zweites , freies und selbständiges Wesen nicht mehr in diesen Bann sich finden kann , und die Sache notwendig mit Scheidung oder vollendeter Herrschaft des Pantoffels schließen muß . « Er erzählte ihm aus dem Stegreife einige Geschichten von verspäteten Heiraten , die wirklich ein betrübtes Ende genommen hatten , so daß der andre ganz nachdenklich wurde , und mit trauriger Miene sagte : » Aber heiraten will ich und muß ich , denn , was Ihr gestern abend zuletzt sagtet , Doktor , das hat Grund , und es ist mir über Nacht schon die Bestätigung geworden . Ich konnte nicht schlafen , versenkte mich in Eure Unsterblichkeitstheorie , und auf einmal , nicht träumend , sondern wie gesagt , hellwachend im Bezirke jener Gedanken und Gefühle , die Ihr in mir aufgeregt hattet , empfand ich etwas , was mir die unumstößlichste Wahrheit Eurer Behauptungen erwies . Plötzlich war ich nämlich nicht mehr ich selbst , der Domherr aus dem neunzehnten Jahrhundert , sondern mein Urgroßvater , der General in venezianischen Diensten . Ich hielt um die Hand meiner Urgroßmutter an , ich drückte mich in dem damals üblichen Kauderwelsch von Deutsch und Französisch aus , und , Ihr mögt mir ' s glauben oder nicht , ich habe den roten Plüsch mit silbernen Litzen , den er zu tragen pflegte , deutlich auf meinem Leibe gefühlt . « » Lieber « , sagte der Arzt mit ungläubigem Gesichte , » transzendentale Dinge so ins Einzelne verfolgen , führt nur zu Phantastereien . « » Ich weiß wohl , daß Ihr gleich wieder skeptisch werdet , wenn Ihr etwas behauptet habt « , versetzte der Domherr . » Aber ich lasse mich dadurch nicht irreführen . Den Verjüngungstrank , von dem Ihr neulich spracht , und den Ihr jetzt ableugnet , muß ich auch noch von Euch herausholen . Kurz , seht mich an : Bin ich mein Urgroßvater oder bin ich es nicht ? « » Domherr « , sagte der Arzt , welcher sich während dieses Gesprächs vor seinem Gaste unbefangen ankleidete , » Ihr seid ein großer Narr . « » Ihr könnt mich gar nicht beleidigen ! « rief der Domherr . » Heimführen wollt Ihr mich , wie man den Bauer nach Hause schickt ; aber es wird Euch nicht gelingen . So gewiß ich in mir die Tatsache erlebt habe , daß der Urgroßvater in mir wirklich fortbesteht , so gewiß werde ich in einem Sohne fortdauern , den ich daher fest entschlossen bin , zu erzeugen . Was soll nun dieses Abschweifen , dieses Ironisieren ? Gestern waren wir ja ganz einverstanden ; geht doch ehrlich mit mir um . « » Kann man sich denn auf Sie verlassen ? « erwiderte der Arzt , indem er begann , sich zu rasieren . » Muß man nicht immer besorgen , daß Sie umschlagen , sobald man glaubt , Sie bei einem Punkte fest zu haben . Seit mehreren Tagen trage ich mich mit einer Idee , Ihre Unsterblichkeit festzustellen , doch , was hilft das ? Sie werden nach Ihrem Kopfe heiraten , höchst unglücklich , vielleicht ein Hahnrei werden , und ohne Ihren Zweck zu erreichen , früh ins Grab sinken . « Der Domherr drang hierauf angelegentlichst in den Arzt , ihm seine Idee zu eröffnen . Dieser ließ sich lange bitten , endlich sagte er ihm , daß Heiraten ältlicher Männer nur dann zum Heile führen könnten , wenn der Gatte die Gattin sich erzöge . Er könne ihm ein schönes durch allerhand Unglück hülflos gewordenes Kind aus guter Familie zuweisen , welches gewiß das Erziehungswerk verlohnen , und mit der Zeit die allein für ihn passende Frau abgeben werde . Als der Domherr nun heftig verlangte , mit diesem Kinde bekanntgemacht zu werden , verwies