sehen , da er doch an Deutschen Adelsvorurtheilen etwas hängt ? Und wenn Alles glücklich gehen sollte , so bleibt doch der Schmerz unabwendbar , daß ich den Grafen und die Gräfin verlassen muß , und kann ich es wissen , ob ich nicht gezwungen bin , vielleicht einmal mit dem französischen Heer als Feind wiederzukehren ? Zuerst denke ich , sagte der junge Graf , thun Sie am Besten , Ihre Mutter zu erwarten und dann meinem Oheim Ihr ganzes Vertrauen zu schenken ; seine Welterfahrung und sein edles , liebevolles Gemüth werden Ihre Zukunft am Besten ordnen . Dieser Rath schien dem jungen Franzosen so vernünftig , daß er ihn ohne Einschränkung zu befolgen beschloß und sich vornahm , die Gegenwart in ungetrübter Heiterkeit zu genießen . Er vernahm es ungern , als ihm sein Freund eröffnete , daß er gleich nach dem Feste des Baron Löbau das Schloß zu verlassen gedenke ; indeß tröstete ihn die Versicherung , daß die Abwesenheit nicht von langer Dauer sein würde . Des folgenden Tages , als der junge Graf sich zum Feste des Baron Löbau ankleidete und sein Knabe ihm dabei Hülfe leistete , sagte er diesem : Heute , mein lieber Gustav , leistest Du mir diesen Dienst zum letzten Mal . Wie ! rief der Knabe erschreckt , wollen Sie mich von sich entfernen ; was habe ich gethan , Ihre Unzufriedenheit zu verdienen ? Nichts , mein liebes Kind , erwiederte der junge Graf , aber ich will mir nicht mehr erlauben , Deine Liebe zu mißbrauchen und Dich selbst zu erniedrigen , da die Noth mich nicht mehr dazu zwingt . Er theilte ihm nun alle mit seinem Oheim verabredeten Pläne mit , schrieb ihm vor , wie er sich in der Zukunft zu betragen habe , und händigte ihm mehrere Goldstücke ein , mit dem Auftrage , durch Dübois Beistand sich eine anständige Kleidung dafür zu verschaffen . Der Knabe ging mit dem Golde in der Hand zu Dübois zurück , sobald der junge Graf seiner Hülfe nicht mehr bedurfte ; sein Gefühl war überrascht , seine kühnsten Wünsche auf ein Mal befriedigt , und dieß Glück schien ihm so groß , kam ihm so unerwartet , daß er noch nicht den Muth sich zu freuen finden konnte . Ist Dein Herr schon zur Gesellschaft in den Saal gegangen ? fragte ihn Dübois , als er eingetreten war . Ich habe keinen Herrn mehr , erwiederte der Knabe mit einigem Stolz , der Graf Robert aber ist in dem Saale , und Alle werden gleich zum Baron Löbau fahren . Wie verstehe ich das , fragte der Haushofmeister ; will der junge Graf Dich von sich entfernen ? Ach lieber Herr Dübois ! rief der Knabe und die Thränen flossen ihm über die glühenden Wangen , Alles ist jetzt anders ; mein guter , lieber Herr , doch so darf ich ihn ja nicht mehr nennen , das hat er mir streng verboten , er hat es ja mit Ihrem Grafen verabredet , daß ich wieder auf die gelehrte Schule soll , dann auf die Universität , damit ein rechter Gelehrter aus mir werden kann . Indeß er nach Hause reist in Geschäften , soll ich hier bleiben und in der hiesigen Bibliothek studiren ; wenn er wieder kommt , will er mich selbst nach Breslau auf die gelehrte Schule bringen , und bis dahin soll ich Sie bitten , mir für dieß viele Geld gute Kleider zu verschaffen , damit ich wie sein Freund und Pflegesohn dort erscheinen kann , und ihn , meinen lieben Herrn , den soll ich nie mehr so nennen , sondern Graf Robert , oder meinen Freund und meinen Beschützer . Ich habe es erwartet , mein Sohn , sagte der Haushofmeister , daß Dein Schicksal diese Wendung nehmen würde , und nun , da mein Graf sich mit seinem Verwandten verständigt hat , kann