendmahlzeit auftrug , unterbrochen . Sara folgte , Mardochai ließ das Thema fallen , änderte seine ganze Redeweise und ward der heiterste Wirth . Er erzählte artige Scherze aus seinem Leben als Handelsmann , Verwechselungen und Täuschungen , wie sie ihm wiederholt auf Reisen begegnet waren . Ein feiner Humor , der nur leise , aber doch treffend die bedeutendsten Fragen der Zeit berührte , würzte das Mahl . Der Ernst schien aus des Juden Gesicht völlig gewichen zu sein , und wer ihn zum ersten Male in solcher Umgebung gesehen hätte , würde ihn eher für einen sanguinisch vergnüglichen Lebemann gehalten , als jenen vernichtenden Feind des gäng und geben christlichen Denkens in ihm entdeckt haben . Mit seiner schönen Tochter scherzte und neckte er sich mit liebenswürdiger Schalkhaftigkeit . Und Sara war auch in der That so zurückhaltend launig , so lockend verführerisch , daß wol selbst ein Vater , der so hohe Zwecke in seinem Handeln verfolgte , wie Mardochai , von dem Liebreiz des schönen Geschöpfes hingerissen und dem tödtenden Ernst des täglichen Strebens entzogen werden konnte . Es wunderte mich , daß die Speisen streng nach den Vorschriften des Mosaismus bereitet waren . Aus Gleichmuth ' s Lebensgeschichte hätte ich in Mardochai eher einen Verächter so nichts sagender Regeln gesucht . Der Jude mußte , gewöhnt an ein schlaues Durchforschen aller Begegnenden , etwas Aehnliches in mir argwöhnen , denn schnell sich zu mir wendend , sprach er : » Sie wundern sich wahrscheinlich , daß ich streng an dem Gesetz meiner Väter halte und es doch keineswegs verachte , in Dingen des Luxus der neuesten Zeit große Opfer zu bringen . Es ist dies nöthig , weil wir in Europa sind . Der Ekel an dem , was anbrüchig ist in dieser Zeit und Welt , treibt uns wider Willen entweder zu gänzlicher Entsagung oder zu einer scheinbaren Verehrung . Da jene oft zweckwidrig bleibt , so hält man sich an diese . Ich befolge das Gesetz meiner Väter , nicht weil ich es für untrüglich halte , sondern dem Zwecke zu Liebe , den ich damit verknüpfe , und dieser ist groß und heilig ! - Aber wozu solch ' Geschwätz ? - Lassen Sie sich ' s wohl schmecken bei einem Juden , und Du Sara , unterhalte die Herren mit Deinen Künsten . « Sara stand lächelnd auf . Mit einer graziösen Verbeugung , noch gehoben durch die naive Verschämtheit , die sie begleitete , schlüpfte das reizende Kind fort und verschwand hinter einem Vorhang von schwerer grüner Seide . Bald darauf rauschte die Hülle zurück , Sara ruhte nach orientalischer Sitte in der anmuthigsten Stellung auf einem Divan von himmelblauem Sammet , über dem eine weiße Marmorbüste aus der Wand ragte . Sie schien mir Aehnlichkeit mit Moses zu haben , wie er gewöhnlich abgebildet wird . Von oben herab fiel ein blendendes Licht auf die schöne Gestalt . Sara hielt eine Zither im Arm , und spielte und sang mit gleicher Geschicklichkeit ein sanftes Lied . Als sie geendigt , sprach Mardochai : » Nicht diese melancholischen Klänge unsern werthen Gästen ! Etwas Heiteres , Lustiges , und zeige , daß Du auch geübt bist in der Kunst , den Körper melodisch zu bewegen , wenn Harmonieen die Luft in den vollsten Schwingungen erbeben machen . « Die schöne Jüdin schlug scherzhaftere Klänge an , ihr schlanker und doch üppig gerundeter Körper erhob sich , je mehr die Töne anschwollen , zu Lust und Scherz . Bald jubelte eine ausgelassene Freude aus den Saiten der Zither , und Sara schwebte mit Silphydenleichtigkeit nach dem Tact des Spieles in dem schimmernden Boudoir , wie eine körperlose Erscheinung umher . Auf einen Wink Mardochai ' s fiel der Vorhang wieder zusammen und das überraschende Intermezzo war vorüber . Sara kam wieder zur Tafel . Sie reichte eingemachte Früchte umher . Das Echauffement hatte ihre Schönheit mehr gehoben . Ich suchte ihren Blick aufzufangen , Sara unternahm ein ähnliches Manöver , und das kurze Vorpostengefecht , das sich bei diesem Wollen und Nichtsollen zwischen unsern recognoscirenden Blicken entspann , war ganz dazu geeignet , uns beide in eine bedenklich glückliche Lage zu versetzen . Sara hatte alle Leidenschaftlichkeit geerbt von ihrem Vater , und nur die empfindliche Eitelkeit ihres Geschlechtes von der Natur noch mit in den Kauf bekommen . Sie erröthete , begann zu zittern und verschüttete die Süßigkeiten , als sie mir die geschliffene Krystallschale reichen wollte und zufällig dabei meine Hand berührte . » Du kannst uns nun verlassen , Sara , « sprach Mardochai , dessen Blicke basiliskenartig Alles durchspähten . Sara gehorchte , sie schied mit einer Verbeugung , die schönen Hände auf dem Busen kreuzend . Ich folgte ihr mit den Augen . An der Thür wandte sie sich , Mardochai sprach mit Oskar , schnell warf mir das schöne Kind des Morgenlandes ein paar Kußhändchen zu und schlüpfte geräuschlos in das anstoßende Gemach . Da stand Mardochai auf und sprach laut zu Oskar . » Kommen Sie und überzeugen Sie sich , wie elend sich ein Jude behelfen muß , um sein Leben zu fristen , weil Ihr Christen immer noch kein Gehör habt für eine gänzliche Emancipation des unglücklichen Volkes . « Mardochai ergriff einen der silbernen Armleuchter und führte uns durch lange , schmale Gänge und Gewölbe in ein Hinterzimmer . Hier standen die neu angekommenen Kisten . Die Fenster waren dicht verschlossen , so daß kein Lichtstrahl hereinfallen konnte in dieses verborgene Gemach . Rings an den Wänden hingen eine Unzahl zierlich geschnitzter Kreuze und elfenbeinerner Kruzifixe . Auch lange Tafeln waren damit bedeckt , Heiligenbilder , wie sie noch immer in katholischen Ländern von den niedern Volksklassen gern gekauft werden , lagen in hohen Stößen aufgeschichtet am Boden . Viele waren schlecht auf ganz gemeines Fensterglas gemalt , andere roh in Cedernholz geschnitzt . Doch gab es auch Arbeiten von sauberster Feinheit , die wahrhaftigen Kunstwerth hatten . Des Juden Gestalt schien sich zu heben , sobald die Thür hinter uns in ' s Schloß gefallen war . Er zündete mehrere Wandleuchter an , die ich ihrer Form nach für Türkenköpfe mit Turbanen umwunden hielt und den Wachskerzen zu Dillen dienten . Als nun ein magischer Lichtglanz das Zimmer erfüllte , schritt der Jude wie ein zürnender Gott durch die Reihen der Kisten und Ballen , die theils offen , theils verschlossen , den Raum des Gemaches erfüllten . » Mit solchem elenden Schacher muß sich ein verachteter Jude behelfen , « sagte Mardochai , seine hohe Gestalt stolz aufrichtend in dem schimmernden , weißen Seidentalar , den er vor der Mahlzeit angelegt hatte . Er stand da gleich einem Hohenpriester Israels zur Zeit seines Glanzes . » Ich will doch sehen , was mir da meine Handelsfreunde zugesendet haben . « Ein kleiner Hammer öffnete eine der Kisten mit wenig Schlägen . Wohlriechende Körner rollten am Boden . Der Duft frischer Myrrhen erfüllte das Zimmer mit süßem , betäubendem Aroma . » Wohl bedient , « sagte Mardochai , die Körner sammelnd und sie behutsam in eine silberne Schale legend . » Man muß vorsichtig mit so edlem Gut umgehen , denn wer kann wissen , ob nicht jedes dieser verdampfenden Körner eine Seele mehr hinaufkräuseln hilft zum Himmel , der minder casuistisch gesinnt ist , als die Erde . « Die dunklen Worte lagen wie Blei auf mir , meine Zunge war gebunden , Oskar lehnte , einer Marmorgestalt gleich , an der Thür . » Sie glauben nicht , « fuhr Mardochai fort , indem er eine zweite Kiste besichtigte , » wie gesucht meine Artikel sind . Der wunderliche Jude , der alle Jahre eine Reise durch Deutschland und Frankreich macht , sagt man fern und nah , hat doch eine recht lobenswerthe Anhänglichkeit an Alles , was nur irgend dem kirchlichen Leben förderlich sein kann . Ein Wort schon genügt , und man wird versorgt , nicht direct , aber doch immer durch seine Verwendung . Der gute Mann muß recht unglücklich sein , daß ein jüdisches Kleid seine Glieder umfließt . Sein Blick ist so sanft melancholisch , sein Gesicht so bleich . Und doch bleibt er immer derselbe , immer ruhig , heiter , gefällig , ohne gehorsamst zu danken oder den Hut zu ziehen . - So , meine Herren , spricht man von mir , und , ich meine , mit einigem Recht . Denn das Bischen Wohlstand , was ich mir zusammengehandelt , verdanke ich blos dem Geschäft , auf das mich ein glücklicher Gedanke führte . Ohne übrigens Rücksicht zu nehmen auf den reellen Profit , sehe ich darin auch einen ideellen . Das Christenthum profitirt von dem Judenthum ein Stück geistiger Force , und das Judenthum vom Christenthum mehr klingengen Halt . So bildet sich zwischen beiden eine recht lustige Harmonie aus , die gar nicht zu verachten ist . Ein speculativer Kerl geht nie zu Grunde , wär ' s auch nur ein armer jüdischer Arzt , der als Mann der Wissenschaft nicht bestehen konnte , weil er seinen Appetit nicht ganz emancipiren wollte und der Humor ihm deshalb Bauchgrimmen verursachte . Der Zufall ist witzig , meine Herren , und mich hat mein Nichtappetit wohlhabend gemacht , doch bei Gott , nicht zu meinem eigenen Nutzen ! Es gilt , Größeres zu vollbringen . « Den Hammerschlägen hatte sich die Kiste geöffnet . Eine feine Substanz , von durchsichtiger Weiße , fiel über die Ränder heraus . » Halt , « sprach Mardochai und sein Gesicht zuckte zusammen in einer Mischung diabolischer Schadenfreude und schluchzender Wehmuth , » Halt ! daß nichts verloren geht von dieser gebleichten Körperlichkeit . « Ich riß die Augen weit auf , Mardochai ' s Blick begegnete dem meinigen , sein Auge glänzte und glühte , er griff mit der ringgeschmückten Hand in die feine Substanz und bestreute mir mit dem Mehlstaube das Haupthaar . » So , « sagte er , » ich sollte meinen , eine Decke solchen Staubes müßte für jeden etwaigen revolutionären Gedanken ein undurchdringlicher Panzer sein . « - » Ich für mein Theil , « fuhr er fort , » habe dabei nur gelernt , wie leicht es ist , mildthätig zu werden , wenn der Geist der Speculation gewaltiger ist , als das Gewissen , oder der stille Groll eines tief verwundeten Volksherzens heftiger klopft , als das Rauschen der Gerechtigkeit , deren Zähne beim Kusse sich verbissen haben in die tönende Schaale ! Mardochai , meine Herren , möchte gern Mensch sein , und das fällt ihm schwer ! Darum wünsche ich Ihnen eine gute Nacht . « - Unter den letzten Worten hatte er eine verborgene Thür geöffnet . Die kühle Nachtluft wehte herein . Auf den Köpfen , die sich wie jammernd hervorbäumten aus dem Wandgetäfel , und deren Turbane ich jetzt erst für Dornenkronen erkannte , stammten die hellen Kerzen . Das Wachs rann herab über sie und bohrte sich ein in die Augenhöhlen des größten Propheten . - Mein Herz schwoll auf in furchtbarem Zorn . Ich erhob die Hand , um einen heftigen Schlag gegen den Entsetzlichen zu führen , allein Mardochai war gefaßt auf Alles . Ein rasch geführter Stoß mit dem Hammer lähmte meinen Arm , der Luftzug blies die Kerzen aus , nur der weißseidene Talar des Juden flatterte gespenstisch in der dunklen Kammer . Er stieß uns hinaus in ' s Freie und rasselnd schlug die Thüre hinter uns zu . Ich glaubte ein dämonisches Gelächter zu hören , dann ein tiefes wehklagendes Schluchzen . Doch hatte ich mich wahrscheinlich geirrt . Der Nachtwind murrte um die Giebel und das Schluchzen hallte herüber vom nahen Rhein , dessen eilende Wellen sich an den Kielen der Schiffe brachen . Die halbe Nacht irrte ich mit Oskar , dessen ganze Seelenkraft gebrochen war , in der Stadt , am Ufer des Stromes und den einsamen Spaziergängen umher . - Ja ich seh ' es , daß Gleichmuth in seinen Ahnungen mit Friedrich nahe zum Ziele getroffen hat . Mardochai ist ein Teufel unter den Göttern und ein Gott unter den Teufeln . Wer aber mag den ersten Stein aufheben gegen ihn und wer es wagen , zu sprechen : Du allein bist der Verworfene ? Mardochai ist so gut , wie wir Alle , ein Kind der Nothwendigkeit . So gut es Christen gibt , die sich abwenden möchten vom Dienst , den Worte gebieten , weil blos ein finsterer Schatten den Ort bezeichnet , wo einst der wahrhaft hehre