Parlamente , und mit wenigen Figuren erschien die Bühne doch angefüllt , weil der Raum rechts und links beschränkt war , und man sich so die Bänke erweitert denken konnte . Auf den Stufen vorn und an den Seiten fielen die Sterbenden hin und lagen natürlich viel malerischer , als auf unsern Theatern ; an die freien Säulen lehnten sich die Melancholischen , oder Nachdenkenden ; die Stufen rechts oder links schritt Macbeth hinauf , sowie Falstaff in den lustigen Weibern ; auf dem obern Balkon standen die Bürger und parlamentierten mit dem Könige Johann und Philipp August ; hier unten , von den Stufen erhöht , saßen König und Königin im Hamlet ; hier war Macbeths Tafel , wo Banquo erschien . Ohne weitläuftige Belehrung ergibt sich der Vorteil dieser Bühneneinrichtung . Rechts und links auf dem Proszenium konnten zwei sich deutlich absondernde Gruppen stehen ; stand die eine etwas zurück , so war die Fiktion sehr natürlich , daß jene gegenüber sie nicht mehr bemerkte ; mit zwei einzelnen Personen war die Sache noch natürlicher . Eine dritte Gruppe stand oder saß hier höher , auf der innern kleinern Bühne , die aber doch durch diese Einrichtung den Zuschauern ganz nahe stand . Keine Person deckte die andere , alle waren frei und gleichsam in Rahmen eingefaßt , wodurch das Bildliche und Malerische noch deutlicher hervortrat . War es nun nötig , wie etwa in historischen Stücken , so zeigten sich oben auf dem Altan handelnde und sprechende Figuren ; in Heinrich dem Achten waren die Treppen rechts und links vom Parlament besetzt , auf der Stufe in der Mitte saß Wolsey , und über ihm auf der innern Bühne der König Heinrich . So war in allen Umständen , mochte das Bild aus vielen oder wenigen Figuren bestehen , die Gruppierung immer ungefähr so , wie Raffael und die guten Maler ihre Gemälde ordnen . Auf diese Weise war die Bühne für die wesentlichen Forderungen ungefähr in ähnlicher Art wie die des Sophokles beschaffen ; doch behaupte ich , man kann im Shakespeare und seinen Zeitgenossen nicht alles verstehen , manches bleibt unklar , wenn man nicht soviel Kenntnis von der Sache hat , um jene echte europäische oder wenigstens englische Bühne sich zu vergegenwärtigen . Frankreich , Deutschland sogar , ebenso Spanien hatten anfangs auch eine ähnliche Einrichtung ; als die Franzosen scheinbar aufgeklärt ihre Dramen nach dem Muster der Alten , wie sie sich einbildeten , formten , errichteten sie die neuere Bühne , welche den Tragödien und Lustspielen , in welchen nur wenige Personen sprechen , in welchen sich niemals Gruppen zu stellen brauchen , wo keine Volksaufläufe , Belagerungen und dergleichen sich gestalten , auch vollkommen angemessen ist . Wir Deutschen haben jetzt dieses konventionelle , eng begrenzte Schauspiel wieder aufgegeben ; nun paßt uns die angenommene Bühne nicht , diese alte englische oder europäische Form ist vergessen , und wir quälen uns daher höchst unkünstlerisch mit Dekorationen , bauen in den Zwischenakten Hügel und Festungen auf , Galerieen und Terrassen , und fühlen , wie Text und Theater sich gegenseitig hindern , miteinander streiten , alles schwierig , zeitraubend , ungeschickt herauskommt , und der Regisseur sich erleichtert fühlt , wenn er einmal wieder ein Drama einrichtet , in welchem ohne Holzböcke und aufgelegte Bretter , ohne Balcons und Festungswälle gespielt werden kann . Dieses ältere Theater aber , welches wir hier im kleinen nachahmen , spielt in jeder Szene selber mit , es darf sogar zu den Hauptpersonen gerechnet werden , es erleichtert auch jedem