ihn der Arzt zur Geduld und sagte , er müsse zuerst sich überzeugen , daß er die arme Verlaßne ihm auch sicher anvertrauen könne . Durch seine Reden schimmerte so etwas von fürstlicher Abkunft , wodurch die Einbildungskraft des Domherrn in Feuer und Flammen gesetzt wurde . Ihr Gespräch wurde durch einen Bedienten unterbrochen , welcher die Meldung machte , daß Waffenschmiede und andre Handwerker angekommen seien , die nötigen Zurüstungen zum Turnier ins Werk zu richten . Der Arzt erklärte nun dem Domherrn rundheraus , daß er zuerst das Kampfspiel in Gang bringen helfen müsse , ehe an weitre Unterhandlung über den bewußten Gegenstand zu denken sei . Dieser fügte sich in die Bedingung und ging mit erneuter Tätigkeit an die halbvergeßnen Arbeiten . Nun wurden im Ahnensaale rüstige Schmiede und gewandte Polierer beschäftigt , die Rüstungen zu ordnen , auszubessern und zu putzen , so daß in kurzem alles ein blankes Ansehn gewann . Wo etwas fehlte , wo einem Schwerte , einem Schilde durch leichte Vergoldung nachzuhelfen war , ließ der geschäftige Mann gleich das Nötige besorgen , und da er viel Geschmack besaß , die Kosten nicht schonte , und geschickte Werkmeister unter sich hatte , so konnte er der Herzogin bald eine Sammlung der spiegelhellsten Schutz- und Trutzwaffen vorweisen . Auf einem grünen Platze hinter dem Park , von dem ein gewundner Weg zu der Anhöhe führte , auf welcher der Geistliche Hermann versucht hatte , sollte das Turnier gehalten werden . Der Domherr ließ den Rasen abstechen , Sand anfahren , Schranken und Tribünen aufrichten . Mit Hülfe reichlicher Trinkgelder erhoben sich , zum Erstaunen schnell , zierliche gotische Gerüste , die auf leichten Pfeilern um den reinlichen Plan liefen . Im Innern des Schlosses beschäftigte er fünf fleißige Tapezierer , welche die Fahnen , Behänge , Festons und Pavillone so rasch lieferten , daß man berechnen konnte , mit allen Vorbereitungen wenigstens acht Tage vor dem Geburtsfeste des Herzogs , welches in die Mitte des Junius fiel , fertig zu werden . Unter dem Hammern , Klopfen und Nieten , wovon das Geräusch durch das ganze Schloß schallte , drangen eine Menge Hausierer und Juden ein , welche immer , wie durch Instinkt geleitet , merken , wo es etwas zu handeln geben möchte , Seiltänzer und Taschenspieler meldeten sich , um bei dem ritterlichen Spiele ihre Künste zu zeigen , ein zudringlicher Mensch , der eine kleine Menagerie umherführte , hatte nur mit Mühe abgewiesen werden können . Der Zulauf so vieler fremder Gesichter verursachte einige Hausdiebstähle , welche , obgleich sie unbedeutend waren , der Herzogin die trübsten Stunden machten . Indessen wußte sie sich gegen den weiblichen Besuch , der ihr jetzt fast täglich aus der Nachbarschaft zuteil ward , auf das beste zusammenzunehmen . Diese Damen , welche entweder ihre eigne Sache , oder die ihrer Töchter führten , hätten gern erfahren , wer zur Königin der Minne und Schönheit bestimmt worden sei ? und jede schöpfte aus den freundlichen Mienen und gefälligen Worten der liebenswürdigen Festgeberin beim Abschiede die schönsten Hoffnungen . Während nun der Domherr mit Freigebigkeit jedes Hindernis bezwang , die teuersten Rechnungen genehmigte und doppelten Taglohn anwies , warf die Herzogin immer ängstlichere Blicke auf ihre Nadelgelder , mit welchen sie sehr haushälterisch umzugehn gewohnt war , und die unmöglich für diesen Aufwand zureichen konnten . Kaum bemerkte der Herzog , welcher sonst für alles jetzt