ich für Dich thun , was in meinen Kräften steht , und brauche nicht mehr zu befürchten , Deinen Beschützer dadurch zu beleidigen ; behalte also nur das Geld , mein Söhnchen , es wird Dir auf der gelehrten Schule recht angenehm sein , wenn Du gleich ein hübsches Taschengeld mitbringst , wofür Du Dir manches anschaffen kannst , was Du vielleicht sonst entbehren müßtest , und überlasse es nur mir , Dich mit Wäsche und Kleidern zu versorgen , und ich werde es schon so einrichten , daß sich der junge Graf Deiner nicht zu schämen braucht . Ach lieber Herr Dübois , rief der Knabe , wie gut sind Sie , wie gut sind hier alle Menschen auf dem Schlosse ! Ach ! hätte ich damals wohl hoffen können , daß ich solchen Beistand finden würde , als unser Dorf verbrannt und mein Vater getödtet wurde . Ach , mein guter , lieber Vater ! fuhr er laut weinend fort , jetzt könnte ich ihm nun doch wieder Ehre und Freude machen , wenn er lebte und es sehen könnte , wie nun Alles wieder so gut wird . Ist es nicht traurig , daß ich so einsam in der Welt bin , daß Niemand mit Stolz mehr auf mich blicken wird , wenn ich mich auch noch so sehr anstrenge , kein Vater , keine Mutter , kein Bruder und keine Schwester , Alle sind dahin , Alles ist begraben ! Jetzt , sagte Dübois , gerührt von dem Schmerz des Knaben , mußt Du Deinem Beschützer Ehre zu machen streben . Ach ! erwiederte dieser , der Graf ist so gut , so milde gegen mich , aber er ist ein vornehmer Herr , er wird immer mein Wohlthäter bleiben , es wird ihn auch freuen , wenn ich etwas recht Tüchtiges lerne , weil er glaubt , daß es mir dadurch wohl gehen muß ; aber welche Ehre kann ich ihm bringen ? Welchen Stolz kann er empfinden , wenn er mich betrachtet , wenn ich auch alle Kräfte anstrenge und weit mehr als meine Kameraden leiste ? Wenn Du ein recht großer berühmter Gelehrter wirst , antwortete ihm Dübois , so daß andere Gelehrte einmal Deine Lebensgeschichte schreiben , wenn sie dann berichten , wie Du verloren gewesen wärest und die Welt niemals Deine Kenntnisse zu ihrem Segen hätte benutzen können , wenn nicht der Graf Hohenthal als Dein Beschützer aufgetreten und Dich vom Verderben errettet hätte , so daß die Welt seiner Großmuth die Erhaltung eines ausgezeichneten Geistes verdankt , glaubst Du nicht , daß dann der Graf mit Stolz auf Dich blicken wird , daß Du ihm Ehre machen kannst ? Und dann muß auch gesagt werden , rief der Knabe mit glühenden Wangen , indem er sich in die Arme des Alten warf , wie Herr Dübois für mich gesorgt hat , wie er mich aus der Gemeinschaft mit den Bedienten errettet hat , und alles , alles , was Sie für mich gethan haben , muß erwähnt werden . Mache nur , daß ich es recht bald erlebe , sagte der gute alte Mann , daß mein Name so ehrenvoll genannt wird , dann werde auch ich Dich mit Stolz betrachten ; aber bedenke , daß Du erst noch sehr Viel lernen mußt , ehe wir alle diese Freude haben können . Daran soll es gewiß nicht fehlen , rief der Knabe mit Begeisterung , das werden Sie schon sehen , so lange ich hier bin , wie ich Tag und Nacht studiren will . Er ging auch sogleich , aus der Bibliothek die nöthigen Bücher zu holen , um diesen löblichen Vorsatz auszuführen . Die Gesellschaft des Schlosses Hohenthal legte den Weg zum Baron Löbau in großer Heiterkeit zurück , denn obgleich der Himmel bedeckt war , so war der Tag doch mild , warm , und der Weg führte durch anmuthige Thäler , die von klaren Bächen durchrieselt waren . Der Blick auf die nahen Gebirge gewährte Mannichfaltigkeit , und das Geläute der weidenden Heerden erregte das Gefühl des Friedens ländlicher Einsamkeit . Wenn ich mich auch ein wenig davor fürchte , sagte die Gräfin , einen großen Theil der Nacht für die Freuden der Geselligkeit aufopfern zu müssen , so ist es doch , als Spazierfahrt betrachtet , ein großer Genuß , den Weg durch diese Thäler zu machen . Man gelangte endlich auf Heimburg an , und der Baron Löbau empfing seine Gäste mit sichtbarer Freude . Er hatte befürchtet , da sie später als die übrige Gesellschaft kamen , daß irgend ein Unfall sie überhaupt verhindern würde , ihr Versprechen zu halten , und dieß würde ihm aus vielen Gründen höchst kränkend gewesen sein ; denn erstens hielt er den Grafen für den vornehmsten und reichsten von allen seinen Nachbarn , dann hatte er die Absicht , dessen Fest durch das seinige merklich zu überbieten , und endlich beabsichtigte er noch einen Plan auszuführen , von dem er hoffte , daß er ganz besonders zum Glanze seines Festes beitragen sollte . Die Wolken von übler Laune also , die sich schon auf seiner Stirn gelagert hatten , zerstreuten sich , so wie der Graf mit seiner Gesellschaft den Saal betrat , und er wurde sehr heiter , als die Gräfin und Emilie aufrichtig die schönen Pflanzen und Blumen bewunderten , womit die Säle geschmückt waren ; verdrüßlich wurde er zwar wieder etwas , als einige Tropfen Regen fielen , und trat mit sichtbarer Unruhe auf den Balkon hinaus ; bald aber kehrte er beruhigt zurück , denn der Regen ließ sogleich wieder nach . Seine näheren Bekannten schlugen nun der Gesellschaft einen Spaziergang in den Park vor . Die Damen betrachteten ihre Kleider und wären gern zurück geblieben ; da aber die ganze Gesellschaft aufbrach , mußte man sich fügen . Der Baron führte mit unendlicher Selbstzufriedenheit den Zug an , leitete die Gesellschaft in der That durch anmuthige Anlagen , die wohl befriedigt haben würden , wenn man sie einfach , ohne immer zum Bewundern gezwungen zu werden , hätte besuchen dürfen ; da er selbst aber sich bei einer jeden schönen Aussicht überrascht und entzückt zeigte , und behauptete , daß er sie jetzt zum ersten Male bemerkte , obgleich seine näheren Bekannten diese Ueberraschung schon oft mit ihm getheilt hatten , so wurde das Vergnügen der Gesellschaft sehr vermindert . Auf dem Bache , der den Park durchschlängelte , zeigten sich von Zeit zu Zeit Kähne mit Menschen , die beschäftigt waren zu fischen . Der Baron schalt auf die Freiheit , die sie sich genommen hatten , machte aber gegen seine Gäste die Bemerkung , daß die Unverschämtheit dieser Menschen doch dazu beitrüge , in die Landschaft Leben zu bringen , und daß er sich gern seine Fische stehlen ließe , da dieser Umstand seinen Gästen zufällig den angenehmen Anblick des regen Lebens in den grünen Buchten verschaffte . Die Gäste lobten die Wirkung , die die Fischerkähne machten , und bewunderten die Großmuth des Barons , der sich den Diebstahl um der malerischen Wirkung Willen gefallen lasse . Die Fischer ließen sich mit Ruhe schmälen und brachten , nachdem sie ihr Geschäft vollendet hatten , die Fische in die Küche des Barons , wie es ihnen schon am vergangenen Tage war befohlen worden . Bei der weiteren Fortsetzung des Spaziergangs gerieth der Baron auf einmal außer sich , denn eine Heerde auserlesen schönen Rindviehes weidete an dem Abhange eines Hügels ; er beklagte sich heftig über die Frechheit des Hüters , daß er sich erlaube , die Heerde dorthin zu treiben und seine junge Anpflanzung dadurch