erwarten er angewiesen war , und die vielleicht gefährlichen Verlegenheiten ließen sich gar nicht absehen , in welche dieser bei seiner widerhärigen Unbeholfenheit gerathen konnte , wenn er für den übrigen Theil der Nacht seiner eignen Leitung überlassen blieb . Nach allen diesen Überlegungen hatte Richard zuletzt beschlossen hervorzutreten , um seine Gegenwart und die Veranlassung derselben kund zu thun , die ihn zwang , einen von ihm eingeführten , der Localitäten ganz unkundigen Fremden hier zu erwarten , als ein einziges Wort , deutlicher als alle übrigen sein Ohr traf , und augenblicklich an seinem Platze ihn festhielt : das Wort - Adhéran . Leiseres unverständliches Geflüster folgte diesem , aus welchem nur einzelne Ausdrücke zu ihm herüber schollen , die er in keinen Zusammenhang zu bringen wußte . Auch Namen hörte er nennen , die er anderswo oft vernommen . Er blickte schärfer nach der Gesellschaft hin und entdeckte zu seinem unsäglichen Entsetzen bekannte Gesichter aus jener Zeit , die er gern auf ewig vergessen hätte . In diesem heimlichen Winkel , so still verborgen im Gewühle vieler Tausende , wie eine einsame Felseninsel mitten im sie umbrausenden Gewoge des Weltmeers , an einem Orte , wo Lunin als völlig einheimisch sich benommen hatte , diese versammelt zu sehn , ergriff ihn mit grauenvollem Ahnen drohender , allgemeiner Gefahr . Was er sah und hörte , mußte auf das Lebhafteste an jenen verhängnißvollen Abend ihn erinnern , an welchem ein unseliger Zufall , wider seinen Willen , ihn Mitglied eines Bundes werden ließ , den er seitdem bis zu diesem Augenblicke zu seiner großen Beruhigung für ganz aufgelöst gehalten hatte . War es Absicht oder Zufall was diese , einzig aus früheren Theilnehmern an demselben bestehende Gesellschaft , hier zusammengeführt hatte ? Das einzige Wort Adhéran ausgenommen , ließ alles Übrige , was er von ihrer Unterhaltung bis jetzt verstanden , ihn das Letztere hoffen ; doch wenn er der Warnung sich erinnerte , welche Torson durch Lunin ihm hatte zukommen lassen , so ergriff ihn eine ungeheure Angst , und bange Schauer durchrieselten ihm Mark und Gebein . Der zuletzt Angekommene schien erst rechtes Leben in die Unterhaltung gebracht zu haben ; ein langer hagrer Vierziger , von militairischem Anstand , mit dem Ausdrucke tief gewurzelten Mißmuths in den dunkeln , stark hervortretenden Zügen , auf dessen Namen Richard in diesem Augenblicke sich nicht besinnen konnte , der aber durch sein schweigsames Aufmerken auf Alles , was um ihn her vorging , ihm in den Bundesversammlungen oft aufgefallen war . Sein Betragen hier war ganz anderer Art ; heftig gestikulirend , wahrscheinlich von einem leichten Champagnerrausche etwas exaltirt , sprach er viel , aber so leise , daß keine Sylbe von dem , was er sagte , bis zu Richards Ohr gelangte . Einige von seinen Zuhörern schienen eben so eifrig , aber auch eben so leise ihm zu widersprechen ; aller Vorsicht vergessend sprang er auf , und schlug mit geballter Faust auf den Tisch , daß die Gläser klirrten . Und warum nicht ? rief er mit überlauter Donnerstimme , warum nicht auf dem Balle ? warum nicht an einem Tage wie heute ? denkt einige dreißig Jahre zurück , denkt an Stockholm - Gelächter und Geschrei außerhalb des Zimmers erstickte den Rest seiner Worte . Die Tapetenthüre drehte sich wieder , lachend drängte eine Gruppe Masken hinein , Richard glaubte des Engländers Stimme zu hören und eilte hinaus ; da stand der edle Britte , so selig als man in dieser Welt es nur werden kann , von zwei Personen unterstützt , die ihn sogleich in Richards Arme legten , und dann den übrigen in das Zimmer folgten , dessen Thüre augenblicklich verschlossen wurde . Rule Britannia ! lallte Mr. Mitchell mit schwerer Zunge und noch schwererem Kopfe , während Richard den Taumelnden in den Wagen transportirte , aus welchem er fest schlafend in sein Bette getragen , und am nächsten Morgen bei einem Kruge Sodawasser nicht müde wurde , die gestern erhaltenen Beweise russischer Gastfreiheit bis in die Wolken zu erheben . Der Rausch war verschlafen , die Nachwehen desselben rein weggespült ; Mitchell war wieder die nüchterne , nur auf ihren Vortheil bedachte , Gewinn und Verlust berechnende Krämer-Seele geworden , die er von jeher gewesen . Er ging treufleißigst seinem Berufe nach , ließ bei den Bemühungen , seine Fabrikate zu empfehlen , weder durch kalten Empfang noch durch Äußerungen des Überdrusses sich zurückschrecken , und gehörte fast buchstäblich zu denen , von welchen man sprüchwörtlich zu sagen pflegt , daß sie zum Fenster wieder hineinkommen , wenn man sie eben zur Thüre hinaus gewiesen hat . Seine Beharrlichkeit blieb nicht unbelohnt . Es gelang ihm , in den Comptoiren einiger bedeutender Häuser Eingang zu finden , wo er seine und seiner Korrespondenten Industrie vortheilhaft geltend machen konnte , und Richard wurde auf diese Weise zuweilen von der belästigenden Gesellschaft seines schwerfälligen Landsmanns befreit . Dies war für ihn allerdings eine große Erleichterung , deren er jetzt zwiefach bedurfte . Es schien als ob seit jener , auf dem Maskenballe zugebrachten abenteuerlichen Nacht , die Folgen des Rausches , den Mitchell so glücklich verschlafen , auf den wahrlich sehr mäßig gebliebenen Richard übergegangen wären , und keinem dagegen angewandten Mittel weichen wollten . Ihm war fortwährend wie einem aus schweren Träumen nur halb Erwachten , der noch nicht mit Sicherheit zu unterscheiden weiß , ob was ihm widerfuhr ein Wahngebilde , oder Wirklichkeit sei . Noch immer war alles um ihn geblieben wie es gewesen ; so oft er Helena sah , lächelte ein Himmel von Seligkeit aus ihren Augen ihn an , und durch das gegen ihn sich immer gleich bleibende Betragen der Mutter dazu berechtigt , verging ihm selten ein Tag , an welchem er sie nicht gesehen hätte . Auch Kapellmeister Lange und Frau Karoline beeiferten sich , sein Leben zu verschönen . Mit innigem Vertrauen und warmer Herzlichkeit schlossen sie immer fester sich an den Jüngling an , und wollten und verlangten nichts weiter für ihre liebende Treue , als daß er sie sich gefallen lasse . In seine übrigen Verhältnisse eindringen , mehr , als er unaufgefordert ihnen mittheilte , erfahren zu wollen , war ein Gedanke , der den bescheidenen Seelen nie in den Sinn kam . In seinen Dienstverhältnissen fand Richard eben so wenig Stoff zur Klage , als in dem Betragen seiner Kameraden gegen ihn . Was war es denn , was bei jedem plötzlichen Geräusche in der Straße , bei jedem mit rauher oder fremder Stimme gesprochenen Worte ihn aufschreckte ? warum bei ringsum heitrem Himmel athmete er so gewitterschwer ? Ach , dem kundigen Schiffer gleich , ahnete er in tiefer Windstille den nahenden Sturm ; Lunins unheimliche Erscheinung , Torsons durch diesen ihm zugekommene Warnung , die abgebrochenen Worte , die er auf jenem Balle zu vernehmen gemeint , hatten ihn aufgeschreckt ; er fürchtete , er wußte selbst nicht was , und fand nirgends Rath , nirgends Erleichterung für sein sorgenvoll bedrücktes Gemüth . Der Fürstin Eudoxia seine Besorgnisse anzuvertrauen , konnte ihm nicht einfallen , eben so wenig der Geliebten . Er hatte ja oft genug erfahren , wie Helena alles gewandt von sich abzuweisen wußte , was anzuhören ihr entweder nicht angenehm war , oder nicht erlaubt schien . Überdem schien ihm beide , Mutter und Tochter , mit unbestimmten Besorgnissen aus ihrem genußreichen Leben aufschrecken zu wollen , beinahe ein Verbrechen , gewiß eine Thorheit zu sein . Denn durfte er Lunin , durfte er Torson , durfte er überhaupt jenen Maskenball gegen sie erwähnen , dem auch sie , in den Umgebungen des kaiserlichen Hofes , ein paar Stunden unter ganz andern Verhältnissen beigewohnt hatten ? Und immer weiter ins Unbestimmte wurde des Fürsten Andreas Rückkehr hinaus geschoben , sogar der Ort seines Aufenthaltes , den er , nach seinen kurzen Briefen zu schließen , sehr oft wechselte , war nicht mit Gewißheit zu bestimmen ; von Eugen war man seit längerer Zeit ohne alle Nachricht geblieben , und doch zeigten Mutter und Schwester seinetwegen sich völlig unbesorgt . Endlich , nach mehreren in beängstigender Ungewißheit hingebrachten Wochen , erfuhr Richard , daß Graf Stephan wieder angelangt sei . Zwar verletzte es ihn ein wenig , daß dieses nur zufällig geschah , doch ließ er sich dadurch nicht abhalten , sogleich zu ihm zu eilen . Rath , Trost , Aufklärung des Dunkels , das ihn beängstete , hoffte er von dem Grafen zu erhalten , aber sein Muth sank gewaltig , indem er der Wohnung desselben sich näherte ; sie sah nicht minder unbewohnt aus , als sie seit Jahr und Tag ausgesehen . Nichts im Äußern derselben verrieth die Gegenwart des Pracht und Geselligkeit liebenden Besitzers ; die Fensterblenden rings umher waren geschlossen , die bei Anwesenheit der Herrschaft sonst immer offen stehende Thorfahrt knarrte in rostigen , lange nicht gebrauchten Angeln , indem der graue Thorwärter sie für Richard öffnete , der einzige von der bunten Dienerschaar , der sich diesmal blicken ließ , die sonst in geschäftigem Müßiggange hier überall herum zu schwärmen pflegte . In der Überzeugung , daß ein bloßes Gerücht ihn getäuscht habe , war Richard schon im Begriffe wieder umzukehren , als er zu seinem großen Schrecken bemerkte , daß der Hof fußhoch mit Stroh bedeckt sei . Wem galt dies unverkennbare Anzeichen schwerer Krankheit , vielleicht gar des Todes ? Vergebens sah Richard sich nach Jemand um , der ihm darüber Auskunft geben könne ; der alte Thorwärter , welcher eben beschäftigt war , die Thorflügel wieder sorgsam zu schließen , blieb die einzige lebende Seele , die sich zeigte . Rede und Antwort von ihm zu erhalten war aber schwer , tiefe Verbeugungen bis an den Boden , und stumme , zum Eintritt in die Halle einladende Bewegungen der Hand , waren alles , was Richard auf die dringenden Fragen erhielt , mit denen er ihn bestürmte . Bin ich zurück in die Zeit der Feenmährchen versetzt , befinde ich mich in einem bezauberten Schlosse ? würde in fröhlicherer Stimmung Richard gewiß sich selbst gefragt haben , während er die verödeten Wohnzimmer seines Freundes durchstreifte , und überall , bei dicht verhängten Fenstern , die nämliche Stille ihn umfing . Endlich ließen doch Schritte eines Nahenden sich vernehmen ; eine , in den abgelegensten Theil des Hauses führende Thür , wurde so geräuschlos als möglich geöffnet , und hinein sah ein blasses , abgehärmtes Gesicht , welches Richard sogleich als das ihm wohl bekannte des treuesten und vertrautesten Dieners des Grafen Stephan begrüßte . Doch auch dieser , so willkommen ihm Richard auch war , bezeigte sich wenig geneigt , ihm die Auskunft zu geben , nach welcher er so sehnlichst verlangte . Walter war von Geburt ein Deutscher , und , wie das in großen russischen Häusern oft der Fall ist , von Jugend auf seinem jetzigen Gebieter erst als demüthiger Spielgeselle , dann als Kammerdiener zugegeben