, weil ich im Geiste Dich ansah , nun haben wir eine Pause gemacht beinah vier Monate , Du hast mir noch nicht geantwortet auf zwei Briefe . Es liegt mir an allem nichts , aber daran liegt mir , daß ich um Dich nicht betrogen werde ; daß mir kein Wort , kein Blick von Dir gestohlen werde , ich hab Dich so lieb , das ist alles , mehr wird nicht in mich gehen , und anders wird man nichts an mir erkennen , und ich denke auch , das ist genug , um mein ganzes Leben den Musen als ein wichtiges Dokument zu hinterlassen ; darum vergeht mir manche Zeit so hart und kalt wie dieser harte Winter , darum blüht ' s wieder und drängt von allen Seiten wieder ins Leben . - Darum hüt ich oft meine Gedanken vor Dir . Diese ganze Zeit konnte ich kein Buch von Dir anrühren . Nein , ich konnte keine Zeile lesen , es war mir zu traurig , daß ich nicht bei Dir sein kann . Ach , die Mutter fehlt mir , die mich beschwichtigte , die mich hart machte gegen mich selber , ihr klares feuriges Auge sah mich durch und durch , ich brauchte ihr nicht zu gestehen , sie wußte alles , ihr feines Ohr hörte bei dem leisesten Klang meiner Stimme , wie es um mich stehe ; o sie hat mir manche Gegengeschichte zu meiner Empfindung erzählt , ohne daß ich sie ihr wörtlich mitteilte , wie oft hat ein freudiges Zurufen von ihr alle Wolken in mir zerteilt , welche freundliche Briefe hat sie mir ins Rheingau geschrieben ; » Tapfer ! « - rief sie mir zu ; » sei tapfer , da sie dich doch nicht für ein echtes Mädchen wollen gelten lassen , und sagen , man könne sich nicht in dich verlieben , so bist du die eine Plage los , sie höflich abzuweisen , so sei denn ein tapferer Soldat , wehr dich dagegen , daß du meinst , du müßtest immer bei ihm sein und ihn bei der Hand halten , wehr dich gegen deine eigne Melancholie , so ist er immer ganz und innigst dein und kein Mensch kann dir ihn rauben . « Solche Zeilen machten mich unendlich glücklich , wahrhaftig ich fand Dich in ihr wieder , wenn ich nach Frankfurt kam , so flog ich zu ihr hin ; wenn ich die Tür aufmachte , wir grüßten uns nicht , es war als ob wir schon mitten im Gespräch seien . Wir zwei waren wohl die einzig lebendigen Menschen in ganz Frankfurt und überall , manchmal küßte sie mich und sprach davon , daß ich in meinem Wesen sie an Dich erinnere , sie habe auch Dein Sorgenbrecher sein müssen . Sie baute auf mein Herz . Man konnte ihr nicht weismachen , daß ich falsch gegen sie sei , sie sagte : » Der ist falsch , der mir meine Lust an ihr verderben will « ; ich war stolz auf ihre Liebe . Wenn Du nun nicht mehr auf der Welt wärst ! Ach , ich würde keine Hand mehr regen . Ach , es regen sich so viel tausend Hoffnungen und wird nichts draus . Wenn ich nur manchmal bei Dir sitzen könnte eine halbe Stunde lang ; - da wird vielleicht auch nichts draus ; mein Freund ! ! - Am 3. Februar In den wenig Wochen , die ich in Landshut zubrachte , hab ich trotz Schnee und Eis nah und ferne Berge bestiegen , da lag mir das ganze Land im blendendsten Gewand vor Augen ; alle Farben vom Winter getötet und vom Schnee begraben , nur mir rötete die Kälte die Wangen ; - wie ein einsames Feuer in der Wüste , so brennt der einzige Blick , der beleuchtet und erkennt , während die ganze Welt schläft . Ich hatte so kurz vorher den Sommer verlassen , so reich beladen mit Frucht . - Wo war ' s doch , wo ich den letzten Berg am Rhein bestieg ? - In Godesberg ; warst Du da auch oft ? - Es war bald Abend , da wir oben waren ; Du wirst Dich noch erinnern , es steht oben ein einziger hoher Turm , und rund auf der Fläche stehen noch die alten Mauern . Die Sonne in großer Pracht senkte einen glühenden Purpur über die Stadt der Heiligen ; der Kölner Dom , an dessen dornigen Zierraten die Nebel wie