zu zerstören . Diejenigen unter den Gästen , die den Baron weniger kannten , hielten seinen Zorn in der That für ernstlich und fürchteten für den Hüter der Heerden ; seine vertrauteren Bekannten aber machten ihn darauf aufmerksam , welche schöne Wirkung die weidende Heerde zwischen den grünen Bäumen mache , und diese Bemerkung beruhigte ihn sichtlich ; er machte nun selbst auf die Schönheit des Viehes aufmerksam , auf den angenehmen Eindruck , den das Geläute der vielen Glocken mache , und unterließ es um so lieber auf die Bitte einiger Freunde , den Hüter rufen zu lassen , um ihn auszuschelten , weil er nicht wissen konnte , ob der nicht in seiner Dummheit den erhaltenen Befehl als Entschuldigung angeführt haben würde . Diese , wie der Baron behauptete , unangenehme Ueberraschung war kaum vorüber , als ein anderer Gegenstand seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm . Man hörte die Töne einer Flöte , die kunstreich genug geblasen wurde , um eine angenehme Wirkung im Freien zu machen , und bald entdeckte man auf einem ziemlich großen Grasplatze weidende Schafe , deren Hüter , ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren , der Virtuose war . Der Baron ließ es sich nicht merken , daß er den jungen Menschen hatte unterrichten lassen , und bewunderte die außerordentliche Gabe der Natur mit allen seinen Gästen . Endlich war Alles erschöpft , womit der Baron überraschen und in Erstaunen setzen zu können glaubte , und er führte seine Gäste nach dem Schlosse zurück . Man konnte wahrnehmen , daß er noch einen Gast erwartete , denn seine Stirn verdüsterte sich , als er bemerkte , daß während des langen Spaziergangs Niemand angekommen sei . Die jungen Leute erwarteten mit Ungeduld den Anfang des Tanzes , aber der Baron suchte dieß zu verschieben und zeigte lieber den Herren in der Gesellschaft noch seine schönen Pferde , die von diesen aufrichtig bewundert wurden . Da nun aber durchaus nichts mehr zu zeigen war , so ließ sich der Anfang des Balles nicht mehr verschieben , und eben wollte der Baron mit verdrüßlicher Miene die nöthigen Befehle deßhalb geben , als noch eine Equipage vorfuhr ; sichtlich erleichtert ging der Baron dem neuen Gaste entgegen , den er für ' s Erste in ein Seitenzimmer führte . Die Gräfin hatte auf diese kleine Unruhe in der Gesellschaft nicht geachtet ; sie hatte ein Gespräch mit einigen Frauen angeknüpft und gab sich mit höflicher Aufmerksamkeit der Unterhaltung hin ; es überraschte sie deßhalb , als der Baron mit der Zierlichkeit der Tage seiner Jugend und mit großer Freundlichkeit , seinen neuen Gast an der Hand , vor ihr stand . Meine theure Gräfin , meine edle Freundin , redete er sie feierlich an . Die Gräfin war aufgestanden , ein zweifelnder Blick ruhte bald auf dem Baron , bald auf dessen Begleiter , und sie beherrschte mit Anstrengung eine große Bewegung der Seele . Lassen Sie den Frieden , der unser Land beglückt , fuhr der Baron fort , auch in die Herzen der Einzelnen dringen ; gönnen Sie mir das große Glück , etwas dazu beizutragen , Geschwister , die so lange getrennt waren , wieder zu vereinigen ; nehmen Sie einen Bruder wieder in Ihrem Herzen auf , und verherrlichen Sie durch eine aufrichtige Versöhnung und eine herzliche Umarmung das Fest des allgemeinen Friedens . Die Gräfin hatte ihren Bruder , den sie so unerwartet nach vielen Jahren wieder erblickte , nicht so gleich erkannt ; ein heftiges Zittern bebte durch alle ihre Glieder und eine dunkle Röthe flammte auf ihren Wangen ; ein