worden . Soviel dieses mit seiner Stellung im Leben sich vereinigen ließ , hatte er mit seinem Gebieter gleiche Erziehung genossen , und hing jetzt mit aller Kraft seines redlichen Gemüthes an ihm und seinem Hause . Oft hatte Richard die Wendung , die das Geschick mit ihm selbst genommen , mit der , des in der ersten Anlage ihm so ähnlichen Schicksals dieses vorzüglich treuen , verständigen Mannes verglichen , und es gab manche Stunde in seinem Leben , in der er ihn glücklicher achtete als sich selbst . Thränenschwer , aus tiefster Brust aufseufzend , aber schweigend führte Walter den Freund seines Herrn durch eine lange Reihe dunkler Zimmer , welche Richard nie zuvor betreten , in ein kleines , der Tageshelle fast hermetisch verschlossenes Gemach . Schwarze Teppiche bekleideten die Wände , auf hohen , in schwarzen Krepp gehüllten Kandelabern , brannten in den Ecken große Kerzen von gelbem Wachs , und verbreiteten ein trübes flackerndes Licht , wie in einer Todtengruft . Richard fühlte beim Eintritte in diesen , der tiefsten Schwermuth geweihten Aufenthalt das Blut in seinen Adern erstarren ; es währte ziemlich lange , ehe sein an dieses Dämmerlicht noch nicht gewöhntes Auge die ihn zunächst umgebenden Gegenstände erkennen konnte . Mitten im Zimmer , auf einem breiten niedrigen Divan , lag Graf Stephan in tiefer Trauer , aber völlig gekleidet ; und nach altrussischem Gebrauche in Trauerfällen stand rings um ihn her alles nur Ersinnliche aufgestellt , was an Früchten , Weinen und dergleichen ihn zum Genusse reizen konnte , ohne daß er es eines Blickes würdigte . Da bist Du ja , mein Bruder , sprach er sehr mild und freundlich , und reichte Richard die Hand ; ich ließ Dich nicht rufen , ich überließ es dem Geschick , ob es unser Wiedersehn uns gönnen wolle , denn ich habe nur Reue und Schmerz , aber keine Wünsche mehr . Nun bist Du von selbst gekommen ; ich bin schon seit vielen Tagen in tiefer Verborgenheit hier , und habe immer Dein gedacht ; es ist gut daß Du ohne mein Zuthun gekommen bist , es ist sehr gut . Schmerzlichst ergriffen warf Richard neben dem Lager seines Freundes sich hin ; er redete tröstend ihm zu , er wollte versuchen ihn aufzurichten ; doch seit mehr als Jahresfrist unbekannt mit dem Quelle seiner Leiden , verletzte er aus Unwissenheit statt zu heilen , gleich einem Arzte , der in dunkler Nacht einen schwer Verwundeten verbinden möchte , und blind herumtappend , wider sein Wissen und Wollen durch Berührung die Schmerzen vergrößert , die er zu lindern beabsichtigt . Laß ab , laß ab mit Trösten , bat endlich Stephan ; menschlicher Trost wie menschliche Hülfe sind an mir verloren ; darum zog ich mit meinem Schmerze in Nacht und Einsamkeit mich zurück . Hier will ich schweigend untergehn ; nur Dich möchte ich warnen , nur Dich retten , wenn Du noch zu warnen , zu retten bist ; ich hoffe Gott will es , indem er von all ' meinen Freunden Dich allein mir zuführte . Ich leide gerechte Strafe für meinen weltklugen Vorwitz , für den frevelnden Übermuth , mit welchem ich dem stolzen Wahne mich überließ , ich sei berufen in das Rad des Weltenganges einzugreifen : sprach Stephan , als die erste heftige Bewegung , in welche das Wiedersehen des Freundes ihn versetzte , allmälig verklungen war . Ich dulde was ich verdient habe , aber mein Weib ! meine unschuldigen Kinder ! was haben die verbrochen ? Du , mein Bruder , warst der heitre unermüdlich-freundliche Spielgeselle meiner Kinder , Du liebtest sie , Du kannst sie nicht vergessen haben ; wo sind sie jetzt ? Alle , Alle dahin , von wo keine Wiederkehr ist . Zwei von ihnen , die beiden jüngsten , waren mir noch