Auftretenden sein Spiel , es hilft ihm , es unterstützt ihn , er steht nicht verlassen in einem wüsten leeren Viereck , sondern kann sich geistig und körperlich allenthalben anlehnen und wie ein Gemälde in seinen Rahmen treten . Wollen wir den Shakespeare nun wirklich aufführen , ohne ihn zu entstellen , so müssen wir damit anfangen , uns ein Theater einzurichten , das dem seinigen ähnlich ist . « » So sind uns jene Dekorationen , die kürzlich gemalt sind , auch ganz überflüssig « , sagte Leonhard . Emmrich antwortete : » Wenn wir die Räume anständig bekleiden und verzieren , wenn die Vorhänge , die die innere Bühne verdecken , mit Schicklichkeit sich schließen und öffnen , wenn in diesem kleineren Theater die Hinterwand wieder aus Seide oder Tuch besteht , so sind sie uns freilich überflüssig . Indessen können wir einzelne Stücke von Wald , Feld und Garten drinnen aufstellen , um manche Szenen noch bestimmter anzudeuten . « » Ein sehr viel breiterer Vorhang , als jener , wird aber notwendig sein « , sagte Leonhard . » Wir brauchen gar keinen , der vorn die ganze Bühne schlösse « , antwortete Emmrich , » wie Shakespeare auch keinen solchen auf seinem Theater hatte . Sorgen wir nur , daß durch Verzierung die Bühne sich geschmackvoll und nicht allzu störend mit dem übrigen Saal verbindet . Bei den Engländern war das ganze Gebäude eine Rotunde oder ein Viereck , und die Logenreihen standen in Verhältnis mit dem Balcon hier ; dieser war fast nur eine Fortsetzung derselben , so daß die Bühne in sich selbst ein schön geordnetes Ganzes war , und die Zuschauenden dadurch gleichsam zu den Mitspielenden gehörten , ganz ähnlich dem griechischen Theater . Bei uns ist der grelle Abschnitt der Bühne vom Schauspielhause völlig unkünstlerisch und barbarisch ; schon vorher , besonders aber , wenn der Vorhang aufgezogen ist , sieht das Haus nicht anders aus , als wenn die eine Hälfte weggeworfen wäre . Wir setzen gerade darin den Vorzug , daß Bühne und Zuschauer in gar keiner Verbindung sein sollen . « Leonhard entfernte sich mit der Zeichnung , um darnach eine genauere auszuarbeiten , damit gleich am folgenden Tage der Anfang gemacht werden könne , die Bühne nach dieser neuen Ansicht einzurichten . Indem er fleißig arbeitete und rechnete , fielen ihm die Szenen in Romeo und Othello ein , in Heinrich dem Sechsten und der Sommernacht , die sich anständig , ja selbst möglich nur in dieser Bühneneinrichtung gestalteten . Als er mit seiner Zeichnung schon ziemlich weit gediehen war , kam Emmrich hinzu , und beide arbeiteten nun gemeinschaftlich . Der Professor sagte : » Es gefällt mir an Ihnen , werter Herr Leonhard , daß Sie so leicht die fast angebornen Vorurteile anderer Architekten haben ablegen können ; denn diesen schweben in der Regel , wenn von einem Theater die Rede ist , gleich alle die Kindereien und hergebrachten Torheiten vor , die ich für unnütz oder schädlich halte . « » Wenn wir etwas Neues lernen « , sagte Leonhard , » müssen wir uns diesem gleich ganz hingeben können , damit nicht eine widernatürliche Vermischung zweier entgegengesetzten Dinge entstehe , die schlimmer als alles ist . « » Sehr wahr « , sagte Emmrich , » und doch glauben oft kluge Menschen , durch eine solche Vermittelung , wie sie es nennen , allen Forderungen zu genügen . « » Weil so wenige Menschen bedenken « , sagte Leonhard , » daß das Rechte und Tüchtige in sich vollständig sein und aus einem Stücke bestehen muß . Mäkeln denn nicht so viele , auch geistreiche an Meisterwerken ? Ist es denn nicht in der Regel das