Strahl des Zornes traf ihn aus den dunkeln Augen und ein unendlicher Schmerz zuckte um den festgeschlossenen Mund . Als er aber , nachdem der Baron seine Rede geendigt , wirklich mit geöffneten Armen vortrat und die Gräfin an seine Brust drücken wollte , trat diese auf einmal , bleich wie Marmor , einen Schritt zurück , die Lippen bewegten sich , aber kein Ton war vernehmbar ; matt erhob sie abwehrend beide Hände und wäre leblos zu Boden gesunken , wenn nicht St. Julien und der junge Graf , die den Auftritt aus der Ferne beobachtet hatten , hinzugesprungen wären und sie in ihren Armen aufgenommen hätten . Der Baron , der mit Sicherheit eine Umarmung der versöhnten Geschwister erwartete , hatte den Musikanten befohlen , so wie sie die Umarmung bemerkten , einen lang anhaltenden Tusch zu blasen ; als diese nun die Gräfin in St. Juliens Armen sahen , schmetterten Trompetentöne lange und anhaltend durch den Saal . Der Graf war in den Seitenzimmern mit einigen Herren im Gespräch gewesen und kehrte mit ihnen nach dem Saale zurück , um die Ursache des Trompetengetöns zu erfahren . Er sah eben die ohnmächtige Gräfin in ein Nebenzimmer bringen und eilte dieser nach . Nur halb und verworren konnte er die Ursache dieses heftigen Auftritts erfahren ; er drängte den Baron , der sich entschuldigen wollte , unfreundlich zurück . Die Gräfin sah aus wie eine Sterbende ; der Arzt verlangte , sie sollte gleich hier zu Bett gebracht werden . Mit der letzten Anstrengung verweigerte sie dieß und verlangte den Wagen . Der junge Graf eilte sogleich , ihn vorfahren zu lassen , und Alle überstanden mit großer Qual die wenigen Minuten , bis man die Gräfin in den Wagen bringen und den Rückweg nach Schloß Hohenthal antreten konnte . Der Baron Löbau und seine Gäste blieben erstaunt über diese unerwartete Störung zurück , und als man die Sprache wieder fand , vereinigten sich alle Stimmen , die Gräfin höchlich über ihr unversöhnliches Gemüth zu tadeln , obgleich die Klügeren es nicht billigen konnten , daß der Baron diese Versöhnung wie ein Schauspiel , um sein Fest zu verherrlichen , angelegt hatte . Der Bruder der Gräfin sprach wenig und beseufzte nur sein Unglück , wodurch ihm jeder Versuch der Annäherung an seine Schwester seit vielen Jahren mißlungen sei , aber viele der Gegenwärtigen tadelten im Stillen den letzten unschicklichen Versuch . Dem Baron Löbau blieb endlich nichts übrig , als das Fest fortgehen zu lassen . Der Tag begann , aber es war ihm verdrüßlich , daß die besten Tänzer und Tänzerinnen der Gräfin gefolgt waren , denn nicht nur der junge Graf , St. Julien und Emilie hatten das Schloß des Barons verlassen , sondern auch der Obrist Thalheim und dessen Tochter . Indeß bewegte sich die Jugend bald heiter durcheinander , und der Baron würde sich von seiner Verstimmung erholt haben , wenn nicht alle Feuerräder bei dem beabsichtigten Feuerwerke versagt hätten . Ein Schwärmer fuhr unglücklicher Weise in einen Strohhaufen und zündete diesen an , und der Baron vergaß alle Rücksicht für seine Gäste , aus Angst , daß die nah gelegenen Wirthschaftsgebäude in Brand gerathen könnten . Ein vom Himmel herabströmender Regen endigte zwar bald diese Sorge , aber löschte auch zugleich die Illumination aus , die zum Beschlusse das Fest hatte verherrlichen sollen . So vielen Widerwärtigkeiten mußte sein Geist erliegen , und er war selbst froh , als ein Fest nun zu Ende geführt war , von dem er sich so viele Wirkung versprochen , und das doch alle seine Erwartungen getäuscht