geblieben , meine kleine lächelnde Anna , mein holder Knabe Eloa . Ich wollte sie nicht aus den Augen lassen , sie mußten nach Berlin mich begleiten . An dem zu meiner Abreise von dort bestimmten Tage erkrankten Beide ; im Sarge haben ihre Leichen mich zurück begleitet , ich habe bei ihren Großeltern , bei ihren vorangegangenen Geschwistern sie schlafen gelegt ! Das , Richard , das war eine Reisegesellschaft ! aber im märkischen Sande die lieblichen Knospen für die Ewigkeit bergen , wie hätte ich das vermocht ! Und nun ihre Mutter , fing nach einer Pause Stephan wieder an , dieser sanft duldende Engel ! täglich muß ich Gott bitten , daß er ihm bald gewähren möge , die Flügel entfalten zu dürfen , um sich hoch über dieses Jammerleben hinaus , in Paradieseslüften zu unsern Kindern zu erheben . Was aber wird aus mir , wenn auch sie mich verlassen haben wird ? Nach martervoller Nacht erweckt jeder Morgen sie zu neuer Todesqual , ein furchtbares Übel nagt langsam und unheilbar nahe an ihrem Herzen ; die Kinder schlafen , die Mutter leidet und wacht ! Laut schluchzend sank Stephan auf sein Lager zurück ; Richard weinte mit ihm , im Gefühle seines Unvermögens , hier Hülfe oder auch nur Trost zu gewähren . Nach so großem Jammer Dir noch von dem Untergange des Wohlstandes meines Hauses zu sprechen , scheint kaum der Mühe werth ; und doch ist dieses , besonders in seinen Folgen , kein unbedeutendes Unglück , denn meine Schuld , meine Nachlässigkeit hat das Elend vieler tausend Armen veranlaßt , und auch ihr Schicksal liegt schwer auf mir . Während ich thörichter Weise in weit aussehenden Plänen mich abmühete ; Zeit , Geld und Kraft zu ihrer Ausführung vergeudete , und meine kränkelnde Eitelkeit mich selbst in heimliche Bewunderung der hohen edlen Opfer einwiegte , die ich dem Wohle meines geliebten Vaterlandes dadurch zu bringen wähnte , vergaß ich der Sorge für die , welche mir am nächsten stehen ; ließ die Obhut über die Tausende von Seelen ganz aus der Acht , welche Gott selbst durch den Stand , in welchem er mich geboren werden ließ , an meine väterliche Vorsorge angewiesen . Viele , viele Jahre lang ließ ich feile Miethlinge meine Stelle vertreten ; mein Vermögen , meine Unterthanen , meine Ehre sind schamlosen Wucherern Preis gegeben ; und eigentlich ist , von Allem was so glänzend mich umgiebt , nichts mehr mein . Solche Früchte gehen auf aus solcher Saat ! Wer bin ich ? was bist Du ? was ist Andreas und Sergius und sie Alle , daß wir glauben sollten , wir wären berechtigt , Kronen zu zerbrechen , über Kaiser und Könige zu Gericht zu sitzen , die Verfassung großer Reiche umzuschaffen , Alles nach unserer beschränkten Einsicht zu ordnen , und uns zu geberden , als habe der allmächtige Regierer der Welten uns zu seinen Statthaltern auf Erden eingesetzt ? Ach ich möchte im Gefühle der schmerzlichsten Reue auf offnem Markte hintreten , alle meine Wunden aufdecken , und laut rufen : so weiß der Himmel weltklugen Vorwitz zu strafen ! Alle Zeit , die seine übrigen Verhältnisse ihm frei ließen , widmete Richard jetzt seinem unglücklichen Freunde ; ihn zu trösten konnte ihm nicht einfallen , jeder Versuch es zu wollen , würde sogar als Verhöhnung des gerechtesten Schmerzes mit Widerwillen zurück gestoßen worden sein ; aber Stephan hörte doch auf , ein trauriges Spiel mit den äußern Zeichen desselben zu treiben . Er gewöhnte sich sowohl das Licht der Sonne als den Wechsel , den Stunden und Tageszeiten im gewöhnlichen Gange des Lebens herbeiführen , wieder zu ertragen ; und war zuletzt eben so sorgfältig bemüht , jeden Anstrich von Sonderbarkeit zu vermeiden , als er vorher ihn zu suchen