eine vorüberstreifende Schafherde ihre Flocken hängen ließen , in denen Schein und Widerschein so fein spielten , da sah ich ihn zum letztenmal ; alles war zerflossen in dem ungeheuren Brand , und der kühle ruhige Rhein , den man viele Stunden weit sieht , und die Siebenberge hoch über den Ufergegenden . Im Sommer , in dem leidenschaftlichen Leben und Weben aller Farben , wo die Natur die Sinne als den rührendsten Zauber ihrer Schönheit festhält ; wo der Mensch durch das Mitempfinden selbst schön wird : da ist er sich selbst auch oft wie ein Traum , der vor dem Begriff wie Duft verfliegt . - Das Lebensfeuer in ihm verzehrt alles ; den Gedanken im Gedanken , und bildet sich wieder in allem . Was das Aug erreichen kann , gewinnt er nur , um sich wieder ganz dafür hinzugeben ; und so fühlt man sich frei und keck in den höchsten Felsspitzen , in dem kühnsten Wassersturz , ja mit dem Vogel in der Luft , mit dem man in die Ferne zieht , und höher mit ihm steigt , um früher den Ort der Sehnsucht zu erblicken . Im Winter ist ' s anders , da ruhen die Sinne mit der Natur , nur die Gedanken graben , wie die Arbeiter im Bergwerk , heimlich in der Seele fort . - Darauf hoffe und baue auch ich , lieber Goethe , jetzt , wo ich empfinde , wie öde und mangelhaft es in mir ist : daß die Zeit kommen werde , wo ich Dir mehr sagen und Dich mehr fragen kann . Einmal wird mir doch einleuchten , was ich zu wissen fordere . Das deucht mir der einzige Umgang mit Gott , nämlich die Frage um das Überirdische ; und das scheint mir die einzige Größe des Menschen , diese Antwort zu empfinden , zu genießen . Gewiß ist die Liebe auch eine Frage an Gott , und der Genuß in ihr ist eine Antwort von dem liebenden Gott selbst . 4. Februar Hier im Schloß , welches man die Residenz heißt und siebzehn Höfe hat , ist in einem der Nebengebäude ein kleiner einsamer Hof , in der Mitte desselben steht ein Springbrunnen : Perseus , der die Medusa enthauptet , in Erz von einem Rasenplatz umgeben ; ein Gang von Granitsäulen führt dahin ; Meerweibchen , von Ton und Muscheln gemacht , halten große Becken , in die sie ehemals Wasser spien , Mohrenköpfe schauen aus der Mauer , die Decke und Seiten sind mit Gemälden geziert , die freilich schon zum Teil heruntergefallen sind , unter andern Apoll , der auf seinem Sonnenwagen sich über die Wolken bäumt und seine Schwester Luna im Herunterfahren begrüßt ; der Ort ist sehr einsamlich , selten daß ein Hofbedienter quer durchläuft , die Spatzen hört man schreien , und den kleinen Eidechsen und Wassermäuschen seh ich da oft zu , die im verfallnen Springbrunnen kampieren , es ist dicht hinter der Hofkapelle ; manchmal höre ich am Sonntag da auch das hohe Amt oder die Vesper mit großem Orchester ; Du mußt doch auch wissen , wo Dein Kind ist , wenn ' s recht treu und fleißig an Dich denkt . Adieu , leb recht wohl , ich glaub gewiß , daß ich dieses Jahr zu Dir komme und vielleicht bald , denk an mich , wenn Du Zeit hast , so schreib mir , nur daß ich Dich so fort lieben darf , mehrere von meinen Briefen müssen verlorengegangen sein , denn ich hab vom Rhein aus noch mehrmals an Dich geschrieben . Die Frau bitte ich herzlich zu grüßen , ich weiß nicht , ob eine kleine Schachtel , die ich ihr unter Deiner Adresse schickte , verlorengegangen ist . München , 5. Februar Bettine Meine Adresse ist Landshut bei Savigny . Verehrte Freundin ! Empfangen Sie meinen Dank für die schönen Geschenke , welche ich von Ihnen erhalten habe , es hat mich außerordentlich gefreut , weil ich daraus ersah , daß Sie mir Ihr Wohlwollen fortdauernd erhalten , um das ich noch nicht Gelegenheit hatte , mich verdient zu machen . Ich war nun acht Wochen in Frankfurt , die Ihrigen alle haben mir viel Gutes erzeugt , ich weiß wohl , daß ich dies alles der großen Liebe und Achtung , die man hier für die verstorbene Mutter hegte , zu danken habe ; doch hab ich Ihre Gegenwart sehr vermißt , Sie haben die Mutter sehr geliebt , und ich hatte auch verschiedene Aufträge vom Geheimen Rat an Sie , von denen er glaubte , daß Sie dieselben gerne übernehmen würden ; ich habe nun alles so gut wie möglich selbst besorgt in diesen traurigen Tagen . Alles , was ich von Ihrer Hand unter den Papieren der Mutter fand , hab ich gewissenhaft an die Ihrigen abgegeben ; ich fand es sehr wohlgeordnet mit gelben Band zugebunden und von der Mutter an Sie überschrieben . Sie machen uns Hoffnung auf einen baldigen Besuch , der Geheime Rat und ich sehen diesen schönen Tagen mit Freuden entgegen , nur wünschen wir , daß es bald geschehe , da der Geheime Rat wahrscheinlich in der Mitte des Monat Mai wieder nach Karlsbad gehen wird . Er befindet sich diesen Winter außerordentlich wohl , welches er doch den heilsamen Quellen zu danken hat . Bei meiner Zurückkunft kam er mir ordentlich jünger vor , und gestern , weil große Cour an unserm Hof war , sah ich ihn zum erstenmal mit seinen Orden und Bändern geschmückt , er sah ganz herrlich und stattlich aus , ich konnte ihn gar nicht genug bewundern , mein erster Wunsch war , wenn ihn doch die gute Mutter noch so gesehen hätte ; er lachte über meine große Freude , wir sprachen viel von Ihnen , er trug mir auf , auch in seinem Namen zu danken für alles Gütige und Freundliche , was Sie mir erzeugen , er hat sich vorgenommen , selbst zu schreiben und meine schlechte Feder zu entschuldigen , mit der ich nicht nach Wunsch ausdrücken kann , wie wert mir Ihr Andenken ist , dem ich mich herzlich empfehle . Weimar , am 1. Februar 1809 C.v. Goethe An Bettine Du bist sehr liebenswürdig , gute Bettine , daß Du dem schweigenden Freunde immer einmal wieder ein lebendiges Wort zusprichst , ihm von Deinen Zuständen und von den Lokalitäten , in denen Du umherwandelst , einige Nachricht gibst ; ich vernehme sehr gern , wie Dir zumute ist , und meine Einbildungskraft folgt Dir mit Vergnügen sowohl auf die Bergeshöhen als in die engen Schloß- und Klosterhöfe . Gedenke meiner auch bei den Eidechsen und Salamandern . Eine Danksagung meiner Frau wird bei Dir schon eingelaufen sein , Deine unerwartete Sendung hat unglaubliche Freude gemacht , alles ist einzeln bewundert und hochgeschätzt worden . Nun muß ich Dir auch schnell für die mehreren Briefe danken , die Du mir geschrieben hast , und die mich in meiner Karlsbader Einsamkeit angenehm überraschten , unterhielten und teilweise wiederholt beschäftigten , so waren mir besonders Deine Explosionen über Musik interessant , so nenne ich diese gesteigerten Anschauungen Deines Köpfchens , die zugleich den Vorzug haben , auch den Reiz dafür zu steigern . Damals schickte ich ein Blättchen an Dich meiner Mutter , ich weiß nicht , ob Du es erhalten hast . Diese Gute ist nun von uns gegangen , und ich begreife wohl , wie Frankfurt Dir dadurch verödet ist . - Alles , was Du mitteilen willst über Herz und Sinn der Mutter und über die Liebe , mit der Du es aufzunehmen verstehst , ist mir erfreulich . Es ist das Seltenste und daher wohl auch das Köstlichste zu nennen , wenn eine so gegenseitige Auffassung und Hingebung immer die rechte Wirkung tut ; immer etwas bildet , was dem nächsten Schritt im Leben zugut kommt , wie denn durch eine glückliche Übereinstimmung des Augenblicks gewiß am lebendigsten auf die Zukunft gewirkt ist , und so glaub ich Dir gern , wenn Du mir sagst , welche reiche Lebensquelle Dir in diesem Deinen Eigenheiten sich so willig hingebenden Leben versiegt ist ; auch mir war sie dies , in ihrem Überleben aller anderen Zeugen meiner