hatte . Zweiter Theil I Der Graf war mit seiner Familie auf Schloß Hohenthal angekommen , und auch der Obrist Thalheim und seine Tochter waren dem Wagen gefolgt , weil der Zustand der Gräfin Alles beunruhigte . Auf dem Schlosse herrschte bei der unerwarteten Zurückkunft der Herrschaft große Verwirrung , denn die Dienerschaft hatte sich entfernt , um ihre eigenen Vergnügungen aufzusuchen , in der Ueberzeugung , daß sie die Herrschaft erst gegen den Morgen des kommenden Tages zu erwarten hätten ; nur der Haushofmeister war gegenwärtig und der Knabe Gustav , der sich in Studien vertieft hatte . Emilie und Therese entkleideten die Gräfin und brachten sie zu Bette , während der bestürzte Dübois ausschickte , um die weibliche Dienerschaft zusammen zu rufen . Der Graf ging im Saale stumm auf und ab ; ein finsterer Mißmuth ruhte auf seiner Stirn , und weder St. Julien noch der junge Graf wagten das Schweigen zu unterbrechen , denn man sah wohl , daß nicht allein Theilnahme an dem Befinden der Gräfin diesen Mißmuth hervorrief , sondern daß ihn die Oeffentlichkeit des auf Heimburg stattgefundenen Auftritts tief verletzt hatte , und es zeigten sich auf seinem Gesichte Spuren von einem ihm sonst fast völlig fremden Groll , dessen Gegenstand er vielleicht selbst nicht mit Bestimmtheit anzugeben wußte . Als die Gräfin zu Bette gebracht war , ging der Graf in ihr Schlafzimmer zu ihr . Er fand seine Gemahlin sehr entkräftet und den Arzt eifrig beschäftigt , alle Vorkehrungen für die Nacht zu treffen . Er hatte die Medikamente schon bereitet , deren Gebrauch er verordnete ; er gab Dübois hundert Befehle , die dieser mit zitternder Stimme auszurichten versprach , indem er die thränenschweren Augen auf die Gräfin richtete ; er verordnete , Wer die Nacht bei der Kranken wachen sollte , und schärfte es dringend ein , ihn sogleich zu rufen , wenn der mindeste Zufall eintreten sollte . Die Gräfin ließ sich schweigend Alles gefallen , fühlte sich aber sichtlich erleichtert , als der Arzt endlich das Zimmer verließ . Der Graf trat nun an das Bett seiner Gemahlin , und indem er ihre Hand faßte , fragte er mit Theilnahme , ob sie sich besser fühle ? Die dunkeln Augen der Gräfin richteten einen matten , aber forschenden Blick auf den geliebten Mann ; sie las seine Gedanken und seine Gefühle auf der umwölkten Stirn , und sagte mit kaum hörbarer Stimme : Durch Ruhe wird mir besser werden , entziehen Sie mir nur Ihre Liebe nicht . Sie hatte diese Worte mit bebender Stimme gesprochen , und ihre zitternden Lippen drückten einen Kuß auf die Hand des Gatten , die noch in der ihrigen ruhte . Der Graf beugte sich überrascht nieder und küßte die leichenblasse Stirn seiner Gemahlin . Er zog sich , wie sie es wünschte , zurück , damit sie , wo möglich , in Einsamkeit und Stille die zu ihrer Erhaltung so nöthige Ruhe fände . Er konnte St. Julien und seinem Vetter , die seine Zurückkunft mit Aengstlichkeit im Saale erwartet hatten , wenig Tröstliches sagen , und Alle trennten sich von einander und harrten mit peinlicher Unruhe dem kommenden Morgen entgegen . Als der Graf seine Gemahlin verlassen hatte , winkte diese Emilien zu sich und bat sie dafür zu sorgen , daß der Obrist und Therese sich nach Hause begeben möchten , damit nicht der alte Mann die Ruhe der Nacht entbehrte ; und als Emilie zurück kam und ihr die Nachricht brachte , daß der Graf für die Erfüllung ihres Wunsches sorgen würde , bat die Kranke , daß nun auch sie sich zur Ruhe begäbe , vorher aber alle Dienerschaft