geschienen . Oft , wenn lebhafter erregte , trübe Erinnerungen vergangener Zeiten , oder heftigere Schmerzen der still duldenden Gräfin , den Schlaf von Stephans Lager verscheuchten , fand der anbrechende Tag beide Freunde noch bei einander . Richard war sehr verwundert als er bemerkte , wie der Graf sich eifrig bemühte , ihn aus den Schlingen jenes gefährlichen Bundes loszumachen , denen er längst entronnen zu sein meinte , und an den er , ohne das letzte Zusammentreffen mit Lunin , kaum noch gedacht haben würde . Wozu , ich bitte Dich , fragte er eines Abends , nachdem Stephan ihm umständlich dargestellt , wie er es angefangen , um von jener Verbindung sich los zu sagen , wozu aber alle diese Weitläuftigkeiten ? dieses Zusammenberufen des Rathes der Alten ? diese feierliche Erklärung Deines Entschlusses , aus dem Bunde auszutreten , der damals schon aufgelöst war ? Und sollten auch jetzt , wie es beinahe den Anschein haben will , einige Überbleibsel der alten zerstückelten Schlange sich wieder regen , von diesen haben wir nichts mehr zu befürchten ; das zertretene Ungeheuer zerfällt in Nichtigkeit , es wird uns nicht wieder umklammern . Zum Beweise seiner Behauptung theilte er dem Freunde den Inhalt jener letzten merkwürdigen Unterredung mit dem Fürsten Andreas mit . Jedes Wort derselben hatte seinem Gedächtnisse sich zu tief eingeprägt , als daß er nicht hätte im Stande fein sollen , dieses fast wörtlich zu thun . Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Graf Stephan , ohne ihn zu unterbrechen , ihn an , und schien eine Weile in tiefes Nachdenken zu versinken . Nein , sprach er endlich , es ist unmöglich , ich kann den Glauben an Andreas nicht verlieren ; er ist zu groß , zu stolz , zu rechtlich , um an die Möglichkeit absichtlicher Täuschung bei einem Character zu denken , dessen Fehler edler sind als die Tugenden vieler Andrer . Er will das Rechte und Gute , aber leider nicht immer weil es das Rechte und Gute ist , sondern weil er es nun einmal will , mit aller Kraft seines unbeugsamen Gemüthes es will ; und diese Unbeugsamkeit konnte uns Allen , und wird , wie ich leider fürchten muß , dereinst ihm selbst zum Verderben gereichen . Ich behaupte nicht er wollte Dich irre führen , nein , mein Bruder , davor behüte mich Gott ! ich bin überzeugt , daß er das nicht wollte ; aber sein eingewurzelter , durch glühende Eifersucht genährter Haß gegen Pestel , bei weniger edlen Naturen dürfte man wohl Neid es nennen , hat in diesem Falle ihn selbst irre geführt . Hoffen was wir wünschen , und dieses Hoffen bis zur gewissesten Erwartung sich steigern lassen , liegt uns ja so nahe , ist so innig mit unserer Natur verflochten , daß selbst ein so starker Character wie der des Fürsten Andreas , dieser Schwäche unterworfen sein muß . Daher der ungeheure Zwiespalt in seinem Wesen , der oft ein ganz falsches Licht auf ihn wirft . Er ließ Dich glauben , der Bund sei aufgehoben , weil er selbst sich bemühte zu denken , daß dem so sei , obgleich in einem geheimen Winkel seines Herzens die Überzeugung des Gegentheils lauerte . Ich weiß nicht recht wie ich Dir begreiflich machen soll , wie ich es meine ; ich kann Dir nur sagen , Andreas ist eine jener Zwitternaturen , die zwar eins mit sich selbst scheinen , in deren Innerm aber ein ewiger Zwiespalt herrscht . Nur dies noch zum Beweise : Dich versicherte er , der Bund sei aufgehoben ; ich bin fest überzeugt , gewissermaßen glaubte er es damals selbst ; und weißt Du wo er , wo Eugen jetzt sind ? Wo beide , wenige Wochen nach Deiner Abreise sich hinwandten ? und was noch jetzt , in dieser Stunde , sie festhält ? Sie bereisen auf