Jugendjahre bewies sie , daß ihre Natur keiner andern Richtung bedurfte als zu pflegen und zu lieben , was Geschick und Neigung ihr anvertraut hatten ; ich habe in der Zeit nach ihrem Tode viele ihrer Briefe durchlesen und bewundert , wie ihr Geist bis zur spätesten Epoche sein Gepräge nicht verloren . Ihr letzter Brief war ganz erfüllt von dem Guten , was sich zwischen Euch gefunden , und daß ihre späten Jahre , wie sie selbst schreibt , von Deiner Jugend so grün umwachsen seien ; auch in diesem Sinn also wie in allem andern , was Dein lebendiges Herz mir schon gewährt hat , bin ich Dir Dank schuldig . Wilhelm Humboldt hat uns viel von Dir erzählt . Viel , das heißt oft . Er fing immer wieder von Deiner kleinen Person zu reden an , ohne daß er so was recht Eigentliches zu sagen gehabt , woraus wir denn auf ein eignes Interesse schließen konnten . Neulich war ein schlanker Architekt von Kassel hier , auf den Du auch magst Eindruck gemacht haben . Dergleichen Sünden magst Du denn mancherlei auf Dir haben , deswegen Du verurteilt bist . Gichtbrüchige und Lahme zu warten und zu pflegen . Ich hoffe jedoch , das soll nur eine vorübergehende Büßung werden , damit Du Dich des Lebens desto besser und lebhafter mit den Gesunden freuen mögest . Bring nun mit Deiner reichen Liebe alles wieder ins Geleis einer mir so lieb gewordenen Gewohnheit , lasse die Zeit nicht wieder in solchen Lücken verstreichen , lasse von Dir vernehmen , es tut immer seine gute und freundliche Wirkung , wenn auch der Gegenhall nicht bis zu Dir hinüberdringt ; so verzichte ich doch nicht darauf , Dir Beweise ihres Eindruckes zu liefern , an denen Du selbst ermessen magst , ob die Wirkung auf meine Einbildungskraft den Zaubermitteln der Deinigen entspricht . Meine Frau , hör ich , hat Dich eingeladen , das tue ich nicht , und wir haben wohl beide recht . Lebe wohl , grüße freundlich die Freundlichen und bleib mir Bettine . Weimar , den 22. Februar 1809 G. An Goethe Wenn Deine Einbildungskraft geschmeidig genug ist , mich in alle Schlupfwinkel von verfallenem Gemäuer , über Berg und Klüfte zu begleiten , so will ich ' s auch noch wagen , Dich bei mir einzuführen ; ich bitte also : komm , - nur immer höher , - drei Stiegen hoch - hier in mein Zimmer , setz Dich auf den blauen Sessel am grünen Tisch , mir gegenüber ; - ich will Dich nur ansehen , und - Goethe ! - folgt mir Deine Einbildungskraft immer noch ? - Dann mußt Du die unwandelbarste Liebe in meinen Augen erkennen , mußt jetzt liebreich mich in Deine Arme ziehen ; sagen : » So ein treues Kind ist mir beschert , zum Lohn , zum Ersatz für manches . Es ist mir wert dies Kind , ein Schatz ist mir ' s , ein Kleinod , das ich nicht verlieren will . « - Siehst Du ? - Und mußt mich küssen ; denn das ist , was meine Einbildungskraft der Deinigen beschert . Ich führ Dich noch weiter ; - tritt sachte auf in meines Herzens Kammer ; - hier sind wir in der Vorhalle ; - große Stille ! - Kein Humboldt , - kein Architekt , - kein Hund , der bellt . - Du bist nicht fremd ; - geh hin , poch an - es wird allein sein und » herein ! « - Dir rufen . Du wirst ' s auf kühlem , stillem Lager finden , ein freundlich Licht wird Dir entgegenleuchten , alles wird in Ruh und Ordnung sein , und Du willkommen . - - Was ist das ? - Himmel ! - Die Flammen über ihm zusammenschlagend ! - Woher die Feuersbrunst ? - Wer rettet hier ? - Armes Herz ! - Armes notgedrungenes Herz . - Was kann der Verstand hier ? - Der weiß alles besser und kann doch nichts helfen , der läßt die Arme sinken . Kalt und unbedeutend geht das Leben entweder so fort , das nennt man einen gesunden Zustand ; oder wenn es wagt auch nur den einzigen Schritt tiefer ins Gefühl , dann greifen Leidenschaften brennend mit