taub und blind zu sein schien , an seiner Gemahlin eine Verlegenheit , als er , die Ursache ahnend , dem Arzte eine bedeutende Summe einhändigen ließ , mit der Weisung , dafür Sorge zu tragen , daß sämtliche Rechnungen bis zur Hälfte gekürzt , seiner Gemahlin vorgelegt würden . Der Domherr las in den Abendstunden , wann seine Geschäfte zu Ende waren , viel in Memoiren einer gewissen Gattung , von denen der Vater des Herzogs eine starke Sammlung in der Bibliothek hatte aufstellen lassen . Seine Vermutungen , welcher erlauchten Familie Sprößling ihm anvertraut werden solle , schweiften wild umher . Er suchte bei den Orléans , bei italienischen und russischen Geschlechtern . Endlich fand er es so reizend , ein Kind aus dem bekanntlich nie ganz erloschnen Stamme der Komnenen zu seiner Gattin zu erziehn , daß der Gedanke sich in ihm festsetzte , Flämmchen müsse daher rühren . Denn den Namen hatte ihm der Arzt vertraut , der sonst unerbittlich blieb , und erst nach dem Turnier ihn zu dem Mädchen führen wollte . Dieser schrieb indessen in seinem Denkbuche allerhand Bemerkungen nieder , von denen wir einige hier mitteilen . * » Was ist ein Menschenleben ? Ein Nichts . Jedes Ereignis , welches in der Geschichte Front macht , fährt gleichgültig über deren tausend hin , die alle in unsern Augen ebenso kostbar und wichtig erscheinen müssen , als das einzelne , womit wir uns im Zustande des sogenannten Friedens ängstlich zu schaffen machen . Unter allen Wahrheiten ist die wahrste , daß kein Mensch unentbehrlich ist . Der Arzt stellt sich an , als sei er vom Gegenteil überzeugt . « * » Man wird es müde , Blut und Fleisch , Nerven und Eingeweide zu untersuchen . Was wir von diesen Dingen wissen können , wissen wir so ziemlich , und ich für meine Person teile wenigstens den Eifer meiner Kollegen nicht , zu dem aufgeschichteten Haufen der Tatsächelchen noch das und jenes Sandkörnchen zu fügen . Die einzige interessante Substanz bleibt für mich noch die menschliche Seele . « * » Da gälte es nun , Experimente anzustellen , zu analysieren , zu verbinden . Wie man Blut und andre Flüssigkeiten des Körpers auf den geeigneten Mitteln prüft , so müßte man ein gleiches Verfahren mit den Geistern anstellen , um zu sehen , in welche Bestandteile sie sich zersetzen lassen , was an ihnen wandelbar und was dagegen unbezwinglich erscheint . Freilich verbietet die Moral den Gebrauch der Agenzien und Reagenzien , welche in dieser Sphäre allein wirksam sein möchten . Allein , wie uns niemand darüber Vorwürfe macht , wenn wir , um zu einem wichtigen wissenschaftlichen Aufschlusse zu gelangen , den Schmerz der Tiere nicht achten , so gibt es ja auch wohl unter den Menschen Exemplare , mit denen man allenfalls sich erlauben dürfte , Versuche zu machen . « * » Und dann habe ich bei den Dingen , die mir jetzt durch den Kopf gehn , doch immer eine gute Absicht : Abweichungen im Psychischen wieder auf die Linie der Natur zurückzuführen . Wer kann mich also tadeln ? « * » Was ich von dem Mädchen höre , lege ich mir als Arzt leicht aus . Dennoch bleibt darin etwas Mystisches . Tanz ? Wer hat seine Bedeutung schon ergründet ? Religiöse Tänze . Tanz der Schamanen . « * » Wenn ich den alten Wilhelmi um eine Lappalie verbannt und trauernd sehe , wenn ich den Lärmen um nichts hier im Schlosse höre , wenn ich daran denke , wie der Herzog , ohne Kinder , spart , um nur das Fideikommiß zu vergrößern , welches einmal Gott weiß wem ? zustatten kommt , wenn ich den