Einzelne , Unzusammenhängende , was die Menschen entzückt ? Die meisten sind viel zu kraftlos , um den Glauben und die Demut zu finden , die unerlaßlich sind , um ein echtes Kunstwerk zu verstehen . « » Das gefällt mir « , erwiderte Emmrich , » daß Sie behaupten , aus Kraft gehe die echte Demut hervor . Nichts ist so unbändig als die Schwäche und Geistesohnmacht . Sie widerstrebt allem Großen und Vollendeten , besonders in der Kunst , sie will keine Autoritäten anerkennen , um sich sklavisch vor dem ersten besten Scharlatan zu erniedrigen , der die geringe Kunst des Taschenspielers besitzt , diesen hochfahrenden Mittelmäßigen zu imponieren . « » Auch jene trockene Altklugheit « , fuhr Leonhard fort , » ist Schwäche . Diese echten Philister meinen , in ihrem Innern das höchste Ideal zu besitzen , und nun gehen sie sich gar nicht einmal mehr die Mühe , in ein Kunstwerk einzudringen , sondern sie bleiben recht mit Vorsatz außerhalb vor demselben stehen und schauen nun mit blödem Auge an der Poesie und dem Gemälde umher , um nur schnell die Mängel zu finden , die nach ihrer Aussage zum Ideal noch fehlen . « » Wie Sie schon früher bemerkten « , sagte Emmrich , » so ist eben jedes echte Werk , das der wahren Kunst angehört , in sich selbst begrenzt und vollendet . Aber von jenem ganz verwerflichen Eklektizismus eines Mengs , der die Vorzüge eines Raffael , Tizian und Correggio vereinigen wollte , können sich selbst in unsern Tagen manche hochbegabte Geister nicht losmachen , die für Stimmführer der bessern Zeit und Einsicht gelten wollen . « Hier wurden sie unterbrochen , indem Elsheim hereintrat , welchem der Schulmeister folgte . » Ich bringe hier einen Supplikanten « , sagte Elsheim lachend , » der sich durchaus nicht will abweisen lassen . « » Ja wohl « , sagte der Schulmeister ; » ich habe nämlich gehört , daß wieder eine Komödie im Werk ist , und nun sagt mir der Herr Baron , daß Sie , Herr Professor , das Ding diesmal unumschränkt dirigieren , daß er nichts dabei zu befehlen habe , daß ich aber keine Rolle darin bekommen soll , da ich mich doch bei der vorigen Aufführung gewiß zu meinem Vorteil ausgezeichnet habe . « » Lieber Mann « , sagte Emmrich , » Sie haben gewiß recht wacker agiert , aber unser Herr Baron wünschte doch deswegen hauptsächlich Ihren Beistand , weil Selbitz mit einem Stelzfuß auftreten muß ; dieser qualifizierte Sie gleichsam von Natur zu jener Rolle ; in dem Lustspiel aber , welches wir jetzt geben wollen , erscheint kein Mann mit dieser Verstümmelung . « » Lassen Sie sich dienen « , erwiderte der Schulmeister mit der größten Lebhaftigkeit . » Unser junger Herr Baron hat das Stück vom Götz recht sehr hübsch eingerichtet , abgekürzt und umgearbeitet , damit wir es auf dem Theater spielen konnten . Das muß so höre ich und habe es auch gelesen , immerdar mit so widerhaarigen Dingen geschehen , die in unsern Zeiten , da wir viel feiner sind , erst eine anständige Frisur erhalten müssen . Mit dem britannischen wunderlichen Poeten ist das aber am allernötigsten und geschieht auch immer von einsichtigen Leuten . Ich habe mir nun das Buch geben lassen und das schnurrige Ding gelesen . Es ist freilich nicht viel dran , es ist sehr leichte und lose Ware ; indessen da Sie , geehrter Herr Professor , einmal eine Vorliebe für die schnakische Komödie haben , so bin ich gekommen , Ihnen einen recht akzeptablen Vorschlag zu tun , der Ihnen auch Ehre bringen wird . Als der Häscher oder Gerichtsfron nämlich den alten Antonio , den Seecapitain , seinem jungen Herzoge als