verschiedenen Wegen , von einander getrennt , die südlichen Provinzen , um für den neuen Bund , den sie errichten wollen , und der doch , obgleich anders genannt , nur der alte ist , Proselyten zu werben . Es ist nicht , es kann nicht sein ! es ist nicht ! rief Richard todtenbleich . Es ist so , erwiederte Stephan sehr lebhaft ; laß mich versuchen , das unerklärlich Scheinende Dir deutlich zu machen . Andreas fühlte von jeher Pestels große Überlegenheit , ohne sie anders als ganz heimlich sich selbst eingestehen zu wollen . Die durch überwiegende Klugheit und Alles beseitigende Verachtung dessen , was andern heilig ist , gewonnene Oberherrschaft dieses Verruchten , war dem edlen Fürsten eben so furchtbar als verhaßt Öffentlich gegen ihn aufstehen konnte und wollte er nicht , aber all ' sein Sinnen und Trachten ging dahin , der usurpirten Obergewalt des gefährlichen Führers ein Ende zu machen , und wo möglich die Zügel selbst zu ergreifen . Yakuchins allgemeines Entsetzen erregende Erscheinung in jener , durch meine thörichte Leichtgläubigkeit herbeigeführten nächtlichen Scene , scheuchte für den Augenblick alles aus einander . Der Bund schien wirklich aufgelöst ; selbst Andreas konnte damals glauben er sei es , und mit gutem Gewissen zu Deiner Beruhigung Dich davon zu überzeugen suchen . Er selbst aber konnte nicht rasten noch ruhen ; der Wahn , der mich elend machte , beherrscht ihn noch bis zu diesem Augenblicke nicht minder mächtig als er mich beherrscht hat , bis Alles unter mir zusammen brach . Andreas will auf seine edlere Weise vollenden , was wie er hofft Pestel nicht mehr vollenden kann ; er hält ihn für wehrlos , für vernichtet , und wird dereinst furchtbar aus diesem Irrthume erwachen . Bis jetzt hat das Glück ihm freilich noch nicht den Rücken gewendet wie mir . Sein reiferes Alter , seine Umsicht , seine Erfahrung , haben ihn vor Fehlgriffen bewahrt , die ich beging . Noch lebt Eudoxia in blühender Gesundheit ; seine in Jugendkraft und Schönheit herangewachsenen Söhne und Töchter sind die Zierde und der Stolz seines edlen mächtigen Hauses , während ich - - Stephan verstummte ; vom gerechtesten Schmerze übermannt , vermochte er nicht das Gespräch fortzusetzen . Im Vereine mit einigen wenigen der eifrigsten , und zugleich wohlgesinntesten , der Mitglieder des jetzt angeblich erloschenen Bundes der ächten Kinder des Vaterlandes , war es dem Fürsten Andreas und mehreren seiner Vertrauten wirklich gelungen , unter dem Namen eines Bundes für das allgemeine Wohl eine neue Verbindung zu errichten , die unbemerkt immer weiter und weiter sich verbreitete . Läge es irgend im Reiche der Möglichkeit , das hohe Ziel , das sie sich gestellt , auf solchem Wege zu erreichen , so würde diese Verbindung gewiß den schönen Namen , den sie sich gewählt hatte , vollkommen verdient haben ; aber ihre Stifter vergaßen in ihrem Eifer , daß man nicht an einem und dem nämlichen Tage säen und ernten kann ; sie bedachten nicht , daß allgemein verbreitete Aufklärung unter dem Volke nur sehr allmälig durch Lehre und Beispiel herbeigeführt werden kann , und daß eine bedeutende Reihe von Jahren dazu gehört , ehe die Folgen einer verbesserten Erziehung in der heranwachsenden Generation merkbar werden . Hingerissen von Plan zu Plan , wollten sie alles was sie für nützlich und wünschenswerth achteten , mochte es sich auch unter einander noch so sehr widersprechen , auf einmal bewirken ; sie wollten den Einfluß der Fremden abwehren , Liebe zum Nationellen verbreiten , und zugleich mit dem Leben des Volkes seit grauer Vorzeit enge verwachsene Ansichten und Gebräuche abschaffen ; sie wollten allen