Krämer von der einen und den Pfaffen von der andern Seite lauern sehe , so ist es mir , als müsse über kurz oder lang etwas Fremdes , Unerwartetes hereinbrechen , wovon jetzt keiner einen Begriff hat . « * » Was hat uns denn nur zusammengeblasen und was hält uns noch beieinander ? « * » Es ist mit den Häusern , den Familien , den Freundschaften zu Ende , man sieht es klar . « * » Wenn ich nur der verruchten Liebe quitt werden könnte ! Daß eine weiße Haut , eine kleine Hand , eine Iris von der und der Farbe , ein seidnes Kleid und ein gesticktes Taschentuch einen vernünftigen Menschen aus der Fassung bringen ! Und es ist keine Sinnlichkeit dabei ; das ist das schlimmste . « Fünftes Kapitel Der Arzt , welcher von Zeit zu Zeit einsame Spazierritte nach Flämmchens Verstecke machte , um sich über ihren Zustand aufzuklären , hatte es dem beharrlichen Andringen des Domherrn endlich doch nicht versagen können , sie wenigstens ihm zu zeigen . Vorher mußte aber der launische Mann eine Verschreibung ausstellen , wodurch er sich anheischig machte , eine bedeutende Summe einzubüßen , wenn er das Mädchen zu sich nähme , und sie dann auf das Geratewohl wieder entließe . Dieses Papier unterschrieb er ohne Zaudern , denn er glaubte fest an die Beständigkeit seiner Entschlüsse , obgleich er , wie wir wissen , darin täglich wechselte . Es war zu Ausgang Mais , und ein wunderschöner Mondabend . Der Arzt hatte vorgeschlagen , zu reiten , jedoch bei seinem Freunde kein Gehör gefunden , welcher die Gefahr der Erkältung vorschützte und anspannen ließ . Jener wunderte sich , daß verschiedne Sachen , die man auf dieser kurzen Fahrt nicht gebrauchte , in den Wagen getragen wurden . Man konnte mit dem Wagen nur bis zu einer gewissen Entfernung von der Hütte der Alten vordringen , und hatte noch eine starke Viertelstunde zu gehn . Der Domherr sagte dem Kutscher etwas ins Ohr , und machte sich dann mit dem Arzte auf den Weg . Dieser erzählte seinem Begleiter , um ihn auf den Anblick , der seiner wartete , vorzubereiten , was er von der Alten gehört hatte . Das Mädchen war nach dem ersten Erstaunen über das Wiederfinden ihrer Zigeunerin in einen sonderbaren Zustand verfallen . In der Einsamkeit zwischen Waldeichen , Klippen und Bachwellen machte sie gewissermaßen zum ersten Male die Bekanntschaft der Natur , und der Eindruck , den diese Gewaltige auf einen halbreifen Geist , der , wie der Arzt sich ausdruckte , eigentlich nur Phantasie war , hervorbrachte , war sehr stark . Sie ging , wie eine Träumende umher , führte Gespräche mit den Bäumen und Steinen , und war dann oft wieder wie erstarrt . Gleichzeitig traten bei ihr gewisse körperliche Erscheinungen ein , die sie sehr angreifen mußten , denn sie begann an Konvulsionen zu leiden , welche die Alte besorgt machten , daß daraus eine Art von Veitstanz entstände . Letztre verschwieg indessen ihrem Beschützer alles dieses , weil sie befürchtete , er möchte ihr das Kind wegnehmen , zu welchem sie , nachdem sie ihm einmal tief in die Augen geschaut , eine unbezwingliche Neigung gefaßt hatte . Sie behandelte ihren Pflegling mit Kräutern und Tränken , und hatte die Freude , ihn bald hergestellt zu sehn . Es entwickelte sich nun etwas an dem Mädchen , was niemand hatte vorausahnen können , nämlich eine Neigung , oder - denn dieses Wort sagt viel zuwenig - eine unwiderstehliche Notwendigkeit , zu tanzen . Als das Mondlicht kam , ging Flämmchen eines Abends fort , und wurde von der Alten , die ihr