Gewalt es an , so verzehrt sich ' s in sich selber . - Die Augen muß ich zumachen und darf nichts ansehen , was mir lieb ist . Ach ! Die kleinste Erinnerung macht mich ergrimmen in sehnendem Zorn , und drum darf ich auch nicht immer in Gedanken Dir nachgehen , weil ich zornig werde und wild . - Wenn ich die Hände ausstrecke , so ist ' s doch nur nach den leeren Wänden , wenn ich spreche , so ist ' s doch nur in den Wind , und wenn ich endlich Dir schreibe , so empört sich mein eigen Herz , daß ich nicht die leichte Brücke von dreimal Tag und Nacht überfliege und mich in süßester , der Liebe ewig ersehnter Ruhe zu Deinen Füßen lege . Sag , wie bist Du so mild , so reichlich gütig in Deinem lieben Brief ; mitten in dem hartgefrornen Winter sonnige Tage , die mir das Blut warm machen ; - was will ich mehr ? - Ach , so lang ich nicht bei Dir bin , kein Segen . Ach , ich möchte , sooft ich Dir wieder schreibe , auch wieder Dir sagen : wie und warum und alles ; ich möchte Dich hier auf den einzigen Weg leiten , den ich einzig will , damit es einzig sei und ich nur einzig sei , die so Dich liebt und so von Dir erkannt wird . Ob Liebe die größte Leidenschaft sei und ob zu überwinden , versteh ich nicht , bei mir ist sie Willen , mächtiger , unüberwindlicher . Der Unterschied zwischen göttlichem und menschlichem Willen ist nur , daß jener nicht nachgibt und ewig dasselbe will ; unser Wille über jeden Augenblick fragt : » Darf oder soll ich ? « - Der Unterschied ist , daß der göttliche Wille alles verewigt und der menschliche am irdischen scheitert ; das ist aber das große Geheimnis , daß die Liebe himmlischer Wille ist , Allmacht , der nichts versagt ist . Ach , Menschenwitz hat keinen Klang , aber himmlischer Witz , der ist Musik , lustige Energie , dem ist das Irdische zum Spott ; er ist das glänzende Gefieder , mit dem die Seele sich aufschwingt , hoch über die Ansiedelungen irdischer Vorurteile , von da oben herab ist ihr alles Geschick gleich . Wir sagen , das Schicksal walte über uns ? - Wir sind unser eigen Schicksal , wir zerreißen die Fäden , die uns dem Glück verbinden , und knüpfen jene an , die uns unselige Last aufs Herz legen ; eine innere geistige Gestalt will sich durch die äußere weltliche bilden , dieser innere Geist regiert selbst sein eigen Schicksal , wie es zu seiner höheren Organisation erforderlich ist . Du mußt mir ' s nicht verargen , wenn ich ' s nicht deutlicher machen kann , Du weißt alles und verstehst mich und weißt , daß ich recht habe , und freust Dich drüber . Gute Nacht ! - Bis morgen gute Nacht , - alles ist still , schläft ein jeder im Haus , hängt träumend dem nach , was er wachend begehrt , ich aber bin allein wach mit Dir . Draußen auf der Straße kein Laut mehr - ich möchte wohl versichert sein , daß in diesem Augenblick keine Seele mehr an Dich denkt , kein Herz einen Schlag mehr für Dich tut , und ich allein auf der weiten Welt sitze zu Deinen Füßen , das Herz in vollen Schlägen geht auf und ab ; und während alles schläft , bin ich wach , Dein Knie an meine Brust zu drücken , - und Du ? - Die Welt braucht ' s nicht zu wissen , daß Du mir gut bist . Bettine An Goethe München , 3. März 1809 Heut bricht der volle Tag mit seinen Neuigkeiten in meine Einsamkeit herein , wie ein schwer beladener Frachtwagen auf einer leichten Brücke einbricht , die nur für harmlose Spaziergänger gebaut war . Da hilft nichts , man muß Hand anlegen und helfen , alles in Gang bringen ; auf allen Gassen schreit man Krieg , die Bibliothekardiener rennen umher , um ausgeliehene Manuskripte und Bücher wieder einzufordern , denn alles wird eingepackt . Hamberger , ein zweiter Herkules - denn wie jener die Stallungen der zwanzigtausend Rinder , so mistet er die Bibliothek