aus dem Vorzimmer entfernen möge . Du weißt , mein Kind , sagte sie mit mattem Händedruck und hinsterbender Stimme , ich brauche nur Ruhe , um mein Uebel zu besiegen . Emilie versprach Alles , und die Gräfin bat sie noch , die Vorhänge ihres Bettes zuzuziehen , damit weder das Nachtlicht , noch der Strahl des kommenden Morgens ihre Einsamkeit und Ruhe stören möge . Es geschah , wie die Kranke es verlangte , und ihre junge Freundin ging dann und befahl im Namen der Gräfin , daß Jedermann das Vorzimmer verlassen und sich zur Ruhe begeben sollte ; nur Dübois winkte sie leise herbei und bat ihn zu bleiben . Er neigte sich bejahend und zeigte auf einen Armstuhl , in welchem er die Nacht hinbringen wollte . Sie hatte die Thür des Schlafzimmers geöffnet gelassen , damit der Alte während ihrer Abwesenheit auch das leiseste Geräusch hören könnte , und ging nun hinweg , um sich von dem Putze zu befreien , den sie für den Ball angelegt hatte und noch immer an sich trug . Dieß Geschäft war bald abgemacht ; sie kehrte unbemerkt zurück , um auf dem Sopha im Schlafzimmer die Nacht hinzubringen , und rückte leise die Nachtlampe näher , um sich durch Lesen wach zu erhalten . Bald aber wurde ihre Aufmerksamkeit ungetheilt auf die Kranke gerichtet , die , sich nun völlig einsam wähnend , ihrem gepreßten Herzen durch Klagen und Thränen Erleichterung verschaffte . Habe ich nicht Alles , Alles verloren ? hörte sie diese mit leiser , zitternder Stimme zu sich selber sagen . Habe ich nicht das Gräßlichste erlebt ? War ich nicht am Rande des Wahnsinns und in der furchtbaren Verzweiflung , zwangen mich nicht heilige Gefühle , dieses Mannes rettende Hand zu ergreifen ? Und nun ! muß ich nun noch den letzten Halt im Leben , muß ich noch seine Achtung , sein Vertrauen und seine Liebe verlieren ? Und muß ein unwürdiges Gaukelspiel die entsetzlichsten Bilder aus der Vergangenheit hervorrufen , um den so mühsam errungenen scheinbaren Frieden grausam zu zerstören ? Die Klagen gingen in rührende Gebete um Trost über und um Stärkung , um das Rechte thun zu können . Die Worte gingen endlich in einem leisen Schluchzen unter , und nach kurzer Zeit verstummte auch dieses . Emilie näherte sich leise dem Bette und öffnete behutsam den Vorhang ; sie sah , daß die Gräfin aus völliger Entkräftung in Schlummer gesunken war , und hoffte , daß die Ruhe auf jeden Fall wohlthätig auf die Kranke wirken würde . Emilie kehrte nun zu ihrem Buche zurück , aber die fortwährende Stille , die ruhigen , obwohl matten Athemzüge der Gräfin beruhigten nach und nach ihr Gemüth , und die Natur übte ihr Recht aus . Sie empfand nun die Müdigkeit , die sie , durch mancherlei ängstliche Sorgen und Anstrengungen aufgeregt , früher nicht gefühlt hatte ; unwillkührlich lehnte sich ihr Kopf in die Kissen des Sophas zurück , die Augenlieder senkten sich über die glänzenden Augen ; die Gegenwart entschwebte ihren Sinnen und bunte Traumbilder umfingen ihren Geist . Die Gräfin war nach einigen Stunden erwacht und fühlte sich etwas gestärkt ; ein langes , mit Ueberlegungen abwechselndes Gebet ließ einen Entschluß in ihrer Seele reifen , den sie schon oft gefaßt , aber immer nicht den Muth gehabt hatte auszuführen . Sie öffnete die Vorhänge ihres Bettes mit schwacher , zitternder Hand , um zu sehen , ob der Tag schon so weit vorgerückt sei , daß sie ohne große Störung durch ihre Klingel Jemanden herbeirufen könne , und ihre Blicke fielen auf Emilie , die , vom Schlummer geröthet , wie eine junge Rose ruhte und den Strahl