nachgeschlichen war , auf einer Felsenplatte in den wundersamsten Bewegungen angetroffen . Diese wiederholten sich seitdem alle Abende , und nun , da das Mädchen wieder gesund ward , erhielt erst der Arzt vom Vorgefallenen Kunde . » Es ist « , sagte er , » als habe ihr Organismus alle Schrecken abschütteln , und zugleich ein geheimes Gesetz der Schönheit , welches lange in dem armen verlaßnen Kinde geschlummert , entfalten wollen . « Unter dieser Erzählung waren sie aus dem Dickicht auf einen frei hervorspringenden Hügel getreten . Der Domherr , welcher immer einige Schritte vorausgehabt hatte , stand plötzlich still , und rief mit gedämpfter Stimme : » Was ist das ? « Der Hügel verlief in ein glattes , grades , ziemlich geräumiges Felsenstück . Auf dieser natürlichen Bühne schritt Flämmchen umher , in den Vorbereitungen zu ihrem Tanze begriffen . Die Nacht war taghell , so daß man alles genau sehen konnte , die Entfernung so gering , daß kein Laut verlorenging . Beide Männer drückten sich hinter einen Stamm ; seitwärts zwischen den Kanten eines ausgezackten Gesteins wurde der schwarzbraune Kopf der Alten sichtbar , die , am Boden zusammengekauert , gleichfalls horchte und lauschte . Einen Kranz auf dem Haupte , und einen in jeder Hand haltend , schritt das Mädchen gemessen , fast feierlich , erst rund um die Felsenplatte , als vollziehe sie die Weihe des Orts . Dann in die Mitte sich stellend , wandte sie ihr glänzendes Antlitz gegen den Mond , und begann nun , immer seiner leuchtenden Scheibe zugekehrt , ihren ausdrucksvollen Tanz . Bald neigte sie sich ihm mit zärtlicher Gebärde entgegen , bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn , jetzt hob sie den einen , dann den andern Kranz lockend empor , darauf ließ sie beide sinken , verwechselte sie , warf sie in die Luft , daß sie dort Bogen beschrieben , und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf , während Füße und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten . Der Sinn dieses Tanzes war ein liebliches Gedicht ; der kalte hohe Freund da oben , sollte zur Erde herabgezogen werden , mit welcher er einst in größerer Vertraulichkeit gelebt habe , und auf der jede Sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schöne Liebeszeit sei . Was ihre Bewegungen an diesem Mondscheinmärchen noch dunkel ließen , deuteten Strophen aus , die sie dazwischen absang , und womit sie sich den Takt anzugeben schien . Sie hatten alle ein gewisses Metrum , bestanden aber oft nur aus abgebrochnen Worten , deren Verbindung die Zuhörenden ergänzen mußten . Die Alte gab zuweilen in einer fremden Sprache , welche weder der Arzt , noch der Domherr verstand , eine Art von Refrain zu vernehmen . Der Domherr war wie außer sich . Trotz aller Verkehrtheiten , welche diesem Manne anklebten , mußte man ihm wenigstens einen zarten Sinn für das Schöne , besonders der phantastischen Gattung , zugestehn . Er seufzte , drückte dem Arzte die Hand ; dieser sah , daß Tränen aus seinen Augen flossen . » Ist es nicht « , sagte der Domherr leise , » als sei die alte Fabel wieder jung geworden , und schaue uns Spätlinge mit entzückenden Kindesaugen an ? Was sind unsre Ballette mit ihrer absichtsvollen Lüsternheit gegen dieses einzige Schauspiel ? Hier entbrennt eine Seele , deren Drange nichts Geringeres als das Ganze : Fuß , Hand , Leib , Stimme , genügen kann , zu einem lebendigen Kunstwerke , und spricht das aus , wozu der armen , stummen , gefesselten Natur ewig die