von achtzigtausend Bänden aus und jammert , daß alle geschehene Arbeit umsonst ist . Auch die Galerie soll eingepackt werden ; kurz , die schönen Künste sind in der ärgsten Konsternation . Opern und Musik ist Valet gesagt , der erlauchte Liebhaber der Prima Donna zieht zu Felde ; die Akademie steckt Trauerampeln aus und bedeckt ihr Antlitz , bis der Sturm vorbei , und so wär alles in stiller müder Erwartung des Feindes , der vielleicht gar nicht kommt . Ich bin auch in Gärung , und auch in revolutionärer . - Die Tiroler , mit denen halt ich ' s , das kannst Du denken . Ach , ich bin ' s müde , des Nachbars Flöte oben in der Dachkammer bis in die späte Nacht ihr Stückchen blasen zu hören , die Trommel und die Trompete , die machen das Herz frisch . Ach hätt ich ein Wämslein , Hosen und Hut , ich lief hinüber zu den gradnasigen , gradherzigen Tirolern und ließ ihre schöne grüne Standarte im Winde klatschen . Zur List hab ich große Anlage , wenn ich nur erst drüben wär , ich könnte ihnen gewiß Dienste leisten . Mein Geld ist all fort , ein guter Kerl , ein Mediziner , hat eine List erfunden , es den gefangnen Tirolern , die sehr hart gehalten sind , zuzustecken . Das Gitter vom Gefängnis geht auf einen öden Platz am Wasser , den ganzen Tag waren böse Buben da versammelt , die mit Kot nach ihnen warfen , am Abend gingen wir hin , unterdessen einer neben der Schildwache ausrief : » Ach , was ist das für ein Rauch in der Ferne « , und indem diese sich nach dem Rauch umsah , zeigte der andere den Gefangenen das blinkende Goldstück , wie er es in Papier einwickelte und dann mit Kot eine Kugel draus machte . » Jetzt paß Achtung « , rief er , und warf ' s dem Tiroler zu , so gelang es mehrmals ; die Schildwache freute sich , daß die bösen Jungen so gut treffen konnten . Du kennst vielleicht oder erinnerst Dich doch gesehen zu haben einen Grafen Stadion , Domherr und kaiserlicher Gesandter , von seinen Freunden der schwarze Fritz genannt , er ist mein einziger Freund hier , die Abende , die er frei hat , bringt er gern bei mir zu , da liest er die Zeitung , schreibt Depeschen , hört mir zu , wenn ich was erzähle , wir sprechen auch oft von Dir ; ein Mann von kluger freier Einsicht , von edlem Wesen . Er teilt mir aus seiner Herzens- und Lebensgeschichte merkwürdige Dinge mit , er hat viel aufgeopfert , aber nichts dabei verloren , im Gegenteil ist sein Charakter hierdurch frei geworden von der Steifheit , die doch immer mehr oder weniger den Platz freiwilliger Grazie einnimmt , sobald man mit der Welt in einer nicht unwichtigen Verbindung ist , wo man sich zum Teil auch künstlich verwenden muß ; er ist so ganz einfach wie ein Kind und gibt meinen Launen in meiner Einsamkeit manche Wendung . Sonntags holt er mich ab in seinem Wagen und liest mir in der königlichen Kapelle die Messe ; die Kirche ist meistens ganz leer , außer ein paar alten Leuten . Die stille einsame Kirche ist mir sehr erfreulich , und daß der liebe Freund , von dem ich so manches weiß , was in seinem Herzen bewahrt ist , mir die Hostie erhebt und den Kelch - das freut mich . Ach , ich wollt , ich wüßte ihm auf irgendeine Art ersetzt , was ihm genommen ist . Ach , daß das Entsagen dem Begehren die Waage hält ! - Endlich wird doch der Geist , der durch Schmerzen geläutert ist , über das Alltagsleben hinaus zum Himmel tanzen . Und was wär Weisheit , wenn sie nicht Gewalt brauchte , um sich allein geltend zu machen ? - Jedes Entsagen will sie ja lindernd ersetzen , und sie schmeichelt Dir alle Vorteile ihres Besitzes auf , während Du weinst um das , was sie Dir versagt . Und wie kann uns das Ewige gelingen , als nur wenn wir das Zeitliche dran setzen ? Alles seh ich ein und möchte alle Weisheit dem ersten besten Ablaßkrämer verhandeln , um Absolution für alle Liebesintrigen , die ich mit Dir noch zu haben gedenke . 