Gefangenen vorstellt , sagt er unter andern Worten auch ungefähr so : Das ist der Antonio , der den Phönix enterte , wo Euer junger Neff ein Bein verlor . - Die Rede ist mir gleich aufgefallen . Setzen wir statt dessen : wo Euer alter Ohm ein Bein verlor , und bringen Sie so , verehrter Herr Professor , mir und der Komödie zuliebe einen alten , tüchtigen , tapferen und welterfahrenen Mann in das Stück , der wieder , wie Selbitz , einen Stelzfuß haben kann und muß . Begreifen Sie nur , Herr Professor , daß es überhaupt in dem Stück an einem verständigen Manne fehlt , denn die meisten sind wirkliche Narren . Dieser Oheim kann also klüger sein , als alle , er kann gewissermaßen die Politik des Herzogs lenken ; er ist auch gegen das Heiratsprojekt mit der abenteuerlichen Olivia , er möchte überhaupt gern Ruhe und Ordnung an dem verwirrten Hofe herstellen , und nur die phantastischen Launen des jungen Fürsten arbeiten ihm immer entgegen . Wie er seinen ehemaligen Feind , den biederherzigen Antonio , wiederfindet , ihm Gerechtigkeit widerfahren läßt , den alten Groll aufgibt und sich mit ihm versöhnt ; - welche herrliche , rührende Szene könnte das geben ! Wie edler fiele das Ganze aus , wenn sich die schwärmerische Viola gleich von Anfang diesem biedern Alten vertraute , und er , da er ein persönlicher Freund ihres Vaters gewesen ist , ihr mit Rat und Tat beistände , so die Entwicklung und den Schluß viel vernünftiger machte und ihm einen Teil des Abenteuerlichen nähme , welches so gehäuft ist , daß es den Gebildeten verletzen muß . Werter Herr Professor , dichten Sie diese Szenen hinzu und schieben Sie sie ein , und Sie werden sehen , was das Ganze dadurch gewinnen wird . Ich aber bleibe Ihnen ewig dankbar , denn Sie haben mir eine herrliche Rolle erschaffen . « Emmrich konnte es nicht unterlassen , Leonhard schalkhaft lächelnd anzusehen , worauf er sich aber gleich mit der größten Ernsthaftigkeit zum Stelzfuß wandte , indem er sagte : » Lieber Mann , es ist mir nicht möglich , Ihnen in der Kürze deutlich zu machen , wie Ihr abenteuerlicher Vorschlag auf keine Weise anzunehmen ist , weil auf diese Weise das ganze Gedicht zerstört würde . Sie scheinen es ganz vergessen zu haben , daß wir uns auch beim Götz dergleichen gewaltsame Zusätze nicht erlaubten , ja , wenn man so freibeuten wollte , könnte man auch recht bequem den Selbitz und Sickingen zu einer Person vereinigen . Nein , mein Freund , bei diesem Stück können wir durchaus Ihre Unterstützung nicht brauchen . « » Nun meinethalben ! « rief der Schulmeister erbost , » Sie mögen es also haben mit Ihrer Aufführung eines barbarischen Werks ! Das ist nun also mein Dank , daß ich mir vorher die Mühe gegeben und zweimal als Selbitz so allgemeinen Beifall eingeerntet habe ? Auch die höchsten und allerhöchsten Herrschaften haben mein Spiel gelobt und sehr gelobt , ich habe es wohl wieder erfahren und bin dadurch außerordentlich aufgemuntert worden . Ja , ja ! aber Neid , Mißgunst ! Wo sich einmal Talent bei einem armen , sonst unbemerkten Manne zeigt , da ist es gleich diesem und jenem nicht recht , da fürchtet gleich der und der , er leide Schaden dabei , er werde verdunkelt , man könne den armen , ungelehrten , bürgerlichen Kauz wohl gar ihm vorziehen ; der ist gut genug , das Vieh zu hüten und die ungezogene Dorfjugend zu prügeln . Und daß nun mein Stelzfuß zum Vorwand dienen muß , mein abgenommenes Bein , das ich vor dem Feinde und im Dienst des Vaterlandes verloren habe , das ist allzu hart , das möchte den Stein in der Erde erbarmen , das ist - - « Er war in ein heftiges Weinen geraten , und schluchzte jetzt so stark , daß er nicht weitersprechen konnte . Emmrich war verstimmt , verdrüßlich und dennoch beinahe über diese Torheit und Leidenschaft des alten Mannes etwas gerührt . » Geben Sie sich zufrieden « , sagte er dann , und legte ihm die Hand auf die Schulter ; » wenn Sie mir eins versprechen und Ihr Wort halten können , so will ich Ihnen eine Rolle , wenn auch keine große , anvertrauen . « Der Schulmeister trocknete schnell seine Augen , und seine trübselige Miene ging in ein heiteres Lachen über . » Sie haben « , fuhr Emmrich fort , » Ihren Selbitz recht brav und mit Einsicht gespielt , nur drängte er sich zuviel vor , und Sie sprachen jedes Wort , auch das unbedeutendste , zu laut und gewichtig . Wollen Sie also meiner Anweisung folgen und sich gehörig mäßigen , ganz natürlich und einfach sprechen , so sollen Sie den Fabio oder Fabian spielen , zwar keine große Rolle , aber einen von den wenigen verständigen Menschen im Stück , den der Dichter sich für die letzte Hälfte aufbewahrt hat . Er kann von mittlerem Alter sein , und der Stelzfuß wird nicht sehr hindern . « Der Schulmeister küßte im Rausche der Dankbarkeit und Freude die Hand des Professors , und eilte in Begeisterung fort , um sogleich seine Rolle abzuschreiben und sie auswendig zu lernen . » Über die beiden so verschiedenen Narren ! « sagte Elsheim ; » der eine weinte neulich , weil er mitspielen sollte , und dieser heult , weil man ihm eine Rolle verweigert . Aber schlimm , lieber Professor , haben Sie sich gebettet , denn nach Ihrer Anordnung kommt nun der Graf Bitterfeld in unmittelbare Berührung mit diesem Schulmeister und dem Verwalter . « » Wie schwer ist es « , sagte Emmrich , » das Regiment zu führen , und wie verwickelt sind alle Regierungsverhältnisse ! « Die neue Einrichtung des Theaters war , da man eilte und die Gehülfen fleißig waren , in wenigen Tagen beendigt . Emmrich sagte zu Elsheim : » Da nun , wie Sie mir mitteilten , Ihre Mutter bald zurückkommt , und gleich nachher ihr Geburtstag einfällt , so denke ich , feiern wir diesen mit der Aufführung unseres Stücks , und Sie erlauben mir wohl , einen kleinen Epilog hinzuzufügen , um der alten Dame einige Artigkeiten zu sagen . Ich hoffe , sie soll sich dadurch mit unserm Theater wieder versöhnen . « » Mir ist es auch schon eingefallen « , erwiderte Elsheim , » und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit . « Jetzt verfügte man sich in den Saal , wo die übrige Gesellschaft schon versammelt war , und der Professor las allen Mitspielenden das Lustspiel vor , weil er ihnen so am besten andeuten konnte , in welchem Sinne jede Rolle gefaßt , und in welcher Spiel- und Tonart sie gesprochen und dargestellt werden müsse . Elsheim , der die Komödie genau kannte und liebte , fühlte sich doch überrascht , weil ihm jetzt zum erstenmal die harmonische Einheit , die hohe Vollendung dieses Kunstwerks deutlich wurde . Als Emmrich geendigt hatte , sagte er : » mitteilen ? So schön dieses Gedicht in sanften Reden von Liebe Sehnsucht und poetischen Träumen duftet , so weht doch durch den ganzen Blumenstrauß ein leiser Zephyr ebenso anmutig in feiner Ironie , und er ist es eben , der , die Blütenkränze anregend , ihnen diesen süßen Atem entlockt . Es scheint , in unserer Zeit wenigstens , den meisten Poesiefreunden zu schwer , zum Teil unmöglich , sich diese Lieblichkeit und Fülle im Vortrage dieses leichten und doch bedeutsamen Scherzes anzueignen . Unsere Bildung hat etwas Prunkendes , Schwerfälliges , und die sich für leichtfertig oder für freigeistige Libertins geben , hantieren in ihrem traurigen Gewerbe ebenso steif und altklug , indem sie alles Ernste und Poetische mit grobem Hohn von sich abweisen . Jene Zeiten , die wir in unserm Dünkel gern barbarisch schelten möchten , waren in dieser Hinsicht feiner gestimmt , denn sonst hätte dieses Stück , sowie die Sommernacht , der Liebe Müh und Wie es euch gefällt , nicht zu Lieblingsstücken werden können . Hat auch kein anderer Zeitgenoß , außer Shakespeare , diese himmelreine ätherische Höhe erstiegen , so grenzt doch manches Werk jener Tage an die seinigen , und wenn auch die Zuschauer diesen Lebenswein nicht mit vollem Bewußtsein einschlürften , um genau zu wissen , was sie tranken , so ist doch der Instinkt , das Gefühl und die reine Luft sehr hochzustellen , mit der sie diese Kunstwerke , vielleicht ohne alle Kritik , genossen « . » Ein wahres Publikum « , sagte Elsheim , » sollte wohl immer so sein , wie Sie es da eben beschreiben , der echte Dichter könnte sich wenigstens kein besseres wünschen . Sind noch einige wahre Kenner in diesem Parterre , die diese Gefühle erläutern , anstatt sie irrezuführen , so ist eigentlich eine wahre Kunstzeit repräsentiert . « » Das Stück heißt « , fuhr Emmrich fort » ein Drei-Königs-Abend oder eigentlich bloß Twelf-night . Ein alter Gebrauch hatte an diesem Abend eine Menge Späße , Scherze , Verkleidungen ländlicher , mitunter etwas roher und bäuerlicher Feste erlaubt aber für diese Stunden auch alle Hazard-Spiele , welche sonst streng verboten waren . Selbst am Hofe huldigte man der alten Sitte und Freiheit . An diesem Abend wurde also vielleicht auch dieses sonderbare Lustspiel , welches lauter Glücksfälle enthält , zuerst gespielt , es war also die Lust eines Drei-Königs-Abends , an welchem auch der Bohnenkönig durch Lotterie erwählt oder gefunden ward ; eine solche heitere Torheit losgebundener Laune sollte es vorstellen , oder - setzt der Dichter mit heiterm Leichtsinn hinzu - Was ihr sonst wollt - nennt es , wie es euch gut dünkt . - Sogleich im Anbeginn sehen wir einen phantastischen jungen Fürsten , der mit der Leidenschaft der Liebe spielt und gewaltsam das Herz einer jungen Schönheit , die außerdem eine reiche Erbin ist , zu gewinnen trachtet . Sie will nichts von ihm wissen und trauert in der Einsamkeit um ihren Bruder . Sie erheitert aber den Schmerz , mit welchem sie auch poetisch spielt , mit dem Kammermädchen und dem Geschwätz ihres Narren ; und in Sehnsucht nach wahrer Liebe , weil sie an die des Herzogs nicht glaubt , überläßt sie sich einem leidenschaftlichen Gefühl für einen schönen vermeinten Jüngling . Diese Person , aus einem guten Hause stammend , aber ohne Vermögen , ist mit dem ebenso schönen Bruder leichthin auf Abenteuer ausgereiset , und beide wollen Glück machen oder es suchen . Es gelingt auch beiden über Erwartung ; sie fesselt den jungen Fürsten , in den sie sich verliebt hat , und er trägt , weil er durch die Ähnlichkeit mit seiner Schwester verwechselt wird , die reiche Erbin davon , deren große Güter doch vielleicht in der Liebe des Fürsten am meisten den Ausschlag gaben . Ein reicher Freier , der auch um Olivien wirbt , wird von allen gefoppt , am meisten von einem launigen , tollen und Wein liebenden Oheim , der obenein Geld von ihm zieht , indem er seine Albernheit und komische Feigheit in Tätigkeit setzt . Diesen erobert noch das kleine witzige Kammermädchen und wird durch diese Verbindung mit ihrer Gebieterin verwandt . Die