Organe mangeln ! Wie danke ich Ihnen , mein Freund , für solchen Anblick ! « Die Bewegungen Flämmchens waren langsamer geworden , die Kränze entfielen ihren Händen , sie sank mit dem Ausdrucke einer angenehmen Ermattung auf einen Stein und schien einzuschlummern . Die Alte kam zwischen den Klippen hervor . » So ruht sie nun , und läßt mit sich machen , was man will « , sagte sie . » Wenn ich sie auf ihre Füße stelle , so geht sie auch , von mir gestützt , und weiß dennoch von nichts . « » Kommen Sie « , sagte der Arzt zum Domherrn . » Es ist in der Tat kühl , und ich spreche heute nicht im Scherz , sondern im Ernst von Erkältungen . « - » Lassen Sie mich bei dem schönen Kinde noch einen Augenblick allein « , versetzte der Domherr . » Ich kann mich an ihr nicht satt sehn , und werde sie in die Hütte nachbringen . « Der Arzt stieg mit der Alten die Klippen hinunter . Unten begegnete ihnen ein Mensch , der sich verirrt zu haben schien , denn er fragte ängstlich und eilig nach dem Wege , der auf den Felsen führe . Erst nachdem er zurechtgewiesen und vorbei war , erkannte der Arzt in ihm den Bedienten des Domherrn . Unten in der Hütte kündigte er der Alten an , daß er Flämmchen wahrscheinlich binnen kurzem von ihr nehmen werde . Auf dieses Wort stand sie wie versteinert , und sah ihn mit starren Augen an . Er redete ihr zu , und wollte sie durch die Nachricht , daß er das Geld , welches er für das Mädchen ihr gegeben , auch nach deren Entfernung noch eine Zeitlang fortzahlen werde , beschwichtigen . Sie aber unterbrach ihn , und rief mit einem herzzerreißenden Tone : » Nehmen Sie mir das Kind nicht ! « » Was soll sie ferner bei dir ? « versetzte er . » Überhaupt , wie kommt es , daß du solchen Anteil an dem unbekannten Mädchen nimmst ? « » Unbekannt ! « rief die Alte . » Ach , sie ist mir nur zu wohl bekannt ! O mein Herr , lassen Sie mir das Kind ! Es wehete ein Sturm , und verwehete die Geschlechter der Erde , man schlief ein unter blühenden Mandelbäumen und erwachte im öden , sandigen Blachfeld . Wißt Ihr , was es heißt , im Grabe gelegen haben , und wieder aufwachen ? O ich könnte Euch Dinge erzählen , vor denen Ihr erschrecken würdet ! Aber durch Nacht und Tod und Finsternis geht der Weg des Fleisches , und es fügt sich alles wieder zusammen , was zueinander gehörte . « Er drang in sie , ihm diese dunkeln Reden zu erklären . Sie antwortete hierauf etwas in der fremden Sprache , welche er schon draußen von ihr vernommen hatte , und sagte dann : » Wollt Ihr , daß ich mein Kleinod hinwerfe , daß Ihr darauf tretet und es zerstört ? Ich glaube daran , damit gut ; meinen Glauben will ich behalten ! « Sie legte den Finger auf den Mund , dann ging sie umher , bewegte die Arme , als wollte sie ein Kind in den Schlaf schaukeln , und summte dazu ein Wiegenlied . Plötzlich fuhr sie empor , rief heftig : » Was ist das ? Wo bleibt sie ? « und eilte aus der Hütte . Verdrießlich über das lange Ausbleiben des Domherrn ging der Arzt in dem düstern , kleinen Raume hin und her , und erwog bei sich , ob es nicht besser sei , alle diese Abenteuer sich selbst zu überlassen , als er von außen einen gellenden Schrei vernahm , und die Alte in die Stube stürzte . » Verruchte ! Treulose ! Ungeheuer ! « schrie sie . » Betrügen wolltet Ihr mich ! Das Feuer des Himmels über Euer schändliches Haupt ! « Die entblößten Brüste , das flatternde , schwarze Haar gaben ihr das Ansehn einer Furie . » Besinne dich ! « rief der Arzt , und faßte ihren Arm . » Was ist geschehn ? « » Der Bösewicht hat sie geraubt ! Ach , ich unglückseliges Weib ! « erwiderte sie jammernd . Bestürzt klomm der Arzt die Felsen empor . Es war richtig . Niemand war auf der Platte zu sehn . Etwas Weißes flatterte zwischen den Steinen . Es war ein beschriebnes Blatt . Er gab sich Mühe , es zu lesen , was aber selbst in dem hellen Mondscheine nicht gelingen wollte . Von unten hörte er die Klagen der Alten , die schauerlich durch die Nacht tönten . Mit Mühe arbeitete er sich auf den beschwerlichen Pfaden nach dem Orte zurück , wo auf gebahnter Straße der Wagen des Domherrn stehngeblieben war . Er war verschwunden . Als er sein Ohr an den Boden legte , meinte er , in weiter Ferne das Geräusch der fortrollenden Räder zu vernehmen . Er mußte sich zur Rückkehr entschließen , und dem kommenden Tage überlassen , was weiter zu tun sei . Als er nach mehreren Stunden ermüdet heimgekommen war , hörte er noch von dem Bedienten zur Vermehrung seiner üblen Laune , daß spät abends Hermann wieder im Schlosse eingetroffen sei . Er las das Blatt . Es enthielt nur wenige Zeilen , wodurch der Domherr ihm bekanntmachte , daß er das Mädchen , welches ihm zur Erziehung bestimmt sei , mit sich nehme , und alles zwischen ihnen Verabredete ausführen werde . Hinzugefügt war die lakonische Bitte , den übereilten Abschied zu entschuldigen , und bei der Herzogin entschuldigen zu helfen . Sechstes Kapitel Hermann wurde von der Fürstin mit unverstellter Freude empfangen . Er mußte berichten , wie es ihm ergangen sei , und beeilte sich , sein neues Verhältnis ihr zu entdecken . Sie fragte ihn , ob er schon die Einwilligung des Oheims habe ? Er versetzte , daß er , diese einzuholen , den Umweg über die Fabriken gemacht , dort jedoch vergebens einige Wochen auf den Oheim gewartet habe , welcher nach England verreist gewesen sei . Endlich habe ein Brief von diesem den Seinigen gemeldet , daß er den Rückweg über die Standesherrschaft nehmen wolle , weil er mit dem Herzoge über die streitige Angelegenheit selbst zu sprechen wünsche . » Darf ich « , sagte er , » wie unbescheidne Bitter zu tun pflegen , aus gewährter Gunst auf vermehrte hoffen , so bleibe ich unter dem Schirme Ihrer Huld , bis der Oheim hier eintrifft . « Sie sprach über verschiedne Dinge mit ihm , erzählte ihm von dem bevorstehenden Feste , und es fiel ihm auf , daß sie seiner Verlobung weiter mit keinem Worte gedachte . Der Herzog , welcher dazukam , begrüßte ihn ebenfalls in seiner herablassenden Weise und sagte dann , indem er ihn näher betrachtete : » Was ist mit Ihnen vorgegangen ? Sie haben einen Zug im Gesicht , den ich sonst nicht an Ihnen wahrgenommen habe , und den ich nur den Bräutigamszug nenne . « » Damit könnte es seine Richtigkeit haben « , versetzte Hermann . » Wirklich ! « rief der Herzog . » Siehst du , Ulrike , daß ich mich in diesem Punkte nie irre . Der Bräutigamszug besteht in einem gedankenvollen Senken der Mundwinkel , auch pflegt damit ein eigner Ausdruck der Lippen und Augen verbunden zu sein . « » Er ist in der Tat verlobt « , sagte die Herzogin . » Dann mag er sich nur Gewichte an Hände und Füße hängen , denn er sieht noch nicht danach aus , als ob er willens sei , Stich zu halten « ; fuhr ihr Gemahl in seinen Scherzen fort , die Hermann mit Verwundrung hörte , da er dergleichen von dem Herzoge nicht gewohnt war . Die Herzogin empfing in diesem Augenblicke die Nachricht von der unvermuteten Abreise des Domherrn . Sie erschrak , dann