Monopolen sich widersetzen , und zugleich Kunstfleiß befördern . Ihr Verbesserungssystem dehnte nach allen Seiten sich hin und führte , zum Theil ihnen selbst unbewußt , sie endlich zurück auf den alten Punkt , der nur zum Umsturze alles Bestehenden , und zugleich zu ihrem eignen Verderben sie leiten mußte . Pestel , der seinerseits während der Zeit auf andrem Wege auch nicht unthätig geblieben war , und dabei was außer seinem Bereiche vorging nie aus den Augen verlor , fing allmälig an , sein altes Ansehen unter den Verbündeten wieder zu gewinnen , Um ihm kräftig entgegen zu arbeiten , trat jetzt Andreas , von den Bessergesinnten seiner Partei unterstützt , wirklich mit dem Vorschlage auf , den Kaiser um seine Bewilligung zur Errichtung dieses neuen Bundes anzusprechen ; aber die Mehrzahl der Stimmen erhob sich mit gewaltigem Übergewichte laut dagegen . Die Lust , selbst das Regiment zu führen , war von neuem erwacht ; man berieth sich in einzelnen , mehr oder minder zahlreichen Zusammenkünften , über die Nachtheile und Vorzüge der verschiedenen Regierungsformen , und , wie das unter solchen Umständen immer der Fall ist , die republikanische trug den Preis davon , weil auch der Unbedeutendste unter den Verbündeten am liebsten sich selbst als Dictator auf dem Throne gesehen hätte . Und von neuem wagte Pestel Äußerungen , halb ausgesprochne Worte , als Einleitung zur Ausführung gräßlicher Unthaten ; die Meisten empörten laut sich dagegen ; was Andre heimlich beschlossen , ist wenigstens noch nicht bekannt geworden , aber das Ärgste steht dennoch zu erwarten . Abermals scheint zwar für jetzt der Bund gelöset in sich selbst zu versinken , lebt aber dennoch , gleich dem im Gebälke des Palastes zu Kopenhagen fortglimmenden Funken , fort , um im nächsten günstigen Augenblicke mit verdoppelter Wuth hervorzubrechen , und das Werk der Zerstörung zu beginnen . So , mein Bruder , so steht es jetzt um die Sicherheit unsres geliebten heiligen Vaterlandes ! sprach , Stephan zu seinem , vor Entsetzen sprachlos ihm zuhörenden Freunde , nachdem er in einer ruhigeren Stunde ihm weitläuftiger alles dieses aus einander gesetzt hatte . Wir alle leben über dem Krater eines Vulkans , fuhr er sehr bewegt fort : still und heimlich wüthet unter unsern Füßen die Hölle ; wann und wo sie die dünne Decke sprengen wird , die jetzt noch vor ihrer Wuth uns schützt , müssen wir erwarten . Wie freudig ich mein Leben hingäbe , um die uns drohende Gefahr abzuwenden , schäme ich mich nur zu erwähnen ; das Opfer das ich damit brächte ist der Erwähnung nicht werth ; aber verzweifelnd stehe ich da , und weiß weder Hülfe noch Rath . Den einzigen Weg dazu verschließt mir jener fürchterliche Eid , der uns Alle fesselt . Ich kann meine unsterbliche Seele nicht opfern , ich kann , ich kann die Hoffnung nicht aufgeben , alle meine geliebten Verlornen dort oben wieder um mich versammelt zu sehen ! setzte er in heftigster Bewegung hinzu . Mit jedem Tage wächst die uns drohende Gefahr , nahm Graf Stephan nach einiger Zeit wieder das Wort ; unsre Freunde , Andreas wie Eugen , wandeln in unseliger Verblendung am Rande des Abgrundes , in welchem sie ein Paradies erbauen zu können wähnen , und Pestel , dieser Unheil brütende Dämon , führt wieder das Ruder . Zwar hat er das allgemeine Vertrauen , durch das er mächtig wurde , größtentheils verloren ; doch so verhaßt er geworden sein mag , erhält er sich doch durch seine überwiegende Geisteskraft in der Oberherrschaft über die Gemüther . Der furchtbare Bund existirt nach wie vor ; von Statuten , durch welche er zu einem Ganzen sich organisiren soll , ist kaum mehr die Rede ;