meisten gewinnen , fast ohne Bemühung , durch Leichtsinn und ohne tiefen Plan oder angestrengten Verstand ein großes , bedeutendes Los , und nur der hochmütige , grollende Malvolio , der seiner Überzeugung nach schon die Bohne gefunden hat und also unbedingt der oberste Herrscher und König des Festes ist , geht ganz leer aus und wird zum Gegenstand des allgemeinen Gespöttes . Wie mancher Dichter , und wir haben dergleichen Werke von großen ausgezeichneten Talenten , würde nun mit scharfer Bitterkeit alle diese Absichten dem Zuschauer so recht nahe vors Auge gerückt haben , um in der Anklage menschlicher Schwächen und Torheiten einen herben unerfreulichen Witz zu entwickeln : ein solches Lustspiel aber , wenn man auch den Verstand des Verfassers bewundert , kränkt und demütigt mehr , als daß es erheitern und erheben könnte . Shakespeare läßt in seinem ätherischen Gewebe alles dies mehr ahnden , höchstens erraten . Daher , wie gesagt , geschieht es denn auch , daß ein solches Gewirk , welches von Feenhand gewoben ist , seiner Feinheit wegen für unbedeutend gehalten wird . « » So mag es wohl sein ! « rief jetzt der Schulmeister , der sich nicht länger zurückhalten konnte , » - und ich bitte ab . Wenn man nur öfter dazu Gelegenheit hätte , daß einem solche Lichter aufgesteckt würden ! « Alle sahen den aufgeregten Husaren mit einiger Verwunderung an ; er ließ sich aber nicht irremachen , sondern schmunzelte lächelnd wie in sich selbst hinein und rieb fröhlich die Hände . » Am liebenswürdigsten « , fing Emmrich wieder an , » ist dieser poetische Leichtsinn , der im ganzen Stücke vorherrscht , in der herrlichen Viola gezeichnet . Sie jammert um den Bruder , der nach ihrer Meinung ertrunken ist Ach armer Bruder ! - und unmittelbar darauf , heiter und lebensmutig Vielleicht entkam er doch ! - Sie erkennt Oliviens Leidenschaft zu ihr , indem sie beklagt , daß sie selbst den Herzog liebt , für den sie werben muß Wie soll das werden ? sagt sie - und gleich hernach O Zeit , du selbst entwirre dies , nicht ich ! - Der redliche , alte , erfahrene Antonio hat eine solche poetische Freundschaft für den jungen Burschen Sebastian gefaßt , daß er ihm in die feindliche Stadt mit Gefahr seines Lebens folgt , und erscheint hierin leichtsinnig , gleich den übrigen . Aber ein praktischer verständiger Mann sieht auf alles dies Getreibe mit Lebensweisheit und echter Ironie hinab , jeden benutzend , um zu erwerben und seinen Besitz zu vermehren , und dieser Gründliche , Erfahrene ist der Narr des Stocks , der freilich auch , weiß der Himmel aus welchem poetischen Gelüste , weggelaufen war und in Gefahr stand , seinen bequemen und einträglichen Dienst zu verlieren . « Nachdem man sich getrennt hatte , nahm der eifrige Emmrich den Schulmeister mit auf sein Zimmer , um ihm die Rolle des Fabio einzustudieren . Als ihm Elsheim nachher im Garten begegnete , und ihn , der nicht mehr jung war , mit seiner Unermüdlichkeit scherzend neckte , sagte der Professor : » Lieber Freund , brauche ich es Ihnen denn auseinanderzusetzen , daß man nichts im Leben mit solchem Ernst und Eifer treiben müsse , als die sogenannten Spiele ? Bei wahren Geschäften und Amtsverrichtungen , dem Richter und Geistlichen mag hie und da ein Nachlaß erlaubt sein , es kann selbst Wohltat werden , dies und jenes , was notwendig schien , fallenzulassen - aber was bleibt vom Spiel übrig , wenn wir es mit Leichtsinn und obenhin treiben und es dadurch zerstören ? Hier muß die Regel beobachtet werden , auch das Kleinste darf man nicht nachlassen , und