des Morgens zu erwarten schien , um alle Pracht der Schönheit zu entfalten . Gerührt betrachtete die Kranke die liebliche Gestalt und erkannte mit Dankbarkeit die Liebe , die sie bestimmt hatte , den Schlaf der Nacht entbehren zu wollen , und lächelte , wie dennoch die Natur diese Liebe überwunden habe und der Schlummer sie mit seinen süßesten Banden umfinge . Emilie , rief sie mit schwacher Stimme und bemerkte , als ihre junge Freundin aus leichtem Schlummer aufsprang , daß auch die Thüre des Schlafzimmers mit Behutsamkeit , ohne Geräusch , halb geöffnet wurde und das greise Haupt des alten Haushofmeisters sich hineinbeugte , dessen treue Augen auf die leidende Herrin mit Liebe und Sorge blickten . Auch Sie , mein guter Dübois , rief die Gräfin , auch Sie haben die Ruhe der Nacht um meinet Willen verloren ? Ich danke Gott für die Gnade , erwiederte der alte Mann , indem die Thränen über seine bleichen Wangen flossen , daß er unsere geliebte Herrin erhalten hat ; was liegt an einigen Stunden Schlaf . Die Gräfin winkte ihn zu sich und sagte gerührt : Versprechen Sie mir jetzt zur Ruhe zu gehen , mir ist um Vieles besser ; Sie müssen es thun , damit ich mich nicht um Ihre Gesundheit ängstige . Der alte Mann küßte die ihm dargebotene Hand der Gräfin mit inniger Ergebenheit und entfernte sich , um die Ruhe zu suchen , weil sie es wünschte . Emilie hatte sich dem Lager der Kranken genähert , und diese sagte nun : Zuerst , mein liebes Kind , schaffe alle Medikamente bei Seite ; Du darfst wohl wissen , daß nicht die Verordnungen des Arztes meine Uebel heilen können , aber wir wollen ihn damit nicht kränken ; sage nur , daß ich Alles , wie er es gewollt , gebraucht habe und ich mich viel besser fühle ; daß ich aber nur ruhen wolle und durchaus Niemanden sprechen , auch ihn nicht , denn ich könnte ein Gespräch mit ihm jetzt nicht wohl ertragen . Als Emilie diesen Wunsch der Gräfin erfüllt hatte und zu deren Lager zurückkehrte , fand sie die Kranke sehr bewegt und blickte erschrocken in das bleiche , mit Thränen bedeckte Gesicht . Kehre Dich nicht an meinen Schmerz , sagte die Gräfin , indem sie mit schwacher Hand ihre junge Freundin zu sich zog , ich habe mir selbst eine Pflicht auferlegt , und ich muß , ich will sie erfüllen , wenn auch mein Herz darüber brechen sollte ; wenigstens werde ich dann in Frieden mit mir selber sterben . Emilie kniete am Bette der Gräfin nieder und küßte die zitternde , magere Hand ihrer mütterlichen Freundin mit heißen Thränen . Die Gräfin streichelte die blonden Locken der Knieenden und sagte : Wir wollen uns nicht erweichen , mein gutes Kind , ich wollte Dich bitten , einen wichtigen Auftrag für mich auszurichten , suche Dich also zu fassen . Emilie erhob sich und stand da , erwartend , was die Gräfin von ihr verlangen würde . Nach einigem Zögern beschrieb ihr diese ein Kästchen , welches sie in ihrem Schreibtische verwahrte , und bat es ihr zu bringen . Emilie fand es bald und kehrte damit zu der Kranken zurück , die eine Feder daran drückte , worauf der Deckel aufsprang , und es ließen sich darin mehrere Papiere und ein kleines Bild bemerken , welches zu Emiliens Erstaunen eine große Aehnlichkeit mit St. Julien hatte . Die Gräfin bedeckte dieses Gemälde sogleich , nahm ein Paket Papiere heraus und ließ den Deckel des Kästchens wieder zufallen , und Niemand würde leicht die verborgene Feder gefunden haben , durch die es die Besitzerin zu öffnen verstand . Die Kranke betrachtete sinnend die Papiere in ihrer Hand und