11. März Ach , wenn mich die Liebe nicht hellsehend machte , so wär ich elend , ich seh die gefrornen Blumen an den Fensterscheiben , den Sonnenstrahl , der sie allmählich schmilzt , und denke mir alles in Deiner Stube , wie Du auf- und niederwandelst , diese gefrornen Landschaften mit Tannenwäldchen und diese Blumenstöcke sinnend betrachtest . - Da erkenne ich so deutlich Deine Züge , und es wird so wahr , daß ich Dich sehen kann ; unterdessen geht die Trommel hier unter dem Fenster von allen Straßen her und ruft die Truppen zusammen . 15. März Staatsangelegenheiten vertraut man mir nicht , aber Herzensangelegenheiten , - gestern abend kam noch der liebe katholische Priester , das Gespräch war ein träumerisch Gelispel früherer Zeiten ; ein feines Geweb , das ein sanfter Hauch wiegt in stiller Luft . » Das Herz erlebt auch einen Sommer « , sagte er , » wir können es dieser heißen Jahreszeit nicht vorenthalten und Gott weiß , daß der Geist reifen muß wie der goldne Weizen , ehe die Sichel ihn schneidet . « 20. März Ich bin begierig , über Liebe sprechen zu hören , die ganze Welt spricht zwar drüber , und in Romanen ist genug ausgebrütet , aber nichts , was ich gern hören will . Als Beweis meiner Aufrichtigkeit bekenne ich Dir : auch im Wilhelm Meister geht mir ' s so , die meisten Menschen ängstigen mich drin , wie wenn ich ein bös Gewissen hätte , da ist es einem nicht geheuer innerlich und äußerlich , - ich möchte zum Wilhelm Meister sagen : » Komm , flüchte Dich mit mir jenseits der Alpen zu den Tirolern , dort wollen wir unser Schwert wetzen und das Lumpenpack von Komödianten vergessen , und alle Deine Liebsten müssen denn mit ihren Prätensionen und höheren Gefühlen eine Weile darben ; wenn wir wiederkommen , so wird die Schminke auf ihren Wangen erbleicht sein , und die flornen Gewande und die feinen Empfindungen werden vor Deinem sonneverbrannten Marsantlitz erschaudern . Ja , wenn etwas noch aus Dir werden soll , so mußt Du Deinen Enthusiasmus an den Krieg setzen , glaub mir , die Mignon wär nicht aus dieser schönen Welt geflüchtet , in der sie ja doch ihr Liebstes zurücklassen mußte , sie hätte gewiß alle Mühseligkeiten des Kriegs mit ausgehalten und auf den rauhen Alpen in den Winterhöhlen übernachtet bei karger Kost , das Freiheitsfeuer hätte auch in ihrem Busen gezündet und frisches , gesünderes Blut durch ihre Adern geleitet . - Ach , willst Du diesem Kind zulieb nicht alle diese Menschen zuhauf verlassen ? - Die Melancholie erfaßt Dich , weil keine Welt da ist , in der Du handeln kannst . - Wenn Du Dich nicht fürchtest vor Menschenblut : - hier unter den Tirolern kannst Du handeln für ein Recht , das ebensogut aus reiner Natur entsprungen ist , wie die Liebe im Herzen der Mignon . - Du bist ' s , Meister , der den Keim dieses zarten Lebens erstickt unter all dem Unkraut , was Dich überwächst . Sag , was sind sie alle gegen den Ernst der Zeit , wo die Wahrheit in ihrer reinen Urgestalt emporsteigt und dem Verderben , was die Lüge angerichtet hat , Trotz bietet ? - O , es ist eine himmlische Wohltat Gottes , an der wir alle gesunden könnten , eine solche Revolution : er läßt abermals und abermals die Seele der Freiheit wieder neugeboren werden . Siehst Du , Meister , wenn Du heute in der sternhellen kalten Nacht Deine Mignon aus ihrem Bettchen holst , in dem sie gestern mit Tränen um Dich eingeschlafen war ; Du sagst ihr : » Sei hurtig und gehe mit , ich will allein mit Dir in die Fremde ziehen « ; o , sie wird ' s verstehen , es wird ihr nicht unglaublich vorkommen , Du tust , was sie längst von Dir verlangte , und was Du unbegreiflich unterlassen hast