fragt man erst : Wozu fruchtet ' s ? Welchen Schaden bringt die Vernachlässigung ? so ist es viel besser , die ganze Sache gleich aufzugeben . - Jetzt geh ich , dem Grafen und dem Baron Mannlich ihre Rollen beizubringen . « Elsheim begleitete ihn in den kleinen Saal , wo die beiden Herren schon seiner warteten . Elsheim setzte sich nieder , indem er sagte : » Ich will keine Störung machen , lieben Freunde , sondern auch bei dieser Gelegenheit von unserm Professor etwas lernen . « Mannlich und der Graf begannen ihre Rollen ; beide sprachen und gebärdeten sich , mit einigen Modifikationen , so wie sie es gewöhnlich im Leben taten , und Emmrich sagte : » Sie haben , Baron Mannlich , ganz meine Meinung gefaßt . Dieser Tobias ist ein wackerer Edelmann aus gutem Hause , er ist brav , mutig und kann den Cavalier nicht verleugnen . Nur hat er sich aus Bequemlichkeit gehen und dabei etwas sinken lassen , er ist in schlechte Gesellschaft geraten und war in dieser immer der Klügste und Anständigste . Im Hause seiner reichen Nichte hat er für nichts zu sorgen , und da er ohne Beschäftigung und ein alter Junggesell ist , so hat er sich dem Schlemmen , doch auf eine unschuldige Weise , ergeben . In den Anfällen seiner Trunkenheit ist er , wie die meisten Berauschten , kurz angebunden und grob ; aber zur Besinnung gekommen liebt er Witz und Heiterkeit so sehr , daß er aus Dankbarkeit für die Unterhaltung , welche ihm Maria mit Malvolio verschafft hat , dies Kammermädchen heiratet . Es wäre also unrecht und ganz falsch , wollte man aus diesem Mann eine Karikatur machen , oder ihn in das niedrige Element hinabziehen . Daß Sie , Baron , ihn nicht allzu würdig , oder gar tragisch nehmen werden , dafür bürgt mir Ihr gesunder Sinn . « Graf Bitterfeld sagte : » Nun , Professor , machen Sie mir das noch etwas deutlicher , was Sie mir neulich schon über meine Rolle auseinandergesetzt haben , die ich wahrlich bloß Ihnen und der Gesellschaft zuliebe übernommen habe . « Emmrich sagte : » Verehrter Herr Graf , ist es nicht die schönste Humanität und die feinste Urbanität , wenn man nicht nur die Scherze einer liebenswürdigen Gesellschaft ausführen hilft , sondern selbst etwas von seinem eigenen Wesen preisgibt , um über sich selbst auf eine gelinde Art spotten zu lassen ? Und so wünsche ich , daß Sie in dieser fein komischen Rolle nicht das Gebildete Ihres Standes , noch die Finesse Ihrer Persönlichkeit und die Gewandtheit Ihres geselligen Umgangs fallenlassen . Denn die sind eben die unerträglichen Malvolios in der Gesellschaft , die immer über sich wachen , sich bei jedem Scherz beleidigt wähnen , die sich immer in Positur setzen , um ihre Würde zu behaupten . Bleichenwang oder Fieberwange ist ein guter Mensch und auch von guter Familie , er kann schon über die dreißig sein ; sind die jungen Leute geschminkt und von lebhafter Farbe , ist Tobias vom vielen Trinken übermäßig rot , so deutet sein Name schon an , daß er ziemlich blaß , oder mit einem gelblichen Teint erscheint . Er ist schlank und wohlgebaut , neigt aber etwas zur Magerkeit hin , denn er beneidet den Narren um seine Waden . Dieser reiche , unabhängige Mann ist dadurch so liebenswürdig , daß er so unendlich bescheiden ist , was wohl die wenigsten in seiner Stellung sein würden . Wie der alte Antonio den jungen Sebastian fast vergöttert , so hängt er beinahe mit derselben Leidenschaft an seinem Freund Tobias ; dieser ist sein Vorbild , beinahe sein Ideal , wie man sich jetzt ausdrücken würde ; er hat kein Arg daraus , daß dieser ihn foppt und