aber warf sie einen zuversichtlichen Blick auf unsern Freund , und ihr Gemahl sagte , da sie sich hierauf mit etwas andrem beschäftigte , ihm leise ins Ohr : » Sie erscheinen , wie der Spiritus familiaris , immer zur rechten Zeit ; wenn die Not am höchsten , sind Sie am nächsten . Meine Frau würde es ohne Sie nicht zustande gebracht haben , helfen Sie ihr recht treulich , Sie erwerben sich wirklich dadurch ein Verdienst um unsern Stand . « Kaum hatte er sich gefällig entfernt , als Hermann bereits mit einer Menge von Aufträgen für die Anordnung der Festlichkeiten versehen ward . Er mußte , als er sich darangab , dieselben auszurichten , mancher Reden Wilhelmis gedenken , und sagte zu sich selbst : » Sollte es denn wahr sein , daß das Erbübel der privilegierten Stände , der Egoismus , immer noch , wenngleich von angenehmen Formen bedeckt , in alter Stärke fortwuchert ? Um mein persönliches Geschick hat man sich kaum bekümmert , ja , der Herzog fragte nicht einmal nach dem Namen der Braut . « Waren diese Betrachtungen geeignet , in ihm eine verdrießliche Stimmung hervorzurufen , so mußte ihm dagegen die fröhliche Bewegung , welche unter den Arbeitern entstand , als er ihnen ankündigte , daße er nunmehr die Leitung des Ganzen übernehme , wohltun . Die Menschen leisten gern das Mögliche , wenn ihnen gehörig befohlen wird . Sein sichres anstelliges Wesen war den Leuten im Schlosse von sonst her bekannt , sie rühmten den fremden Werkmeistern diese Eigenschaften , und gleich war ein erhöhter Eifer überall sichtbar . Hermann ließ sich die Apparate vorweisen , und besuchte den Turnierplatz . Er fand bald , daß , obgleich vieles getan war , doch noch mehreres nachzuholen übrig blieb . Denn der Domherr hatte in seiner hastigen Manier oft das Nötigste vergessen . So waren unter andrem keine Treppen angebracht worden , auf welchen die Zuschauer zu den Tribünen emporsteigen konnten . Hermann mußte sich daher entschließen , einen Teil des Bretterwerks wieder abbrechen zu lassen , um die nötigen Zugänge zu öffnen . Unter den Hausbeamten , welche bei diesen Zurüstungen mitwirkten , bemerkte er einen Mann von unangenehmen Manieren , dessen Wesen etwas Aufdringliches hatte . Man nannte ihn nur den Amtmann vom Falkenstein . Hermann erfuhr , daß er Kammerdiener bei dem Großvater des jetzt regierenden Herrn gewesen sei , daß er bei jenem und bei dem Vater des Herzogs in Ansehn und Einfluß gestanden habe . Die jetzige Herrschaft , hieß es , dulde ihn , obgleich er ihr nicht genehm sei , weil er für den Mitwisser verfänglicher Geheimnisse gehalten werde , die jedoch der Herzog ihrem eigentlichen Inhalte nach selbst nicht kennen solle . Dieser Mensch , welcher über alles seine spöttischen Bemerkungen machte , faßte Hermann scharf ins Auge , und begegnete ihm darauf mit einer übertriebenen Höflichkeit . Er nannte ihn nur den gnädigen Herrn , und sagte zu den Leuten laut , so daß Hermann es hören mußte , sie möchten ja alles pünktlich tun , was der gnädige Herr befehle . Bei Tafel sah er sich vergebens nach Wilhelmi um . Er fragte seinen Nachbar nach diesem alten Freunde . Der Mann blickte verlegen vor sich hin , und gab ihm ein Zeichen , daß er es zu vermeiden wünsche , über jenen hier Auskunft zu erteilen . Mit dem Arzte hatte er über Flämmchen reden wollen , dieser vermied ihn sichtlich , und setzte sich ein paar Plätze weit von ihm weg . Das Gespräch berührte nur die gleichgültigsten Dinge ; alle schienen mit ihren Gedanken abwesend zu